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Full text of "Gesammelte Schriften Briefe"

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Walter Benjamin 
Briefe i 

Herausgegeben und mit Anmerkungen 
versehen von Gershom Scholem 
und Theodor W. Adorno 



Suhrkamp Verlag 



edition suhrkamp 930 

Erste Auflage 1978 

© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1966. Printed in Germany-. Alle 

Rechte vorbehalten, insbesondere das der Obersetzung, des offentlichen 

Vortrags und der Obertragung durdi Rundfunk und Fernsehen, audi ein- 

zelner Teile. Druck Nomos Verlagsgesellsdiaft, Baden-Baden,* Gesamtaus- 

stattung "Willy Fleckhaus. 

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VORREDEN DER HERAUSGEBER 



Als ichTheodor Adornovorschlug, gemeinsam eine Samm- 
lung der Brief e Walter Benjamins zu veroffentlichen, dessen 
natiirliche und ungemeineBegabung zum Briefschreiben eine 
der bezauberndsten Facetten seiner Natur war, konnte ich 
davon ausgehen, daB in der ausfuhrlichen Korrespondenz, die 
Benjamin durch 25 Jahremitmir gefiihrt hatte, und in seinen 
Brief en an die Mitglieder des Instituts fur Sozialforschung in 
den Jahren seiner Emigration, vor allem an Max Horkheimer 
und Adorno, ein bedeutender und durchaus charakteristischer 
Grundstock vorlag, um den sich eine solche Auswahl wiirde 
gruppieren konnen. Wir wuBten von anderem Material, das 
erhalten war, Briefen an Florens Christian Rang, Hofmanns- 
thal und den spateren Briefen an Werner Kraft, die uns zu- 
ganglich sein wiirden. Als wir den Plan aufnahmen, konnten 
wir damit rechnen, daB auch anderes sich noch finden wiirde, 
das die Stiirme dieser Jahrzehnte und deren Katastrophen 
iiberstanden hatte. In dieser Erwartung sind wir nicht ge- 
tauscht worden. Benjamin war wohl fast alien, die ihn naher 
gekannt haben, eine viel zu eindrucksvolle und bedeutende 
Erscheinung, als daB sie nicht Schriftliches von ihm ganz 
oder teilweise aufbewahrt hatten, Dazu kam die natiirliche 
Anmut und der Glanz einer noch in der spontanen Mitteilung 
sich niederschlagenden Kraft der Formulierung, die diese 
Briefe den Adressaten kostbar machen muBten. So kamen 
wir dazu, iiber ein, trotz allem, iiberraschend reiches Material 
verfiigen zu konnen, aus dem diese Bande eine Auswahl von 
erheblichem Umfang vorlegen. Durch die, in sich sehr ver- 
schiedenartigen Briefe, an Freunde seiner Jugendjahre und 
an Manner und Frauen, mit denen er spater literarische und 
personliche Beziehungen unterhielt, ergab sich so fur uns die 
gliickliche Situation, eine fast liickenlose Reihe von Briefen 
bringen zu konnen, die sich iiber dreiBig Jahre erstreckt, von 
seinem achtzehnten Geburtstag bis kurz vor seinen Selbst- 
mord auf der Flucht vor den Mordern. Diese Briefe bieten 



eine reiche Dokumentation zu seiner persbnlichen und intel- 
lektuellen Biographie und lassen zugleich das Bild seiner 
Person, das sich uns so unvergeBlich eingepragt hat, auch fur 
den Leser, wie wir hoff en, in genauen Konturen hervortreten. 
Von der „Jugendbewegung" der letzten Jahre vor dem ersten 
Weltkrieg, in der Benjamin an einer besonders sichtbaren 
Stelle, als Hauptmitarbeiter des von Gustav Wyneken her- 
ausgegebenen „Anfang", als Hauptsprecher des Berliner 
„Sprechsaal der Jugend" und als President der Freien Stu- 
dentenschaft an der Universitat Berlin eine bei allem Uber- 
schwang und jugendlicher Unklarheit doch scharf profilierte 
Haltung einnahm, fiihren diese Brief e durch die Jahre vol- 
liger Zuriickgezogenheit, man konnte sagen Verborgenheit, 
hiniiber zu den Jahren seines literarischen und publizistischen 
Wirkens. Sie begleiten seine Auseinandersetzungen mit gro- 
Ben geistigen Bewegungen und Phanomenen dieser Jahre und 
bezeugen eindringlich die Wandlungen seines Genius, vora 
Metaphysiker, der von einer Kommentierung groBer hebra- 
ischer Texte traumte, zum Marxisten, der er in seinen spate- 
ren Jahren sein wollte. * Es ist die Absicht dieser Sammlung, 
den Lebensgang und die Physiognomie eines der tiefsten und 
zugleich ausdrucksmachtigsten Menschen sichtbarzumachen, 
den die Judenheit des deutschen Sprachkreises in der Genera- 
tion vor ihrer Vernichtung hervorgebracht hat. 

Natiirlich ist sehr vieles verloren gegangen. Dazu gehoren 
Benjamins Brief e an seine Eltern und Geschwister Georg 
und Dora, an Kurt Tuchler, Franz Sachs, Gustav Wyneken, 
Fritz Heinle und Georg Barbizon aus der Zeit der Jugend- 
bewegung, an Wolf Heinle, Erich Gutkind, Ernst Bloch und 
Siegfried Kracauer aus der Zeit des ersten Weltkrieges und 
den zwanziger und dreiBiger Jahren. Was Brecht aufbewahrt 
hat, war von uns aus nicht zu ixbersehen. Von Briefen an 
Frauen, die ihm nahestanden, sind die an Grete Cohn-Radt, 
seine erste Verlobte und an Dora Benjamin, seine 1964 ver- 
storbene Frau, vollstandig verloren. DaB seine Freundin Asja 
Lacis, der die „EinbahnstraBe" gewidmet ist, in Riga lebt, 
gelangte erst unmittelbar vorDruckbeginn zu unsererKennt- 
nis. Von denen an Jula Cohn, die Schwester seines Jugend- 

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freundes Alfred Cohn, der er sich Jahre hindurch besonders 
nahe fiihlte, haben sich nur eine Anzahl Brief e aus der Zeit 
nach ihrer Eheschliefiung mit Fritz Radt (1925) erhalten. 
Von Brief en an franzosische Korrespondenten sind zum Bei- 
spiel die an Andre Breton verloren oder nicht auffindbar, und 
nur sehr weniges an franzosische Bekannte ist erhalten oder 
ims zuganglich geworden. Mit Werner Kraft unterhielt Ben- 
jamin zwischen 1915 und 1921 einen zeitweise intensiven 
Briefwechsel, in dem er sich vor allem auch uber literarische 
Fragen ausfuhrlich auBerte, ja er dachte manchmal daran, 
wie er mir damals sagte, sie als Grundlage fur eine Folge von 
„ Brief en zur neuern Literatur" zu verwenden. Diese Brief e 
sind durch besonders ungliickliche Umstande verloren gegan- 
gen, und erst Benjamins Brief e aus der Zeit der Wiederauf- 
nahme ihrer Beziehung in den dreiBiger Jahren sind erhalten. 
Ich mochte hier ein Wort iiber seine Briefe an mich sagen, 
die fur viele Jahre eine Art Ruckgrat der vorliegenden Aus- 
wahl bilden. Ich lernte Walter Benjamin drei Monate nach 
seinem endgiiltigen Bruch mit Wyneken kennen, und meine 
leidenschaftliche Bindung an das Judentum und die Sache 
des Zionismus eroffnete mir den Weg zu seiner Person nicht 
weniger als das intensive Interesse an philosophischen und 
literarischen Dingen, in dem wir uns trafen. Ich war damals 
sehr jung, studierte Mathematik und Hebraisch mit gleicher 
Intensitat und iiberschuttete ihn mit Mitteilungen, Fragen 
und Gedanken, die meine jxidischen Studien, aber auch meine 
jugendliche Auseinandersetzung mit der Mathematik und 
Philosophie betrafen. In unserm Briefwechsel vereinigten 
sich von vornherein sachliche und personliche Interessen, und 
diese Verbindung bestimmt die etwa 300 Briefe, die ich von 
ihm besitze. Da wir meistens nicht am gleichen Orte lebten 
und besonders, seitdem ich 1923 nach Palastina ging, fast 
ausschliefilich auf briefliche Mitteilung angewiesen waren, 
bildeten Briefe in besonders exemplarischer Weise das Medium 
unserer spateren Beziehung, fur das personliches Gesprach 
nur noch zweimal wieder substituiert werden konnte. Wah- 
rend daher in seinen Beziehungen zu anderen Menschen das 
meiste sich im Medium des produktiven Gesprachs und der 



spontanen Miindlichkeit vollzog, muBten die Briefe an mich 
fur alles einstehen, was uns an persbnlichem Zusammensein 
versagt war. Dadurch ist ebenso vieles von seinen Berichten 
und Reflexionen iiber sich selbst erhalten geblieben, was sonst 
wohl verloren ware, wie freilich auch, eben der raumlichen 
Entfernung wegen, vieles doch in diesem Medium nicht zur 
Sprache zu bringen war. Ich bin auch iiberzeugt, daB er sich 
mit demselben kritischen Freimut und derselben ironischen 
Scharfe, mit der er sich iiber andere in Briefen an mich 
geauBert hat, zu andern iiber mich ausgesprochen haben wird. 
Wir wuBten stets, woran wir dabei waren. 

Aus dem uns vorliegenden Material von etwa 600 Briefen 
haben wir mehr als 300 ausgewahlt, die, wie wir glauben, 
sich zu einem Ganzen fugen. Gerade die verschiedene Far- 
bung, ja der verschiedene Tonfall, den diese Briefe, je nach 
der Person der Adressaten, haben, spiegeln den Reichtum 
von Benjamins Personlichkeit, in ihm gemaBen Medien ge- 
brochen, wider. Die Briefe sind zum groBen Teile lang, wie 
das seinem Reflexions- und Mitteilungsbediirfnis seinen 
Freunden gegeniiber entsprach. Kurze Briefe sind oft nur 
technischer Natur und konnten ohne Verlust ausgeschieden 
werden. Bei anderm muBten wir, wo es um minder wichtige 
Mitteilungen oder um Wiederholungen von Dingen ging, 
die in hier vorliegenden Briefen geniigend behandelt sind, 
verzichten. Besonders von den Briefen an mich habe ich, 
schon aus Raumgriinden, vieles zuriickstellen miissen. Aus- 
lassungen in den auf genommenen Briefen wurden stets durch 
Punkte in eckigen Klammern [. . .] sichtbar gemacht. Sie be- 
treffen rein Technisches, Finanzielles, seine Beziehungen zu 
seinen Eltern und personliche AuBerungen iiber Lebende, zu 
deren Mitteilung wir uns nicht befugt hielten. Sachliche 
Kritik an Personen, auch solche ironischen Charakters, haben 
wir aufgenommen; dariiber hinaus schien uns Zuriickhaltung 
geboten. 

In den Anmerkungen haben wir uns auf das Notwendige 
beschrankt. Benjamins Satze in seinem Brief an Ernst Schoen 
vom 19. September 1919 gegen Anmerkungen zu Briefwech- 
seln als einem AderlaB an der Korrespondenz muBten von 

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uns als eine an die Herausgeber gerichtete Warnung auf- 
gefaBt werderi, vorsichtig zu verfahren. Der Erklarung von 
literarisch allgemein Eekanntem haben wir keinen Raum 
gegeben. Bei manchen Stellen, die eine Erklarung verlangt 
hatten, waren die genauen Umstande, die vorausgesetzt wer- 
den, nicht mehr festzustellen. Das gilt vor allem von den 
Brief en bis 1915, bevor ich Benjamin naher kennenlernte. 
Von da an konnte ich fur die nachsten fiinfzehn Jahre auf 
meine eigene, fur die weitere Zeit auf Adornos und meine 
ziemlich prazise Erinnerung sowie auf anderes Schriftliches 
(wie meine Tagebiicher von 1915 bis 1919) zuriickgreifen. 
Vieles hat mir im Lauf der Jahre auch seine Frau, die wah- 
rend des zweitenWeltkrieges und nachher bis zu ihrem Tode 
in London lebte, erzahlt. Fur die Jugendbriefe verdanke ich 
zudem Herbert Belmore (Rom), Franz Sachs (Johannesburg) 
und Jula Radt-Cohn (Naarden, Holland) wertvolle Auskiinf te 
liber Einzelheiten. Leider starb Ernst Schoen, der mit Benja- 
min noch von jenen friihen Jahren her befreundet war, bevor 
die Sammlung des Briefmaterials vorlag und er iiber Details, 
die nur er in der Lage war aufzuklaren, befragt werden 
konnte. 

Das Datum ist in alien Brief en einheitlich an die rechte 
Kopfseite gesetzt worden. Benjamin selbst pflegte es meistens 
links unten neb en seine Unterschrift zu setzen. Die Zeichen- 
setzung des Kommas nach der Anrede haben wir vereinheit- 
licht. Die Interpunktion der Brief e selbst bildete ein schwie- 
riges Problem. Jahre hindurch, vor allem zwischen 1914 und 
1924, hielt sich Benjamin prinzipiell nicht an die „amtliche 
Rechtschreibung" und verfuhr vollig nach seinem Gefiihl, 
das sich besonders gegen den Gebrauch des Kommas in Pri- 
vatbriefen sperrte. Nur wo es sich um mehr oder weniger 
formelle Brief e handelte, benutzte er einigermaBen konven- 
tionelle Interpunktion. Nach 1921 begann er, zuerst sehr zo- 
gernd, dann fortschreitend, der orthographischen Konvention 
sich auch hierin anzupassen. Ich habe daher in den Brief en bis 
1921 nur sehr selten, wo es durch syntaktische Verhaltnisse 
durchaus geboten schien, die Interpunktion verbessert; spater 
haben wir sie starker der Konvention angeglichen. 

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Die Briefe an Benjamin sind bisher so gut wie vollstandig 
verloren, soweit nicht aus seinen allerletzten Jahren Briefe 
Horkheimers und Adornos, die mit der Maschine geschrieben 
waren, in Durchschlagen erhalten geblieben sind. Von den 
hunderten Briefen, die ich an ihn gerichtet habe, besitze ich 
abschriftlich nur noch fiinf. Im Zusammenhang der vorlie- 
genden Verbffentlichung haben wir uns entschlossen, in den 
zweiten Band drei Briefe von mir und zwei von Adorno auf- 
zunehmen und an den jeweiligen Daten einzureihen, weil sie 
fur die zwischen uns und ihm verhandelten theoretischen 
Fragen von besonderem Gewicht schienen, fiir das Verstand- 
nis seiner eigenen Briefe, ja dariiber hinaus seiner Person 
selbst, Wichtiges beizutragen haben und ein Bild von der 
lebendigen Rede und Gegenrede in dieser Korrespondenz 
iiberliefern. AuBerdem habe ich zwei Gedichte von mir, auf 
die in mehreren Briefen Benjamins Bezug genommen wird, 
an den betreffenden Stellen eingeschaltet: ein Gedicht iiber 
das Bild „Angelus Novus" von Paul Klee, nach dem Benja- 
min die von ihm geplante Zeitschrift nennen wollte, sowie 
ein „Lehrgedicht" iiber Kafkas „ProzeB". 

In die Bearbeitung haben wir uns folgendermaBen geteilt 
und tragen dementsprechend die Verantwortung fiir die Ge- 
staltung der Briefe und die Anmerkungen: Ich habe samt- 
liche Briefe bis 1921 sowie die weiteren Briefe an mich, Max 
Rychner, Martin Buber, Alfred Cohn, Jula Radt, Werner 
Kraft, Fritz Li eb, Kitty Steinschneider-Marx und Hannah 
Arendt bearbeitet. Adorno hat die Briefe anFlorens Christian 
Rang, Hofmannsthal, Brecht und Personen aus dem Kreise 
von Brecht, an Karl Thieme, Adrienne Monnier, sowie die 
Briefe an Horkheimer und ihn selbst und seine Frau zu ver- 
antworten. Zu den Anmerkungen des von Adorno bearbei- 
teten Teils trug Rolf Tiedemann Wesentliches bei. Jeder 
von uns hat die von dem andern bearbeiteten Teile gelesen 
und seine Bemerkungen dazu gemacht. 

Ich mochte schlieBlich all denen, die durch Beistellung von 
Briefen zum Zustandekommen dieses Buches geholfen haben, 
den herzlichen Dank der Herausgeber sagen, vor allem Herrn 
Herbert Belmore (Rom), Frau Hansi Schoen (Grafin Johanna 

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Rogendorf* London), Frau Jula Radt-Cohn (Naarden), Frau 
Grete Cohn-Radt (Paris), Herrn Dr. Werner Kraft (Jeru- 
salem), Frau Dr. Kitty Steinschneider (Jerusalem), Professor 
Fritz Lieb (Basel), Frau Susanne Thieme (Lorrach), sowie 
den Erben und NachlaBverwaltungen von Brecht, Hof- 
mannsthal und Rang. Unser warmster Dank gilt dem Suhr- 
kamp Verlag, der unsern Anregungen und Wiinschen bereit- 
willig entgegengekommen ist, und seinem Lektor Walter 
Boehlicb, der uns in vielen Dingen sehr geholfen hat. Die 
Arbeit an der Sammlung des Materials, der Vorbereitung des 
Manuskripts und der Drucklegung hat mehr als vier Jahre 
in Anspruch genommen. Nicht wenige Briefe sind uns erst 
wahrend der Drucklegung, ja noch nach Abschlufl der Fah- 
nenkorrekturen zur Verfiigung gestellt worden. So erscheint 
denn diese Sammlung, die unserm toten Freund ein leben- 
diges Denkmal setzen soil, f iinfundzwanzig Jahre nach seinem 
Tode. 

Jerusalem Gershom Gerhard Scholem 

1 Eingehender iiber Benjamin haben sich Adorno, „Charakteristik 
Walter Benjamins" in „Prismen", und in der Vorrede zu den „Schrif- 
ten"; Scholem, „Walter Benjamin" in der „Neuen Rundschau" 1965, 
S. 1-21, geauflert. 



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II 



Walter Benjamins Person war von Anbeginn derart Medium 
des Werkes, sein Gliick hatte er so sehr an seinem Geist, daB, 
was immer sonst Unmittelbarkeit des Lebens heiBt, gebrochen 
wurde. Ohne daB er asketisch gewesen ware, auch nur in 
seiner Erscheinung so gewirkt hatte, eignete ihm ein fast 
Korperloses. Der seines Ichs machtig war wie wenige, schien 
der eigenen Physis entfremdet. Das ist vielleicht eine der 
Wurzeln der Intention seiner Philosophic, mit rationalen 
Mitteln heimzubringen, was an Erfahrung in der Schizo- 
phrenie sich anmeldet. Wie sein Denken die Antithesis bildet 
zum Personbegriff des Existentialismus, scheint er empirisch, 
trotz extremer Individuation, kaum Person sondern Schau- 
platz der Bewegung des Gehalts, der durch ihn hindurch zur 
Sprache drangte. MiiBig waren Reflexionen iiber den psycho - 
logischen Ursprung jenes Zuges; setzten sie doch jene Nor- 
mal vorstellung vom Lebendigen voraus, die Benjamins Spe- 
culation sprengte und an der das allgemeine Einverstandnis 
desto verstockter festhalt, je weniger das Leben noch eines ist. 
Eine AuBerung von ihm iiber seine eigene Handschrift — er 
war ein guter Graphologe — : sie sei vor allem darauf an- 
gelegt, nichts merken zu lassen, bezeugt zumindest, wie er zu 
sich in dieser Dimension stand, ohne daB er im iibrigen um 
seine Psychologie viel sich gekummert hatte. 

Schwerlich ist es einem anderen gelungen, die eigene Neu- 
rose, wenn es denn eine war, so produktiv zu machen, wie 
ihm. Zum psychoanalytischen Begriff der Neurose gehort die 
Fesselung der Produktivkraft, die Fehlleitung der Energien. 
Nichts dergleichen bei Benjamin. Die Produktivitat des sich 
selbst Entfremdeten ist erklarbar nur dadurch, daB in seiner 
diffizilen subjektiven Reaktionsform ein objektiv Geschicht- 
liches sich niederschlug, das ihn befahigte, sich umzuschaffen 
zum Organ von Objektivitat. Was ihm an Unmittelbarkeit 
mangeln mochte oder was zu verbergen ihm von friih zur 
zweiten Natur muB geworden sein, ist in der vom abstrakten 

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Gesetz der Beziehungen zwischen den Menschen beherrschten 
Welt verloren. Nur urn den Preis des bittersten Sch'merzes 
oder nur unwahr, als tolerierte Natur, darf es sich zeigen. 
Benjamin hat daraus, langst ehe ihm dergleichen Zusam- 
menhange bewuBt waren, die Konsequenz gezogen. In sich 
und seinem Verhaltnis zu anderen setzte er riickhaltlos den 
Primat des Geistes durch, der anstelle von Unmittelbarkeit 
sein Unmittelbares wurde. Seine private Haltung naherte zu- 
weilen dem Ritual sich an. Man wird den EinfluB Stefan 
Georges und seiner Schule, von der ihn philosophisch schon 
in seiner Jugend alles trennte, darin zu suchen haben: er 
lernte von George Schemata des Rituals. In den Brief en reicht 
es bis ins typographische Bild hinein, ja bis in die Wahl des 
Papiers, das fur ihn eine ungemeine Rolle spielte; noch wah- 
rend der Emigrationszeit beschenkte ihn sein Freund Alfred 
Cohn, wie langst, mit einer bestimmten Papiersorte. Die 
ritualen Ziige sind am starksten in der Jugend; erst gegen 
Ende seines Lebens lockerten sie sich, als hatte die Angst vor 
der Katastrophe, vor Schlimmerem als dem Tod, die tief ver- 
grabene Spontaneitat des Ausdrucks erweckt, die er durch 
Mimesis an den Tod bannte. 

Benjamin war ein groBer Briefschreiber; offensichtlich hat 
er passioniert Briefe geschrieben. Trotz der beiden Kriege, 
des Hitlerreichs und der Emigration erhielten sichsehr viele; 
auszuwahlen war schwierig. Der Brief wurde ihm zur Form. 
Die primaren Impulse laBt sie durch, schiebt aber zwischen 
diese und den Adressaten ein Drittes, die Gestaltung des Ge- 
schriebenen gleichwie unterm Gesetz von Objektivation, trotz 
der Anlasse von Ort und Stunde und dank ihrer, als wiirde 
dadurch erst die Regung legitimiert. Wie bei Denkern von 
bedeutender Kraft Einsichten, die aufs treueste ihr Objekt 
treffen, vielfach zugleich solche iiber den Denkenden selbst 
sind, so bei Benjamin: ein Modell dafiir ist die beruhmt ge- 
wordene Formel iiber den alten Goethe als Kanzlisten des 
eigenen Inneren. Solche zweite Natur hatte nichts Posiertes; 
iibrigens hatte er den Vorwurf gleichmiitig hingenommen. 
Der Brief war ihm darum so gemaB, weil er vorweg zur ver- 
mittelten, objektivierten Unmittelbarkeit ermutigt. Briefe 

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schreiben fingiert Lebendiges im Medium des erstarrten 
Worts. Im Brief vermag man die Abgeschiedenheit zu ver- 
leugnen und gleichwohl der Feme, Abgeschiedene zu bleiben. 

Auf das Spezifische des Brief schreibers Benjamin mag ein 
Detail Lictit werfen, das mit Korrespondenz zunachst gar 
nichts zu tun hat. Die Unterhaltung fiihrte einmal auf Un- 
terschiede zwischen dem geschriebenen und dem gesproche- 
nen Wort wie den, dafi man in der lebendigen Konversation, 
aus Humanitat, an sprachlicher Form etwas nachlaBt und des 
bequemeren Perfekts sich bedient, wo grammatisch das Pra- 
teritum gefordert ware. Benjamin, der das feinste Organ fur 
sprachliche Nuancen besaB, machte gegen den Unterschied 
sich sprode und bestritt ihn mit einem gewissen Affekt, so 
als ob eine Wunde beriihrt worden ware. Seine Briefe sind 
Figuren einer redenden Stimme, die schreibt, indem sie 
spricht. 

Fur den Verzicht, der sie tragt, sind aber diese Briefe aufs 
reichste belohnt worden. Das rechtfertigt, sie einem groBen 
Leserkreis zuganglich zu machen. Der das gegenwartige 
Leben wahrhaft an seinem farbigen Abglanz hatte; dem war 
Macht gegeben iiber die Vergangenheit. Die Form des Briefes 
ist anachronistisch und begann es schon zu seinen Lebzeiten 
zu werden; die seinen ficht das nicht an. Bezeichnend, daB er, 
wenn irgend es moglich war, seine Briefe, als langst die 
Schreibmaschine dominierte, mit der Hand zu Papier brachte; 
ebenso bereitete ihm der physische Akt des Schreibens Lust 
- er fertigte gern Exzerpte und Reinschriften an — ,wie ihn 
Abneigung beseelte gegen mechanische Hilf smittel : die Ab- 
handlung iiber das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen 
Reproduzierbarkeit war insofern, wie manches in seiner gei- 
stigen Geschichte, Identifikation mit dem Angreifer. Das 
Briefschreiben meldet einen Anspruch des Individuums an, 
dem es heute so wenig mehr gerecht wird, wie die Welt ihn 
honoriert. Als Benjamin bemerkte, daB man von keinem 
Menschen mehr eine Karikatur machen konne, kam er jenem 
Sachverhalt nahe; auch in der Abhandlung iiber den Erzah- 
ler. In einer gesellschaftlichen Gesamtverfassung, die jeden 
Einzelnen zur Funktion herabsetzt, ist keiner langer legiti- 

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miert, so im Brief von sich selbst zu berichten, als ware er 
noch der unerfaBte Einzelne, wie der Brief es doch sagt: das 
Ich im Brief hat bereits etwas Scheinhaftes. 

Subjektiv aber sind die Menschen, im Zeitalter des Zerfalls 
der Erfahrung, zum Briefs chreiben nicht mehr aufgelegt. 
Einstweilen sieht es aus, als entzoge die Tecbnik den Brief en 
ihre Voraussetzung. Weil Briefe, angesichts der prompteren 
Moglichkeiten der Kommunikation, der Schrumpfung zeit- 
raumlicher Distanzen, nicht mehr notwendig sind, zergeht 
auch ihre Substanz an sich. Benjamin brachte fur sie eine an- 
tiquarische und ungehemmte Begabung mit; ein Vergehen- 
des vermahlte sich ihm mit der Utopie seiner Wiederherstel- 
lung. Was ihn verlockte, Brief e zu schreiben, hing wohl auch 
insofern mit seiner Erfahrungsweise zusammen, als er ge- 
schichtliche Formen - und der Brief ist eine - wie Natur sah, 
die zu entratseln, deren Gebot zu folgen sei. Seine Haltung 
als Briefschreiber neigt sich der des Allegorikers zu: Brief e 
waren ihm naturgeschichtliche Bilder dessen, was Vergangnis 
iiberdauert. Dadurch, daB die seinen eigentlich gar nicht 
ephemeren AuBerungen des Lebendigen gleichen, gewinnen 
sie ihre gegenstandliche Kraft, die zu menschenwurdiger Pra- 
gung und Differenzierung. Noch ruht das Auge, trauernd um 
ihren heraufdammernden Verlust, so geduldig und intensiv 
auf den Dingen, wie es wieder einmal moglich sein imiBte. 
Eine private AuBerung Benjamins fiihrt ins Geheimnis sei- 
ner Brief e: ich interessiere mich nicht fiir Menschen, ich 
interessiere mich nur fiir Dinge. Die Kraft der Negation, die 
davon ausgeht, ist eins mit seiner Produktivkraft. 

Die friihen Briefe sind durchweg an Freunde und Freun- 
dinnen aus der Freideutschen Jugendbewegung gerichtet, 
einer radikalen, von Gustav Wyneken geleiteten Gruppe, 
deren Vorstellungen die Wickersdorfer Freie Schulgemeinde 
am nachsten kam. Auch am „Anfang", 'der Zeitschrift jenes 
Kreises, die 1913—14 viel Aufsehen machte, arbeitete ermaB- 
gebend mit. Paradox, den durch und durch idiosynkratisch 
reagierenden Benjamin in einer solchen Bewegung, iiber- 
haupt in irgendeiner, sich vorzustellen. DaB er so vorbehaltlos 
sich hineinsturzte, die heute dem AuBenstehenden nicht mehr 



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verstandlichen Auseinandersetzungen innerhalb der ,Sprech- 
sale' und alle Beteiligten so ungemein wichtig nahm, war 
wohl ein Kompensationsphanomen. Geschaffen, das Allge- 
meine durchs Extrem des Besonderen, sein Eigenes auszu- 
driicken, litt Benjamin daran so sehr, daB er, gewiB vergeb- 
lich, kramphaft nach Kollektiven suchte; auch noch in seiner 
reifen Zeit. Uberdies teilte er die selbst wiederum allgemeine 
Neigung des jungen Geistes, die Menschen, mit denen er zu- 
nachst zusammentraf , zu iiberschatzen. Die Anspannung zum 
AuBersten, die ihn vom ersten bis zum letzten Tag seiner 
intellektuellen Existenz beseelte, ubertrug er, wie es dem 
reinen Willen ansteht, als ein Selbstverstandliches auf seine 
Freunde. Nicht die geringfiigigste unter seinen schmerzlichen 
Erfahrungen muB gewesen sein, daB nicht nur die meisten 
nicht die Kraft der Elevation haben, auf die er von sich aus 
schloB, sondern jenes Aufierste gar nicht wollen, das er ihnen 
zutraute, weil es das Potential der Menschheit ist. 

Dabei erfuhr er die Jugend, mit der er instandig sich iden- 
tifizierte, und auch sich selbst als Jungen, bereits in der Refle- 
xion. Jungsein wird ihm zu einer Position des BewuBtseins. 
Er war souveran gleichgiiltig gegen den Widerspruch darin; 
daB der Naivetat negiert, welcher sie als Standpunkt bezieht 
und gar eine ,Metaphysik der Jugend' plant. Spater hat Ben- 
jamin, was den Jugendbriefen ihre Signatur verlieh, schwer- 
miitig auf seine Wahrheit gebracht mit dem Satz, er habe 
Ehrfurcht vor der Jugend. Die Kluft zwischen seiner eigenen 
Beschaffenheit und dem Kreis, dem er sich anschloB, scheint 
er versucht zu haben, durch Herrschbediirfnis zu iiberbruk- 
ken; noch wahrend der Arbeit am Barockbuch sagte er ein- 
mal, ein Bild wie das des Konigs habe ihm urspriinglich sehr 
viel bedeutet. Herrische Anwandlungen durchfahren das viel- 
fach Wolkige der Jugendbriefe wie Blitze, die ziinden wollen; 
die Gebarde antizipiert, was spater die geistige Kraft leistet. 
Prototypisch muB fiir ihn gegolten haben, was junge Men- 
schen, etwa Studenten, leicht und gem an den Begabtesten 
unter ihnen tadeln: sie seien arrogant. Solche Arroganz ist 
nicht zu verleugnen. Sie markiert den Unterschied zwischen 
dem, was Menschen obersten geistigen Ranges als ihre Mog- 

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lichkeit wissen, und dem, was sie bereits sind; jenen Unter- 
schied gleichen sie durch ein Verhalten aus, das von auBen 
notwendig AnmaBung diinkt. Der reife Benjamin lieB so 
wenig mehr Arroganz wie Herrschbegierde erkennen. Er war 
von vollkommener, iiberaus anmutiger Hof lichkeit; sie hat 
audi in den Brief en sich dokumentiert. Darin ahnelte er 
Brecht; ohne jene Eigenschaft ware die Freundschaft zwi- 
schen den beiden kaum bestandig gewesen. 

Mit der Scham, die Menschen solchen Anspruchs an sich 
selbst vor der Unzulanglichkeit ihrer Anfange haufig befallt 
— einer Scham, die ihrer friiheren Selbsteinschatzung gleich- 
kommt — , hat Benjamin unter die Periode seiner Teilnahme 
an der Jugendbewegung den SchluBstrich gezogen, als er 
seiner selbst ganz innewurde. Nur mit wenigen, wie Alfred 
Cohn, blieb der Kontakt erhalten. Freilich auch der mit Ernst 
Schoen; die Freundschaft dauerte bis zum Tod. Die unbe- 
schreibliche Vornehmheit und Sensibilitat Schoens muB ihn 
bis ins Innerste betroffen haben; sicherlich war er einer der 
ersten ihm Ebenburtigen, die er kennenlernte. Die wenigen 
Jahre, die Benjamin spater, nach dem Scheitern seiner akade- 
mischen Plane und bis zum Ausbruch des Faschismus, einiger- 
maBen sorgenf rei existieren konnte, hatte er in nicht gerin- 
gem MaB der Solidaritat Schoens zu verdanken, der, als 
Programmleiter des Radios Frankfurt, ihm die Moglichkeit 
dauernder und haufiger Mitarbeit gewahrte. Schoen war 
einer der Menschen, die, tief ihres eigenen Wesens sicher, 
ohne alles Ressentiment zuriickzutreten liebten bis zur Selbst- 
ausloschung; um so mehr AnlaB, seiner zu gedenken, wenn 
vom Personlichen bei Benjamin die Rede ist. 

Entscheidend war, in der Zeit der Emanzipation. auBer der 
Heirat mit Dora Kellner die Freundschaft mit Scholem, der 
ihm geistig gewachsen war; wohl die engste im Leben Benja- 
mins. Dessen Begabung zur Freundschaft glich in vielem der 
s zum Brief schreiben, noch in exzentrischen Ziigen wie der 
Geheimniskramerei, die ihn dazu bewog, soweit es nur an- 
ging, seine Freunde voneinander f ernzuhalten, die dann regel- 
maBig, innerhalb eines notwendig begrenzten Kreises, doch 
einander kennenlernten. Wehrte Benj amin, aus Aversion 

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gegen geisteswissenschaftliche Cliches, den Gedanken einer 
En twicklung seiner Arbeit von sich ab, so zeigt der Unterschied 
der ersten Brief e an Scholem von alien vorhergehenden, neben 
der Kurve des Werkes selbst, wie sehr er sich entwickelte; hier 
plotzlich ist er von aller veranstalteten Superioritat frei. An 
ihre Stelle tritt jene unendlich zarte Ironie, die ihm, trotz des 
seltsam Objektivierten, Unberiihrbaren der Gestalt, ebenso 
im privaten Umgang den auBerordentlichen Reiz verlieh. 
Eines ihrer Element e war, daB der empfindlich Wahlerische 
mit Volkstumlichem, etwa Berliner oder judisch-idiomati- 
schen Redewendungen, spielte. 

Die Briefe seit den friihen zwanziger Jahren sind nicht so 
fern geriickt wie die vor dem Ersten Krieg geschriebenen. In 
ihnen entfaltet Benjamin, sich in liebevollen Berichten und 
Erzahlungen, in prazisen epigrammatischen Formeln, zuwei- 
len auch — nicht gar zu oft — in theoretischen Argumenta- 
tionen; zu ihnen fiihlte er sich gedrangt, wo dem Vielgerei- 
sten groBe raumliche Entfernung die miindliche Diskussion 
mit dem Korrespondenten verwehrte. Die literarischen Bezie- 
hungen sind weit verzweigt. Benjamin war alles andere als 
ein jetzt erst wiederentdeckter Verkannter. Seine Qualitat 
konnte nur dem Neid verborgen bleiben; durch publizistische 
Medien wie die Frankfurter Zeitung und die Literarische 
Welt wurde sie allgemein sichtbar. Erst im Vorfaschismus 
wurde er zuriickgedrangt; noch in den ersten Jahren der Hit- 
lerdiktatur vermochte er, pseudonym, in Deutschland weiter 
manches zu verbffentlichen. Fortschreitend vermitteln die 
Briefe ein Bild nicht nur von ihm, sondern auch vom geistigen 
Klima der Epoche. Die Breite seiner sachlichen und privaten 
Kontakte war von keiner Politik beeintrachtigt. Sie reichte 
von Florens Christian Rang und Hofmannsthal bis Brecht; 
die Komplexion theologischer und gesellschaftlicher Motive 
wird in der Korrespondenz durchsichtig. Vielfach hat er, ohne 
daB sein Eigentumliches dariiber gemindert worden ware, 
den Korrespondenten sich angepaBt ; Formgef iihl und Distanz, 
Konstituentien des Benjaminschen Brief es uberhaupt, treten 
dann in den Dienst einer gewissen Diplomatie. Sie hat etwas 
Riihrendes, vergegenwartigt man sich, wie wenig die zuwei- 

20 



len kunstvoll bedachten Satze ihm tatsachlich das Leben er- 
leichterten ; wie inkommensurabel und unannehmbar er dem 
Bestehenden trotz seiner temporaren Erfolge blieb. 

Erlaubt sei der Hinweis darauf, mit welcher Wiirde und, 
solange es nicht urns nackte Leben ging, mit welcher Gelas- 
senheit Benjamin die Emigration ertrug, obwohl sie ihm 
wahrend der ersten Jahre die armlichsten materiellen Bedin- 
gungen auferlegte, und obwohl er keinen Augenblick sich 
tauschte iiber die Gefahr seines Verbleibs in Frankreich. Um 
des Hauptwerks, der Pariser Passagen willen hat er sie in 
Kauf genommen. Seiner Haltung damals schlug das Unpri- 
vate, fast Apersonale zum Segen an; wie er sich als Instru- 
ment seiner Gedanken, nicht sein Leben als Selbstzweck ver- 
stand, trotz oder gerade wegen des unfafilichen Reichtums an 
Gehalt und Erfahrung, den er verkbrperte^ so hat er sein 
Schicksal nicht als privates Ungliick beklagt. DaB er es in 
seinen objektiven Bedingungen durchschaute, verlieh ihm die 
Kraft, dariiber sich zu erheben; jene Kraft, die ihm noch 
1940, fraglos im Gedanken an seinen Tod, die Formulierung 
der Thesen iiber den Begriff der Geschichte gestattete. 

Nur urns Opfer des Lebendigen wurde Benjamin der Geist, 
der lebte von der Idee des opferlosen Standes. 

Frankfurt Theodor W. Adorno 



21 



BRIEFE 1910-1928 




Paris 1927 













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1 An Herbert Belmore 

[Vaduz], 15.7. 10 1 

Lieber Herbert, 

Warum soil ich Dir nicbt einmal einen Brief schreiben? 
Warum nicht? Das ist leicht zu sagen. Auf so und soviel Post- 
karten habe ich noch keine Zeile Antwort von Dir. Indes in 
meines Herzens unbeschrankter Giite und alldieweil den 
ersten Tag des neuen Lebensjahres ich segnen will durch eine 
gute Tat, so will ich's tun und iiber mich gewinnen und 
schreiben einen piinktlichen, genauen und langen, regelrech- 
ten Schreibebrief. Und also nun zum ersten kiinde ich, daB 
ich auf diesen Brief will Antwort haben, postlagernd auf der 
Post: St. Moritz (Dorf). Denn Sonntag will ich scheiden von 
Vaduz, allwo ich viele schone Zeit verlebt, sei's, daB ich [sic!] 
kiihlen Tale ich spaziert und sei's, daB ich geklettert auf des 
Berges Gipfel. Von hier nun werden meine Fiifie mich, und 
auch vielleicht die rauch'ge Eisenbahn verpflanzen nach 
Ragaz, von wo aus ich in wengen Stunden nach St. Moritz 
reise. Von hier aus herrscht noch Dunkel: Ob vielleicht ich 
nach Italien reise oder auch in kurzem mich zurlick nach 
Deutschland wende. - So die Realien. Was den Geist betrifft, 
so hat er reiche Nahrung heut erhalten zur Feier meines 18 ten 
Geburtstags. Ich wiirde gern Dir davon nahr' berichten, je- 
doch vertragen diese Stoffe nicht den Zwang der strengen 
Rhythmen, die ich iibe. - Und also drangt zum unfreiwillgen 
SchluB mich meiner Dichtkunst technische Beschrankung. 

1 An W. B.s 18. Geburtstag geschrieben. Herbert B. war sein Mit- 
schiiler auf dem Kaiser-Friedrich- Gymnasium in Berlin. 



25 



2 An Herbert Belmore 

St. Moritz, 27. 7. 10 
Lieber Herbert, 

Mit meiner „Romantika" gehts zu Ende. Teils aus Uberfulle 
von Stoff (den ich nicht meistern kann), teils aus Mangel an 
Zeit (die ich nicht habe), teils weil ich Dir eine ganze Menge 
anderes schreiben muB (was ich nicht tue). Also muB ich doch 
die „Romantika" weiterschreiben. Zunachst aber eine redak- 
tionelle und eine geographische Bemerkung. 

1) Ich hoffe, daB Du auch meine iibrigen Brief e und Kar- 
ten (denn Du schreibst - glaub' mir - immer nur von den 
ersten) bekommen hast. Sie waren sammtlich an Deine Privat- 
wohnung adressiert. 

2) Liechtenstein liegt nicht in Osterreich, sondern ist ein 
souveranes Fiirstentumchen und hat nur osterreichische Brief - 
marken. (Porto 5 Pf.) Das kommt jedoch jetzt nicht mehr in 
Betracht, daichinderSchweizbin. Meine Adresse : St. Moritz. 
Hotel Petersburg. Bis cr. Donnerstag, d. 29. bin ich hier. 
(Porto Karte 10, Brief 20 Pf. ttber d. Porto doppelter Brief e 
muBt Du dich bei der Post informieren) 

Also: 

Am Morgen des 17. Juli anno domini 1910 rollte ein 
zweispanniges Fuhrwerk aus dem Dorfchen Vaduz heraus 
iiber die LandstraBe hin, die im Sonnenglanze dalag. In der 
Luft jubelten die Lerchen, der Himmel war blau und die 
Bergspitzen funkelten im Sonnenlichte. Schon lange wird die 
aufmerksame Leserin erraten haben, wer in dem Wagen saB 

— kein anderer uns [sic] unser wohlbekannter Walter. Male- 
risch verdeckte ein gelber Panama zur Halfte sein sonnen- 
gebrauntes Gesicht aus dem hinter den dunklen Brauen zwei 
stahlblaue unverzagte Augen ihre Blitze schossen. - Die auf- 
merksame Leserin, die schon 2-3 Dutzend Romane gelesen 
hat, wird wissen, daB selbiger Walter nach 1— 2stiindiger 
Fahrt sein Ziel (in dies em Falle Balzers in der Nahe der 
Schweizer Grenze) erreichte, daB er seine[n] Schlapphut 

— pardon, Panama — tiefer ins Gesicht driickte, seine Stirn in 

26 



Falten legt'e und in das einsame Wirtshaus an der LandstraBe 
(in diesemFalle: Wirtshaus zurPost) einkehrte. Sie wird wis- 
sen, daB er sich dort nur eine kurze Rast gonnte und bald 
aufbrach um noch vor Abend die feindliche Stadt (in diesem 
Falle: Bad Ragaz) zu erreichen. Was sie aber nicht wissen 
wird ist, daB er zwei Stunden lang in gliihendster Sonne 
gegen den furchterlichsten Fohnwind marschieren muBte, 
bis er sich in einem Gasthaus an der LandstraBe erlaben 
konnte. Kurz: Gegen Abend war er in Ragaz. Hier hatte 
unser Held den Eindruck, daB Ragaz ein schon gelegenes, 
schauerlich odes Fremdenbad ist, das er nur deshalb besuchte, 
weil er die 1 Stunde weit entfernte Tamina-Schlucht besu- 
chen wollte. Dies tat er am folgenden Tage und berichtete 
von dem groBartigen Eindruck den staunenden Genossen 
nach seiner Riickkehr in die Heimatstadt. Seit gestern abend 
ist unser Held in St. Moritz. DaB er wahrend der Fahrt auf 
der groBartigen Albula-Bahn die grauenhaftesten Zahn- 
schmerzen hatte, braucht denen, die ihn und die Tiicke des 
Objekts naher kennen, nicht gesagt zu werden. In St. Moritz 
hat er Boninger noch nicht gesprochen, aber er ist noch hier. 1 
Heute vormittag beobachtete er bei der Kurmusik das Bade- 
leben, aus welcher Beobachtung einige Apercus resultieren, 
die jedoch aus Platzmangel hier keine Stelle finden konnen. - 
Zeitweise macht er immer noch Aphorismen, welche Be- 
schaftigung bei geistzerriittenden Zahnschmerzen angemes- 
sen und zu empfehlen ist. Heut nachmittag wird er hier ins 
Segantini-Museum gehen. Und weil auf diesen Gegenstand 
dieser Stil nicht mehr passen wiirde schlieBt er freudigen 
Herzens diesen Abschnitt der „Romantika" mit der Hoff- 
nung eine „Antiromantika" bald zu erhalten von 

Herbert Bl. 2 

1 Theodor Boninger, Klassenkamerad von W. B. und Herbert B. 1914 
im Kriege gefallen, Sohn eines hohen Beamten, Nichtjude. 

2 Als Unterschrift geschrieben. 



27 



3 An Herbert Belmore 

St. Moritz, 22. 7. 10. 
Lieber Herbert, 

Ich erhebe mich von der Lektiire von: „Mauthner: Die Spra- 
che", welches Buch ich zum Geburtstag auf meinen Wunsch 
bekommen habe, um Dir zu schreiben. Und zwar erhebe ich 
mich freudigen Herzens. Weniger deswegen, weil ich Dir 
schreiben will, als weil ich nicht mehr lesen muB. Es ist 
furchterlich schwer, und ich werde wohl vorlaufig verzichten. 
AuBerdem habe ich von Gurlitt: Die Schule bekommen, von 
Burkhard: Das Theater 1 , von Spitteler die zweibandige (neue) 
Ausgabe des olympischen Friihlings, 2 Bande Storm. Und 
„das zweite Buch der Ernte". Pompos! Unvergleichlich! Die 
Vorrede, wie gewohnlich auf denUmschlaggedrucktbeginnt: 
„Zwei Jahre sammelnder und sichtender Vertiefung haben 
dieses, der Ernte zweites und letztes Buch gezeitigt" Oder so 
ahnlich. Kathe Vesper-Waentig hat ein paar neue Rosenkrin- 
gel gezeichnet; sonst sind die alten drin. Zwei Gedichte von 
Will-Vesper [sic] sind auch wieder drin, iibrigens gut. Sonst 
ist auch manches merkwiirdige dabei: Will Vesper hat u. a. 
fur diese zweite Sammlung (es ist namlich nicht eine Weiter- 
fiihrung nach der Moderne, sondern fangt wieder bei 5000 
v. Chr. an) Eichendorff u. Holderlin entdeckt — zufallig 
gleichzeitig mit mir. Was von Goethe noch nicht im ersten 
Band stand, steht im zweiten. Woraus man zweierlei sieht. 
Erstens, daB Goethe ein genialer Dichter ist, zweitens, daB 
er nicht in eine Anthologie gehort, sondern, daB man sich 
besser seine gesammelten Werke anschafft. In der Zwischen- 
zeit zwischen dem ersten u. zweiten Erntebuch sind - wie Du 
vielleicht weiBt - bei Diederichs die Gedichte des Angelus 
Silesius (mittelalterlicher Dichter) herausgekommen. Selbi- 
ger ist nun plotzlich durch einen merkwiirdigen Zufall auch 
von Will Vesper in „zwei Jahren sammelnder u. sichtender 
Vertiefung" entdeckt worden. Seine Sachen, soweit sie in der 
Ernte abgedruckt sind, sind iibrigens wundervoll, nur keine 
Lyrik. DaB Will Vesper ferner zwei Jahre gebraucht hat, um 

28 



von Nietzsche u. Hoffmannstal [sic] ein paar Gedichte zu 
entdecken, die in alien anderen Sammlungen schon stehen, 
ist traurig. Ferner ist im Gegensatz zum ersten Band auch 
nicht alles, was abgedruckt ist, einwandsfrei. Sonst ist wohl 
— ich habe noch nicht sehr viel gelesen, sondern mehr durch- 
blattert, manches Gute drin. Sehr gut — viel besser als im 
ersten Band, sind diesmal die mittelalterlichen Dichtungen. 

Das ware ein St. Moritzer Literaturbrief. Jetzt kommt ein 
St. Moritzer Naturbrief. - Da kann ich garnichts schreiben. 
Zuerst kam mir manches hier ein bischen zu zivilisiert vor, 
aber wenn man ein paar Schritte von hier entfernt ist, ist 
alles wundervoll. Manchmal frage ich mich, wenn ich so die 
Berge sehe, wozu uberhaupt noch die ganze Kultur da ist, 
aber man denkt doch nicht daran, wie sehr einen gerade die 
Kultur (und sogar t)ber-Kultur) zum NaturgenuB befahigt. 

Gestern hat sich Berlin W hier ein Rendevous [sic] gege- 
ben. Wir (d. h. unsere Familie) haben mit Teddy 2 einen Aus- 
flug gemacht und haben Deine Eltern, Deine Schwester und 
ein fremdes Individuum mit ihnen getroffen. Deine Eltern 
haben mir eine Birne geschenkt. Ich erfuhr zu meinem 
Schrecken, daB all meine Brief e an Dich D einen Eltern hier- 
her nachgeschickt worden sind — kein Wunder, daB ich keine 
Antwort von Dir bekommen habe. Gestern gab mir Dein 
Vater noch eine Karte, die ich von Vaduz an Dich geschrie- 
ben hatte. Das ist sicher eine der merkwiirdigsten Korrespon- 
denzen gewesen, die es gibt. Ist Deinen Eltern librigens durch 
viel Strafporto etwas teuer zu stehen gekommen. 

Ich habe erfahren, daB Du die Aufraumungsarbeiten bei 
Euch zu Hause beaufsichtigst. Ich bemitleide Dich und die 
aufraumenden Leute auf's herzlichste. 

Dein Walter Benjamin. 

* Alles Bande der Sammlung „Die Gesellschaft". 
2 Boninger. 



29 



4 An Herbert Belmore 

Weggis, den 18. 7. 11 

Gliicklicher! Doppelt Glucklicher, 

Namlich 1) der Du schon in Sils-Maria weiltest, als ich in der 
Aula (!) der Kaiser-Friedrich-Schule meine Zensur (IIB) in 
Empfang nehmen durfte. Nochmals Glucklicher, dem es zu 
Gute kommt, daft ich zu faul bin, meine Ansichtspostkarten 
herunterzuholen und der auf diese Weise ein langeres Schrei- 
ben (Brief) erhalt. Ich teile Dir mit: Zuvorderst, daB auch 
ich in der Schweiz bin und zwar heute zum letzten Male in 
Weggis (in dem Hotel [Albana], das mir so freigebig die 
Briefbogen zur Verfugung stellt) morgen aber, soweit der 
sterbliche, reisende Mensch voraussehen kann, in Wengen 
(Berner Oberland). Landschaftliche Schilderungen hiesiger 
Gegend unterlasse ich, denn sie wiirden dem engadinbewoh- 
nenden Reisesnob doch nur ein welkes Lacheln auf den fah- 
len Lippen (sic!),hervorlocken. Daher nur das Pragmatische 
(Exzerpt aus einem noch zu verfassenden Reisetagebuch) : 

Der Vierwaldstatter See ahnelt einem verschobenen Kreuz 
(schreibt Badecker) Dampfer sorgen fiir die Reisenden und 
den Verkehr auf der Wasserflache (sagt Karlchen 1 ) Dieser 
Stil ist ode (sagst Du) Pardon! ... 

Also: :: Der junge Morgen fand mich in Luzern. Es ist der 
groBartigste Badeort, den ich kennengelernt habe (und zwar 
in 3/4 Std.) und ich bin iiberzeugt, daB man in gewissem Al- 
ter, an gewissen Orten (falls es Dich interessiert: an der Kur- 
promenade) keine 100 Schritt gehen kann, ohne sich zu ver- 
loben. Die Alpen sind in dieser Gegend noch auffallend zu- 
riickhaltend. — Mittag aB ich schon in Weggis. (Wie soil sich 
der Mensch auf Reisen anders orientieren als an den fiinf 
(heiligen) Mahlzeiten; da die Stundenmuhle des Berufs ver- 
sagt) In Weggis sind die Alpen schon konkreter. Der Rigi ist 
hoch und hat **. Hier, wie fast uberail waren wir nicht oben. 
Hier, wie fast uberail fiihrt eine Bergbahn hinauf. (Ich glau- 
be kein Land der ganzen Erde ist fiir Lahme und Gebrech- 
liche so bequem, wie die gebirgige Schweiz.) — Heute bin ich 

30 



die schonste Strecke der beruhmten Axen-StraBe am Vier- 
waldstatter 2 See entlang gegangen, die iiber der Gotthard- 
bahn entlang fiihrt und stellenweise in den Felsen gesprengt 
ist. Wundervolle Ausblicke. Man geht an den ganz hohen 
Bergwanden entlang, auf der anderen Seite bewaldete Berge, 
Schneeberge und Gletscher, dazwischen der See mit fortwah- 
rendem, sehr deutlichem Ubergang von Dunkelgriin in blau- 
oder hell-grim; je nach der Sonne. In Fliielen (Ende des Sees) 
ist ein alkoholfreies Restaurant. Meine Tageseinteilung f angt 
urn 9 Uhr an. Der Vormittag vergeht meist auf einer schat- 
tigen Terrasse oder im Hotelpark, traumend mit den Elemen- 
ten der lateinischen Sprache in der Hand (beachte den viel- 
benutzten „poetischen Kontrast" !) oder hochst angeregt mit 
„Der Kultur der Renaissance in Italien" (Burkhardt [sic].) 
Ich habe leider nur den ersten Band mit, da ich nicht einmal 
diesen zu beendigen hoffte. Doch jetzt habe ich ihn bald aus. 
Spannend und oft unglaublich. (Pietro Aretino bekam von 
Karl V und Franz I eine Jahrespension, damit er sie mit 
Spottgedichten verschone.) cf. Bruhn 3 . AuBerdem beendige 
ich allmahlig „Anna Karenina" und ebenso allmahlig aber 
sicher wird mir Tolstoi interessanter als seine Heldin. Dann 
habe ich noch manches Scheme mit, u. a. Kaspar Hauser 4 . 

Zum SchluB gebe ich Dir folgenden guten, wahrschein- 
lich (iberfliissigen Rat. Nach langjahriger Erfahrung bin ich 
mir neulich bewufit geworden, wieviel eigenartiger, vor alien 
Dingen, wie ganz anders die Natur nach Sonnenuntergang 
(3/4 9 bis 1/4 10) aussieht. Schon und seltsam. Also hast Du 
es noch nicht beobachtet, so tu's. Deine Antwort erwarte ich 
Wengen, postlagernd. 

Dein Walter Benjamin 

1 Gemeint ist wohl der damals populare Humorist „Karlchen" [Ett- 
linger]. 

2 Als Rebus gezeichnet: die Ziffer 4, Baume, ein Stadter. 

3 Herausgeber einer Berliner Zeitung, uber der en Gebaren ahnliche 
Geriichte im Unolauf waren. 

4 Wassermanns Roman. 



51 



5 An Herbert Belmore 

Wengen, 19. 7. 1911 

Isis . . . Pythia . . . Demeter, 

Siehe, offen und frei begab sich meine Seele zu Euch, von 
Weggis in den Engadin. Doch sie fand kein liebliches Schwei- 
zerhaus, sondern inmitten der ewigen Gletscher erhob sich 
ein Altar (auf dem Sockel zwar erblickte ich nichts) aber dar- 
unter stand „Isis Moralitas" Und meine Seele legte ihren 
Panzer an und spendete Weihrauch . . . Und begab sich von 
hinnen, schwang sich auf die Jungfrau, und die Jungfrau 
redete f iir sie : 

„Erhabene miitterliche Demeter! meinen GruB zuvor und 
alle schuldige Achtung; denn aus Deiner unendlichen Hohe 
neigst Du Dich und wirkst fur die Mannertracht. 

Aber hore, o miitterliche Demeter! Dein Sang von der Mo- 
ral dringt nur verworren und schal zu mir, und ob er auch 
aus der Feme kommt, so kommt er doch aus der Tiefe. (Und 
in Sils, wo ein Mensch „jenseits von Gut und Bose" dachte 
und schrieb erhebst Du die Gottin die Messingtrompete der 
Moral) 

(Und mehr darf ich Dir nicht sagen, denn die Jungfrau 
spricht fiir mich) 

Die Jungfrau lost das Orakel der Pythia: 

Die Pythia spricht doppelsinnig und wenn sie meint, daB 
die Materie nichts wiegt und der Geist allzuviel, so ist dies 
ein Zeichen, dafi sie die neuere philosophische Terminologie 
nicht beherrscht, denn sie meint, die Materie wiegt noch zu 
viel und des Geistes ist allzuwenig. Wenn die Pythia aber 
meint, das Eine sei erdbeerfarbig, so ist dies erkliirlich, denn 
sie hat eine Binde vor den Augen, und die Farbe ist iiber- 
haupt schwer zu definieren. Anwendbar aber ist dieses Eine, 
und zwar als kunstgewerblicher Entwurf der neuen Secession. 

Dieses also ist das Eine und ich habe es schon bekommen, 
denn die bunte Tafel steckte im Brief. 

Das andere aber ist wirklich unanwendbar, und es ist nur 
loblich und natiirlich, daB die Pythia dariiber schweigt. 

32 



Und ich habe es auch schon bekommen und es ist die an- 
dere Postkarte. So dafi ich Gott und der Pythia danke, wenn 
ich nichts mehr bekomme. 

— Jedoch mein Herz ist weich und der eisige Ton der Jung- 
frau verwirrt es und es steigt hernieder und redet menschlich 
unter Bestien. Denn daB vor allem die Bestie im Menschen 
reist, deB fordere ich zum Zeugnis die Musik, die das berliner 
Opernrepertoire importiert und vermittelt. Zwar im Billard- 
saal vernahm ich sie nicht, sondern da spielte ich Billard und 
habe unter AusschluB der Offentlichkeit meine ersten Balle 
gewagt. - 

Fur die Ausschnitte danke ich, ich habe noch nicht alles 
gelesen. Sehr interessiert hat mich die Kritik des Schaffner- 
schen Aufsatzes. In der Volksbibliothek hatte ich keine Zeit 
mich in dies Labyrinth zu versenken. Einen Punkt Deiner 
Festschrift 1 iibergehe ich absichtlich: ich habe fur dies Gebiet 
zu viele Wiinsche erhalten und bin einigermaBen deprimiert. 

Romantische Schilderungen von Wengen irgendwelcher Art 
vermag ich nicht zu.entwerfen, verstehe mich auch nicht auf 
Postkartenfabrikation aus freier Hand. Namlich ich bin erst 
seit zwei Stunden hier. Im schonen, dichten Regen erblickt 
man die Jungfrau. 

Und nun hat sich mein Rache durst geklihlt und ich schlieBe 
mit einem herzlichen: 

Vergelt's Gott! 
Dein Walter 

1 Offenbar ein Brief zu W. B.s Geburtstag. 



6 An Herbert Belmore 

Wengen, 24. Juli 1911 

Lieber Herbert I 

Die fortwahrenden Bulletins iiber meinen Seelenzustand ver- 
dankst Du weder Deinen see]envollen Erbauungsschriften, 



33 



noch den hamischen Morgengaben an meine Zeitungsmappe 
noch auch den am Rand des verderblichen Abgrunds gepfluck- 
ten getrockneten Alpenblumlein. Sondern einzig meiner 
grauenhaften Vereinsamung. Ernstlich : Ich, dem ein lebhaf - 
terVerkehr (wie ich bei dieser Gelegenheit merke) leider zum 
Bedtirfnis geworden ist, bin hier dermaBen verlassen, daB 
ich fiirchte, interessant zu werden und im Laufe der Zeit 
seelenvolle Augen zu kriegen. Welchem Zustand auch nicht 
eine vom maitre d'hote! veranstaltete Reunion abhelf en 
konnte, weil ich sie namlich nicht besuchte. Da ich nun ande- 
rerseits (abgesehen vielleicht von meinem Bruder 1 ) so ziem- 
lich der einzige „junge Mann" des Hotels bin, so muBte ich 
heute, in einer Unterhaltung, die sich in einiger Entfernung 
von mir abspielte, vernichtende Worte liber die Blasiertheit 
der heutigen Jugend vernehmen. Die Reunion war namlich 
auch sonst schwach besucht. 

Dabei ist sogar ein weiblicher Mensch hier, mit dem eine 
Unterhaltung moglich ware. Jedoch man iBt an kleinen Ti- 
schen! Und so schlage ich mich denn, soweit ich nicht drauBen 
oder tagebuchend am Schreibtisch sitze mit Biichern herum. 
D. h. hauptsachlich mit einem Buch, einem Damon und Aus- 
bund (einem Stuck von einem Buch, wiirde Horazio-Schlegel 
sagen) mit einer Schlange von einem Buch, auf der ich aber 
seit 10 Min. stehe wie weiland St. Georg auf der diesbeziig- 
lichen. Ich habe es aus! Aus habe ich Anna Karenina von 
Graf Leo Tolstoi! Den zweiten Band: 499 Seiten. Und bei 
diesem Buch habe ich es erlebt, daB ich wirklich eine Wut auf 
das blaue, dickbauchige Ungeheuer in Reclamformat faBte, 
das ich taglich auf die Weide fiihrte resp. in den Wald und 
das doch scheinbar immer dicker anstatt magerer in den Stall 
(sc. meine Westentasche) zuriickkam. Besagtes Unbuch nahrt 
sich von russischer Politik. Von der neuen Methode der 
Okonomie, von der Selbstverwaltung, von der Serbenfrage, 
den Semstwos, und noch einigen Dutzend anderen Fragen, 
worunter bes. hervorzuheben die religiose. Und dies alles laBt 
sich der Leser 1000 Seiten lang gef alien in der stillen, leider 
unbegriindeten Vermutung, es gehbre irgendwie zum Schick- 
sal der Anna Karenina. Als dann aber nach 1000 Seiten die 



34 



Heldin tod ist und weitere 100 sich mit neuen Diskussionen 
iiber politische und soziale Angelegenheiten beschaftigen 
(weiBt Du : mit russischen Diskussionen, a la Steinfeld 2 ) als auf 
ebendiesen 100 Seiten eine Handlung beendet wird, die all- 
mahlich und in homerischer Breite aus der Haupthandlung 
hervorkroch, ohne wieder in sie zu miinden, da erfaBt selbst 
den gewissenhaftesten Leser die Begier, 1-20 Seiten zu uber- 
schlagen. Aber ich hielt mannhaft stand. Und am SchluB 
muB ich sagen : So mangelhaft auch die Anlage des Romanes 
ist, so viel im Sinne eines Romans Unnotiges, soviel auch an 
sich UnersprieBliches wieder in den einzelnen Diskussionen 
und Abschweifungen zum Vorschein kommt, so gewaltig ist 
das russische Kultur- und Seelengemalde, das sich scheinbar 
absichtslos vollig organisch aus allem loslost. Kein Seelen- 
gemalde mit unabsehbaren Regionen von Schmutz oder 
wenigstens von Elend und Dumpfheit (vorgebracht in psy- 
chologischer Schilderung) wie doch zum groBen Teil bei den 
modernen Russen. Jedenfalls das nur seiten. Der Roman 
spielt im russischen Adel. Aber schlieBlich liegt doch der 
soziale Zustand und die Seele des Adels und des Bauern klar, 
und von der seelischen Eigenart der ubrigen Bevolkerung 
laBt sich die Hauptsache ahnen. Vielleicht miindlich iiber 
letzteres mehr. Es ist weitlaufig und schwer auszudriicken. 

Schrieb ich Dir schon iiber die „Kultur der Renaissance" ? 
Den ersten Band habe ich zu Ende gelesen, den zweiten nicht 
hier. Es f ehlt mir zum vollen GenuB historisches Wissen ; bei 
Burkhard [sic] vermisse ich eine Darstellung der Griinde 
einer Bewegung, die er selbst fortwahrend als „notwendig" 
hinstellt. Das Buch ist auBerordentlich sachlich. Zu sachlich 
fast fur einen Laien, der hier und da etwas mehr uberschau- 
ende und zusammenfassende Riickblicke wiinschte. Wo sie 
sind, sind sie sehr klar; und aus alien Einzelheiten des 
Buches wird sich doch (besonders fur den, der geschichtliches 
Wissen in groBer Menge hat) ein farbiges Bild ergeben. 

AuBerdem (!) aber habe ich mich auch noch gebildet. 
(Jetzt sehe ich denn doch in erschauernder Achtung Dein 
Haupt sich beugen.) Eine Novelle von Zschokke las ich. „Ein 
Buckliger". Das Riistzeug und Thermometer des Kritikers 

35 



erweist sich als unbrauchbar und er muB ins Gebiet des Per- 
sonlichen hiniibergreifen. Also stelle Dir eine Novelle des 
sanften menschenfreundlichen Korschel 3 vor, und Du wirst 
einen richtigen Eindruck haben. 

Und schlieBlich geniefie ich die unteren Regionen der Zei- 
tungen des In- und Auslandes. Die oberen sollen ja bedroh- 
lich aussehen! Also fern von Marokko vertiefe ich mich in 
„Naturphilosophie" „DasZuchthaus imDiinensande" (Tage- 
blatt) „Die Grenzen der Psychoanalyse" (Frankfurter Zei- 
tung). Wichtige Ecken und heute kam mir in einer der letz- 
ten Nummern der „Neuen Zurcher Zeitung" ein Artikel 
Spittelers liber Poesie und Literatur in die Hand. Der Ge- 
danke, die literatenmaBige Beschaftigung mit der Poesie sei 
ein Hindernis ihrer kraftvollen Entwicklung, ist schon bfter 
in den „lachenden Wahrheiten" angedeutet. Auch aus die- 
sem Artikel spricht eine gewaltige Verbitterung. Anscheinend 
wird der Artikel fortgesetzt und bringt vielleicht dann mehr 
Neues in Beispielen. 

Mit Schr ecken liberblicke ich mein Scriptum und vernehme 
vor dem Forum des Leseabends 4 bereits einen mit freund- 
schaftlichem Lacheln verbramten Vortrag iiber den „Stuben- 
hocker", erwarte auch in Deinem nachsten Schreiben einen 
Wink dariiber, „wie der Aufenthalt in freyer Natur zur 
Niitze des Leibes und Sterkung der Glieder angenehm und 
fruchtsam zu machen sey". 

Also bleibt mir nichts weiter iibrig, als eine groBangelegte 
Schilderung abenteuerlicherFahrten und Bergbeklimmungen 
zu entwerfen. (Falls ich nicht etwa Nachrichten iiber verhee- 
rende Gewitterregen sende, die durch die Wetterberichte ent- 
larvt werden konnten.) 

Zugestanden! Das Wetter .ist schon. Bei schonem Wetter 
also ein steiler (!!) Abstieg ins Lauterbrunner Tal. Von da 
nach Griitschalp eine Steigung von stellenweise 90% an 
einem gliihendheiBen Vormittag (welche mittelst der Berg- 
bahn zu bewaltigen ist). Von Griitschalp nach Myrrhen ein 
rich tiger Engadin-Weg. Das leuchtete mir ganz plotzlich, 
nachdem ich schon langere Zeit gegangen war, ein. Und da- 
mit glaube ich ein Hauptcharakteristikum der Engadin-Land- 

56 



schaft gefunden zu haben. Namlich das Spiel groBartiger 
Elemente die einander erganzen und harmonisch abschwa- 
chen. Denn das wirst Du mir wohl zugeben, daB man nur in 
wenigen Fallen von GroBartig-Uberwaltigendem schlecht- 
weg reden kann; daB vielmehr eine herbe Art von Lieblich- 
keit vorherrscht. Und, wie gesagt, meiner Meinung nach 
beruhend inKontrasten: hauptsachlich derKontrast von hell - 
griin zu weiB, ferner das Gegeneinander kahler Felspartien 
und heller Schneemassen (wobeidieGletscherlieblich erschei- 
nen); das Gras der Matten, ganz dunkelblauer Himmel und 
graue Felsen ergeben wieder ein Zusammenspiel, das ich 
mit „herber Lieblichkeit" bezeichnen wiirde. Nicht zu ver- 
gessen natiirlich die Seen. 

Einzelne dieser Elemente nun machten den Weg von 
Gnitsch- Alp nach Myrrhen so schon. Vorn die Gletscher und 
unter ihnen dunkler Tannenwald und wieder davor der Weg 
und helle Grasmatten . . . zur einen Seite das Tal, dahinter 
Felsberge und vor allem zur anderen die aufsteigende Matte, 
die hier und da dunklere Felspartien freilaBt (bewachsen von 
einzelnen dunklen Nadelhblzern) und der ganz tiefblaue 
Himmel. Dies iibrigens in Mittagshitze. Erinnerst Du Dich 
an die Stelle iiber „die sogenannte Mittagshitze" in „Gerold 
und Hansli"? 5 Je heiBer, desto mehr Farben zwischen Him- 
mel und Erde . . . oder so ahnlich. Als ich dann schlieBlich in 
der Nahe von Myrrhen immer mehr auf die Gletscher hinzu 
wanderte, und eigentlich immer nur ihr WeiB im Gesichts- 
feld lag, hatte ich lange Zeit (unbewuBt) das Gefuhl als 
machte ich eine Wanderung an einem wunderschonen Win- 
termorgen. 

Dem schwelgenden Naturfreund liegt nichts ferner, als 
pedantische Chronologie. Und so malt er denn jetzt die Reize 
einer Wanderung, die nach mitteleuropaischer Zeit wohl 
80 Std. vor jener, soeben beriihrten, lag. Es war die Jungfrau- 
Wanderung, fur die Deine Warnungen und Ratschlage zu 
spat kamen. 

Die Wengernalpbahn, die wir bis Scheidegg benutzten, 
muB sehr schon sein; und besonders hervorragend wirken 
wohl ihre landschaftlichen Reize wenn man nicht riickwarts 



37 



sitzt - wie natiirlich bei mir der Fall. Von Scheidegg bis 
Eiger-Gletscher emanzipierten wir uns einmal von der Bahn, 
die als „Jungfrau-Bahn" in ihrem Anfang sicn unerwartet 
harmlos ausnimmt. Von einer Restauration steigt man zum 
Eiger-Gletscher hinunter, den man nun ganz dicht vor sich 
hat, ein sehr groBes Massiv, von drei Seiten ist man von 
Schnee eingeschlossen. Eine Eisgrotte (auf deren Besuch wir 
verzichteten) Fiihrer, Leute mit Rodelschlitten. 

Dann die Jungfrau-Bahn. (Die Schilderung wird infolge 
der spaten Stunde summarisch und darf ja auch auf alles 
lyrische verzichten, da Du mit dem untriiglichen Auge des 
Journalist en die Gegend ja schon analysiert hast.) Ich fuhr 
mit meiner Schwester 6 nur bis „Eigerwand", da meine 
Eltern ein en zu plotzlichen starken Hohenwechsel wegen 
meines Herzens nicht wiinschten. An den [sic] Tunnel finde 
ich schon, daB man das BewuBtsein hat, er fuhre zur Jung- 
frau. Damit jedoch ist die Schonheit der Fahrt schon er- 
schopft. Auf Eigerwand verbrachte ich eine melancholische 
halbe Stunde, allein mit einem Bahnhofsinspektor, einem 
ZeiB-Fernrohr und meiner Schwester. Stimmungsmalerei 
(Hauptf aktor : Kalte) miindlich. Ein schoner Riickweg von 
Eigergletscher bis Wengen. Bisweilen beobachtete man in 
einem Fernrohr am Wege eine Besteigung der Jungfrau; 
sehr oft vernimmt man das Donnern von Lawinen und sieht 
auch anscheinend kleine Mengen von Schneestaub am Berg- 
massiv, dem gegeniiber und parallel der Weg 2 Std. hinfiihrt. 
(Ich sehe mit Schrecken, daB ich auch hier vergessen habe, 
eine aufregendeBergbesteigung rniteinzuflechten; vergib!) 

Vergib auch nochmals, daB weder Alpenblumen noch Zei- 
tungsfetzen diese Schrift begleiten. Erstere vom Abgrunde zu 
pfliicken, habe ich weder Geld noch Phantasie (pfui! wie 
gemein!), um die Zeitungen, die das Hotel halt, zu zerschnei- 
den bin ich zu feige. (O! wie abscheulich!) 

Ich warne Dich freundschaftlich vor der Verbreitung von 
Unsinn in Wort und Bild durch ganz Europa! Eine baldige 
Erwiderung fiirchtend gegengez: 

Walter 



38 



Entschuldige die Handschrift; das Schreibmaterial ist 
schlecht. 

1 Georg Benjamin. 

2 Alfred Steinfeld, Mitschiiler W.B.S. 

3 Ein anderer Mitschiiler. 

4 Benjamin, Belmore, Steinfeld, Franz Sachs und Willi Wolfradt (der 
spatere Kunstschriftsteller), die alle Klassengenossen waren, hatten 
von 1908, als Walter Benjamin aus Han'binda zuriickkam und in die 
Kaiser-Friedrich-Schule wieder eintrat, bis zum Anfang des ersten 
Weltkrieges einen wbchentlichen Leseabend^ in dem mit verteilten 
Rollen Stiicke von Shakespeare, Hebbel, Ibsen, Strindberg, Wedekind 
u. a. gelesen wurden. Die Teilnehmer lasen sich auch Kritiken vor, 
die sie nach Theaterbesuchen schrieben, „die oft druckreif waren, 
aber nie gedruckt wurden" (Brief von Dr. Franz Sachs, Johannes- 
burg). 

5 Erzahlung von Carl Spitteler. 

6 Dora Benjamin (1899-1946). 



7 An Herbert Belmore 

[Freiburg, 14. 5. 1912] 
Im Jahre 

MVII zehn C88zich 
ein Jahr vor der groflen frz. 
Revolution. 

Mein teuerer Freund, 

Wie ist die Welt doch so mannichfach! Auch heute Nacht 
mufite ich wieder Deiner, oDu meinTeurer,gedenken, da der 
Mond mit vollen Backen in mein Zimmer schien. Du meine 
Gottin! Luna, Geliebte der stillen Nachte. Die Silberwolken 

Ziehen am dunklen Himmel wie runde Taler. Verzeih, 

mein Lieber, den Sturz der Gefiihle, der wie in einem brau- 
senden Katarakte die Feder mir entfuhrt. Doch sage selbst, 
wessen Brust vermochte zu schweigen beim Anblick der ewig 
erhabenen Natur! Natur, Du Zauberwort, auch in Deinem 
Geiste, oh, ich weiB es genau, weckt dieses Wort ein Gotter- 
bild, Friedrich Mathisson steigt auf in Deinem Geiste. O 
mein Teurer! ich schweige, denn ich bin bei weitem viel zu 
stark ergriffen. Ich auch. 1 

39 



Lieber Herr Bert, 2 

Verzeihen Sie diesen unartikulierten Choral der seelischen 
Gefuhle, zu dem mich Ihrfreundschaftgliihendesgefl.Schrei- 
ben, das ich mit der heutigen Kaffeepost erhielt, verfiihrte. 
Ich will mich fassen. Hier ist es sehr schon. Wie geht es 

Dir? Oh mein Teurer halt!! bandige die Wogen meiner 

Gefuhle. — Der Friihling lacht aus den Hausern. Der Him- 
mel ist blau und nur zur Nacht dunkel, wenn die Sonne ihr 
liebliches Licht nicht verbreitet. Auch die freie Studenten- 
schaft ist hier und die Stadt, absolut genommen, als Universi- 
tatsstadt zu bezeichnen. Doch liegt sie nur zum kleineren 
Teile auf der vorstellbaren, zum iiberwiegenden auf der un- 
vorstellbaren Welt. Das laBt sich vor allem durch die eigen- 
tiimliche Konsistenz der Freiburger Zeit erweisen. Nicht 
genug damit, daB sie nicht mitteleuropaisch ist. Zeit ist ja 
nirgends ein Konkretum. Sie ist von seltsam fliichtiger Be- 
schaffenheit. Aber die Nahe der hiesigen philosophischen 
Fakultat 3 zwingt sie durchaus, ihr wahres Wesen anzuneh- 
men - d. h. immer nur in Vergangenheit und Zukunft, nie 
aber inderGegenwartzubestehen. BezeichnetmandieMenge 
der in jedem Augenblick verfiigbaren Zeit mit x, so ergibt 
sich die Gleichung 

x=16-327 + 311. 
Desgleichen iibt die fille de Sophie (d.h. Tochter der Weis- 
heit [frz.]) ihren demoralisierenden EinfluB auf die Manner 
aus. Sie kommen — als echte Liebhaber - immer erst abends 
zum BewuBtsein - und ihre Eigenart entspricht dem Lieb- 
haber auch in sofern, als sie viel mehr in der Geliebten (Phre- 
nologie, Kunst, Literatur, Schulref orm, PistolenschieBen etc.) 
leben, als selber eine irgendwie betrachtliche Personlichkeit 
darstellen. So sitzen sie urn die Abendspaten in den Cafees 
und man macht die Beobachtung, daB [es] viel wertvolle 
Dinge und umgekehrt proportional wenig wertvolle Men- 
schen gibt. 
Lieber Herbert: 

Die Wissenschaft ist eine Kuh 

Sie macht: muh 

.Ich sitze im Horsaal und hbre zu! 



40 



(tatsachlich komme ich hier lOx weniger wie in Berlin zu 
eigenem wissenschaftlichen Denken.) 

Und nun verzeihe diesen verriickten Brief. Willst Du 
Pragmatisches erfahren, so laB Dir von meinen Eltern einen 
20seiten langen Brief zeigen. Du kannst nicht verlangen, 
daB ich mich in Schilderungen von tatsachlichem wiederhole. 
Auch wirst Du wissen, daB em erstes Semester in jeder Be- 
ziehung eine Zeit des Anfangs und des Chaotischen (cum 
grano salis . . . mit etwas Sonne) ist - und daB nichts schwerer 
ist, als verniinftige Briefe in solchem Zustand zu schreiben. 

Hingegen muB Dir ein solches leicht fallen. 

GriiBlichst Dein Walter 

1 In andrer Handschrift. 

2 Scherzhaft fiir Herbert. 

3 W. B. studierte bei Heinrich Rickert Philosophie. 



8 An Herbert Belmore 

[Freiburg, 21. 6. 1912] 

Lieber Herbert, 

Ich habe von je her eine moralische Achillesferse besessen - 
und aus reiner Not, um nicht todlicher getroffen zu werden, 
bedecke ich sie mit einer 5 Pf. Postkarte - nicht etwa um Dir 
irgend etwas aus Freiburg, geschweige denn Italien zum Ge- 
nuB mitzuteilen. Noch dazu weiB ich leider, daB jede Zeile, 
und noch vielmehr jeder nicht geschriebene Brief von mir, 
die ungeheuerlichsten Erwartungen in Dir weckt von einem 
Heros der Schulreform und einem Opfer der Wissenschaft - 
Der Anhalter Bahnhof drbhnt von den Schritten des Heim- 
kehrenden - und die Satze Kants flieBen aus seinem Munde - 
„wie Limonade aus dem Schlund des Raben". (Dies zum Zei- 
chen, daB ich mich auch dichterisch nicht weiterentwickelt 
habe! Keine Zeile habe ich hier geschrieben: nichts, oooev, 
nothing, nihil, rien!) Dagegen kann ich Dir nur die Erwar- 
tungen mitteilen, mit denen ich in Berlin ankommen werde: 

41 



in eine hochst heilsame Arbeitsmaschine zwischen Biicher ge- 
preBt zu werden und aufzustohnen in verniinftigen Ge- 
sprachen. 

Urn mich gleichnisweise darzustellen: Es kann nicht ge- 
erntet werden, wenn gepfliigt wird. Oder mit anderen Wor- 
ten : Die Freiburger Luft. 

Du hast hoffentlich eingesehen, daB ich in einer Antwort 
auf Deine Schreiben nur das miiBige und sinnlose Geschaft 
betreibe, mich selbst interessant zu machen, anstatt es als Be- 
richterstatter zu sein. Duwirst daraus dieLehre Ziehen, kiinf- 
tig bildende Berliner Briefe in groBerer Zahl hierher zu rich- 
ten - ohne Erpressungen innen und auBen. Denn, o Gott! 
kein Saft kommt heraus. 

Eine italienische Reise wachst langsam. In einem Schul- 
reform-Heft an die Studentenschaft, das sehr bald erscheint 
ist ein Aufsatz „Die Schulreform, eine Kulturbewegung" von 
mir. 1 Zwei grbBere Romane habe ich hier gelesen: Bildnis 
des Dorian Gray — es ist vollkommen und ein gefahrliches 
Buch - und Gosta Berling - problematisch in seiner Anlage, 
voller Schonheiten im einzelnen. 
Viele GriiBe. Bitte schreibe! 

Dein Walter. 

1 Erschien unter dem Pseudonym „Eckart, phil." in dem Heft „Stu- 
dent und Schulreform", herausgegeben von der . . . freien Studenten- 
schaft Freiburg i. B., 1912. 



9 An Herbert Belmore 



Stolpmiinde, Park-Hotel. 12. 8. 12 



Vorgestern erreichte mich Dein letzter nach Freiburg ge- 
sandter Brief, der, auBer manch Interessantem, zwischen den 
Zeilen ersehen lieB, daB ein Freiburger Dank-Brief an Dich 
sich im hohen Norden nicht zurechtfand. Oder sollte bose 
Absicht meine Briefe ignorieren? 

Schon diese zusammenhangende Einleitung wird Dir den 

42 



Gedanken nalie gelegt haben, daB meine A. N. G. (Allge- 
meine normale Geistigkeit) aus den Fluten des ersten" Seme- 
sters ihr Haupt wieder erhebt, Schlangen des Blbdsinns noch 
im Haare, aber ein schucht ernes Liicheln reiferer Erfahrung 
um die Mundspitzen. 

DeB zum Zeichen: 

Hier geht es hoch her mit Wolfflins „Klassischer Kunst" 
und den Brief en der Ninon. Wolfflins Buch ist f iir mich eines 
der brauchbarsten, die ich liber konkrete Kunst gelesen habe. 
Ich stelle gleich hoch: Dilthey, Hblderlin 1 , einzelne Shake- 
speare-Kommentare und nichts, was ich sonst je iiberbildende 
Kunst (in concreto) las. 

So rette ich mich aus den Meeren der Untatigkeit in den 
Hafen der Arbeit und werde gastlich empfangen von meinem 
Guten Gewissen, das nicht miide wurde, wahrend dreier 
Monate auf mich zu warten. 

Wen fiihre ich ihm entgegen. Eine kluge und kluge . . . 
liebenswiirdige junge Dame (Erzieherin?) Ich lernte sie ken- 
nen in den Scharen der cote d'esprit. Trotz ihrer Jugend wird 
ihr Alter allgemein auf 300 Jahre geschatzt - also ein Grad 
jugendlicher Gesundheit, den die Metaphysiker mit „Un- 
sterblichkeit" (athanasiasempiterna)bezeichnen. — Die Brief e, 
die Ninon an mich richtet, (in Anerkennung meiner Ver- 
dienste schreibt sie „cher Marquis") sagen alles Kluge und 
Irrationelle, was sich iiber eine so - im Grunde so verniinf- 
tige Sache wie die Galanterie sagen laBt — unter Vermeidung 
einiger wirklich ungalanter [(Akzidentien)] der Liebe. 
Eine Dreieinigkeit von Tiefe, Nuchternheit, Schonheit, daB 
wir Ninon eine Weisin nennen. 

Fefner und eifrigstens lese ich die sehr ausfiihrliche Ent- 
stehungsgeschichte eines Dramas „ Andrea Sezno". Lieber 
Herbert, obwohl ich taglich lese, ist der SchluB noch garni cht 
abzusehen, da die ausgezeichnet erhaltenenManuscripte [sic!] 
des anscheinend noch wenig bekannten Verfassers die erste 
Scene des 3ten Aktes in immer neuen Varianten wiederholen. 
Immerhin scharft man bei so genauem Eindringen in die 
Werkstatt eines Verfassers sein oft viel zu nachsichtiges 
asthetisches Urteil. — N. B. Ich hatte beinahe vergessen, auf 

43 



den bibliophilen Wert dieser Entstehungsgeschichte, die nur 
in einem Exemplar hergestellt wird, zu verweisen. 

Nattirlich glaubst Du das alles nicht, mit einem diaboli- 
schen Lacheln fliisterst Du „ Stolpmiinde" und die innere 
Verlogenheit obiger Behauptungen ist erwiesen. 

Ich kann nur soviel gestehen, daB Stolpmiinde allerdings 
meine ehrlichen Rehabilitierungsversuche in einem Rahmen 
strandiger Vormittage stand [sic] und die Bilder meiner 
Tatigkeit auf den Grund kaffeedurchfeuchteter Nachmittage 
wirkt. 

Einen ernsten EinfluB kann Stolpmiinde auf mich viel- 
leicht noch ausiiben. Hier zum ersten Male ist Zionismus 
und zionistisches Wirken als Moglichkeit und damit vielleicht 
als Verpflichtung mir entgegen getreten. 2 

Wie ich trotzdem — wie naturlich — ganz bei der Wickers - 
dorfer Sache 3 bleiben wiirde — das in Berlin. 

Wenn Freiburg jetzt anfangt, der Vergangenheit anzu- 
gehoren, wirst Du bald etwas davon erfahren. 

Dein Walter. 

(Nachste Woche komme ich nach Berlin) 4 

1 In „Das Erlebnis und die Dichtung"(1905). 

2 In Gesprachen mit Kurt Tuchler aus Stolp (geb. 1894), der damals 
Oberprimaner war. Tuchler sclireibt: „Franz Sachs, brachte in den 
Sommerferien Walter Benjamin mit nach Stolpmiinde. Wahrend die- 
ser ganz en Ferien war ich taglich, um nicht zu sagen stiindlich, mit 
Benjamin zusammen,und wir hatten einen unerschopflichen Gesprachs- 
stoff. Ich versuchte, ihn in meinen zionistischen Vorstellungskreis ein- 
zufuhren. Er versuchte seinerseits, mich in seinen Gedankenkreis zu 
Ziehen. Wir setzten unseren Gedankenaustausch brieflich mit groBer 
Intensitat fort." Dieser Briefwechsel ist in der Nazizeit yerloren gegan- 
gen. (Brief Tuchlers vom 26. 2. 1963, Tel Aviv). Wohl' aber hat sich 
in Jerusalem die direkt diese Frage des Zionismus umschliefiende 
Folge von Brief en Benjamins an Ludwig Strauss erhalten; Brief e 
vom 11. September, 10. Oktober, 21. November 1912 und 7. Januar 
1913 sind der Auseinandersetzung mit dem Zionismus gewidmet. W. 
B. hat sich in dies en Brief en auch uber die „Kunstwart"-Debatte 
1912 geaufjert. Zuletzt lehnte er hier den politischen Zionismus ab. 

3 Der Bewegung um Wyneken und die radikale Schulreform. 

4 Wo er bis April 1913 war. 



44 



10 An Herbert Belmore 

[Freiburg, 29. 4. 1913] 

Lieber Herbert, gewiB: ich sollte Dir schreiben. Was nur? 
Ich fiihle rnich so unzurechnungsfahig! Der Kirchplatz vor 
meinem Fenster mit einer hohen Pappel (in ihrem Grim 
liegt die gelbe Sonne) davor ein alter Brunnen und sonnige 
Hauserwande, lassen mich viertelstundenlang hinstarren. 
Dann — nicht wahr— lege ich mich etwas aufs Sofa und nehme 
einen Band Goethe. Wenn ich auf ein Wort wie „Breite der 
Gottheit" gerate, bin ich schon wieder auBer Fassung. Du 
weiBt: in „GroB ist die Diana der Epheser" - vielleicht der 
schonste deutsche Gedichttitel. LaB Dir von Franz 1 sagen, 
was ich von meinem Zimmer schrieb. Keller 2 sagte sehr 
schon „hier ist man immer zu Besuch." Diese sonnige Ge- 
raumigkeit mit soliden Heiligen an den Wanden. Ich sitze in 
einem kleinen Sessel und kenne keinen bessern Ort fur 
Philosophie. 

Mit was fiir Menschen gehe ich doch urn! Auch davon 
wirst Du von Sachs horen. Da ist Keller mit dem Anfang 
eines neuen Romans der bedeutend ist; mit einer schonen 
Freundin, die ich oft sehe. Da ist Heinle 3 , ein guter Junge. 
„Sauft, friBt und macht Gedichte". Die sollen sehr schon 
sein — ich werde bald welche horen. Ewig traumerisch und 
deutsch. Nicht gut angezogen. 

Englert - ist noch schlechter angezogen. Auch eine Freun- 
din. Seine Kindlichkeit hat ungeheure Dimensioned Er ver- 
ehrt Keller als Gott und mich schatzt er als Damon. 

Da ist letztens Manning. Ein Berliner. Beachte, daB es nur 
Christen sind, mit denen ich hier umgehe und sage mir, was 
das bedeutet. Ich selbst kann es garnicht bestimmen. Mit 
Manning spreche ich meist iiber Madchen und B'rauen. Ich 
wundere mich, daB ich ihm (wie im ersten Semester Keller) 
hier vieles sagen kann, ohne konkrete Erfahrungen zu haben. 
Die gibt er mir wiederum und ich komme so weiter. 

All dieses zwingt mich naturlich viel zu arbeiten, denn 
sonst wiirde ich dieses Klima nicht vertragen. 

Heut abend bin ich im Akademikerheim. Dort ist unser 



45 



Kreis, noch ein oder der andere Gast und manche Studen- 
tinnen. Keller herrscht despotisch und liest dauernd vor. Ich 
werde mich bemiihen, audi Diskussion laut werden zu lassen. 
Morgen wird hier Ewers „Wundermadchen von Berlin" ur- 
aufgefiihrt — und iibermorgen werde ich mit Heinle einen 
Berg beklettern. 

Abends hat man die langen Gesprache in sehr dunkler, 
warmer Luft. Wenn Du sonst etwas wissen willst, frage. 
Denn wollte ich nicht 50 Seiten schreiben, so kann ich nicht 
mehr als solche Aphorismen Dir geben. Aber damit Du siehst, 
daB ich wirklich alles tue, was ich kann, indem ich diese 
Erlebnisfetzen Dir vorwerfe, schicke ich Dir eine Art „Ge- 
dicht" mit, das Du eben so gut fur Wahnsinn halten kannst. 

Herzlichen GruB Walter. 

Entfremdetes Land liegt voller Provinzen. 

Darinnen betteln die blinden Gefuhle, 

Sie gehen schwankend, wie in hohen Stuben. 

Planet des Ichs! 

Sinnbilderliche 

Bewegsamkeit, wie du zur Leerheit wortlos stiirzest, 

und wo Du fallst, wird aus Aonen Raum, 

glotzende Bildlichkeit wird mich umwogen, 

Gedanken zehrend haben alle Zonen 

Dahingegeben ihr „dennoch" und „kaum". 

Verwitternd sendet letztliche Geriiche 

Verniinftigkeit — und ihre buntgebanderten Fliiche 

sind fliigelschmetternd mitten innen 

starr geworden und heimlich von hinnen. 

Die Blindheit hat einen gottlichen Riicken, 

und tragt den Hymnischen iiber holzerne Briicken. 

Bitte schreib mal. GruB 

4 



i Franz Sachs. 

2 Philip p Keller, mit dem W. B. in Freiburg umging, Autor eines 
Romans „Gemischte Gefuhle", Leipzig 1913, den W. B. audi spa'ter 
noch ruhmte. Vgl. Gesamraelte Schriften Bd. Ill, 1972, S. 173. 

46 



3 Friedrich C. Heinle, an den sich W. B. damals enger anschloB. 

4 Ein Wort unleserlich. 



11 An Carla Seligson 

Freiburg i. B., 30. April 1913 

Sehr geehrtes Fraulein Seligson, 

Sie sahen, daB ich, entgegen meinen Worten, nach meiner 
Riickkehr von Schreiberhau 1 , nichts von mir verlauten lieB. 
Das tut mir selbst sehr leid, ich konnte es aber nicht andern. 
Mich hatten namlich die paar Tage in einem schbnen Friih- 
ling, der im Tal war (und tiefer Schnee auf dem Kamm), in 
einen Zustand gebracht, in dem ich nach Mbglichkeit mensch- 
liche Gemeinschaft meiden muBte. Ich war ganz zergriibelt, 
mit intellektuellen Sprengstoff en angefullt, die jeder ahnungs- 
los zur Explosion hatte bringen konnen. Sie fragen sich, ob 
dies vielleicht regelmaBig die Wirkung schbner Landschaft 
auf mieh sei? Nein - sondern ich hatte es in Schreiberhau so 
angefangen: den halben Tag ging ich spazieren und den 
andern las ich. Lektiire: Kant, Grundlegung zur Metaphysik 
der Sitten. Kierkegaard: Entweder - Oder. Gottfried Keller: 
DasSinngedicht. Aber kein normalerMensch kann die gigan- 
tische und ausschliefiliche Gemeinschaft mit diesen Schriften 
eine Woche aushalten, Wenn ein paar Seiten im Kant mich 
ermiidet hatten, fliichtete ich zu Kierkegaard. Sie wissen wohl, 
daB er auf dem Boden der christlichen Ethik (oder wenn Sie 
wollen, der judischen) so rucksichtslos und Heroisches fordert 
wie Nietzsche auf anderem Boden und daB er psychologisch 
so vernichtend analysiert wie er. Entweder — Oder ist das 
Ultimatum : Asthetentum oder Sittlichkeit? Kurz, dieses Buch, 
das mir Frage auf Frage stellte, die ich stets geahnt und nie 
mir ausgesprochen hatte, regte mich (selbst) mehr auf als 
irgendein andres. Und danach ist es wiederum nicht leicht, 
auf Kellers schweren Stil sich zu spannen, der jeden Satz 
langsam zu lesen verlangt. 

47 



Kierkegaard und der Brief eines Freundes veranlaBten 
mich auch nach Freiburg zu gehen - aber, wie gesagt, nach 
solchem Aufenthalt in Schreiberhau war ich zu einem Ge- 
sprach vollkommen unfahig. 

Jetzt bin ich hier in einem wundervollen Sommer zur 
Ruhe gekommen; und wenn ich auf den Kirchplatz vor mei- 
nem Fenster sehe, ein alter Brunnen, eine einzige ganz hohe 
Pappel in der Sonne, dahinter Hauser wie aus dem goethe- 
schen Weimar (ganz klein) — kann ich mir kaum mehr das 
Ungeheuerliche vorstellen, daB ich fast (wenn mich die Fr. 
St. gewahlt hatte) in Berlin geblieben ware. 

Ich habe hier wenige aber gute Bekannte, ganz andere als 
meine Berliner Freunde und meist alter als ich. Nachdem ich 
mich gewohnt habe, ist es nun sehr schon. Wir haben hier — 
ganz abseits von der fr. Studentenschaft, die arbeitsunfahig 
ist — ein Akademikerheim, wo wir — Studenten und Studen- 
tinnen - Dienstag abend zusammenkommen. Es wird vor- 
gelesen und wir unterhalten uns. Jeder von uns kann Gaste 
mitbringen, aber das g^schieht selten, meist sind wir immer 
dieselben, sieben bis neun. 

Wie gesagt - mit der freien Studentenschaft ist garnichts 
zu machen. Schon in Berlin sagte ich Dr. Wyneken, daB ich 
nur dann die Abt. fur Schulreform leiten wiirde, wenn ich 
eine gut organisierte fr. Studentenschaft schon vorfande. 
Davon nicht die Spur. Man sieht hier keine Anschlage am 
schwarzen Brett, keine Abteilungen - keine Vortrage. - Jetzt, 
im Abstand von Berlin bin ich mir auch iiber die Freistuden- 
tenschaft im allgemeinen klarer geworden. In Berlin will ich 
Ihnen einmal meine Meinung dariiber sagen. 

Jetzt noch eines, was Sie f reuen wird : vor meiner Abreise 
besuchte ich Frau Lesser. Aus dem gleichen Grunde, aus dem 
ich Ihnen nicht schrieb, war vielleicht auch unser Gesprach 
nicht so, wie es das erste Mai war - aber das mag auch am 
Ort gelegen haben. Jedenfalls habe ich mich doch wie der sehr 
gefreut. Sie fragte mich nach Ihnen und sagte mir, daB Sie 
ihr sehr gut gefallen hatten und „wenn ich so viel Zeit fur 
Menschen hatte, wie ich es nicht habe" wiirde sie Sie zu sich 
bitten. Aber sie hoffte, daB wir doch gelegentlich zusammen- 

48 



sein wiirden — was ja auch moglich ist — wenn sie im Winter 
ihren Jour hat. 

In wenigen Tagen wird wohl das erste Heft des Anfang 
erscheinen. Ich wiirde mich sehr freuen, wenn Sie mir schrie- 
ben, vielleicht auch vom „Anfang" wenn er erschienen ist. 

Ich hoffe Ihnen in einigen Wochen eine Arbeit von mir 
zuschicken zu konnen. Ich habe diesen Winter einen „ Dialog 
iiber die Religiositat der Gegenwart" 2 geschrieben, den ich 
jetzt typen lasse. Davon gelegentlich. 

Mit den besten GriiBen und der Bitte, mich Ihrer Frau 
Mutter zu empfehlen 

Ihr Walter Benjamin 
PS Wenn die Schrift schlecht ist — ich glaube es — entschul- 
digen Sie es bitte. 

1 Dort war W, B. mit Bruder und Mutter in groBerem Familienkreis 
der Joseephys uber Ostern gewesen. 

2 Im NachlaB erhalten. 



12 An Herbert Belmore 

[Freiburg, 2. 5. 1913] 

Lieber Herbert, 

mich, einen Untatigen und Abwartenden, der bei Philosophic 
und Regen vielleicht einen Pfingsten in Freiburg erduldet 
hatte (und ruhig erduldet) hat ein Schicksal ereilt. Ich werde 
sehr wahrscheinlich am 9ten hier abreisen und bis zum 22ten 
in Paris mich aufhalten. Dies in Gemeinschaft mit Kurt 
Tuchler und einem gewissen Herrn [Siegfried] Lehmann 1 , der 
jetzt Tuchlers Bundesbruder und vor 12 Jahren mein Spiel- 
freund war. Wieder einmal, wie so oft, trifft ein EntschluB 
mich nicht kindlich verfreut, sondern wird abwartend und 
scharf kontrolliert eingelassen, wie an der Douane. Dieses sei 
in einem spatern Brief begrundet. An Dich richte ich dieses, 
um Literatur zu erfahren und vielleicht auch sonst Winke 
fiir Paris. Karl Schefflers „Paris" wird zunachst auf gemein- 
same Kosten beschafft. Aber weiter. Enthalt der „gefuhlvolle 

49 



Badecker" 2 ein Kapitel iiber Paris? 1st es gut, so schreib mir 
die Essenz, ich kann ihn hier nicht bekommen. Welche gut en 
Kunstfiihrer gibt es fiir Paris. Gute Essays. Biicher iiber Pa- 
riser Kultur und Impressionismus. ttber Paris erinnen? Bitte 
schreib schleunig. - Meine Eltern brauchen nicht gleich nach 
Empfang dieser Karte etwas von ihr zu erfahren. Ich werde 
ihnen meine Absicht wohl erst etwas spater schreiben, da ich 
einen Brief von Haus noch erwarte. Andrerseits sollen sie 
meine EntschlieBung zuforderst von mir horen. 

Gestern war ich mit dem 19jahrigen Dichter - jungen 
Heinle auf dem Kandel. Wir vertragen uns gut. In der Anto- 
logie [sic!] „ Mistral", die bei A. R. Meyer bald erscheint, 
steht von ihm 3 und Quentin 4 je ein Gedicht. 

Aus meinem Wohlbefinden griifie ich Dich. 

Dein Walter 

1 Er griindete spater das jiidische Volksheim in Berlin und das Kin- 
derdorf Ben-Schenaen in Palastina. 

2 Kurt Miinzer, Der gefiihlvolle Baedecker. Berlin 1911. (1892-1953). 

3 „Tannenwald im Schnee", Der Mistral, S. 22. 

4 Franz Quentin, das zeitweise von Ludwig StrauB gebrauchte litera- 
rische Pseudonym. 



1} An Herbert Belmore 

Freiburg, am 5. Mai 1913 
Lieber Herbert, 

zwar steht die Einleitung zur „Kritik der Urteilskraft" fiir 
diesen Morgen auf dem Programm. Doch ich verschiebe sie 
einen Augenblick — urn Dir fiir Deinen Brief zu danken um 
Dir aber zu sagen, da8 ich mich nicht ganz wohl f utile bei 
der groBen Mystik, so Ihr in Berlin um mich hiillet. Ich bin 
ein einf aches Menschenkind. Nun will auch ich Euch ein paar 
Thesen entgegnen, damit die Euern mich nicht erdriicken. 
Zuforderst aber verweise ich auf den letzten 24 Seiten langen 
Brief an Franz, der nicht nur Tagebuch enthalt, sondern 
eine Beilage, auf der ahnliches steht, als hier an Dich. Seit- 
dem allerdings fiel noch ein Gesprach vor, das mir mehr sagte, 

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als ich wuBte und Ihr ahnt : Ich rette mich nicht — ich steige 
nicht auf, sondern ich siege auf diesem Boden. 
Nun zu den Thesen. 

I Ich bin und fiihle mich imZustand der 6ppi<; , der frevel- 
haftesten Sicherheit iiber Gottern und Menschen 

II Ich kam zu fremden Volkern, die mich nicht ehren, und 
sehe, daB mein Wesen auch ohne geehrt zu werden bleibt. 

III Ich sehe es sich bewahren, endlich geht es in die Breite 
und materialisiert sich im Irdischen, anstatt steil zu steigen. 
Dieses geschah durch sinnliche Widerstande. 

IV Ich sehe, daB es nicht mein Gewissen, sondern meine 
Natur ist, die mich beschrankt. Mein Gewissen ist meine 
Natur. Ich kann nicht dagegen handeln: so ist es kein Gewis- 
sen mehr. Auf der Schule schrieb ich nie ab : Das war nicht 
Gewissen, sondern Klugheit, Kurzsichtigkeit (Natur). 

V Wenn man diese Natur einmal resignierend anerkennt, 
gewinnt sie Krafte, die sie nicht ahnte: sie gewinnt ihre 
eigene Sinnlichkeit, lost sich von Thesen. 

VI Daher gehe ich ohne Schaden des Leibes und der Seele 
mit Christen und solchen um, und bin ihnen iiberlegen. Bis 
auf Keller, dem ich gleich bin, an einem andern Pol, dem ich 
jetzt dennoch begegne (Konnt Ihr denn dies nicht verstehen?) 
weil ich ihm gewachsen bin, weil wir wissen, daB wir nichts 
Gemeinsames haben, als dies: daB wir ich sind. Das Ich ist 
keine Gabe, sondern eine Beschrankung. Diese eben ist Reife. 

VII Aber es bleibt dabei: ich bin erst frei (sinnlich), ich 
bin erst selbst, wenn ich die Grenzen kenne. Das Gewissen 
wohnt innerhalb dieser Grenzen. Abgesteckt sind sie von der 
Natur (und mag diese Natur friiher einmal Gewissen gewe- 
sen sein) (s. These IV) 

Mehr kann ich nicht wissen und dies ist die Erleuchtung 
von 3 Wochen. 

Anschaulicher Teil: ich bin gestern in Littenweiler tanzen 
gewesen mit Keller, Englert, Manning, Heinle — es ist mir 
vor ihnen gleichgiltig gewesen, ob ich gut oder schlecht tanze. 
Ich ging, wann ich wollte. Weiter: es wachst hier eine Revo- 
lution, die ich mit Sicherheit befehle. Ich bin der Gegenpol 
Kellers und befreie die Leute von ihm, nachdem ich mich 



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selbst von ihm befreite. Ich kann dies nur, weil ich ihn achte 
— als Kiinstler (nicht als Bohemien, denn das ist er nicht) Ich 
habe hier die Parole der Jugendlichkeit ausgegeben. Folgen- 
des geschah: 

ich hatte ein Gesprach mit Manning, in dem sagte ich : eins 
trennt uns^von Keller: er nimmt die Gesten des 40jahrigen 
an, ohne den Inhalt zu haben. (U. dgl., was Du nur verstehen 
konntest, wenn ich Dir seinen jetzigen Zustand: er ist in 
einerKrisis,ausfuhrlich zeichnenkonnte) Plbtzlich sagt Man- 
ning, der seine gleiche Erfahrung mit Keller gegen mich zu 
betonen liebte : aber wir sind doch jung. Wir wollen doch nur 
21 sein. Ich: „Ich habe garni chts mehr dazu zu sagen, Sie 
sagen, was ich denke." Diesen Menschen habe ich an einem 
Abend von IO-V22 befreit. Einmal sieht er mich entgeistert 
an: „Wie konnen Sie mir das sagen. Damit haben Sie den 
Schliissel zu meinem Leben in Handen, bevor Sie es kennen." 
. . . Sprichst du nur das Zauberwort 1 . . . Seitdem weiB ich, 
datf ich mich immanent in der Mission Wynekens hier befinde 
und die Leute zu ihrer Jugendlichkeit zuruckbringe. / Am 
gleichen Abend frage ich Manning: Woher haben Sie diese 
grafiliche Angst vor der Sentimentalitat. „Ja, die hat auch 
Keller mit Gewalt in mich hineingepreBt". Solche Antworten 
erhalte ich, Ich gebe ihm den Mut zur Sentimentalitat — er 
■liest aus seinen (tatsachlich ungeheuren) Tagebuchern des 
15jahrigen vor. All diese werden befreit, damit sie dazu kom- 
men, sich aus zu bilden, unsentimental und nuchtern nach 
Ideen, statt sich zu ubertunchen nach Gesten. 

Ein ahnlicher Fall, nur leichter, liegt mit dem jungen 
Heinle vor, mit dem ich neulich ein lstiindiges Gesprach 
liber den Literaten hatte. — Ich sehe, daB diese, wenigstens 
Heinle, Keller entfernt nicht so tief achten, wie ich — weil sie 
ihm noch nachgehen. 

Hoff entlich hat es nicht den Herbst gebraucht, Euch und mir 
zu beweisen „wie durchaus notwendig und heilsam diese 
Station der Entwicklung war". 

Ich verstehe zum ersten Male in meinem Leben Goethes: 
„Nur wo du bist sei alles — immer kindlich 
So bist du alles - bist uniiberwindlich." 2 



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Ich weiB: als anstandiger Mensch muB man diese Weis- 
heit (denn es ist eine Weisheit) unendlich oft vergessen — un- 
endlich oft wieder begreifen. Ich begriff sie zum ersten Male, 

Ob das Semester noch Prinzipielles gibt — glaub ich kaum. 
Viel Arbeit. Viel Vergniigen. 

Gestern in Littenweiler bewundert Manning meine kind- 
liche Vergniigtheit. Ich werde sie ihm wiedergeben. Keller 
und ich sind vorlaufig hier die einzig Kindlichen. Darum ver- 
wandt. 

GriiBe Franz und Willi 3 ! Mogen Wellen dieser schonen 
Erfahrung auch ihn erreichen. Im Augenblick kann ich ihm 
nicht schreiben. 

Und deswegen kam ich her. Nur anders lernte ich sie be- 
greifen, als ich dachte. 

Dein Walter 

PS Franz soil diesen Brief sehen. 

1 Triffst du nur das Zauberwort. Eichendorff, „Schlaft ein Lied in 
alien Dingen". 

2 Marienbader Elegie. 

3 Franz Sachs und Willi Wolfradt. 



14 An Franz Sachs 

Freiburg, den 4. Juni 1913 

Lieber Franz, 

Diesen Vormittag habe ich kein Colleg und will Brief e schrei- 
ben: den ersten an Dich. Die „Epistel der Sommernacht" ist 
ein schones Dokument Eurer gegenseitigen Annaherung. 
Allein hatte sie keiner von Euch geschrieben; so sicher seid 
Ihr denn doch nicht! 

In Sachen des „Anfang" x . Ich weiB nicht, ob Du des of tern 
mit Barbizon 2 zusammenkommst ; jedenfalls wiinschte ich es. 
Wenn Du ein Wort mitsprachest, so ware es wohl kaum zur 
Ablehnung der dichterischen und jugendlichen Oden Heinles 
gekommen, die Barbizon „ungeeignet" nennt. Wenn eine 

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durchaus sichere Personlichkeit die Leitung des „Anfang" 
hatte, so ware es wohl moglich, daB Wyneken sich vollig von 
der Geschaftstatigkeit zuriickzoge. Aber jetzt sollte er nur 
scharf revidieren. Und was ist das mit [Wilhelm] Ostwald? 
Ich schrieb an Barbizon: wie ist es moglich einem so notori- 
schen „Schulreformer" und Vielschreiber in unserm Anfang 
das Wort zu geben. Jetzt hat die Offentlichkeit was sie will: 
das bequeme Schlagwort, um den Anfang ins groBe Massen- 
grab der „Schulreform" zu weisen. Menschen und Schreiber 
wie Ostwald sind die groBten Feinde unsrer Sache, denn wir 
wollen eben endlich nicht Schulref orm, sondern etwas andres, 
wovon er sich nichts traumt. Oder doch? Wenn der Artikel 
des zweiten Heftes uns versteht (ich glaubs nicht!) gut — so 
mag er drinstehn. Sonst ist schwerer Schaden angerichtet. 
Also kummere Dich bitte um die Redaktion. Dein Urteil 
iibrigens iiber die Gedichte von Eleutheros im ersten Heft 
teile ich garnicht. Ich, Heinle, Manning — sogar Keller fan- 
den sie ganz selten schon. Naturlich darf man sowenig jede 
Zeile betrachten wie in Goethes Mailied; aber denselben 
Schwung hat dieses Gedicht und dabei den schweren geruhi- 
genAusgang: 

„Hebt die Stunde stark und stolz 
Aus dem Krug der Zeiten." 

AuBerdem geht es gefuhlisch betrachtlich in die Tiefe: 
. . . darf nicht driiber klagen, 
daB er nur erst willenlos 

ward emporgetragen" Du kennst meine 

Anschauungen und weiBt, daB ich diese Einsicht bejahe. 
Wenn ich den Anfang hier hatte, konnte ich es eher analy- 
sieren. Auch das zweite Gedicht - nicht gleich dem ersten - 
ist tiefer, je ofter man es liest. 

Demnachst will ich Dir eine Abschrift der Heinleschen 
Oden schicken, damit Du sie in der Redaktion durchsetzt. Die 
nichtsbedeutende Kritik von Matthias im Tageblatt, der auch 
kein Ohr mehr hat fur den Rhythmus der Gedichte, las ich. 
Die ubrigen noch nicht. 

Wie Barbizon, so bitte auch ich Dich den Berliner Sprech- 
saal zu ubernehmen 3 . Das ist eine wichtige Einrichtung, die 

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Anfang einer schonen Geselligkeit werden kann. Natilrlich 
soil Wyneken nichts damit zu tun haben. Neulich schrieb 
Quentin einen Collektivbrief an die Freiburger 4 , in dem er 
mitteilt, Moritz Heimann 5 plane eine jiidische Freie Schul- 
gemeinde fiir Deutschland. Viel Konsequenz! Was weiBt oder 
erfahrst Du davon? 

Paul Hoffmann hat mit mir korrespondiert, interessiert 
sich fiir uns, wollte kurz vor meiner Abreise mich nodi per- 
sonlich sprechen, doch war es zu spat. Ich mutmafie, da£ er 
aus dem Kunstwartkreise kommt, also vorsichtig anzufassen! 
Nicht zu radikal. 

Berichte mir von Herberts Vortrag in der Abteilung! 

Und jetzt komme ich meinem „ Brief" (dessen ungewohnte 
Bogen mich erheblich stbren) schon naher. Wynekens Be- 
griindung der Abstinenz. Du nennst sie „wundervoH"; ahn- 
lich schreibt mir mein Bruder: so muB sie auf jeden wirken, 
der mit reinem Gewissen dasitzt und abstinent ist. Nicht so 
ich. Was hilft Dir 

[SchluB f ehlt] 

1 Die von Gustav Wyneken herausgegebene „Zeitschrift der Jugend", 
an der W. B. unter dem Pseudonym Ardor mitarbeitete. Das erste Heft 
war gerade erschienen. 

2 Georg Barbizon (eigentlich G. Gretor), einer der zwei Redakteure des 
„Anfang", 

3 Der „Sprechsaal" war eine 1912 von W, B. und seinen Freunden 
begrundete Veranstaltung zur Aussprache iiber die Probleme der Jugend 
im Geiste Wynekens, die vor allem 1915 und 1914 viele Schiiler und 
Student en anzog. Eine Schilderung hat z. B. Martin Gumpert in seiner 
Autobiographie gegeben. 

4 Die Abteilung fiir Schulreform in der Freien Studentenschaft. 

5 Der Erzahler und Lektor des S. Fischer Verlages, der in der Tat leb- 
haftes Interesse an jiidischen Dingen nahm. 



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IS An Carta Seligson 

Freiburg, 5 . Juni 1913 

Liebes Fraulein Seligson, 

ich kam ein.es Abends nach Pfingsten aus Paris zuriick und 
fand unter vielen Brief en den Ihren vor, der mich sehr freute. 
Vielen Dank! — Ja, ich bin Pfingsten 14 Tage nach Paris 
hiniibergef ahren ; an diese Stadt habe ich wenige einzelne 
Erinnerungen, von denen ich sagen konnte, sondern nur das 
BewuBtsein 14 Tage so intensiv gelebt zu haben, wie man 
nur als Kind lebt. Ich war den ganzen Tag unterwegs, ging 
fast nie vor 2 Uhr zu Bett. Die Vormittage im Louvre, in 
Versailles, Fontainebleau oder im Bois de Boulogne, nachmit- 
tags in den StraBen, in einer Kirche — im Cafe. Abends mit 
Bekannten oder in irgend einem Theater: vor allem dann 
jeden Abend auf dem Grand Boulevard, das man ein wenig 
mit den Linden vergleichen konnte, wenn es nicht weniger 
breit (germitlicher!) ware und wenn nicht durch die ganze 
innere Stadt diese StraBen sich ziehen wiirden, deren Hauser 
nicht zum Wohnen zu sein scheinen, sondern steinerne Cou- 
lissen zwischen denen man geht. Im Louvre und im Grand 
Boulevard bin ich heimischer fast geworden als im Kaiser - 
Friedrich-Museum oder in Berliner StraBen. Ich ging zuletzt 
(ich war sehr oft im Louvre) nur noch spazierend durch die 
Sammlungen und blieb immer wieder vor denselben Bildern 
stehen, die ich schon kannte und die ich mir sehr eingepragt 
habe, indem ich sie jeden Tag schoner sah. Ich habe niemals 
so leicht Kunst verstehen kbnnen, Zum ersten Mai bekam ich 
eine Vorstellung vom franzbsischen Rokokko — von Frago- 
nard, der der kiihnste und sinnlichste unter diesen Malern 
ist. Boucher, Watteau, Chardin und viele unbedeutendere 
fiillen da die Wande in der GrbBe von 2 m. Ich gehe haufig 
durch den Saal, allmahlich gewohne ich mich, die Bilder zu 
isolieren und sehe sie dann beim nachsten Male schon von 
weitem. 

Die Verehrung unserer Zeit fur Greco ist kein leerer 
Schwindel. Zweimal ging ich durch Bildersammlungen, fand 

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mich vor ein Bild gerissen und eswar Greco. Einmal in der 
Berliner Galerie Koster (sie wird im Juni von der fr. St. be- 
sichtigt - gehen Sie doch hin!) und einmal im Louvre, wo das 
konigliche Bild Ferdinands des Ersten hangt, schwermiitig 
und pathetisch. Greco ist.der pathetischste Maler den ich 
kenne (pathetisch natiirlich ohne Leere). 

Auf dem Grand Boulevard kannte ich die Laden, die Licht- 
reklamen, die Menschen als ich Paris verlieB. In der Oper 
sah ich das altmodischste Ballet, das sich denken laBt, das 
uns nicht mehr kunstlerisch beruhrt, aber ich bewunderte die 
individuelle Zucht der' Tanzerinnen, die ich in Berliner 
Opernauffuhrungen nie so bemerkte, Im Foyer sah ich die 
schonsten Toiletten - in Paris schminken sich ubrigens auch 
die vornehmsten Frauen. 

Als ich dann wieder in Freiburg war, glaubte ich ein vier- 
tel Jahr fort gewesen zu sein — aber Paris liegt so wundervoll 
abgeschlossen hinter mir, dafl ich keine Unzufriedenheit 
fuhlte, vielmehr die Freude, daB sich . . . alles so gut beendete. 
Im Brand steht das sehr wahre Wort, das Sie natiirlich hier 
nicht so feierlich verstehen diirfen: 

Gliick wird aus Verlust geboren 
ewig bleibt nur, was verloren. * 

Inzwischen war hier manches anders geworden. Vor allem : 
Sommer. In Paris war es meist kuhl. Sehr schon war es vori- 
gen Sonntag, als ich in der Hitze oben auf einem Berg an- 
komme und plotzlich im Ausblick beschneit den Feldberg vor 
mir habe. 

Unsere Abende, von denen ich Ihnen schrieb, haben sich 
auch geandert. Herr Keller, der sie leitete, hat sich zuruck- 
gezogen. Da er viele Menschen anzog sind wir jetzt ziemlich 
allein und befinden uns besser, weil vorher der Kreis nicht 
groB und nicht klein genug war, um Geselligkeit moglich zu 
machen. Ich spreche dort manchmal uber Spitteler, oder lese 
Aufsatze von Wyneken vor. Sein neues Buch: „Schule und 
Jugendkultur" ist bei Diederichs jetzt erschienen. Heute be- 
stelle ich es. 

Fur den „Anfang" werbe ich hier, habe einen neuen Mit- 
arbeiter gewonnen und bin ziemlich zuversichtlich fur die 

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Zukunft. Es ist so wichtig, daB hier unsere Ideen endlich frei 
werden von der Dogmatik, die ihnen auBerlich anhaftet: das 
ist es im Grunde, was ich von der Zeitschrift erwarte. Ob 
man in Berlin auf dem durchaus richtigen Wege ist, weiB 
ich nicht - mit Befremden hore ich, daB [Wilhelrri] Ost- 
wald (l) im nachsten Heft einen Leitartikel schreiben soil. 
Was hat, um Gottes willen, Ostwald mit dem „Anfang" 
zu tun! 

Der „Anfang" immerhin hat mich nun auch wieder in die 
freie Studentenschaft hier hineingetrieben. Ich darf mir in 
diesem Semester keine zu hohen Ziele setzen; wie ich Ihnen 
schon schrieb ist die Organisation hier unsicher. Nichts wei- 
ter soil geschehen, als daB aus der Abteilung am Ende des 
Semesters einige Leute gehen, die uns soweit verstanden, daB 
sie den „Anfang" abbonieren, wenn auch zuerst vielleicht 
noch mehr aus Achtung (die sie jedenfalls empfinden sollen) 
als aus Interesse. Ich habe hier nur einen treuen und tuch- 
tigen Heifer. 

Auch ich denke an die „Mitjugend" in dem Sinn, in dem 
Sie schreiben, aber mein-e Arbeit ist hier eben unpersonlicher, 
abstrakter als in Berlin, wo ich mehr, wo ich jiingere Men- 
schen kannte. Hier habe ich in den ersten seltsamen Wochen 
des Semesters den einen jungen Menschen 2 kennen gelernt, 
von dem ich Ihnen schreibe, seitdem arbeiten wir zusammen. 
Aber auch unsere Bekannten schon sind „reif", haben schon 
zuviel Leben hinter sich, daB sie kaum mehr unmittelbaren 
Zugang zu Ideen haben, hochstens viel Sympathie, die uns 
folgt. Aber dann ist die groBe abstrakte freistudentische 
Masse da, an deren Geschichte man einfach glauben muB 
ohne daB oft ein einzelner Student uns unsere Arbeit durch 
nahes Verstandnis bewahrt. 

Daher entschloB ich mich so schwer zur Neugriindung der 
Abteilung, tue es nun doch fur den Anfang und erwarte was 
daraus wird mit groBer Fassung. 

Zu dem, was Sie schreiben: woraus sind diese schonen 
Worte „voll Weite, Gliick und Wind". Ich erinnere mich, sie 
gelesen zu haben und weiB durchaus nicht, wo? 3 

Horen Sie zum SchluB, da ich nun einmal Philosophie 

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studiere - zwar nichts von Philpsophie (ich lese Kant, Schiller, 
Bergson fur Seminarien) - aber von Philosophen. 

Gestern geschah es zum ersten Mai solange ich studiere, 
daB ich mich in einem kleinen Kreise von Fachphilosophen 
fand, eingeladen zumEmpfangsabend bei einem Privatdozen- 
ten 4 . Dies ist ein groteskes Schauspiel gewesen, von innen 
und auBen. Innen, das bin ich: ich fiihle mich natiirlich ganz 
unziinftig, weil ich zwar viel philosophiere aber dies ist bei 
mir doch ganz anders : mein Denken geht immer wieder von 
meinem ersten Lehrer Wyneken aus, kommt immer wieder 
dahin zuriick. Auch bei den abstrakten Fragen sehe ich im 
Gefiihl immer die Antwort in ihm vorgedeutet. Und wenn 
ich philosophiere, so ist es mit Freunden, Dilettanten. Also 
vollig verlassen unter diesen Menschen, die mit etwas mehr 
Bedacht (vielleicht?) und mehr Wissen, denn sie haben schon 
ausstudiert, reden. 

Aber nun von auBen ist es doch ebenso seltsam. Ich habe 
kaum etwas so heiter Tragisches gesehen! Hier im Gesprach, 
wo sie sich natiirlich offener, freier als Persbnlichkeiten, jeder 
als der Denker, der er ist, bewegen: da sehe ich die kindliche 
Urspriinglichkeit, mit der jeder von vorn anfangt. Die „Schu- 
len", denen ich in den Zeitschriften begegne und von denen 
man weiB, losen sich in lauter Einzelmenschen auf, die sich 
frohlich oder erbittert bekampfen. Leute, die nach auBen, im 
Colleg, Rationalisten sind, sagen gestern: das ist ja alles 
gleich; Ideen brauchen wir, produktive Ideen! Sie sehen diese 
Lebendigkeit und dabei immer das Streben zur „Wissen- 
schaft", und dagegen wieder der Drang, eine Idee zu fassen, 
die unser Leben heute weiterfuhrt. 

Ich hielt mich sehr zuriick und stutze mich nur auf den 
Trost: manche unausgedachte Gedanken, immerhin: von 
denen ich weiB, daB es Gedanken sind, habe ich im Hinter- 
halt. Dann fand ich auch einen alteren Studenten, der viel 
von Philosophie wuBte und mit dem ich mich im Gesprach 
verstiindigte. Aber mein tragisches Schicksal verfolgt mich: 
im Hauptf ach war er Historiker ! 

Bitte entschuldigen Sie einen Brief von so Vielerlei. Aber 
soil er schon einheitlich sein, dann miiBte ich Ihnen viermal 

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die Woche schreiben wie Herrn Sachs, der gestern 28 (!) Sei- 
ten von mir bekam. 

Entschuldigen Sie auch meine schlechte Schrift — ich 
schreibe auf Bogen, die mir ungewohnt sind — und warten 
Sie mit Ihrer Antwort bitte nicht, bis Sie den „ Dialog iiber 
die Religion" haben. Zwar bekommen Sie ihn, doch ich fand 
immer noch nicht Zeit, den zweiten Teil typen zu lassen. 

Herzlich gruBend Ihr Walter Benjamin 

1 SchluBverse des 4. Aktes. 

2 Heinle. 

3 Der Vers ist aus dem dritten Teil von Rilkes „Stundenbuch". 

4 Richard Kroner. 



16 An Herbert Belmore 

Freiburg [7. 6. 1913] 

Lieber Herbert! 

Dieser Brief erreicht Dich von der Hbhe der Ereignislosig- 
keit. Ich habe namlich in diesem Semester nur inhaltliche 
(um nicht zu sagen inhaltvolle) Briefe geschickt, fiihle mich 
aber endlich verpflichtet, die Sache mir weniger leicht zu 
machen, Euch also von gleicher Hohe her zu erwidern. Ich 
ertappe mich also im Zustand vollstandiger Seelenlosigkeit 
undversuche: 

Hier ist sehr schones Wetter jetzt schon nicht mehr, 

es ist etwas wolkiger. Wie ist die Prognose fiir morgen? 
(Antworte umgehend!) Neulich — Anfang Juni — gab man 
im Stadttheater noch die zuckersiiBe „Maienkonigin" von 
Gluck. Die Kulisse hatte Frau Oppler Leyband [?] gemalt. 
Am besten spielte der Philinth. - Nachher tanzten die drei 
Schwestern Wiesenthal (auBer Grete). 

Ich aber las gestern an einem literarischen Abend ein 
wenig Rilke vor, auBer diesem lasen Keller und Heinle. Du 
weiBt noch nicht, wie Heinle dichtet; hore sein Letztes: 



60 



Portrait. 
Aus gelben Linnen steigt gebraunt und klar 
Der schmale Hals grad. Aber sehr bewuBt 
Verschenkter Feste sinkt versengtes Paar 
In schonen Bogen zu geschweifter Lust. 
Wie dunkle Trauben springt der Lippen Paar 
Vor jaher Reife zu bewegter Brust. 
Natiirlicb ist dies Manuscript! Liest Du Ludwig StrauB' 
herrliche Gedichte in der „Freistatt"? J 

Schicke mir doch das Manuskr. Deines Vortrags in der 
Abt. f. Schulrfeform]. War er gut besucht? 

Heute abend sehe ich vielleicht Tegernseer Bauern: Die 
Medaille, erster Klasse. 

Heute nachmittag fing ich eine Novelle an zu schriftstel- 
lern mit dem schtinen Titel: Der Tod des Vaters. Vorwurf : 
ein junger Mann verfiihrt bald nach dem Tode seines Vaters 
das Dienstmadchen. Wie dann diese beiden Ereignisse zu- 
sammenflieBen und eine Schwere die andere (Schwanger- 
scbaft des Madchens) in der Wage halt. 

Der Stoff ist aus dem Leben von Herrn Manning, das ich 
in Mitternachtsstunden ab und zu nach dieser oder jener 
seiner unendlichen Dimensionen kennen lerne. Kellers neuer 
Roman geht jetzt sehr langsam vorwarts, was aber geschrie- 
ben ist, ungefahr 10 Druckseiten, ist gut. Neulich war ich 
zum jour beim Philosophen [Richard] Kroner und war horf- 
nungslos unziinftig in dem Kreise der Fachleute. Ich lernte 
ein Exemplar einer bisher mir fabelhaften Gattung kennen, 
ca 26jahrige Jiidin, die Kunstgeschichte studiert und 3 Kate- 
gorien von Kunsturteilen hat: wundervoll, suB, groBartig. 

[Jonas] Cohns Seminar iiber die „Kritik der Urteilskraft" 
und Schillers Asthetik ist chemisch gedankenrein. Man hat 
nicht mehr, als daB man die Schriften liest. Spater einmal 
werde ich iiber sie nachdenken. In Rickerts Seminar sitze ich 
auch da und knabbere meine besondere Wurst. Nach dem 
Seminar gehen dann Keller und ich ins Marienbad und sind 
uns einig und glauben mehr einzudringen als Rickert. In 
seinem Colleg ist jetzt das literarische Freiburg; er liest 
augenblicklich als Einleitung in seine Logik eine Skizze sei- 

61 



seines Systems, welches eine vollkommen neue philosophische 
Disziplin begriindet: Philosophie des vollkommnen Lebens. 
(Die Frau als seine Reprasentantin) So interessant wie pro- 
blematisch. 

Betriibt schlieBe ich in der Erkenntnis, daB auch dieser 
Brief einzelne interessante und inhaltliche Stellen enthalten. 
wird. 

GriiBe Willi. GruB. GriiBe Franz. 
GriiBend Dich 
Dein 

ich: Walter 

Benjamin (d. h. ich). 

1 Einer jiidischen Zeitschrift. Gemeint sind die Gedichte in Band I, 
S. 118-120. 



17 An Herbert Belmore 

[Freiburg] 23. Juni 1913 

Lieber Herbert, 

es will mir hoflich scheinen, Dir wieder einmal zu schrei- 
ben, — obwohl Du die letzte Nachricht von mir empfingst. 
Aber ich fiille damit einige Minuten aus und entziehe mich 
so anstrengenderer Arbeit. Es fehlt uns ein Gesprachsthema 

- nicht wahr? — So daB ich jedesmal unverhaltnismaBig viel 
Geist konzentrieren muB, um an Dich zu schreiben. 

Diesmal sei es ein Hinweis auf Hauptmanns jugendhaft 
gottliches Jubilaumsdrama. DaB eine solche unsterbliche und 
frohliche Schopfung entstehen konnte und Hauptmanns Pro- 
blematik nun endgiiltig zum groBen Dich'ter und freien 
Menschen lost — das als einziges versohnt mich mit dem 
Jubilaum, unter dem ich allerdings nicht gelitten habe. Wenn 
Du dies Drama noch nicht gelesen hast, dann erlebe nur mog- 
lichst bald eine der schonsten Stunden. Seit sehr langer Zeit 

- ich glaube seit Spitteler— hat mich Kunst nicht mehr geistig 
so erschiittert d. h. gehoben. Schon und erfreulich ist es, daB 

62 



man dies Stuck verboten hat: eine historisch angemessenere 
Einsicht in seine Gro.Be kann ich mir nicht vorstellen. Damit 
ist nicht nur ein Stuck Vergangenheit, sondern Gegenwart 
rationalisiert. 

Morgen schreibe ich an Wyneken. Ich wiederhole ihm auf 
das dringendste einen Vorschlag, den ich machte als ich von 
dem Verbot erfuhr und erst wenige Zeilen kannte: Das 
August-Heft des „Anfang" als Hauptmann-Heft diesem 
Festspiel zu widmen. Die Jugend moge einer politisch ver- 
kalkten Offentlichkeit antworten. Wir sind tatig : Heinle hat 
seinen Artikel iiber das Festspiel bereits [!] (pathetisch- 
agitorisch) ich schreibe morgen den meinigen: mein Gedan- 
kengang ist schon aufgezeichnet: Das Jahrhundertfestspiel 
oder die Jugend und die Geschichte 1 . Ich glaube einiges We- 
sentliche zu sagen zu haben. DaB Ihr Berliner das Stuck 
sogleich lest und unsern (Heinles und meinen) Plan fur das 
August-Heft energisch unterstiitzt, darauf rechne ich fest. 
Ich bin nun einmal nicht in Berlin. Aber werden wir sob aid 
wieder Gelegenheit finden, zu zeigen, was jugendliches Urteil 
in der Offentlichkeit soil? Dieses Heft wird fur die Sache 
wirken. Fur unsere vor allem, auch Hauptmanns, es wird 
aktuell.sein und viel gekauft werden! Schreibt Ihr, was Ihr 
iiber die Angelegenheit des Jahrhundertspiels zu sagen habt! 
Moglichst grundlich und zugleich moglich[s]t wenig tech- 
nisch-asthetisch. 

Morgen wie gesagt schreibe ich Wyneken, spatestens iiber - 
morgen, jedenfalls so, daB ich ihm meinen und Heinle [s] 
Artikel beilegen kann. Dann erwarte ich baldige Antwort 
auch von Euch. Ihr werdet Euch mit Wyneken in Verbin- 
dung setzen und auch mit Barbizon. Uns ist die Sache so 
wichtig wie hoffentlich Euch. 

Gestern schrieb ich hier einen Artikel „Erfahrung" 2 . Ver- 
mutlich das Beste, was ich bisher fur den Anfang schrieb. Er 
soil ins Septemberheft. Werbt! Werbt! Wir konnen garni cht 
wissen, wie viel wir bewegen. Unbedingt muB der „ Anfang" 
erhalten bleiben als erstes rein geistiges (nicht asthetisches 
od. sonst wie) Blatt, dennoch fernstehend der Politik. 

Ich muB schlieBen; wenn ich Dir sage, daB ich gegenwar- 

63 



tig in diesen Dingen lebe, verbunden mit weitern Gedanken 
zur Ethik des Intellektualism. u. s. f . so weiBt Du auch per- 
sonlich das Wichtigste. 

Was? Im August nach Gibraltar? Dann sehen wir uns ja 
nie mehr! 

Salve, scriba, valeas 

Walter. 

1 Erschien unter dem Titel : Gedanken iiber Gerhart Hauptmanns Fest- 
spiel, von Ardor, im Augustheft 1913 des „Anfang". 

2 Erschien dort im Oktoberheft. 



18 An Herbert Belmore 



Freiburg, 23. Juni 1913 



Lieber Freund, Dein Brief erheischt dringend Beantwortung. 
So schreibe ich und lasse michs nicht kummern, daB ich schon 
heute vormittag Dir schrieb. 

Adressen sind keine Illusion. Indem ich den vorigen Brief, 
auf den Du vor allem Dich beziehst, Franz schickte, war das 
nicht der gleichgiiltige Empfanger irgendeines gelehrten 
Theorems. Dieses muB ich schreiben, damit Du Dich er- 
innerst, daB ein Brief, dessen Schwall und Unklarheit Dich 
so sehr stort, nicht an Dich war. Ich schrieb diesen Brief und 
diese Satze an Franz. Hatte ich diese Ansichten iibrigens 
erst in reiferm Stadium ihrer Entwicklung — Dir geschrie- 
ben, so waren sie anders geformt. Fur die Ansichten aber bin 
ich Dir natiirlich Rechenschaft schuldig. Warum aber ant- 
wortete Franz nicht? Oder tat ers durch Dich? 1st er schon 
ebenso sicher wie Du? - Dann hatte ich mich getauscht, da 
ich doch grade bei ihm tiefere Unklarheit und Zweifel, und 
also auch mehr Bereitwilligkeit voraussetzte als bei Dir. Dir, 
wie gesagt, waren diese Gedanken erst in entwickelterem Sta- 
dium vor Augen getreten. Aber das hilft nichts. 

Lang wird dieser Brief wohl nicht werden, denn diese 
Zeilen sollen nur Dir die fruhern klarer machen. „Herzlich u 



64 



aber (bei aller immanenten Herzlichkeit) kann dieser Brief 
auch nicht werden, lieber Herbert — sondern vielleicht ein 
bischen polemisch. Denn ich mochte doch nicht, daB Du etwa 
ira Herb st eine tTberraschung erlebest, und daB doch etwa 
nicht alles was Du einem bosen Klima und der heillosen Ent- 
fernung zuschreibst, sich als voriibergehende Erscheinung 
erwiese. Zuvor erfahre noch, daB mir, der ich iiber diese 
Dinge nachgedacht habe, wenig damit gedient ist, daB Du 
mir „gereizte Notwehr" diagnostizierst. Und iiber meine 
Stimmungen ist zu sagen: LaB diese ersten Freiburger Brief e 
nicht langer in Deiner Schublade nachwirken, als in meinem 
Gehirn. Jetzt bin ich zwar einmal sehr ernstfljich 1 gewesen 
— wie in Franzens Brief zu lesen — niemals aber „zum Tode 
betriibt". 

Und noch eins : Der Auf satz „Romantik" ist unverandert, 
wie Du ihn kanntest, gedruckt. 2 

Zur Sache: was Du iiber die Frau zuerst sagst, das ist im 
ganzen auch meine Meinung. „Je weniger wir durch die so 
iiblen ,pers6nlichen 4 Erf ahrungen getriibt und verwirrt sind." 
Wie sehr das meine Ansicht trifft, wirst Du wissen, wenn Du 
meinen Auf satz „Erfahrung" kennen wirst. Und sehr schon 
sagst du „der Mann muB zart sein, muB weiblich werden 
wenn die Frau mannlich wird." So fiihlte ich schon lange. 
Auch Deine einfachen Formeln fur Mann und Frau: Geist- 
Natur/Natur-Geist mogen wahr sein — ich allerdings ver- 
meide hier konkret zu reden und spreche vom Mannlichen 
und Weiblichen lieber: Denn wie sehr durchdringen sich 
beide im Menschen! Und so verstehst Du, daB ich die Typen 
„Mann" „Weib u fiir etwas primitiv imDenken einerKultur- 
menschheit erachte. Warum bleiben wir allermeist bei dieser 
Teilung stehen (als Begriffsprinzipien? gut!) Aber wenn man 
Konkretes meint, so muB die Atomisierung viel weiter gehen, 
bis ins Einzelnste Individuum hinein. Europa besteht aus 
Individuen (in denen Mannliches und Weibliches ist) nicht 
aus Mannern und Weibern. 

Wie weit die Geistigkeit des Weibes geht, wer weiB es? 
Was wissen wir vom Weibe? So wenig wie von der Jugend. 
Wir erlebten noch keine Kultur der Frau, so wenig wir eine 

65 



Jugendkultur kennen. Aber Du, Herbert, forderst das „un- 
bedingte Ja". Wer von uns ist nun eigentlich der Unbedingte? 
Ich, der ich sage: Ananke moge es gefiigt haben, wie auch 
immer, der ich jede Wirklichkeit verleugne, die sich nicht der 
Idee fiigt? Oder Du, der seine Meinung der Frau auf Wirk- 
lichkeit griinden muB und den dazu erforderlichen Welt- 
plan Ananke in die Schuhe schiebt? „Es ware ja Danaiden- 
qual, das Unerlosbare erlosen zu wollen." Wir wissen von 
Unerlosbarkeit so wenig wie von Erlosbarkeit. Und unsere 
Erlosung geschieht durch die Liebe! - Aber, gewifi; Du 
magst es Danaidenqual nennen. Und sicher ist das Dasein 
der Menschheit Danaidenqual, welche einen unerdlichen, 
selbst-zweckhaften Geist zu erzeugen hat — und einst wird 
der Menschheitstod eintreten - oder auch nie. Beides gleich 
trostlos. DaB jenes „als-ob" und die Erlosung des Unerlos- 
baren Weltsinn ist, den wir verhangen, das sollten wir doch 
von Wyneken wissen. 

Aber: durch Deinen Brief geht schlecht verhaltene Ent- 
riistung iiber meine Ansichten liber Prostitution — jedenfalls 
mache nur meine Gedanken dafur verantwortlich nicht 
andres. Die Ansichten kann ich Dir nun augenblicklich (wie 
niemals!) nicht beweisen. Aber zeigen kann ich Dir, daB Du 
selber Dich mit Unklarem begniigst, daB wir bei solchen Be- 
quemlichkeiten wie erst Franz sie schrieb und nun Du, nicht 
stehen bleiben diirf en. Wirklich mir scheint, daB ich das 
Wesentliche schon schrieb. 

Welchen sittlichen Sinn hat das Leben der Dime? 
Oder glaubst Du, daB wir um diese Frage herum kommen. 
Wir fur uns — nicht wahr? - nehmen Sittlichkeit und Per- 
sonenwiirde in Anspruch. Aber wir sollen es wagen uns vor 
die Dime zu stellen und nennen sie Priesterinnen, Tempel- 
gerate, Koniginnen und Symbol. Du muBt wissen, daB mich 
das so sehr emport, wie Franzens „Mitleid u . Noch viel mehr. 
Denn mit diesem Mitleid, (das immer noch el end genug 
bleibt fur den der mit ihr schlaft — aber es kann wenigstens 
ehrlich sein) ist die Dime doch noch sittlicher Mensch. Und 
der hat noch mehr Gewissen, der sie zum Sittlich-Schlechten 
macht als der, der sie unmenschlich, unsittlich macht. Irgend 

66 



ein schones Ding ist Dir die Dime. Du achtest sie wie die 
Mona Lisa, vor der man auch keine gemeine Gebarde maclit. 
Aber Du denkst Dir nichts dabei, tausende von Frauen zu 
entseelen und sie in die Galerie der Kunstwerke hiniiber zu 
schieben. Als ob wir gar so kunstwerksam mit ihnen verfuh- 
ren! Sind wir ehrlich, wenn wir die Prostitution „poetisch" 
nennen. Ich protestiere im Namen der Poesie. Und unendlicb 
bequem sind wir, wenn wir glauben mit subjektiven Selbst- 
Erhebungen der Dime einen Lebenssinn geben zu konnen. 
— Ich mochte, Du sahest den schalen Asthetizismus in dem 
was Du schreibst. Du selber willst nicht auf Menschlichkeit 
verzichten. Aber doch soil es Menschen geben, die Sachen 
sind. Du privilegierst Dir die Menschenwiirde. Das andere 
sind schone Dinge. Und warum? Damit wir eine edle Geste 
fur unedle Taten haben. 

Wenn wir selber sittlich sein wollen, wenn wir zugleich 
die Prostitution anerkennen wollen, so gibt es nur eine Frage : 
Welchen sittlichen Sinn hat das Leben der Dime? — Indem es 
ein sittlicher ist, kann es kein andrer sein, als der unsres eig- 
nen Lebens. Denn Du fragst noch zu schuchtem: „Entweder 
sind alle Frauen Prostituierte oder keine?" Nein: „Entweder 
sind alle Menschen Prostituierte oder keiner." Nun, ant- 
worte wie Du willst. Ich aber sage: wir alle sind es. Oder sol- 
len es sein. Wir sollen Ding und Sache sein vor der Kultur. 
Wahrlich : Wenn wir selber so eine Art privater Personlich- 
keitswiirde uns reservieren wollen, so verstehen wir nie die 
Dime. Aber wenn wir selbst all uns ere Menschlichkeit als ein 
Preisgeben vordemGeist empfinden und kein privates Gemiit, 
keinen privaten Willen und Geist dulden - so werden wir die 
Dime ehren. Sie wird sein was wir sind. Jetzt wird das, was 
Du dunkel meinst mit „Priesterin und Symbol" wahr werden. 
Die Dime stellt dar den vollendeten Kulturtrieb. Ich schrieb: 
sie vertreibt die Natur aus ihrem letzten Heiligtum, der Sexu- 
alitat. Wir wollen eine zeitlang schweigen von der Vergei- 
stigung des Geschlechtlichen. Diesem kbstlichen Manner - 
inventar. Und wir reden von der Vergeschlechtlichung des 
Geistigen: Dies ist die Sittlichkeit der Dime. Sie stellt im 
Eros die Kultur da[r], Eros der der gewaltigste Individualist, 

67 



der kulturfeindlichste ist, auch er kann pervertiert werden, 
auch er der Kultur dienen. 

Damit glaube ich meine Meinung kurz und klar gesagt zu 
haben. Ohne sie verstehen zu wollen, kannst Du sie nicht ver- 
stehen, sondern — . Die Jammerleute [?] reden von „Verherr- 
lichung des Dirnentums." Sie haben einen guten Instinkt. 

Ich aber hore vielleicht von Dir, daB Deine merkwiirdige 
Koordination (einmal) poetisch dann priesterlich — imGrunde 
dieses meinte. 

Dein Walter 

PS Sire, geben Sie Gedankenfreiheit! 

Was Deine „chaotische Schamlosigkeit" heiBt, weiB ich 
nicht - Du hast wohl nur weniges von meinem letzten Briefe 
verstanden. 

2tes ps Heute friih erhielt ich einen Brief von Franz; da- 
mit gilt alles vorstehende auch fur ihn. Mit gleicher Post 
kam ein Brief von Wyneken „betreff end die weibliche Psyche 
stimme ich mit Ihnen iiberein: „als ob". Biologisch-psycholo- 
gisch ja, das mag Gott wissen." 

Denkt iiber die Schriften Wynekens, der vorlaufig noch 
uns alien iiberlegen ist, nach. 

Mit ihm werde ich gelegentlich Eure Briefe besprechen. 

1 Vielleicht ist aber „frohlich" zu lesen. 

2 Im „Anfang", Juni 1915. 



19 An Herbert Belmore 

3. Juli 1913 

Lieber Herbert, 

nichts sollte Dich kranken in meinem Brief. DaB ich Dir erst 
entwickeltere Gedanken geschrieben hatte ist keines — Kran- 
kung oder Ehre - sondern ein Instinkt meines Verstandes. 
Nur - um gotteswillen - erbffnet keine Geheimniskramerei 

68 



mit meinen Brief en: nach wie vor geht Alles an Euch alle. 
Und damit gut! 

Nicht ersparen kann ich Dir diesen Schmerz: auch meinen 
letzten Brief hast Du nicht verstanden. Aber keine neuen 
Widerlegungen. Nachdem ich vieles erwogen, beschloB ich, 
Euch auf eine Novelle zu vertrbsten, die ich augenblicklich 
schreibe. Wenn sie gelingt, so werdet Ihr sie erhalten; und 
vielleicht in sehr versch[w]iegner Sprache verstehen, was 
ausgesprochen unverstandlich zu sein scheint. Das wird bes- 
ser sein als hoffnungslose Brief erklarungen. Nur dies: stets 
handelte es sich fiir mich darum : schon der jetzigen Prostitu- 
tion einen absoluten Sinn zu geben. Magst Du dies iibereilt 
nennen! ich denke nun einmal nicht anders. Und schlieBe bis 
auf mtindliche Besprechung oder bis die Novelle kommt mit 
den schonen Worten der Marion aus „Danton's Tod": „Es 
lauft auf eins hinaus, an was man seine Freude hat, an Lei- 
bern, Christusbildern, Weinglasern, an Blumen oder Kinder- 
spielsachen; es ist das namliche Gefiihl; wer am meisten 
genieBt, betet am meisten." 

Aber: sich freuen konnen und zu tun, als sei man freund- 
lich - dies ist die hohe Tugend der Dime. So deute ich Ma- 
rion — sonst magst Du ihre Worte getrost fiir Dich bean- 
spruchen. 

DaB Du mir aber das zutraust: der Mann soil sich bei der 
Dime befriedigen, damit er frisch gestarkt (und friedlich- 
heiter) an seine Arbeit geht! Hal[t]st Du mich fiir einen 
Botokuden? 

Wegen eines Hauptmann-Heftes setze Dich mit Barbizon 
in Verbindung. Nach langen Erwagungen sind die Griinde 
pro und contra fiir mich gleich stark. Bei Barbizon wirst Du 
Heinles und meinen Artikel iiber das Festspiel fiir die nach- 
ste Nummer finden. Desgleichen meinen Artikel „Erfah- 
rung". Die Hauptmann- Artikel jedenfalls sind schon jetzt 
Fundament einer Besprechung mit Barbizon: ich verwies 
ihn auf Dich — wie Dich auf ihn. 

Wie froh ich bin, keine Zeitungen zu lesen: wenn mir der 
Schmutz wegen Hauptmanns oder des Anfangs einmal durch 
Euch zu Gesicht kommt. 



69 



Von Freiburg ein weniges (aus Pflichtgefiihi). 

Endgiltig ist Heinle der einzige Verkehr von Studenten 
geworden, den ich wirklich personlich fiihre. Keller ist jetzt 
neurasthenisch — selten sehen wir uns und dann sprechen wir 
mit BewuBtsein vorsichtig. Neulich wurde ich Zeuge einer 
furchtbar peinlichen Szene, in der Freiburger Klatsch zwi- 
schen Manning, Englert und Keller ausgetragen wurde - Be- 
leidigungen, Verdachtigungen u.s.w. Dinge, die man schrift- 
lich garnicht ohne viel Gewasch wiedergeben kann. DaB 
Heinle und ich garnicht s hiermit zu tun hatten — sondern 
von beiden Parteien als Unbeteiligte geachtet werden, mag 
Dir fur unsere sichere und ganzlich isolierte Stellung zeu- 
gen. 

Zu unsern treuen Gasten am literarischen Abend und in 
der Schulreform u. am Dienstag gehbren 2 altere Studenten, 
die an Wyneken und uns in riihrender Weise beginnen, ihren 
geistigen Menschen aufzubauen, ernst und unentwegt. Die 
eine von ihnen ist vielleicht nicht einmal klug. Die Abende 
fur Schulreform (8-10 Besucher) sind standig auf hohem 
Niveau. Wesentlich ist, daB Abend fur Abend Wyneken be- 
sprochen wird, daB wir mit unsrer unbedingten Schuler- 
schaft nicht hinterm Berge halten — daraus folgt alles. 

Neulich lernte ich eine Studentin aus Essen hier kennen, 
die Benjamin heiBt. Wir machten einen Spaziergang auf den 
Schonberg, den ich erst in diesem Semester entdeckte und der 
einer der schonsten Gipfel ist die ich kenne. Nachstens will 
ich nachts mit Heinle hingehen. 

Wir sprachen vielerlei unangestrengt und frbhlich — jedes- 
mal wenn ich an dies en Spaziergang denke, merke ich, wie 
sehr mir hier Menschen fehlen. Denn Heinle ist eben der 
einzige. 

Solchen Spaziergang machte ich einmal mit der Schwester 
von Wolfgang Brandt, die nicht schon ist aber ein braunlich 
feines Gesicht hat. Am Sonntag iiber 14 Tage werde ich mit 
ihr (und leider noch einem Scheusal von Studentin) eine 
Tour auf den Plauen machen. 

Willst Du wissen, daB gestern hier Versammlung wegen 
Hauptmann war? Es war schandlich. Ein philosophisch ge- 

70 



bildeter Banause schwatz[t]e Unsinn ohne Ehrerbietung. 
„Und speziell wir Breslauer hatten gewiinscht, daB . . . (die 
Stadt Breslau als Mutter der Bewegung auch vorgekommen 
ware)" „Man umgeht nicht ungestraft die geliebten Anekdo- 
ten u. Erinnerungen des Volkes" sonst - u. im Ganzen 
natiirlich dafiir. Pfui Teufel! 

In der Diskussion: Keller. Schlecht aufgelegt - man 
merkte, daB er wirken wollte. Esgelang nicht— man rumorte. 
Heinle und ich trampeln. Umgeben von Scharrenden. Im 
ubrigen sprach Keller die einzigen hoffnungslos verniinfti- 
gen Worte. Ich sagte zu Heinle: „Wenn ich diese Menschen 
hier im Saal naher kennte - ich miiBte doch empfmden: so- 
viel Menschen, soviel erbitterte personliche Feinde." 

Ich schlieBe: unsere Arbeit geht vorwarts — ich arbeite 
einige Philosophie (nicht sehr viel, leider) lese Heinrich 
Manns: kleine Stadt, die fliichtige Lobpreisungen verbietet — 
und versuche mich an meiner 2 ten Novelle. 

Dein Walter. 



20 An Carta Seligson 

Freiburg, den 8. Juli 1913 

Sehr geehrtes Fraulein Seligson, 

Haben Sie Dank fur Ihren Brief. - Er traf mich nicht unvor- 
bereitet hier in Freiburg. Was Sie schrieben und was ich hier 
erlebte, das fasse ich in die Eine Frage: Wie retten wir uns 
selbst aus dem Erlebnis unsrer zwanziger Jahre? 

Vielleicht wissen Sie nicht, wie sehr Sie recht haben — aber 
wir merken wirklich eines Tages, daB uns etwas genommen 
wird (nicht, daB wir es zu lange hatten, aber daB man es uns 
nicht mehr laBt). Wir sehen all die um uns, die das Gleiche 
einmal erlitten und sich in Kalte und Oberlegenheit hinein- 
retteten. Wir fiirchten garnicht etwas, was wir erleben, son- 
dern die verzweifelte Folge: daB wir danach erstarren, eine 

71 



ewig gleiche und feige Geste annehmen. Ich erinnere mich 
in diesen Tagen oft an Hof mannsthals Verse : 

„und dafl mein eignes Ich, durch nichts gehemmt 

heriiberglitt aus einem kleinen Kind 

mir wie ein Hund, unheimlich stumm und fremd" 1 

Nicht wahr? jetzt handelt es sich fur uns darum, ob dieses 
Wort ganz wahr werden soil, und ob wir uns selbst zu solchem 
Dasein entschliefien miissen, nur um uns zu wehren vor den 
andern, die auch so „unheimlich stumm und fremd" sind. 

Wie konnen wir uns treu bleiben, ohne grenzenlos hoch- 
miitig und iiberspannt zu werden? Man verlangt von uns 
unpathetische Einpassung und wir sind ganz lacherlich in 
unserm Allein -Sein, das wir bewahren wollen — und das kon- 
nen wir nicht begrxinden. 

Dieses fiihlte ich, als ich aus dem gewohnten Kreise Berli- 
ner Freunde hier heriiber kani; ich fand Distanzierung, MiB- 
verhaltnisse, Nervositat — ich habe jetzt zum ersten Mai die 
Einsamkeit kennen gelernt, ich machte sie mir zur Lehre: 
indem ich 4 Tage allein durch den Schweizer Jura eine Wan- 
derung machte; ganz allein mit meinem angestrengten 
Korper. 

Ich kann Ihnen noch nicht sagen, bis zu welcher Ruhe ich 
dieses Alleinsein gebracht habe. Aber wenn ich Ihnen in 
meinem ersten Brief so sehr mein Zimmer mit seinem Fen- 
ster auf den Kirchplatz hinaus pries, so bedeutet das nichts 
andres, als eben diese Ruhe. 

Ich trennte mich hier ganz von einem Menschen 2 wegen 
dessen ich her gekbmmen war; denn er wollte mit 22 Jahren 
der 40jahrige sein, wie viele der geistigsten jungen Menschen 
um uns. Es ist auch sehr wahr, daB ich mit 20 Jahren jetzt 
nicht die geringste Gewahr fur den Erfolg eines Lebens habe, 
wie ich es jetzt fiihre: sehr mit der Unterstiitzung des „An- 
f ang" mit Abteilungsorganisationen beschaftigt und getrennt 
von meinen Freunden. Diese bekamen in den ersten Freibur- 
ger Wochen Briefe, die ungleich, verwirrt, manchmal nieder- 
geschlagen waren, und an 2 Tagen hier in Freiburg war ich 
ganz vollendet ungliicklich. 

In den letzten Wochen also habe ich sehr ruhig fur den 

72 



„Anfang" gearbeitet. Im nachsten Heft werden Sie von mir 
„Gedanken iiber Gerhart Hauptmanns Festspiel" lesen, im 
Septemberheft einen Aufsatz „Erfahrung". 

Vor ein paar Tagen besuchte mich hier mein Vater, und 
ich war iiberrascht, wie sehr zuriickgezogen und freundlich 
ich war. (Mein Vater steht naturlich meinem Wollen fremd 
gegeniiber). Ich versichere Sie daB dies ohne alien Hochmut 
so ist. 

Wie kommt es? / Neulich sah ich auf der Strafie einen 
Schuljungen. Ich dachte: fiir den arbeitest du jetzt — und wie 
fremd ist er dir, wie unpersonlich deine Arbeit. Indem sah 
ich ihn noch einmal an. Er trug Biicher in der Hand, hatte 
ein offnes kindliches Gesicht, nur von einer leichten Schul- 
betriibnis iiberzogen. Er erinnerte mich an , meine eigne 
Schulzeit: garnicht abstrakt, garnicht unpersonlich mehr 
schien mir meine Arbeit am „Anfang". 

Ich glaube wirklich, wir werden zum zweiten Male in 
unsrer Kindheit heimisch, die zu vergessen uns diese Tage 
lehren wollen. Wir miissen nur ein wenig unbekiimmert um 
diese schwierige Gegenwart und um uns selbst ein verniinf- 
tiges Allein-Sein leben, wir werden uns ganz fest auf die 
Jugend verlassen, die die Formen fur die Zeit zwischen Kind 
und Erwachsenem finden, schaffen wird. Diese Zeit leben wir 
noch ohne Formen, ohne gegenseitiges Sich-Tragen — eben: 
allein. Ich glaube aber, daB wir eines Tages sehr frei und 
sicher unter die andern gehen diirfen. Weil wir wissen, daB 
diese in ihrer Menge so wenig „unheimlich stumm und 
fremd" sind wie wir selbst. Woher wissen wir das? 

Weil wir die Offenheit und Herzlichkeit von Kindern, die 
spater auch 20 Jahre sein werden, vorbereiten wollten. 

Denken Sie an die heimlich-edlen Gesten der Menschen 
auf den Bildern der Fruh- Renaissance. 

Moge es Sie nicht verstimmen, wenn ich mit diesen Wor- 
ten, die ich nur von mir aus sagen konnte, nichts traf, was 
Ihnen wesentlich ist, wenn ich im Irrtum zu allgemein 
sprach, 3 Aber auch Sie werden fuhlen, daB alles darauf an- 
kommt, uns nichts von unsrer Warme zu Menschen nehmen 
zu lassen. Mag es auch sein, daB wir sie fiir eine Zeit aus- 

73 



drucksloser und abstrakter bewahren miissen; sie wird blei- 
ben und doch Gestalt finden. 
Seien Sie herzlichst gegriiBt! 

Ihr Walter Benjamin 

1 Terzinen I (Ober Verganglichkeit). 

2 Philipp Keller. 

3 Carla S. hatte em schweres Erlebnis gehabt, von dem sie in ihrem 
Brief am 2. Juli geschrieben hatte. 

21 An Franz Sacks 

11. Juli 13 
Lieber Franz, 

sicher haben wir alien Grund, uns iiber die dritte Anfang- 
Nummer zu freuen; Barbizon erhielt meine Kritik schon. 
Die Nummer eignet sich alles in allem sehr zur Propaganda, 
ist zugleicb aber doch sichrer und interner als die vorherigen. 
In Deinen Einzelurteilen gebe ich Dir Recht bis auf Heinle. 
Es geniigt doch, daB sein Aufsatz, wie Du zugibst, charak- 
teristisch ist - wie oft haben wir auf der Schule ungesagt 
jenen maBlosen Zorn gefiihlt, der hier ausgedriickt ist. Als 
Ausdruck dieser Stimmung hat Heinles Aufsatz 1 sein gutes 
theoretisches (und hygienisches) Recht. Er gibt nicht Tat- 
sachen sondern Gefiihle. Wynekens Redaktionsbemerkung 
besteht gleichwohl zu Recht. — Aber Du sprichst von einem 
„herauszubildenden Ton" des Anfang. Wir werden uns hier 
wohl einig sein: aber allgemein muB man sich huten, allzu 
bestimmte Begriffe von dem was Jugend und Anfang ist, mit- 
zubringen. So schrieb ich auch Fritz StrauB 2 auf seine Kritik 
von Heft 2. 

Ich bitte Herbert, wenn moglich, mir jetzt schon seinen 
Aufsatz zu schicken; ich habe hohe Erwartungen und mochte 
ihn hier vielleicht in kleinem Kreise schon vor seinem Er- 
scheinen im Anfang vorlesen. Also soil er ihn bitte senden! 

Nun freut es mich sehr, und ich finde es sehr anstandig 
von Dir, daB Du das 1. Presidium 3 in Berlin ubernehmen 
willst. Hoffentlich wirst Du gewahlt! 

74 



Bei der weitsichtigen Art, mit der ich solche Uberlegun- 
gen anstelle und Konsequenzen bis in feme Semester hinein 
bedenke, hatte ich ja keine durchgreifenden Griinde: weder 
abzulehnen noch anzunehmen. Nur weifi ich, daB ich jetzt 
so ein Semester fiir hoffentlich einigermaBen intensive philo- 
sophische Arbeit gewinne. DaB Du eins der Deinigen opferst, 
ist jedenfalls ein Ersatz fiir mein Wirken dort; und von der 
anderen Seite gesehen: es ist auch verniinftig, daB Du Dir 
(da Du nun einmal in Berlin studierst) so Dein Semester mit 
studentischer Tatigkeit einmal intensiv erfiillst. Einen Rat- 
schlag gebe ich Dir mit, simpel wie der eines morgenlandi- 
schen* Weisen: sei immer klug bisweilen kiihn. 

Sicherlich konnen wir die Fr.St. jetzt auch ideell vertreten. 
Vielmehr, sie wartet formlich darauf, dafi die aus unserm 
Lager sich ihrer annehmen, wir werden von uns aus der Fr.St. 
eine Theorie bauen (im auBern Gewande des Zweckverbandes 
vielleicht, s. Kranold u. 4 Kiihnert „Wege zur Universitats- 
reform"). Daher wird es gut sein, wenn Du bisweilen eine 
kluge Kuhnheit, einen wohl durchdachten Radikalismus 
manifestierst. Man muB immer imGrunde dasGefiihlhaben, 
daB Du zu reich an Einfallen (nicht an Launen) bist, um 
ganz berechenbar zu sein. Und wenn die p.p. Universitats- 
behorden einen solchen unmaBgeblichen aber durchaus per- 
sonlichen Eindruck von Dir bekommen, dann wird das Dei- 
nem Wirken nur mitzlich sein. - Mit groBem Interesse las 
ich Deine Universitatsmitteilungen, aber - soweit ich von 
hier urteilen kann, — eine Candidatur Cohen ware mir (von 
der Deinigen natiirl. abgesehen) sehr einleuchtend. Sie ist 
ein durchaus resoluter Mensch und wenn jemand ihre Be- 
ziehungen zu Miiller-Jabusch 5 iiberwachte, so schiene sie mir 
sehr geeignet (wie gesagt, indem ich stetig Deine President - 
schaft als das beste voraussetze) denn man darf eines durch- 
aus nicht vergessen: die p.p. Universitatsbehorden werden 
eine junge Dame von der Freundlichkeit Frl. Cohens viel 
schwerer iiber den Loffel barbieren als Herrn Saturnus od. 
Schneider. Soviet Gewandtheit traue ich ihnen durchaus nicht 



besser wohl: griechischen (?) 

75 



zu; und sie werden die Intelligenz einer jungen Dame viel- 
leicht in fur uns sehr forderlicher Weise unterbewerten. 
- Im iibrigen ist es mir natiirlich viel lieber, wenn ich in 
Miinchen mit ihr zusammenarbeiten kann. Deiner Meinung 
bin ich auch: schon aus programmatischen Grtmden ist eine 
Frau als Prasidentin der BerL Freien [Studentenschaft] sehr 
wiinschenswert. 

Warum sind die Deutsch-Volkischen aufgelost? Wegen des 
Flugblatts vom vorigen Semester? 

— — Im Sommer fahre ich mit meiner Mutter einige 
Wochen in die Schweiz oder nach Tirol oder Italien. Anfang 
September od. Ende August denke ich in Berlin zu sein. 
Hoffentlich sind wir wenigstens in diesem Monat zusammen. 

Das Schulreform-Rundschreiben beschleunige bitte, zugl. 
bitte ich Dich um Mitteilung, an welch en Frei student en - 
schaften es Abt. fur Schulreform gibt, damit ich iiberall 
dorthin schicke. Morgen wahrsch. geht der Bericht an Euch 
ab, den in der Abt. zu verlesen ich Dich bitte. 

Hier ist Hundewetter. Mittwoch in Basel gewesen. Ich sah 
die Originale der beriihmtesten Dlirerschen Graphik: Ritter, 
Tod u. Teufel, Melancholie, Hieronymus u. vieles andere. 
Zufallig waren sie ausgestellt. Erst jetzt habe ich eine Vor- 
stellung von Diirers Gewalt und vor allem die Melancholie 
ist ein unsagbar tiefes ausdrucksvolles Blatt. Daneben iiber- 
rascht die primitive Gewalt Holbeins des alteren. Endlich, 
das GroBte der Gemalde dort, Griinewalds Christus am 
Kreuz, der mich diesmal noch viel starker ergriff als voriges 
Jahr. Ich nahere mich immer mehr der dtsch. Kunst der 
Renaissance, sowie ich in Paris bemerkte, daB mich die ita- 
lienische Friihrenaissance beriihrte. Da ist ein Maler: Kon- 
rad Witz, seine Menschen sind alle wie Kinder in Kostiimen 
erwachsen (von jenem ungliicklich-sprechenden Ausdruck 
der Bauernkinder, die in den Trachten der Alten stecken.) 
Er malt einen unsaglich glucklichen Johannes, der doch von 
seinem Gliick garnichts weiB : in sich hinein lachelnd wie ein 
spielendes Kind. Und ein Christof orus vom albernstenLacheln, 
der einen kugelrunden kleinen Christus voll ebenso ausdrucks- 
losen, aber griindlichem unbewuBten Ernstes tragt. 

76 



Welti, Albert u. Keller. Damit sind meine groflten oder 
vollkornmensten Eindriicke benannt. Dabei das prachtige 
Spiel der Najaden von Bo[c]klin. 2 St. war ich dort. 

Gestern habe ich bei Ungers in sehr hiibscher Gesellschaft 
gelacht, wie lange nicht mehr. Frl. Brandt und noch eine 
stupide Dame (aber niidlich) u. ein Herr waren anwesend. 
Die Scherze trugen sich zu angesichts der bibliophilen Biiche- 
rei Ungers, in schwarzen Gestellen viele weiBe Pergament- 
bande und bunte Biicherriicken. Der Ton war durchaus 
erotisch frei und heiter (wie ich es wirklich sehr selten oder 
nie fand) Dr. Unger und seine Frau haben sich in ihrer Frei- 
burger Studienzeit verlobt; das ermoglicht dies. 

Ich las: Heinrich Manns Kleine Stadt, mit innigem 
menschlichem und artistischem Anteil. 

Ich lese: die Nachtwachen des Bonaventura, die viel mehr 
sind als „Bildung" - und den vorziiglichen Hyperion-Alma- 
nach von 1910. Dazu jetzt einen Aufsatz von Husserl. 6 — 

Neulich erhielt ich einen Brief von Carla Seligson, trauri- 
gen (aber nicht trostlosen) Inhalts, der schbnste, den mir je- 
mals jemand schrieb - einer der schonsten Briefe, die ich 
kenne. Es ist ein ganz auBerordentlicher Mensch. Du wirst 
den Brief in Berlin sehen; da er fast inhaltlos ist, ist nichts 
zu berichten. Selbstverstiindlich (solltest Du sie einmal sehen) 
erwahnst Du nicht, daB ich Dir davon schrieb. 

Viele GruBe! Dein Walter. 

PS Entschuldige das ramponierte Couvert: ich lege noch fol- 
gendes fur Barbizon bei, was er mir schickte. Gib es ihm, 
wenn Du ihn siehst! 

1 C. F. Heinle, „Meine Klasse". Im „Anfang" 1913. 

2 Klassenkamerad von W. B., der mit Franz Sachs und ihm das erste 
Semester, Sommer 1912, in Freiburg studiert hatte; geboren am 18. 
Nov. 1894, lebt in Tel Aviv. 

3 Der Freien Studentenschaft. 

4 Hermann Kranold und Herbert Kuhnert, „Wege zur Universitats- 
reform = Wege zur Kulturbeherrschung", Heft 3. Miinchen 1913. 

5 Maximilian Miiller-Jabusch (1889-1961). 

6 OfTenbar „Philosophie als strenge Wissenschaft" im „Logos" 1910. 



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22 An Herbert Belmore 

Freiburg i. B., 17. Juli 1915 

Lieber Herbert, 

erst gestern abend kam ich von Freudenstadt zuriick, wo ich 
am 15 ten mit meinen Eltern und Geschwistern zusammen 
war. Darum danke ich Dir erst heute. Fiir Brief und Buch. 
Der Titel wirkte auf mich nicht weniger abenteuerhaft als 
auf Dich: es ist ein Titel, der geradezu Mut macht, ein unbe- 
kanntes Buch, nicht nur zu lesen — auch zu kauf en. Ich danke 
Dir sehr dafiir: nicht weil das Buch gute Gedichte enthalt; 
es sindderen nur sehr wenige. Aber ichbesitzejetzt ein Buch, 
das Dehmel in diesen Tagen herausgab - manche dieser 
„neuen" Gedichte sind allerdings schon lange bekannt. Und 
so bin ich — im legitimen Besitze dieses Buches — ein wenig zur 
Ruhe gekommen iiber das Problem Dehmel. Ich kann nun 
nicht mehr anders als mit MiBtrauen kiinftig seine Bucher 
aufschlagen. Gestern abend noch las ich in der „schonen wil- 
den Welt" in der Erwartung nun endlich den einfachen 
schonen unproblematischen Dehmel zu finden. Was ich fand 
war zum groBenTeil nicht einmalproblematisch. Er meistert 
den Rhythmus. Aber seine Gefuhle sind garnicht ungebro- 
chen und gegen Realitaten gespannt, sondern fast konsequent 
entwickelt er die Gefuhle. - Bitte aber bereue nicht im ge- 
ringsten mich so beschenkt zu haben, so wenig ich es bereue, 
dies Buch zu besitzen. ImGegenteil habe ich wie gesagt damit 
zum ersten Male einige Sicherheit gegeniiber Dehmel. 

Mein Bruder schenkte mir die Auswahl der 100 Gedichte 
von ihm. Ich kannte sie schon und beschloB, sie umtauschen 
zu lassen, weil ich damals wenig wertvollen Inhalt in ihnen 
fand. Wohlmeinende Verwandte beschenkten mich mit Kel- 
lermanns ^Tunnel" 1 . Er soil schlecht sein und ich werde 
mich vielleicht kaum entschlieBen ihn zu lesen. Denn ich bin 
pedantisch darin, mir nur gute Lektiire zu leisten. 

Halms Buch 2 erhielt ich 2mal (Du siehst: die Furie der 
Konfusion bestiirmt meine Bibliothek!) es bleiben: Hueber, 
Organisierung der Intelligenz. 3 Kierkegaard: Begrifl der 

78 



Angst. Manches werde ich selbst mir anschaffen. Du liest 
doch Kierkegaard in der Diederichschen [sic] Ausgabe; die 
andere Ubersetzung ist unleidlich. Aber auch so wirst Du 
wohl kaum das Buch in einem lesen. Besonders im 2 ten Teil 
wird es sehr schwer und dialektisch — wo ich denn auch ab- 
brechen muBte. Ich glaube in wenigen andern Biichern 
kommt so hohe Kunst im Darstellen und in der Gesamt- 
anschauung als Nebenprodukt zum Vorschein wie bei Kierke- 
gaard. Er hat wohl einen melancholischen Zyniker in sich 
im Leben gewaltig bezwungen, um dieses „Entweder" — vor 
allem das „Tagebuch des Verfiihrers" zu schreiben. — 

In Freudenstadt las ich meinem Bruder einige Zeilen aus 
meinem Hauptmann Artikel vor. In diesem Augenblick tat 
es mir sehr leid, daB ich den Aufsatz nicht noch hatte lagern 
lassen und sofort Barbizon sandte. Ich merkte, daB damals 
mein eigener Anteil mich an einer breitern, lebhaftera Ver- 
arbeitung verhindert hatte. Alles schien zu geniigen. Heinle 
ist kein Kritiker, der fehlt mir hier. Sicher ware vieles besser 
geworden, hatte ich mir mehr MuBe genommen. Wyneken 
hat recht. Ich bereue — 

Lies bitte „Erfahrung" meinen Aufsatz furs September- 
heft. Geniigt er nicht und ist er verbesserungsfahig, so 
schicke ihn mit Bemerkungen zu mir. Ab 50 ten nach Freu- 
denstadt, Villa Johanna. Denn Barbizon, der ihn annahm, 
ist ja garnicht kritisch. Langere Zeit will ich mich jetzt, bis 
etwa auf die Niederschrift einer Novelle, ganz rezeptiv in 
Kunst und Philosophie verhalten. Vor allem: nicht fur den 
Anfang schreiben. Es besteht Gefahr, daB Gedanken, die ich 
noch nicht in den konkreten Konsequenzen beherrsche, mir 
selbstverstandlich werden. 

Heinle will ich auch gegen Wyneken verteidigen. Sein 
Gedicht ist schwer verstiindlich, auch nicht vollkommen. Es 
hat groBe Ahnlichkeit mit den Lizenzen, die Goethe sich im 
2ten Faust gibt. Sein Jahrhundertfestspiel sollte ein Aufruf 
an die Gemiiter sein und ist es. Er hat hier, nicht nur auf 
mich, Eindruck gemacht. Gedanken stehen nicht darin und 
gehoren nicht in einen Aufruf, wenigstens nicht unbedingt. 

Haltet Ihr einen Aufruf fur unwiirdig, verschmaht Ihr 

79 



ein Pathos, was man einmal unbegriindet formt, so ist es 
strittig. Vielleicht denkt Wyneken so. Aber dann geht es 
gegen Heinles Tendenz und Unfahigkeit ist darum nicht zu 
konstatieren. 

In Berlin werde ich Euch Gedichte von Heinle zeigen, die 
Euch vielleicht doch gewinnen. Wir sind hier wohl aggres- 
siver, pathetischer, un-besonnener (wortlich!) vielmehr: er ist 
es und ich fiihle es nach, mit und bin es oft auch. Daher auch 
konnten wir uns nicht iiber Prostitution verstandigen. (Doch 
wehe! MiBverstandnisse drohn von Neuem-) 

Was Du Franz sagtest, scheint fiir ihn notig — fur mich 
ist es erfrischend geradezu. Wie lange habe ich so etwas nicht 
gehort, da sich gar keine Ethiker in der Umgegend hier be- 
finden. Dafiir Zionisten. 

Das Wichtigste: wirst Du nicht wenigstens gegen Mitte 
September wieder in Berlin sein? Denn Anfang Oktober mufi 
ich nach Breslau - oder kommst Du mit? — und bin dann 
wohl nur noch bis gegen den 14. od. 17. in Berlin. Aber: Ich 
fahre im August mit meiner Mutter nach Tirol. Wir beab- 
sichtigen vielleicht Oberitalien vor allem Venedig gegen 
Ende August. Es ware ja herrlich - von allem Nutzen zu 
schweigen — wenn wir zusammen in der Academia sein kon- 
nen. Ich weiB noch nichts bestimmtes iiber unsre Plane; aber 
wiiBte ich, daB Du etwa am 20 ten in Venedig bist, so wiirde 
ich naturlich wenn nur mdglich, Dich mit meiner Mutter 
dort treffen. Also berichte! 

DamitSchluB! 

Willst Du eine Vorstellung von mir fiir die letzten zwei 
Wochen, so denke Dir mich in meinem Zimmer, moglichst 
zuriickgezogen, lesend. 

GriiBe auch Deine Eltern und Helmut 4 

Dein Walter 

1 Damals ein ausgesprochener „bestseller". 

2 „Wege zur Musik" (1913). August Halm (1869-1929), der Schwa- 
ger Wynekens, war die musikalische Autoritat des Wynekenschen 
Kreises. 

3 Von Victor Hueber, erschien Leipzig 1910. Der Autor gehort e dem 
Kreis urn Pfemferts „Aktion" an. 

< Bruder des Adressaten. 



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23 An Herbert Belmore 



Lieber Herbert. 



Freiburg, 30. Juli 1915 
(leider!) 



hiermit erhal[t]st Du den letzten Brief aus Freiburg. Am 
Freitag um 9 Uhr friih fahre ich ab; ich werde dann noch 
8 Tage in Freudenstadt sein und schlieBlich mit meiner Mut- 
ter und wahrscheinlich auch mit meiner Tante Frau Joseephy 1 
reisen. Zunachst wohl nach San Martino in Tirol. Aber auch 
an Venedig denke ich ernstlich fur den SchluB der Reise, 
wenn ich Euch nun auch da nicht treffen werden [sic]. "Qbri- 
gens gratuliere ich Euch zu Erich Katz als Reisegefahrten. 
Auf unsrer italienischen Reise erfuhr ich, daB er der launen- 
loseste und liebenswiirdigste Begleiter ist, den man denken 
kann. Also vorlaufig im August werden wir ja noch in recht 
entf ernten Gegenden sein aber — wenn ich Zeit haben sollte — 
will ich im September gern mit Willi und Dir nach Dresden 
heriiber fahren. 

Meine Reiselektiire 1st abenteuerlich geplant. WeiBt Du, 
daB ich mit nachstem anfange die Kritik der reinen Vernunft 
mit Kommentaren zu lesen: also habe ich Kant und Riehl 
mit. Daneben will ich den Tunnel 2 lesen — nun doch — Kurt 
Pinthus empfahl ihn neulich in der „Zeitschrift fur Bucher- 
freunde["], iibrigens gleich kritisch wie Du. Auch mit ein 
paar Inselbiichern habe ich mich umgeben; Du wirst Dich 
freuen, daB auch Stendhals „Rbmerinnen" dabei sind; denn 
unter diesem anziehenden Titel entdeckte ich jene unmog- 
lichen Erzahlungen, die ungelesen zu Hause unter meinen 
Reclams stehen. Danach soil der Sturm versucht werden. 

In den letzten Tagen las ich viel. Erstens in den fruhern 
Jahrgangen des Logos, besonders Rickerts Aufsatz zur Logik 
der Zahl 3 , der hier unter seinen Schulern als sein Genialstes 
gilt und den man hier kennen muB. Guy de Maupassant: 
Unser Herz. Ein Roman mit unfaBlich schonen Satzen, ich 
hatte manche auswendig lernen mogen. Einmal schreibt er 
„Und sie, das verlorne, arme, irrende Wesen, das keinen An- 

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halt hatte, aber heiter war, weil sie jung war . . ." (!) auf 
dies besinne ich mich eben. Die Geschichte ist ganz einfach, 
fast abstrakt erzahlt mit einer Psychologie, die die Menschen 
durch und durch sieht und trotzdem sie beriihrt wie die Hand 
eines giitigen alten Arztes. Jetzt erst hat der Name Maupas- 
sant fur mich Inhalt und ich freue mich auf alles andre, was 
ich von ihm lesen werden [sic]. Von Hesse habe ich den 
Novellenband: „Diesseits" auf dem Zimmer. Er kann sehr 
viel, wenn auch vielleicht nur das Eine: Landschaft zu geben, 
ohne sie zU beseelen und dennoch sie zum Mittelpunkt 
machen, nicht zur Staffage. Sein Schauen halt eine eigene 
Mitte zwischen der Kontemplation eines Mystikers und dem 
Scharfblick eines Amerikaners. 

DaB es mir nicht schlecht gehen kann, wenn ich solche 
Bucher lese, weiBt Du. Es geht mir aber noch viel besser. 
Allmahlich habe ich es wirklich erfaBt, daB Sonne ist. Von 
einem altmeisterlichen Nachmittag in Badenweiler bekamst 
Du eine Karte. Auf der Riickfahrt fand ich unwillkommne 
Bekannte. Ein schwatzhafter Student (Rudolf Goldfeld) mit 
einem gewissen Frl. Seligson, welche ganz unangenehm bur- 
schikos war. Es ist doch Tatsache, daB nur wenige junge 
Madchen mit Geist unbefangen sein kbnnen. Am schonsten 
Kathe Miillerheim. 

Am Montag abend hatte ich mich fur 10 Uhr mit Heinle 
auf dem Loretto verabredet, Heinle wollte einen Herrn mit- 
bringen. Oben saBen wir in maBiger Dunkelheit zusammen, 
Heinle, ich und der Herr, so daB ich ihn garnicht recht sehen 
konnte. Raketen eines verendenden Kinderfestes fuhren von 
der andern Hiigelseite in den Himmel. Meist sprach ich mit 
Heinle - der Herr horte mehr zu. (Du weiBt, daB Dr. Wyne- 
ken fur Breslau 4 die Berichterstattung von der Frankf. Ztg. 
bekommt; er geht also hin) Ich besprach mit Heinle, wie man 
irgendeine Dankbezeugung fur Wyneken in Breslau finden 
konnte. Es darf garnichts ofTentliches sein; es ist Zeit, daB 
man ihm einmal anders gegeniibertritt, als dem Griinder von 
Wickersdorf. Es muB sich um einen personlichen Akt han- 
deln. Ein Abend in kleinem Kreis (hochstens 12 Menschen 
- ich konnte aber von den niichsten nicht einmal 12 zahlen) 



82 



scheint mir gut. Im Laufe wird einer einfach liber ihn spre- 
chen, dieses vor allem betonend: daB wir durch ihn in unsrer 
Zeit das Gliick gehabt hatten, im BewuBtsein eines Fuhrers 
aufzuwachsen. 

Die Notwendigkeit, etwas zu tun, wird Dir jedenfalls audi 
klar sein. Und ebenso klar die Verfehltheit einer Offentlich- 
keit, der er immer der stellungslose Gninder von Wickers - 
dorf sein wiirde. 

Nachher gingen wir noch im Walde und sprachen iiber die 
Giite. 

Gestern kam Heinle zu mir und brachte mir zwei Ge- 
dichte, nicht von sich. Ich las sie und sagte: Das kann doch 
nur [Ernst] BlaB 5 schreiben. Es war aber nicht BlaB, son- 
dern Muller. Wir stellten fest, daB die Gedichte uns sehr lieb 
waren, daB sie auch weit hinaus gehen in die Freiheit der 
Rhythmik iiber BlaB (in Berlin sollst Du sie sehen). Muller 
war aber der Herr, mit dem wir zusammen gewesen waren. 
Seine Gedichte sprachen beide (alles andere von sich lehnt er 
ab und billigt nur 2 Gedichte) von Gladys, die in Paris lebt. 
Er selber aber ist der Sohn des Mannes, der den „Freiburger 
Boten" redigiert, das ultramontane Blatt. Er sitzt am Tage 
in der Redaktion, artikelschreibend — er hat nur das Einjah- 
rige gemacht. Heinle telefonierte ihn gestern an, wir wollten 
wieder mit ihm zusammen sein. Auch heut abend sind wir 
es. Sehr schade, daB wir den Dritten, der zu zweien gehort, 
erst jetzt fanden. Wir brauchen keine Anstrengung, uns mit 
ihm zu verstehen; er spricht wenig, niemals Leeres und hat 
ein wirklich gliihend starkes Kunstempfinden - auch Begriffe. 
Gestern stiegen wir von 10-12 V2 im Wald herum und spra- 
chen von derErbsiinde-wir fanden wichtigeGedanken-und 
vom Grauen. Ich meinte, daB Grauen .vor der Natur die 
Probe auf wahrhaftes Naturempfinden ist. Wer kein Grauen 
vor der Natur empfinden kann, der weiB uberhaupt nichts 
mit ihr anzufangen. Die „Idylle" ist garkein NaturgenuB 
— sondern eine Pseudo-Kunst-Naturempfindung. 

Das Semester hat das fortissimo warmer tatiger Tage am 
SchluB — es tut mir leid zu reisen. 

Dank fur Deine Sendung. Deine Entwiirfe 6 gefallen mir 

83 



sehr - heut zeige ich sie Heinle, ich vergaB es bisher. Der mit 
dem armen schwarzen Schulknaben freilich noch besser als 
der David; wunderschon ist die bizarre Landschaft. Aber 
kliiger (als Marke) wird der David sein, audi „positiver" 
(Quatsch!). Weil der David einen harten, schlafrigen Aus- 
druck hat, der sehr schon ist, mag man ihn nehmen. 

Wie ich zwischen Euch und Heinle vermittle, so zwischen 
Heinle und Euch. Heinle vermiBt noch Rhythmik in Deinem 
Aufsatz. Ich driicke dies folgendermaBen aus: daB mir die 
sichere, fast klassische Art, „festzustellen" etwas eines apo- 
strophischen d. h. anredenden, den Einzelnen betreffenden 
Tones ermangelt. Was Du sagst scheint mehr fiir Erwachsene 
als fiir Junge. Der Aufsatz ist sehr gut (denn obiges sind nur 
Zweckerwagungen). Aber aus den angedeuteten Griinden 
weiB ich nicht, ob Du nicht lieber 1 einen neutralern Titel neh- 
men sollst, der das programmatische starker betont. Etwa: 
Vom (Zum) Gedankenkreis des „Anfang". 

Heinle braucht den Aufsatz noch zuPropaganda-Zwecken; 
er schickt ihn morgen oder iibermorgen ab. Namlich er be- 
miiht sich hier mit geringer Aussicht auf Erfolg um einen 
Sprechsaal. Es sind Ferien — und die Wandervogel, die ihm 
am zuganglichsten sind, Individualisten. 

Viele GriiBe Dein Walter 

1 Friederike J., eine Sch wester seines Vaters, die W. B. in seiner Ju- 
gend unter den Verwandten am nachsten stand, nahm. sich 1916 das 
Leben. 

2 Von Bernhard Kellermann, erschien 1913. 

3 Im „Logos", 2. Jahrgang, Heft la (1911). 

4 Gemeint ist die „Erste studentisch-padagogische Tagung" in Bres- 
lau, 6.-7. Oktober 1915. 

5 Ernst Blafl (1890-1939), u. a. Herausgeber der spater erwahnten 
„Argonauten". 

6 Belmore war Student der Innenarchitektur an der Kunstgewerbe- 
schule in Berlin, zeichnete und malte daneben. 



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24 An Carta Seligson 

Freudenstadt, 4. August 1915 

Liebes Fraulein Seligson. 

Das Semester ist nun zu Ende, ich bin ein paar Tage hier mit 
meinen Eltern und Geschwistern und fahre dann mit meiner 
Mutter bis Anfang September nach Tirol - vielleicht kon- 
nen wir bei ertraglichem Wetter nach Venedig. Der Abschied 
von Freiburg - von diesem Semester - ist mir schlieBlich 
doch schwer geworden, was ich so leicht von keinem der letz- 
ten Jahre sagen kann. Da war mein Fenster, das Sie kennen, 
mit der Pappel und den spielenden Kindern, ein Fenster vor 
dem man sich reif und erfahren fuhlt, wenn man noch nichts 
geleistet hat, also gefahrlich, aber doch so lieb, dafi ich dort 
wieder wohne, wenn ich noch einmal nach Freiburg komme. 
Da war Herr Heinle, von dem ich weiB, daB wir iiber Nacht 
Freunde geworden sind. Ich las hier gestern abend seine 
Gedichte aus diesem Semester und finde sie, entfernt von 
ihm, fast doppelt schon. Endlich war es auch das Leben dort, 
das mit dem Ende des Semesters plotzlich schon und soramer- 
lich bei sonnigem Wetter wurde. Die vier letzten Abende 
waren wir (Heinle und ich) stets iiber Mitternacht hinaus zu- 
sammen, meist im Walde. Mit uns immer ein junger Mensch 
meines Alters, den wir durch Zuf all eben in den letzten Tagen 
kennen lernten, von dem wir uns sagten, dafl er der dritte 
sei, der zu zweien gehort. Kein Student, sondern er hatte nur 
das Einjahrige, arbeitet in der Redaktion seines Vaters, der 
die ultramontane Zeitung Freiburgs herausgibt. 

Damit endigte dies Semester schon - ich weiB von ihm 
wie von keinem andern, daB ich es garnicht ubersehe, son- 
dern daB es in Jahren fruchtbar sein wird, etwa wie meine 
Pariser Reise vielleicht in Monaten. 

Sie haben vielleicht von dem padagogisch studentischen 
KongreB gehort, der am 7. Oktober in Breslau sein wird. In 
den letzten Tagen erfuhr ich, daB ich dort redenwerde; auBer 
mir noch [Siegfried] Bernfeld, Leiter des Acad. Comitees fur 
Schulreform in Wien. Drittens ein Herr Mann, der zur 



85 



Gegengruppe gehort. Zum ersten Male werden auf diesem 
CongreB die beiden studentischen Richtungen sich begeg- 
nen, die zu Wyneken und auf der anderen Seite zu Prof. Stern 
(meinem Vetter) gehoren. 1 In Breslau werden wir zum ersten 
Male die Schar (denn ich glaube, davon darf man reden) 
unsrer weitern Freunde iibersehen. Bis zum KongreB werden 
noch 5 Anfanghefte herauskommen; auch auf die darf man 
hoffen, soweit ich die Beitrage kenne. — 

Nun muB ich Ihnen, so schwer es ist, noch antworten auf 
das, was Sie iiber die Form neuer Jugendlichkeit schreiben. 
Ich habe dariiber nachgedacht, bis ich hoffte, einigermaBen 
klar das sagen zu konnen, was ich von jeher dachte. Es gehort 
schon nicht mehr im engen Sinne zu unserer Arbeit — es ist 
wohl Geschichtsphilosophie, aber was Sie sagen, beweist ja 
den Zusammenhang mit unserm nachsten Gedanken. 

Werden wir mit unserm Wollen dem jungen Menschen, 
dem Einzelnen, das Geringste nehmen? (Werden wir ihm 
— diese Frage ist noch ernster — das Geringste geben?) 

Aber vor allem: wird eine neue Jugendlichkeit, wie wir 
sie wollen, den Einzelnen weriiger einsam machen? Ich sehe 
nicht, wie wir diese Frage, mit allem Ernst aufgefaBt, ver- 
neinen konnen. Ja, ich glaube, daB wir in dem, was wir er- 
streben, die Not der Einsamkeit (die gewiB wenn nicht eine 
Sonne, so ein geheimnisvoller Mond ist) nicht haben werden, 
wir wollen sie sogar vernichten, heben. 

So konnen wir sagen -dennochdiirf en wir noch etwasganz 
andres, scheinbar das Gegenteil behaupten. Denn, sehen wir 
uns in unserer Gegenwart urn. Nietzsche sagteinmal: „Meine 
Schriften sollen so schwer sein. Ich sollte meinen, daB alle 
mich verstehen, die in der Not sind. Aber wo sind die, die in 
der Not sind?" Ich glaube wir diirfen fragen: wo sind die, 
die heute einsam sind? Auch dazu, zur Einsamkeit, kann erst 
eine Idee und eine Gemeinschaft in der Idee sie fiihren. Ich 
glaube es ist wahr, daB sogar nur ein Mensch, der die Idee 
(gleichviel „welche") aufgenommen hat, einsam sein kann; 
dieser muB glaube ich einsam sein. Ich glaube, daB nur in 
der Gemeinschaft, und zwar in der innigsten Gemeinschaft 
der Glaubigen ein Mensch wirklich einsam sein kann: in 

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einer Einsamkeit, in der sein Ich gegen die Idee sich erhebt, 
um zu sich zu kommen. Kennen Sie Rilkes „Jeremia", dort 
ist es wundervoll gesagt. Ich mochte Einsamkeit nicht die 
Beziehung des idealen Menschen zu den Mitmenschen nen- 
nen. Obwohl gewifi auch dies eine Einsamkeit sein kann — 
(diese aber verlieren wir in der idealen Gemeinschaft). Son- 
dern die tiefste Einsamkeit ist die des idealen Menschen in 
der Beziehung zur Idee, die sein Menschliches vernichtet. 
Und diese Einsamkeit, die tiefere, haben wir erst von einer 
vollkommenen Gemeinschaft zu erwarten. 

Aber wie wir auch uber Einsamkeit denken mogen - heute 
gibt es weder die eine, noch die andere. Jene „andere" Ein- 
samkeit, glaube ich werden nur die Grofiten je vollig errei- 
chen.* Fiir die Einsamkeit unter Menschen, die heute nur so 
ganz wenige kennen, sind die Bedingungen zu schaff en. Diese 
Bedingungen sind „Empfindung der Idee" und „Empfindung 
des Ich" und die eine ist unsrer Zeit so unbekannt, wie die 
andere. 

Ich muB das von der Einsamkeit zusammenf assen : indem 
wir Einzelne uns von der Einsamkeit unter Menschen be- 
freien wollen, vererben wir dieses unser Alleinsein den Vie- 
len, die es noch nicht kannten. Und wir selbst lernen eine 
neue Einsamkeit: die der ganz kleinen Gemeinschaft vor 
ihrer Idee kennen.** 

Im Grunde ist ja Ihre Frage und Ihr Einwand der ernste- 
ste, der gegen den Anfang zu erheben ist — nicht nur gegen 
den Anfang. 2 Und schon bevor diese Zeitschrift erschien, 
habe ich ihn oft bedacht. Mit diesem schreibe ich zum erst en 
Male davon, also nur ganz unvollstandig und abgebrochen. 
Man hat diesen Einwand abstrakter ausgesprochen und ge- 
sagt (oder vielmehr gemeint): der Anfang nimmt der Jugend 



* Ja, wenn sie — wie der Mystiker — ganz eins mit dem "Dber- 
sinnlichen wurden, dann haben sie sie schon verloren, zu- 
gleich mit dem Ich. 

** Das klingt hochmutiger als es ist. Denn in Wirklichkeit 
sind fast in jedem Menschen 2 Einsamkeiten und bleiben es. 

87 



ein selbstverstandliches Gefuhl der Unbefangenheit, nimmt 
ihr Natiirliches - kurz das, was man vielleicht Unschuld nen- 
nen darf. Dies ware wahr, wenn die Jugend jetzt Unschuld 
hatte. Aber sie steht jenseits von Gut und Bose und dieser 
Standort, der fur das Tier erlaubt ist, fiihrt den Menschen 
immer zur Siinde. Dies mag die groBte Hemmung sein, die 
die heutige Jugend zu iiberwinden hat: ihre Einschatzung 
als — Tier, d. h. als das reuelos Unschuldige, Triebgute. Fur 
die Menschen aber (wir erleben das taglich) erwachst aus 
soldier unbewuBten Jugend eine trage Mannheit. Es ist 
wahr, daB die Jugend die Unschuld verlieren muB (die tieri- 
sche Unschuld), um schuldig zu werden. Die Erkenntnis, das 
SelbstbewuBtsein einer Berufung, ist immer Schuld. Sie kann 
nur durch die tatigste, heiBeste und blinde Pflichterfullung 
gesiihnt werden. Ich glaube-, es ist nicht zu abstrakt gespro- 
chen: alle Erkenntnis ist Schuld, wenigstens alle Erkenntnis 
vom Gut en oder Bosen — so sagt auch die Bib el — aber alles 
Handeln ist Unschuld: 

Goethe sagt im Divan Verse, deren Tiefe ich immer hoch 
nicht ermesse: 

Denn das wahre Leben ist des Handelns ewge Unschuld, 

die sich so erweiset, dafi sie niemand schadet als sich sel- 

ber. 3 

Aber: der Unschuldige kann nicht gut handeln, und der 
Schuldige muB es. 

Bitte entschuldigen Sie wirklich, wenn ich Ihnen auf eine 
einfache Frage eine Metaphysik antworte. Aber vielleicht 
sehen Sie diese Gedanken eben so einfach und selbstverstand- 
lich, wie sie mir erscheinen. Fur den Menschen muB auch die 
Unschuld taglich neu und als eine andre erworben werden. 
Wie auch seine Einsamkeiten immer einander aufgeben und 
erlosen — um immer tiefer zu werden. Die Einsamkeit des 
Tieres* wird erlost von der Geselligkeit des Menschen; der 
Mensch, der in der Geselligkeit einsam ist, griindet die Ge- 



* Dies ist eine dritte Einsamkeit, von der ich noch nicht 
schrieb: ich nenne sie „physiologische". Von ihr sind Strind- 
bergs Menschen gequalt. 

88 



sellschaft. Und nur wenige erst sind sogar mit ihrer Gemein- 
schaft einsam? 

Ich kann aber nicht schlieBen, ohne Ihnen noch einen ganz 
anderen Gedanken zu sagen, den ich auf Ihre Frage nach der 
formellen Sicherheit und allzu groBen Leichtigkeit einer 
kommenden Jugend antworte. Ich bitte Sie, meinen Aufsatz 4 
in der Juli-Nummer der „Freien Schulgemeinde" zu lesen 
— ich will ihn beif tigen. Dort versuche ich zu erklaren, daB es 
keine GewiBheit einer sittlichen Erziehung gibt, denn der 
reine Wille, der das Gute urn des Guten willen tut, ist nicht 
zu erfassen mit Mitteln des Erziehers. 

Ich glaube, wir miissen immer darauf gefaBt sein, daB 
kein einzelner Mensch in Gegenwart und Zukunft in seiner 
Seele, da wo er frei ist, von unserm Willen beeinfluBt und 
bezwungen wird. Wir haben dafiir keine Gewahr; wir diir- 
f en es auch nicht wiinschen — denn das Gute geschieht nur 
aus Freiheit. SchlieBlich ist jede guteTat nur das Symbol der 
Freiheit dessen, der sie wirkte, Taten, Reden, Zeitschriften 
andern keines Mensch en Willen, nur sein Verhalten, seine 
Einsicht u. s. f . (Das ist aber im Sittlichen ganz gleichgiltig) 
Der Anfang ist nur ein Symbol, alles was er dariiber hinaus 
innerlich ivirksam ist, ist Gnade, Unbegreifliches, Sehr wohl 
ware es denkbar (und sicher ist es so), daB allmahlich das, was 
wir wollen, geschieht, ohne daB die seelische Jugend, die wir 
wollten, in den einzelnen erschienen ware. So war es wohl 
immer in der Geschichte: ihr sittlicher Fortschritt war nur 
die freie Tat ganz weniger. Die Gemeinschaft der Vielen 
wurde das iiber- und auBer-menschliche Symbol einer neu- 
erfiillten Sittlichkeit. Wahrend die alte Sittlichkeit genau so 
symbolische Form war, von wenigen Freien gebaut. Ware es 
anders, so hatten niemals „neue" Sittlichkeiten entstehen 
konnen, „neue" gibt es nur fur den Unsittlichen, triebhaften 
Menschen. — Wahrend die seelischen Menschen ein ganz 
Gleiches wollten, ewig es verandernd, damit die andern, 
schlafend, ohne es zu wissen, sich in jene symbolische Ge- 
meinschaft einfiigten. (Alles andere war ein Einzelakt der 
Gnade im Einzelnen) Die Sittlichkeit der Gemeinschaft ist 
etwas, das unabhangig von der Sittlichkeit ihrer Glieder, 

89 



trotz deren Unsittlichkeit, besteht. Also ist sie - vom Men- 
schen aus gesehen - nur Symbol. Aber in denen, die den 
symbolischen, unniitzlichen Wert der Gemeinscbaft fiihlen, 
die eine Gemeinschaft griindeten, „als ob" der einzelne sitt- 
lich ware — in diesen Schopfern der Geraeinschaften allein 
wurde die sittliche Idee wirklich; sie waren frei. Was ein „als 
ob" der Erkenntnis ist, ist ein Absolutes im Handeln. - 

Nun bedenken Sie bitte, daB ich mit diesen Gedanken noch 
lange nicht f ertig bin, daB sie mir nur notig erscheinen, um 
unsre Idee von allem Utopischen zu befreien und noch gegen 
das brutalste der Wirklichkeit Recht zu behalten. 

Meinen Dialog 5 , obwohl er f ertig getypt ist, sende ich 
Ihnen ein andres Mai, denn ich habe Sie mit Philosophic schon 
unbillig uberschiittet, und wenn sie unverstandlich ist, so 
schieben Sie es mir zu, nicht Ihnen. 

Verleben Sie Ihre Ferien recht froh! 

Ihr Walter Benjamin 

1 William Stern (1871-1958), bekaxmter Psychology 

2 Sie hatte gefragt, ob die neue Jugend nicht ein wenig zu fest und 
sicher stehen wurde. „Uns wird das Alleinsein fehlen" (Brief von 
C.S. vom 20. 7. 1913). 

3 Der Deutsche dankt. 

4 „Der Moralunterricht". 

5 Uber Religion. 



25 An Ernst Schoen 

San Martino di Castrozza, 30. August 1913 

Lieber Herr Schbn, 

es gibt im „Orympischen Friihling" von Spitteler die wun- 
derhiibsche Geschichte mit dem Gartchen „Warumdennnicht" 
zu dem die StraBe „K6nntichm6chtich (t fiihrt; in diesen Gar- 
ten kommt man nie. 

Das ist die Mythologie, die ich zu unsrer sommerlichen 
Korrespondenz geben mpchte und alles weitere bliebe einer 

90 



Metaphysik des Schweigens, Schreibens und der Faulheit 
iiberlassen. Ich war sehr erstaunt, als ich heut vor allem 
andern das Bild von Trafoi auf Ihrer Karte sah und gern 
bescheinige ich seine Naturtreue, denn vor ungef ahr 2 Wochen 
bin ich selbst in Trafoi angekommen und dort eine Woche 
geblieben. Namlich: ich reise mit meiner Mutter und einer 
Tante durch Siidtirol. Vermutlich geschieht dies, um einige 
Ordnung in mein Leben zu bringen und eine halbjahrige 
Periode der Untatigkeit Mai-September zu stabili[si]eren. 
Immerhin ist weniges an dieser Untatigkeit freiwillig — ich 
erfuhr viel „Schicksal". 

Vor allem eine fast humoristisch wirkende Vereinsamung 
in Freiburg, aus der ich mir schlieBlich einen guten Freund 
und viele schlechte Wochen gewann. Dann die Kaiserfeiern 
dieses Sommers, die ich in der Einsamkeit des Schweizer Jura 
iiberstand. Zu Pfingsten floh ich nach Paris: Das war das 
Schonste, vor allem Restaurants, Louvre und Boulevard. 

Vielleicht haben Sie in der Zwischenzeit einmal den An- 
fang zu Gesicht bekommen und da haben Sie denn gesehen, 
daB „Ardor" eine Ordnung seiner Begeisterung und Denk- 
gedanken sehr nbtig hat. 

Da auch Sie in diesen Zeiten sich irgendwo mit irgendwas 
herumzuschlagen haben — vermutlich? - so mogen Sie iiber- 
zeugt sein, dafi Manches mitzuteilen ist, wenn Sie mich in 
der Delbriickstr. 23 aufsuchen. Das moge bald geschehen, 
am 12. spatestens bin ich zu Hause, Sollten Sie sonst keinen 
Grund haben, so bringen Sie Imago 1 zuriick. 

Ihr Walter Benjamin 

1 Von Spitteler. 



91 



26 An Carta Seligson 

Berlin- Grunewald, den 15. September 1913 

Liebe Freundin, 

Sie werden mir dieses Wort erlauben, nicht wahr? Ich muB 
Ihnen so schreiben nach den Worten, die Sie mir gestern und 
friiher sandten und es ware unfein, wenn wir, die wir eine 
neue Jugend sein wollen, anders zu einander sprachen, als wir 
fiihlen. 

Als ich heute friih Ihren Brief gelesen hatte, ging ich hin- 
aus, dahin wo die Hauser aufhoren und die freien Bauplatze 
mit Gittern abgegrenzt sind. Zum ersten Mai dachte ich ernst- 
haft iiberdas nach, was Sie michfragten: Wie ist es moglich? 
Denn vorher war meine Freude, Hueber zu verstehen, so 
groB, daB ich an die Menge nicht dachte, die seine Stimnie 
nicht vernimmt. Ich konnte lange nicht s denken, weil mich 
auch ganz die Freude erfullte, den ersten Menschen zu fin- 
den, der dieses Buch so begreift wie ich. - Noch keiner meiner 
Freunde hat es gelesen. Aber dann fand ich schlieBlich die 
einfache Antwort: wir, die wir Hueber verstehen, fiihlen erst 
vor seinen Gedanken so ganz unsere Jugend — die andern, 
die nichts fiihlen, sind nicht jung. Sie sind eben niemals jung 
gewesen. Sie freuten sich erst an ihrer Jugend als sie vorbei 
war in der Erinnerung. Das groBe Gliick ihrer Gegenwart, 
das wir jetzt fiihlen und das ich mit Ihren Worten fiihlte, 
kannten sie nicht. Alsoglaube ich wirklich, daB esdarinliegt, 
daB es noch schlimmer steht, als Hueber denkt. Aber in jedem 
einzigen Menschen, der irgend wo geboren wird und jung 
sein wird, liegt - nicht die „Besserung", sondern schon die 
Vollendung, das Ziel, von dem Hueber so messianisch emp- 
findet, wie nahe es uns ist. Heute fiihlte ich die ungeheure 
Wahrheit des Wortes Christi : Siehe das Reich Gottes ist nicht 
hier und nicht dort, sondern in uns. Ich mochte mit Ihnen 
Platos Gesprach iiber die Liebe lesen, wo das so schon gesagt 
und tief gedacht ist, wie sonst wohl nirgends. 

Ich dachte heute Vormittag weiter: jung sein heiBt nicht 
so sehr dem Geist dienen, als ihnerwarten. Ihn in jedem Men- 

92 



schen und im fernsten Gedanken zu erblicken. Das ist das 
wichtigste: wir diirfen uns nicht auf einen bestimmten Ge- 
danken festlegen, auch der Gedanke der Jugendkultur soil 
eben fiir uns nur die Erleuchtung sein, die noch den fernsten 
Geist in den Lichtschein zieht. Aber fiir viele wird eben auch 
Wyneken, auch der Sprechsaal, eine „Bewegung" se in, sie 
werden sich festgelegt haben, und den Geist nicht mehr 
sehen, wo er noch freier, abstrakter erscheint. 

Dies standige vibrierende Gefiihl fiir die Abstraktheit des 
reinen Geistes mochte ich Jugend nennen. Dann namlich 
(wenn wir uns nicht zum bloBen Arbeiter einer Bewegung 
machen) wenn wir uns den Blick frei halten, den Geist wo 
immer zu schauen, werden wir die sein, die ihnverwirklichen. 
Fast alle vergessen, daB sie selber der Ort sind, wo Geist sich 
verwirklicht. Weil sie sich aber starr machten, zu Pfeilern 
eines Gebaudes statt zu GefaBen, Schalen, die einen immer 
reinern Inhalt empfangen und bergen konnen, darum ver- 
zweifeln sie an der Verwirklichung, die wir in uns fiihlen. 
Diese Seele ist das Ewig-Verwirklichende. Jeder Mensch, jede 
Seele die geboren wird, kann die neue Wirklichkeit bringen. 
Wir empfinden sie in uns und wir wollen sie auch aus uns 
herausstellen. — 

Neulich erkundigte ich mich beim Verlag * nach Huebers 
Adresse, urn mich ihm fiir seine Sache anzubieten. Ich erfuhr, 
daB alles traurig steht. So lesen Sie die „Wirkung des Auf- 
rufes" nur nicht mit Anteilnahme, sondern mit Trotz! 

Ich mochte von alledem mit Ihnen sprechen. Bitte sagen 
Sie mir telefonisch oder schriftlich Bescheid, ob Sie mich 
Donnerstag oder Sonnabend nachmittag besuchen konnen. 
Wenn es Ihnen lieber ist, konnen wir auch einen Spazier- 
gang machen. 

Ich danke Ihnen — wofiir? Fiir Ihre Freude an dem Buche 
und daB Sie mir schrieben, und ich griiBe Sie herzlich 

Ihr Walter Benjamin 

1 Johann Anibrosius Barth, Leipzig. 



93 



27 An Carla Seligson 

Berlin- Grunewald, 25. September 1915 

Liebe Freundin, 

Sie brauchen nichts aus sich heraus zu stellen, anders als in 
wesenhaften Taten. Und das haben Sie ja schon immer getan, 
mehr als einer von uns. Denn wer von uns hatte den Willen 
gehabt, den Sie hatten? - Wenn ich mit Worten fast zu viel 
von unsern Gedanken spreche, so stelle ich im Grunde doch 
nichts aus mir heraus, sondem ich sage das, wovon ich hoffe, 
es spater einmal als Philosophie denken zu konnen; und also 
stelle ich es eigentlich in mich hinein und baue mich daran 
auf. 

Aber glauben Sie nicht, ich hatte Sie nicht verstanden. Nur 
sage ich: Sie haben in Ihrem Leben schon . unendlich viel 
mehr getan, als einer von uns. Und wir abstrahieren nichts 
von unserm Wesen, jeder von uns stellt das Geistige anders 
in sein Leben hinein: Sie indem Sie studieren, ich mit Wor- 
ten. Keinem von uns soil es leicht sein. Am wenigsten leicht 
sollen die Worte sein. 

Ich griiBe Sie mit einem unausgesprochnen GruBe! 

Ihr Walter Benjamin 



28 An Carla Seligson 



17. November 1913 



Liebe Carla - ich schreibe im Arbeitsraum der Kgl. Biblio- 
thek, die „ernster Berufsarbeit dient" und habe ein paar 
Biicher um mich aufgebaut. Eben ist mein Colleg abgesagt, 
daher kann ich Ihnen sogleich schreiben. Gestern abend 
fuhrte Heinle und mich der Weg bis zum Bahnhof Bellevue 
zusammen. Wir sprachen von Nichtigem. Auf einmal sagte 

94 



er: „Ich hatte Ihnen wohl eigentlich sehr vieles zu sagen". 
Darauf bat ich ihn, das gleich zu tun, weil es hohe Zeit sei. 
Und da wirklich er mir etwas sagen wollte, so wollte ich es 
hbren und ging zu ihm hinauf auf seine Bitte. 

Zuerst qualten wir uns beide um das Geschehene herum 
und suchten zu erklaren und so fort. Aber wir fiihlten sehr 
schnell, worauf es ankam und sagten es audi: daB es uns bei- 
den sehr schwer wurde, uns zu trennen. Aber ich sah eines, 
was das Wichtigste dieses Gespraches war: er wuBte sehr 
genau, was er getan hatte, oder vielmehr, es gab hier fur ihn 
garkein „Wissen" mehr, er sah unsern Gegensatz wirklich 
so streng und so notwendig, wie ich es von ihm erwartet hatte. 
Er stellte sich mir gegeniiber im Namen der Liebe und ich 
setzte ihm das Symbol entgegen. Sie werden die Einfachheit 
und Fiille der Beziehung fur uns verstehen, die beides fur 
uns hat. Es kam ein Augenblick, da wir beide gestanden, auf 
Schicksal zu stoBen; wir sagten uns: jeder konnte an der 
Stelle des andern stehen. 

Mit diesem Gesprach, das ich Ihnen eigentlich in diesem 
Briefe kaum sagen kann, haben wir beide die siiBeste Ver- 
suchung bestanden. Er bestand die Versuchung der Feind- 
schaft, und bot mir Freundschaft mindestens Briiderschaft 
von neuem an. Ich bestand, indem ich zuriickwies, was ich 
— Sie sehen es "- nicht annehmen durfte. 

Manchmal dachte ich, daB wir, Heinle und ich, von alien 
die wir kennen, uns am meisten verstehen. Das ist so nicht 
richtig. Aber es ist dieses: trotzdem jeder der andere ist, muB 
er aus Notwendigkeit bei seinem eignen Geist bleiben. 

Noch einmal sah ich die Notwendigkeit der Idee, die mich 
gegen Heinle stellt. Ich will die Erfiillung, die man nur er- 
warten kann und er erfullen. Aber die Erfiillung ist etwas 
zu Ruhiges und Gottliches, als daB sie anders, als aus bren- 
nendem Winde folgen konnte. Gestern sagte ich zu Heinle: 
jeder von uns ist glaubig, aber es kommt darauf an, wie man 
an seinen Glauben glaubt. Ich denke (nicht sozialistisch, son- 
dern in irgend einem andern Sinne) an die Menge der Ausge- 
schlossenen und an den Geist, der mit den Schlafenden im 
Bunde ist, nicht mit den Briidern. Heinle erziihlte mir ein 

95 



Wort Ihrer Schwester 1 „Bniderschaft, fast wieder [sic] bes- 
seres Wissen." Sie erinnern sich, dafi ich schon in meinem 
Aktions-Vortrag sagte: „keine Freundschaft der Briider und 
Genossen, sondern eine Freundschaft der fremden Freunde." 

Ich sehe wahrend ich schreibe, daB sich das vielleicht doch 
nur sagen laBt — aber Sie verstehen es auch hieraus. 

Die Bewegungen gehen in innern Kampfen vor sich. 
Gestern sahen Heinle und ich die Art der Jugendbewegung, 
die solche Kampfe, wie zwischen uns, bereitet. Noch kenne 
ich garkein Wort, das mein Verhaltnis zu Heinle befaBt, 
aber inzwischen werde ich die reine Freude an dem reinen 
Kampf haben. Ich weiB noch nicht viel von ihm, aber ich 
werde ihn bedenken. Denn es bleibt das Ziel: Heinle aus der 
Bewegung zu stoBen und dem Geist das iibrige zu uberlassen. 

Sie waren gestern unverandert, als ich Ihnen dankte. Aber 
in diesen Gedanken darf man auch fur die Wahrheit danken, 
ja man muB nur fur sie danken. 

Ihr Walter Benjamin 

1 Rika (Erika) Seligson, mit der zusammen er nach Kriegsausbruch 
aus dem Leben schied. 



29 An Carta Seligson 

[Berlin-Grunewald23. Nov. 1913] 

Liebe Carla, 

nun ist alles wieder ganz einfach. Sie wollen zuriicktreten. x 

Die letzten Wochen hatten mich miide gemacht, endlich 
hatte ich zur Bewegung zuriickgefunden, aber ich war er- 
schopft, nachdem ich in der Versammlung am Dienstag 
Abend so schrankenlos und wie besinnungslos, gewaltsam 
der Sache und mir vertrauend gesprochen hatte. Es war ge- 
lungen und ich war enttauscht, niedergedriickt. Dann war es 
am Mittwoch, als ich mich ratios zeigte, wie wir von Ihrer 
Schwester sprachen. Am nachsten Morgen las ich 
„kein Gefiihl ist das fernste" 

96 



Am Nachmittag, als Sie mit mir sprachen, war das Wort 
erfullt. Ich bin weiter gegangen; konnten Sie alles so einfach 
nach den verwirrten Tagen sehen, wie ich durch Ihre Worte. 

Das nahe und fernste Gefiihl laBt mich so sehen und ich 
habe Ihnen, meine Freundin, noch niemals so frei geschrie- 
ben wie heute. 

Sie treten ja nicht Ihrer Mutter wegen zurtick, nicht wahr? 
— Dem allein lieBe sich wohl auch sonst abhelfen. Sie haben 
sich von sich selbst her entschlossen. Worte haben Sie wohl 
mtide gemacht — und Sie fuhlen sich allein, wo es iiber die 
Worte hinausgeht. 

Die Worte rmissen wir alle tragen, dagegen hilft Arbeit, 
glaube ich und das Schweigen der Freundschaft. 

Aber Sie finden sich auch allein und begreifen nicht mehr 
die Sicherheit der andern. Sie glauben widerstandslos, was 
man Ihnen sagt. Darauf Ihnen zu antworten, schreibe ich. 
Der Regen fallt nicht ihm, die Sonne scheint nicht ihr 
du auch bist anderen geschaffen und nicht Dir 

Angelus Silesius 

Wir alle konnten nicht so f roh und ernst vorangehen, wenn 
wir nicht wiifiten: Freunde sehen uns. Vielleicht sind sie zu 
fremd und schwach um uns zu helfen, aber sie glauben an 
uns. Vor diesem Glauben gibt es aber gar kein Zuriicktreten, 
so lange er glaubt. Er gibt dem Freund die Weihen, wie 
einem Priest er, der sich nicht selbst entheiligen kann. Und 
so: ehe der Freund ihn nicht exkommuniziert, gehort der 
Freund der Freundschaft. 

Ich glaube an Sie ohne Anspruch. 

Mogen Sie einen EntschluB fassen oder uns fern bleiben: 
Ihre Jugend wird unbewegt von Wortqualen und Familien- 
streit unter uns kampfen. Eines Tages werden Sie zu ihr 
treten. 

Sie griiBt Sie von Herzen! 

[ohne Unterschrift] 

l Von der Freien Studentenschaft oder dem „Sprechsaal der Jugend". 



97 



30 AnCarlaSeligson 

26. Marx 1914 

Liebe Carla, 

zuvor: ich hbre, daB Sie nicht wohl sind. Ich wiinsche Ihnen, 
daB Sie bald die Schmerzen los werden, vor allem daB Sie am 
Sonnabend - nach dem Sprechsaal - mit uns nach Kohlhasen- 
briick gehen konnen und diirfen. Des letzteren wegen ist mit 
gleicher Post ein Brief an Ihre Mutter gerichtet, den sie in 
Gnade aufnehmen moge. Meine Mutter findet ibn „un- 
mbglich". 

So vieles scheint Ihnen nicht zu gehen. Und doch - ist es 
nicht einfach? Von Barbizon miissen Sie erwarten — und dies 
ist das Einzige, das auch wir von ihm wiinschen — daB er 
endlich einige Feier-, einige Siihnetage einlege, daB er von 
sich aus die Schuld, die ihn durch die Vorgange im Sprechsaal 
trifft (und sei er personlich lOmal schuldlos) anerkenne, also 
siihne. Von diesem Augenblick an wird er im Sprechsaal 
stehen, von da an werden wir alle uns mit gleicher Freiheit 
zu ihm wenden wie Sie. 1 

Zu Guttmann aber — der auch dem nachsten Sprechsaal 
wohl fernbleiben wird, wenn sich nicht nach Absendung der 
„Erklarungen" Guttmanns und Heinles, die Freitag ge- 
schieht, alles andert - mbgen Sie sich nicht wenden, so lange 
er nicht so still und rein geworden ist, Ihr Vertrauen zu er- 
werben. Zu der „Feigheit" von der Sie sprechen, haben Sie 
die Pflicht. Scheu verwechseln Sie hier mit Feigheit. GewiB 
wiirde ich die Ablehnung gegen Guttmann nicht sogleich 
Scheu nennen, aber mit gutem Gewissen rechtf ertige ich Ihre 
Ablehnung mit diesem Worte. Erst mbge Guttmann Ihr Ver- 
trauen verdienen und bis dahin darf ich vielleicht ein geisti- 
ges Medium zwischen Ihnen und ihm sein. 

Mbgen Sie es meiner geplagten Zeit verzeihen, wenn auch 
dieser Brief noch nicht ganz zu dem herabreichen sollte, was 
Sie meinen. Aber darum bitte ich Sie : wenden Sie sich wieder 
und wieder fordernd an mich. Bis zu einem solchen Grade 
trage ich vor Ihnen und dem Sprechsaal die Verantwortung 

98 



fur Guttmann, das sagte ich Ihnen gestern. / Es ist spat ge- 
worden, ich bin miide. Gute Nacht! 

Walter Benjamin 

PS Ich habe Sie keinen Augenblick fur „charakterlos" ge- 
halten. Audi ich bin Guttmann und BarbizonKamerad. Hof- 
fentlich macht Barbizon es mir moglich es ihm zu bleiben. 

[Auf dem Umschlag] PS Mich qualt das Gefiihl, als ob 
mein etwas angestrengter Kopf mich verhindert, Ihnen alles 
auf die beste Art zu sagen; ich muB - vielleicht Sonnabend — 
noch einmal wenige.Worte hiervon mit Ihnen sprechen. 

1 Im berliner „Sprechsaal" war es zu schweren Zusammenstoflen zwi- 
schen Georg Barbizon und einer Gruppe gekommen, deren Wort- 
fukrer Heinle und Simon Guttmann waren. Dahinter standen Aus- 
einandersetzungen iiber das Gesicht des „Anfang" und Versuche, die 
Redaktion zu wechseln. W. B., der gerade zum Prasidenten der Freien 
Studentenschaft gewahlt worden war, suchte zu vermitteln, obwohl er 
innerlich auf Seiten Heinles und Guttmanns stand. Es wurden viele 
Protokolle und andere Schriftstiicke verfaJBt, und die Erregung war 
monatelang sehr groB. Eine eingehende Erklarung Barbizons „An den 
Kameraden Walter Benjamin" vora 12. 3. 1914 sowie eine „Darstel- 
lung" Barbizons der Vorgiinge vom Februar bis zum April 1914 haben 
sich abschriftlich erhalten. Es kam zu einer Spaltung im „Sprechsaal", 
auf die mehrere der folgenden Brief e Bezug nehmen. 



31 An Herbert Belmore 



6. Mai abends [1914] Grunewald 

Lieber Herbert es scheint leichter, aus London nach Berlin 
zu schreiben, als aus Berlin nach London. 1 Wenigstens habe 
ich das letzte schon einmal ohne Erf olg versucht. Hier in Berlin 
kann man seine Tage namlich nicht iibersehen, und wieder- 
um: wo lite man aus ihrem Zentrum heraus schreiben, so lau- 
tete alles uberschwanglich. Aber wiewohl Berlin einge- 
schrankt ist durch Deine Abreise nach London, so bleibt es 
Berlin und es bleibt nichts als aus der Fiille zu schreiben. 
Da ist nun von dem Eroffnungsabend der Fr[eien] St[uden- 
tenschaft] zu sagen, der vorgestern war, der viel weniger 

99 



Studenten als Freunde von uns im Vortragssaal fand, der 
aber — indem er zwar fast auBerhalb der Studentenschaft 
stand - doch eigenartig schon war, indem unerwartet an 
einem fremden Orte die Freunde sich wieder zusammenfin- 
den, die ausgezogen sind, urn neue zu werben. Immerhin hat 
mein Vortrag, wie ich nun weiB, nicbt wenige, die uns bis- 
her nicht kannten, bewegt. 2 Diskussion war freigestellt wor- 
den, zwar mit der Bemerkung, daB wir gern auf sie verzich- 
teten und so meldete sich denn auch niemand. Natiirlich 
waren einige, an denen alles voriiberging. Spater einmal 
wirst Du den Vortrag lesen. Dora brachte mir Rosen, weil 
meine Freundin nicht in Berlin sei. Nun ist es wahr: noch 
niemals haben mich Blumen so begliickt, wie diese, die Dora 3 
gleichsam von Grete 4 brachte. Wenn ich denke, daB ich Dir 
nur ein fluchtiges Wort von Dora und Max sagen konnte, ehe 
Du abreistest und daB ich sie damals erst einmal gesehen 
habe! Ich weiB auch jetzt nicht, was ich hinzufiigen sollte, 
nachdem ich Donnerstag bei ihnen zu Abend gewesen bin, 
sprach, Max Gedichte las und Klavier spielte, wir Bilder uns 
ansahen und Dora mit mir von Franz sprach, nachdem wir 
spater nachts am Montag ein Gesprach hatten. Am Tisch 
saBen noch andere. Dora hatte den schonen Gegenstand 
„Hilfe" fur den Sprechsaal vorgeschlagen, und Franz machte 
sie angstlich mit recht angstlichen und kleinlichen Einwan- 
den. Bis wir so sehr das reine Wesen des Helfens erkannten, 
daB wir sahen: wir konnen, und mit jedem, von Hilfe spre- 
chen. Auch nach so tiefem Gesprach oder herzlichem Zusam- 
mensein kann ich Dir von beiden nicht mehr sagen, als 
damals oder noch das Eine, was ich an Grete schrieb: daB mir 
wenige Menschen voh gleicher Giite und dennoch: gleich 
sicherem und reinem Blick fur Reinheit oder Getrubtheit 
menschlicher Taten und des Taters erschienen. Solche Er- 
kenntnis entwickelt sich jetzt an Franz, wie Du wohl weiBt. 
Noch am Abend Deiner Abreise sprachen beide mit mir im 
Gehen und sagten mir vieles, von dem ich nichts wuBte. 
Vielleicht hat Dir Franz dann von dem Gesprach geschrieben, 
das ich in Folge dessen am Mittwoch mit ihm fuhrte. An 
seiner Beziehung zu Genia 5 halt er innig-trotzig fest. So 

100 



sagte ich: tu, was Du willst und fur Recht hal[t]st. Wenn 
Du aber keinen Rat annimmst (sondern er kokettiert nur 
standig mit denen, die ihm raten — und dieses Wort ist nicht 
zu hart) so handle endlich selbstverantwortlich. Sprich mit 
keinem Menschen von Deiner Beziehung zu Genia. Er ver- 
sprach es. An jenem Abend und bevor ich so sagte, las er mir 
das Scriptum iiber den Beruf z. T. vor. Wer leugnet, daB es 
Gedanken enthalt? Ich weiB aber nicht, welche Ehre Du ihm 
damit antun willst, daB Du es judisch nennst. Nein — und 
das zeigte ich Franz — es ist ganz ohne Mut, ohne letzte Ent- 
schlossenheit zu seinem Gegenstande gedacht, mit Begriffen 
aus einem ganz fremden Zusammenhang, dem „Tagebuch" 6 , 
zudem ist der Stil unnotwendig, wie mir scheint, und viel 
Verwirrung statt Tiefe. Er revozierte es, dennoch bin ich 
nicht ganz sicher, ob er nicht noch daran schreibt. Nein, Her- 
bert, ich bin keineswegs ganz sicher an Franz. Ich habe ihn 
stets gegen Dora verteidigt. Aber noch in diesen Tagen nach 
meinem letzten Gesprach mit ihm, das ich in jeder Hinsicht 
zum ersten und letzten iiber ihn und Genia mit ihm machen 
wollte, horte ich Worte, die seine seltsame Zweideutigkeit 
enthalten, erfuhr ich durch Zufall, daB er sich mit Leni 
Wieruszowski verabredet, wahrend er den Sprechsaal meidet 
und sich von allem „zuriickziehen" wollte. Du weiBt, daB 
Dora sein innerstes Wesen starker in Zweifel zieht, als wir 
bisher, die wir es im Gegenteil behaupten. Aber wird er noch 
jetzt spielen, weniger meine ich mich obwohl ich entschei- 
dend mit ihm sprach - als Dora, die ihm die edelste Hilfe 
leisten will, die er erwarten konnte, an die er dennoch einen 
nicht eben geistvollen Brief zum Danke richtete — wird er 
hier noch spielen und sich diese Situation zur Bequemlichkeit 
zurechtlegen, Problematik noch weiter treiben und Unent- 
schlossenheit — so weiB ich zwar, daB es Menschen geben 
wird, die audi hier ihm noch helfen, ihn erziehend und 
vielleicht bist Du sein Erzieher — ich aber werde an der 
Grenze ' meines Konnens und das heiBt hier auch meines 
Willens stehen. Das ist eine letzte Bereitschaft, die ich bisher 
allerdings noch nie hatte. Ob sie notwendig ist, wirst Du 
nach einer Zeit erfahren. 



101 



Freitag beginnen die Fiihrungen der Kunst Abt. [Simon] 
Guttmann leitet sie und wir besuchen zuerst die Bilder 
Schmidt- Rotluffs bei Gurlitt, iiber die wir sprechen. Gutt- 
mann sagte mir neulich: heute vormittag bekam ich einen 
Brief von Herbert B., der mi ch - weit mehr als erfreut hat. 
Und Heinle sagte mir einmal etwas Ahnliches. Sonnabend 
war ein Sprechsaal. Uber Haltung. Vielleicht schrieb Dir 
Dora davon, er war unvollkommen wie alle, aber nicht 
gedriickt. 

Kaum denke ich, wie lange Du schon fort bist. Ich hatte 
vieles zu erzahlen: dafi ich [Martin] Buber in einer kostbar 
orientalisch eingerichteten Stube besuchte - einmal wird er 
dabei sein, wenn man in der Freistudentenschaft iiber einen 
Dialog des „Daniel" spricht. Ich muB ihn jetzt lesen, schreibe 
mir, wenn Du ihn hier hast 7 , so daB ich ihn entleihen kann. 
DaB die Kollegien unerquicklich sind, und man nur gotisch 
lernt, das „Jahr der Seele" aber schon und schoner, Gutt- 
mann mit einigen Spinoza lesen will, als endlich sicherste 
Grundlegung des Verstandnisses unter einander, und - daB 
ich Grete ein Stilleben schicken will, iiber das ich schon eine 
Woche griible: 1 Carton Cigaretten Cordon rouge, ganz 
lange, herrliche, die ich neulich in einer Gesellschaft ent- 
deckte, 1 japanischen Farbenholzschnitt, deren es bei Keller 
und Reiner gute fur 2 Mark gibt, wenn man sie auch mit 
Hokusai nicht verwechseln kann, Vbgel und Graser, und ein: 
Buch, Buch, entziickend, schon, gut, leicht und klein, exotisch 
und vertraut, illustriert und farbig, teuer und billig. Ein 
Buch, das so ahnlich ist - sicher gibt es nur eines: ein Ideal - 
Buch: Bitte sage es mir, wenn Du eins kennst. Es wird Dir 
eines einf alien, wenn ich Dir sage, daB dieses Papier, auf 
dem ich Dir nun Adieu sage, Dir eine gute Stellung und 
mir einen Brief von Dir wunsche - eines Tages aus Mtinchen 
kam. 

Dein Walter 

1 Belmore war seit April 1914 in England. Er war englischer Burger. 

2 Es war W. B.s Antrittsrede als Prasad en t der Freien Studentenschaft 
in Berlin, von der ein Teil in „Das Leben der Studenten" gedruckt ist. 

3 Dora Pollak, geh. Kellner, W. B.s spat ere Frau. Sie war damals mit 

102 



Max Pollak (gest 1960) verheiratet und nahm lebhaften Anteil am 
„Sprechsaal". 

4 Grete Radt, mit der W. B. damals verlobt war. 

5 Der Schwagerin von Herbert Belmore. Sie war eine Russin aus 
St. Petersburg. 

6 Ein Teil von W. B.s „Metaphysik der Jugend", die in Abschriften 
unter s ein en Freunden kursierte. Scholems Abschrift ist erhalten. 

7 Bubers „Daniel, Gesprache von der Verwirklichung" war 1913 er- 
schienen. Am 23. Juni 1914 fand eine Auseinandersetzung iiber das 
Buch zwischen Buber und W. B. in der Freien Studentenschaft statt. 



32 An Herbert Belmore 

15.4. [muBheifien: 5.] 14 
Grunewald 

Lieber Herbert Du hattest mich eben in einer Bemiihung ge- 
sehen, wie Du all die Jahre, die wir uns kennen bei mir noch 
nicht bemerktest. Ich safi am Klavier, noch dazu ohne Noten, 
die ich immer noch nicht lesen kann, und spielte mir hinrei- 
fiende Terzen und Oktaven vor. Das Schonste namlich, was 
mir der Sommer hier bringen konnte, wird Ereignis: Max 
und Dora werden mit mir den Halm 1 durchnehmen. Zwi- 
schen den Stunden will ich mit meiner Schwester wiederholen, 
naturlich wird es erstaunlich langsam gehen. Aber vielleicht 
wird der kleinste Anfang der Grund sein, auf dem ich spater 
selbststandiger vorwarts komme. Mittwoch begannen wir, es 
war ein Abend, an dem auch Simon Guttmann bei ihnen war, 
der Dora wundervolle rot-schwarze glanzende Tulpen mit- 
brachte. WeiBt Du, daB ich das Vermogen, auf Blumen zu 
achten und mich iiber sie zu freuen, erst in diesem Jahre und 
plotzlich bei hundert Gelegenheiten zugleich entdeckte. Ge- 
stern zum Bei spiel besuchte mich Lisa 2 und brachte mir Mai- 
glockchen mit. Von neulich abend nun, wie erst Max und 
Guttmann eine Stunde im Schreibzimmer waren, und ich 
mit Dora in ihrem Zimmer von Sprechsaal, von Dr. Wyneken 
objektivem Geist und Religion sprach, wird Dir Dora ge- 
schrieben haben, wie es jetzt uberhaupt fur mich die einzige 
Sicherheit ist, daB Dora Dir von den Dingen hier schrieb. 

103 



Hatte ich diese GewiBheit nicht, sondern miiBte denken, daB 
vielleiclit Franz und Hertha Levin die einzigen waren, die 
schrieben, ich miiBte fortwahrend am Schreibtisch sitzen, so 
wiirde ich glauben, und Dir sagen, daB alles klarer einfacher 
ruhiger zugeht als Du vermuten muBt. Wenigstens zugehen 
konnte. Und selbst Dora finde ich nicht immer so ruhig wie 
ich mochte. Sie hat manche Nachte lang wenig geschlafen. 
Aber sie fiihlt immer von Neuem das Richtige und Einfache 
im Grunde und daher weiB ich, daB wir ubereinstimmen, so 
selten zu schreiben ich auch Zeit habe (Briefe zwischen Grete 
und mir kreuzten sich, in denen wir uns von Dir griiBten) 
So wirst Du nun auch von Barbizons letztem Schreiben wis- 
sen, das Du in einer Woche, wenn es mir entbehrlich wird, 
zum TJberdruB noch erhalten und lesen wirst. In dem gibt er 
erst eine „Darstellung", die am 20 ten April geschrieben ist 
und danach, als er noch einmal alles Beweismaterial aufge- 
hauft hat, laBt er im „SchluBwort" vom 12. Mai veranlaBt 
durch Dr. Wynekens Brief, den Verdacht „aus Mangel an 
Beweisen" fallen, ist zu jeder neuen Arbeit mit jedem, der 
sich auf den Boden von Dr. Wynekens Brief stellt, bereit. 3 
Vorher, im Absatz vor dem SchluBwort, beteuert er, keinen 
Groll gegen mich zu hegen, meine Absichten seien eben nur 
auf eine Dimension eingestellt gewesen, das habe er jetzt 
verstanden: „namlich viertdimensionalst". Immer ist ihm die 
Journalistik noch dazu gut, Gefiihl und Gedanken zu ver- 
meiden. Gestern kam nun eine, ohne Unterschrift abgefaBte 
Einladung zum Sprechsaal, die mit oden und frechen Wor- 
ten wieder einmal „Reinheit der sinnlichen und geistigen 
Instinkte" fordert, erwartet, daB jeder im Sprechsaal gewillt 
sei, sein Bestes ans Licht zu stellen, mit dem schonen Satze 
zur Unterschrift "Wer Sonnabend da ist, bekundet, daB er 
sich das zu eigen gemacht hat." Herbert, es widerstrebt mir 
sehr, Dir von all dem zu schreiben, weil es ein solcher Wust 
von Verwirrung ist und Du doch die GewiBheit und das Ge- 
fiihl der Einzelnen, die sich frei gemacht haben, nicht ver- 
mittelt erhal[t]st, wenigstens nicht in diesen Worten. Von 
Franz zwar ist wieder zu sagen, daB er Kopf und Herz ver- 
loren hat. Heute abend spreche ich ihn im Beirat. Ich werde 

104 



ihn fragen, ob er in den „gemeinsamen" Sprechsaal geht, 
bejaht er es, wie ich vermute — nach einem neulich fliichtigen 
Gesprach mit mir, als er das Schreiben schon vor mir kannte, 
so erinnere ich ihn an das Versprechen, das er mir nach dem 
Sprechsaal in meiner Wohnung vor dem Fest bei Heine 4 gab. 
Ich verlange, ohne mit ihm zu diskutieren, daB er Dir und 
mir folgt und nicht geht. Wenn nicht — nun, Dora und ich 
halten sich jetzt fern von ihm, denn zu uns zu kommen, muB 
er endlich freiwillig sich entschlieBen. So selten er die letzten 
Male (wohl 3mal in 5 Wochen) mit mir zusammen war, ge- 
schah es wohl auf mein Bitten. Dora meint, er ziehe sich von 
mir zuriick, weil es ihn belastet, daB Genia erzurnt auf mich 
ist - natiirlich ohne Grund — und erregt von mir spricht, ohne 
daB er mich energisch genug verteidigt. Gleichviel: er muB 
einmal zu. einer Tat kommen, deren Motive er aus sich 
schopft, statt daB einer sie ihm in die Seele hinein diskutiere. 
Hast Du jemals an eine Moglichkeit gedacht? Franz durch 
Lisa zu erziehen? Fast erschien sie mir gestern als so stark 
und fahig, daB sie es konnte. Trotzdem alles sie verwirrt 
hatte und sie weniges verstand, sagte sie mir: daB sie nicht 
zum Sprechsaal Sonnabend gegangen ware, auch hatte sie 
mich nicht gesprochen, denn sie fiihlte, daB zu jenem Sprech- 
saal zu gehen auch einem Zweifelnden (in Wahrheit nur die- 
sem) moglich sei, daB er nicht wie wir EntschluB und Ver- 
trauen verlangt. Und ich war froh ihr sagen zu konnen: 
Bezwingen Sie sich, Lisa, nicht mehr hieriiber nachzudenken. 
Hierin darf man nicht nachdenken, um zu Ergebnissen zu 
kommen, die muB man wissen, und Denken ist nur erlaubt 
zum Zwecke, andere vom Denken abzuhalten, sie darauf zu 
weisen: daB diese ganze Frage nur deshalb schwer scheint 
und unsicher, weil sie an die Voraussetzungen riihrt, die Vor- 
aussetzungen zu wissen aber nur Sache der BewuBten sei, der 
andern Sache aber: das Vertrauen und die Willenskraft, nicht 
selbst zu denken, (denn Voraussetzungen sind nicht erschlieB- 
bar und den UnbewuBten unbewuBt), sondern zu folgen oder 
— wenn sie nicht so weit vertrauen - abseits zu stehen, wie 
Molkentin, aber nicht zu richten. Und hier wollen gerade 
immer die Unsichern richten, vermitteln. [Fritz] StrauB, 

105 



Franz. Oder endlich : sich zur BewuBtheit durchringen. Dies 
ist eine geringste, mindeste Qualitat des Fiihrers. Nicht alle 
werden es. Hatte es einen unter uns gegeben, der niemals 
nachgedacht hatte, der ware am sichtbarsten. 5 Danach nun 
konnte ich mit ihr Gedichte von Holderlin lesen und sie ging 
so ruhig, wie sie unruhig gekommen war. Schon 2 Tage vor- 
her hatte sie versucht, Franz dazu zu bringen, nicht am Sonn- 
abend in den Sprechsaal zu gehen. Aber Franz hatte undeut- 
lich geantwortet. — Von uns werden vielleicht nur Guttmann 
und Cohrs 6 , der von Gottingen auf ein paar Tage zu Heinle 
heriiber gekommen ist, zum Sprechsaal Sonnabend gehen. 
Guttmann wird ein paar abschlieBende Worte sprechen: 
uns ere Kraft reicht nicht hin, die hartnackige Verwirrung 
dieser Leute zu klaren, wird auch das sagen, was ich gestern 
Lisa sagte, und dann gehen. Aber es ist noch nicht gewiB: 
vielleicht spricht auch ein andrer. DaB wir alle wieder hin- 
gehen, hat keinen Sinn mehr. Denke Dir, daB es Lisas Ge- 
danke war, Guttmann musse sprechen! 

Heute werde ich mir aus Deiner Bibliothek den Daniel 
holen und hoffe auch das Stundenbuch zu finden, sonst ware 
es gut, Du schicktest es mir. Vorher werde ich im Graphischen 
Kabinett sein. Dort kaufte ich neulich fur 1 M eine sehr 
scheme Reproduktion einer Rodinschen Tuschzeichnung. Wie 
ich iiberhaupt bei den Bemuhungen, das Stilleben fur Grete 
zusammenzusetzen sehr auf die Graphik komme. Ich setze: 
ich miiBte Gliick haben und etwas sehr Schbnes finden. Der 
Rodin ist zwar herrlich, aber paBt nicht zu Buch und Ziga- 
retten. Als ich iiber dies Buch nachdachte, hatte ich bei aller 
Wahl so einen leisen, iiberlegenen, mitschwingenden Buch- 
gedanken: — aber, einmal gedachte ich nicht ein so teures 
Buch zu kaufen, und es war mir auch fast zu naheliegend. Da 
kam die Karte — darauf stand es. Nun gibt es keine Wahl 
mehr als zwischen den 2 Ausgaben bei Muller und Bardt. 7 
Ich kenne jetzt beide und wahle ohne Zogern die von Miil- 
ler, ein Faksimiledruck der deutschen Erstausgabe, viel ge- 
haltvoller als die grbBere, breitere Ausgabe bei Bardt, die 
weit abstehende Zeilen und ganz weiBes Papier hat. Die 
Ubersetzung ist bei beiden die der Erstausgabe. Nun brauche 

106 



ich also noch ein Blatt, das zu der Ausgabe von Miiller paBt. 
Heute nachmittag will ich Reproduktionen alter Handzeich- 
nungen ansehen. 

Ich bin jetzt umgezogen in das Zimmer, das Balkon hat 
und neben meinem friihern liegt. Es ist wohnlicher, hat einen 
guten Schreibtisch, iiber dem nur leider ein langer Spiegel 
hangt, so daB man beim Schreiben nicht aufsehen kann. Man 
kann ihn verhangen lassen oder wegschaffen, aber vorlaufig 
arbeite ich nicht daran, denn dazu fehlt jede Zeit mir. Zeit- 
schriftenaufsatze, kleine Novellen, ein Band George, ein Bal- 
zac, Lektiire von Fichtes „Deduzierter Plan einer in Berlin 
zu errichtenden hohern Lehranstalt", seine mutige Denk- 
schrift zurGriindung der Berliner Universitat. Dies ist meine 
Lektiire in grofien Abstanden, scheinbar viel - doch wenig. 
Ich lese sie, weil ich vielleicht einiges daraus vorlesen will, 
wenn ich heute im Beirat 8 angegriffen werde. Es ist sehr 
verwandt mit einzelnen Gedanken aus meiner Pvede. Die Du 
iibrigens wohl erst in Wochen erhalten wirst, wenn irgend 
eine Moglichkeit zur lesbaren Abschrift sich geboten hat. 
Vielleicht wird dieser Beirat heute sehr stiirmisch und inter - 
essant, bald wirst Du durch Dora davon Nachricht erhalten, 
denn sie und Max kommen auch. 

In Weimar 9 werde ich meine Rede nicht als Festrede, son- 
dern wahrend der Tagung halten, weil man sie diskutieren 
will. Auch dazu ist Fichte gut und Nietzsche wird gut sein: 
von der Zukunft unsrer Bildungsanstalten. Endlich werde ich 
im Juni in Munchen sein. 10 Gestern schrieb ich Grete : meine- 
Beziehung zu ihr ist das einzig Schopferische in dieser un- 
glaublich zerrissenen Arbeitszeit, sie ist der einzige Mensch, 
der mich augenblicklich in der Totalitat sieht und erfaBt. 
Hatte ich nicht dieses BewuBtsein — ich kbnnte das Zerflat- 
ternde dieser Tage, das keiner ernsten Tatigkeit Dauer ge- 
stattet, keine menschliche Beziehung ganz frei von Zwang 
der Besprechungen und Schlichtungen lafit, kaum ertragen. 
Erst gestern abend als Cohrs, Suse Behrend 11 , Heinle ich 
und dann auch Guttmann zusammen im Cafe waren, wurde 
mir dies deutlich. So bleibt das Schonste: mit Max und Dora 
den Halm zu arbeiten. Und einen Brief von Dir zu erhalten 



107 



aus einem Dasein, das unser noch unruhiges hundertfach 
durch Entriicktheit und Gegenwart iiberwiegt. Von Willi 
[Wolfradt] nichts zu horen - als durch Grete, mit der er ofter 
spricht. 

Ich habe den Auftrag, Dich mit samtlichen GriiBen, die 
Du in Berlin so mafilos austeilst, zu iiberschiitten. 

Dein Walter. 

1 Vgl. zu dem Brief vom 17. Juli 1915. 

2 Lisa Bergmann, spater die Frau von Max Pollack, 

3 Diese Darstellung ist erhalten. 

* Der sozialdemokratische Reich stags abgeor duet e Wolfgang Heine, 
der die Freideutsche Jugendbewegung und die Freie Studentenschaft 
unterstiitzte. 

5 Der Begriff des Fuhrertums in der neuen Jugend spielte in der 
Freideutschen Jugend, und besonders in dem Kreis um Wyneken, eine 
groJ3e Rolle. 

6 Ferdinand Cohrs, damals Theologiestudent. 

7 Wohl einer der Bande von Sterne in den Buchern der Abtei Thelem 
bei Georg Miiller, Yoricks empfindsame Reise, Munch en 1910. Die 
Ausgabe bei J. Bard in Berlin 1910. Vgl. Brief vom 23. 12. 1917. 

8 Beirat der Freien Studentenschaft. 

9 Aus der Tagung der Freien Studentenschaften, im Juni 1914, an der 
W. B. als President der Berliner Freien Studentenschaft teilnahm; 
siehe im nachsten Brief, sowie vom 22. Juni. 

10 Grete Radt studierte damals in Miinchen. 

11 Starb 1918 an der Grippe. Enge Freundin von Wolf Heinle. 



33 An Ernst Schoen 

25. Mai 1914 Joachimsthalerstr. 14 

Lieber Herr Schoen, 

ich danke Ihnen herzlicli f iir Ihren Brief und dem, was Sie 
uber die Freistudenten sagen, mochte ich erwidern. Es han- 
delt sich namlich im Augenblick nicht darum, die unkulti- 
vierte Masse zu kultivieren, vielmehr: den Platz, wo sonst 
das Schlimmste stattfindet, rein zu behaupten. Vortrage fm- 
den statt vor wenigen Leuten, von denen wenige Studenten 

108 



sind. Diese Studenten aber kommen wieder, horen von Mai 
zu Mai aufmerksam zu, drauBen im Lande schweigt man 
doch mit einem gewissen Respekt. Diesen Respekt und jenen 
bescheidneren Ton der Vortrage, eine gesittete Art von Ver- 
sammlungen zu schaffen, ist das, was wesentlich getan wer- 
den kann. Es soil zur Folge haben, daB Gemeinheit und 
schlechte Erziehung sich kiinftig in der Gemeinschaft von 
Freistudenten weniger wohl fiihlen. DaB sie diesen Kreis 
meiden miissen, als einen ungewissen, schwerzu iiberschauen- 
denOrt seltsam ernsterBestrebungen. Schon jetzt ist sichtbar, 
daB dies erfiillt werden kann. Niemals habe ich einen so 
ruhigen Beirat erlebt als den letzten und trotzdem gab es 
prinzipielle Diskussionen in einigem Umfang. Wie nun die 
schopferische Erfiillung, zu der allererst die Moglichkeit ge- 
geben wird, dieses Ortes geschehen kann, ist lediglich eine 
Frage der Produktiven, die in seinen Kreis geraten. Bis jetzt 
gibt es zwar Horende, aber noch wenig Lehrende. Wenn es 
unbedingt geschehen muB, bleibt mir nichts, als auch im 
nachsten Semester mich wieder aufstellen zu lassen, urn dann 
einen Nachfolger zu finden (aus dem Kreise der Abiturienten 
unter befreundeten Schiilern) der den Produktiven in der 
f reien Studentenschaft eine bereitwillige Gef olgschaft schafft. 
Eben um mehr kann es sich nicht handeln, als einen Kreis zu 
schaffen, der dem Fiihrenden seinen Charakter zugesteht, 
vom Produktiven seine Geistigkeit empfangt ihm folgend. 
Dies kann von den geringsten stillsten Anfangen her ge- 
schehen, ist ein Vorhang, zudem von sehr behiiteter Unsicht- 
barkeit gegen Befeindung (wenn nicht die grobste) geschiitzt; 
und so geschieht es. Es wird jetzt in Berlin das Gleiche — 
namlich eine Erziehungsgemeinschaf t - begonnen, was Heinle 
und mir in Freiburg fur einige, und nicht zum wenigsten 
uns, zu schaffen gelang. Mit alldem nun kommt man auf 
den Begriff der Akademie heraus, der — mir scheint - heute 
nur so fruchtbar gemacht wird. Langsam wird es gelingen, 
Produktive heran zu ziehen und die Leitung wird sich dann 
auf die Ordnung beschranken diirfen, statt wie jetzt, noch 
dynamisch tatig sein zu miissen. Ihr Freund unterstiitzt mich 
auBerordentlich schon durch seine bloBe Anwesenheit bei 



109 



Vortragen u. dgl. Das Presidium muB eine starke Sichtbar- 
keit und sozusagen Allgegenwart haben. 

Auf dem Weimarer Freistudententage werde ich eine 
Rede iiber „die neue Hochschule" halten: eine von einer 
neuen Mittelschule aus geforderte Utopie der Hochschule 
wird gegeben - so kann man das faBlich machen. In Wahr- 
heit handelt es sich allerdings urn die Begriindung einer 
neuen Hochschule aus sich selbst, dem Geiste. Die Diskussion 
in einem verstandnislosen und unvorbereiteten Kreise wird 
in Weimar chaotisch werden, feig, getriibt, wie alles, was 
heute von Bestrebungen an die furchterliche Offentlichkeit 
gerat. Im innern lag kein Grund vor, das Unerhorte von den 
Leuten der „Freideutschen Jugend" zu erwarten, aber daB es 
so schmahlich mit ihr zuging ist doch schlimm. Sie wissen, 
daB sie sich offiziell von Wyneken trennte (zu schweigen vom 
Anfang und den Sprechsalen). Wyneken wird jetzt endlich 
- im Oktober so viel ich weiB - in Triberg seine Schule er- 
dffnen. Die Jahre der erzieherischen Untatigkeit haben ihm 
auBerordentlich geschadet. Ich erfuhr es daran, wie wenig er 
den anspannenden Formen die die Bewegung in Berlin an- 
nimmt, ihrer sicherlich starksten, kiihnsten und gefahrlich- 
sten Kraftanspannung, die sie hier gewinnt, gewachsen ist. 
Die Konstituierung, besser Ermoglichung, einer nur noch 
innerlich und intensiv, nicht im geringsten mehr politisch 
begnindeten Jugendgemeinschaft erfiillt nun schon iiber 
V4 Jahr alle hier mit den starksten Spannungen. Bei alledem 
und gerade darum glaube ich, daB hier das Ernsthafteste, 
vielleicht das einzig emsthafte getan wird. Ich mochte Sie 
bitten, „Schule und Jugendkultur a zu lesen oder noch einmal 
zu lesen, falls Sie es schon taten. Und bedenken Sie bitte: ob 
nicht in dem „objektiven Geist" sich anderes noch verbirgt, 
als eine Schiefheit der Begriindung, Ich wenigstens, und 
Freunde mit mir, kommen immer starker von jenem Bilde 
der Erziehung, das Wyneken dort gibt, ab. Mir wird klar: er 
war - und ist vielleicht noch — ein groBer Erzieher und in 
unserer Zeit ein sehr groBer. Seine Theorie bleibt weit hinter 
seiner Schauung zuriick. 

Ich danke Ihnen fur die Rucksendung des Buches. 1 Ich 

110 



habe jetzt die gliickliche Gelegenheit, es mit einem befreun- 
deten Ehepaar durcharbeiten zu konnen, zu welchem Zwecke 
ich Noten und alles andere lerne, auBer klavierspielen, da ich 
dazu noch nicht die Zeit finde. Ebenso danke ich Ihnen sehr 
fiir die Moglichkeit mein Manuscript 2 allgemeiner zugang- 
lich zu machen, die Sie mir geben. Herr Cohn 3 hat es bereits 
weiter gegeben. Das Drucken hat seine groBen Schwierig- 
keiten, ich weiB kaum einen geeigneten Ort, bin ungewiB ob 
Robert Musil es fiir die Wiene[r] Rundschau annimmt. 

Das Semester ist unbefriedigend wie je, ich aber biiBe auf 
entlegnern Gebieten ab als Sie: bei Stefan George, auch so 
weit es gelingt bei Balzac, den man allerdings verschlingen 
miiBte, wahrend ich zu sehr stiickweisem Lesen genotigt bin. 
Martin Buber hat ein unangenehmes, weil undurchdachtes 
Buch mit Namen: „Daniel u geschrieben. 

Werden Sie Pfmgsten verreisen? Ich mache eine Wande- 
rung und fahre von Weimar aus noch eine Woche nach 
Miinchen. 

Mit den herzlichsten GruBen Ihr Walter Benjamin 

1 Von A. Halm. 

2 Es handelt sich wohl urn die „Metaphysik der Jugend". 

3 Alfred Cohn (gest. 1954), der spatere Gatte von Grete Radt; ein 
Schulkamerad von W. B. 



34 An Ernst Schoen 

Berlin, 22. Juni 1914 

Lieber Herr Schoen, 

ich habe Ihnen fiir Ihren Brief, den ich als ersten und will- 
kommendsten in Weimar erhielt, noch nicht gedankt. Das 
geschehe hiermit. Sie werden durch Nachrichten IhresFreun- 
des in etwas wissen, wie sehr jedes bereite Wort in diesen 
Tagen erfreuen muBte. Seit Jahren hat mich nichts so an- 
gegrifTen, wie die kompakte Boswilligkeit dieser Versamm- 
lung. Es fehlte an intelligenten Leuten nicht, die aus Berlin 

111 



zugereist waren. Die Inhaber der Stimmen aber waren zum 
grbBten Teile von der Art, der man sonst aus dem Wege 
geht. Hier suchte man sie auf. Ich beging die Torheit, diesen 
Leuten eine Rede iiber die neue Hochschule zu halten, in der 
ein gewisser Anstand, eine gewisse geistige Einstellung vor- l 
ausgesetzt (anstatt bis zur Bewufitlosigkeit betont) war. Dies 
war ein groBer Fehler und ermoglichte trottelhaften Gemii- 
tern eine sogenannte Ubereinstimmung mit mir in den prin- 
zipiellen Fragen. An den SchluB meiner Rede wollte ich die 
Verse setzen, die Ihr Brief enthielt — hatte ich mich nicht 
unerwartet im SchluBrhyt[h]mus meiner Rede gefunden. So 
werde ich dennoch vielleicht die Niederschrift, die ich in den 
groBen Ferien anfertigen werde, damit schlieBen. i Nach tag- 
lich wiederholten brutalen Niederstimmungen ist das einzige 
Ergebnis: der einsam erhbhte Platz, den unsere Freistuden- 
tenschaft - nach auBen - einnimmt und respektvolle Furcht 
der andern. Im geheimen wiihlt man. Der (geistige) Fiihrer 
der Gegner ist personlich und sachlich ungebildet. (In einer 
hoflichen Diskussion in einem Cafe erklarte er mich fur 
„sittlich unreif"). Die Aussicht, Berlin im nachsten Semester 
zu befestigen, ist nicht gering. Zwar weiB ich noch nicht 
sicher, ob ich hier bin. DaB Sie den Winter hier zubrachten, 
ware wohl nicht moglich? - Danach war ich in Miinchen und 
stellte den gleich schlimmen Zustand der dortigen Freistu- 
dentenschaft — die als einzige in Weimar mit uns zusammen 
ging - und der Jugendbewegung fest. 

23. Juni 
(ich werde diesen Brief wohl in kleinen Absatzen weiter 
schreiben mussen, so sehr ist meine Zeit auseinandergerissen) 
Demnachst sind hier in der Freistudentenschaft einige gute 
Abende, wie heute eine Diskussion mit Buber iiber den 
Daniel, spater ein Vortrag von Ludwig Klages 2 und einer von 
Prof. Breysig 3 . Klages besuchte ich in Miinchen und fand 
ihn bereit und hbflich. - Ich ersehne die Ferien, wie Sie sich 
denken konnen und werde Ende Juli so friih wie moglich 
fliehen, so daB es fraglich ist, ob ich Sie bald nach Ihrer An- 
kunft hier begniBen kann, wie ich wollte. Seit ich diesen 
Brief begann hat das Berliner Chaos (der „ Jugendbewegung" 

112 



und Freistudentenschaft in einem), das miihsam und mit 
Resignation gebandigt war, von dem ich mich eben etwas in 
Munchen erholt hatte, wieder begonnen sich zu regen. Ein 
personlicher Bekannter von mir kam in eine Gesellschaft 
gestiirzt, in der Buber's Buch besprochen wurde, und be- 
schimpfte einen mir nahestehenden Herren laut, verlieB 
nicht den Raum, so daB man die Versammlung aufheben und 
an einen andern Ort gehen muBte. So etwas ist naturlich 
unertraglich aber bei einer gewissen Deutlichkeit des Wol- 
lens ist man vor dergleichen sicher. Aber der gleiche Tag hat 
mir eines der erfreulichsten Zeugnisse gebracht, die ich jetzt 
erwarten konnte — namlich den Brief eines jungen Wieners, 
zu dem, ohne daB er mich kannte, soviel aus Berlin gedrun- 
gen ist — vielleicht auch mein Schweigen im „Anfang", das 
diesen Sinn hat, daB er mich um einen Briefwechsel bittet, 
mit Berufung darauf, daB wir beide abseits vom stabilierten 
Kurs der Jugendbewegung stehen. Es ist schon zu bemerken, 
daB es in einer sehr entfernten Stadt einen jungen Menschen 
gibt, der aus dem Larm den Klang heraushort und zu dem 
das Schweigen (das schlieBlich eines der deutlichsten Ver- 
standigungsmittel ist) dringt. Er heiBt Arno Bronner 4 und 
hat mit 10 Jahren ein Drama verfaBt: „das Recht auf Ju- 
gend" das sehr mutig und begabt ist. Ich kenne es aus dem 
Manuscript. 

Die groBen Ferien werde ich allein in irgend einem ab- 
gelegnen Waldhaus verbringen, um dort Ruhe und Arbeit 
in einem, also MuBe, zu finden. Beides habe ich nach dem 
Leben hier, das manchmal hollisch aussieht und jedenfalls 
keine Zeit zur Vertiefung laBt, notig. Ich bedauere, Ihnen 
mehr Klagen als sonst etwas mitzuteilen-, aber da ich Ihres 
Verstandnisses in allem positiven Wollen so sicher bin, bleibt 
- um Ihnen ein Bild dieses Lebens hier zu geben — nichts als 
die engen Tatsachlichkeiten zu nennen. Der Anwesenheit 
Ihres Freundes hier verdanke ich sehr viel, nicht nur an 
praktischer Hilfe, sondern wirklich an Ermutigung durch 
Dasein. 

Mit den herzlichsten GriiBen Ihr Walter Benjamin 



113 



1 In der Tat hat W. B. die Verse Georges an Hofmannsthal aus dem 
„Jahr der Seele" ans Ende des Aufsatzes „Das Leben der Studenten" 
gesetzt, der im „Neuen Merkur", September 1915, und in Kurt Hillers 
Sammelbuch Das Ziel erschien. 

2 Klages' Vortrag fand Mitte Juli statt. Vgl. H. Schroders Klages- 
Biographie, Bd. II, S. 602. 

3 Kurt Breysig (1866-1940). 

4 Dies ist der spater ointer dem Namen Arnolt Bronnen bekannt ge- 
wordene Autor (1895-1955). 



35 An Herbert Belmore 

6./7. Juli 1914 Nach Mitternacht 

Ich will Dir schreiben, lieber Herbert; warum gerade jetzt? 
so spat? da ich garni cht ganz frei von Miidigkeit bin. Viel- 
leicht nur weil ich eben merkte, daft es einen nachtlichen 
Kurfiirstendamm gibt, Cafes, mich nur selten in ihnen. Oder 
weil die nachsten Tage wieder Beschaftigung bringen wer- 
den? Den ganzen Abend bin ich miiBig gegangen, ich habe 
an die Ferien gedacht. Ich erwarte - ich darf wohl sagen : mit 
Inbrunst — eine Arbeitszeit. Mein Zyklus 1 soil sein Ende 
erreichen und dann soil begonnen werden, niederzulegen, was 
ich vom Wesen der Erziehung erfassen kann. Dies wird in 
irgend einem kleinen Ort in der Einsamkeit geschehen; auf 
Bornholm oder in den Alpen, den Dolomiten vielleicht. Denn 
wenn ich nach Bornholm mit Mutter und Sch wester nicht 
fahre, so reise ich zuerst auf 8 Tage zu Grete nach Munch en 
und dann mit ihr wohl in die Dolomiten. Da wandert sie mit 
ihrem B ruder 2 , wahrend ich ruhe. — Dariiber vergaB ich nun 
den Kurfiirstendamm. Ich war im Cafe des Westens um Be- 
kannte zu treffen und saB dort lange und traf sie nicht. Das 
macht mir nichts, denn meine Gedanken haben so heimat- 
liche Ziele, daB sie immer allein sein konnen. (Das heiBt aber 
nicht, es ginge mir bequem und ich denke mollig. Vielmehr 
bin ich mir der kommenden Wochen mit Strenge bewuBt) 
Ich las in einer jiidischen Zeitschrift. Dann sah mich Else 
Lasker-Schiiler und bat mich an ihren Tisch; da saB ich 
V4 Stunde zwischen zwei jungen Leuten wortlos. Man trieb 

114 



etwas irrsinnige SpaBe, die Frau Lasker sehr freuten. Sie 
kennt mich von einem einstiindigen Gesprach, das wir neu- 
lich halb aus Zufall fiihrten. Sie ist im Umgang leer und 
krank — hysterisch. Robert Jent[z]sch 3 ging vorbei, der 
Freund [Georg] Heyms, den ich jetzt wenig kenne, ich be- 
griiBte ihn und sprach wegen Biichern, die ich ihm zu leihen 
habe, 2 Worte. Er ist der hbflichste, zuriickhaltendste Mensch. 
Seine Hbflichkeit ist ganz prezios, er sagte mir neulich: „Das 
Buch, das Sie die Giite hatten mir — Das Buch, das Sie mir 
giitigst liehen . . .". Er sagt: „Dariiber zu urteilen ware ich 
weder befugt noch berufen . . ." bei den einfachsten Dingen. 
Seine Bildung scheint groB. Er betragt sich gewahlt und 
sympathisch, man fiihlt einen exakten Denker, ich weiB, daB 
er Mathematik studiert. Sein Wesen ist formvoll das an- 
spruchsvollste. Ich sprach ihn noch selten allein, er geht mit 
Heinle viel um. WeiBt Du, daB ich in der Wissenschaft 
wieder nicht weiter komme? Du kannst es Dir denken. Ich 
lerne gelegentlich von Heinle, wenn er etwa uber Platen 
spricht. Ich lese George viel, Kleists Prosa aufmerksam, kiirz- 
lich ein Drama von Lenz. Manchmal belehrt mich ein Auf- 
satz von Scheffler uber Munch oder den vortrefflichen Karl 
Hofer. Ich besuchte Ausstellungen : van Gogh, Heckel, 
Schmidt- Rotluff, werde die Sezession besuchen. Vielleicht ist 
Anschauung bildender Kunst das einzige, in dem ich in dieser 
Zeit fortgeschritten bin. Vor Marees saB ich (vor einem 
Bilde) eine Stunde mit Grete und konnte manches bemerken. 
Die Hochschule ist eben der Ort nicht, zu studieren. Wieviel 
mein Amt Schuld tragt, kannst Du ermessen. Ich verwalte 
es nicht erfolglos, aber unter geradezu qualenden Widrig- 
keiten. Und dann erscheint alles mit Recht so unendlich 
klein, wenn Wolf Heinle 4 auf dem Frei student enf est neben 
mir steht, in der Wickersdorfer Miitze, mit seinem herrschen- 
den, ernsten Blick und mir nur ein paar Worte iiber die Men- 
schen sagt, die da tagen — mir, weil ich die Verantwortung 
habe. Es war - vorgestern - ein Fest, gut genug um beurteilt 
zu werden und - beurteilt: klaglich. Ganz hoch iiber andern 
freistudentischen Festen, durch die Anwesenheit schoner 
Menschen veredelt, aber doch bef angen und haBlich, wie alle 

115 



Feste - auBer dem unvergeBlichen Wolfgang Heines. 5 Fiir 
mich hatte es schone Bedeutung durch Wolf Heinle, Wieland 
Herzf eld 6 , den ich zum ersten Male sprach und der von mir 
sehr tiefes mir sagte, durch ein unerwartetes schones Zusam- 
mensein mit Carla Seligson. / Im Winter werde ich hier sein, 
vielleicht im gleichen Amte, das ich in dem Augenblick 
niederlege, da ich sehe, daB ich meine Zeit nicht starker vor 
ihm bewahren kann als in diesen Tagen. Ich weiB nicht, wie 
qualend dies Semester mit verbrachter Zeit, unkonzentrierter 
Tatigkeit, marternden menschlichen Erfahrungen angefiillt 
ware in meinem BewuBtsein, ware es nicht durch die Tage in 
Miinchen gleichsam niedergehalten und mit der VerheiBung 
kommenden Schaffens getrostet. Von diesen Tagen kann ich 
Dir nicht mehr schreiben. Gretes Briefe, ein Briefwechsel 
mit Ernst Schoen, einige Stunden vor Buchern, ganz selten 
Gesprache mit Heinle, das Sommerwetter, in dem man so 
allein herumplatschert, sind hier das Schone. Schon genug 
um im Grunde herzlich gesund zu bleiben und mich und die 
schmerzlichsten Geschehnisse gut in mir fiir Deine Riickkehr 
zu verwahren, die ich nicht vorwegnehmen will aber herbei- 
wiinsche mit den allerherzlichsten GriiBen an Dich. Dir 
Sonne wiinschend und einen Menschen dort, einen andern 
oder Dich selber, der Dir Deine mannliche Ruhe erhalte, 
die ich so spat, so f roh erf uhr. 

Walter 

1 Die „Metaphysik der Jugend", die nicht beendet wurde. 

2 Fritz Radt. 

3 Mathematiker und Lyriker, dessen Gedichte in den damaligen Zeit- 
schriften der Avantgardisten gedruckt sind. Seine Personlichkeit hat 
auch spater noch bei W. B. nachhaltigen Eindruck hint erla^s sen. 

4 Der jiingere Bruder F, C. Heinles, an dessen Schicksal W. B. bis 2U 
seinem fruhen Tod (1923) starken Anteil nahm. Er schrieb Gedichte 
und Dramen, mit denen sich W. B. zeitweise stark beschaftigte. 

5 Uber dieses Fest hat W. B. eine ausfuhrliche Niederschrift gemacht, 
die nicht erhalten ist. 

6 Das ist Wieland Herzfelde (geb. 1896), der spater den Malik-Verlag 
griindete. 



116 



36 An Herbert Belmore 

[17. Juli 1914] 

Lieber Herbert — was bedeutet das, daB ich Dir keinen Brief 
schreiben, nichts von dem Leben hier mitteilen kann? Ich 
kann es nur auf eine Weise - wenn ich nicht von hier 
schreibe, nur von Grete spreche. Aber auch das — wie unmog- 
lich. Du hast mich wahr gesehen, wenn ich auf Deinen Spa- 
ziergangen schweigend Dich begleitete. Mein Schweigen ist 
nun das einzige, an dem meine Freunde mich erkennen. Das 
wenige, was ich aus Tagen zu berichten habe, erfahrt meine 
Freundin — und alles andere ist doch das Eine. Mein Schwei- 
gen fuhle ich abgestuft - aber es ist doch der eine Rhythmus, 
der auch die Entfernten noch erreicht, Franz und Dora. Und 
es schlieflt sich zusammen, als einzige Melodie der Wochen, 
die ich nun erwarte. Ware mir ein strenges Leben, wie Dir, 
hier moglich. 

Mich bildet die unbegreifliche Liebe der Menschen. Von 
Grete kann ich Dir nichts sagen: das innerste Schweigen fin- 
det keine Worte. Du kennst mich genug, um zu wissen, was 
mir begegnet und welcher Mensch. Aber Du kannst mich 
nun nicht mehr einzeln denken, und es ist als ware ich nun 
erst in eine gottliche Zeit geboren, in ihr zu werden. Und die 
Seele vondrei andernFrauen erreicht mich seltsam. Ichweifi, 
daB ich nichts bin, aber in der Welt Gottes stehe. 

Sind wir nicht desselben Weges einen Schritt uns unsicht- 
bar gegangen. Alles dies fiihlte ich aus den wenigen Worten 
heraus, die von Dir im letzten „Anfang" standen. Ich werde 
Barbizon um einen Leitartikel bitten: ich will ihn nennen 
„Mein Abschied". Ich will zur Scham iiber dieses Blatt mah- 
nen und bitten, es verschwinden zu lassen. Aus diesem gro- 
Ben Sumpf der ACS, Marburger Tagung, FG, [unleserlich], 
bliiht doch nichts Lebendes mehr. Neulich stand mal drin 
„die neue Selbstachtung". 

Komm im Winter her und hilf mir — da ich die Arbeit in 
der freien Studentenschaft fortsetzen werde. Sie geschieht 
aufrichtig, ohne den „Erfolg" absehen zu konnen. Mir ge- 

117 



stattet sie nur Lektiire zweiten Ranges: ein Buch liber die 
hohe Charlotte von Kalb 1 , Bliiher, philosophische Aufsatze. 

Grete beschenkte mich wundervoll: mit einer Orchidee, 
einer ganz kostbaren dunklen Kravatte, die sehr zu der Orchi- 
dee paBt, ein Buch mit leeren Blattern, das sie hatte binden 
lassen, die „deutschen Stilisten" und einen Band Anekdoten 
von Schafer. Mit dem herrlichsten Brief. Meine Eltern 
schenkten mir, was ich verloren hatte: Eine Feldflasche, Spa- 
zierstock, dazu groBe schone Manusscriptkasten, Homer, die 
griechisch-deutsche Ausgabe, l te Halfte der Odyssee. Ich er- 
hielt die Bildersammlung : italienische Friihrenaissance, die 
Diederichs verlegt hat. 

Seit vielen Jahren, vielleicht mehr als einem Jahrzehnt, 
war ich zum ersten Male am 15 ten Juli in Berlin. Es kam, 
dafi ich vor Freude in den Garten ging, und dort den Som- 
mer fand, wie er sonst an diesen Tagen im Schwarzwald 
oder Engadin gewesen war. Ich hatte ihn in diesem Jahre 
noch nicht gefunden — wenn nicht in den schweren schwulen 
Nachten. 

Ich danke Dir, Herbert, fur Deinen Gliickwunsch. Ein 
Falke ist aufgestiegen. 

Walter. 

1 Ida Boy-Ed, Charlotte von Kalb, Jena 1912. 



37 An Ernst Schoen 

Grunewald, [25. 10. 1914] 

Lieber Herr Ernst Schoen, 

Ihnen, einem Mutigen wiinsche ich das zu sagen, was ich 
heute (zum wievieltsten Male) und immer entsetzlicher ent- 
deckte. Wogegen Ironie abzulegen ist um den Schmerz so 
rein wir seiner fahig sind als Gestalt zu finden. Audi wech- 
selten wir hiervon einige Briefe, die will mir scheinen, einer 
strengen Entschlossenheit bedurfen. Wir alle nahren doch 

118 



das Bewufitsein hiervon: DaB Radikalismus zu sehr Geste 
war, daB ein harterer, reinerer, unsichtbarer uns unentrinn- 
bar werden soil. 

Sie haben auf die einzige Weise, die ich leben nenne, bevor 
wir dies erwahnten, die Unmoglichkeit in sich gefunden, sich 
in die Schule zu begeben, und es ist Ihnen die Unmoglichkeit 
geworden, jenen Sumpf in vorgeschriebener Absicht zu be- 
schreiten, der heute die Hochschule ist. 

Es ist nur dies — was Sie tief er wissen, weil Sie es niemals 
so erfuhren, wie ich — daB diese Hochschule fahig ist, noch 
unsere Abkehr zum Geist zu vergiften. Es ist wiederum nur 
dies: daB ich mich entschloB, die Anschlage der Vorlesungen 
durchzugehen ... die grelle Brutalitat sah, mit der die For- 
schenden sich vor Hunderten ausstellen, gegenseitig sich 
nicht scheuen, sondern beneiden, und endlich raffiniert und 
pedantisch Ehrfurcht Werdender vor sich selbst, in Furcht 
vor Nun-Gewordenen, Fnihreifen und Verfaulten umfal- 
schen. Die unverhiillte Rechnung mit meiner Schuchternheit 
Furcht Streberei und was viel mehr 1st meiner Gleichgiiltig- 
keit, meiner Kalte und Unbildung erschrak, entsetzte mich. 
Kein einzelner von alien hebt sich da heraus, weil er die Ge- 
meinschaft der anderen duldet. An dieser ganzen Universitat 
kenne ich nur einen Forscher 1 , und daB er es dahin gebracht 
hat, dies wird nur durch seine ganzliche Verborgenheit und 
seine Verachtung dieser Dinge (vielleicht) entschuldigt. Die- 
sem gegeniiber stehend ist keiner gewachsen, und ich verstehe 
die ganze Notwendigkeit; dem eignen Leben muB man die 
Moglichkeit nehmen, hierauf zu stoBen, denn der Anblick 
dieser Gemeinheit erniedrigt unsaglich. 

„0 daB doch alle groBe Manner waren und ich zu ihnen 
Du sagen konnte, es wird mir schwer von andern zu lernen" 
Aus dem Taschenbuch meines Freundes. 2 

Ihr Walter Benjamin 

1 Gemeint ist Kurt Breysig, 

2 Heinle hatte sich Anfang August das Leben genommen. 



119 



38 An Ernst Schoen 

[Januar 1915] 

Lieber Herr Schoen, 

ich freue mich sehr, dafi, was Sie mir vor einigen Wochen 
schrieben, herzlich Ihnen erwidern zu konnen. Zugleich bitte 
ich Sie meine Entschuldigung dafiir anzunehmen, dafi Sie 
am letzten Sonntag vergeblich auf Jula Cohn 1 gewartet ha- 
ben. Ich erhoffe ein Zusammensein mit Ihnen am Anfang 
des Februar, da ich bis dahin eine erfreuliche Arbeit liber die 
Phantasie und die Farbe beendet haben werde. 2 Sie wissen, 
daB zu diesem Gegenstande Schones bei Baudelaire zu fin- 
den ist. 

Mit GruB und Gliickwunsch Ihr Walter Benjamin 

1 Enge Freundin von W. B. und Ernst Schoen; Schwester von Alfred 
Cohn, 

2 Scheint nicht erhalten. 



39 An Gustav Wyneken 

[Berlin, 9. 3. 15.] 

Lieber Herr Doktor Wyneken, 

ich bitte Sie diese folgenden Zeilen mit denen ich mich ganz- 
lich und ohne Vorbehalt von Ihnen lossage als den letzten 
Beweis der Treue, und nur als den, aufzunehmen. Treuc- 
weil ich kein Wort zu dem sprechen konnte, der jene Zeilen 
iiber den Krieg und die Jugend * schrieb und weil ich doch zu 
Ihnen sprechen will, dem ich noch nie - ich weiB es — frei 
sagen konnte, daB er mich als erster in das Leben des Geistes 
fiihrte. Ich habe zweimal in meinem Leben vor einem Men- 
schen gestanden, der mich an das geistige Dasein wies, mich 
haben zwei Lehrer auferzogen, deren einer sind Sie. Als 
Sprecher einer kleiner Zahl Hirer Schiiler — und nicht Ihrer 
nachsten — wollte ich in Breslau im Oktober 1913 wenige 

120 



Worte an Sie richten. Die Unfreiheit einiger von diesen lieB 
es in letzter Stunde nicht dazu kommen. Die Worte, die ich 
zu sagen gedachte lauten : 

„ Diese Zeit hat keine einzige Form, die uns schweigenden 
Ausdruck gestattet. Wir fuhlen uns aber durch die Aus- 
druckslosigkeit verknechtet. Wir verschmahen den leichten 
unverantwortlichen schriftlichen Ausdruck. 

Wir, die wir hier zusammen sind, glauben daB eine Nach- 
welt einmal Ihren Namen nennen wird. Das Leben gestattet 
diesem BewuBtsein keinen Raum. Dennoch soil es fiir die 
Spanne einer Minute Raum geben. Wir nennen Sie den Tra- 
ger einer Idee, nach auBen sagen wir so; es ist wahr. Wir 
erlebten aber ein anderes als Auserwahlte in dieser Zeit. Wir 
erfuhren, dafi auch der Geist ganz allein und unbedingt 
lebendige Menschen bindet, daB die Person iiber dem Per- 
sonlichen stent; wir durften erfahren, was Fiihrung ist. Wir 
haben erfahren, daB es reine Geistigkeit unter Menschen gibt. 
Fiir uns ist das, was fast alien unendlich ferner ist, wahr 
geworden." 

Das Erlebnis dieser Wahrheit lieB uns diese Worte sagen. 
Gegen Sie selbst muB ich mich zu Ihnen bekennen wie Sie 
mir als der stren'gste Liebende dieser lebenden Jugend vor 
Augen sind. Einmal sagten Sie vom Knaben und Madchen 
„Die Erinnerung daB sie einmal Kameraden gewesen sind 
im heiligsten Werke der Menschheit, daB sie einmal zu 
zweien ,ins Tal Eidorzhann', in die Welt der Ideen geblickt 
haben, diese Erinnerung wird das starkste Gegengewicht 
gegen den sozialen Kampf der Geschlechter bilden, der immer 
war, zu unserer Zeit aber in hellen Flammen auszubrechen 
und die Giiter zu dessen Hiiterin die Menschheit bestellt ist, 
zu gefahrden droht. Hier in der Jugend, wo sie noch Men- 
schen im edlen Sinn des Wortes sein diirfen, sollen sie auch 
einmal die Menschheit realisiert gesehen haben. Dies groBe 
unersetzliche Erlebnis zu gewahren, ist der eigentliche Sinn 
der gemeinsamen Erziehung." 

Die Oeo>pia in Ihnen ist erblindet, Sie haben den fiirchter- 
lichen scheuBlichen Verrat an den Frauen begangen, die Ihre 
Schiiler lieben. Sie haben dem Staat, der Ihnen alles genom- 

121 



men hat, zuletzt die Jugend geopf ert. Die Jugend aber gehort 
nur deii Schauenden, die sie lieben und in ihr die Idee iiber 
alles. Sie ist Ihren irrenden Handen entf alien und wird weiter 
namenlos lei den. Mit ihr zu leben ist das Vermachtnis, das 
ich Ihnen entwinde. 

Walter Benjamin 

1 „Jugend und Krieg", 1914. 



40 An Herbert Belmore 

[April 1915] 

Lieber Herbert, 

ich komme vom Besuche bei Alfred Steinfelds Eltern. Ihr 
Sohn ist am sechsten April an einer Nierenentziindung die 
er sich im militarischen Sanitatsdienst zuzog in der Wohnung 
seiner Eltern gestorben. Beim Hinausgehen fiihrte mich die 
Mutter in sein Zimmer das - vielleicht nach jiidischer Sitte — 
ganz unberiihrt lag daB ich im aufgedeckten Bett den Ab- 
druck seines Korpers zu sehen meinte. Seine Uniform und 
Militarmutze lag auf einem Sessel. Ich glaube er ist gerade 
zu der Zeit gestorben als sein Geist sich sicher wieder auf- 
richtete, das letzte Mai das ich ihn vor Monaten sah hatte er 
neuen Boden gewonnen. Ich weiB nicht ob Du so sehr die 
Erinnerung an ihn hast wie ich daB er als ein sehr edler 
sehr unentwickelter Mensch in versprechendem Leid gelebt 
hat. Er hat die wenigen Tage seiner furchtbaren Krankheit 
so ertragen daB die Eltern ihre Natur erst zu spat ahnten. 
Ich kann — nicht aus Uberlegung sondern aus Anschauung — 
nicht ungliicklichere Menschen denken als sie da ich nie ein 
Zusammenleben kannte das so sehr von dem einzigen Sohne 
Licht und Entfaltung empfing. Ich bitte Dich 1 darum mit 
Nachdruck einige freundliche Worte an sie zu richten. 

Walter 

1 Belmore befand sich in der Schweiz. 

122 



41 An Gerhard Scholem 

Berlin, 27. Oktober 1915 

Lieber Herr Scholem, 

ich geriet in den letzten Tage vor meiner Abreise leider in 
eine solche Hast, da!3 es mir unmoglich wurde, Sie noch auf- 
zusuchen. Ich wiinsche Ihnen fiir die kommenden Wochen 
Gutes. Bei meiner letzten Musterung wurde ich auf ein Jahr 
zuruckgestellt und trotzdem meine Hoffnung, der Krieg sei 
in einem Jahre zu Ende, gering ist, gedenke ich wenigstens 
einige Monate in Ruhe in Miinchen arbeiten zu konnen. 
Sowie ich eine feste Adresse habe schreibe ich sie Ihnen und 
hoffe dann, vom Fortgang Ihrer Angelegenheiten giinstige 
Nachricht zu erhalten. 

Mit freundlichen GriiBen bis dahin 

Ihr Walter Benjamin 



42 An Gerhard Scholem 



Miinchen, 14. Dezember 1915 

Lieber Herr Scholem, 

in der Tat vermutete ich Sie beim Militar und wollte unter 
diesen Umstanden nicht aufs ungewisse hin einen Brief an 
Sie richten. Nun hat mich Ihre Nachricht sehr gefreut. Von 
hier habe ich bei dem regelmaBigen, arbeitsamen auch ziem- 
lich abgeschlossenen Leben, das ich fuhre, nicht viel zu 
berichten. Weihnachten komme ich nicht nach Berlin. Fiir 
lange Zeit gedenke ich meinen Aufenthalt hier nur voriiber- 
gehend zu unterbrechen und gedenke eine abgeschlossne Zeit 
lang meine Studien zu fbrdern. Dazu habe ich hier — als 
auBerhalb meiner Heimatstadt - endlich den Ort gefunden, 
dessen ich bedurfte. [. . .] 



125 



Ich erwarte nun bald Ihre Nachricht, auf die hin ich mich 
wieder vernehmen lasse. Vielmals griiBe ich. 

Ihr Walter Benjamin 



43 An Herbert Belmore 



Seeshaupt, 25. Marz 1916 

Lieber Herbert, 

seit der Holderlin- Arbeit 1 und dem „Regenbogen" habe ich 
wohl mehrere neue Arbeiten begonnen, aber keine auch nur 
halbwegs geendet. Das hangt mit der GroBe der Gegenstande, 
die mich beschaftigen, zusammen: Organische Natur, Medi- 
zin und Moral. Von den vergangenen Arbeiten aber mochte 
ich Dir durchaus keine senden. Ich kann mich ihrer Form 
nicht mehr anvertrauen und so wichtig sie vielfach fur mich 
sind, mochte ich nicht durch sie zu Dir sprechen. Vielmehr 
glaube ich - und mogen die europaischen Dinge noch so sehr 
ins ScheuBliche wachsen - dafl wir es nicht anders halten 
konnen, als zwei Nachbarn im Gewitter, die doch den Augen- 
blick erwarten, da es ihnen erlaubt ist, vors Tor zu gehen 
und in ihrer Nahe einander selbst zu begriiBen. Nichts was 
ich Dir senden konnte, kann die Spannung meiner Erwar- 
tung tragen, so muB ich warten, bis ich Deutschland selbst 
verlassen kann, zu Dir zu kommen. 2 / Es geht mir gut. 
Carlas und Deine GriiBe erwidere ich herzlich 

Walter 

1 Schriften II, S. 375-400 (im Herbst und Winter 1914 entstanden). 
Der „Regenbogen" ist verloren. 

2 H. Belmore war seit Anfang 1915 in Genf, wo ihn W. B. und Dora 
Pollak im Fruhjahr 1915 besuchten. Beim Wiedersehen im Juli 1917 
in Zurich kam es zu einer dauernden Trennung. 



124 



44 An Martin Buber 

Munchen 

KoniginStr.4 [Mai 1916] 

Sehr geehrter Herr Buber, 

das Problem des jiidischen Geistes ist einer der groBten und 
beharrendsten Gegenstande meines Denkens. Ihr ehrendes 
Anerbieten 1 , fiir das ich Ihnen danke, tragt die Moglichkeit 
der AuBerung meiner Gedanken mir nahe, doch deren eigent- 
lichste Vorbedingung, die Lockerung dieser Gedanken aus 
groBeren Zusammenhangen und das Gewinnen bestimmter 
Ausgangspunkte, kann ich nur von einem Gesprache erhof- 
fen. Dieses erst konnte iiber meine Mitarbeit und deren Ge- 
stalt entscheiden, und aus diesem Grunde darf ich Sie viel- 
leicht um die Gewahrung einer Unterredung bitten, sei es, 
daB Sie im nachsten Monat nach Munchen kamen, sei es, daB 
ich um Weihnachten einen Auf enthalt in Berlin ermogliche — 
doch ist dies leider sehr ungewiB. 

Ihr sehr ergebener Walter Benjamin 

1 Zur Mitarbeit an Buhers Zeitschrift „Der Jude". 



45 An Martin Buber 

Munchen, Juli 1916 

Sehr verehrter Herr Doktor Buber, 

Ich muBte ein Gesprach mit Herrn Gerhard Scholem l abwar- 
ten, um mir iiber meine prinzipielle Stellung zum „Juden" 
und damit iiber die Moglichkeit, selbst einen Beitrag zu 
liefern, klar zu werden. Denn vor der Heftigkeit des Wider- 
spruches, mit dem mich so viele Beitrage des ersten Heftes 
— ganz besonders in ihrem Verhaltnis zum europaischenKrieg - 
erfullten, war in mir das BewuBtsein verdunkelt, daB meine 
Stellung zu dieser Zeitschrift in Wirklichkeit keine andere 

125 



war und seinkonnte als zu allempolitischwirksam em Schrift- 
tum, wie sie der Eintritt des Krieges mir endlicli und ent- 
scheidend er off net hatte. Ich nehme dabei den Begriff „Poli- 
tik" in seinem weitesten Sinne, in dem man ihn jetzt standig 
gebraucht. Vorher bemerke ich, daB ich mir des Werdenden 
in den folgenden Gedanken vollig bewuBt bin, und daB, wo 
ihre Formulierung apodiktisch klingen sollte, ich damit zu- 
nachst ihre prinzipielle Geltung und Notwendigkeit fiir mein 
eigenes praktisches Verhalten im Auge habe. 

Es ist erne weitverbreitete, ja die fast allerorten als Selbst- 
verstandlichkeit herrschende Meinung, daB das Schrifttum 
die sittliche Welt und das Handeln des Menschen beeinflussen 
konne, indem es Motive von Handlungen an die Hand gibt. 
In diesem Sinne ist also die Sprache nur ein Mittel der mehr 
oder weniger suggestiven Vorbereitung der Motive, die in dem 
Innern der Seele den Handelnden bestimmen. Es ist das 
Charakteristische dieser Ansicht, daB sie eine Beziehung der 
Sprache zur Tat, in der nicht die erste Mittel der zweiten 
ware, uberhaupt garnicht in Betracht zieht. Dieses Verhaltnis 
betrifft gleichermaBen eine ohnmachtige, zum bloBen Mittel 
herabgewiirdigte Sprache und Schrift als eine armliche, 
schwache Tat, deren Quelle nicht in ihr selbst, sondern in 
irgendwelchen sagbaren und aussprechbaren Motiven liegt. 
Diese Motive wiederum kann man bereden, ihnen andere 
entgegenhalten und so wird (prinzipiell) die Tat wie das 
Resultat eines allseitig gepriifteh Rechenprozesses an das 
Ende gesetzt. Jedes Handeln, das in der expansiven Tendenz 
des Wort-an-Wort Reihens liegt, scheint mir furchterlich 
und um so verheerender, wo dieses ganze Verhaltnis von 
Wort und Tat wie bei uns in immer steigendem Mafle als 
ein Mechanismus zur Verwirklichung des richtigen Absolu- 
ten um sich greift. 

Schrifttum uberhaupt kann ich mit dichterisch, prophe- 
tisch, sachlich, was die Wirkung angeht, aber jedenfalls nur 
magisch das heiBt un-mi££eZ-bar verstehen. Jedes heilsame, 
ja jedes nicht im innersten verheerende Wirken der Schrift 
beruht in ihrem (des Wortes, der Sprache) Geheimnis. In 
wievielerlei Gestalten auch die Sprache sich wirksam erweisen 

126 



mag, sie wird es nicht (lurch die Vermittlung von Inhalten, 
sondern durch das reinste ErschlieBen ihrer Wiirde und ihres 
Wesens tun. Und wenn ich von anderen Formen der Wirk- 
samkeit — als Dichtung und Prophetie — hier absehe, so er- 
scheint es mir immer wieder, daB die kristallreine Elimination 
des Unsagbaren in der Sprache die uns gegebene und nachst- 
liegende Form ist, innerhalb der Sprache und insofern durch 
sie zu wirken. Diese Elimination des Unsagbaren scheint mir 
gerade mit der eigentlich sachlichen, der niichternen Schreib- 
weise zusammenzufallen und die Beziehung zwischen Er- 
kenntnis und Tat eben innerhalb der sprachlichen Magie 
anzudeuten. Mein Begriff sachlichen und zugleich hochpoli- 
tischen Stils und Schreibens ist: hinzufuhren auf das dem 
Wort versagte; nur wo diese Sphare des Wortlosen in unsag- 
bar reiner Macht sich erschlieBt, kann der magische Funken 
zwischen Wort und bewegender Tat iiberspringen, wo die 
Einheit dieser beiden gleich wirklichen ist. Nur die intensive 
Richtung der Worte in den Kern des innersten Verstummens 
hinein gelangt zur wahren Wirkung. Ich glaube nicht daran, 
daB das Wort dem Gottlichen irgendwo ferner stiinde als 
das „wirkliche" Handeln, also ist es auch nicht anders fahig, 
ins Gottliche zu fuhren als durch sich selbst und seine eigene 
Reinheit. Als Mittel genommen wuchert es. 

Fur eine Zeitschrift kommt die Sprache der Dichter, der 
Propheten oder auch der Machthaber, kommen Lied, Psalm 
und Imperativ, die wiederum ganz andere Beziehungen zum 
Unsagbaren und Quelle ganz anderer Magie sein mogen, 
nicht in Frage, sondern nur die sachliche Schreibart. Ob sie 
zu ihr gelangt, laBt sich menschlich wohl kaum absehen und 
es hat wohl nicht viele gegeben. Ich denke aber an das Athe- 
naum. So unmoglich es mir ist, wirken des Schrifttum zu 
verstehen, so unfahig bin ich, es zu verfassen. (Mein Aufsatz 
irn „Ziel" 2 war innerlich durchaus im Sinn des Gesagten 
gehalten, aber an diesem Orte, an den er am wenigsten ge- 
horte, war das sehr schwer zu bemerken.) In jedem Falle 
werde ich aus dem, was im „ Juden" gesagt wird, lernen. Und 
so wie mein Unvermogen, zur Frage des Judentums jetzt 
etwas klares zu sagen, mit diesem Stadium der Zeitschrift im 

127 



Werden zusammenfallt, so verbietet nichts zu hoffen, daB es 
eine giinstigere Koincidenz der Erfiillung geben moge. 

Es ist moglich, daB ich Ende des Sommers nach Heidelberg 
kommen kann. Dann wiirde ich sehr gern versuchen, das, was 
ich jetzt so unvollkommen nur sagen konnte, im Gesprach zu 
beleben, und es ware vielleicht von hier aus moglich, audi 
iiber das Judentum manches zu sagen. Ich glaube nicht, daB 
meine Gesinnung in diesem unjiidisch ist. 

Ich bin mit den ergebensten GriiBen 

Ihr Walter Benjamin 

1 Scholem war vom 16.-18. Juni mit W. B. zusammen. 

2 „Das Leben der Studenten". 



46 An Gerhard Scholem 



Miinchen, 11. Nov. 1916 



Lieber Herr Scholem, 

ich bin Ihnen fur die schnelle Auskunft, die Sie mir erteilt 
haben, sehr dankbar. — Vor einer Woche begann ich einen 
Brief an Sie, der bei achtzehn Seiten Lange abschloB. Es war 
derVersuch einige aus der nicht geringen Anzahl derFragen, 
die Sie mir vorgelegt haben, im Zusammenhang zu beant- 
worten. Indessen muBte ich mich entschlieBen, um den Ge- 
genstand genauer zu fassen,ihn zu einer kleinen Abhandlung 
umzuarbeiten, mit deren Reinschrift ich jetzt beschaftigt bin. 
In ihr ist es mir nicht moglich gewesen auf Mathematik und 
Sprache, d. h. Mathematik und Denken, Mathematik und 
Zion einzugehen, weil meine Gedanken iiber dieses unendlich 
schwere Thema noch ganz unfertig sind. Im iibrigen aber 
versuche ich in dieser Arbeit mich mit dem Wesen der Sprache 
auseinander zu setzen und zwar — soweit ich es verstehe: in 
immanenter Beziehung auf das Judentum und mitBeziehung 
auf die ersten Kapitel der Genesis. Ihr Urteil iiber diese Ge- 
danken werde ich in der sicheren Hoffnung durch dasselbe 

128 



sehr gef ordert zu werden erwarten. Die Arbeit kann ich Ihnen 
erst in einiger Zeit - wann laBt sich nicht voraussehen - viel- 
leicht in einer Woche, vielleicht auch erst spater - schicken-, 
sie ist wie gesagt noch nicht ganz beendet. Am Titel „Uber 
Sprache iiberhaupt und iiber die Sprache des Menschen" 1 
sehen Sie eine gewisse systematische Absicht, die fur mich 
aber auch das Fragmentarische der Gedanken ganz deutlich 
macht, weil ich vieles zu beruhren noch auBer stande 
bin. Insbesondere ist die sprachtheoretische Betrachtung der 
Mathematik, auf die es mir ja schlieBlich sehr ankommt, 
wenn ich sie auch noch nicht versuchen darf von ganz funda- 
mentaler Bedeutung fur die Theorie der Sprache iiberhaupt. 

Ausdrucklich mochte ich Ihnen mitteilen, dafi mir die 
„neunzehn Brief e" 2 sowie die Ubersetzung des Auf satzes von 
Zeitlin 3 (— was bedeutet: Schechinnah? — ) jederzeit sehr 
willkommen sind, gerade in Anbetracht meiner gegenwar- 
tigen Arbeit. Kbnnen Sie sich die Miihe machen mir zu den 
wichtigsten hebraischen Worten bei Hirsch — ich nehme an 
daB es nur wenige sind, sonst wiirde ich Sie nicht darum bit- 
ten — das Deutsche hinzu zu schreiben? / In der letzten Num- 
mer des „ Reich" steht ein scheinbar orientierter Aufsatz von 
Hans Ludwig Held: Uber Golem und Schem eine Untersu- 
chung zur hebraischen Mythologie (l ter Teil). Ich besitze das 
Heft (und kann Ihnen den Aufsatz also schicken) ; ich habe 
es mir wegen eines anderen Druckes (den ich allerdings schon 
herausgetrennt und gesondert gebunden habe) gekauft: es 
steht darin die erste Veroffentlichung einer offenbar sehr 
spat en Holderlinschen Handschrift 4 — von der absoluten GroBe 
des Gehalts wie alles was der spate Holderlin schrieb. 

In der letzten Nummer der „Kant-Studien" bringt Herr 
Zilsel eine Selbstanzeige seines Buches. tJber das „Problem 
der historischen Zeit" ist in der letzten oder vorletzten Num- 
mer der Zeitschrift fur Philosophic und philosophische Kritik 
ein Aufsatz (urspriinglich als Rede zur Erlangung der venia 
legendi in Freiburg gehalten 5 ) erschienen, der in exakter 
Weise dokumentiert, wie man die Sache nicht machen soil. 
Eine furchtbare Arbeit, in die Sie aber vielleicht einmal hinr 
einsehen, wenn auch nur um meine Vermutung zu bestati- 

129 



gen, daB namlich nicht nur das, was der Verfasser iiber die 
historische Zeit sagt (und was ich beurteilen kann) Unsinn 
ist, sondern auch seine Ausfiihrungen iiber die mechanische 
Zeit schief sind, wie ich vermute. 

Mein mexikanischer Dozent 6 hat noch nicht angezeigt und 
scheint aus irgendeinem Grunde nicht zu lesen. Kierkegaard 
habe ich wegen meiner jetzigen Arbeit noch nicht zu Ende, 
sondern erst bis zur Mitte, lesen konnen. / Wie ist es mit 
Ihrer mathematischen Vorlesung geworden? 7 

Ich griiBe herzlichst 

Ihr Walter Benjamin 



1 Schriften II, S. 401-419. 

2 „Neunzehn Brief e iiber Judentum", von Samson Raphael Hirsch; be- 
ruhmtes, 1836 erschienenes Buch. 

3 Es handelt sich um eine ungedruckte Ubersetzung eines 1911 erschie- 
nenen } seinerzeit als bedeutend betrachteten hebraischen Essays iiber 
die Gegenwart Gottes in der Welt, von Hillel Zeitlin, einem chassidi- 
schen Publmsten, die Scholem geinacht hatte. 

4 „Das Reich" Jg. I (1916), S. 305 £f. Es handelt sich in Wirklichkeit 
um die „ Pindar- Fragmente" (in der Folge nach dem ersten Fragment 
als „Untreue der Weisheit" bezeichnet), die vermutlich gegen 1803 
entstanden sind. Norbert v. Hellingrath hatte diese kommentierten 
"Obersetzungen bereits 1910 („H61derlins Pindar-Uhertragungen") ver- 
offentlicht. 

5 Die Antrittsvorlesung Martin Heideggers vom 27. Juli 1915. 

6 Walter Lehmann, bei dem W. B. aztekische Mythologie gehort hatte. 

7 Scholem war in einer vierstiindigen Vorlesung Schottkys der ein- 
zige Hbrer. 



47 An Herbert Belmore 

[Ende 1916] 

Lieber Herbert, 

ich freue mich sehr daB Du an mich geschrieben hast. 

Dein Brief hat aber die Form einer sachlichen Mitteilung 
und damit geht er iiber einige tiefe Voraussetzungen hinweg 

130 



die meine Antwort in Hinsicht auf uns beide machen mufi. 
Hatte sie das nicht notig so ware sie das nicht was sie ist: die 
innige Bestreitung jener Art von Sachlichkeit die Du zu- 
gleich forderst und ausiibst. 

Ich habe erfahren dafl in der Nacht nicht Briicken und 
Fliige helfen allein der briiderliche Schritt hindurch. Mitten 
in der Nacht sind wir. Ich habe es einmal versucht mit Wor- 
ten zu kampfen (Thomas Mann hatte seine niedrigen „Ge- 
danken im Kriege" veroffentlicht) damals lernte ich daB wer 
gegen die Nacht kampft, ihre tiefste Finsternis bewegen muB 
ihr Licht herzugeben und in diesem groflen Bemiihen des 
Lebens sind Worte nur eine Station: und konnen die letzte 
nur sein wo sie niemals die erste sind. 

Ich sehe mich eben in Genf auf dem Koffer sitzen Dora 
und Du im Zimmer, wie ich vertrete daB Produktivitat in 
jedem Sinne gestiitzt werden miisse (ebenso aber Kritik) und 
allein mit alien Namen Worten und Zeichen das Leben im 
Geiste gesucht werden muB. Seit Jahren strahlt mir aus die- 
ser Nacht das Licht Hblderlins. 

Es ist alles zu groB um es zu kritisieren. l Es ist alles die 
Nacht die das Licht tragt, der blutende Leib des Geistes. Es 
ist auch alles zu klein um es zu kritisieren, garnicht da: das 
Dunkel die voile Finsternis selbst selbst die Wiirde allein 
wer die zu betrachten sucht dem triibt sich der Blick. Soweit 
auf unserm Wege uns das Wort erscheint werden wir ihm 
die reinste heiligste Statte bereiten: es soil aber bei uns be- 
ruhen. Wir wollen es in der letzten kostbarsten Form bewah- 
ren die wir ihm zu geben vermogen; Kunst Wahrheit Recht: 
vielleicht wird uns alles aus den Handen genommen, dann 
soil es wenigstens Gestalt sein: nicht Kritik. Die zu leisten 
ist Sache der auBersten Peripherie des Liclitkreises um jedes 
Menschen Haupt, nicht der Sprache. Wo diese uns begegnet 
gilt es Arbeit. Die Sprache beruht allein im Positiven, ganz 
in der Sache die die innigste Einheit mit dem Leben anstrebt; 
den Schein der Kritik, des xpto>v, des Unterscheidens von 
Gut und Schlecht nicht auf recht halt; sondern alles Kritische 
nach innen, die Krisis in das Herz der Sprache verlegt. 

Die wahre Kritik geht nicht wider ihren Gegenstand: sie 

131 



ist wie ein chemischer Stoff der einen andern nur in dem 
Sinne angreift, daB er ihn zerlegend dessen innre Natur ent- 
hiillt, nicht ihn zerstort. Der chemische Stoff der auf solche 
Weise (diathetisch) die geistigen Dinge angreift, ist dasLicht. 
Das erscheint nicht in der Sprache. 

Die Kritik der geistigen Dinge ist die Unterscheidung des 
Echten vom Unechten. Das ist aber nicht Sache der Sprache, 
oder nur in einer tiefen Verhullung: im Humor. Nur im 
Humor kann die Sprache kritisch sein. Da erscheint dann die 
besondere kritische Magie daB das nachgemachte Ding mit 
dem Lichte in Benihrung kommt; es zerfallt. Das Echte 
bleibt: es ist Asche. Wir lachen dariiber. Wer ganz im Uber- 
maBe strahlt dessen Strahlen werden auch jene himmlischen 
Entlarvungen vornehmen die wir Kritik nennen. Gerade die 
groBen Kritiker sahen so erstaunlich das Echte: Cervantes. 
Ein groBer Schriftsteller, der das Echte so sah daB er kaum 
mehr Kritik iiben konnte : Sterne. Ehrf urcht vor den Worten 
macht noch den Kritiker nicht. Ehrf urcht vor seinem Objekt 
vor dem unscheinbaren Echten. Lichtenberg. So, wenn Kritik 
ausdriicklich werden soil oder sprachlich. Das ist allein Sache 
GroBer. Man miBbraucht den Begriff: Lessing war kein 
Kritiker. 

Ich griiBe Dich herzlich 

Walter 
Willst Du von meinen Arbeiten etwas lesen? Ich habe 
folgende Aufsatze geschrieben: 

Das Gluck des antiken Menschen 

Sokrates 

Trauerspiel und Tragtidie 

Die Bedeutung der Sprache in Trauerspiel und 

Tragodie 

Uber Sprache iiberhaupt und iiber die Sprache des 

Menschen. 2 

1 Der Zusammenhang des Folgenden mit dem Gedankengang des Brie- 
fes no. 45 an Buber vom Juli ist deutlich. 

2 Diese Aufsatze sind alle erhalten. %. T. nur hands chriftlich. 



132 



48 An Ernst Schoen 

Berlin, 27. Februar 1917 

Lieber Herr Schoen, 

haben Sie herzlichen Dank fur Ihren letzten Brief. Ich hoffe 
immer noch daB Sie bald einmal nach Berlin kommen. Dann 
werde ich Ihnen audi das Buch von Jammes zuriickgeben, 
das Sie mir geliehen haben. Ich fand den Roman du Lievre 
sehr schon und auch die beiden Geschichten von den jungen 
Madchen. Kenneii Sie die Gedichtbande von Jammes? Wenn 
Sie sie fur gut halten und etwa besitzen wiirde ich mich 
freuen, wenn Sie sie mir gelegentlich leihen wiirden. „ Exi- 
stences" kenne und schatze ich schbn seit langem und babe es 
mir unlangst selbst gekauft. Augenblicklich bin ich in der 
Lektiire von Flaubert: Bouvart [sic!] et Pecuchet begriffen. 
Das Buch ist in jedem Sinne das Schwerste das ich von Flau- 
bert kenne. Vor einigen Wochen las ich das ungeheure Buch 
von Dostojewski*. der Idiot. 

So weit es meine jetzt sehr beschrankten Moglichkeiten 
zulassen arbeite ich an meinen Baudelaire -t)bersetzungen. 
Auch denke ich viel an eine groBere Arbeit die ich vor einem 
Vierteljahr begonnen habe und fortzufuhren mich sehne. 1 
Meine Ischiasanfalle dauern noch an. 

Meine Existenz ist so eingeschrankt daB ich Ihnen schrift- 
lich davon nicht mehr mitteilen kann. Doch sollte es mir 
leid tun wenn es mir etwa nach diesen Zeilen noch schlechter 
zu gehen schiene als es in Wirklichkeit der Fall ist. Das 
Schlimmste ist daB ich zur Zeit der Anwesenheit meiner 
kunftigen Frau 2 bei meinen Eltern wohne und die taglichen 
Kampfe auf mich nehmen muB. 

Haben Sie gelesen daB Norbert von Hellingrath 3 gefallen 
ist? Ich wollte ihm bei seiner Riickkehr meine Holderlin- 
arbeit zu lesen geben, deren auBerlicher AnlaB die Stellung 
ihres Themas in seiner Arbeit iiber die Pindar- tTbersetzung 
war. — Ubrigens wollte er ein umfassendes Buch iiber Hol- 
derlin schreiben. 

Zu den wenigen standig erfreulichen Dingen gehort ein 

133 



Briefwechsel den ich seit mehr als einem Jahre fast ununter- 
brochen mit einem urn mehrere Jahre jiingeren Menschen 
fiihre 4 , der in einer Stellung in einem Lazarett sich befindet 
die ihm Denken und Schreiben erlaubt. Ich habe ihn im 
Friihjahr des vorigen Jahres einmal besucht. Fiir vieles ist 
der Briefwechsel kraft seiner anderen Voraussetzungen die 
immer in einem gewissen Grade das Leiden und Pathos des 
Schreibers zulassen und gewahren die einzig mogliche Form 
der AuBerung. 

Ich weiB Ihnen in Ihrer Lage auch nichts besseres zu 
wiinschen als daB Sie Briefe oft erfreuen mogen und daB 
auch dieser soweit er es kann tue. 

Ihr Walter Benjamin 

1 Die Arbeit uber die Sprache. . 

2 Dora Pollack. Die Heirat fand am 17. April 1917 statt. 

3 Der Herausgeber der Georg Miillerschen Holderlinausgabe, den 
W. B. sehr hoch schatzte. 

4 Werner Kraft, damals in Hannover. 



49 An Gerhard Scholem 

Dachau, 23. 5. 17 

Lieber Herr Scholem, 

kaum habe ich Zeit und die auBere Moglichkeit Ihnen zu 
schreiben gefunden, als ich auch sogleich deutlich an einen 
AnlaB erinnert wurde. Es kamen namlich heute friih die 
lange gesuchten samtlichen Schriften Baaders und weil ich 
jetzt doch mit einiger Intensitat zu studieren hoffe, so will 
ich was zusammen gehort bei einander haben. Anders kann 
ich nicht lernen. Und Baader und Molitor 1 gehoren so sehr 
zusammen, daB gleich unter dem ersten was ich gelesen habe 
zwei wichtige Briefe von ihm an Molitor waren, die unter 
anderemWesentliches und Sch ones iib er die Schechinnahsagen. 
Wie ist es denn also mit dem Exemplar, nach dem Sie fiir mich 
fragen wollten. Falls Sie es erhalten haben, bitte ich Sie es mir 

154 



sofort unter Angabe Ihrer Auslagen die ich postwendend zu- 
riickerstatte zu senden. Haben Sie es nicht erhalten, so werde 
ich mich auf der Miinchener Universitatsbibliothek darum 
bemiihen. Sollte aber auch das umsonst sein, so wiirde ich 
unter Umstanden michdazu entschlieBen, Sieumeingeschrie- 
bene Zusendung des Buches zu bitten, urn es mir, - wenn es 
Ihnen entbehrlich ist, leihweise zu iiberlassen. Das ware nur 
fur den Fall, daB meine Arbeit mir dies Studium unentbehr- 
lich macht und ich auf keine andere Weise das Werk erhalten 
kann. / Sie sollen gelegentlich die Ausziige iiber die Sche- 
chinnah bei Baader und vielleicht Uuch anderes erhalten. 

Unsere Adresse ist seit einigen Tagen, Dachau bei Mun- 
chen Moorbad und Kuranstalt. Es ist Sommer, wir haben ein 
schones Zimmer mit einer Loggia auf den griinen Garten 
und weil wir im zweiten Stockwerk wohnen, konnen wir 
sogar bisweilen die Alpen sehen. Die Kost und Pflege ist gut, 
meine Ischias halt aber durchaus an. 

Ich lese viel in Friedrich Schlegel und Novalis. Bei dem 
ersten wird mir immer deutlicher wie er von alien Roman- 
tikern wohl der einzige ist (sein Bruder kommt hier wohl 
nicht in Frage) der den Geist dieser Schule ohne konstitutio- 
nelle Schwache und Triibung entfaltet hat. Er ist dichterisch 
rein, gesund und trage. Im tiefsten Innern des Novalis aber 
wie des Brentano wohnt ein Krankheitskeim. Ich hoffe noch 
genau zu zeigen, worin eigentlich die Krankheit des Novalis 
liegt. 

Die mathematische Theorie der Wahrheit 2 — oder besser 
ihre Entwicklung befindet sich allerorts in guten Handen. 
In Miinchen habe ich nach mehr als einem Jahr meinen Be- 
kannten (das Genie) 3 gesprochen, der indessen in Erlangen 
summa cum laude promoviert hat. Er arbeitet — wenn auch 
nicht ausdriicklich in der Perspektive des Zionismus — an 
demselben Problem wie Sie. Ich habe mit ihm die allerw esent- 
lichsten Gesprache iiber die mathematische Theorie der Wahr- 
heit und wie diese Disziplin zum ersten Male in Europa sich 
bei den Py thagoraern entdeckt, gehabt. Urn aber diese Dinge 
in Briefform mitteilen zu konnen — und noch anderes der 
gleichen Art, was mir dort gesprachsweise entwickelt wurde 

135 



und von dem erstaunlichsten Wagemute ist - habe ich es 
noch nicht geniigend begrifflich durchdrungen. 

In Miinchen habe ich antiquarisch Kants Briefwechsel und 
von Scheerbart den Mondroman „Die groBe Revolution" er- 
worben. / Wie geht es Ihnen? Bitte schreiben Sie uns das 
bald. Wir denken oft an Sie und je mehr es uns selbst einmal 
besser geht, desto mehr erhoffen wir es auch fur Sie. Was 
Lugano angeht, so erwarten wir von Ihnen noch einmal ge- 
naue Weisung - so wie die Adresse Ihrer Mutter. 

Wir griiBen Sie herzlichst und hoffen auf baldige Antwort. 

Ihr Walter Benjamin 

1 Molitor war der Autor des bedeutendsten alteren Werkes iiber die 
Kabbala: „Philosophie der Geschichte oder Uber die Tradition" (1827- 
1855), das 1916 noch beim Verlag zu haben war. 

2 Der Ausdruck stammte von Scholem, der damit seine mathematisch- 
philosophischen Spekulationen bezeicbnete, 

3 W. B.s standige Bezeichnung fiir Dr. Felix Noeggerath (1886-1961), 
mit dem er in seinem Munch ener Jahr 1915-1916 und spater, nach 
1925, viel umging. 



SO An Gerhard Scholem 

[Juni 1917] 

Lieber Herr Scholem, 

ohne es gerade bewuBt zu haben, habe ich eine Umarbeitung 
Ihrer Obersetzung des Hohen Lie des doch wohl immer fiir 
wahrscheinlich (weil notwendig) gehalten und auch erwartet, 
daB der gedruckte Text - ich habe ihn bei mir — mir fiir die 
Beurteilung eines zukunftigen neuen eigentlich wichtig wer- 
den wiirde. Ich bin also sehr gern bereit die kritische Arbeit 
zu ubernehmen, die Sie mir antragen und ich bin gewiB viel 
dabei zu lernen. Ich bitte Sie um moglichst baldige t)ber- 
sendung des Manuscripts. / Der Molitor ist gekommen und 
das Geld dafiir geht heute an Sie ab. Da meine Frau, die 
heute und bis libermorgen in Miinchen ist, es abschickt, so 

136 



weiB ich nicht ob sie daran denkt, die 1 M fur Porto mitzu- 
senden. Falls es* nicht geschehen ist, wird es dann sogleich 
nachgeholt. Ich habe mich mit dem Besitz des Buches sehr 
gefreut: iibrigens wird es ja, wie der Baader, gemaB der Zeit- 
stromung selten, geschatzt und auch teuer werden, wie ich 
glaube. Es ist wohl iiber die erste Abteilung des vierten 
Bandes hinaus nicht gediehen? Nur um den Uberblick iiber 
die Disposition zu haben, frage ich Sie nach dem Thema des 
zweiten Bandes. 1 / Baader hat gewiB sehr viel mit der Ro- 
mantik zutun, so hat er einengroBen vonSchelling verhohle- 
nen EinfluB auf diesen ausgeiibt. Gerade von dem Verfasser 
des Aufsatzes, den sie erwahnen 2 , einem jungen Dr., Dichter 
und auch philosophisch interessierten Menschen, den ich in 
einem Munchener Seminar und auch sonst in Miinchen nicht 
selten sprach, bin ich selbst auf Baader hingewiesen worden. 
Auch kenne ich einen Aufsatz von ihm iiber diesen, ich weiB 
nicht ob es der von Ihnen erwahnte ist. Die Dignitat von 
Dr. Pulvers philosophisch en Ansichten ist mir noch sehr pro- 
blematisch. Er hat eine recht konfuse wenn auch glanzend 
zensierte Dissertation iiber romantische Ironie und roman- 
tische Komodie geliefert. / Ich gerate erfreulicherweise zum 
ersten Male tief in das Studium der Romantik hinein. - Kant 
der in gewisser Weise hochst dringlich ware, muB ich immer 
noch liegen lassen und auf eine bessere Zeit warten, denn 
ihn (und auch [Hermann] Cohen, der iibrigens ernstlich er- 
krankt sein soil) kann ich nur nach dem breitesten Plane, der 
also mit groBen Zeitraumen rechnen muB, studieren. Ich 
richte mich zunachst auf die Friihromantik, Friedrich Schle- 
gel vor allem, dann Novalis, August Willi elm auch Tieck 
und spater wenn mbglich Schleiermacher. Von einer Zusam- 
menstellung Friedrich Schlegelscher Fragmente nach ihren 
systematischen Grundgedanken gehe ich aus; es ist eine Ar- 
beit, an die ich schon lange dachte. Sie ist natiirlich rein 
interpretierend und welcher objektive Wert in ihr liegt bleibt 
abzuwarten. Auch sind die Grenzen fiir diese Arbeit durch 
die beschrankte Anzahl der wirklich auf das System hin zu 
interpretierenden Fragmente eng gesteckt. Ich verdanke aber 
dies em Versuch fiir mein Verstandnis der Friihromantik 



137 



bisher fast alles. Dazu fertige ich erne Harmonie aus entspre- 
chenden Fragmenten des Novalis an, die viel sparlicher aus- 
fallt als man nach deren sehr groBer Anzahl (einschlieBlich 
der NachlaB-Fragmente) vermuten sollte. Das Zentrum der 
Friihromantik ist: Religion und Geschichte. Ihre unendliche 
Tiefe und Schbnheit im Vergleich zu alter Spiitromantik: daB 
sie fiir die innige Verbindung dieser beiden Spharen nicht 
auf die religiosen und historischen Tatsachen sich beriefen, 
sondern im eigenen Denken und Leben die hohere Sphare zu 
produzieren suchten in der die beiden koinzidieren muBten. 
Es ergab sich nicht „die Religion" aber die Atmosphare, in 
der alles was ohne sie und was angeblich sie war verbrannte, 
zu Asche zerfiel. Wie auch ein solcher stiller Z erf all des 
Christentums Friedrich Schlegel vor Augen stand, nicht etwa 
weil er dessen Dogmatik bestritt, sondern weil seine Moral 
nicht romantisch: das heiBt nicht still und lebendig genug, 
weil sie ihm erregt, mannlich (im weitesten Sinne) und letz- 
ten Endes unhistorisch erschien. Diese Worte finden sich bei 
ihm nicht, sie sind Interpretation: aber die Romantik muj3 
man (verstandig) interpretieren. Friedrich Schlegel hat in 
dem uberirdischen Feuer dieser Atmosphare langer als ein 
anderer geatmet, langer vor alien Dingen als Novalis der aus 
seinem im tiefen Sinne praktischen oder besser: pragmati- 
schen Ingenium das zu verwirklichen suchte was Schlegel 
nezessitierte. Denn freilich ist die Romantik die letzte Bewe- 
gung, die noch einmal die Tradition hinuberrettete. Ihr in 
dieser Zeit und Sphare verfriihter Versuch gait der unsinnig 
orgiastischen Eroffnung aller geheimen Quell en der Tradi- 
tion, die unentwegt in die ganze Menschheit iiberstromen 
sollte. 

In einem Sinne, dessen Tiefe man erst darzulegen hatte, 
sucht die Romantik das an der Religion zu leisten was Kant 
an den theoretischen Gegenstanden tat: ihre Form aufzeigen. 
Aber gibt es eine Form der Religion?? Jedenfalls dachte sich 
die Friihromantik etwas dem Analoges unter der Geschichte. 

Von dem „Krankheitskeim" des Novalis ein anderes Mai. 
Ich denke noch dariiber nach. "Dber die Forschungen des Ge- 
nies kann ich Ihnen brieflich wegen der groBen Schwierig- 

158 



keit, die der Gegenstand fiir mich hat, niclits mitteilen [. . .] 
/ Die Identitatsthesen folgen bald. 3 / Die Dissertation des 
Genies ist noch nicht gedruckt. Ein kleiner Teil, den ich aus 
dem Manuscript kenne, ist geradezu hochst bedeutend. 

Den Band von Baader, in dem ich die Stelle iiber die Sche- 
chinnah gefunden habe, konnen Sie sich wohl in der Biblio- 
thek geben lassen: Die Sache steht zers'treut da und es ware 
muhsam sie zu exzerpieren. Ich glaube iibrigens, daB seine 
Ansicht der Wahrheit nahestehen mag. Samtl. Werke hg. von 
F. Hoffmann Bd. IV p 343 ff bis 349. Ubrigens ist in dem- 
selben Aufsatz die Auseinandersetzung iiber Zeit und Ge- 
schichte S. 356/357 sehr zu beachten. Ich habe sie noch nicht 
verstanden. Ferner ist im vorhergehenden Aufsatz der SchluB- 
absatz S. 340 vielleicht fiir Sie auch interessant. Sie wiirden 
mir einen Dienst leisten, wenn Sie mir einiges iiber die Idee 
der zweimaligen Schopfung, die mich sehr interessiert und 
aus Griinden schreiben konnten. 

Ich bin mit den allerherzlichsten Griifien auch von meiner 
Frau und guten Wunschen 

Ihr Walter Benjamin 

PS Die Geldsendung (16 M) ist im Brief enthalten. 

1 Der zweite Band war beim Verlag ver griff en. 

2 Max Pulver. Die welter unten erwahnte Arbeit ist seine Frei burger 
Dissertation von 1912. 

3 Die Thesen iiber das Identitatsproblem sind erhalten. Sie gingen auf 
Diskussionen zwischen W. B. und Scholem Anfang 1917 zuriick. 



51 An Ernst Schoen 

St. Moritz, 30. Juli 1917 

Lieber Herr Schoen, 

es ist ein schoner, friiher Morgen und die Stunde auf die ich 
gewartet habe um Ihnen fiir Ihr en Brief und das Buch zu 

159 



danken. Der Brief erreichte mich noch in Zurich, ich las ihn 
im Bette liegend wahrend neben mir auf dem Nachttisch eine 
kleine unzulangliche Ausgabe von Maurice de Guerins Wer- 
ken lag, der einzigen, die ich mir vor einigen Monaten in 
Deutschland beschaffen konnte. Bevor ich noch umgeblattert 
und den Namen Ihres Geschenkes gelesen hatte, wufite ich, 
daft es Maurice de Guerins Werke seien. Vor einigen Tagen 
hatte ich Le Centaure gelesen. - Wissen Sie iibrigens Rat um 
die Rilke'sche Ubersetzung dieses Buches irgendwie, wenn 
auch nur voriibergehend, einsehen zu konnen. Sie ist meines 
Wissens im Inselverlage erschienen, doch der letzte Gesamt- 
katalog enthalt sie nicht mehr. Wunderbar ist Guerins Ein- 
dringen in den Geist des Centauren ; nachdem ich ihn gelesen 
hatte, schlug ich Holderlins gewaltiges Fragment: „das Be- 
lebende" auf (am SchluB der Hellingrath'schen Sonderaus- 
gabe der Pindar-tJbertragungen) und die Welt von Gu6rins 
Centauren geht in die groBere des Holderlinschen Frag- 
ments ein. 

Wir sind seit einer Woche hier; ich habe diesen Ort - ich 
darf es sagen - nach jahrelangem Ringen gefunden und be- 
trat ihn endlich nachdem in Zurich auch die letzte Beziehung 1 
die mich unklar mit Vergangnem verstrickte gefallen war. 
Ich hoffe die beiden Jahre vor dem Kriege als Samen in mich 
aufgenommen zu haben und von da an bis heute geschah 
alles zu ihrer Lauterung in meinem Geist. Wenn wir uns 
wiedersehen werden wir liber die Jugendbewegung sprechen 
deren Sichtbares so vollkommen, mit so erschutternder Ge- 
walt untergegangen ist. Alles, aufier dem wenigen wodurch 
ich mein Leben zum leben bestimmen lieB, dem ich in den 
letzten beiden Jahren mich zu nahern suchte, war Untergang 
und ich finde mich hier in vielfachem Sinne gerettet: nicht 
zur MuBe Sicherheit Reife des Lebens, wohl aber entronnen 
damonischen gespenstischen Einwirkungen die wo wir uns 
hinwenden am Herrschen sind und entronnen der rohen 
Anarchie, der Gesetzlosigkeit des Leidens. 

Ich habe zu meinem Geburtstage die Werke des Gryphius 
in einer schonen alten Ausgabe bekommen. Das Werk dieses 
Mannes ist ein Wahrzeichen der groBen Gefahr die uns auch 

140 



heute bedroht: die Flamme des Lebens wenn niclit ersticken 
so doch hoffnungslos verdiistem zu lassen; Licht gibt mir die 
Besonnenheit im Geist der vergangenen Jahre. 

Ich arbeite noch nicht; wann ich dazu komme, hangt von 
den Umstanden ab. Wenn ich eine groBe Bibliothek zur Ver- 
fiigung hatte konnte ich vieles tun; so versammle ich hoffent- 
lich mit der Zeit meine kleine und hoffe nur immer zur 
Arbeit imstande zu sein, wenn sie nun nach Jahren wieder 
moglich werden wird. / Meine Arbeit uber die Sprache kann 
ich Ihnen augenblicklich nicht ubermitteln, das in Deutsch- 
land befindliche Exemplar ist zur Zeit unerreichbar. 2 Ich 
wage die Hofrnung daB wenn Sie sie lesen werden sie schon 
liber den ersten Teil hinaus gediehen sein moge. Aber ich 
kann Ihnen vielleicht von Zeit zu Zeit kurze Abschriften von 
Notizen die ich geschrieben habe senden? 

Fur heute leben Sie wohl. Meine Frau und ich senden 
Ihnen herzliche GriiBe 

Ihr Walter Benjamin 

1 Zu Herbert Belmore. 

2 Scholem war im Heer. 



52 An Gerhard Scholem 



Zurich, 17.7. 1917 



Lieber Herr Scholem, 

Lassen Sie mich einige Worte iiber Ihre Ubersetzung des 
Hohen Liedes sagen. Den Text habe ich leider dabei nicht vor 
mir, habe ihn nicht einmal vollstandig in der.letzten auf- 
reibenden Zeit in Dachau lesen kbnnen: immerhin sind diese 
Einschrankungen weniger wichtig als meine Unkenntnis, 
nicht allein des Hohen Liedes sondern des Hebraischen. Es 
kann sich demnach nur urn ein apercu handeln, des wenigen 
was ich sage glaube ich mich aber ziemlich sicher. 

Das was die zweite Ubersetzung von der ersten 1 unter- 

141 



scheidet ist die vollstandige und gewissenhafte Applikation 
der Kritik; die Umarbeitung ist methodisch begriindet, sie ist 
aber zugleich nichts als methodisch. Und das riihrt wenn ich 
mir eine Vermutung erlauben darf daher: Ihre Liebe zur 
hebraischen Sprache kann sich im Medium der deutschen nur 
als Ehrfurcht vor dem Wesen der Sprache und dem Worte 
iiberhaupt darstellen, nur in der Anwendung einer guten und 
reinen Methode. Das heiBt aber: Ihre Arbeit bleibt eine 
apologetische, weil sie die Liebe und die Verehrung eines 
Gegenstandes nicht in seiner Sphare ausdriickt. Es ware nun 
prinzipiell nicht unmoglich daB zwei Sprachen in eine Sphare 
eingehen: im Gegenteil das konstituiert alle groBe Uber- 
setzung und bildet die Grundlage der ganz wenigen groBen 
Ubersetzungswerke die wir haben. Im Geiste Pindars er- 
schloB sich Holderlin die gleiche Sphare der deutschen und 
der griechischen Sprache: seine Liebe zu beiden wurde eine. 
(UngewiB bin ich mir halte es aber fast fur moglich daB man 
liber Georges Dante-Ubersetzung gleich GroBes sagen kann) 
Ihnen jedoch ist die deutsche Sprache nicht gleich nahe wie 
die hebraische und darum sind Sie nicht der berufene Uber- 
setzer des Hohen Liedes, wahrend Sie es eben dem Geiste der 
Ehrfurcht und der Kritik verdanken, daB Sie kein Unberufe- 
ner geworden sind. Ich glaube letzten Endes werden Sie 
selbst dieser Arbeit mehr zu danken haben als jeder andere. - 

Ich fand im Friihjahrskataloge des Insel-Verlages Buber, 
Martin: Die Lehre, die Rede und das Lied. Nun ist das eben 
die Einteilung sprachlicher AuBerung die ich in meinem un- 
beantworteten Brief an ihn machte. Steckt nun etwavielleicht 
dahinter die Antwort? Etwa eine zustimmende? Etwa ohne 
Angabe des Adressaten? Ich werde mich bemiihen diesem 
Zusammenhang auf die Beine zu helfen und Sie werden dann 
mehr horen. 

Wir fahren sehr bald von hier ins Engadin. Bis Sie eine 
neue Adresse erhalten schreiben Sie, und bald und oft, hie- 
her. Wir denken oft an Sie und sind mit unsern herzlichsten 
Wiinschen bei Ihnen. 

Ihr Walter Benjamin 



142 



l Diese Obersetzung war 1916 in einigen Exemplaren gedruckt wor- 



den 



S3 An Gerhard Scholem 

St. Moritz, [September 1917] 

Lieber Gerhard, 

erlauben Sie daB ich die Erinnerung an Ihren Kampf und 
Sieg mit der Einfiihrung des Vornamens unter uns verbinde. 
Bei aller Freude iiber Ihren letzten Brief (den ich hier so- 
gleich beantworte) habe ich ein geradezu schmerzliches 
Gefiihl empfunden bei dem Gedanken daB wir jetzt nicht 
zusammen sein sollten. 1st es denn wirklich unmoglich? Wir 
sind jetzt wie ich iiberzeugt bin in gewisser Beziehung von 
einer Gleichheit, deren Grundfarbe wohl die Dankbarkeit ist, 
in der innersten Lage des Lebens die ein hochst fruchtbares 
und schones Zusammenarbeiten versprechen wiirde. Dazu 
kommt, wie meine Frau und ich hier noch ganz einsam 
stehen. Haben Sie nicht die Moglichkeit, durch bescheidene 
Tatigkeit sich das bescheidene Geld (in Franken) zu verdie- 
nen was zu Ihren monatlichen Beziigen geschlagen eine be- 
scheidene aber gesunde Lebenshaltung garantieren wiirde? 
Und wie lange wiirden wir sonst noch warten miissen bis 
wir uns wiedersahen ? 

In wenigen Tagen fahre ich geschaftlich nach Bern, Wo 
ich im Winter dann studieren werde weiB ich noch nicht. 
Vielleicht in Zurich; unter Umstanden wiirde ich aber auch 
Basel wahlen miissen wenn sich das in Sachen meiner Promo- 
tion giinstiger erwiese. Dort ist der sehr liberale Prof. [Karl] 
Joel. / Nach dem was ich iiber den Konflikt von Prof. Bauch 
mit der Kantgesellschaft gehort habe, scheint es mir aus- 
geschlossen, daB er mehr als einige Details der philosophi- 
schen Forschung ubermitteln kbnnte; Sie werden wohl ge- 
legentlich von diesem Konflikt horen. Linke wird meines 
Wissens inphanomenologischen Kreisen nicht sehr geschatzt 1 ; 

143 



doch habe ich einem Aufsatz von ihm einige Belehrung iiber 
das Wesen der Phanomenologie oder das was er dafiir ansieht 
zu danken. Das ist eine Polemik gegen eine verstandnislose 
Kritik der Phanomenologie durch Elsenhans und sie steht im 
Jahrgang 1916 der Kant-Studien. 

Hier arbeite ich augenblicklich nicht sondern denke nur 
bei Gelegenheit iiber manches nach. Es ist hier zu anderm 
nicht der Ort und fiir diese Sommerwochen habe ich ihn auch 
recht gewahlt. Es ist hier eine groBe anspannende und den 
Geist stahlende Landschaft, die mit heilender Gewalt ver- 
hindert daB die innere Losung die wir gefunden haben uns 
innerlich bis zur Vernichtung erschuttern konnte. Meiner 
Frau lese ich „Cardenio und Celinde" von Gryphius vor, ich 
selbst lese es dabei zum zweiten mal. Es ist ein sehr schones 
Drama. [..-]' 

Sie diirf en meinen Aufsatz iiber die Sprache Ludwig StrauB 
vorlesen, wenn ich dafiir, wenn irgend moglich, eine Ab- 
schrift seiner Arbeit 2 leihweise erhalten kann. Ich will Ihnen 
sagen daB mir sehr viel daran liegt eine Arbeit iiber Ethik 
die Sie betrachtlich finden kennen zu lernen, ich kann mir 
kaum Interessanteres und Wichtigeres fiir mich denken und 
eben darum wiirde ich die Arbeit gern genau und also ab- 
schriftlich fiir einige Zeit vor mir haben. Ich wiirde was 
meine Arbeit angeht, Ludwig StrauB, den ich herzlich 
griiBen lasse, naturlich Gleiches zugestehen: vollstandiges 
gegenseitiges Vertrauen ist hierbei Voraussetzung. / Den 
neuen Band der Holderlin Ausgabe werde ich mir kommen 
lassen. Das Georgische Gedicht 3 , das auch Herr Kraft 4 mir 
schon erwahnte, ist mir bisher leider noch nicht zu Gesicht 
gekommen. 



6. September 
Ich habe Ihren Aufsatz 5 erhalten und danke Ihnen dafiir. Er 
ist sehr gut. Fiir eine weitere Ausfiihrung mbchte ich Sie auf 
folgende Gedanken hinweisen. Sie schreiben: „AUe Arbeit ist 
Unsinn, die nicht auf das Beispiel abzielt" „Wenn wir Ernst 
machen wollen : ... so ist das heute wie immer die tief ste 



144 



Beeinflussung der Seelen der Kommenden — und die einzige: 
durch das Beispiel." Der Begriff des Beispiels (von dem der 
„Beeinflussung" ganz zu schweigen) ist aus der Erziehungs- 
lehre vollig auszuschalten. Es haftet ihm einerseits das Em- 
pirische und andererseits ein Glaube an die blofle Macht 
(durch Suggestion oder ahnliches) bei. Beispiel wiirde bedeu- 
ten: durch Vormachen zeigen daB etwas empirisch moglich 
ist und zur Nachahmung aneifern. Das Leben des Erziehen- 
den wirkt aber nicht mittelbar, durch Aufstellung eines 
Beispiels. Weil ich mich sehr kurz fassen muB will ich ver- 
suchen das am Unterricht zu erlautern. Unterricht heiBt 
Erziehung durch die Lehre im eigentlichen Sinn und muB 
deshalb in der Mitte aller Gedanken liber Erziehung stehen. 
Die Loslosung der Erziehung vom Unterricht ist das Anzei- 
chen vollstandiger Verwirrung in alien bestehenden Schulen. 
Der Unterricht ist fur alle iibrigen Bezirke der Erziehung 
symbolisch, denn auch in alien iibrigen ist der Erzieher der 
Lehrende. Nun kann man zwar das Lehren als ein „beispiel- 
haftes Lernen" bezeichnen aber man findet sofort daB der 
Begriff Beispiel ganz iibertragen gebraucht wird. Der Lehrer 
lehrt nicht eigentlich indem er „vor-lernt", beispielhaft 
lernt sondern sein Lernen ist teilweise allmahlich und ganz 
aus sich selbst zum Lehren iibergegangen. Wenn man also 
sagt der Lehrer gibt das „Beispiel" zum Lernen so verdeckt 
man durch deii Begriff Beispiel das Eigentiimliche Autonome 
im Begriff solchen Lernens: namlich das Lehren. In einem 
gewissen Stadium werden bei dem rechten Menschen alle 
Dinge beispielhaft aber sie verwandeln sich damit in sich 
selbst und werden neu. Dieses neue schopferische in den 
Lebensformen des Mannes sich entf alten zu sehen erofTnet in 
die Erziehung den Einblick. Ich wiinschte nun daB Sie in 
der Ausarbeitung Ihres Aufsatzes den Begriff des Beispiels 
dergestalt eliminierten und zwar in dem der Tradition auf- 
heben mochten. Ich bin iiberzeugt: die Tradition ist das 
Medium in dem sich kontinuierlich der Lernende in den Leh- 
renden verwandelt und das im ganzen Umf ang der Erziehung. 
In der Tradition sind alle Erziehende und zu Erziehende und 
alles ist Erziehung. Symbolisiert und zusammengefaBt wer- 

145 



den diese Verhaltnisse in der Entwicklung der Lehre. / Wer 
nicht gelernt hat kann nicht erziehen, denn er sieht nicht an 
welcher Stelle er einsam ist, wo er also auf seine Weise die 
Tradition umfaBt und lehrend mitteilbar macht. Wer sein 
Wissen als iiberliefertes begriffen hat in dem allein wird es 
uberlieferbar, er wird in unerhorter Weise frei. Hier denke 
ich mir den metaphysischen Ursprung des talmudischen 
Witzes. Die Lehre ist wie ein wogendes Meer, fur die Welle 
aber (wenn wir sie als Bild des Menschen nehmen) kommt 
alles darauf an sich seiner Bewegung so hinzugeben, daB sie 
bis zum Kamme wachst und uberstiirzt mit Schaumen. Diese 
ungeheure Freiheit des Ubersturzes ist die Erziehung, im 
eigentlichen : der Unterricht, das sichtbar- und frei werden 
der Tradition, ihr Uberstlirzen aus lebendiger Fiille. Es ist 
so schwer iiber Erziehung zu reden weil deren Ordnung mit 
der religiosen Ordnung der Tradition ganz zusammen fallt. 
Erziehen ist nur (im Geiste) die Lehre bereichern; nur wer 
gelernt hat kann das: darum ist es unmbglich fur die Kom- 
menden anders als lernend zu leben. Die Nachkommen sind 
aus dem Geist Gottes (Menschen), sie steigen aus der Bewe- 
gung des Geistes wie Wellen auf. Unterricht ist der einzige 
Punkt der freien Vereinigung der alteren mit der jiingeren 
Generation, wie Wellen die im Ineinandergehen denSchaum- 
kamm werfen. 

Jeder Irrtum in der Erziehung geht darauf zuriick daB 
man in irgend einem letzten Sinn unsere Nachkommen von 
uns abhangig denkt. Sie sind von uns nicht anders abhangig 
als von Gott und der Sprache in die wir uns daher um irgend 
einer Gemeinsamkeit mit unsern Kindern willen versenken 
miissen. Junglinge konnen nur ihresgleichen, nicht Kinder 
erziehen. Manner erziehen Junglinge. 

Hoff entlich geht dieser Brief nicht zu lange. Ich beschlieBe 
ihn mit den herzlichsten GriiBen von meiner Frau und mir, 
der ich bald von Ihnen zu horen gedenke. 

Ihr Walter Benjamin 



1 Bruno Bauch und Paul Linke lehrten in Jena, wo Scholem im Win- 
ter 1917-1918 studierte. 



146 



2 Einen (handschriftlichen) Entwurf einer „Ethik", 

3 „Der Kxieg". 

4 Werner Kraft, mit dem W. B. seit 1915 in lebhaftem (leider ver- 
lorenen) Briefwechsel, vor allem uber Literarisches, stand. Sowohl 
Kraft wie Scholem waren, unabhiingig voneinander, mit W. B. unter 
dem Eindruck einer Diskussion bekannt geworden, die im Juni 1915 
iiber einen Vortrag von Kurt Hiller vor Akademikern stattfand und bei 
der, unter anderen, alle drei gesprochen hatten. 

5 Eine prinzipielle Kritik der judischen Erziehungsarbeit des jiidischen 
Wanderbundes „Blau~WeiB", die in dessen „Fuhrerzeitung" im Som- 
mer 1917 erschien. 



54 An Ernst Schoen 

Bern, 10. September 1917 

Lieber Herr Schoen, 

Ihr letzter Brief liegt wahrend ich dies schreibe nicht neben 
mir — ich schreibe dennoch weil alles in dieser Stadt mich 
dazu bewegt und weil ich daran denke da!3 das — vielleicht 
gliicklose — Semester das Sie hier verlebten einige schtine 
Briefe die mich damals tief bewegten mir von Ihnen brachte 
[. . .] Fur fast alles ist der briefliche Ausdruck versagt, ich 
will Ihnen nur das schreiben was ich der Wahrheit gemaB 
aussprechen kann, und wo ich im Schreiben nicht ganz klar 
sein konnte schweigen. 

Gestern sahen wir hier einen jungen Musiker 1 den ich vor 
mehreren Jahren als er aus Wicker sdorf kam als einen an- 
mutigen und stillen Knaben, den schon damals die Musik 
allein beschaftigte, kennen lernte. Ich glaubte meine Frau 
und mich mit diesem Wiedersehen erfreuen zu konnen — aber 
ich fand einen jungen Mann der (gewifi nicht haBlich war) 
aber seine eigentximliche sondere Schbnheit verloren hatte. Ein 
vielleicht unverdorbener, ein bildsamer Mensch. Aber lassen 
Sie es mich aussprechen: Er hatte einen Buckel bekommen. 
In diesem Bilde verdichtete sich der geistige Eindruck den 

147 



ich von ihm empfing. Spater sprach ich dariiber mit meiner 
Frau: es erschien mir dieser Buckel plotzlich eine Eigentiim- 
lichkeit der meisten modernen Menschen die sich der Musik 
widmen. Sie sind wie innerlich verwachsen; als triigen sie. 
etwas Schweres auf etwas Leerem. Dieser „Buckel" und was 
mit ihm zusammenhangt ist eine besondere Form der mir 
verhaBten Sokratik, der modernen, der ,,SchonhaBlichkeit". 
Ganz von selbst gerieten wir in diesem Gesprache auf Sie und 
wie in Ihnen das BewuBtsein, in Ihren Bedingungen der 
bloBen Beschaftigung mit der Musik noch nicht gewachsen 
zu sein, nicht diese bittere und eitle Form annehme. Ihr 
Riickgrat wird, weil Sie verzichten konnen und keinesfalls 
niemals falsche Fiille behaupten werden gerade bleiben. Ist 
Ihnen das denn nicht selbst bewuBt und vermag dieses Be- 
wuBtsein nicht, Sie wahrend Ihrer gewiB langen Krisis auf- 
recht zu erhalten? 

Befreien Sie sich aus der Ihnen nachsten Not. 

Das scheint mir gegenwartig der gefahrliche Agon zu sein 
in den Ihre Krafte eintreten mussen. 

Bern ist eine herrliche Stadt wenn es auch vielleicht un- 
moglich sein mag allein in ihr zu leben. Wie lange wir npch 
hier bleiben und wohin wir dann gehen ist noch ungewiB. 
Ich muB geduldig warten bis ich wieder einmal einen Schreib- 
tisch und eigene Arbeit vor mir habe. Aber es drangt Vieles 
nach Ausfuhrung. 

Hier ist ein Gedicht von mir 

beim Anblick des Morgenlichtes 

Taucht doch der Mensch aus lindem Wahn empor 

Wie konnte sich Erwachen selbst ermessen? 

Der Sonne Flut erfullet noch das Ohr 

bis ihre Ebbe sich im Tag verlor 

Und Traum der wahrgesagt sein selbst vergessen 

Vor allein aber wird zuerst Gestalt 
dem eine Hand ins Stammgehege greift 
der Hort der Traurigkeit der hohe Wald 

148 



In seinen Wipf eln ist ein Licht gereift 
das mude blicket und von Nachten kalt 

Wie bald bin ich auf dieser Welt allein 
die schaffend ausgreift meine Hand halt ein 
Und fiihlt erschauernd ihre eigene BloBe 
Ist dieser Raum dem Herzen denn zu klein 
Wo atmet er aus seiner rechten GroBe? 

Wo sich das Wachen nicht vom Schlafe scheidet 
Hebt Leuchten an das ist wie Mond umkleidet 
Und dennoch droht ihm keine Helle Spott 
Des Menschen Wiese wo er scblummernd weidet 
In Traumes altem Dunkel nicht mehr leidet 
In alten Raumes Lichte wachet : Gott. 

Ich griiBe Sie herzlich. Schreiben Sie mir wie es Ihnen 
geht. Auch von meiner Frau viele GriiBe 

Ihr Walter Benjamin 

l Er hieB Heymann. 



55 An Gerhard Scholem 

Bern, 22. Oktober 1917 

Lieber Gerhard, 

Ihre beiden Briefe vom 20 ten und 28 ten September haben, 
um in der Antwort auch nur einigermaBen aufgenommen 
und weitergefiihrt werden zu konnen, diese Antwort erst in 
groBerem Zeitabstand zugelassen. Ich habe indessen standig 
iiber das was Sie schreiben nachgedacht — bis auf Ihre Ge- 
danken iiber Kant, von denen ich das nicht sagen kanri, weil 
sie schon seit zwei Jahren schlechterdings meine. eigenen sind. 
Niemals hat mich unsere Ubereinstimmung erstaunlicher 
getroffen als in Ihren Worten dariiber, die ich buchstablich 
zu meinen eigenen machenkdnnte. Deshalbbrauche ich Ihnen 

149 



gerade dariiber vielleicht am wenigsten zu schreiben. Ohne 
bisher dafiir irgend welche Beweise in der Hand zu haben, 
bin ich des festen Glaubens, daB es sich im Sinne der Philo- 
sophie und damit der Lehre, zu der diese gehort, wenn sie sie 
nicht etwa sogar ausmacht, nie und nimmer um eine Er- 
schiitterung, einen Sturz des Kantischen Systems handeln 
kann sondern vielmehr um seine granitne Festlegung und 
universale Ausbildung. Die tiefste Typik des Denkens der 
Lehre ist mir bisher immer in seinen Worten und Gedanken 
aufgegangen, und wie unermeBlich viel vom Kantischen 
Buchstaben auch mag fallen miissen, diese Typik seines 
Systems, die innerhalb der Philosophie nur mit der Platos 
meines Wissens verglichen werden kann, muB erhalten blei- 
ben. Einzig im Sinne Kants und Platos und wie ich glaube 
im Wege der Revision und Fortbildung Kants kann die 
Philosophie zur Lehre oder mindestens ihr einverleibt werden. 

Mit Recht werden Sie bemerken daB „im Sinne Kants" 
und „die Typik seines Denkens" ganz unklare Ausdriicke 
sind. In der Tat sehe ich nur die Aufgabe, wie ich sie eben 
umschrieben habe, klar vor mir, daB das Wesentliche des 
Kantischen Denkens zu erhalten sei. Worin dieses Wesent- 
liche besteht und wie man sein System neugriinden muB, um 
es hervortreten zu lassen, weiB ich bis heute nicht. Aber es 
ist meine Uberzeugung: wer nicht in Kant das Denken der 
Lehre selbst ringen fuhlt und wer daher nicht mit auBerster 
Ehrfurcht ihn mit seinem Buchstaben als ein tradendum, zu 
IJberlieferndes erfaBt (wie weit man ihn auch spater um- 
bilden miisse) weiB von Philosophie garnichts. Deshalb ist 
auch jede Bemanglung seines philosophischen Stils pures 
Banausentum und profanes Geschwatz. Es ist durchaus wahr, 
daB in den groBen wissenschaftlichen Schopfungen die Kunst 
mitumfaBt sein muB (wie umgekehrt) und so ist es auch 
meine Uberzeugung, daB Kants Prosa selbst einen limes der 
hohen Kunstprosa darstellt. Hatte sonst die Kritik der reinen 
Vernunft Kleist bis ins Innerste erschiittert? 

In dem bisher gesagten weiB ich mich mit dem Genie 
einig. Seine gegenwartige Adresse habe ich nicht, kbnnte sie 
aber wohl ermitteln. Dabei will ich folgendes bemerken: ich 

150 



habe es aufs tiefste empfinden miissen, daB bei so tiefreichen- 
der Gleichheit des Bildes, das zwei Menschen von der Wahr- 
heit in sich tragen, aucb fiir ihre Gemeinschaft in jedem 
Sinne und auch in dem der Entdeckung dieser Wahrheit, 
innige Verwandtschaft unerlaBlich ist, weil es sonst iiber 
gegenseitige freimiitige Mitteilung und Achtung garnicht 
hinauskommen kann. Das ware auch das hochste das ich mir, 
soweit es noch nicht erreicht ist, von meiner Beziehung zum 
Genie versprechen kann; denn in jedem anderen Punkte als 
diesem auBersten Beruhrungspunkte in der Intuition, die bei 
beiden nicht aus verschiedenen, nein, wahrscheinlich aus ent- 
gegengesetzten Quellen flieBt, werden die Arbeitsmethoden 
disparat; so daB man nur miteinander sprechen, nicht durch- 
aus in Gemeinschaft mit einander wird arbeiten konnen. Dies 
glaube ich was meine Beziehung zum Genie angeht bereits 
als sicher annehmen zu diirfen; Deutscher und Jude stehen 
sich gleich den verwandten Extremen gegeniiber, wie ich es 
ihm selbst einmal sagte. Doch wiirde es bei ihm und mir 
immer noch auf den mit Ernst unternommenen Versuch 
ankommen, wenn das eben moglich ware, und so mag es auch 
bei Ihnen sein. Ich brauche Ihnen hiernach kaum zu sagen, 
wie sehr ich mir im letzten Sinne von unserem Zusammen- 
sein Forderung unserer Selbst im Wissen versprache. 

Ich werde in diesem Winter beginnen iiber Kant und die 
Geschichte zu arbeiten. Noch weiB ich nicht, ob ich den not- 
wendigen durchaus positiven Gehalt in dieser Beziehung bei 
dem historischen Kant vorfinden werde. Davon hangt es auch 
mit ab, ob ich aus dieser Arbeit meine Doktordissertation 
werde entwickeln konnen. Denn ich habe die betreffenden 
Schriften von Kant noch nicht gelesen. Neben manchem An- 
laBlichen und Interessanten glaube ich jetzt den letzten 
Grund der mich auf dieses Thema verwiesen hat darin zu 
erkennen, daB immer die letzte metaphysische Dignitat einer 
philosophischen Anschauung die wirklich kanonisch sein 
will, sich in ihrer Auseinandersetzung mit der Geschichte am 
klarsten zeigen wird ; m. a. W. in der Geschichtsphilosophie 
wird die spezifische Verwandtschaft einer Philosophic mit 
der wahren Lehre am klarsten hervortreten miissen; denn 



151 



hier wircl das Thema des historischen Werdens der Erkennt- 
nis das die Lehre zur Auflosung bringt, auftreten miissen. 
Doch ware es nicht ganz ausgeschlossen, dafi in dieser Be- 
ziehung Kants Philosophic noch sehr unentwickelt ware. 
Nach dem Schweigen, das iiber seine Geschichtsphilosophie 
herrscht, miifite man dies (oder das Gegenteil) glauben. Aber 
ich denke es wird sich fur den, der mit richtigem Verstand 
herarigeht, geniigend und mehr als das finden. Oder aber ich 
werde dabei ein anderes Arbeitsgebiet finden. Meine iibrigen 
Gedanken dariiber konnte ich Ihnen jetzt am besten miindlich 
andeuten. 

Bitte lesen Sie unter alien Umstanden Barthel: die geo- 
metrischen Grundbegriff e im Archiv fur systematische Philo- 
sophic hg von L. Stein Neue Folge der Philos. Monatsh. Bd 
XXII Heft 4 November 1916. Ich habe den Aufsatz durch- 
blattert und naturlich nur teilweise verstanden. Sie miissen 
sich damit auseinandersetzen und mir schreiben was daran ist. 

Gegenwartig, ehe ich meine Kantlektiire beginnen kann, 
lese ich das Lehrbuch der Dogmengeschichte von Harnack in 
drei Banden. Ich stehe am Ende des ersten. Das Buch gibt 
mir sehr viel zu denken indem es mich zum ersten Mai be- 
fahigt mir eine Vorstellung von dem was Christentum ist 
zu machen und mich fortwahrend auf Vergleiche mit dem 
Judentum fuhrt, fur die mein Wissen, euphemistisch gesagt, 
ganz unzulanglich ist. Trotzdem haben sich mir einige be- 
stimmte Probleme ergeben, deren jedes gut darzulegen eben- 
soviele Briefe erfordern wiirde. Ich deute zwei in Form von 
Fragen an 1) gibt es im Judentum den Begriff des Glaubens 
im Sinn des adaquaten Verhaltens zu der Offenbarung? 
2) Gibt es im Judentum eine irgendwie prinzipielle Schei- 
dung und Unterscheidung zwischen der jiidischen Theologie, 
Religionslehre und dem religiosen Judentum des einzelnen 
Juden? Beides beantwortet meine Ahnung mit Nein und 
beides wiirde dann sehr wichtige Gegensatze gegen den 
christlichen Religionsbegriff konstituieren. Von einem ande- 
ren groBen Problem des Christentums das sich ergeben hat 
ein andermal. Dagegen aber a propos diese Bemerkung: Ein 
Hauptstiick der vulgdren antisemitischen wie zionistischen 

152 



Ideologie ist der HaB des Nicht-Juden gegen den Juden, der 
instinktiv und rassenmaBig physiologisch begriindet sei, da 
er sich gegen die Physis kehre. Dieser unbewuBt vollzogene 
SchluB ist aber falsch, denn es ist eine der erstaunlichen 
wesenhaften Eigenarten des Hasses, daB, welchen Grund und 
ArilaB er audi immer habe, er in seinen primitivsten und 
intensivsten Formen HaB gegen die physische Natur des Ge- 
haBten wird. (In dieser Richtung ware auch die Verwandt- 
schaft zwischen HaB und Liebe zu suchen) Wenn also von 
einem HaB der Nicht-Juden gegen Juden in gewissen Fallen 
gesprochen werden kann, so iiberhebt das nicht der Miihe 
geistige Gninde fiir dieselben zu suchen. In dieser Hinsicht 
ist nun als ein Motiv (zunachst nicht des Hasses aber des 
Unwillens gegen Juden und Judentum) zu beriicksichtigen 
die historisch gewordene hochst verlogene l und schief e Art 
und Weise wie das alte Testament der Anerkenntnis der 
kommenden christlichen Jahrhunderte und Volker durch die 
altesten Kirchen und Gemeinden aufgezwungen wurde ur- 
spriinglich allerdings in der Hoffnung es den Juden zu ent- 
reiBen und ohne BewuBtsein historischer Folgen, da man 
in Erwartung des nahen Endes lebte, wo durch eine welt- 
geschichtliche Verstimmung der Christen gegen das Juden- 
tum geschaffen werden muBte. Dies wie gesagt nur a propos. 
Von Ludwig StrauB ist noch nichts gekommen. Unter der 
Voraussetzung, daB ich in den Besitz seiner Arbeit gelange 
und wenn ich dies bestatigt habe, konnen Sie ihm ein Exem- 
plar der Abschrift der Spracharbeit zusenden. Ein zweites 
kann Herr Kraft, das dritte Sie und wenn Sie keine andere 
Verwendung dafur haben, ein viertes ich erhalten. Sonst 
lieBe sich fiir mich noch ein fiinftes vielleicht herstellen; aber 
wer sollte dann das vierte erhalten? / Ich weiB leider nicht, 
lieber Gerhard, wann Ihr Geburtstag ist, zu dem meine Frau 
und ich Ihnen zu spat oder zu friih aber niemals zu herzlich 
gratulieren konnen. So schreiben Sie uns denn bitte, ob die 
Photographien die Sie mit der nachsten Sendung erhalten 
werden, zu friih oder zu spat kamen. Sie sind in der schwer- 
sten Zeit in Dachau aufgenommen worden, urspriinglich als 
PaBaufnahmen gedacht, als die sie aber nicht in Betracht 

153 



kommen. Im Verhaltnis zu der groBen Schwierigkeit, ein 
Bild meiner Frau aufzunehmen, ist es wohl nicht schlecht. 

Diese nachste Sen dung soil zugleich die Abschrift eines 
Aufsatzes von mir enthalten, iiberschrieben: Uber die Male- 
rei der als Antwort auf Ihren Brief iiber Kubismus zu gelten 
hatte, obwohl dieser darin kaum erwahnt ist. 2 Es ist eigent- 
lich kein Aufsatz sondern zu einem solchen erst der Entwurf . 
Hier einige Bemerkungen dazu: nachdem ich schon in 
St. Moritz, wie ich Ihnen von dort seinerzeit geschrieben 
habe, iiber das Wesen der Graphik nachgedacht hatte und bis 
zur Aufzeichnung einiger Satze gekommen war, die mir bei 
der Abfassung der neuen leider nicht zur Hand waren, hat 
Ihr Brief in Verbindung mit den fruheren Uberlegungen 
diese Satze als Resultate meines Nachdenkens veranlaBt. Am 
unmittelbarsten, indem er mir das Interesse an der Einheit 
der Malerei trotz ihrer scheinbar so disparaten Schulen er- 
weckte. Indem ich (im Gegensatz zu Ihren Behauptungen) 
erweisen wollte, dafi ein Rafaelsches und ein kubistes [sic] 
Bild als solche wesenhaft ubereinstimmende Merkmale neben 
den trennenden zeigen, ist die Betrachtung der trennenden 
fortgeblieben. Dafur habe ich aber versucht denjenigen 
Grund aufzufinden, von dem alle Verschiedenheit sich aller- 
erst abheben konnte. Wie entschieden ich dabei Ihrer Tricho- 
tomie der Malerei in farblose (lineare) farbige und synthe- 
tische widersprechen muBte, werden Sie sehen. Das Problem 
des Kubismus liegt von einer Seite her gesehen in der 
Moglichkeit einer, nicht notwendig farblosen, aber radikal 
unfarbigen * Malerei in der lineare Gebilde das Bild beherr- 
schen — ohne daB der Kubismus aufhorte Malerei zu sein und 
zur Graphik wiirde. Ich habe dies Problem des Kubismus 
weder von dieser noch einer anderen Seite beruhrt einerseits, 
weil es mir bisher vor einzelnen konkreten Bildern oder Mei- 
stern noch nicht entscheidend aufgegangen ist. Der einzige 
Maler unter den neuen, der mich in diesem Sinne beruhrt 
hat, ist Klee, andrerseits aber war ich mir uber die Grund- 



* Dieser Unterschied miiBte natiirlich erst erklart und klar- 
gestellt werden 

154 



lagen der Malerei noch viel zu sehr im unklaren, urn von 
dieser Ergriffenheit zur Theorie fortzuschreiten. Ich glaube, 
daJ3 ich spater dazu komraen werde. Von den modernen 
Malern Klee Kandinsky und Chagall ist Klee der einzige der 
offensichtliche Beziehungen zum Kubismus aufweist. Doch 
ist er so weit ich dariiber urteilen kann, wohl keiner, wie 
eben diese Begriffe im Uberblick der Malerei und ihrer 
Grundlegung unentbehrlich sind, jedoch der einzelne groBe 
Meister nicht gerade nur durch einen bestimmten dieser Be- 
griffe theoretisch erfaBbar wird. Wer in diesen Kategorien 
der Schulen als einzelner Maler relativ zulanglich erfaBt 
werden kann, wird kein groBer sein, weil Ideen der Kunst 
(denn Schulbegriffe sind solche) sich auch in der Kunst nicht 
unmittelbar ausdriicken konnen ohne kraftlos zu werden. In 
der Tat habe ich bisher vor Picassos Bildern imraer diesen 
Eindruck des Kraftlosen und Unzulanglichen gehabt, den Sie 
mir zu meiner Freude bestatigen; gewiB weil Sie nicht, wie 
Sie es schreiben, zu dem rein kunstlerischen Inhalt dieser 
Dinge keinen Zugang hatten, sondern weil, wie Sie schreiben, . 
Sie einen solchen zu der geistigen Mitteilung die diese Dinge 
ausstromen haben: und beides: Kiinstlerischer Inhalt und 
geistige Mitteilung sind doch ganz genau dasselbe! Wie ich 
denn auch bei meinen Notizen das Problem der Malerei in 
das groBe Gebiet der Sprache einiminden lasse, dessen Urn- 
fang ich schon in der Spracharbeit andeute. / Rein polemisch 
will ich Ihnen nur schreiben, daB ohne noch eine selbstandige 
Einordnung des Kubismus zu versuchen, ich Ihre Charak- 
teristik von ihm fur falsch halte. Sie halten fur' die Quint- 
essenz des Kubismus „das Wesen des Raumes der die Welt 
ist durch Zerlegung mitzuteilen". In dieser Bestimmung 
scheint mir ein Irrtum bezuglich des Verhaltnisses der Male- 
rei zu ihrem sinnlichen Gegenstande vorzuliegen. Zwar kann 
ich in der analytischen Geometrie die Gleichung eines zwei- 
oder dreidimensionalen Gebildes im Raume geben ohne durch 
sie aus der Analysis des Raumes herauszutreten ; nicht aber 
in der Malerei Dame mit Facher (z. B.) 3 malen, und [sic] da- 
mit das Wesen des Raumes durch Zerlegung mitzuteilen. Viel- 
mehr muB die Mitteilung unter alien Umstanden durchaus 

155 



„Dame mit Facher" betreffen. Andrerseits ist es wahrschein- 
lich, dafi die Malerei audi nicht eigentlich es mit dem 
„Wesen" von etwas zu tun hat, denn dann konnte sie mit der 
Philosophie kollidieren. Uber den Sinn des Verhaltnisses der 
Malerei zu ihrem Gegenstande vermag ich zur Zeit noch 
nichts zu sagen; ich glaube aber, dafi es sich da weder um 
Nachbildung noch um Wesenserkenntnis handelt. / Ubrigens 
aber werden Sie vielleicht aus meinen Notizen entnehmen, 
dafi auch ich einen tiefen Zusammenhang etwa zwischen 
Kubismus und sakraler Architektur mir denken konnte. 

Diirfte ich Sie um zwei Gefalligkeiten bitten? Meine Frau 
wiinscht sich zum Geburtstag von Franz Hartwig „Die 
Marchenkonigin", das Buch mufi in den letzten 20-40 Jahren 
des vorigen Jahrhunderts erschienen sein. Wenn eine Jenenser 
Buchhandlung es beschaffen kann, so bestellen Sie es bitte fur 
mich. Desgleichen, falls Sie es nicht etwa besitzen und mir 
leihweise iibersenden bezw. wenn es ganz kurz ist, abschrei- 
ben kb'rmten, von Stefan George: Der Krieg. Was Sie dazu 
. sagen, mufi ich leider durchaus glauben, mochte es aber 
dennoch einmal vor Augen haben. 

Von dem was ich vor einem Jahre Herrn Kraft uber das 
Judentum schrieb ein andermal. — [...]/ Dafi ich iiber Hire 
Satze iiber den Kubismus nicht unmittelbar eingehen konnte, 
sondern in andrer Richtung - prinzipiell zu meinen Notizen 
angeregt wurde, verubeln Sie nicht. Es liegt in der Natur der 
Sache; Sie hatten Bilder vor sich und ich Ihre Worte. 

Mit der stets lebendigen Hoffnung eines freudigen Wie- 
dersehens 

Ihr Walter 

Vom 1 . November ab wohnen wir Hallerstr. 25. 



1 Vielleicht auch „verlegene" zu lesen, jedoch diirfte die Lesung „ver- 
logene" eher dem Zusammenhang und Sprachgebrauch W. B.s ent- 
sprechen. 

2 Es handelte sich um ein paar Seiten mit dem Tit el „Zeichen und 
Mai", die im NachlaB erhalten sind. 

3 Dies Bild Picassos war in der Berliner Ausstellung des „Sturm" im 



156 



Sommer 1917 gezeigt worden und hatte den Ausgangspuukt von Sch.s 
Betrachtungen gebildet. 



56 An Gerhard Scholem * 

3. Dezember 1917 

Mir ist seitdem ich Ihren Brief bekommen habe oft feierlich 
zu mute. Es ist als ware ich in eine Festzeit eingetreten und 
ich muB in dem was sich Ihnen eroffnet hat die Offenbarung 
verehren. 2 Denn es ist doch nicht anders daB das was Ihnen 
zugekommen ist Ihnen allein eben an Sie gerichtet worden 
sein muB und wieder fur einen Augenblick in unser Leben 
getreten ist. Ich bin in eine neue Zeit meines Lebens ein- 
getreten da das was mich mit planetarischer Geschwindigkeit 
von alien Menschen loste und mir auch noch die nachsten 
Verhaltnisse auBer meiner Ehe zu Schatten machte unerwar- 
tet an einem andern Orte auftaucht und verbindet. 

Mehr will ich Ihnen heute wenn auch dieser Brief Ihr Ge- 
burtstagsbrief sein soil nicht schreiben. 

Ihr Walter Benjamin 

1 Ohne Anrede. 

2 Scholem hatte das Manuscript des Aufsatzes iiber den Idioten von 
Dostojewski (Schriften II, S. 127-131) gesehen und ihn als eine eso- 
terische AuBerung iiber F. Heinle gedeutet. 



51 An Gerhard Scholem 

[7.Dez. 1917] 

Lieber Gerhard, 

Ihr Brief vom 2 ten November 1917 kam mir heute morgen, 
am 7 ten Dezember zu, „verzogert weil iiber zwei Quart- 

157 



seiten". Sie miissen so lange Brief e am besten teilen oder 
mindestens durch Eilboten gehen lassen. Der erste Bogen 
dieses Brief es war gestern geschrieben und ich f iige nun noch 
die kiirzeren Antworten bei die ich auf Ihren Brief geben 
kann. Denn was die Frage angeht welch e die langste er- 
heischt: wie ich bei meiner so beschaffenen Stellung zum 
Kantischen System leben konne? so bin ich dauernd an der 
Arbeit mir dies Leben durch die Einsicht in die Erkenntnis- 
theorie zu ermoglichen und muB fiir die ungeheure Aufgabe 
die das fiir Menschen unserer Einstellung bedeutet bei allem 
Eifer Geduld haben. Was ich bisher niederschrieb ist so 
skizzenhaft daB ich es Ihnen nicht senden kann ehe ich es 
nicht etwas besser gerechtfertigt habe. So wie eine gewisse 
Stufe erreicht ist erfahren Sie es. Beruht doch meine Hoff- 
nung einmal diese Dinge wirklich zu wissen und mitzuteilen 
nicht zum wenigsten auf meiner Gewiflheit mit Ihnen arbei- 
ten zu konnen. Es war mir sehr schmerzlich daB Sie die Stelle 
meines vorletzten Briefes die sich darauf bezog mifiverstan- 
den haben: sie hatte genau den entgegengesetzten Sinn. 
Meine Frau machte mich als sie den Brief seinerzeit las auf 
den Doppelsinn dieser Stelle ausdrucklich aufmerksam; ich 
glaube mich zu entsinnen daB ich durch die Unterstreichung 
irgend eines Wortes in dem Zusammenhang die Moglichkeit 
des MiBverstandnisses ausgeschaltet glaubte. Lesen Sie die 
Stelle bitte nochmals: Sie tragen an dem MiBverstandnis 
selbstverstandlich keine Schuld aber Sie werden finden daB 
die Stelle irgendwie doppelsinnig war; und ich meinte gerade 
dieses: daB zwischen uns ein ganz anderes vbllig positives 
Verhaltnis stattfinde als zwischen mir und dem Genie. Die- 
ses erwahnte ich weil Sie sich damals gerade nach ihm erkun- 
digt hatten. Meh-r als an allem andern ist es ja hieran, an 
diesem MiBverstandnis, erkennbar wie sehr der Briefwechsel 
ein geringer Ersatz fiir das Miteinandersein ist. 

Also unsere Auseinandersetzung iiber Kant muB von mir 
aus noch aufgeschoben werden. Doch scheint mir zweierlei 
von dem was Sie schreiben wahrscheinlich oder vielmehr das 
Eine davon sicher: daB namlich zunachst die Beschaftigung 
mit dem Buchstaben der Kantischen Philosophic notwendig 

158 



ist. Gerade das Studium der Kantischen Terminologie, wohl 
der einzigen in der Philosophic die im ganzen nicht nur ent- 
standen sondern auch geschaffen ist fiihrt auf die Erkenntnis 
ihrer auBerordentlichen Potenz und jedenfalls kann man, 
indem man sie in sich immanent entwickelt und prazisiert 
sehr viel lernen. In diesem Sinne bin ich neulich auf ein 
Thema zu einer Doktorarbeit gekommen das eventuell fur 
mich in Betracht kame: Der Begriff der „unendlichen Auf- 
gabe" bei Kant.* Zweitens aber ist mir im eignen Nachdenken 
auch das andere was Sie schreiben naher getreten: DaB man 
sich namlich unter Umstanden im eignen Denken zunachst 
wo es auf die letzten Probleme ankommt ganz auf eigne 
FiiBe stellen muB. Jedenfalls gibt es gewisse Probleme wie 
eben die uns zentralen der Geschichtsphilosophie fiir die wir 
bei Kant im entscheidenden Sinne wohl erst dann etwas 
lernen konnen wenn wir sie fiir uns neu gestellt haben. 
Auf den reichen Inhalt Ihres Briefes kann ich im Augenblick 
nicht weiter eingehen ohne fliichtig zu sein, denn dies soil 
abgehen. Wir werden wie ich hoffe bald kiirzer korrespondie- 
ren und vielleicht erreicht Sie schon dieser Brief auf dem 
neuen Wege. Uber Tora und Geschichtsphilosophie werden 
wir wohl ganz gegenseitig erst sprechen konnen wenn wir 
wieder zusammen sind. Gerade iiber den Zerfall christlicher 
Begriffe sagte ich neulich Einiges meiner Frau ganz in der 
Hinsicht in der Sie es beriihren. In der Lektiire der Dogmen- 
geschichte habe ich eine Pause machen miissen. Es ist ein so 
sehr umfangreiches Werk und verlangt soviel Konzentration 
daB man es sich grimdlich iiberlegen soil ob man es liest, 
denn man kann dann nicht eigentlich irgendwie abbrechen 
sondern muB es auslesen. / DaB Sie mich iiber Bauch orien- 
tieren ist mir sehr lieb; man sieht wieder iiber einen Philo- 
sophen klar und es ist so gut als hatte ich in Jena studiert. 
/ / Meine Antwort auf Ihre Frage betreffend die Arbeit von 
Herrn Kraft l kommt nun wohl etwas spat. Diese Arbeiten 
— wie Sie sicher erkannt haben und wie ich ihm seinerzeit es 
auf die geziemende Art auch aussprach — als reine Ausge- 



* was meinen Sie dazu? 

159 



burten seines verzweifelten Ergehens konnen weder im auBe- 
ren noch diirf en im innern Sinn gedruckt werden. Folgendes 
schrieb ich Kraft ohne klare Antwort zu erhalten: Rudolf 
Borchardt kennt ihn, er ist sicherlich nicht ohne EinfluB in 
dem worauf es ankommt. Er muj3 etwas fiir ihn tun, denn 
wenn Borchardt iiberhaupt einem Menschen dieser Genera- 
tion verpflichtet ist so ist er es ihm. Er sollte es ihm aus Zu- 
neigung sein und er ist es ihm auch aus Schuld. 
Urn Ihr Referat iiber Logistik bitte ich dringend. 

Leben Sie sehr herzlich wohl und seien Sie nicht bose daB 
ich sovieles unberiihrt lassen muB. 

Ihr Walter 



1 Werner Kraft, der damals Sanitatssoldat in Hannover war, hatte 
Scholem in Jena besucht. 



58 An Gerhard Scholem 

[ca23.XIL 1917] 

Lieber Gerhard, 

unser Briefwechsel nimmt barocke Dimensionen aus Fulle 
an und wenn nun gar ein Brief, wie der Ihrige vom 19 fcen 
November 1917 wegen seiner Lange auBer der Reihenfolge 
eintrifft (erst Mitte Dezember erreichte er uns) so bin ich fast 
ratios, wie ich die verschiedenen so wichtigen Gegenstande 
ohne Fliichtigkeit und ohne die Wesentlichsten fortzulassen 
beriihren soil. / Am leichtesten fallt mir zunachst Ihnen den 
herzlichsten Dank fiir die Sorgfalt zu sagen, mit der Sie die 
Besorgungen fiir mich erledigen. Ich glaube nicht, daB Sie 
sich eine Vorstellung von der Freude machen, die das Ein- 
treffen des IV Bandes der Holderlinschen Werke, das so lange 
und sehnlich erwartet wurde (ich hatte sie namlich schon im 
August (!) bei einer Buchhandlung bestellt) mir machte. Ich 
war den ganzen Tag vor Erregung fast zu nichts anderm 

160 



fahig. Nun steht meine brennende Erwartung auf den VI. 
Band, dessen Wert ich nach den Fragmenten des „Reichs" ja 
ebenfalls als uberschwanglich vermuten muB und dazu 
kommt daB ich gegenwartig fiir meine Auseinandersetzung 
mit Holderlin der denkbar breitesten Basis bedarf . Miindlich 
ware herrlich hiervon zu reden. Lange schon ist der George 
hier. l Verzeihen Sie, daB ich Dank und Bestatigung so lange 
vergaB. Ich habe iiber diese Verse etwas zu sagen. Was: das 
habe ich sowohl Herrn Kraft als besonders Herrn Gutkind 2 
geschrieben und mochte mich nicht wiederholen. 

Was Kants Geschichtsphilosophie angeht, so bin ich durch 
die Lektiire der beiden speziellen Hauptschriften (Ideen zu 
einer Geschichte . . ., Zum ewigen Frieden) auf die Enttau- 
schung meiner hochgespannten Erwartung geraten. Das ist 
mir besonders in Hinsicht meiner Plane fiir das Thema mei- 
ner Doktorarbeit sehr unangenehm, aber ich finde garkeinen 
wesentlichen Beziehungspunkt zu den uns nachstliegenden 
geschichtsphilosophischen Schriften in diesen beiden Arbeiten 
Kants und sehe eigentlich nur eine rein kritische Stellung- 
nahme zu ihnen ab. Es handelt sich bei Kant weniger um die 
Geschichte als um gewisse geschichtliche Konstellationen von 
ethischem Interesse. Und noch dazu wird gerade die ethische 
Seite der Geschichte als einer besondern Betrachtung unzu- 
ganglich hingestellt und das Postulat einer naturwissen- 
schaftlichen Betrachtuhgsweise und Methode aufgestellt. 
(Einleitung zur „Idee einer Geschichte . . .") Es wiirde 
mich sehr interessieren zu erfahren ob Sie hierin anderer 
Meinung sind. Als Ausgangspunkt oder eigentlichen Gegen- 
stand einer selbstandigen Abhandlung finde ich Kants Ge- 
danken ganz ungeeignet. Was haben Sie mit Fraulein [Toni] 
Halle dariiber besprochen? 3 Fiir den neuen Plan den ich zu 
meiner Doktorarbeit habe kann ich es auch nur immer wie- 
der bedauern daB Sie nicht hier sind, er gabe mindestens zu 
den aufschluBreichsten Gesprachen Stoff. Die Frage lautet 
ungefahr: Was heiBt es daB die Wissenschaft eine unendliche 
Aufgabe ist. Dieser Satz ist sowie man naher zusieht viel 
tief er und philosophischer als man auf den ersten Blick glaubt. 

161 



Man mufi sich nur klargemacht haben, dafi von einer „un- 
endlichen Aufgabe" gesprochen wird und nicht von einer 
„unendlich viel Zeit erfordemden Losung" und dafi der erste 
Begriff in keiner Weise in den zweiten ubergefuhrt werden 
kann und darf. / Vor langerer Zeit las ich Simmel „Das Pro- 
blem der historischenZeit", 4 ein ganz jammerliches Elaborat, 
das mit vielen Kontorsionen des Denkvermogens die lap- 
pischsten Dinge unverstandlich ausspricht. 

In der Frage des Identitatsproblems konnten wir wohl nur 
im Gesprach entscheidend vorwartskommen. Daher messe 
ich auch den folgenden Satzen keine unbedingte Sicherheit 
bei. Immerhin erscheint mir die Sache so: eine Identitat des 
Denkens als eines besonderen, weder „Gegenstandes" nocb 
„Gedachten" wiirde ich leugnen, weil ich ein „Denken" als 
Korrelat derWahrheit bestreite. Die Wahrheit ist „denkicht" 
(ich muB mir dies Wort bilden weil mir keines zur Verfii- 
gung steht). „Denken" als absolutes ist vielleicht nur irgend- 
wie eine Abstraktion aus der Wahrheit. Die Behauptung der 
Identitat des Denkens ware die absolute Tautologies Der 
Schein eines „Denkens" entsteht nur durch Tautologien. Die 
Wahrheit wird ebensowenig gedacht als sie denkt. / a ist a 
bezeichnet meines Erachtens die Identitat des Gedachten, 
besser (einzig richtig) gesagt: der Wahrheit selbst. Zugleich 
bezeichnet dieser Satz keine andere Identitat als die des Ge- 
dachten. Die Identitat des Gegenstandes, angenommen es 
gabe irgendeine solche in vollkommener Weise, hatte eine 
andere Form (Formen unvollkommener Identitaten, die in 
der Vollkommenheit zu einer von der Form a ist a werden). 
— Unter konkretem Gegenstand verstehe ich alles was nicht 
die Wahrheit selbst und nicht Begriff ist. Z, B. ist der Begriff 
ein konkreter Gegenstand. Der Begriff des Begriffes ist ein 
abstrakter. Dies fiihrt wahrscheinlich in der Tat auf die 
Eidoslehre. A propos: Linkes Ansehn ist in der strengen 
phanomenologischen Schule meines Wissens nicht sehr grofi; 
natiirlich will das noch nichts weiter besagen. Den Logos- 
Aufsatz von Husserl habe auch ich vor mehreren Jahren ge- 
lesen; ebenso seinerzeit Linkes Auseinandersetzung mit Elsen- 
hanns in den Kant-Studien bei deren Gelegenheit ich zur 

162 



Berichtigung den Aufsatz uber Begriff und Wesen schrieb, 
den Sie wie ich mich bestimmt zu erinnern glaube kennen. 5 

[...] _ . 

Von Werner Kraft liatte ich jiingst wieder einen Brief. Er 
war sehr betriibend nicht nur mit Hinsicht auf das eigene 
Leiden sondern auch wie ich fiirchte mit Hinsicht auf das 
Sinken der inneren Widerstandskraft das daraus sprach. 
Haben Sie ihm es noch einmal auf das Dringendste als seine 
Pflicht gegen sich und uns nahe gelegt an Borchardt heran 
zu treten? Ich weifi nichts sonst was helfen konnte. Sie 
brauche ich nicht zu bitten ihm beizustehen soviel Sie kon- 
nen. - Traurig — obwohl mir garnicht unvermutet trotz allem 
was Sie geschrieben hatten— ist die neue Nachricht von Ihnen. 
Wir haben aber zu Ihnen unbegrenztes Vertrauen. 

Ich habe seit langen Jahren mein erstes — und abgesehen 
von dem schwachen Sylvestre Bonnard iiberhaupt mein erstes 
— Buch von Anatole France gelesen „La revolte des anges". 
Ich werde mehr von ihm lesen, denn dies Buch fand ich sehr 
gut. Es ist tief und scheint mir auf die Totalitat seiner Arbeit 
zu verweisen, die ich allmahlich einigermafien kennen zu 
lernen trachten werde. Er besitzt ein tiefes Verstandnis fur 
Geschichte und man kann darin von ihm wirkliche Anregung 
empfangen, wie mir scheint. / Ferner lese ich den erschut- 
ternden Briefwechsel Nietzsches mit Franz Overbeck, das 
erste wirkliche Dokument seines Lebens das ich kennen lerne. 

Meine Frau und ich senden Ihnen die allerherzlichsten 
GriiBe 

Ihr Walter 

1 „DerKrieg". 

2 Erich Gutkind (1877-1965) in Berlin, mit W. B. und Scholem seit 
1916 befreundet; Autor des Buches „Siderische Geburt", Berlin 1912. 

3 Toni Halle (Steinschneider, 1890-1964), eine Freundin Scholems, 
machte damals in Jena eine Abschlui3arbeit uber Kant. 

4 Berlin 1916. 

5 Er ist handschriftlich erhalten. 



163 



59 An Ernst Schoen 

[Locarno, 28. 12. 1917] J 

Lieber Herr Schoen, 

Ihren Brief erhielt ich in Bern wenige Tage vor der Reise 
die meine Frau und mich fur einige Wochen hierher fiihrte 
und durch die meine Antwort verzogert wurde weil ich in 
einer neuen Umgebung nicht gleich die Stunde fur sie fand. 
Endloser Regen beruhigt jetzt Geist und Sinne von der un- 
endlich langersehnten Schonheit dieser Landschaft. Regen- 
tage mit denen ich mich schwerer versbhnen wiirde wenn sie 
mich nicht aufforderten Ihnen endlich zu schreiben und zwar 
zuerst auf Ihren Brief mit diesen wenigen Worten denen 
meine Frau noch einige hinzufiigen wird: 

Was Sie schreiben ist einzig edel gesagt und gesehen und 
es tragt in die Dunkelheit die wir alle zu meiden suchen end- 
lich Licht. Meine Frau und ich machen uns Ihre Worte vollig 
zu eigen besonders in dem Sinne daB wir vertrauen alle einst 
als zum ersten Male miteinander zu sein und versohnt diese 
Trennung zu verstehen die jedem von uns auf eigne Weise 
Schmerz und Notwendigkeit gewesen sein wird. 

Ich bitte Sie auch Ihnen sagen zu diirfen wie sehr ich mich 
in dem Gedanken freue diesen Briefwechsel fortfiihren zu 
diirfen bis ein Wiedersehen uns das Wort von Angesicht zu 
Angesicht erlaubt. Aus Ihrem Brief habe ich entnommen 
daB Ihre Lebensbedingungen ertraglicher geworden sind ein 
Geschehen das mich in jedem Sinne freut indem wir bei den 
uns Nahestehenden immer fahiger werden den Zusammen- 
hang von Schicksal und Wesen zu sehen. 

Von meiner Arbeit ware zur Zeit vielleicht mehr zu sagen 
denn je aber freilich desto weniger zu schreiben. Mit Bezie- 
hung auf die nachste Zeit ist zu sagen dafi ich wenn es angeht 
in Bern meinen Doktor machen will um dann fur die wahre 
Forschung die Bahn vollig off en zu haben. Sollten sich aber 
in dieser Hinsicht Schwierigkeiten ergeben so werde ich sie als 
einen Hinweis darauf auff assen daB es fur mich zunachst gelte 
meine eignen Gedanken unter Dach und Fach zu bringen. 

164 



Mir erschlieBen sich gegenwartig Zusammenhange von der 
weitesten Tragweite und ich darf sagen daB ich jetzt zum 
ersten Mai zur Einheit dessen was ich denke vordringe. Ich 
erinnere mich daB Sie mich einmal auBefordentlich gut zu 
verstehen schienen als ich an der Ecke der Joachimstaler- und 
KantstraBe (wir kamen aus der Richtung des Zoo) Ihnen 
mein verzweifeltes Nachdenken iiber die sprachlichen Grund- 
lagen des kategorischen Imperativs mitteilte. Die Denkweise 
die mich damals beschaftigte (und deren damaliges Sonder- 
problem auch heute fur mich noch nicht gelbst, aber in einen 
groBern Zusammenhang getreten ist) habe ich weiter auszu- 
bilden gesucht. Dabei handelt es sich um Fragestellungen die 
ich brief lich unmoglich beriihren kann. Ferner beschaftigen 
mich ununterbrochen diejenigen Gedankenreihen die ich 
Ihnen seinerzeit unter dem Titel des „Swastikaproblems" 
vortrug. Vor allem: fur mich hangen die Fragen nach dem 
Wesen von Erkenntnis, Recht, Kunst zusammen mit der 
Frage nach dem Ursprung aller menschlichen GeistesauBe- 
rungen aus dem Wesen der Sprache. Dieser Zusammenhang 
ist es eben der zwischen den beiden vorziiglichen Gegenstan- 
den meines Denkens besteht. In Hinsicht der ersten Gedan- 
kenreihe ist auch schon mehreres aufgeschrieben was aber 
noch nicht communicabel ist. Kennen Sie eigentlich schon 
meine Arbeit vom Jahre 1916 „Uber Sprache uberhaupt und 
iiber die Sprache des Menschen". Falls nicht konnte sie Ihnen 
vorlaufig leider nur leihweise zugestellt werden. Sie bildet 
den Ausgangspunkt einer weiteren Arbeit an den erstge- 
nannten Problemen fur mich. - "Qbrigens weiB ich nicht 
mehr was ich Ihnen auBer dem „Centauern" das letzte Mai 
noch sandte. Bitte schreiben Sie mir das. 

Ich las: Anatole France: La revoke des anges, Les dieux 
ont soif, L'ile des Pingouins kurz nacheinander ohne vorher 
etwas wesentliches von ihm gelesen zu haben. Seine Bucher 
stehen meiner Meinung nach erstaunlich hoch, indem ihnen 
doch aber immer jenes letzte Wissen fehlt, das die Tiefe und 
Homogeneitat eines Kunstwerks allein zu wahren vermag. 
Er verliert sich ins Unwesentliche, nicht ohne doch iiber das 
Wesentliche klare Rechenschaft geben zu konnen. Charles 

165 



Louis Philippe: Marie Donadieu. Dieses Buch sollen Sie 
unter alien Umstanden lesen. Es gibt nichts Ahnliches auch 
bei Louis Philippe selbst nicht. Mir scheint es ganz wunder- 
bar - tief und wahr. Doch kann ich nach dem ersten Lesen 
mir die letzte Rechenschaft davon noch nicht abgeben. Fried- , 
rich Nietzsche: Brief wechsel mit Overbeck. Diesen haben Sie 
vielleicht schon gelesen oder tun es gewiB bald. Auch der 
IV. Band der Hellingrath'schen Hblderlinausgabe ist end- 
lich in meinem Besitz. Ich las viel Stifter, ein Schriftsteller 
hinter dessen wenig auff allender AuBenseite und scheinbaren 
Harmlosigkeit sich eingroBes moralisches undgroBes astheti- 
sches Problem verbergen. Was kennen Sie von ihm. „Berg- 
kristall" und „Die Mappe meines UrgroBvaters" enthalten 
eine fast reine Schonheit, als einzige unter dem vielen das 
ich von ihm kenne. / Seit September lese ich Harnacks Dog- 
mengeschichte in drei Banden, die mir sehr wertvolle und 
aufschluBreiche Kenntnisse vermittelte; ich hoffe, sie bald 
beendet zu haben. Fur die Universitat hatte ich allerlei Peri- 
pheres zu tun: mich hochst eingehend mit der unfruchtbaren 
Psychologie von Schleiermacher zu befassen, mit Bergson 
und mit Hegel. Hegel scheint furchterlich zu sein! 

Ein Regen der das Land uberschwemmt dauert jetzt drei 
Tage, Kein Sonnenstrahl unter einem Himmel der vorher 
tief und wolkenlos blau war. Diese Stimmung verwehrt die 
innere Expansion und so haben Sie diesmal einen allzu kon- 
zentrierten Brief erhalten, da doch der Abstand den ich in der 
gegenwartigen Erholung von meinem Tun habe eine Kon- 
zentration auf bestimmtes nicht zulaBt. Auf das herzlichste 
gniBt Sie, mit der Bitte mir bald zu schreiben 

Ihr Walter Benjamin 

1 Der Poststempel ist nicht deutlich. Vielleicht ist der Brief erst am 
28. 2. 1918 geschrieben und gehort hinter Nr. 65. 



166 



60 An Gerhard Scholem 

Bern, 13. I. 1918 

Lieber Gerhard, 

in meinem — ich glaube vorletzten Briefe, der Sie schnell er- 
reichte, lag die Abschrift einer Notiz „Zeichen und Mai" die 
anlaBlich Ihrer Bemerkungen iiber Kubismus entstanden war 
und einige Grundbestimmungen zur Lehre von der Malerei 
geben sollte. Sie haben bisher diese Notiz noch nicht erwahnt, 
so daB ich auf den Gedanken kam, Sie hatten sie nicht erhal- 
ten, obwohl ich mir nicht denken konnte wie das zugegangen 
ware. Haben Sie sie aber erhalten so gestatten Sie mir die 
wichtige erganzende Bemerkung: die Ebene des Zeichners 
liegt - vom Menschen aus gesehen horizontal, die des Malers 
vertikal. — Die Abschrift der Bemerkung iiber Begriff und 
Wesen sollen Sie bald erhalten. Dagegen erwarten wir mit 
Sehnsucht Obersetzungen und Arbeit iiber das Klagelied und 
ich hoffe standhaft Sie mochten mir doch Ihre Gedanken iiber 
Logistik mitteilen. Dagegen konnen Sie sich auf die Mittei- 
lung der fraglichen philosophischen von meiner Frau abge- 
schriebenen Notizen vorlaufig nicht gefaBt machen. 1 Es ist 
durchaus unerlaBlich, ehe ich diese die weite Reise machen 
lasse daB sie durch Uberlegungen fundiert werden die mich 
zwar gegenwartig besonders intensiv beschaftigen aber bei 
meiner ganzlichen Isoliertheit von mitdenkenden Menschen, 
von Ihnen, Gerhard, der Sie der einzige sind den ich iiber - 
haupt namhaft machen kann, eine Voraussage iiber den Ter- 
min ihres auch nur notdiirftigen Abschlusses nicht zulassen. 
Und vorher muB ich mir auch versagen dariiber brieflich 
etwas anzudeuten weil es uns nicht weiter fiihren wiirde. 
Fruher oder spater hoffe ich mich mitteilen zu konnen. Eben- 
falls bemerke ich daB ich von mir aus die schriftliche Diskus- 
sion iiber das Identitatsproblem abbreche : es laBt sich da wie 
wir gegenseitigdauerndbeteuern, in der Tat nur imGesprach 
vorwarts kommen. / / Nicht diese Dinge allein, lieber Ger- 
hard, sind es die es mir notwendig machen auf die innre und 
geistige Seite des Zustandes unsrer raumlichen Trennung 

167 



zuriick - oder vielmehr in gewissem Sinne erst zu sprechen 
zu kommen. Auf die geistige, nicht auf die technische Seite. 

Trotz meines Strebens zu verstehen habe ich den Satz Ihres 
letzten Brief es wo Sie sich eine Aufgabe dort vindizieren nicht 
verstanden. Es gibt dort Niemanden (wenn Sie mi r erlauben 
dariiber zu reden: und was Werner Kraft angeht darf ich es 
sicher) es gibt dort Niemanden fur den Sie sich zu opf em hat- 
ten. So aber sehe ich die Sache an und so muB sie angesehn 
werden. Es hat heute jeder Mensch (wie immer) nur das 
nackte geistige Leben. Das Verhalten und sich Aufhalten 
laBt sich nicht vom praktischen Fur und Wider aus regeln 
und bestimmen; die letzten Griinde aus denen eben dieses 
Verhalten und sich Aufhalten auch dem Mit-Menschen mit- 
teilbar werden liegen im symbolisch-sichtbaren Ausdruck. 
Der Ausdruck Ihres Aufenthaltes ist mir unbegreiflich, ich 
muB ihn ablehnen, ich muB ihn dreifach ablehnen wenn Sie 
das Opfer Ihres Ausdrucks und vielleicht Ihres Lebens einer 
Aufgabe bringen von der Sie sagen, daB Sie sie „vielleicht" 
hatten. Es mag sein daB ich Ihre Worte iiberspanne; ich gebe 
zu daB sich unter Umstanden hieniber nicht reden laBt aber 
das darf mich nicht abhalten, das was Sie mir nun einmal im 
letzten Brief hieniber geschrieben haben von mir zu weisen. 
Ich weiB daB Sie im Grunde mit mir darin einig sind daB 
von welcher Art und Macht Ihre Hilfe (Ihr Dasein) fur Wer- 
ner Kraft ist, sich nach .eben dies em Dasein richtet das Sie in 
jedem seinen Ausdruck aus Ihnen selbst bestimmen. 

Ihr MiBtrauen gegen Borchardt teile ich bei aller Aner- 
kennung ja Entziickung durch Teile seiner Leistung. Eben 
deshalb verlangt mich ja nach der Entscheidung der inneren 
Krisis die Borchardt an seinem Teile nun in seinem Verhalten 
zu Werner Kraft geben soil. Weder Sie noch ich konnen 
natiirlich schreiben 2 und auch mir blieb nichts als es Kraft 
so nahe als moglich zu legen. 

Ihr letzter Brief ging durch eine Nachlassigkeit der Host 
erst nach Bonn. Der Tristram Schandi kam bereits, der Yorik 
noch nicht. Sie erhalten demnachst 65 M die ich Sie bitte mit 
Ihren Auslagen fur mich zu verrechnen und mir mein Pas- 
sivum oder Aktivum bei Ihnen danach mitzuteilen. Lebt 



168 



Anatole France noch? I Schreckliche Verlegenheit bereitet 
mir meine Doktorarbeit. Diese ganz trostlose Situation der 
gegenwartigen Universitat. Meine eigenen Gedanken sind 
noch nicht reif , eine beliebige historische Arbeit will ich nicht 
macben - und wenn noch jemand sie mir gabe! Und auch das 
einzig mogliche, im AnschluB an einen Dozenten hier einige 
gute, gegriindete Seiten zu schreiben scheint eben unmoglich. 
Fur ein Seminar 3 (ich verliere Zeit damit mich in den hiesi- 
gen Seminaren einzufuhren) mache ich ein Referat iiber 
Schleiermachers Psychologie, ein in Notizen und Vorlesun- 
gen nachgelassenes Werk das keine philosophische Grundlage 
hat und nur in seiner Sprachtheorie negativ interessant ist. 
/ Das Gedicht „ David und Jonathan" von der Else Lasker- 
Schiiler 4 liebe ich sehr. Das entsprechende Gedicht von Rilke 5 
ist - abgesehen von allem andern — schlecht. 

Hier ist ganz laues Fruhjahrswetter. Haben Sie etwas von 
Herrn Gutkind gehort? Er hat mir auf einen langeren Brief 
noch nicht geantwortet. — Die Fortsetzung Ihres letzten Brie- 
fes erwarte ich sehr. 

Meine Frau und ich griifien Sie ganz herzlich. 

Ihr Walter 

1 Es handelt sich anscheinend urn „Das Program m der kommenden 
Philosophic", das Scholem in „Zeugnisse" (Festschrift fur Theodor 
Adorno) 1963, nach einer Abschrift von Dora Benjamin, die er bei 
seiner Ankunft in der Schweiz erhielt, verbffentlicht hat. 

2 Gemeint ist: an Rudolf Borchardt. 

3 Bei Paul Haberlin. 

4 In den „Hebraischen Balladen". 

5 In den „Neuen Gedichten". 



61 An Gerhard Scholem 



[31. Januar 1918] 



Lieber Gerhard, 

es ist eine traurige Tatsache: aber die Fiille dessen, was ich 
Ihnen zu sagen hatte verschlagt mir das Wort. Es wird mir 

169 



immer mehr schwer Ihnen zu schreiben. Diesmal ist es der 
Dank den ich Ihnen zu sagen habe und der sich so wie ich 
ihn sagen mochte nur in der lebendigen Gegenwart sagen 
lieBe. So will ich lieber schweigen und mich mit dem Gliick 
das Ihre Nachricht fur uns (meine Frau und mich) bedeutet 
still begniigen. / Sodann hat Ihr letzter Brief mit seiner 
Frage: ob ich Ethik ohne Metaphysik fur moglich halte in 
mir Gedanken aufgeregt die ich mich wiederum noch nicht 
fahigfinde Ihnen mitzuteilen. Ich versage es mir mit Schmer- 
zen aber ich kann mich nicht entschlieBen allzu Unfertiges 
von mir zu entlassen sondern lege mir dieses Schweigen als 
einen Stachel an im Nachdenken nicht abzulassen bis es so- 
weit ist daB ich Ihnen schreiben kann. Von den materiellen 
Griinden meines „Nein" also noch nichts. Dagegen denke 
ich daB uns auch a priori methodisch die verneinende Ant- 
wort auf diese Frage f eststehen sollte. Ich wenigstens — wenn 
ich sagen sollte welchen verniinftigen Sinn ich vorlaufig und 
bis auf nahere Bestimmung mit dem Wort metaphysisch zu 
verbinden wiiBte wurde sagen: metaphysisch ist diejenige 
Erkenntnis die a priori die Wissenschaft als eine' Sphare in 
dem absoluten gottlichen Ordnungszusammenhang, dessen 
hochste Sphare die Lehre und dessen Inbegriff und Urgrund 
Gott ist zu erkennen trachtet, und die auch die „ Autonomic" 
der Wissenschaft als sinnvoll und moglich nur in diesem Zu- 
sammenhang betrachtet. Das ist fur mich der methodische 
Grund a priori die Ethik so wie jede andere Wissenschaft 
ohne Metaphysik, das heiBt auBerhalb dieses angegebenen 
Zusammenhanges als unmbglich zu erachten. Von den tiefen 
materialen Griinden diesmal noch nichts. 

Ich ernte hier Seminarlorber (laurea communis minor) mit 
Referaten liber Bergson und uber einen Absatz der Hegel- 
schen Phanomenologie und dies geschieht zu einem Zweck 
der fiirwahr die Mittel nicht heiligt von welchen ich noch 
nicht einmal weiB ob sie tauglich sind. Wegen einer Doktor- 
arbeit will ich demnachst mit dem Ordinarius l sprechen. Je- 
denf alls hoff e ich im nachsten Semester etwas mehr in Feldern 
arbeiten zu konnen die mir naher liegen als was man diesmal 
in der Universitat durchackerte und woran ich mich doch zu- 



170 



nachst einmal beteiligen muBte. Vielleicht werde ich von 
Heinrich von Stein, einem Gbttinger Universitatslehrer der 
in der zweiten Halfte des vorigen Jahrhunderts in jungen 
Jahren starb „Sieben Biicher zur Geschichte des Platonis- 
mus" lesenkbnnen, eine Kritik Platos vom christlichenStand- 
punkt. Der Verfasser ist bedeutend und die Einleitung die 
ich las enthalt Vortreffliches. Von Hegel dagegen hat mich 
das was ich bisher las durchaus abgestoBen. Ich glaube wir 
wiirden wenn wir uns seine Sachen auf kurze Zeit vorneh- 
men wiirden bald auf die geistige Physiognomie kommen die 
darausblickt: die eines intellektuellen Gewaltmenschen, eines 
Mystikers der Gewalt, die schlechteste Sorte die es gibt: aber 
auch Mystiker. 

Von Freiburg aus hatten Sie keine Erleichterung mich zu 
sehen — meines Wissens. Und es ist doch moglichst zu vermei- 
den sich in das Bereich der Fliegerangriff e zu begeben. Wann 
fahrt Ihre Mutter? Unsres Erachtens ist die Frage 2 jetzt wie 
vorher fur Sie eine Frage der Ausdauer und Klugheit. Wir 
wollen gern warten wenn wir — und Sie — hoffen. / / Ich lese 
L'ile des Pingouins. Meine Bibliothek hat in der letzten Zeit 
u. a. folgende Neuerwerbungen gemacht: Stefan George: 
Ubersetzungen der Fleurs du Mai, Rudolf Borchardt, Hugo 
v. Hofmannsthal, Schroder: Hesperus, ein Jahrbuch das urn 
der Beitrage Borchardts willen zu schatzen ist, wegen der des 
Schroder zu verabscheuen ware; Baudelaire: Le spleen de 
Paris (petits poemes en prose), Baudelaire: Les paradis arti- 
ficiels; Charles Louis Philippe: Marie Donadieu, ein hochst 
bedeutender Roman den ich meiner Frau zum Geburtstag 
schenkte. Lese ich Anatole France 3 so werden Sie spater ein- 
mal zwei oder drei Romane von Charles Louis Philippe lesen 
(aber franzosisch!) und bei diesem Tausch gewiB nichts ver- 
lieren. / Das philosophische Biichlein mit den Identitatsthesen 
halten Sie in guter Obhut nicht wahr? Wie ist es nun mit 
„Zeichen und Mai"? Haben Sie es erhalten? Und den Dosto- 
jewski? Und 65 M? 

Fur heute schreibe ich nichts mehr. Vielleicht werden Sie 
in einigen Monaten mit einer Flut von Arbeiten, die sich 
aufhauf en liberschuttet werden. Niemand ware froher als ich. 



171 



Leben Sie herzlich wohl. 

Ihr Walter 
PS Erlaube mir kleine Gemaldegalerie auf dem Couvert 
beizufiigen. 

1 Richard Herberts. 

2 Einer Reise in die Schweiz. 

3 Dies geschah. auf wiederholtes Drangen Scholems. 



62 An Ernst Sckoen 

[Ende 1917 oder Anf ang 1918] 

Lieber Herr Schoen, 

seien Sie nicht bose iiber die lange Pause in meinem Schrei- 
ben. Ich will diesen Brief mit dem Wunsche beginnen daB es 
Ihnen in der Zeit meines Schweigens gut und besser ergan- 
gen ist. Wir haben oft an Sie gedacht. Wir hatten in dieser 
Zeit vielerlei zu tun und ich konnte diesen Brief daher nicht 
friiher schreiben. 

In Ihrem letzten und vorletzten Brief haben Sie von Julas 
Arbeit 1 gesprochen. Ich antworte Ihnen darauf erst jetzt weil 
ich sehe daB von der Klarheit in dieser Beziehung der Be- 
st and unsres Brief wechsels abhangt. Sicher glaube ich daB 
Jula sich mehr oder weniger klar dariiber ist, daB aller Ver- 
suche ungeachtet die wir (Jula meine Frau und ich) gemacht 
haben ein harmonisches und gegriindetes Verhaltnis zuein- 
ander zu finden umsonst waren [sic] . Jula ist, wie ich glaube, 
im Grunde sich kaum weniger klar dariiber als wir daB in der 
Losung dieses Verhaltnisses wie sie in dem nun schon lange 
wahrenden gegenseitigen Schweigen sich volizogen hat kei- 
ner von uns dreien in Wahrheit etwas verloren hat. Das ist 
alles was ich Ihnen mundlich oder schriftlich dariiber zu 
sagen vermochte; nur leide ich bei dem BewuBtsein daB Sie 
etwa auf diese Weise etwas erfahren sollten was Sie nicht 
schon durch Jula wuBten. 

Endlich bin ich in der Lage mein Versprechen zu erfiillen 

172 



und Ihnen von meinen Arbeiten etwas senden zu konnen. 
Sollten Sie die Kritik des „Idioten" von Dostojewski schon 
kennen so bitte ich Sie umso mehr diese Abschrift als Ge- 
schenk von mir zu nehmen. Das Buch selbst muB glaube ich 
jedem von uns unendlich viel bedeuten und ich bin gliick- 
lich wenn ich das fur meinen Teil ausgedriickt habe. Ich 
sende Ihnen auBerdem noch eine Notiz uber Malerei, die so 
vorlaufig ist daB wir ihren Inhalt sonst im Gesprach behan- 
deln wiirden. Wenn Sie — ohne daB ich Ihrem gegenwartigen 
Tun und Denken das gewiB anders gerichtet sein muB zu 
nahe trete — gelegentlich mir erwidernde Gedanken zu dieser 
Notiz s chicken kbnnten wiirde es mich sehr freuen. Mir han- 
delte es sich urn folgendes: gegeniiber der widerwartigen 
Erscheinung daB heute die unzulanglichen Versuche der 
theoretischen Erfassung moderner Malerei sogleich zu Kon- 
trast- und Fortschritts-Theorien im Verhaltnis zu der frii- 
hern groBen Kunst ausarten zunachst einmal die begrifllich 
allgemein giiltige Grundlage fiir das was wir unter Malerei 
begreifen zu einer Andeutung zu bringen. Dariiber habe ich 
dann die Betrachtung der modernen Malerei beiseite gelassen 
obwohl urspriinglich diese Uberlegung durch eine falsche 
Verabsolutierung derselben veranlaBt worden war. — Abge- 
sehen davon aber denke ich schon lange dariiber nach wo 
endlich freier Baum, Entfaltung und GroBe fiir die „Aesthe- 
tischen" Grundbegriffe iiberhaupt gefunden werden konn- 
ten und sie aus ihrer armlichen Isoliertheit (die in der Aesthe- 
tik das ist was bloBe Artistik in der Malerei ist) erlost werden 
kbnnten. — Ferner lege ich bei „der Centaur", Gedanken 
die ich auf Grund von Holderlins gewaltigem Fragment „das 
Belebende" 2 verfolgte. Entschuldigen Sie daB ich alles so auf 
-einmal sende aber das Ganze ist technisch so kompliziert daB 
man es am besten auf einmal erledigt. — GewiB habe ich Sie 
schon einmal auf Holderlins Fragmente die unter dem Titel 
„Untreue der Weisheit" im vorigen Jahr im , 7 Reich" erschie- 
nen sind aufmerksam gemacht. Haben Sie sie gelesen? Das 
„Belebende" ist auch von der Art dieser Fragmente und fin- 
det sich in Hellingraths erst em Abdruck der Pindar- Ober- 
tragungen. 

173 



Ich habe die Universitat hier kennen gelernt und denke, 
da sich zum Wesentlichen meiner Arbeit so ziemlich alle 
Universitaten gleichverhaltenwerden an eine Promotion hier, 
soweit man unter den audi hier taglich schwieriger werden- 
den Verhaltnissen iiberhaupt etwas voraussehen kann. Ich habe 
Frl. Dr. [Anna] Tumarkin besucht und ihr meine Absicht 
mich mit Kants Geschichtsphilosophie in systematischer Hin- 
sicht versuchsweise zu befassen gesagt. Ich habe ihre, Haber- 
lins undHerbertz 3 Vorlesungen gehort und findelhrSchwei- 
gen uber diese Dinge, wie es mir wahrscheinlich war, vbllig 
gerechtfertigt. Meine ganze Hoffnung setze ich auf die eigne 
Arbeit. Wir bewohnen in einer ruhigen StraBe eine ganz 
kleine Wohnung nahe der Universitat. Meine Biicher sind 
zum bestenTeilhier; wie traurig es aber mitdenBibliotheks- 
verhaltnissen steht werden Sie wohl wissen. 

Ich lese unter anderm Jacob Burckhardt: die Zeit Constan- 
tins des GroBen, ein unglaublich schbnes Buch. Im Theater 
gibt es leider garnichts zu sehen aber von Zeit zu Zeit finden 
schone Konzerte statt. 

Bitte schreiben Sie uns bald von Ihrem Ergehen. Meine 
Frau und ich griiBen Sie herzlich. 

Mit alien guten Wiinschen Ihr Walter Benjamin 

1 Jula Cohn war Bildhauerin. 

2 Holderlins Werke ed. Hellingrath, V, S. 272-273. 

3 W. B. promovierte schliefilich bei Richard Herbertz. 



63 An Oerhard Scholem 

l.Februar 1918 

Lieber Gerhard, 

Ihr am 29 ten Dezember 1917 abgesandter Eilbrief kam 
heute hier an, nachdem gestern abend ein kurzer Brief von 
mir an Sie abgegangen war. Ich fuge nun auf dieser Karte 
noch weniges was sich auf Ihr en Brief bezieht bei. Zunachst 

174 



wiederhole ich die Frage ob „Zeichen und Mai" in Ihren 
Handen ist? Es scheint unbegreiflicherweise verloren gegan- 
gen zu sein. Der Ausspruch von FrL Kraker hat mich tief 
erfreut. Diese habe ich seit meinem Freiburger Semester 
1913 m. W. nicht wiedergesehen und sie mich nicht. Sie war 
damals Zeuge dieser Zeit in der mein Freund und ich die 
Freiburger Studentenschaft aufzurufen suchten und in der 
die tiefsten Keime der Jugendbewegung liegen. Sie nahm 
an den Dingen bescheiden und passiv Anteil und scheint sich 
dabei irgendwie ein Gefuhl von dem um das es ging gemacht 
zu haben. — VonFrl. [Alice] Heymann x kann ich Ihnen nichts 
gutes sagen. Seit Jahren stak sie bis liber den Hals in der 
Verwirrung. Es ist immer schlechter mit ihr gegangen, sie 
scheint ohne Anhalt zu sein, und hat keine eigene Kraft. 
Eines der jungen Madchen bei denen man am deutlichsten 
sieht, daB ihnen nur ihr Mann wenn sie einen finden helfen 
kann. Im iibrigen verlocken sie zu alien moglichen „Hilfe"- 
leistungen die zu nichts fuhren. DaB ich ihr die Holderlin- 
arbeit schenkte war auch so eine Hilfe-, damals war sie noch 
in innerlich viel besserer Verfassung als da ich sie in Mun- 
chen vor ungefahr IV2 Jahren zum letzten Mai sprach: da 
war es schrecklich. / Es tut mir sehr leid daB ich Ihnen mit 
der Anfrage liber Barthel 2 soviel Miihe gemacht habe. Was 
Sie schreiben hatte ich bei Nachdenken auch selbst finden 
miissen aber ich hatte nicht das Vertrauen damit zu beginnen 
weil ich nicht sah daB die Sache sich so elementar erledigen 
laBt. Jetzt bin ich Ihnen dankbar daB Sie mir gezeigt haben 
woran man mit ihm ist. Meine Frau der ich von der Sache 
erzahlte erklarte sie auch fur Unsinn. Die Idee von einem 
endlichen Weltraum ist absurd; Gutkind sprach mir aber 
gelegentlich von der Endlichkeit des erfullten Weltraums, 
vielleicht ist das gemeint. Das ware eine Tatsachenfrage. 

Bleiben Sie nur weiter der mathematischen Theorie der 
Wahrheit (und vielleicht auch mir) so zuganglich, so soil es 
mich nichts angehen ob Sie andern unzuganglich scheinen. 
Zwei andere Bucher von Charles-Louis Philippe: Le pere 
Perdrix und Marie Donadieu sind kiinstlerisch noch sehr viel 
reifer als Bubu de Montparnasse. Sie lasen es hoffentlich 

175 



franzosisch? Schleiermacher ist kein Vergmigen, zumal da es 
sich um nachgelassene Vorlesungsnotizen und nachgeschrie- 
bene Collegien handelt. Es war eine Plage. / Von der „unend- 
lichen Aufgabe" im nachsten Brief e. — Von Kants histori- 
schen Schriften aus einen Zugang zur Geschichtsphilosophie 
zu gewinnen ist schlechterdings unmoglich. Anders ware es 
von der Ethik aus; audi das ist nur beschrankt moglich und 
Kant selbst ist diesen Weg nicht gegangen. Lesen Sie die 
„Ideen zu einer Geschichte in weltbiirgerlicher Absicht" um 
sich davon zu iiberzeugen. Vielleicht kann ich Ihnen auch 
dariiber einmal schreiben. Rickerts groBes Buch 3 kenne ich 
nicht; aber ich weiB von seiner Methode: sie ist modern im 
allerschlechtesten Sinne des Wortes, sozusagen: modern a 
tout prix. Meine Frau und ich griiBen herzlichst. 

Ihr Walter 

1 Alice Heymston (1890-1937) spater die Frau des Kunsthistoriters 
Alfred Schinitx. 

2 Siehe Brief vom 22. Okt. 1917 an Gerhard Scholem. 

3 „Uber die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung". 



64 An Gerhard Scholem 

Locarno, 23. Februar 1918 

Lieber Gerhard, 

unsre dreijahrige ununterbrochene Sehnsucht nach Sonne hat 
nun endlich meine Frau und mich hierhergefiihrt. DaB wir 
hier sind diirf en Sie niemandem sagen denn keinesfalls darf 
es auf irgend einem Umweg zur Kenntnis unsrerEltern kom- 
men. Die Sonne nach der wir uns unbeschreiblich sehnten 
hat uns auch der vergangene Sommer nicht gebracht; das 
Engadin liegt zu hoch um heiB sein zu konnen. Damals be- 
durften wir aber der Anspannung die von dieser erhabenen 
Landschaf t ausgeht mehr als alles andere ; nur um unter dem 
Eindruck einer unendlichen Befreiung nicht zusammenzu- 
brechen muBten wir uns einer neuen Spannung unterwerfen. 
Diese wenigen Worte werden Ihnen vielleicht schon begreif- 

176 



lich macjien daB mein Leben hier von der vollen und befrei- 
tenMelodie des Ausgangs einer groBenLebensepoche die nun 
hinter mir liegt erfullt wird. Die sechs Jahre [die] seit mei- 
nem Austritt aus der Schule bis jetzt verflossen sind sind eine 
einzige in ungeheurem Tempo durchlebte Epoche gewesen 
die unendlich viel Vergangenheit, mit andern Worten : Ewig- 
keit fur mich enthalt. Ich kehre jetzt der sommerlichen Natur 
mein Gesicht zu wie seit dieser letzten Schulzeit — meine letz- 
ten oder vorletzten Ferien verbrachte ich auch im Engadin 
- ich es nicht getan habe. 

Da kommt nun an einem dieser Tage die der Uberschau 
dessen was mir geblieben und dessen was mir geworden ist 
bestimmt sind ein Brief von Ihnen (der vom l ten Februar 
1918 den die Zensur wieder aufhielt) der meinen nach Klar- 
heit strebenden Geist unendlich verwandt beriihrte. Gerade 
der Lebenskreis aus dem ich in diesen Tagen nicht heraus- 
treten will versagt es mir irgend ein Einzelnes besonders vom 
philosophischen Inhalt Ihres Schreibens zu beruhren; fur den 
Ton innrer Ruhe den Ihre Briefe, den dieser ganz besonders 
an sich hat bin ich aber niemals dankbarer gewesen als heute. 
Das mag Ihnen versichern daB ich auch ganz und gar die 
Not des Schreibens wie auch den Sinn Ihrer Worte verstehe. 
Es ist der Stil: die Fulle des Verantwortungsgefiihls die 
Deutlichkeit und die Beschrankung die mich an Ihren Zeilen 
eben deswegen entziickt weil sie mir ganz und gar erwidert. 
„Eine richtige Antwprt ist wie ein lieblicher KuB" las ich 
dieser Tage bei Goethe. 

Ich muB Ihnen sagen daB ich neb en mehreren Biichern die 
das siidliche Klima hier nicht duldet wie niitzlich und not- 
wendig und gut sie auch sein mogen mindestens eines hier 
habe das sich mit ihm vortrefflich vertragt das sind die Maxi- 
men und Reflexionen Goethes. Oder vielmehr einen Teil von 
ihnen in der uniibertrefflichen strengphilologischen Weima- 
rer Sophienausgabe. Eine genaue Beschaftigung mit ihnen 
befestigt in mir die alte Meinung daB erst unsere Generation 
Goethe kritisch gegeniiber [steht?] daB erst sie darauf ihm 
dankbar nachfolgt. Die Romantiker standen Goethe viel zu 
nahe um mehr als einige Tendenzen seines Schaffens zu erf as - 

177 



sen: vor allem haben sie nicht das Moralische gesehen mit 
dem sein Leben gerungen hat und um seine historische Ein- 
samkeit nicht gewuBt. IJbrigens aber iiberzeuge ich mich dafl 
Goethe - jedenfalls im Alter - ein ganz reiner Mensch ge- 
wesen ist dem keine Liige iiber die Lippen und in die Feder 
gekommen ist. 

Das Wetter hier war erst kiihl und ist jetzt heifi und som- 
merlich. Die Kultur und Sprache der Gegend ist italienisch. 
Es wachsen Palmen und Lorbeer in den Garten. Auf den hohen 
Bergen in der Nahe liegt noch Schnee der aber wohl taglich 
abschmilzt. Oberhalb Locarno auf einem steilen Felsen liegt 
ein beruhmter Wallfahrtsort: die Klosterkirche Madonna uel 
Sasso (auf dem Felsen). Die Kirche ein zierliches Stuck ita- 
lienischen Barocks deren Fassade spielerisch bunt und per- 
spektivisch bemalt ist enthalt ganz aufierordentliche Votiv- 
bildchen wie sie von Bauern der Gegend im Auftrage Geheilter 
und Geretteter gemalt sein mogen und die zu den schonsten 
Stiicken jener religios oder kultisch determinierten Volks- 
kunst gehoren die jetzt in Europa von den neuen Malern ent- 
deckt wird. Vor allem fallt ein merkwurdiger Madonnen- 
typus auf der ganz stetig ist und einen unheimlichen Eindruck 
erweckt: Die Mutter neigt zum beleibten; ihr Ausdruck ist 
ganz verschlafen und seellos; sie wird gleichsam wider Wil- 
len sichtbar und tragt die Merkmale einesphysischenSchmer- 
zes. Ich vermute daB dies mit dem uralten, prahistorischen 
Schonheitsideal der beleibten, fetten Frau zusammenhangt 
das auf eine mir unbekannte Weise mythisch bedingt sein 
muB. (Nach dem Genie 1 hangt dieses Ideal mit der Rolle die 
die Leber in der Mythologie spielt zusammen.) 

Uber das Mai will ich jetzt nicht schreiben und auch man- 
ches andere auf spater verschieben. Dieser Brief sollte nur 
das mitteilen was eben von hier mitgeteilt sein will und er 
nimmt noch von meiner Frau und mir die allerherzlichsten 
GriiBe an Sie auf die Sie an jedem Ort an dem Sie sind er- 
reichen sollen. 

Ihr Walter 

1 Felix Noeggerath. 
178 



65 An Gerhard, Scholem 

[30. III. 1918] 

Lieber Gerhard 

Auf die drei Briefe vom 23. Februar bis zum 15. Marz bin 
ich Ihnen die Antwort schuldig geblieben und die Ankunft 
der „Klagelieder" bestatige ich auch erst jetzt. Woran liegt 
das? An dem Versuche in Locarno fur ein paar Wochen fiir 
alles unterzutauchen : an den schonen Tagen in Sonne, an den 
schlechten in Zerstreuungen aller Art. Nicht einmal die ge- 
wiinschte Karte haben Sie wie ich jetzt bemerke von dort be- 
kommen weil ich Ihnen keine Karten schreiben kann; einem 
Briefe hatte ich sie beigelegt. Indem wir unsern Aufenthalt 
dort so sehr wir konnten verlangerten ha'ben wir nach man- 
chen Regentagen den ersten Hauch des Friihlings dort unten 
verspiirt und ich kann Ihnen nicht sagen wie schon das war. 
Wir haben billig und angenehm gelebt und das einzig 
stadtisch-weltliche unseres Aufenthalts war, da£ am gleichen 
Ort eine ganze Anzahl mir bekannter junger Leute unver- 
mutet sich fanden mit denen man im Grunde nicht gut aus- 
kommen konnte. Frau Lasker-Schuler war auch da. In der 
Ahnung durch manches bei meiner Ruckkehr beunruhigt und 
beschaftigt zu werden habe ich die Reise so lange als moglich 
war ausgedehnt : und als erste Bestatigung dieser Furcht sehe 
ich uns zu einem besonders unangenehmen Zeitpunkt die 
Wohnung gekiindigt. Ncch steht es nicht ganz fest aber be- 
reits die drohende Aussicht ist (iberaus unangenehm denn in 
Bern ist (wie in Zurich) ein unglaublicher Mangel an Woh- 
nungen und moblierte zu solchem Preise wie ich dafiir aus- 
gebenkannsindkaumerhaltlich.IchwiirdeaberBernnurganz 
gezwungen verlassen weil ich nun einmal meinen Doktorvor- 
bereite. Wenn ich in die Dissertation eingearbeitet bin, was 
aber im besten Falle noch einige Monate dauern wird konnte 
ich es eher verlassen; doch bleibt der Winter auf dem Lande 
sehr einsam. Ich erwarte den Vorschlag eines Themas von 
meinem Professor 1 ; indessen bin ich selbst auf eines verfal- 
len. Seit der Romantik erst gelangt die Anschauung zur Herr- 

179 



schaft dafi ein Kunstwerk an und fiir sich, ohne seine Bezie- 
hung auf Theorie oder Moral in der Betrachtung erfafit und 
ihm durch den Betrachtenden Genii ge geschehen konne. Die 
relative Autonomie des Kunstwerkes gegeniiber der Kunst 
oder vielmehr seine lediglich transzendentale Abhangigkeit 
von der Kunst ist die Bedingung der romantischen Kunstkri- 
tik geworden. Die Aufgabe ware, Kants Asthetik als wesent- 
liche Voraussetzung der romantischen Kunstkritik in diesem 
Sinn zu erweisen. 

Auf Ihre Frage hinsichtlich der „unendlichen Aufgabe" 
gehe ich mit Absicht nicht mehr ein. Sie gehort auch zu den- 
jenigen die brieflich kaum zu behandeln sind — und vor allem 
nicht in diesem Briefe, der nicht allein die Aufgabe hat, drei 
andere zu beantworten sondern der Ihnen vielleicht fiir lan- 
gere Zeit fiir andere Briefe stehen muB die folgen sollten 
wenn die auBeren Verhaltnisse — wie es moglich ist — mir 
vorlaufig das Schreiben ausfiihrlicher und wesentlicher Briefe 
unmoglich machen werden. Ein Colleg iiber Differentialrech- 
nung werde ich vorlaufig nicht horen sondern alle Krafte auf 
die Erledigung meines Doktors, bezw. den Beginn meiner 
Dissertation konzentrieren. Die Mathematik, wie die fernere 
Auseinandersetzung mit Kant und Cohen muB verschoben 
werden. Meine philosophische Gedankenentwicklung ist in 
einem Zentrum angel angt. So schwer es mir wird so muB ich 
auch sie in' dem gegenwartigen Stadium belassen um nach 
Erledigung des Examens mit voller Freiheit mich vollkom- 
men ihr zu widmen. Treten der Erledigung meines Doktors 
Hindernisse in den Weg so fasse ich sie als den Hinweis auf 
mich mit meinen eigenen Gedanken zu beschaftigen. 
Nach halbjahriger, mit Unterbrechungen gefiihrter, Lektiire 
habe ich in Locarno die Dogmengeschichte von Harnack aus- 
gelesen. Man kann mir dazu in doppeltem Sinne gratulieren: 
daB ich die Arbeit getan und daB ich sie beendet habe. Der 
Gewinn einer solchen Lektiire ist derart, daB er sich nicht, 
wenn man das Buch geschlossen hat, iibersehen laBt. Um nur 
eines zu bezeichnen, so habe ich erkannt wie neb en anderem 
auch die Unwissehheit eine starke Quelle der neukatholischen 
Strbmung in der Gegenwart ist, wie sie besonders auch intel- 

180 



ligente Juden ergriffen hat. Sie ist selbstverstandlich eine 
AuBerung der romantischen Bewegung, die ja — ich weifi 
nicht ob ich Ihnen hieriiber meine Anschauung schon mit- 
geteilt habe — eine der starksten Bewegungen der Gegenwart 
ist. Sie hat wie der fnihere romantische Katholizismus eine 
machtpolitische und eine ideenhafte Seite (Adam Miiller — 
Friedrich Schlegel) und wahrend die erste unfruchtbar ge- 
blieben ist (Scheler reprasentiert sie, Franz Blei und — wenn 
auch nicht als Katholik — Walter Rathenau gehoren ihr unter 
vielen anderen an) hat sich die zweite aus der lethargischen 
und wenig charakterisierten Haltung Schlegels durch Rezep- 
tion sozialer Elemente zum Anarchismus entwickelt (Leon- 
hard Frank, [Ludwig] Rubin er). Was ich demnachst werde 
lesen konnen ist noch unbestimmt. — Uber Goethe habe ich — 
wie Sie nach meiner scharfen Rezension des Gundolf er Buches 
sich denken konnen, viel zu sagen. 2 Ich warte ab was Sie fin- 
den werden. 

Ihre Arbeit 3 die Sie meiner Frau schickten habe ich drei- 
mal, zum letzten Male mit ihr, gelesen. Meine Frau wird 
Ihnen noch selbst danken. Ich selbst bin Ihnen zu besonderem 
Dank verpflichtet, denn Sie haben, ohne zu wissen daB ich 
mich schon vor zwei Jahren um dasselbe Problem bemiiht 
habe, mir wesentlich zur Kliirung verholfen. Das stellt sich 
nunmehr nachdem ich Ihre Arbeit gelesen mir so dar: aus 
meinem Wesen als Jude heraus war mir das eigene Recht, die 
„vollkommen autonome Ordnung" der Klage wie der Trauer 
aufgegangen. Ohne Beziehung zum hebraischen Schrifttum, 
das wie ich nun weiB der gegebene Gegensiand soldier Unter- 
suchung ist, habe ich die Frage „wie Sprache iiberhaupt mit 
Trauer sich erfullen mag und Ausdruck von Trauer sein 
kann" in einem kurzen „Die Bedeutung der Sprache in 
Trauerspiel und Tragodie" uberschriebenen Aufsatz an das 
Trauerspiel herangebracht. Ich bin dabei im einzelnen und 
ganzen zu einer Einsicht gekommen die der Ihrigen nahe 
steht, habe mich aber dabei fruchtlos an einem Verhaltnis 
abgearbeitet, das ich erst jetzt in seinem wahren Sachverhalt 
zu ahnen beginne. Im Deutschen tritt namlich die Klage 
sprachlich hervorragend nur im Trauerspiel hervor und dieses 

181 



steht im Sinne des Deutschen der Tragodie fast nach. Damit 
konnte ich mich nicht versohnen und sah nicht daB diese 
Rangordnung im Deutschen ebenso legitim ist wie im He- 
braischen wahrscheinlich die entgegengesetzte. Jetzt sehe ich 
nun in Ihrer Arbeit daB die Fragestellung die mich damals 
bewegte auf Grund der hebraischen Klage gestellt werden 
muB. Allerdings kann ich Ihre Ausfiihrungen weder als eine 
Losunganerkennen, noch befahigen mich Ihre Ubersetzungen 
— was auch wohl unmoglich ware — dazu die Sache vor der 
Kenntnis des Hebraischen aufzunehmen. Im Gegensatz zu 
Ihrem Ausgangspunkt hat der meine nur den einen Vorteil 
gehabt, mich von vornherein auf den fundamentalen Gegen- 
satz von Trauer und Tragik hinzuweisen, den Sie nach Ihrer 
Arbeit zu schlieBen noch nicht erkannt haben. Im Ubrigen 
hatte ich sehr viel Bemerkungen zu Ihrer Arbeit zu machen, 
die sich aber brief lich ins uferlos Subtile — wegen der termi- 
nologischen Schwierigkeiten — verlieren miiBten. Sehr schon 
finde ich den SchluBteil der von Klage und Zauber handelt. 
Dagegen gestehe ich Ihnen offen, daB mir die Theorie der 
Klage in dieser Form noch mit fundamentalen Liicken und 
Unklarheiten behaftet scheint. Ihre (und meine) Termino- 
logie ist durchaus noch nicht geniigend ausgearbeitet um 
diese Frage losen zu konnen. Im Besonderen bemerke ich nur, 
daB ich die eindeutige Beziehung von Klage und Trauer in 
dem Sinne daB jede reine Trauer in die Klage miinden imisse 
noch bezweifle. — Es ergeben sich hier eine Reihe so schwerer 
Fragen daB man wirklich von ihrer schriftlichen Erwagung 
abstehen muB. — Nur noch ein Wort zu den Ubersetzungen. 
Wir - meine Frau und ich — haben uber sie dasselbe zu sagen 
wie seinerzeit uber die des Hohen Liedes. Auch diese Uber- 
setzungen — uber deren Relation zum Hebraischen ich zwar 
nicht urteilen kann, Ihnen aber in dieser Hinsicht vollkom- 
m.en vertraue - haben was ihre Relation zum Deutschen an- 
geht letztenEndes denCharakter vonStudien. Es handelt [sich] 
bei Ihren Ubersetzungen offenbar nicht darum, einen Text fur 
das Deutsche gleichsam zu retten, sondern eher darum ihn 
regelrecht auf das Deutsche zu beziehen. Sie empfangen in 
dieser Hinsicht von der deutschen Sprache keine Eingebung. 

182 



Ob sich die Klagelieder jenseits einer solchen Beziehung auf 
das Deutsche auch noch in diese Sprache iibersetzen lassen 
vermag ich naturlich nicht zu entscheiden und Ihre Arbeit 
scheint es zu verneinen. 

Herrn David Baumgardt 4 kenne ich von Berlin her ein 
wenig. Er war mir immer sympathisch. Uber seine beson-' 
deren philosophischen Fahigkeiten habe ich aber kein Urteil. 
Uber Simon Guttmann kann ich Ihnen einmal (vielleicht 
wenn wir beide alte Leute sind — falls wir es werden!) mehr 
erzahlen als irgend ein andrer Mensch auf der Welt, aus- 
genommen vielleicht meine Frau. Zu demselben Kreise 5 ge- 
horte Herr Robert Jentzsch. Dieser junge Mann der sich vor 
einigen Jahren an der Berliner Universitat als Privatdozent 
fiir Mathematik habilitierte soil heute auf Grund seiner 
Dissertation — die von der Akademie [?] iibersetzt wurde — als 
Mathematiker bereits beruhmt sein. Ich kenne ihn ebenfalls 
etwas. Haben Sie von ihm gehort oder konnen Sie etwas iiber 
ihn (er ist im Felde) erfahren? Ich interessiere mich sehr 
dafiir. 6 Es folgen zwei weitere Bitten. Ein Brief von mir an 
das Genie ist sei es nicht angekommen, sei es unbeantwortet 
geblieben.* Ich bin nun auOerst begierig auf seine Disser- 
tation** und kann mich nicht gut an ihn wenden. Darf ich Sie 
bitten mit f rankiertem Riickkouvert an den Pedell der Univer- 
sitat Erlangen zu schreiben und sich bei ihm zu erkundigen ob 
und wo die Dissertation des Herrn Felix Noeggerath der dort 
im Oktober oder November 1916 an der philosophischen Fa- 
kultat promovierte erschienen ist. Ebenfalls ob er die gegen- 
wartige Adresse des Herrn wuBte. Ich ware Ihnen sehr dank- 
bar wenn Sie diese Anfrage die ich nicht gem unter meinem 
Namen tate machen wiirden. Endlich bitte ich Sie noch um 
folgendes: die auf meinem letzten Bucherzettel angegebenen 
Langenscheidtschen "Dbersetzungen von Tibull und Properz 
nicht zu bestellen, oder falls es gdnzlich miihelos geht, die et- 
waige Bestellung zuruckzuziehen. Ich habe sie hier namlich 



* Ich habe mir eine sehr alte Adresse von ihm und weiB iiber 

seinen gegenwartigen Aufenthalt nichts. 

** die etwa im Oktober 1917 hatte gedruckt sein rmissen. 

183 



antiquarischgefunden,will sie aber nicht kauf en be vor ichvon 
Ihnen - moglichst umgehend - eine kurze Nachricht habe 
ob sie schon in Deutschland bestellt sind oder nicht. Auch 
sonst machen Sie mir bitte von alien Dingen die die Biicher- 
bestellung betreffen immer Mitteilung. Icb danke Ihnen 
nochmals fur Ihre Muhe damit. (Die Bestellung der Langen- 
scheidtschen Ubersetzungen von Catull und Pindar bleibt in 
Kraft und zwar will ich diejenigen dieser Autoren die nicht 
fur sich allein einen oder mehrere Bande ausmachen nur in 
den samtlichen Lieferungen da ich sonst noch andere Autoren 
bei den einzelnen Banden mit in Kauf nehmen miiBte. Dies 
bezieht sich auch auf Tibull und Properz falls sie nicht mehr 
abbestellt werden kon-nen.) Das Marchen von Fanferlieschen 
SchonefuBchen 7 kenne ich, weiB aber unter den vielen die 
ich von ihm gelesen habe nicht mehr welches es ist. — Auf die 
medizinische Auskunft die Sie meiner Frau geben wird sie 
selbst eingehen. — Haben Sie die Papiere von Herrn Kraft 
erhalten? Ich habe ihm geschrieben. Wie steht es mit der 
Herkunft Ihres Freundes? Er soil uns herzlich willkommen 
sein. 

Von Buber schreiben Sie fast wortlich dasselbe was mein 
Freund nach seiner einzigen Besprechung mit ihm mir 
sagte. 8 

Der Zusammenhang dieses Briefes fehlt nicht so ganzlich 
wie es vielleicht scheinen mochte. Er ist durch die Notwen- 
digkeit diktiert zu antworten ohne neue Fragen aufzuwerfen, 
damit, falls unser Briefwechsel fur einige Zeit meinerseits 
ruhen miiBte, ich nicht allzuviel unerledigt lasse. Mein groB- 
tes Bedauern bleibt es Ihnen von der philosophischen Bewe- 
gung meiner Gedanken nichts mitteilen zu konnen ; aber dies 
vertragt sich nicht mit dem Briefe. — Meine Frau schreibt 
Ihnen noch. — Ich bitte Sie herzlich mich nicht lange ohne 
Nachricht zu lassen. Mit den innigsten "Wunschen fur Sie 

Ihr Walter 

1 Richard Herbertz. 

2 Diese Rezension wurde in ihren Hauptstiicken in die Arbeit iiber 
Goethes Wahlverwandtschaften (Schriften I) inkorporiert. 

3 „Uber Klage und Klagelied" (ungednickt). 

184 



4 Mit dem Scholem in Erfurt bekannt geworden war. Er war spater 
Privatdozent an der Universitat Berlin. 

5 Gemeint ist das „Neopathetische Kabarett" urn Georg Heym, Erwin 
Lbwensohn, Kurt Hiller u. a. 

6 Einen Tag vor Erhalt dieses Briefes hatte Scholem (der damals 
Mathematik studierte) W. B. mitgeteilt, dai3 Jentzsch gefallen sei, zu- 
samraen mit der Nachricht vom Tode Hermann Cohens. 

7 Von Clemens Brentano. 

8 Scholem hatte eine heftige Diatribe gegen den Kult des Erlebnisses 
in den Buberschen Schriften dieser Jahre verfai3t. 



66 An Gerhard Scholem 

11. April 1918 

Lieber Gerhard, 

lassen Sie mich gegen die beiden Todesnachrichten, 1 von denen 
mich die zweite die mir noch unbekannt war auf das schmerz- 
lichstebetraf, eine Lebensnachricht austauschen. Als ich Ihren 
Brief vorfand kam ich eben aus der Klinik nach Hause wo 
meine Frau mir an diesem Morgen einen Sohn 2 geboren hat. 
Es geht beiden gut. — Sie sollten neben den Grofleltern des 
Kindes der erste sein der die Nachricht erfahrt. Ich griifle Sie 
in Gedanken von dem Kind und der Mutter. 

Ihr Walter 

1 Ober Hermann Cohen und R. Jentzsch. 

2 Stefan B., gestorben am 6. Febr. 1972 in London. 

67 An Gerhard Scholem 

[17. April 1918] 

Lieber Gerhard, 

vielen herzlichen Dank von uns beiden fur Ihren schonen 
Gluckwunsch; ich habe ihn eben erhalten. Meiner Frau geht 
es gut und dem Kind auch. Wir haben es Stefan Rafael ge- 
nannt, den zweitenNamen nach einemkurz vor seiner Geburt 

185 



gestorbenen Grofivater meiner Frau. Dora soil morgen zum 
ersten Male etwas aufstehen. - Zu dem Wunderbarsten das 
man bemerken kann gehort was ich in diesen Tagen bemerkt 
habe: wie sogleich der Vater einen so kleinen Menschen als 
Person erkennt, so, daB demgegeniiber seine eigene Uber- 
legenheit alien Dingen des Daseins sehr nebensachlich er- 
scheint. — Es gibt da einen beriihmten Brief Lessings in dem 
ganz ahnliches steht. 

Ich lese einen Haufen ungeheuer interessanter Sachen und 
noch mehr dergleichen stehen auf meinem Schreibtisch; 
unter den ersten: das Athenaeum der Gebriider Schlegel, in 
der Originalausgabe entliehen (!). Ferner ein hochst span- 
nendes, fast zu spannendes, sehr dokumentiertes Buch: Ber- 
nouilli: Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche. Das MaB- 
gebende was iiber Nietzsches Leben existiert mit sehr viel 
sonst ungedrucktem. AuBerdem Heinrich von Stein: Plato- 
nismus. Von der zweiten Art (nur auf dem Schreibtisch): 
F. Schlegel, Philosophie der Sprache und des Wortes, seine 
allerletzten Vorlesungen (da ich nun schon fast Spezialist fur 
den alten Schlegel geworden bin, werde ich mit der Lektiire 
dieses Buches diesen muhevollenBeruf beschliefien konnen).- 
Ich denke gerade jetzt iiber sehr vieles nach: iiber das wor- 
iiber am meisten,kann ich noch nicht, iiber das woriiberweni- 
ger, will ich noch nicht schreiben. Irgendeinmal erhalten Sie 
einen Stop Manuscripte, — von dem bis jetzt allerdings noch 
meist sehr Weniges existiert. - Haben Sie Catull Tibull Pro- 
perz Ubersetzungen, Langenscheidt abbestellen konnen? Wie 
ist es damit: Bitte berichten Sie mir recht bald. 

Eine herzliche, dringende Bitte; zahlreiche Bitten an Wer- 
ner Kraft, er moge mir einen Brief l den ich ihm ausSt.Moritz 
iiber „GroBe" schrieb kopieren und senden, blieben vergeb- 
lich. Jetzt benotige ich diese Ausfiihrungen sehr, will ihm 
aber von hier aus nicht damit nahe treten, bitte Sie aber recht 
sehr, schnell und dringlich ihm meine Bitte, eventuell vor- 
iibergehende ttberlassung des eingeschrieben mir zu iiber- 
sendenden Originalbriefes, wenn ihm das Kopieren Miihe 
macht, zu iibermitteln. Ich brauche dies wirklich. Herzlichen 
Dank! Haben Sie Kraft von der Geburt geschrieben? Wenn 

186 



nein, so tun Sie es bitte audi nicht, wenn ja berichten Sie es 
mir bitte, damit ich ihm selbst schreibe — an sich mochte ich 
namlich durch nichts AuBeres ihn in seinem sich vorgeschrie- 
benen Schweigen bedrangen. — Wissen Sie zufallig etwas was 
er sich wiinscht? Wir mochten ihm anonym ein Buch schik- 
ken. — Bitte schreiben Sie mir recht bald. 

Herzlichst Ihr Walter 

1 Dies ist der unter Nr, 69 mitgeteilte Brief uber Stifter. 



68 An Ernst Schoen 

[Bern, Mai 1918] 
Lieber Herr Schoen, 

die Antwort auf Ihre beiden Brief e hat sich so lange hinaus- 
geschoben daB ich nun in einem besonders reichen aber auch 
besonders bedrangten Momente sie abgeben muB. AuBerlich 
bedrangt* indem die trostlosen Wohnungsnote hier uns zu 
einem Umzug in vierzehn Tagen 1 notigen welches eine Sache 
ist die hier mit vielerlei Peinlichem verbunden ist. Innerlich 
bedrangt durch eine Fulle von Aufgaben da die gehemmte 
Notigung Eignes auszusprechen keine ganzlich freie Bahn 
findet. Meine Gedanken sind teils noch zu unentwickelt, 
fliichten vor mir bestandig und was ich greife bedarf des ge- 
nauesten Fundaments um ausgesprochen werden zu diirfen. 
Gewisse - gleichsam revolutionise — Gedanken tragen fur 
mich die Notwendigkeit in sich ihre groBen Gegner sehr 
griindlich zu studieren um in ihrer Darlegung unentwegt 
sachlich bleiben zu konnen. Uberall ist dieser groBte Gegner 
Kant. Jetzt bin ich in seine Ethik verbissen — es ist unglaub- 
lich wie man diesem Despoten auf die Spur kommen muB, 
auf die Spur seines erbarmungslos gewisse Einsichten die ge- 
rade in der Ethik zu den verwerf lichen gehoren ^rphiloso- 
phierenden Geistes. Er hetzt besonders in seinen spateren 
Schriften und schlagt besinnungslos auf seinen Renner, den 
Logos, ein. 

187 



Eine sehr wichtige erkenntnistheoretische Arbeit bin ich 
bisher unvermogend zu vollenden, sie liegt schon monate- 
lang. Weiter: ich habe mir von meinem Ordinarius der es 
hochst bereitwillig tat das Thema meiner Dissertation ge- 
nehmigen lassen. Etwa : die philosophischen Grundlagen der 
romantisclien Kunstkritik. Ich weiB iiber dies Thema einiges 
zu sagen aber der Stoff erweist sich als ungeheuer sprode. 
Wenn [ich] ihm das tiefere abgewinnen will und eine Dis- 
sertationverlangtQuellennachweise, die doch bei der Roman- 
tik fur gewisse ihrer tiefsten Tendenzen kaum zu finden sind. 
Ich meine ihre geschichtlich fundamental wichtige Koinzi- 
denz mit Kant, die zur „dissertatorischen" Erscheinung zu 
bringen sich unter Umstanden als unmbglicherweisenkonnte. 
Andererseits gestattet die Arbeit wenn sie geleistet werden 
kann mir diejenige innere Anonymitat die ich mir bei jeder 
zu solchen Zwecken gemachten sichern muB. Ich will den 
Doktor machen und wenn dies nicht oder noch nicht ge- 
schehen sollte so darf es nur der Ausdruck tiefster Hem- 
mungen sein. Wie viele auf der Hand liegen da von will ich 
schweigen und brauche es auch Ihncn nicht zu sagen. - Bei 
dieser Gelegenheit bitte ich Sie mir brieflich im Folgenden 
nacheinander die Angaben aus Ihrer Fragmentenharmonie 2 
(vielleicht auf drei bis fiinf Brief e verteilt damit die ein- 
zelnen nicht zu lang werden) zu senden. DaB ich Ihnen damit 
eine groBe Miihe mache bitte ich Sie herzlich zu verzeihen. 
Ich brauche diese Harmonie zu meiner Arbeit unbedingt. Es 
steht schlimm daB ich Ihnen von Ihrer kostbaren Zeit auch 
noch nehmen muB. 

Sie beriihren in Ihren beiden Brief en zwei sehr wichtige 
Dinge, Gegenstande meines Nachdenkens seit langem, Gegen- 
stande auch des Gespraches zwischen mir und Herrn Scholem, 
der inzwischen hier angekommen ist 3 : Stifter und Borchardt. 
Uber den erst en will ich Ihnen heute nichts schreiben weil 
ich einiges Wesentliche iiber ihn schon aufgeschrieben habe, 
auch bei Gelegenheit erweitern werde und Ihnen also geson- 
dert bei Gelegenheit iibersenden kann. — Welche Vorstel- 
lungen der Name Borchardt in mir wachruft konnen Sie 
sich schwerlich deutlich machen. Er bildet einen integrie- 

188 



renden Teil des ungliicklichen Lebens eines mir nahestehen- 
den jungen jiidischen Menschen, gegenwartig Soldat. 4 Es ist 
meine und Herrn Scholems (der ihn durch mich wahrend ich 
schon hier war kennen gelernt hat) gemeinsame Sorge ihn 
verlassen in Deutschland zu wissen. Dieser Mensch der 
Borchardt mit einzigem Enthusiasmus verehrte und verehrt 
hat mir die genaueste Auseinandersetzung mit ihm auf- 
genotigt und iiberdies in einigem ein Bild seines Wesens ver- 
schafft. So habe ich Borchardt seit mehr als zwei Jahren nicht 
aus dem Gesichtskreis verloren. Ich kenne seine Gedichte und 
„ Villa", seine Sachen in „Hesperus" (und die Kriegsreden), 
endlich die beruhmte Polemik gegen den Kreis Georges in den 
Siiddeutschen Monatsheften. Um vollstandig und verstand- 
lich iiber ihn zu reden miiBte ich weit ausgreifen und Dinge 
sagen fur die hier in keinem Sinne der Raum ist. So erlauben 
Sie da!3 ich Ihnen nur ganz andeutungsweise mitteile, warum 
ich Borchardts Person bei allemRespektvor den „Qualitaten" 
seines Schaffens (denn bei ihm sind Ztige, die bei andern alles 
sein konnten, nicht mehr) ablehne. Tragisch-problematisch 
ist mir Borchardt nicht mehr, so wenig wie Walther Rathe - 
nau, wenn er auch nicht, wie dieser gemein ist. Im iibrigen 
aber sind sie verwandt, vor allem in dem Einen Zug, der 
Borchardts moralisches Wesen entscheidet, in dem Wlllen zur 
Luge. Er hat statt des Herzens eine Kugel im Leibe. Es gibt 
heute kein grofieres Beispiel als ihn fiir das ungeheuer Trii- 
gerische des Einzel-schonen, an dem sein Werk reich ist. Die- 
ses Werk als ganzes erweist sich aber als der Versuch seinem 
Schopfer, in geistiger Hinsicht einen Rang, in geistiger Hin- 
sicht Macht, GroBe in geistiger Hinsicht zu vers chaff en. Er 
verzehrt sich darin den Deutschen einen Typus hinzustellen, 
den sie nicht haben, noch nicht haben konnen, nicht er- 
schleichen diirfen und dessen Zukiinftigkeit er wittert ohne 
sie zu ahnen: die bffentlich-verantwortliche Person des Vol- 
kes, den bestallten Verwalter seines Geist- und Sprachguts. 
(Diese Vorstellung was an ihr zukiinftig was an ihr mifiver- 
standen ist kann ich hier nicht sagen. Sie werden es sich 
denken. In Jacob Grimm scheint er soweit es damals moglich 
war in seinem Streben einen Vorganger gefunden zu haben.) 

189 



Diesem Zwecke sind seine Werke die selbstherrlichen Mittel, 
kein Dienst. Auch in ihm ist die „Umkehrung einer Idee" 
die Herr Scholem mir in seinem letzten Brief e als Charakte- 
ristikum der modern en Biicher angab, zu find en; die objektive 
Verlogenheit wie ich es nenne. Bei ihm richtet sie sich auf 
dieGeschichte und sieberuhtwiederum auf einer Verkehrung 
die mir fur unsere Zeit kanonisch geworden zu sein scheint, 
aber [lies: auf] der Verfalschung des Mediums zum Organ. 
Er macht die Geschichte, das Medium des Schaffenden zu 
dessen Organ. Dies ist nicht miihelos darzulegen, eben darum 
ist Borchardt vielleicht heute der einzig noch wiirdige Gegen- 
stand zerschmetternder* Polemik (wie er sie wunderbar am 
Georgischen Kreise versucht hat) ware nicht alleswaswesent- 
lich Polemik ist, heute verworfen. Sie begegnen einer Geste 
die den Menschen schirmen und auszeichnen kann, fur den 
Dichter aber eine unstatthafte Maske ist, bis tief in Borchardts 
Werk hinein, oder es beruft sich darauf sie zu verfassen. Er 
hat sich auf einen Turm von Luge gestellt um von der ver- 
logenen Menge seiner Zeit gesehn zu werden. Wenn ich recht 
sehe kiindigt sich in Ihren Zeilen davon das Gefuhl sehr deut- 
lich an. 

Die Lektiire der Spracharbeit steht Ihnen frei. Ich habe 
noch eine Bitte an Sie. Im „Kreis der Liebe" 5 welchen ich 
wegen seiner Schrif t nicht hernehmen konnte steht ein Ghasel 
von Platen. Jetzt habe ich mir die (leider nicht ganz voll- 
standige) Ausgabe seiner Gedichte von Schlosser gekauft. 
Darin scheint es sich unglaublicherweise nicht zu befinden. 
Das wievielte ist es? Woher haben Sie es? Konnten Sie es mir 
gelegentlich abschriftlich senden? — DaB ich selbst Ihnen 
eine Bitte nicht erf till en kann, tut mir leid. Bilder von meiner 
Frau und mir haben wir hier nicht zur Hand und [Sie] wer- 
den es verstehen wenn wir es fiir unstatthaft halten uns aus 
solchem Anlafi aufnehmen zu lassen. Endlich bitte ich Sie 
umVerzeihung, dafi indem ich Ihre Freundlichkeit undSorg- 
falt in einer so wichtigen Sache als die Verwahrung meiner 
Papiere ist in Anspruch nehme, ich nachtraglich diese Bitte 



* erbarmungslosester 
190 



vorbringen muB nachdem sielhnen schon vonHerrnScholem 
vorgetragenwurde. Die ganzeUbertragung 8 muBte wegen der 
bevorstehenden Abreise von Herrn Scholem so eilig vor sich 
gehen, und andererseits war es doch noch ungewifl ob sie 
iiberhaupt stattfinden miiBte daB ich erst die Erledigung der 
Sache abwarten muBte. Ganz besonders ungliicklich traf es 
sich daB bevor ich noch Ihr Einverstandnis zu der Ubertra- 
gung einholen konnte ich Sie bereits um eine Sendung bitten 
muBte. Ich hoffe Sie werden sowohl mein Verfahren durch 
die Umstande fiir entschuldigt ansehen, wie auch den grofien 
Dienst den die Aufbewahmng meiner Manuscripte mir be- 
deutet erweisen. 

Ich studiere also wie Sie sich denken konnen jetzt die 
Romantik und zwar, neben der Lektiire des Athenaeums, den 
mir bisher am wenigsten bekannten A. W. Schlegel. Wissen 
Sie was mich jetzt in den kritischen Schriften dieser Leute 
wundernimmt?Esist ihre groBe schone Humanitat. Siehaben 
die Scharfe der Rede die sie gegen das Niedrige brauchen, 
after sie verfugen iiber eine wunderbare Milde des Geistes an- 
gesichts ungliicklicher Menschen. Dies scheint Goethe und 
Schiller in der Kritik nicht in dem MaBe erreichbar gewesen 
zu sein. Dagegen sind A. W. Schlegels Rezension von Burger 
und Schleiermachers von Garve 7 wunderbar. Ubrigens haben 
diese Leute in ihrer Kritik, wiederum ganz im Unterschied 
von Goethe fast immer Recht behalten und also gehabt. — 
Wenn Sie Zeit haben und Nietzsche schon ziemlich gut ken- 
nen, auch seinen Briefwechsel mit Overbeck (der sehr wichtig 
ist) dann, aber nur dann, lesen Sie vielleicht einmal C. A. Ber- 
noulli : Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche. Das Buch 
ist letzten Endes nur eine zweibandige Broschure aber es 
enthalt sehr interessantes Material. S. Friedlander nennt 
Elisabeth Forster Nietzsche: „die stadtbekannte Schwester 
des weltberiihmten Bruders." 

Mein Bruder ist verwundet in einem deutschen Lazarett, 
es ist scheinbar ein nicht leichter DarmschuB. Meine Frau 
und ich erwidern aufs herzlichste Ihre und Julas GriiBe. Uber 
Busoni, wir horten ihn vorgestern, schreibt meine Frau spater. 

Ihr Walter Benjamin 

191 



Vielen herzlichen Dank fiir Ihren Gliickwunsch. 

PS Ich sehe mich, genotigt, mich uber B or chard t deutlicher 
auszusprechen : es ist nicht rich tig daB sein Werk nur „Qua- 
litaten" habe. Die Germania-Ubersetzung — soweit ich sie 
kenne — ist wahrscheinlich ein Markstein in der Geschichte 
der Beziehung des Deutschen zum Lateinischen. Es ist auch 
nicht richtig, daB der Wille zur Luge bei ihm zentral sei. 
Sondern er ist ein Abenteurer den es nach dem hochsten 
Lorbeer geltistet, der ungeheure Fahigkeit in den Dienst ab- 
soluten Machtwillens stellt, und der in einem Zeitalter in 
dem die letzte Vertiefung und Besinnung unsichtbar macht, 
jene Vertiefung und Besinnung auch vor dem Grunde um 
der Sichtbarkeit willen, abbiegt, reflektiert. Luge ist nicht er 
selbst, sondern Luge ergreift ihn jedesmal wo er seine Rela- 
tion zum Publikum bestimmt. - Er wird vielleicht GroBes 
hinterlassen aber es wird sein wie in der-im ubrigen in ihrer 
„Moral" durchaus nicht hubschen — Geschichte von dem 
Manne, der das Gold finden wollte und das Porzellan fand. 
Auf der Suche nach falschem Golde konnte Borchardt so 
etwas begegnen, aber da er ein Dichter sein will, so ist sein 
unreiner Wille die starkste Schranke seiner Moglichkeiten: 
er wird sicher kein Werk, er wird Entdeckungen, urbar ge- 
machtes Land, philologisch, historisch technisch entdecktes 
zurucklassen. Nicht Luge, sondern worauf Sie selbst deutlich 
hinweisen, Unlauterkeit ist durchaus in ihm wirksam. 

1 Nach Muri bei Bern. 

2 W. B. hatte in Dachau im Friihjahr 1917 eine Zusammenstellung 
von Schlegels und Novalis 1 Fragmenten gemacht, die sich damals bei 
Ernst Schoen zur Aufbewahrung hefand. 

3 Scholem war vom Anfang Mai bis zum Herbs t 1919 in Bern. 

4 Werner Kraft. 

5 Gedichte von Ernst Schoen (ungedruckt?). 

6 Von Papieren W. B.s, die sich bei Scholem befanden. 

7 Im „Athenaum III" (1800), S. 129 ft. 



192 



69 An Ernst Schoen 

Muribei Bern 17. Juni 1918 

Lieber Herr Schoen, 

Sie haben mich durch die so miihevolle wie sorgfaltige Ab- 
schrift der Fragmenten-Notizen die nun schon seit einiger 
Zeit in meinem Besitz ist zura groBten Dank verbunden. Als 
Zeichen daB ich Ihnen dafiir dankbar bin bitte ich Sie die 
Kopie der beiden Aufzeichnungen die ich iiber Stifter ge- 
macht habe und welche ich diesem Brief beilege anzunehmen. 
Ohne den Wunsch Ihnen eine Freundlichkeit zu erweisen 
hatte ich mich vielleicht nicht entschlossen Ihnen die beiden 
Stellen zu geben, von denen namlich die eine nur aus einem 
Brief e stammt, wahrend die zweite als Hinweis auf eine aus- 
fuhrliche Kritik von Stifters Stil die ich mir vorgesetzt habe 
zunachst nur fiir mich gemeint war. Weil es aber lange 
dauern kann bis ich zu dem Beiliegenden etwas hinzuzufiigen 
im Stande sein werde (es ist vor allem moglich im Zusammen- 
hang mit dem unter II gesagten die guten Elemente seines 
Stils ebenso verstandlich zu machen als die schlechten) so 
sende ich es Ihnen heute. Ich habe mein gutes Briefpapier fiir 
die Abschrift gewahlt und hoffe daB es nicht so elend zu- 
gerichtet bei Ihnen ankommt wie wir die meisten deutschen 
Briefe mit den Laugen der Zensur iibergossen erhalten. 
Weil ich einmal dabei bin Ihnen meinen herzlichen Dank zu 
sagen komme ich gern auf Ihr Geschenk zu meinem vorigen 
Geburtstag zuriick urn Ihnen zu erzahlen daB der Guerin in 
blaues Saffianleder gebunden einen der schonsten Bande 
meiner Bibliothek ausmacht. An deren Ausgestaltung bin ich 
so gut es geht tatig. Es ist so gekommen, daB mein inneres 
Bediirfnis eine Bibliothek zu besitzen (ja auch nur die Mog- 
lichkeit es zu konnen) zeitlich mit den auBerordentlichen 
Geld- und Sachschwierigkeiten sie zu erwerben zusammen- 
fiel. Erst seit etwas mehr als zwei Jahren bin ich eifrig dabei, 
und es ist die trostloseste Zeit, in der die innerlich unzugang- 
lichsten Werke, nach deren einem oder anderm ich mich all- 
mahlich um es zu besitzen umzusehen wage, Spekulations- 

193 



objekte des Pdbels geworden sind. Ich muB also auf vieles das 
vor wenig Jahren (als ich iibrigens kein Geld es zu kaufen 
hatte) erschwinglich war und das mir jetzt begehrenswert ist 
verzichten. Vielleicht haben Sie von der Auktion Piloty in 
Miinchen gehort (dort ist die Erstausgabe des „Siebenten 
Rings*' mit iiber 400 M bezahlt worden - ich hatte 75 darauf 
geboten und Alfred [Cohn] hat sie fiir 45 vor mehreren 
Jahren gekauft.) Das einzige Buch, das ich dort erwerben 
konnte schickt mir eben mein Buchhandler, den Briefwechsel 
Goethes und Knebels. Immerhin wiirden Sie einiges Scheme 
auch jetzt bei mir finden und in absehbarer Zeit hoffe ich mit 
meinen hiesigen Buchern auch die Bibliothek meiner Frau 
die noch in Seeshaupt ist vereinigen zu konnen. Den groBern, 
oder jedenfalls bessern Teil meiner Biicher aus Deutschland 
habe ich jetzt hier. Aber von alien Buchern ganz zu schweigen 
ist so vieles Wichtige was ich aus Deutschland bestelle vergrif - 
fen. Gelegentlich will ich Ihnen wenn es Sie nicht langweilt 
mehr hiervon, von meinen letzten Erwerbungen schreiben. 
Ich erzahle so gerne davon. 

Von meinen Arbeiten dagegen kann ich heute und viel- 
leicht fiir einige fernere Zeit nicht berichten. In meinen 
MuBestunden des Abends lese ich seit einigerZeit mit meiner 
Frau Catull und wir wollen dabei bleiben und spater zu 
Properz iibergehen. Um von dem Fehlerhaften das in dem 
kanonischen Ansehen der modernen asthetischen Begriffe, 
der modernen Auffassung der Inspiration, der Lyrik liegt 
loszukommen gibt es nichts Heilsameres als das Lesen der 
alten Dichter — vielleicht sogar in gewisser Hinsicht mehr 
noch das der Lateiner als der Griechen. Von der Bibliothek 
habe ich eine Ausgabe die in Paris fiir den Dauphin Louis XV 
gearbeitet und gedruckt wurde und die jedes Gedicht mit 
„Annotationes" und „Interpretatio" begleitet, wovon die 
zweite eine komisch plumpe Umschreibung des Gedicht- 
inhalts in schlechtem Latein ist. 

Borchardt hat wie ich ho re im ersten Heft der „Dichtung" 
ein Verzeichnis seiner abgeschlossenen ungedruckten Arbei- 
ten veroffentlicht. (Ich habe es zu Gesicht bekommen.) Ein 
Bekannter von mir hat dariiber das treffendste Wort gesagt 

194 



— es bestehen da verschiedene Abteilungen: Ubersetzung, 
Dramatik, Lyrik, Prosa, Philosophie, Politik u.s.w. - „Es 
fehlt die Abteilung: Brief e" — . — Sie schreiben von [Heinrich] 
Mann. Kennen Sie „Die Armen"? Er hat damit (wie sein 
Bruder mit den „Gedanken im Kriege") der Zeit den Tribut 
dargebracht der es erheischt ihn zu ihren Dienern zu zahlen. 
Ein Buch von beispielloser Unreife und Zerfahrenheit. Viel- 
leicht werden Sie gemerkt haben daB meine Anfrage nach 
dem Platen'schen Gedicht auf dem seitsamen Irrtum beruhte, 
das Ghasel im „Kreis der Liebe" sei von Platen selbst (und 
Sie hatten es gleichsam als uberschwengliche Huldigung hin- 
ein gesetzt). Nun, da ich weiB daB das Ihrige eine Paraphrase 
ist, deren schonen SchluB im Gedachtnis ich es bei Platen 
vergebens gesucht habe tue ich noch die neue Bitte: mir Ihr 
Gedicht in einer Abschrift zu send en. — Fiir, Ihr letztes schemes 
Gedicht danke ich Ihnen sehr. Meine Frau und ich griiBen 
Sie und Jula mit den herzlichsten GriiBen und Wunschen 
und ich selbst f iige noch einen Dank fiir die Fragmente hinzu. 

Ihr Walter Benjamin. 

Stifter 
I 

Eine Tauschung iiber Stifter scheint mir hochst gefahrlich 
weil sie in die Bahn falscher metaphysischer Grundiiberzeu- 
gungen von dem.einmiindet, wessen der Mensch in seinem 
Verhaltnis zur Welt bedarf. Es ist nicht zu bezweifeln daB 
Stifter ganz wundervolle Naturschilderungen gegeben hat 
und daB er auch von dem menschlichen Leben, wo es noch 
nicht als Schicksal entfaltet ruht, also von den Kindern wun- 
derbar gesprochen hat, wie im „Bergkrystall". Seinen un- 
geheuren Irrtum hat er aber selbst einmal ausgesprochen ohne 
ihn als solchen zu erkennen, in der Yorrede zu den „Bunten 
Steinen", wo er iiber GroBe und Kleinheit in der Welt 
schreibt und dieses Verhaltnis als ein trugerisches und un- 
wesentliches, ja relatives darzustellen sucht. Es geht ihm in 
der Tat der Sinn fiir die elementaren Beziehungen des Men- 
schen zur Welt in ihrer gereinigten Rechtfertigtheit ab, mit 
andern Worten: der Sinn fiir Gerechtigkeit im hochsten 

195 



Sinne dieses Wortes. In der Verfolgung dessen, wie er das 
Schicksal seiner Menschen in seinen verschiedenen Biichern 
entrollt, habe ich jedesmal, im „Abdias", im „Turmalin", in 
„Brigitta", in einer Episode aus der „Mappe meines UrgroB- 
vaters", die Kehrseite, die Schatten- und Nachtseite jener 
Beschrankung auf die kleinen Verhaltnisse des Lebens ge- 
funden: Indem er sich eben bei deren Aufzeichnung keines- 
wegs bescheidet oder begniigen kann und nun bemuht ist jene 
Einfachheit auch in die groBen Verhaltnisse des Schicksals 
zu tragen, welche aber notwendigerweise eine ganz anders- 
artige sowohl Einfachheit als Reinheit, namlich die welche 
simultan ist mit der GroBe oder besser mit der Gerechtigkeit 
haben. Und da ergibt es sich daB bei Stifter sich gleichsam 
eine Rebellion und-Verfinsterung der Natur ereignet welche 
ins hochst Grauenvolle, Damonisch'e umschlagt und so ihren 
Einzug in seine Frauengestalten (Brigitta, die Frau des Obri- 
sten) halt, wo sie als eine geradezu pervers und raffiniert ver- 
borgene Damonie das unschuldige Aussehen der Einfachheit 
tragt. Stifter kennt die Natur, aber was er hochst unsicher 
kennt und mit schwa chlicher Hand zeichnet ist die Grenze 
zwischen Natur und Schicksal, wie es sich zum Beispiel ge- 
radezu peinlich im SchluB des „Abdias" findet. Diese Sicher- 
heit kann nur die hochste innere Gerechtigkeit geben, aber 
in Stifter war ein krampfartiger Impuls auf einem anderen 
Wege, der einfacher schien in Wahrheit aber untermensch- 
lich damonisch und gespenstisch war, die sittliche Welt und 
das Schicksal mit der Natur zu verbinden. In Wahrheit han- 
delt es sich um eine heimliche Bastardierung. Dieser unheim- 
liche Zug wird sich bei scharfem Zusehen iiberall da finden, 
wo er in einem spezifischen Sinne „interessant" wird. — Stif- 
ter hat eine Doppelnatur, er hat zwei Gesichter. In ihm hat 
sich der Impuls der Reinheit von der Sehnsucht nach Gerech- 
tigkeit zu Zeiten losgelost, sich im Kleinen verloren um dann 
im GroBen hypertrophisch (das ist moglich!) als ununter- 
scheidbare Reinheit und Unreinheit gespenstisch aufzu- 
tauchen. 

Es gibt keine letzte metaphysisch bestandige Reinheit ohne 
das Ringen um den Anblick der hbchsten und auBersten Ge- 

196 



setzlichkeiten und man darf nicht vergessen dafi Stifter dieses 
Ringen nicht kannte. 
II 

Er kann nur auf der Grundlage des Visuellen schaffen. Das 
bedeutet jedoch nicht daB er nur Sichtbares wiedergibt denn 
als Kunstler hat er Stil. Das Problem seines Stils ist nun wie 
er an allem die metaphysisch visuelle Sphare erf aBt. Zunachst 
hangt mit dieser Grundeigentiimlichkeit zusammen daB ihm 
jeglicher Sinn fiir Off enbarung fehlt, die vernommen werden 
muB, d. h. in der metaphysisch akustischen Sphare liegt. Des 
ferneren erklart sich in diesem Sinne der Grundzug seiner 
Schriften: die Ruhe. Ruhe ist namlich die Abwesenheit zu- 
nachst und vor allem jeglicher akustischen Sensation. 

Die Sprache wie sie bei Stifter die Personen sprechen ist 
ostentativ. Sie ist ein zur Schaustellen von Gefiihlen und Ge- 
danken in einem tauben Raum. Die Fahigkeit irgendwie 
„Erschutterung" darzustellen deren Ausdruck der Mensch 
primar in der Sprache sucht fehlt ihm absolut. Auf dieser 
Unfahigkeit beruht das Damonische das seinen Schriften in 
mehr oder weniger hohem Grade eignet und seine offenbare 
Hohe dort erreicht wo er auf Schleichwegen sich vor warts - 
tastet weil er die naheliegende Erlosung in der befreienden 
AuBerung nicht finden kann. Er ist seelisch stumm, das heiBt 
es fehlt seinem Wesen derjenige Kontakt mit demWeltwesen, 
der Sprache, aus dem das Sprechen hervorgeht. x 

1 Die erste dieser Notizen ist seinem (verlorenen) Brief an Werner 
Kraft vom Sommer 1917 entnommen. Eine Abschrift daraus, die 
erhalten ist, weist nur wenige stilistische Andertmgen auf. 



70 An Ernst Schoen 

[31. Julil918] 

Lieber Herr Schoen, 

ich danke Ihnen herzlich fiir Ihren Gluckwunsch. Mem 
Geburtstag ist eine schone Gelegenheit Ihnen wieder von 



197 



Biichern zu erzahlen. Meine Frau beschenkte mich namlich 
mit einer kleinen Bibliothek - nicht daB die Biicher in einem 
Schrankchen aufgestellt gewesen waren aber sie f (ill en eines. 
Vorher miissen Sie wissen daB ich nach Art eines wirklichen 
Biichersammlers mir — wenigstens - ein Spezialgebiet ge- 
schaffen habe. Dabei stand die Riicksicht auf das was ich 
schon hatte und auf das Erschwingliche an erster Stelle. Es 
ist ein Gebiet auf dem auch heute noch nicht allgemein ge- 
sammelt wird und auf dem also ein gliicklicher Fund noch 
moglich ist (wie ich solchen in der Tat vor kurzem zu meiner 
unbeschreiblichen Freude gemacht habe.) Es sind alte Kin- 
derbiicher, Marchen und auch schone Sagen. Der Stamm der 
Sammlung riihrt von einem groBen Raubzug her den ich 
noch gerade rechtzeitig in der Bibliothek meiner Mutter, 
meiner friihern Kinderbibliothek, gemacht habe. Diesmal 
habe ich also auch Marchen bekommen : die von Andersen in 
der relativ guten Ausgabe, die jetzt bei Kiepenheuer erschien, 
und Hauffs in einer Ausgabe seiner Werke aus der ich sie 
mir vielleicht gesondert binden lassen werde. Vor allem aber 
Brentanos in der seltenen Erstausgabe von 1846. Brentanos 
iibrige Werke habe ich in der von seinem Bruder Christian 
herausgegebenen siebenbandigen Gesamtausgabe bekommen 
der einzigen bis auf die die gegenwartig wie so viele andere 
bei Georg Miiller ausgebriitet wird. Sie enthalt bis auf die 
Marchen und den Godwi alles Wesentliche. Sodann erhielt 
ich die drei Bandchen „Bambocciaden" von dem roman- 
tischen Literaten und Sprachforscher Bernhardi, eines der 
seltensten wenn auch nicht der gesuchtesten romantischen 
Biicher das ich schon lange zu besitzen strebte. Ich kenne es 
noch nicht. Von Flaubert besitze ich nachdem ich diesmal 
Trois Contes und die Tentation erhielt nun bis auf Salambo, 
Garnet d'un fou (so heiBt es wohl?) und Novembre alle 
Romane. - Eine gute Ausgabe von Eckermann, den Decame- 
rone in der Inselausgabe, das erotische Werk von Aretin in 
einer franzosischen Ubersetzung. Ferner ein kleines Baude- 
laire-Erinnerungsbuch das Anekdoten seines Lebens und sehr 
viele Bilder von ihm und von s ein en Bekannten enthalt. In 
einigen Jahren werde ich wissen was einige dieser Werke mir 

198 



bedeuten, bei manchen wird es vielleicht sehr lange brauchen. 
Zunachst kommen sie gleichsam in den Weinkeller, werden 
in der Bibliothek vergraben: ich beriihre sie nicht. Unter 
anderm audi aus dem Grunde weil ich mit dem Gedanken 
ernes Exils vertraut bin in einer Gegend wo ich auf meine 
Bibliothek angewiesen ware, die ich dann kennen lernte. Nur 
den Andersen lese ich der mir Lust macht das Wesen der 
Sentimentalitat zu ergriinden. Der guten Sachen s.ind sehr 
wenige im Vergleich mit dem perversesten Zeug aber das 
Schlechte und Gute scheint bei ihm seltsam eng zusammen- 
zuhangen. 

Ich lese nach Moglichkeit die Biicher der Berner Biblio- 
thek, die jedenfalls fur meine Interessengebiete sehr unzu- 
langlich ist. Gegenwartig bin ich wieder bei Studien fur 
meine Dissertation und zwar studiere ich die Kunsttheorie 
Goethes. Davon la'Bt sich brieflich nichts mitteilen, weil es zu 
weitschichtig ist, aber ich finde hier die wichtigsten Dinge. 
Natiirlich ist das terra incognita. — Zufallig begegnete ich 
heute in meiner Lekture fiir die Dissertation dem Buche 
einer Frau Luise Zurlinden 1 : Gedanken Platons in der deut- 
schen Romantik. Das Grausen das einen uberkommt wenn 
Frauen in diesen Dingen entscheidend mitreden wollen ist 
unbeschreiblich. Es ist die wahre Niedertracht. Ubrigens ist 
iiberhaupt die Schatzung der Romantiker besonders der Brii- 
der Schlegel und am meisten Wilhelms (der gewiB nicht so 
bedeutend wie Friedrich war) bezeichnend fiir die Schand- 
lichkeit des literarwissenschaftlichen Prinzips. Wissenschaft- 
lich unfruchtbar, ja unfruchtbarer als unsere Zeit waren 
gewiB manche; die Schamlosigkeit in der Wissenschaft ist 
aber modern. So gilt den heutigen Fachleuten dieUbersetzung 
prinzipiell als eine inferiore Art der Produktivitat (weil sie 
sich natiirlich nicht wohl fiihlen bis sie nicht alles nach den 
crudesten MaBstaben rubriziert haben) und demgemaB wagt 
man es bei der Leistung von Wilhelm Schlegels "Obersetzungs - 
werk von „Anempfindung u zu reden. Diese Tonart ist gang 
und gebe. 

Die Frage nach dem Ergehen und meiner Beziehung zu den 
von Ihnen genannten Menschen kann ich (mit Ausnahme 

199 



Barbizons) im Briefe nur mit einem kurzen kategorischen 
Satz beantworten ohne brief lich das was ich iiber diese Men- 
schen sagen konnte (aber nicht mag) auch nur andeuten zu 
konnen: sie existieren fur mich nicht, und wenn jeder es da- 
hin auch auf seine Weise gebracht hat, so ist doch eben in 
dieser Beziehungslosigkeit keine Diff erenz mehr. - Mit Bar- 
bizon unterhalte ich einen oberflachlichen Verkehr. 

Mit den wenigsten Ausnahmen gingen die Beziehungen 
die ich zu gleichaltrigen unterhielt ihrem Ende entgegen. 

[. . .] 

Ich danke Ihnen aufs Herzlichste fur die Gedichte die Sie 
mir sandten. Bis ich Ihnen wieder einmal irgend etwas von 
mir senden kann dariiber wird vielleicht lange Zeit vergehen, 
denn ich sehe augenblicklich nur groBere Arbeiten vor mir — 
bitte lassen Sie mich bald von Ihnen horen und leben Sie recht 
wohl. Auch meine Frau griiBt Sie. 

Ihr Walter Benjamin 

l Leipzig 1910. 



71 An Gerhard Scholem 

Bonigen, 18. September 1918 

Lieber Gerhard, 

Welche „ungefahre Dauer" soil ich Ihnen schreiben? Die der 
Tour? Die begrenzen Sie doch selbst auf ungefahr eine Woche 
und ich habe mir bisher noch kein naheres Bild von ihr 
gemacht. — Ich bitte Sie bestimmt, hier schon am 26. einzu- 
treffen, weil ich die Faulhornbesteigung nicht zu lange hin- 
ausschieben will. Das Faulhornhotel in dem wir vielleicht 
iibernachten miiBten - wahrscheinlich ist es zwar nicht - 
bleibt nur noch unbestimmte Zeit offen, bei gutem Wetter 
freilich wahrscheinlich bis Ende Oktober. Ich habe aber den 
Plan daB wir am 27. die Schynigeplatte besteigen, wobei uns 
meine Frau wohl begleiten wird, dann will ich den Rest des 
Tages mit ihr dort oben bleiben und am 28. mit Ihnen aufs 

200 



Faulhorn (und wenn moglich auch gleich wieder hinunter) 
gehen. 

Eine damonologische Fakultat gibt es an der Universitat 1 
nicht. Wozu ware denn sonst eine Akademie der Wissenschaf - 
ten da? — In informierten Kreisen gilt als sicher daB der der- 
zeitige Rektor zum Rector mirabilis auf Lebenszeit gewahlt 
wird. 

Dora griiBt mit mir. 

Ihr Walter 

1 Die ^Universitat Muri", eine Phantasiegriindung von Benjamin und 
Scholem, in Erinnerung an die dort gemeinsam verbrachten drei 
Monate. Beide verfaflten eifrig satirische „Akten der Universitat", 
darunter ein Vorlesungsverzeichnis, Statuten der Akademie u. a. von 
W. B. und ein (1927 gedrucktes) „Lehrgedicht der Philosophischen 
Fakultat" von Scholem. W. B. zeichnete als Rektor, Scholem als „Pedell 
des Religionsphilosophischen Seminars". Titel aus dem Bibliotheks- 
katalog und Rezensionen iiber die hetreffenden Biicher zu erfinden, 
war noch Jahre hindurch eine Liehlingsbeschaftigung von W. B. 



72 An Ernst Schoen 

[8. November 1918] 

Lieber Herr Schoen, 

Jede Riicksicht die man im eignen Leben auf die Konvention 
nimmt, macht sich bis in die Feme Vertrauten stbrend be- 
merkbar, namlich wenn man diese Konvention nur als eine 
solche empfindet. So ist es mit dem Doktorexamen auf das ich 
mich vorbereite. In den letzten Monaten war ich von den Vor- 
bereitungen zu meiner Dissertation in Anspruch genommen 
und vielleicht hat neben meinem Warten auch die bestandige 
Arbeit ein wenig dabei mitgespielt daB Sie von mir fast so 
lange nichts gehort haben als ich von Ihnen. Auch in diesem 
Briefe wird Ihnen ein Reflex dieser Beschaftigung wahr- 
nehmbar sein, denn ich habe nichts Wechselvolles zu berich- 
ten. Meine Lektiire ist fast ganz auf das zur Dissertation 
notwendige eingeschrankt gewesen. Umgang, wie Sie wissen, 

201 



haben wir hier nicht, bis auf den jungen Mann der wie ich 
Ihnen schrieb aus Deutschland zu mir gekommen ist, da er 
aber wohl an meiner, doch nicht ich in dem MaBe an seiner 
Arbeit teilnehmen kann, weil er sich mit hebraischen Dingen 
befaBt, so ist hiervon in die Feme nichts zu berichten mog- 
lich. Nur von hauslichen Wechs elf alien kann ich berichten. 
Meine Frau liegt an der Grippe krank ist aber bereits fieber- 
frei. Ihren Brief hat sie erhalten und wirdihn wenn sie gesund 
ist beantworten; wegen ihres geschwachten Zustandes haben 
wir miteinander noch nicht iiber ihn sprechen konnen. Stefan 
geht es gut, es ist ein ganz aufierordentlich artiges Kind, das 
nie ohne einen sichtlichen Grund weint oder schreit. 

Umso freier bin ich auf alles einzugehen was Sie schreiben. 
Daran hat mir am meisten Nachdenken das verursacht, was 
Sie zu meiner Trennung von den frlihern Bekannten bemer- 
ken. Je mehr ich dariiber nachdachte desto mehr wollte mir 
scheinen, als ob Ihrem innersten Wesen ganz solche Ziige 
eigen waren die uns damals das Verstehen nicht, aber die Ver- 
standigung unmoglich machten. Wahrend mein Freund und 
ich, nicht ungeduldig, aber der Zeit nicht achtend, nicht blind 
aber nicht aufmerksam auf das Gesehene in der Mitte einer 
Krisis standen die in Erfiillung oder in Verwandlung enden 
muBte, warteten Sie. Sie sahen die Menschen die uns umgaben 
ihrer Gestalt nach und darum muBten Sie sie ablehnen. Ich 
glaubte zu fiihlen daB Ihr Wesen eine Forderung stellte die 
in unsrer zeitlosen geblendeten Frage nicht erfiillt werden 
konnte : geduldige Entladung und Entf altung, Ich bin gewiB 
daB ich jetzt nicht iiber diese Zeit mit Ihnen sprechen konnte 
wenn wir nicht damals dergestalt getrennt gewesen waren. 
Wie ich ja hiervon sonst nur mit meiner Frau gesprochen 
habe. Uber die Zeit unseres Wiedersehens wage ich nichts zu 
vermuten. 

[...]■ 

Meine Arbeit an der Dissertation ist, wenn ich sie auch 
nie ohne auBere Veranlassung auf mich genommen hatte, 
keine verlorene Zeit. Das was ich durch sie lerne, namlich 
einen Einblick in das Verhaltnis einer Wahrheit zur Ge- 
schichte, wird allerdings darin am wenigsten ausgesprochen 

202 



sein, aber hoffentlich fur kluge Leser bemerkbar. Die 
Arbeit behandelt den romantischen Begriff der Kritik (der 
Kunstkritik). Aus dem romantischen Begriff der Kritik ist 
der moderne Begriff derselben hervorgegangen; aber bei den 
Romantikem war „Kritik" ein ganz esoterischer Begriff* 
der auf mystischen Voraussetzungen beruhte was die Er- 
kenntnis betrifft, und der was die Kunst angeht, die best en 
Einsichten der gleichzeitigen und spatern Dichter, einen 
neuen, in vieler Beziehung unsern Kunstbegriff in sich 
schlieBt. Meine Gedanken hieriiber stehen in einem so ge- 
nauen Zusammenhang daB ich unmbglich Ihnen schriftlich 
einen Begriff vom Ganzen durch einige Bemerkungen geben 
kann, so gern ich es tate. Vom eigentlichen Text ist noch 
nichts niedergeschrieben aber die Vorarbeit ist ziemlich weit 
vorgeschritten. Demnachst werde ich meinem Ordinarius den 
Plan mitteilen. Bis jetzt bin ich mit meiner Arbeit durch den 
Umstand gefordert worden, daB die Universitat wegen der 
Epidemie geschlossen ist; doch wird sie wohl bald eroffnet 
werden. Die Beschaffung der Literatur stoBt uberall auf Hin- 
dernisse und was man bekommt ist qualvoll langweilig. Die 
Hauptwerke, Diltheys: Leben Schleiermachers und Hayms 
Romantische Schule, habe ich noch nicht gelesen und werde 
Ihnen vielleicht spater davon berichten konnen. 

Am folgenden Tage, 9. November 1918 

Gestern erhielt ich nachdem ich das Vorstehende geschrieben 
hatte die Nachricht von der Ausrufung der bayerischen Repu- 
blik. Da wegen eines vierundzwanzigstundigen General streiks 
hier in der Schweiz (als Protest gegen militarische Einberu- 
fungen zur Abwehr revolutionarer Umtriebe) heute keine 
Zeitungen hier erscheinen kenne ich die Entwicklung die sich 
inzwischen vollzogen hat nicht. Jedenfalls werden die Auf- 
trage fiir die Auktion wohl hinfallig sein, da sie kaum statt- 
finden wird. 

[. . .] 



* Deren sie mehrere gehabt haben, vielleicht aber keinen so 
verborgenen. 

203 



Den Sommer haben wir wie Sie wissen werden sehr still 
am Brienzer See in der herrlichsten Landschaft verbracht. 
Der Teil des Sees an dem wir waren hat an dem aufsteigen- 
den Ufer die herrlichsten Wiesen die ich jemals gefunden 
habe. Diese Wiesen erstrecken sich sehr weit und sind mit 
Baumgruppen und Hainen bewachsen in denen wir oft Pilze 
gesucht haben. Das wichtigste was ich im Sommer gelesen 
habe war die Metamorphose der Pflanzen von Goethe. Ich 
habe sie zusammen mit meiner Frau gelesen und sehr groBe 
Freude daran gehabt obwohl ich das Buch bei meiner man- 
gelnden botanischen Kenntnis nicht unmittelbar fruchtbar 
machen kann. Ehe ich spater die Farbenlehre lese hoffe ich 
noch einmal auf die Meteorologie zuriickzukommen mit der 
ich mich schon friiher einmal beschaftigt habe. Seitdem lese 
ich wie gesagt nur fiir meine Dissertation, welche gerade in 
diesen Zeitlauften abf assen zu miissen eine heilsame und mog- 
liche Fixierung meines Geistes ist. Daneben lese ich nur noch 
den „Griinen Heinrich" von Gottfried Keller. Alle Biicher 
dieses Mannes gehoren zu den zweideutigsten und gefahr- 
lichsten Produkten der Literatur. Warum - hoffe ich Ihnen 
spater einmal sagen zu konnen. 

[. . .] 

Meine Frau und ich griiBen Sie herzlich und bitten auch 
Jula herzlich von uns zu griiBen. 

Ihr Walter Benjamin 



73 An Ernst Sckoen 

[Bern, 29. Januar 1919] 

Lieber Herr Schoen, 

Aus Ihren Briefen von Dezember und Januar, vor allem aber 
aus dem zweiten, sehe ich daB Sie von Sorgen betriibt werden. 
Ich will diesen Brief damit beginnen Ihnen zu sagen wie sehr 
ich hoffe daB es Ihnen gelinge bald einen kurzen Weg aus 
alien diesen Verlegenheiten herauszufinden ; daB Sie dann auf 

204 



dem Gange den Mut nicht verlieren werden dessen bin ich 
gewiB. Den Menschen wie Sie und ich stehen nach der Ande- 
rung der deutschen Verhaltnisse wohl keine an dem Wege 
off en als vorher. AuBerlich haben sich meine Lebensumstande 
verschlechtert und ich hatte in der langeren Zeit in der ich 
Ihnen nicht schrieb vielerlei zu bedenken und manche Auf- 
regungen. 

[._. .] 

Einiges Schone habe ich gelesen. Besonders nenneich Ihnen 
den „Zauberer" von Gogol, dessen Stoff (einer der groBten 
epischen und zum Epos pradestinierten) freilich noch iiber der 
(guten) Behandlung stent. — Neulich waren wir zum Sieg- 
fried" von Wagner eingeladen und flugs las ich darauf Nietz- 
sches „der Fall Wagner" um von der Einfachheit und Weit- 
sichtigkeit des Gesagten ganz iiberrascht zu sein. Die zweite 
Wagnerschrift (Nietzsche contra Wagner) kenne ich noch 
nicht, aber diese erste hat mich begeistert, was ich, aufs Ganze 
blickend, nicht von alien Schriften Nietzsches die ich kenne 
sagen kann. Das neue Buch des Berliner Sinologen De Groot 
„Universismus" * habe ich gelesen. So wie schon derTitel,mit 
dem Unterfangen einer vieltausendjahrigen Religion einen 
selbst erfundenen Titel zu geben, zeugt auch der Text von 
volliger Blicklosigkeit, Riickstandigkeit, Unbekanntschaft mit 
den neuen Fragestellungen der mythologischerrWissenschaft. 
Da dieser Mann ein volliger Kenner ist (soweit nach dem 
Buch und dem wissenschaftlichen Ruf zu urteilen ist) so kann 
man sagen, daB das alte China diesen Mann sich vollig ver- 
sklavt hat und ihn geistig unerbittlich gefesselt halt. Natiir- 
lich erfahrt man bei der Lekture sehr viel Wissenswertes. - 
Kennen Sie Dostojewskis „Doppelganger u ? Diesen habe ich 
jetzt zum zweiten Mai gelesen und es wurde sich verlohnen 
einmal ausfuhrlicher liber das Buch zu reden. Jetzt lese ich 
— ganz Auge und Ohr - zum ersten Male den zweiten Teil 
des Faust. 

Im April des vorigen Jahres schrieben Sie mir, wie Stifters 
„altes Siegel" Sie stark bewegt habe ohne einen ganz kla- • 
ren Eindruck zu hinterlassen. Ich habe es nun gelesen und 
empore mich dagegen wie gegen Weniges bei Stifter. Die Zei- 

205 



lcn liber ihn die ich Ihnen damals sandte habe ich mit Hin- 
blick auf diese Novelle wieder gelesen und finde sie an wend - 
bar: fast Wort fiir Wort. Heute will ich aber noch etwas 
hinzusetzen. Vor einiger Zeit flihrte mich eine Kritik von 
„Frau Warrens Gewerbe" von Shaw dazu, aus[zu]sprechen, 
daB es ein Irrtum sei, eine in sich bestehende nur der Bewah- 
rung bediirftige Reinheit irgendwo vorauszusetzen. Dieser 
Satz scheint mir wichtig genug ihn durch das Folgende zu 
erganzen und auf Stifter anzuwenden. Die Reinheit eines 
Wesens ist niemals unbedingt oder absolut, sie ist stets einer 
Bedingung unterworfen. Diese Bedingung ist verschieden je 
nach dem Wesen um dessen Reinheit es sich handelt; niemals 
aber liegt diese Bedingung in dem Wesen selbst. Mit anderen 
Worten: die Reinheit jedes (endlichen) Wesens ist nicht von 
ihm selbst abhangig. Die beiden Wesen, denen wir vor allem 
Reinheit zusprechen sind die Natur und die Kinder. Fiir die 
Natur ist die auBerhalb ihrer selbst liegende Bedingung ihrer 
Reinheit die menschliche Sprache. Da Stifter diese Bedingt- 
heit ivelche die Reinheit erst zur Reinheit macht nicht fiihlt 
ist die Schonheit seiner Naturschilderung zuf allig oder anders 
gesagt: harmonisch unmoglich. Denn in der Tat ist sie auBer- 
halb ihrer Verbindung mit den schief aufgefaBten mensch- 
lichen Schicksalen, welche die Stifterschen Werke triiben 
literarisch kaum moglich. Was nun das „alte Siegel" angeht, 
wo die Schicksale im Vordergrund stehen und wo es sich nicht 
einmal um die Reinheit von Kindern sondern von erwach- 
senen Menschen handelt, so ist von vornherein anzunehmen, 
daB Stifters falsche Idee von ihr angesichts dieses Gegenstan- 
des garnicht verborgen bleiben kann. Die Fabel hat einige 
Ahnlichkeit mit dem klassischen epischen Stoff von der Rein- 
heit, dem Parsifal. Beide sind ganz unschuldig aufgewachsen 
und beide bewahren ein ehrfurchtsvolles Schweigen wo die 
Frage erlosen wiirde. Aber bei Stifter wird nicht einmal die- 
ser Grundzug ganz deutlich und bei ihm wird der Held nie- 
mals von seiner Kinderreinheit erlost : denn diese Reinheit ist 
absolut gedacht (wenn man bitter sein wollte, konnte man 
sagen: sie gehore zum Charakter dieses Menschen). Der Mann 
wird mit ihr alt und niemals weise. Ich miiBte die Geschichte 



206 



vom Toren Parsifal gut kennen um den Vergleich, der glaube 
ich fiir die Kritik dieser Geschichte das beste heuristische 
Prinzip ist, durchzufiihren. Jedenfalls ist klar, daB in jeder 
Beziehung schon die Fabel (von der Minderwertigkeit der 
Form zu schweigen) von der f alschen Grundidee wie von einer 
Krankheit entstellt blickt. Denn in dieser Geschichte tun die 
Menschen immer zugleich das Absurde und das Widerwar- 
tige, das Unwahrscheinliche und das Unleidliche. (Der Diener 
in der Vermittlung, der junge Mann am Ende, die Frau im 
Lindenhaus) — Vielleicht schreiben Sie mir einmal ob Sie in 
der Beurteilung und in deren Grund mit mir iibereinstimmen. 

Anfang Januar habe ich ein groBeres mich kaum inter - 
essierendes Referat iiber Romantische Ironie machen miissen. 
Jetzt bin ich wieder an meiner Dissertation. Inzwischen habe 
ich ein gutes Regal mit einer Riickwand bekommen und jetzt 
sind zu meiner Freude die Bucher die ich hier habe gut auf- 
gestellt. Konnten Sie kommen und sie ansehen lesen und mit 
mir dariiber sprechen! 

Hoffentlich finden Sie auch noch in Berlin die Moglichkeit 
ruhig zu leben. 

Die herzlichsten GriiBe Ihr Walter Benjamin 

1 J. J. Maria de Groot. Berlin 1918. 



74 An Gerhard Scholem 

15.3.1919 
Lieber Gerhard, 

Herr [Wolf] Heinle sucht einen Mittagstisch; bitte seien Sie 
so f reundlich, mir zu schreiben, wo und zu welchem Preise Sie 
den Ihrigen gehabt haben. 

In Frankfurt war Herr Heinle in Behandlung bei Prof. 
Goldstein *, welcher angab, Sie zu kennen und sogar (vermut- 
lich durch Sie) auch mich dem Namen nach. Ich wollte Sie 
schon die letzten Male immer fragen, wie Sie Prof. Goldstein 
kennen. Es soil ein guter Mensch sein. 

207 



Bitte antworten Sie mir auf beides. Wann bringen Sie den 
Molitor? Warum Sind Sie heute nicht gekommen? 

Herzliche GriiBe Ihr Walter 

1 Kurt Goldstein (1878-1965) war mit Scholem in Heidelberg 1916 
zusammengetroffen. 



7 J An Ernst Schoen 

7. April 1919 
Lieber Herr Schoen, 

Vor einigen Tagen habe ich die Rohschrift meiner Dis- 
sertation abgeschlossen. Was sie sein sollte ist sie geworden: 
ein Hinweis auf die durchaus in der Literatur unbekannte 
wahre Natur der Romantik — audi nur mittelbar das weil ich 
an das Zentrum der Romantik, den Messianismus - ich habe 
nur die Kunstanschauung behandelt - ebenso wenig wie an 
irgend etwas anderes, das mir hochst gegenwartig ist heran- 
gehen durfte, ohne mir die Moglichkeit der verlangten 
komplizierten und konventionellen wissenschaftlichen Hal- 
tung, die ich von der echten unterscheide, abzuschneiden. 
Nur: daB man diesen Sachverhalt von innen heraus ihr ent- 
nehmen konne mochte ich in dieser Arbeit erreicht haben. 

Ich will nach dem Examen Sprachen lernen, wie Sie wis- 
sen - den europaischen Kreis im Riicken haben. Es wiirde mir 
schwer von Europa nicht in Italien Abschied zu nehmen. Von 
der Zukunft erwarte ich, wie es mir innerlich und auBerlich 
ermoglicht werde, Europa zu verlassen. l Beides hangt durch- 
aus zusammen und liegt manchmal schwer auf mir : denn als 
Gewaltakt kann ich es nicht vollziehen; als Notwendigkeit 
aber sehe ich es vor mir. 

Meine Frau, ich und das Kind griiBen Sie aufs herzlichste 

Ihr Walter Benjamin 

l Scholem war entschlossen, nach Palastina zu gehen; W. B, und seine 
Frau erwogen den Gedanken oft, vgl. den Brief vom 20. November 
1919 an Hune Caro, Nr. 83. 



208 



76 An Gerhard Scholem 

9.4.1919 

Lieber Gerhard, 

Stefan gedenkt Ihre Gratulation 1 um 6 Uhr abends — jedoch 
nicht spater — entgegenzunehmen und laBt Sie durch mich 
freundlichst zur Abendtafel um 8 Uhr bitten. Er selbst wird 
an derselben teilnehmen, falls nicht dringende Schlafereien 
ihn fernhalten. 

Herzliche GriiBe von meiner Frau und mir 

Ihr Walter 

1 Zum einjahrigen Geburtstag von W. B.s Sohn. 



77 An Ernst Schoen 

[Bern, Mai 1919] 

Lieber Herr Schoen, 

Ihr kurzer Brief hat mir ein nahes Gefiihl Ihres Lebens ge- 
geben. Es ist traurig daB wir nicht fahiger sind, Widerwar- 
tigkeiten und Leiden uns aneinander zu vergegenwartigen 
und mitzuteilen als voiles Gliick. Das ist auch seltner : aber es 
kommt darauf an, im Gliick der ganze Mensch zu sein und ihn 
im Gliick zu sehen. Ich habe also gesehen daB Sie nicht gliick- 
lich sind, doch fiihle ich mich Ihr em Kampf verwandt und 
nah. Ich liebe dieses Freiheitsbedurfnis von dem Sie schrei- 
ben, iiberall wo ich das schone Schauspiel sehe, daB es nicht 
zu selbstzerstorender Handlung unter dem Schein der Befrie- 
digung die Menschen hinreiBt. Eine solche Selbstzerstbrung 
habe ich zwei Monate lang — mir von der erschiitterndsten 
endlich aber erkaltendsten Art — mit ansehen miissen. Ich 
schreibe es Ihnen: bei Wolf Heinle, weil ich nicht mehr daran 
denken kann, Ihnen den Wunsch zu erfiillen, den Sie vor eini- 
ger Zeit aussprachen, Sie mit ihm bekannt zu machen. Die 

209 



Entscheidung die die Zeit seines Besuches bei uns fur unser 
Verhaltnis brachte, ist verneinend ausgef alien. Wie dies noch 
sonst zugegangen ist, kann ich Ihnen wohl einmal erzahlen. 

Alfred [Cohn] hat mir geschrieben. Ich habe mich iiber 
seinen Brief gefreut, weil dieser ganz unheimliche und ge- 
waltsame Plan, Volksschullehrer zu werden, darin wenigstens 
suspendiert schien. Es war ein EntschluB, den ich als ersten 
in Alfreds neuem Leben nicht begriiBt hatte. Nun schreibt er 
ganz einfach, dafi er wartet, daB er auf der Universitat hort, 
auch bei Husserl. 

Von meiner Arbeit werde ich Ihnen sobald schwerlich etwas 
mitteilen konnen, weil sie ja wegen des Examens suspendiert 
ist. Ich habe jetzt einfach aufs schulmaBigste zu lernen, weil 
das Examen, je weniger Beziehungen ich zu denhiesigenPni- 
f ern habe, desto hohere Anforderungen an mich stellt. Konnte 
ich iiber die Dissertation mit Ihnen sprechen - ich wiirde 
mich freuen. Sie auf so groBe Entfernung in Ihre Hande zu 
legen, dazu enthalt sie mich nicht ungeteilt genug. Ich habe 
zu ihr ein esoterisches Nachwort fur die geschrieben, denen 
ich sie als meine Arbeit mitzuteilen hatte. 1 Mit diesem Nach- 
wort will ich sie Ihnen einmal geben wenn wir wieder raum- 
lich einander niiher sind. Auch hatte ich jetzt kaum ein ent- 
behrliches Exemplar — sende allerdings eines an meine Eltern. 
Jedenfalls entschlieBe ich mich noch nicht dazu und mochte 
noch warten. Hier habe ich sie eben zum Teil meinem Pro- 
fessor iibergeben, der davon vielleicht kaum geniigend merkt, 
um mir Unannehmlichkeiten zu ersparen. Die Komposition 
der Arbeit hat hohe Anspriiche ebenso z. T. die Prosa. Sonst 
nichts. Wenn ich wieder iiber meiner eignen Arbeit bin sollen 
Sie es an meinen Brief en merken. 

Jetzt fiirchte ich, merkten Sie leichter etwas anderes: Mein 
Sohn ist sehr krank. [. . .] Das Kind ist in der Krankheit von 
der zartesten Liebenswiirdigkeit. Ich bitte Sie unter diesen 
Umstanden zu entschuldigen daB Sie nur das Vorstehende und 
dies so abgerissen von mir hdren. Sie wiirden mich durch 
einen Brief erfreuen. 

Meine Frau griiBt herzlichst 

Ihr Walter Benjamin 

210 



1 Gemeint ist das SchluBkapitel der gedruckten Fassung: „Die friih- 
romantische Kunsttheorie und Goethe", in das W. B. vieles von dem, 
was ihn damals im Denken bewegte, hineingebracht hat. 



78 An Gerhard Scholem 

15. 6. 1919 

Lieber Gerhard, 

es ist uns am Donnerstag abend recht. Bitte kommen Sie urn 

sieben Uhr. 

Aus Miinchen erfuhr ich heute zu meiner groBten Ent- 
riistung, daB Noeggerath wegen Hochverrats im Gefangnis 
sitzt. 1 Ich bitte Sie, wenn es Ihnen mdglich ist, durch Ihre 
Bekannten in Munch en, wenn Sie dort gegenwartig solche 
haben, etwas Naheres wenn moglich zu erkunden. Herr 
Heinle, von dem ich es erfuhr, bleibt nicht dort. - Auch sonst 
bestatigt alles die finstersten Zustande. Sehen Sie sich z. B. mal 
die „Republik" an, welche nicht zu iibertreiben scheint. 

Mit vielen GriiBen Ihr Walter 

1 Er war kurze Zeit Mitglied der Regierung Lipp. 



79 An Gerhard Scholem 

Iseltwald, 19.Juli 1919 

Lieber Gerhard, 

ich danke Ihnen herzlich fiir Ihre Gliickwunsche zum Ge- 
burtstag. Es war ein sehr schoner Tag — Stefans wegen sind 
wir nicht mehr so sehr besorgt. Die erhohte Temperatur 
dauert noch an, es kommt aber darin kaum eigentliche Krank- 
heit zum Ausdruck. Wir haben also den fiinfzehnten nach 
Herzenslust gefeiert und ich konnte mich iiber sehr viele 
schone Geschenke freuen. DaB Sie mir mit dem Ave-Lalle- 
mant 1 eine besondere Freude gemacht haben, brauche ich 

211 



Ihnen kaum noch besonders zu sagen. Ich werde gewifl sehr 
viel von dem Buch haben. Friiher sagten Sie mir gelegentlich, 
in der Neubearbeitung bzw. Ausgabe fehle der sprachliche 
Teil. Ich ersehe aber aus der Vorrede zum Ganzen, daB er 
- nur mit starken Veranderungen - doch noch herausgegeben 
werden soil. 

Noch sonst habe ich an Biichern viele Freude gehabt - be- 
sonders viel Franzosisches hat mir Dora geschenkt. Sie werden 
ja alles sehen, wenn Sie kommen. Bitte: am Dienstag. Ver- 
bindung: Bahn bis Boningen (mit Umsteigen in Interlaken- 
Ost) von Boningen: Schiff. Ankunft hier halb 10 Uhr. Zeit 
bis abends 5 Uhr, wo Sie hier mit dem Dampf er abf ahren und 
am gleichen Abend noch in Bern ankommen (10 13 ). Wenn 
Sie von hier um 8 abends abf ahren, kommen Sie zwar nicht 
mehr nach Bern, aber noch nach Thun. (Der 8 Uhr- Dampf er 
geht nur Dienstag und Sonnabend.) Ubernachten konnen Sie 
bei uns diesmal leider nicht. Also kommen Sie bitte! -Warum 
kann ich den Lessing nicht haben? Den Agnon 2 werden Sie 
hoff entlich inzwischen von Bloch 3 erhalten haben. 

Dora und ich griiBen Sie herzlich Ihr Walter 

Natiirlich werden Sie Ihrer Mutter vom Examen 4 nicht 
sprechen! 

1 Die Neuausgabe seines Werlces „Das deutsche Gaunertum". 1914. 

2 S.J. Agnon: „Und das Knimme wird grade", Berlin 1918; aus dem 
Hebraischen ubersetzt von Max Straufl. 

3 Ernst Bloch, den Scholem in Interlalcen besucht hatte. 

4 Von W. B.s unmittelbar bevorstehendem Doktorexamen. 



80 An Ernst Schoen 

[Iseltwald, 24.Julil919] 

Lieber Herr Schoen, 

Ihr letzter Brief hat mir eine groBe Freude gemacht. Hof- 
f entlich ist Ihnen die Stimmung guter Zuversicht und muti- 
ger Plane erhalten geblieben und hat Sie gegen Wetter 

212 



Ernahrung und andere tagliche Widemisse gefeit. Uns be- 
stiirmeii diese hier stark, vereint mit einem andauernden 
schwiilen regenschweren Westwind. Das Kind wird, ohne 
daB sich sein Zustand verschlimmert, nicht gesund. Meine 
Frau leidet unter schwersten monatelang gehauften Anstren- 
gungen, auf die sie die erhoffte Erholung jetzt nun nicht fin- 
det, schwer; Blutarmut und schlimme Gewichtsabnahme. Ich 
selbst bin im Verlauf der letzten sechs Monatelarmkrank ge- 
worden und bediirfte zur Arbeit eines Kabinetts mit leder- 
bezognen Wanden und schweren Doppeltiiren (eine rabiate 
Wunschphantasie!). Daher habe ich an wichtige Arbeiten, die 
ihrer Notwendigkeit und zum Teil auch ihrem Inhalt nach 
klar vor mir stehen, noch nicht gehen konnen. In den letzten 
Tagen habe ich mich wieder den Baudelaire-Obersetzungen 
zugewandt. Gern wiirde ich einige von ihnen einmal zur 
Probe in gut em Druck in einer Zeitschrift vor mir sehen, ein 
Wunsch den ich mir gelegentlich vielleicht erfullen kann. 
Ubrigens aber sind die wichtigen Arbeiten die meine Zeit nun 
schon des langern vergebens fordern Kritiken. 

Wir beabsichtigen Stefan so bald als moglich zu meinen 
Schwiegereltern zu schicken um dann noch eine Zeit hier uns 
in reiner Stimmung zu erholen. Seit ich hier bin, lese ich nur 
Franzosisches. Mich hat ein groBes Verlangen gefaBt in die 
gegenwartige franzosische Geistesbewegung, ohne doch je das 
BewuBtsein des Zuschauers zu verlieren, einzutauchen. Ich 
lese wahllos, nur um Fiihlung zu bekommen; desto dankbarer 
ware ich Ihnen fur Fingerzeige. Zuerst las ich die anerken- 
nenswerte Baudelaire-Biographie von Crepet; Muster einer 
rein biographischen Darstellung. Sie offnet den Blick dafiir, 
wie vollig transzendent (noch in anderer Weise als es sonst 
zutrifTt) dieses Werk das Leben des Mannes iiberragt. Dann 
einen maBlosen Schund von Paul et Victor Margueritte. 
Ferner Farrere: Fumee d'opium. Sie sehen, wahllos wie es 
mir nach auBern Umstanden in die Hand fallt. Aber das ist 
eine Zeit lang notig um dann Einsichten und Hinweise (um 
die Sie nochmals gebeten sind) desto verstandiger aufzuneh- 
men. Ich halte die „Nouvelle Bevue Francaise". Hier hat fur 
mich Vieles, dessen Analogon im Deutschen mir vielleicht bis 

213 



zur Fadheit durchschaubar ware, noch eine Dichtigkeit, ein 
gefarbtes Dunkel, in dessen Klarung ich weiter komme. Ich 
glaube, Zeitschriften haben iiberhaupt fast nur fiir den Aus- 
lander Wert — nach welcher Praxis iibrigens Goethe ver- 
fahren ist. AuBerdem aber hoffe ich auch unmittelbar sub- 
stanziell Wertvolles zu finden. So veroff entlicht jetzt die Revue 
teilweise Peguy's hinterlassenen Essay iiber Descartes. End- 
lich lese ich mit grb'Btem Inter esse aus klarem Unbeteiligt- 
sein, was Manner wie Gide iiber Deutschland sagen. Ich 
glaube eine erfreuliche Loyalitat bei diesem Kreise zu finden, 
sehe aber darin noch nicht klar. Hier ist fiir mich noch Con- 
takt mit irgend einer Fiber „Gegenwart" den ich Deutschem 
gegeniiber kaum mehr erlange. - Kennen Sie vielleicht die 
neuen Sachen von Jammes zufallig? 

Angesichts Ihres neuen Verhaltnisses habe ich sogleich 
eine kleine Proposition, von der es mich freuen sollte, wenn 
fiir die Beteiligten, vor allem fiir Sie, etwas Gutes heraus- 
kame. Der Name von Frau Emmy Hennings, mit der wir in 
Bern einigen Umgang hatten 1 , wird Ihnen bekannt sein. 
Deren dreizehnjahrige Tochter Annemarie malt seit zwei 
oder drei Jahren. Ich halte ihre Bilder fast alle fiir doku- 
mentarisch hochst interessant. Ihr Inter esse ist noch im min- 
desten Falle das, was wir an der exakten Nacherzahlung von 
Traumen oder der genauesten Darstellung irgend einer 
augenblicklichen innern Disposition eines Mens ch en nehmen. 
Das macht zwar nichts weniger als ein en Kunstwert aus, be- 
riihrt sich aber dafiir recht genau mit der bessern Masse des 
Expressionismus, der auch nichts anderes, wie ich meine, ist 
(— und von der ich allerdings jedenfalls drei grofie Maler, als 
Kiinstler, ausnehme: Chagall, Klee, Kandinski -). Damit will 
ich sagen dafi diese Bilder, deren Gegenstand meist das Zu- 
sammensein von Menschen, sei es mit Damonen, sei es mit 
Engeln ist, auf ein hochst lebendiges Interesse gegenwartig 
mit Sicherheit rechnen konnen, wenn ich eine einigermaBen 
zutreff ende Vorstellung von der Richtung und Sensationslust 
des Berliner Publikums habe. Dazu kommt ferner erstens der 
Name der Mutter der unter den Literaten vollig bekannt ist, 
zweitens die Tatsache, daB Bilder des Kindes mit anderen 



214 



Kinderbildern zusammen in Zurich ausgestellt worden sind 
wo unter denen der Annemarie Hennings auch einige ver- 
kauft wurden. Unter giinstigen Umstanden konnten sie auch 
in Berlin mit andern Kinderbildern zusammen ausgestellt 
werden. Dies die exoterische, geschaftliche Seite der Sache. 

Das Ernstere (wenn auch fur die vorliegende Absicht viel- 
leicht weniger Wichtige) daran ist, daB einige dieser Bilder 
in der Tat durchaus und nach strengem MaBstab wertvoll 
mir zu sein scheinen. In diesen kiindigt sich denn auch nicht 
nur wie in den ubrigen auch, ein neuer Inhalt, dokumentarisch, 
sondern eine hochst eigentiimliche Sicherheit und Genauig- 
keit an, ja es kommt bis zu einer neuen und gerechtfertigten 
Technik fur gewisse malerische Gegenstande (Gespenster). 
Schriftlich kann ich mehr nicht sagen. Ich prakonisiere da- 
mit kein kommendes Talent — im Gegenteil ist es mir proble- 
matisch, ob diese Tatigkeit die Pubertat iiberdauert (sie laBt 
schon jetzt manchmal nach). Aber was da ist, ist — vor allem 
auch im Vergleich mit alien andern von den zahlreichen Kin- 
derzeichnungen, die ich kenne-interessantgenug. Wirhaben 
vierzehn Bilder von ihr gekauft, wobei wir auf einige sehr 
schbne, welche die Mutter nicht gab, verzichten muBten. 

Vielleicht veranstaltet Herr Moller eine Ausstellung „Ex- 
pressionistische Kinderbilder" ? Wurde das nicht sehr ziehen? 
— Oder aber er interessiert sich allein fur die fraglichen 
Bilder [...] 

[. . .] So sehr ich mir Ihre Herkunf t wunsche, so furchte ich, 
daB sie durch das Anerbieten des Herrn [Simon] Guttmann, 
wenn Sie auf dieses noch in anderer Hinsicht als etwa bei 
Erledigung von Postschwierigkeiten, die so wie so nicht un- 
iibersteiglich sind, rechnen, nicht erleichtert wird. - Sollte 
Ihre Reise dennoch moglich werden, so werden Sie schon 
Mittel und Wege finden, sich fiir einen langern Besuch bei 
uns Zeit zu nehmen [...]. 

Zum Geburtstag hat meine Frau mich neb en andern mit 
einigen sehr schonen Buchern erfreut. Es sind hauptsachlich 
f ranzosische : France, Philippe, Verlaine's Oeuvres completes, 
Balzac, von dem ich nun schon die ganze Vie parisienne zu 
meiner Freude besitze, Suarez [sic] : ein vollstandiges Exem- 

215 



plar der Zeitschrift Remarques die er in 12 Heften als Heraus- 
geber und alleinigerMitarbeiterwahrend desKrieges drucken 
liefi. Ein Kelim, den ich bekam, macht das Zimmer sehr 
schon. Dazu ein persisches Kissen. 

Fiir mich selbst war der AbschluB des Studiums im Dok- 
tor-Examen kein Problem. Die Riicksicht auf meine Familie 
forderte ihn. Bei Ihnen liegt es wohl nicht so. Aber kann 
man ohne Student zu sein, in Deutschland die Bibliotheken 
auch nur in den - Studierenden gesteckten — engen Grenzen 
benutzen? Ich weiB es nicht. Und schon urn dieses Vorteils 
willen ware, wenn er sonst nicht zu erlangen, das Abiturium 
in Betracht zu ziehen. Ob bloBe gesellschaftliche und Brot- 
erwerbsgriinde auBerdem fiir Sie diesen Titel notwendig 
machen vermag ich nicht zu beurteilen. 1st nicht die heutige 
Gesellschaft — und also auch ihr Codex — sehr unstabil? 
Denken Sie iibrigens irgendwie an eine Dozentur? 

„Erlebnis und Dichtung" habe ich niemals ganz gelesen. 
Genau nur den Holderlin-Aufsatz, als ich noch auf der Schule 
war und bei Tonndorf jenen Vortrag iiber Holderlin hielt, 
von dem ich nicht weiB, ob Sie ihn auch gehort haben. Da bin 
ich gar nicht geneigt, am fruchtlosen Lesen Ihnen die Schuld 
zu geben. Ich muBte furs Examen sehr genau Diltheys Arbeit 
„Ideen zu einer beschreibenden und zergliedernden Psycho - 
logie" lesen und fand sie ganzlich vergeblich. Das Wesent- 
lichste von ihm werden die groBen Abhandlungen iiber 
„ Weltanschauung und Analyse des Menschen im 15 ten und 
16 ten Jahrhundert" sein, in die ich jedoch bisher nur fliichtig 
blicken konnte. Doch diirfte es sein, daB es eines so eminenten 
Wissens bedarf, um ihn mit der notigen Kontrolle und ttber- 
sicht zu lesen, daB aus diesem Wissen heraus mancher Wich- 
tigeres zu sagen fande. — Dies ist eine Vermutung auf Grund 
meiner minimalen Kenntnis. 

Mit den herzlichsten Wiinschen, auch herzlichen Dank fiir 
Ihren Gluckwunsch 

Ihr Walter Benjamin 

1 Emmy Hennings und Hugo Ball wohnten im Nachbarhaus. 

216 



81 An Gerhard Scholem 

Klosters, 15. IX. 1919 

Lieber Gerhard, 

durch eine gewisse Beengtheit die dem noch immer nicht 
weichen wollenden MiBgeschick und sehr ungewissen Zu- 
kunftsaussichten zuzuschreiben ist, bin ich nicht in der Lage, 
mit diesem Blatt unsern Briefwechsel eigentlich zu eroffnen \ 
sondern mochte eben mit ihm Ihnen das vorschlagen. Ich 
selbst habe an Sie nur eine Anfrage ob Sie mir etwa iiber 
ein zahlentheoretisches Problem, das im Zenith einer kum- 
mervollen Nacht mir aufstieg, einiges Aufklarende zu sagen 
vermochten. 

Ich lese seit einer Woche intensiv das Buch von [Ernst] 
Bloch 2 und werde vielleicht, was daran zu loben ist, ihm 
(dem Manne, nicht dem Buche) zulieb bffentlich hervorheben. 
Leider ist durchaus nicht alles zu billigen, ja es kommt 
manchmal Ungeduld iiber mich. Er selbst hat das Buch sicher 
schon iiberholt. Ich las wieder einiges von Peguy. Hier fiihle 
ich mich unglaublich verwandt angesprochen. Vielleicht darf 
ich sagen: nichts geschriebenes hat mich jemals so aus der 
Nahe aus dem Miteinander beriihrt. GewiB hat mich vieles 
mehr erschiittert; nicht aus Erhabenheit sondern aus Ver- 
wandtschaft riihrt mich dies an. Ungeheure Melancholie 
gemeistert. 

Aus dem Sohar zitiert Bloch 3 : „Wisse, daB es einen dop- 
pelten Blick fur alle Welten gibt. Der eine zeigt ihr AuBeres, 
namlich die allgemeinen Gesetze der Welten nach ihrer auBe- 
ren Form. Der andere zeigt das innere Wesen der Welten, 
namlich den Inbegriff der Menschenseelen. Demzufolge gibt 
es auch zwei Grade des Tuns, die Werke und die Ordnungen 
des Gebets; die Werke sind um die Welten zu vervollkomm- 
nen in Hinsicht ihres AuBern, die Gebete aber um die eine 
Welt in der andern enthalten zu machen und sie zu erheben 
nach oben." Nichts las ich jemals iiber das Gebet, das ein- 
leuchtend gewesen ware 4 , als dies. 

217 



Wie geht es Ihnen dort? Bitte schreiben Sie mir. 

Unsere herzlichsten GriiBe Ihr Walter 

1 Scholem war Anfang September nach Deutschland zuriickgekehrt. 

2 „Geist der Utopie". Bloch und W. B. batten sicb 1918 in Bern ken- 
nengelernt. 

3 Am Schlufi des Buches. Der Satz (bei Molitor zuerst mitgeteilt) 
stammt nicht aus dem Sohar, sondern einem Werk der Kabbalisten 
von Safed. 

4 Bei der sonst so sparlichen Kommasetzung dieser fruhen Briefe be- 
weist diese Interpunktion, dai3 nicht etwa „einleuchtender" zu emen- 
dieren ist. 



82 An Ernst Schoen 

Klosters, 19. September 1919 

Lieber Herr Schoen, 

es ware sehr traurig, wenn mein letzter Brief an Sie — vom 
Juli - verloren gegangen ware. Er enthielt Antworten auf 
Ihre mancherlei Fragen: den Besuch in der Schweiz, die An- 
gelegenheit der Kunsthandlung, und berichtete Ihnen auch 
einiges von mir. Oder was ist sonst der Grund Ihres Schwei- 
gens? Ich hoff e nicht, daB irgend eine ungiinstige Verande- 
rung in Ihren Lebensumstanden eingetreten ist, oder daB es 
Ihnen „einfach" schlecht geht. 

Jed enf alls soil nichts mich abhalten, Ihnen wieder einige 
Worte von mir zu sagen, selbst das nicht, daB noch immer 
nichts Erfreuliches zu berichten gelingen will. Es ist mit der 
Zeit fast wie eine Schuld an die Menschen, denen man immer 
nur schlechte Nachrichten von den eignen Lebensumstanden 
gibt. Innen aber sieht es heller aus und deshalb will ich davon 
beginnen. Ich habe viel fur mich nachgedacht und dabei Ge- 
danken gef aBt, die so War sind, daB ich hoffe, sie bald nieder- 
legen zu konnen. Sie betreffen Politik. In vieler Beziehung 
- nicht allein in dieser - kommt mir dabei das Buch eines 
Bekannten zu statten, welcher der einzige Mensch von Bedeu- 
tung ist, den ich in der Schweiz bisher kennen lernte. Mehr 

218 



als sein Buch noch sein Umgang, da seine Gesprache so oft 
gegen meine Ablehnung jeder heutigen politischen Tendenz 
sich richteten, dafl sie mich endlich zur Vertiefung in diese 
Sache notigten, die sich wie ich hoffe gelohnt hat. Von mei- 
nen Gedanken kann ich noch nichts verlauten lassen. Das 
Buch heiBt „Geist der Utopie" von Ernst Bloch. Ungeheure 
Mangel liegen zu Tage. Dennoch verdanke ich dem Buch 
Wesentliches und zehnfach besser als sein Buch ist der Ver- 
fasser. Es mag Ihnen geniigen, zu horen, daB dies doch das 
einzige Buch ist, an dem ich mich als an einer wahrhaft 
gleichzeitigen und zeitgenossischen AuBerung messen kann. 
Denn: der Verfasser stent allein und stent philosophisch fur 
diese Sache ein, wahrend fast alles, was wir, von Gleich- 
zeitigen, heute, philosophisch Gedachtes, lesen sich anlehnt, 
sich vermischt und nirgends an dem Punkte seiner Verant- 
wortung zu f ass en ist, sondern hochstens auf den Ursprung 
des tlbels hin fiihrt, das es selbst reprasentiert. 

Einige wenige gute Biicher habe ich gelesen. Ob Sie unter 
diesen eines,namlich Laporte etroitevon Gide kennen,wiirde 
mich besonders interessieren. Ihr Urteil? Ich bewundere an 
ihm die ernste, wunderbare Bewegtheit, es enthalt „Bewe- 
gung" im hochsten Sinne, wie wenige Biicher, fast wie „der 
Idiot". 1 Sein jiidischer 2 Ernst spricht mich verwandt an. Und 
dann erscheint dennoch das Ganze gebrochen, wie in ein em 
triiben Mittel, im Stoff lichen eines engen, christlich-asketi- 
schen Geschehens im Vordergrunde, welches tausendfach 
lebendig uberragt wird von der Intention des Innern, und 
so im Grunde unlebendig verharrt. Ferner habe ich die para-' 
dis artificiels von Baudelaire gelesen. Es ist ein gaiiz schiich- 
terner, unorientierter Versuch, den „psychologischen" Pha- 
nomenen, die sich im Haschisch- oder Opiumrausch zeigen, 
das, was sie philosophisch lehren, abzuhoren und diesen Ver- 
such wird man, unabhangig von jenem Buch, wiederholen 
miissen. 3 Aber worin seine Schonheit und sein Wert beruht, 
das ist die Kindl^hkeit und Reinheit des Verfassers, die aus 
diesem Werk deutlicher strahlt als aus den ubrigen. — Sehr 
schon, wegen seiner menschlichen Warme und adeligen 
Distanz, die sich in funfundzwanzig Jahren gleich bleiben, 

219 



ist Goethes Brief wechsel mit dem Graf en Reinhardt, franzo- 
sisclien Gesandten in Deutschland. Man gewahrt im Verkehr 
sehr ungleicher, an Bedeutung,vollig ungleicher Menschen 
von beiden Seiten eine erstaunliche, hochst edle und unbeirr- 
bare Sicherheit des Tones mit dem sie von einander und zu 
einander reden. An das Thema: Brief wechsel, lieBen sich ver- 
schiedene Digressionen anschlieBen. Erstens dariiber, wie sehr 
diese unterschatzt werden, weil sie auf den vollig schiefen 
Begriff des Werkes und der Autorschaft bezogen werden, 
wahrend sie dem Bezirk des „Zeugnisses" angehoren, dessen 
Beziehung auf ein Subjekt so bedeutungslos ist wie die Be- 
ziehung irgendeinespragmatisch-historischenZeugnisses (In- 
schrift) auf die Person seines Urhebers. Die „Zeugnisse" 
gehoren zur Geschichte des Fortlebens eines Menschen und 
eben, wie in das Leben das Fortleben mit seiner eignen Ge- 
schichte hineinragt, laBt sich am Brief wechsel studieren. Fur 
die Nachkommenden verdichtet sich der Briefwechsel eigen- 
tumlich (wahrend der einzelne Brief mit Beziehung auf 
seinen Urheber an Leben einbuBen kann): die Brief e wie 
man sie hintereinander in den kiirzesten Abstanden liest, 
verandern sich objektiv, aus ihrem eignen Leben. Sie leben 
in einem andern Rhythmus als zur Zeit da die Empfanger 
lebten, und auch sonst verandern sie sich. — Eine zweite Re- 
flexion, die sich auf drangt : heute verlieren schon viele Leute 
den Sinn fur Brief wechsel. Man gibt sinnloserweise Brief e 
von irgend jemandem heraus. Wahrend Mitte des vorigen 
Jahrhunderts, als man sinngemaB wichtige Brief wechsel 
edierte, wie z. B. den genannten oder den zwischen Goethe 
und Knebel (den ich auch besitze), die Leute keine Anmer- 
kungen lief erten, wodurch diese Dokumente soviel und in der 
Art Leben verlieren, wie einMensch durch einen AderlaB. Sie 
werden blaB. Nun legt man diese Bucher aber nicht neu auf, 
bezw. gibt sie nicht neu heraus, weil sie nun einmal da sind, 
und so erwarten sie noch immer die Zeit, wo sie zu ihrem 
Recht kommen. — Die wichtigste literarische Bekanntschaft, 
von der ich Ihnen wohl schon schrieb und die ich noch sehr 
zu vertiefen haben werde, ist die durch die Nouvelle Revue 
Frangaise vermittelte von Charles Peguy. Aber davon ein 

220 



andermal. Am Besten miindlich. Es ware sehr zu wiinschen, 
dafl wir uns wiedersehen. Aber an eine Reise nach Deutsch- 
land kann ich gegenwartig kaum denken. Ware Ihnen im 
Laufe des Winters ein Besuch in Osterreich, wo ich, wenn 
nicht meine Biicher, so doch meine Manuscripte zu haben 
hoffe, moglich? Wann werde ich nur wieder von Ihnen 
horen? Ich ware fiir jede Nachricht dankbar. 

Wir beide griifien Sie herzlichst 

Ihr Walter Benjamin 

1 Damals schrieb W. B. die in Schriften II S. 271-273 gedruckte Kritik, 
die diese Gedanken ausfiihrt. 

2 W. B. benutzt das Wort hier als kategoriale Bezeichnung. Er wuflte, 
dafl Gide kein Jude war. 

3 "W. B. hat sich mit diesen Phanomenen noch Jahre spater befaJBt, als 
er sich zu Versuchen eines ihxa bekannten Arztes, Dr. Ernst Joel, auf 
diesem Gebiet zur Verfiignng stellte. 



83 An Hiine Caro 

[Breitenstein, etwa 20. Nov. 1919] 

Lieber Hiine Caro, 

Ihnen will ich auf Ihren Brief gleich ein Wort schreiben, 
trotzdem zur Zeit meine Korrespondenz ruht, weil ich nicht 
einmal meine Schreibmappe bei mir habe. Ihr Brief erreichte 
mich in Osterreich, wo meine Tante 1 drei Stunden von Wien 
ein Erholungsheim besitzt, dort sind wir jetzt alle. Meine 
Frau freilich gegenwartig in Wien, wo sie sich bemuht unser 
Gepack zu erhalten . . . 

Wir sind kaum in der Lage, unser Vorhaben fiir die nach- 
ste Zukunft anzugeben. Das einzig gewisse ist, daB ich meine 
Studien zu einer Habilitationsschrift so bald wie moglich be- 
ginne 2 ; und jedenfalls kehre ich im Fnihjahr in die Schweiz 
zuriick, jedoch — auf wie lange? ob mit meiner Frau? und 
mit dem Kind? Das alles weiB ich selbst noch nicht. - Werden 

221 



Sie eigentlich nach Palastina gehen? 3 Unter gewissen, gar- 
nicht unmoglichen Voraussetzungen, bin ich dazu bereit, um 
nicht zu sagen entschlossen. Hier in Osterreich sprechen die 
Juden (die anstandigen, die nicht verdienen) von nichts 
anderem. 

Was werden Sie tun, wenn Sie die Schweiz verlassen? 1st 
Ihre Frau Mutter auch dort, oder sind Sie allein. Ich kann 
mir den Zwiespalt denken, in dem Sie sind entweder in der 
Schweiz ein bitteres Brot zu verdienen oder in Deutschland 
sich die Brocken auf der StraBe zusammen zu suchen. Die 
Frage wird vielleicht auch fur uns gelt en. Dem Kinde geht 
es gut, meiner Frau nicht, Unser Sommer hat uns durch neue 
Krankheit und durch einen ganzlich iiberraschenden Besuch 
meiner Eltern 4 manche schweren Wochen gebracht; zuletzt 
doch einige sehr scheme in Lugano. 

Hier oben bleiben wir noch ein paar Wochen, dann gehts 
wahrscheinlich nach Wien. 

Gern wiirde ich wieder mit Ihnen sprechen. Aber nach 
Osterreich werden Sie sich wohl keinesfalls wenden; einladen 
darf man niemanden. 

Herzlichst griiBe ich Sie, auch von meiner Frau 

Ihr Walter Benjamin 

1 In Wirklichkeit erne Tante seiner Frau Dora. 

2 Herbertz hatte W. B. die Habilitation fur Philosophic in Bern ange- 
boten, die durch die Inflation sich schon 1920 als unrealisierbar erwies. 

3 Caro ging in der Tat spater nach Palastina. 

4 In Iseltwald. 



84 An Gerhard Scholem 

Breitenstein, 23. November 1919 

Lieber Gerhard, 

groBe Freude iiber Ihren Brief, und mancherlei zu sagen um 
unsere Gedanken wieder in Kontakt zu bringen! Natiirlich 
fiihle ich wenn ich Ihnen schreibe besonders, daB es bei mir 
im pflanzlichen Sinne winterlich aussieht: im buchstablichen 

222 



Sinne bin ich unentfaltet, da ich mich irgendwie verschlieBen 
muB, um unter dem Mangel an Arbeitsbedingungen und 
mancherlei Lebensbedingungen nicht zu leiden. Biicher er- 
warte ich standig aus Wien, gegenwartig ist alles verliehen 
wie mir mein Schwiegervater l schreibt und was ich hier fur 
die Zwischenzeit mitgenommen hatte, ein groBes Werk iiber 
die Goethesche Metamorphosenlehre, mein Baudelaireexem- 
plar und anderes ist verloren. (Meine Ubersetzungen natiir- 
lich nicht). Wer weiB wie wir uns herausfinden. Wenn die 
Sachen nicht noch kommen oder die Bahn nicht eine sehr 
groBe Entschadigung zahlt, ist es ein Verlust am Vermogen. 
Auf der Verlustliste steht auch Scheerbart: Lesabendio. Ich 
teile es Ihnen mit, weil ich bei Ihnen als dem Geber 2 Inter - 
esse fur sein Schicksal wie auch fur die verdiente Auferste- 
hung voraussehe und ich bitte Sie, jetzt schon sich nach der 
Moglichkeit seiner „Auferstehung im Fleische" umsehen zu 
wollen. Geistig hat er bei mir seine zweite Metamorphose 
durchgemacht, indem ich in Lugano die Prolegomena zur 
zweiten Lesabendio -Kritik geschrieben habe. Nach denen 
wollte ich ihn wieder lesen (weshalb ich ihn hierher mitnahm) 
und dann die groBere Arbeit beginnen in der bewiesen werden 
sollte, daB der Pallas die beste aller Welten sei. Nun hat nicht 
nur der momentane Verlust des Buches dies Vorhaben ge- 
hindert, sondern vor allem sehe ich mich auf Grund der Un- 
terredung mit Herbertz veranlaBt, mich sogleich nach einer 
Habilitationsarbeit umzusehn, worauf ich in so kurzer Zeit 
vordem nicht gerechnet hatte. 

Zum „Billionar" 3 herzliche Gluckwiinsche. In Wien habe 
ich die Bibliothek meines Schwiegervaters kennen gelernt, 
die in Judaicis sicher manches was Sie interessiert, enthalten 
diirfte, doch von ihrem einstigen Glanze (eine Erstausgabe 
des gesamten Descartes u. a.) durch Diebstahl, sorglosesten 
Verleihens[l] und mancher Verkaufe fast alles eingebiiBt 
hat. Ich erhalte aus ihr zum Geschenk die Akademieausgabe 
von Kants Werken soweit sie jetzt vorliegt. Auch einen latei- 
nischen Agrippa von Nettesheim, den ich aber wohl nur mit 
Hilfe eines deutschen werde lesen konnen. — Ich habe an Sie 
die Bitte, sogleich sich bei Ihrem Munchner Buchhandler 

223 



nach Borchardt: Swinburne-Ubersetzung im Insel-Verlag 
erkundigen zu wollen und an meinige hiesige Adresse alsbald 
nach Erscheinen bezw. sofort ein Exemplar im Pappband 
(ca 40 M) senden zu lassen . . . Da ich Dora damit ein Ge- 
schenk machen mochte so erweisen Sie mir mit der Erledi- 
gung der Sache einen groBen Dienst. In Wien bestelle ich es 
nicht, weil ich bei der Lassigkeit der Leute fiirchte, sie ver- 
zogern die Sache, bis die 600 Exemplare, fiir die ich sehr 
groBe Nachfrage vermute, vergriffen sind. — „Weltenmantel 
und Himmelszelt" 4 werde ich mir merken. Ubrigens hatte 
der Titel friiher schon meine Aufmerksamkeit erregt. Wie- 
viel kostet das Buch? 

Im Sommer fand sich mehrere Wochen hindurch in der 
Fremdenliste von Zuoz im Engadin ein „ Professor" Noegge- 
rath mit Frau und Sohn aus Freiburg. Ich mochte sehr gern 
wissen, ob dies (wie ich mir nicht anders denken kann) das 
Genie ist welches demnach Extraordinarius oder Privatdozent 
in Freiburg ware. 5 Sie konnen das wohl leicht erfahren. 

Ich habe im vorgehenden Sommer nicht sonderlich viel 
gearbeitet, aber herrliches gesehen. Mit der Post haben wir in 
einem Tage den Ubergang von Thusis iiber den St. Bern- 
hardin nach Bellinzona gemacht, und dabei an diesem einen 
Tage wirklich herrlich Schones gesehen, da die Fahrt beim 
herrlichsten Wetter vor sich ging. Auch in Lugano war es 
meistens fiir uns schon. Dort habe ich einen Aufsatz „ Schick - 
sal und Charakter" geschrieben, dem ich dann hier die letzte 
Form gegeben habe. Er enthalt, was ich Ihnen iiber diese 
Dinge in Lungern sagte. 6 Ich werde ihn, wenn sich die Mog- 
lichkeit bietet, sogleich veroffentlichen. Freilich nicht in 
einer Zeitschrift, sondern nur in einem Almanach oder 
Ahnlichem. - Mein Plan, eine Kritik von Blochs „Geist der 
Utopie" zu schreiben, der vor der Ausfuhrung, die hier er- 
f olgen sollte, stand, ist nun auch dahin, da das Buch mit alien 
vorbereitenden Glossen verloren ist. Bloch selbst ubrigens ist 
noch in Interlaken und wird hochstens auf kurze Zeit ge- 
schaftlich in Deutschland sein. 

Was betrifft Ihre Seminararbeit bei Baumker? — Brennend 



224 



wiirde mich alles interessieren was Sie mir liber Lehmann 
und das, was man bei ihm treibt, etwa mitteilen. Ich wundere 
mich, daB er noch geistig gesund ist. Seine moralische Person 
darf wohl nicht allzu hoch eingeschatzt werden. Liest er wie- 
der in seiner Wohnung? Die Frage wird nun fur mich wich- 
tig, wie hoch Ihr Vater den Druckpreis meiner Dissertation 
veranschiagen wiirde. Die Daten, die hoffentlich ausreichen 
gebe ich auf einem besondern Zettel, wenn notig wiirde ich 
eine Schreibmaschinen-Seite einsenden. (Fran eke wird die 
Sache vermutlich verlegen. Doch muB ich naturlich den 
Druck zahlen.) Ich lege keinen Wert auf besonders groBe 
Type, im Gegenteil es kann so klein es anstandig ist, gedruckt 
werden. Dagegen gutes Papier (kein Glacepapier). Fractur 
ziehe ich, besonders bei kleinem Druck der Antiqua vor. - 
Ich denke Francke wird einverstanden sein, 1000-1 200 Exem- 
plare drucken zu lassen. [. . .] 

Nun entschuldigen Sie bitte noch die Schrift. Ich habe 
groBtenteils im Liegen geschrieben. Wenn Sie mir etwas von 
Baumker 8 erzahlen, interessiert mich das sehr. Kommt bald 
etwas Neues von Agnon (tJbersetztes) heraus? 

Fiir heute nur noch unsere herzlichsten GriiBe 

Ihr Walter 

1 Professor Leon Kellner, Anglist und Herausgeber der Schriften und 
Tagebiicher Theodor Herzls. 

2 Es war Scholems Hochzeitsgeschenk fiir W. B. gewesen. 

3 Ein wei teres Buch von Scheerbart : Kaktox der Billionar. 

4 Von Robert Eisler (1909), mit dem Sch. bekannt geworden war. 

5 Traf nicht zu. 

6 Schriften, Bd. I, S. 31-39. 

7 Der Amerkanist Walter Lehmann, der damals Maya-Hymnen inter- 
pretierte. 

8 Clemens Baumker, eine groBe Leuchte in mittelalterlicher Philoso- 
phic, bei dem Sch. zu doktorieren plante. 



225 



8 J An Ernst Schoen 

Breitenstein am Semmering 
5. Dezember 1919 

Lieber Herr Schoen, 

Unsere letzten Brief e haben sich gekreuzt; ich glaube der 
meine war aus Klosters an Sie gerichtet. Wir beide werden 
keine guten Schliisse auf das Ergehen des andern aus dem 
folgenden langen Schweigen gemacht haben. Bei mir bezeich- 
net dieser Brief recht genau einen endlichen Augenblick der 
Sammlung, da ich erst seit Stunden mich in einem Zimmer, 
das ruhiges Denken nicht stort, befinde. Und wie steht es 
um Sie? und um Ihre Versorguhg? Das Scheitern Hirer Hoff- 
nungen hat uns sehr betriibt ; um Menschen unsrer Art zieht 
sich nun das schwangere Dunkel zusammen. Ich bin zuver- 
sichtlich daB wir es bestehen werden und von einem Alb be- 
freit, es sich ballen zu sehen. Zu lange schon hatte ich dies 
- allem Schein, auch meiner eignen Lebensumstande zum 
Trotz - als eine Antwort der Natur (von der die heutige 
Gesellschaft nur ein Teil ist) auf unser Leben kommen sehen. 
Nun avisieren mich die Brief e meines Vaters. Vorlaufig warte 
ich ab. 

Wir haben es nicht schlecht hier, wo wir in einem Sanato- 
rium zu Gast sind, das einer Tante meiner Frau gehort. Wir 
leiden keinen Mangel und haben ein warmes Zimmer, das 
wir heute in den Stand, in dem es gut bewohnbar ist, gesetzt 
haben. Auch das Kind mit einer Pflegerin ist hier und meine 
Frau hat Zeit und Ruhe. Aber vier Wochen sind auf andere 
Art vergangen, ehe wir das hier so ansehen konnten. Nach 
einer teilweise lebensgefahrlichen Fahrt von der Schweizer 
Grenze nach Wien, erhielten wir den Bescheid, daB der 
Waggon, der unser gesamtes Gepack, soweit es nicht in der 
Schweiz geblieben war, enthielt, vermiBt sei. Nach vier 
Wochen sind wir nun dennoch in den Besitz der unversehr- 
ten Sachen gekommen; der Waggon war nach Budapest ver- 
schickt worden. — Sehr schbne, wenn auch nicht immer un- 
getriibte Tage haben wir in Lugano gehabt. Es war ein sehr 

226 



"warmer Oktober. Von Klosters haben wir ins Tessin den 
Ubergang iiber Thusis — die Via Mala — den St. Bernhardin- 
paB an einem Tage mit der Post gemacht und unter dem 
klarsten Himmel einen der herrlichsten Alpeniibergange ge- 
sehen — eine Gegend, wo noch nirgends die Eisenbahn fahrt 
und die deshalb weniger bekannt ist. Bei Lugano liegen einige 
Berge mit sehr verschiednen wunderbaren Ausblicken, von 
deren schonstem, dem Monte Generoso wir eine Karte an 
Jula gesandt haben, die Sie vielleicht gesehen haben. 

Ich beginne eine ausfuhrliche Kritik von Ernst Bloch: 
Geist der Utopie; dem Werk eines in der Schweiz gewonne- 
nen Bekannten, von dem ich Ihnen wohl schrieb. Sie ist fur 
die Veroffentlichung bestimmt. Einen Aufsatz „Schicksal und 
Charakter" den ich in Lugano schrieb und zu meinen besten 
Arbeiten zahle, hoffe ich ebenfalls erscheinen lassen zu kon- 
nen 1 . Prolegomena zu meiner neuen Lesabendio-Kritik 2 und 
eine Kritik von „La porte etroite" von Gide sind ebenfalls 
dort unten entstanden. Wenn ich an dies und anderes denke, 
wird mir doppelt lebendig, wie ich eine Begegnung mit Ihnen 
ersehne. Ich fiige hinzu, daB Sie mir am allerwenigsten 
schreiben sollten, daB Ihre Freunde Ihrer nicht bediirften; 
in welchem Sinne ich Ihrer bedarf wird uns doch in abseh- 
barer Zeit, wie ich hoffe, eine Begegnung bestatigen. So lange 
ich hier oben bin, freilich, bin ich unzuganglich. Selbst ein 
Gast, darf ich niemanden einladen. So bald ich eine Moglich- 
keit sehe, schreibe ich Ihnen. Denn meine nachste Zukunft 
liegt nicht klar vor mir. In Bern ist mir, ganz wider mein 
kiihnstes Erwarten, Aussicht auf eine Habilitation eroffnet 
worden. Nun ist dies unannehmbar, wenn nicht eine nach 
Art und Gehalt angemessene Stellung fiir meine Frau sich 
findet die uns den Aufenthalt in der Schweiz ermoglicht. Ein 
Gesandtschaftsposten ist das Beste. Hieriiber kommt Ihnen 
wohl kaum etwas zu Ohren? - Jedenfalls will ich, wenn nur 
irgend moglich mit meiner Frau, gegen Ende des Winters in 
die Schweiz um iiber meine Habilitation und Habitations - 
schrift deren Thema noch nicht fest stent, mit dem Professor 
zu sprechen. Andrerseits wollen meine Eltern in absehbarer 
Zeit das Kind sehen, so daB wir auch einen Besuch in 

227 



Deutschland im Friihjahr ins Auge fassen. Unter solchen 
Umstanden ist von einem Hausstand vorlaufig keine Rede 
und Schwierigkeiten der Lebensfiihrung sind vorauszusehen. 

Das Buch von Curtius 3 , das Sie nennen, werde ich auch 
lesen. Es ist ja vorderhand das einzige was es hieriiber gibt. 
DaB es ahnungslos ist, erweist ja schon die Zusammenstellung 
der im Titel genannten Autoren ebendort mit Romain Rol- 
land. Die Nouvelle Revue Francaise hat eine groBe Anzahl 
wichtiger Werke, die vergriffen waren, wieder neu auflegen 
lassen und ich mochte mir einiges anschaffen. Von Claudel 
erschien neulich in der Zeitschrift ein Drama „Le pere humi- 
lie" in vier Akten, mit denen ich nicht das Geringste an- 
fangen kann. Im iibrigen kenne ich Claudel nicht. Hier kann 
ich mir allerlei verschaffen, da Wien eine ganz vorziigliche 
Leihbibliothek hat. Eben beende ich einen auBerordentlich 
schonen Roman von Galsworthy: der reiche Mann. 

Hoffentlich bewegt mein Brief Sie, aus welchen Umstan- 
den auch immer, mir eine Nachricht von Ihnen zu geben. 
Meine Frau und ich griiBen Sie herzlichst. Stefan geht es gut. 

Ihr Walter Benjamin 

1 Erschien in den „Argonauten", Erste Folge, 1921. 

2 Lesabendio von Paul Scheerbart (Miinchen 1913) war eines der von 
W. B. am hbchsten geschatzten Biicher der neuesten Literatur. Die 
Kritik ist identisch mit dem leider verlorenen Essay iiber den wahren 
Politiker, das im Folgenden mehrfach erwahnt wird. 

3 Ernst Robert Curtius, „Die literarischen Wegbereiter des Netaen 
Frankreich" (1919). 



86 An Gerhard Scholem 

Breitenstein, 13. Januar 1920 

Lieber Gerhard, 

den Dank fur das Geschenk wird Dora Ihnen sagen; ich 
mochte Ihnen nur sogleich mitteilen, welche Freude ich von 
der Dichtung gehabt habe. Nach der Schonheit der Erzahlung 

228 



und der Sprache muB ich schlieBen, daB Ihre Ubersetzung 1 
vollkommen ist. Hochst gespannt bin ich auf das „Merk- 
wiirdige", das Sie zu dieser Geschichte mitzuteilen verspre- 
chen 2 , denn ich merkte wohl daB es mit einem sogroBenStoff 
in so unscheinbarer und so vollkommener Behandlung eine 
besondere Bewandtnis haben muB.- WennSie nun erst Doras 
Liebe fur alle Erzahlungen von ganz kleinen Wesen kennen 
wiirden - oder hat Sie Ihnen einmal die chinesische Ge- 
schichte vom kleinen Jagdhund erzahlt? Ich habe zunachst an 
dieser Geschichte bewundert, wie es dem Dichter gelingt 
aus der ersten unscheinbaren Leiblichkeit des Gadiel die 
zweite gewaltige heraufzufiihren, in der er Bestand hat, ohne 
ihn doch zu verwandeln. — And ere Marchen die sich zum 
Geburtstage eingefunden haben sind gojisch, haben uns aber 
sehr gefreut, da wir darin Quellen zu unserm gemeinsamen 
Lieblingsmarchenbuch, der Godin 3 , haben. Sie sind von 
Arndt — in einer neuen Ausgabe des Mullerschen Verlages 4 , 
seit ihrer ersten Auflage im vorigen Jahrhundert wohl erst 
die dritte. Die Ausgabe muB sehr selten sein, da ich von dem 
Buche nie, weder gehdrt noch es gesehen hatte, als ich es in 
die Hand bekam und kaufte. — Wir wiirden uns iiber jede 
Zeile Ihrer Agnon-Ubersetzungen freuen: Was ist es mit 
dem Gedicht? 5 

Meine Arbeit ist jetzt eine ausfiihrliche Besprechung vom 
„Geist der Utopie" fur eine Zeitschrift. Sie wird das viele 
Gute und Vorziigliche fur sich sprechen lassen, die konstitu- 
tionellen Fehler und Schwachen aber in einer durchaus eso- 
terischen Sprache diagnostizieren; das Ganze der Form nach 
akademisch, weil so allein man dem Buch gerecht wird. Da 
es dabei zu einer Auseinandersetzung iiber Expressionismus 
kommen diirfte, so las ich mit Hinblick darauf „t)ber das 
Geistige in der Kunst" von Kandinsky. Dies Buch erfiillt 
mich vor seinem Autor mit hochster Achtung, wie dessen 
Bilder meine Bewunderung wecken. Es ist wohl das einzige 
Buch iiber den Expressionismus sonder Geschwatz; freilich 
nicht vom Standpunkt einer Philosophic — , sondern einer 
Lehre-von-der-Malerei. 

Anfang Marz werden wir wohl in Berlin sein; nach vier 

229 



Wochen dann in die Nahe von Munchen Ziehen, wo wir 
bleiben, bis die Schweizer Angelegenheit geklart ist, und je 
nachdem dann fortgehen oder bleiben. Die Entscheidung, 
wenigstens die vorlaufige, hangt nicht von Geldfragen allein 
(wenn auch sehr wesentlich) ab, sondern auch davon, wie sich 
die Arbeit an meiner Habilitationsschrift gestalten wird. Von 
dieser besteht bislang nur die Intention auf ein Thema; nam- 
licb irgend eine Untersuchung, welche in den groBen Pro- 
blemkreis Wort und Begriff (Sprache und Logos) fallt, mit 
dem ich mich beschaftigen werde. Vorlaufig suche ich ange- 
sichts der ungeheuern Schwierigkeiten nach Literatur, die 
wohl nur im Bereich scholastischer Schriften oder von Schrif - 
ten iiber die Scholastik zu suchen ist. Wobei in der erstern 
mindestens das Latein eine harte NuB ist. Ich bin Ihnen fur 
jeden bibliographischen Fingerzeig, den Sie mir auf Grund 
dieser An gab en machen konnen, aufierordentlich dankbar. 
Die Wiener Bibliotheksverhaltnisse sind so schlecht, daB ich 
erstens kaum Bticher bekommen, zweitens kaum im Katalog 
welche finden kann. Haben Sie schon in dieser Hinsicht nach- 
gedacht? Wenn wir dariiber uns schreiben konnten; so ware 
mir das unglaublich viel wert. DaB unter der Zahl der Ab- 
grunde dieses Problems der Grund der Logik zu suchen ist, 
dariiber sind Sie vielleicht eines Sinnes mit mir. — Schreiben 
Sie mir doch bitte, was es mit dem S. Friedlander 6 auf sich 
hat. Desgleichen mit Baumker; iiber diesen aufschluBreiche 
Mitteilungen anzukiindigen, werden Sie nicht mude, aber 
niemals finde ich dann eine Zeile iiber ihn. 

An einen einjahrigen Aufenthalt in Osterreich haben wir 
nie gedacht und vollends jetzt haben wir in Wien auch 
familiare MiBstande vorgefunden, die dort den Aufenthalt 
erschweren. Allein schon wegen der unmoglichen Wiener. 
Bibliothek kommt weder Stadt noch Land fur uns in Oster- 
reich in Betracht. — In Seeshaupt haben nicht wir, sondern 
nur unsere Mobel eine Wohnung. 

Ihrem Bruder [Reinhold] danke ich fur den Preisanschlag 
des Druckes vielmals ; falls ich darauf eingehe — was noch von 
mehreren Auskiinften abhangt, schreibe ich ihm natiirlich 
noch. - Herzlichen Dank fur das Heft des „Juden". Die Notiz 



230 



liber Analogie und Verwandtschaft ist nunmehr dringend in 
Abschrift erbeten. „Schicksal und Charakter" liegt bei. Ich 
mufi Sie ausdriicklich bitten, es niemandem weiterzugeben 
oder vorzulesen. Dagegen konnen Sie den, leider schlechten, 
Abzug behalten, wenn Sie wollen. 

Amtlich habe ich mitzuteilen: Die diplomatische Vertre- 
tung, sowie Vertretung bei den Friedensverhandlungen der 
unterworfenen Volkerschaften der Putzikullen und Abra- 
molchen an unserm Hofe hat Herr cand. dipl. Stefan iiber- 
nommen. Was von unterworfenen Volkern sonst noch bleibt, 
muB sich weiter durch Sie vertreten lassen. 7 

Kraft hat uns seine Verlobung mit Fraulein Erna Halle 8 
mitgeteilt. 

Bitte schreiben Sie recht bald. Die herzlichsten Griifle 

Ihr Walter 

1 S. J. Agnons „Geschichte von Rabbi Gadiel dem Kinde" ; erschien in 
„Der Jude" V (1920). 

2 Scholem war auf die Quelle dieser Geschichte in der kabbalistiscben 
Literatur gestoBen, ganz unbeabsichtigt, wahrend er sie ubersetzte. 

3 Amelie Godin [d. i. Linz] (1824-1904). Von ihr erschien unter ande- 
rem: „Marchen. Von einer Mutter erdacht", 1858; „Neue Marchen", 
1869 ; „Marchenbuch", 1874. 

4 E. M. Arndt, „Marchen und Jugenderinnerungen", Miinchen 1915. 

5 Sch. machte damals eine Reihe solcher Ubersetzungen, die im 
„Juden" gedruckt sind. Die eines Agnonschen, sehr melancholischen 
Gedichts blieb ungedruckt. 

6 „Schbpferische Indifferenz", Miinchen 1918. 

7 Bei festlichen Gelegenheiten pflegte sich Scholem als „Vertreter der 
unterworfenen Volkerschaften" zu prasentieren. 

8 Der Schwester von Toni Halle. 



87 An Ernst Schoen 

2.Februar 1920 

Lieber Herr Schoen, 

wir haben uns sehr iiber die giinstige Gestaltung Ihrer 
Lebensbedingungen gefreut, von der Sie im letzten Brief 

231 



schreiben. Hoffentlich ist inzwischen auch die Ruhe gekom- 
men die Ihnen fiir die eigne Arbeit MuBe laBt. Was Sie von 
dieser andeuten, erfiillt mich mit Spannung. Zunachst selbst- 
verstandlich als AuBerung Ihrer Gedanken; daneben noch 
aus einem andern Gesichtspunkt. Mich interessiert namlich 
sehr das Prinzip der groflen literarisch-kritischen Arbeit: das 
gesamte Feld zwischen Kunst und der eigentlichen Philo- 
sophic, als welche ich nur das mindestens virtuell systema- 
tise]! e Denken bezeichne. Es muB ja ein ganz urspriingliches 
Prinzip einer literarischen Gattung geben, der so groBe 
Werke angehoren wie Petrarkas Dialog iiber die Welt- 
verachtung oder die Aphorismen Nietzsches oder die Werke 
Peguys. An diesen letzten einerseits und andererseits an 
dem Werden und Ringen eines jungen Menschen meiner 
Bekanntschaft ist mir diese Frage nun vor Augen geriickt 
worden. AuBerdem werde ich mir eines urspriinglichen 
Grundes und Wertes der Kritik auch in meinen eignen Arbei- 
ten bewuBt. Die Kunstkritik, deren Grundlage mich in die- 
sem Sinne beschaftigt, ist nur ein Ausschnitt aus dem groBen 
Gebiete. 

Hier bringe ich nicht viel zustande. Teils wegen der Umge- 
bung von welch er ich mich, weniger auBerlich als innerlich, 
leider nicht ganz zu isolieren vermag; vielmehr aber, weil die 
Wiener Bibliothek mich ganzlich im Stich laBt. Auf sie hatte 
ich gerechnet als ich in begriindetem MiBtrauen in die Trans- 
port verhaltnisse meine wissenschaftlichen Blicher mit den 
andern in Bern lieB. Nun habe ich die einzige Arbeit hinter 
mich gebracht, die ich hier angriff , die Kritik vom „Geist der 
Utopie", welche Sie, vielleicht nicht ganz ohne die Ironie 
welche ich in Ihren Wort en suchte, weil sie mir gefallt, in 
Ihrem Brief erwahnen. Sollten Sie nicht gefuhlt, ja gemeint 
haben, daB eben an derFiille, derMiihelosigkeit in vielen sei- 
ner Darlegungen das Buch miBtrauisch macht? Meine Kritik 
werden Sie hoffentlich in absehbarer Zeit gedruckt finden l : 
hochst ausfiihrlich, hochst akademisch, hochst entschieden 
lobend, hochst esoterisch tadelnd. Ich habe sie — hoffentlich — 
dem Verfasser, der mich darum sehr bat, zu Dank geschrie- 
ben. Ich tat es weil mich mit ihm eine Neigung verbindet, 

232 



deren Grund ich auch in einigen zentralen Gedanken seines 
Buches wiederfinde, so wenig es auch ein feines Medium 
unserer Beziehung ist. Denn meinen eignen Uberzeugungen 
entspricht es zwar in einigen wichtigen Darlegungen, wie ge- 
sagt, nirgends aber meiner Idee der Philosophic Zu ihr ver- 
halt es [sich] diametral entgegengesetzt. Aber der Autor 
stent, mehr als er es weiB, iiber dem Buch. Ob es ihm gelingen 
wird, in dies em Sinne sich philosophisch auszusprechen, ist 
die entscheidende Frage fiir ihn. In diesem Buche ist der Ge- 
halt vom Bediirfnis sich auszusprechen iiberall getriibt. Des- 
halb mochte ich, so sehr ich fiir seinen Autor einstehe, daB es 
sich nirgends zwischen mich und Menschen die mir nahe- 
stehen drangt. Was ich positiv diesem Buche verdanke, werden 
Sie aus der Kritik ersehen, auch in welchem Sinne mein Den- 
ken sich schliefllich von ihm entf ernt. Dieses Ref erat war eine 
Arbeit, die drei Monate Vorbereitung erforderte. So schwer 
fiel es mir, die Sache vollig zu durchdringen. 

In den letzten zwei Wochen habe ich eines der herrlichsten 
Biicher gelesen: die Chartreuse de Parme von Stendhal. Hof- 
f entlich kennen Sie es oder lesen Sie es so bald wie moglich. — 
Haben Sie von Odillon [sic] Redon, einem f ranzosischen Maler 
aus der zweiten Half te des neunzehnten Jahrhunderts gehort? 
Und was wissen Sie von ihm. Mir begegnete das Corpus seiner 
Radierungen oder Zeichnungen in Nachbildungen zu einem 
unerschwinglichen Preise bei einem Wiener Antiquar. Mir 
schienen die Sachen teilweise von ganzgroBerbizarrerSchon- 
heit und besser wie fast alles von Kubin, dabei aber diesem 
ein wenig verwandt. 

Ende dieses Monats oder Anfang des nachsten werden wir 
wirklich nach Berlin kommen, eine Reise bei der die Begeg- 
nung mit Ihnen, Jula, Alfred und wenigen andern der ein- 
zige Lichtpunkt ist. Wir werden nichts weiter bringen als uns 
selbst, von allem womit wir in den letzten Jahren uns um 
unsert- und unsrer Freunde willen umgaben getrennt. Wie 
sehr wir uns dennoch freuen, brauche ich nicht zu sagen. — Sie 
werden endlich der Verwahrung meiner Papiere, fiir die ich 
Ihnen schon hier von Herzen danke, iiberhoben sein. — Ich 
habe vor in Berlin, wenn Heinles Bruder mit den Manuscrip- 

253 



ten sich dort einfindet, den Text samtlicher von Fritz Heinle 
hinterlassner Schriften endlich sicherzustellen. 

Leben Sie herzlich wohl und schreiben Sie mir, wenn Sie 
MuBe finden, noch an die auf dem Couvert bezeichnete 
Adresse. Herzlich griiBen meine Frau und ich. 

Ihr Walter Benjamin 

1 Diese Arbeit ist nach vielen Wechs el fallen ungedruckt geblieben und 
schlieBlich verlorengegangen. 



88 An Gerhard Scholem 

13. Februar 1920 

Lieber Gerhard, 

Ihre letzten beiden Brief e, dazu „Analogie und Verwandt- 
schaft" habe ich erhalten. Vielen Dank! Was den Ernst Bloch 
angeht, so ga.be ich viel darum, wenn wir einander dariiber 
miindlich sprechen konnen. Solange das unmoglich ist, nur 
soviel: Ich bin vollig mit Ihrer Rritik iiber das Kapitel „Die 
Juden" einverstanden, und habe mich, da bei dieser Stellung- 
nahme ja das Wissen, welches mir fehlt, nicht die Hauptrolle 
spielt, von Anfang an zu seinen Anschauungen ebenso gestellt. 
Ich finde Ihren Worten hieriiber nichts hinzuzufiigen. In 
meiner Kritik habe ich meine radikale Ablehnung dieser Ge- 
danken auf die hoflichste Weise, wie ich hoffe, sichtbar - wie 
ich hoffe — gemacht. Aber damit ist j a die Frage nicht erledigt. 
Sie werden mich mit Recht nach zweierlei fragen : Erstens wie 
ich denn zu andern Dingen stehe, welche dieses Werk generell 
betreffen. Zu dem, was Sie vorziiglich *'UnfaI3barkeit der 
Distanz" nennen; ich glaube es ist dasselbe, was meine Frau 
sehr gut „Verfiihrung zur Wahrheit" nennt. Noch erinnere 
ich mich, wie Ihre erste Frage iiber dieses Buch in Bern war, 
ob es eine Erkenntnistheorie enthielte. Und das ist nun eben 
das Wesentliche : neben einer Auseinandersetzung mit seiner 
undiscutierbaren Christologie verlangt das Buch eine iiber 
seine Erkenntnistheorie. Dieselbe umfaBt in meiner Kritik 



234 



die neun Zeilen des Schlusses. Ihren Inhalt gebe ich hier nicht 
wieder; Sie werden sie lesen, wir werden dariiber sprechen. 
Er ist wichtig. Die neun Zeilen des Schlusses gelten demnach 
einer Ablehnung des Buches in seinen Erkenntnispramissen, 
einer, verhaltenen, Ablehnung en bloc. Die eigentliche Kritik 
umfaBt also nur ein ausfiihrliches und nach Moglichkeit 
lobendes Referat uber die einzelnen Gedankengange. Die 
Moglichkeit des ehrlichen Lobes fehlt, wie Sie richtig ver- 
muten, durchaus nicht immer. — Aber freilich: mein philoso- 
phisches Denken hat mit diesem nichts gemein. Damit lege 
ich Ihnen die zweite Frage in den Mund: warum kritisiere ich 
es, warum habe ich mir die (N B enorme, monatelang vorbe- 
reitete) Arbeit dieser Kritik gemacht? Genauer: warum habe 
ich der Bitte des Autors - hoffentlich doch ihm zu Dank (er 
kennt das Referat noch nicht) entsprochen ? Um dessentwillen, 
was ich an ihm mehr als an seinem Werke (in dem es dem- 
nach nicht durchaus fehlt) schatze, um einer HofTnung wil- 
len, die ich an seine Entwicklung schlieBe. In diesem Buch 
hat er etwas Schnellfertiges, tJberfertiges gegeben. Aber ich 
finde in unsern Gesprachen, die wir in Interlaken hatten, so- 
viel Warme, soviel Moglichkeiten mich auszusprechen, ver- 
standlich zu machen, verstanden zu werden, daB ich das Opf er 
dieser Kritik meiner Hoffnung bringe. 

Wenn Sie mir die erbetenen Literaturangaben durch 
Baumker verschaffen, erweisen Sie mir einen sehr groBen 
Dienst. Von Heideggers Buch wuBte ich nichts. 1 Dagegen ist 
(ich glaube von Frey?) eine Monographie lib er die Sprach- 
logik des Duns Scotus vorgemerkt; die genauen Daten habe 
ich in Wien. Hier hat es seit Beendigung der Kritik mit 
Arbeiten, mangels aller Hilfsmittel gehapert. Kein franzbsi- 
sches Lexikon, daher konnte ich nur zwei kleinere Baudelaire - 
Gedichte ubersetzen. So bin ich ganz auf mich allein ange- 
wiesen und entwerfe jetzt einen Aufsatz mit dem anmutigen 
Titel „Es gibt keine geistigen Arbeiter". 2 

[. . j 

Wir verlassen Breitenstein vermutlich in drei Tagen und 
sind bis Ende Februar in Wien bei Prof. Kellner Wien XVIII 
Messerschmiedgasse 28, spater bei mein en Eltern. [. . .] Die 

235 



Miinchner Plane sind wieder ins Wanken geraten, weil wir 
von Hause die kategorische Vorschrift bekommen, bei meinen 
Eltern von jetzt ab zu leben, da die schlechten Vermogens- 
verhaltnisse meines Vaters ihm nicht gestatten uns ausrei- 
chend zu unterstiitzen um auflerhalb des Hauses leben zu 
konnen. Natiirlich konnen wir darauf unter gar keinen Um- 
standen eingehen, aberunsere Verhaltnisse gestalten sich sehr 
schwierig. Vielleicbt wird Dora allein einige Monate in die 
Schweiz gehen, um dort Ersparnisse in Franken zu machen, 
die wir dann in Deutschland verwenden konnten. Sie wiirde 
also eine Stelle annehmen. Es ware uns sehr erwunscht, Daten 
liber die bayriscben Preisverhaltnisse zu erhalten, vor all em, 
was Pension auf dem Lande durchschnittlich kostet. - Unter 
alien Umstanden werde ich versuchen in Bern die venia zu 
erhalten, um, wenn ich dort von ihr keinen 1 anger en Gebrauch 
machen kann, ihre Ubertragung an eine deutsche Universitat 
zu versuchen. Wir sehen unter solchen Umstanden dem Ber- 
liner Auf enthalt nicht heiter entgegen. 

Eine fernere Frage ist, wann wir Sie sehen werden, wenn 
wir im Fruhjahr nicht nach Bayern kommen? Es ware Dora 
und mir sehr schmerzlich darauf verzichten zu miissen und 
wir wiirden Sie sehr schon bitten, ob Sie im schlimmsten Falle 
nicht sogleich nach SchluB des Winter semesters - also doch 
wohl um Ostern — auf einige Zeit nach Berlin kommen 
konnten? 

In der letzten Zeit haben wir uns hier sehr erholt und Dora 
geht es, trotzdem sie nicht gut schlaft, zu meiner groflen 
Freude besser als seit langem. 

Wie alt ist die Braut von Werner Kraft? Wird er Anfang 
Marz noch in Berlin sein? In der Tat, sein letzter Brief an 
mich war munterer. Dennoch haben wir, mir aus den abge- 
rissensten Nachrichten informiert, doch ebensowenig wie Sie 
uns iiber ihn beruhigt fiihlen konnen. [. . .] 

Also werden Sie vielleicht bei Baumker promovieren? 
Wann ungefahr? Ein Doktor bei ihm ist doch wohl recht an- 
sehnlich. Nicht so, wie . . . Sollten Sie iiber „Schopferische 
Indifferenz" noch irgend etwas Abschlieflendes mitzuteilen 
haben, so enthalten Sie es mir bitte nicht vor. 



236 



Ich hoffe recht bald auf meine wichtigsten Fragen von 
Ihnen Antwort zu erhalten. 

Herzlichste GriiBe von meiner Frau und mir 

Ihr Walter 

1 „Die Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus", 1916. 

2 Nicht erhalten. Gegen Kurt Hiller. 



89 An Gerhard Scholem 

Berlin, 17. April 1920 

Lieber Gerhard, 

Zuletzt von Ihrer ganzen Familie kommen Sie bei meinem 
Berliner Aufenthalt daran. Mit Ihrem Bruder Reinhold habe 
ich schon einige Beratungen gehabt und bei dieser Gelegen- 
heit auch mit Ihrem Vater einige Worte gewechselt. Heute 
haben diese Beratungen mit einem niederschmetternden 
Resultat zunachst ihren AbschluB gefunden: bei groBen Stei- 
gerungen der Druckkosten in der letzten Zeit und groBerer 
Bogenzahl als urspriinglich geschatzt war, soil namlich unter 
alien moglichen Reduktionen meiner und ihrerseits der 
Druck iiber 5000 M kosten. Ich werde wahrscheinlich in Bern 
um hohern ZuschuB oder Erlaubnis augenblicklich den Druck 
noch nicht machen lassen zu miissen einkommen. Hier ist die 
erste Woche fiirchterlich verlaufen. 

[. . .] 

Ich kann Sie also, wie ich Ihnen schon ankiindigte, sowenig 
mit Bestimmtheit auf meinen Miinchner Besuch vorbereiten, 
als zur Reise hierher auffordern, weil ich die kommenden 
Tage nicht uberblicken kann. Es tut mir sehr leid. Noch habe 
ich hier unter den unmittelbar an mich herantretenden An- 
forderungen nicht zur Habilitationsschrift kommen konnen 
und nichts als eine kurze, sehr aktuelle Notiz iiber „Leben 
und Gewalt" zu stande gebracht, von der ich sagen darf, daB 
sie mir aus demHerzen geschrieben ist.— Tauscht mich meine 
Erinnerung, oder habe ich Sie nicht irgendwann friiher selbst 

237 



auf ein, mir freilich nie zu Gesicht gekommenes, Buch „Klage 
der Natur" 1 hingewiesen? 

Max Strauss 2 habe ich in Wien nicht gesehen. Karl Kraus 
haben wir gehort, liber dessen Veranderung gegen friiher 
manches zu sagen ware - nichts aber dagegen. Herzlichen 
Dank fiir Ihre okonomische Auskunft iiber Miinchens Um- 
gebung. 

Ihr Vater hat im Gesprach mit mir biindig erklart, Sie 
seien ein Genie - er wisse es wohl. Aber Gott bewahre jeden 
Vater vor einem Genie. Wenn Sie hinzunehmen, daB er mir 
dann auseinandersetzen muBte, was die Juden „tachles" 3 
nennen, so konnen Sie sich denken, welche Richtung das Ge- 
sprach genommen hat. - Ihr Vater macht einen sehr zufrie- 
denen Eindruck und sprach von Ihnen mit vielem Wohl- 
wollen. 

Ubermorgen kommen Gutkinds. Mein Schmerz ist, daB ich 
hier niemanden meine Bibliothek zeigen kann — sie ist nur 
durch eine winzige, gemischte Gesandtschaft hier vertreten. 
In Wien fand ich mancherlei, so ein sehr seltnes Buch 
„Extrait d'un catalogue d'une petite bibliotheque romantique" 
von Baudelaire's Freund Asselineau, das schon seinerzeit nur 
in 350 Exemplaren gedruckt wurde — mit einem sehr schonen 
Kupfer und dem Erstdruck eines von mir iibersetzten Son- 
netts. Unter den Vorbesitzern des Buches ist Charlotte Wolter! 
Wenn ich Ihnen ferner sage, daB ich. hier, bei meinen trauri- 
gen Vermogensverhaltnissen fiir schweres Geld schon jetzt ein 
„tabu u 4 erstanden habe, so mogen Sie ermessen, was dasheiBt 
und daB ich einen Schatz zu besitzen glaube. Doch dariiber 
werden bitte Sie und ich schweigen. Sehr spat erfuhr ich, daB 
Wertheim, schon seit Jahren, Bestande des [Georg] Miiller- 
schen Verlages verkauft, wobei man gute Biicher geschenkt 
kriegt. Gerade heute am Morgen des Hochzeitstages konnte 
ich Dora noch einige heimbringen, darunter von Scheerbart 
„ Asteroiden Novellen" und „Das graue Tuch" . Den „Rakkox u 
konnte ich mir neulich in einem alten Heft der „Insel" 
leihen. 

Leben Sie herzlichst wohl, lieber Gerhard 

Ihr Walter 



238 



1 Des Scholastikers Alamis ab Insulis. 

2 Bruder von Ludwig $trauI3 und Ubersetzer von Agnon. 

3 Praktischer Endzweck. Scholems Vater pflegte liber die „brotlosen 
Kiinste" (reine Mathematik und Judaistik) seines Sohnes Klage zu 
fuhren. 

4 So nannte W. B. diejenigen Biicher seiner Bibliotbek, die er nicht 
auslieh. 



90 An Gerhard Scholem 

Berlin/Griinau, 26. Mai 1920 

Lieber Gerhard, 

Sie werden sich iiber den groBen Hiatus, der in meiner Brief - 
schreiberei eingetreten ist, schon allerlei zusammen gereimt 
haben. Und wenn Sie dabei auf die Annahme geraten sind, 
daB es mir elend gegangen ist wie fast nie in meinem Leben, 
so sind Sie nicht auf dem Holzwege. Ich bin ganz auBerstande 
iiber diese Zeit — anders als gesprachsweise — irgend etwas 
mitzuteilen, teils weil dieDinge an sichbodenlos sind und nur 
in der Sphare des Geschwatzes in die wir hineingebannt 
waren, ihren Schein haben, teils weil ich die Erinnerung 
daran vermeiden muB um iiberhaupt wieder aufzutauchen. 
Ich war tief untergetaucht. Geendet hat es mit dem vollstan- 
digen Zerwurfnis. [. . .] DaB dieses Verhaltnis zwischen mei- 
nen Eltern und mir, das die starksten Belastungsproben 
scheinbar langst hinter sich hatte, unter eben diesen nach 
Jahren in einer gewissen ruhigen Zeit zusammenbrach - das 
ist die eine seltsame aber irgendwie folgerichtige Seite der 
Sache. Von den andern schlimmeren und sinnlosen Aspekten 
der Sache will ich jetzt nicht reden. 

Auch heute konnte ich Ihnen wohl noch nicht diese Zeilen 
schreiben, wenn wir nicht durch die sehr groBe Giite von Gut- 
kinds eine vorlaufige Unterkunft gefunden hatten. Ihre wun- 
dervolle patriarchalische Gastfreundschaft tragt dazu bei, daB 
auch meine Frau, die furchterlich hergenommen ist, wieder 
zu sich findet. Wir fiihlen uns seit diesen Wochen zum ersten- 



239 



mal wieder in menschenwiirdigen Verhaltnissen zu leben, 
sehr gliicklich. Wir hatten Vorsorge getroffen, auch Stefan 
hier herausnehmen zu konnen, [doch] ist ein Zimmer (nicht 
bei Gutkinds) unsrer Verfiigung wieder entzogen worden. 
Naturlich schreit das Provisorische dieser Dinge zum Him- 
mel, und was geschehen soil, ist nicht abzusehen. Fest stent 
nur, daB wir irgendwo eine Wohnungbekommen miissen, von 
der aus wir uns dann f ur unsern Unterhalt umsehen konnen. 
Da auch Gutkinds aus Berlin weg wollen, so haben wir an 
eine gemeinsame Wohnstatte gedacht und sehen uns schon 
langere Zeit danach um. Wissen Sie irgend etwas? In Bayern 
sollen ja die behordlichen Schwierigkeiten so sehr groB sein. 
Nach Seeshaupt haben wir schon geschrieben. 

Meine Bibliothek lagert nun ganz verpackt, an drei ver- 
schiedenen Orten, in Kisten. Noch in der letzten Zeit habe ich 
trotz allem einige schone und sehr schone Erwerbungen ge- 
macht. Wann werden Sie, wann werde ich das sehen? Ich 
kann wie gesagt iiberhaupt keine Vermutungen iiber die kom- 
mende Zeit auBern ehe ich nicht eine Wohnung habe [. . .] 

Bei [Max] Strauss haben wir neulich Agnon kennen ge- 
lernt. Zu [Robert] Eislers Bekanntschaft wiinsche ich viel 
Gliick. Mit der Lektiire seines l Werkes hatte ich begonnen, 
als ich es nebst allem iibrigen fortpacken muBte. Ich bin bis 
zur Proserpinaabhandlung im ersten Band gekommen und 
finde die Analysis der Legende von der hi. Agathe freilich 
faszinierend. Auch sonst habe ich hie und da Bemerkun- 
gen gefunden, die mir sehr aufschluBreich waren, besonders 
liber die astrale Bedeutung der Frucht- und Feld-Symbolik. 

Meine nachsten Aufgaben hier sind die Abfassung der 
Notiz iiber den geistigen Arbeiter sowie die Herausgabe bzw. 
textliche Sicherung der Werke meines Freundes. Es ist mir 
endlich, iiber meine Hoffnung hinaus, gelungen, den ganzen 
NachlaB zu diesem Zweck bei mir zu vereinigen und ich habe 
ihn mit heraus genommen. Dann, aber nur wenn ich in halb- 
wegs menschlichen Umstanden lebe, muB ich an die „Habili- 
tationsschrift" gehen, die diesen wenn nicht ehrenden so doch 
fruher hoffnungsreichen Namen behalten soil, trotzdem die 
Aussichten auf eine Dozententatigkeit in Bern ja zunichte 

240 



geworden sind. Es konnte sich hochstens um die Erwerbung 
der venia aus Formgriinden hand ein. 

Meine Schwiegereltern, der einzige wenn auch auflerlich 
nicht sehr starke materielle Riickhalt der uns geblieben 1st, 
die aber zu den auBersten Opfern bereit sind, bestehen dar- 
auf, daB ich Buchhandler oder Verleger werde. Nun verwei- 
gert mir auch dazu mein Vater Kapital. Aber es ist sehr wahr- 
scheinlich, daB ich nach auBen hin von der Verfolgung mei- 
ner alten Arbeitsziele werde absehen miissen, nicht werde 
Dozent werden konnen und jedenfalls bis auf weiteres heim- 
lich und nachtlich meine Studien neben irgend einer biirger- 
lichen Tatigkeit werde betreiben miissen. Wiederum weiB ich 
nicht, neben welcher. (Diesen Monat habe ich 110 M mit 
drei graphologischen Analysen verdient). 2 

Hoffentlich hore ich bald von Ihnen. Sie sollen dann auch 
einen froheren (weil in and ere Gebiete gerichteten) Brief von 
mir erhalten. Hoffentlich wenigstens bin ich dann schon wie- 
der sehr weit. Ubrigens bin ich jetzt wirklich gliicklich iiber 
die Ruhe und die Freundlichkeit die wir genieBen. „Gewalt 
und Leben" erhalten Sie, wenn meine Frau es abgeschrieben 
hat, was noch eine Weile dauern kann. 3 Es ist ganz kurz. 

Ich bemuhe mich sehr eine Lektorstelle zu find en. An S. 
Fischer, der einen sucht, bin ich durch Bloch empfohlen aber 
er hat sich doch nicht an mich gewandt. Wissen Sie etwas? 
Ich hatte ein sehr gutes Verlagsprogramm. 

Herzlichste GriiBe, bitte schreiben Sie bald 

Ihr Walter 
PS Ernst Bloch ist augenblicklich - und wahrscheinlich nur 
noch wenige Tage — in Seeshaupt bei Burschell 4 . 

1 „Weltenmantel und Himmelszelt." Munchen 1909. 

2 W. B. war ein aufiergewbhnlich begabter und hellsichtiger Grapho- 
loge, der seinen Freunden manchmal erstaunliche Proben seiner Fahig- 
Iceiten gab. Er gab 1922 sogar graphologischen Privatunterricht. 

3 Es kam nie an, 

4 Friedrich Burschell (geb. 1889). 



241 



91 An Gerhard Scholem 

23.Julil920 

Lieber Gerhard, 

dieser Brief soil nicht nur fur die lange Zeit stehen in der ich 
Sie ohne Nachricht lieB, sondern am Beginn einer andern in 
der ich Ihnen ofters zu schreiben vorhabe. Nun habe ich frei- 
lich niemals ofter und herzlicher an Sie gedacht als in der 
ganzen Zeit in der ich geschwiegen habe und in der Ihre 
schonen Brief e, die ich alle erhielt, Sie mir sehr gegenwartig 
und sehr trostlich zukiinftig hielten. So hat denn vielleicht 
— ohne dafi ich dies irgendwie zu entscheiden wagte — Ihr 
Brief vom Juni, der meineLage durch und durch erfafit, mich 
mit Hebraisch zu beginn en veranlaBt. Davon will ich Ihnen 
bei dieser Gelegenheit eine kleine Geschichte erzahlen. Erich 
Gutkind fiihrte mich zu Poppelauer und Lamm *, wo ich mei- 
nen Schulranzen und den Ranzen einer andern Reise sogleich 
mit einigen Werken fiillte. Wie ich unwissend und nichts- 
destoweniger zuversichtlich unter den Banden krame, fallt 
mir Landau: Chrestomatie (Geist und Sprache der Hebraer) 
in die Hand, das Herr Gutkind zu seiner groBten Uber- 
raschung fur 25 M erstehen konnte. Er hat mir die Geschichte 
Ihres Exemplars erzahlt und ich habe in einer Kombination 
mystischer und induktiver SchluBmethoden gefolgert, daB ich 
dieses Buch nicht eher besitzen werde, als ich einen Schuler 
im Hebraischen habe. Ich habe mir damals den Fiirst 2 gekauft, 
die kleinen Midraschim, den Midrasch Mechiltha, die Pro- 
pheten von Mendel Hirsch und das Buch uber den Chassidis- 
mus von Marcus. 3 Alles um zu beginnen. Und es hat gegen 
350 M gekostet. In der Bibelfrage habe ich wegen fiirchter- 
licher Preise nichts machen konnen. Zum Geburtstag hat mir 
Erich Gutkind das Buch Kusari 4 geschenkt. 

Dora hat Ihnen vielleicht schon vieles von dem genannt 
womit sie mich erfreut hat, vor allem mit einem wunder- 
schonen Bilde von Klee, betitelt: Die Vorfuhrung des Wun- 
ders. Kennen Sie Klee? Ich liebe ihri sehr und dieses ist das 
schonste von alien Bildern die ich von ihm sah. Ich hoff e Sie 



242 



werden es im September bei mir sehen, wenn ich nicht in 
einem Monat auch die Reste meiner Habe in einer Kiste (auf 
wie lange?) vergraben muB. Denn wir werden nur bis Ende 
August hier drauBen bleiben, weil Gutkinds am ersten Sep- 
tember nach Italien fahren wollen und wir leider ihr Haus 
fur die zwei Monate ihrer Abwesenheit nicht beziehen kon- 
nen, weil wir eine Wohnung fur den Winter kaum mehr im 
November bekommen konnten. Wir suchen jetzt eifrig eine. 
Mobliert oder unmobliert, etwa vier Zimmer. Wissen Sie zu- 
fallig durch Bekannte etwas Passendes. Wir konnen auch 
nicht langer von Stefan getrennt bleiben, den wir nirgends 
so aufgehoben wissen, wie wir es wiinschen, zumal meine 
Eltern ihn jetzt wahrend meine Mutter eine Reise macht in 
ein Kinderheim geben, 

Jetzt macht mir die Lektiire derLewana [sic] dieTrennung 
von Stefan noch besonders schwer. In diesem Werke ist einem 
wirklich einmal die Miihe abgenommen iiber den Gegen- 
stand ein eignes zu schreiben. Man kann, wenn man von der 
Einwirkung der Religions- und Volksgemeinschaft abstra- 
hiert, also nur von den nachsten Verhaltnissen von Eltern 
zum Kinde durchaus nicht einsichtiger und beseelter liber die 
Erziehung in der Kindheit reden als Jean Paul es tut. Die 
Deutschen wissen auch hier wieder nicht, was sie besitzen. 
Wie streng, niichtern und maBvoll der phantasiereichste Geist 
die Kinder zu behandeln weiB. (DaB ich dabei das Wort 
„ streng" nicht im engern padogogischen Sinne meine, ver- 
steht sich von selbst.) 

Ich komme dazu, Ihnen fur Ihre wunderschonen Geschenke 
zu danken, von denen ich nicht weiB, welches mich mehr er- 
freut hat und vor all em erfreuen wird. Denn in der „Niobe" 
konnte ich noch nicht lesen. Aber ein mythologisches Werk 
das von Ihnen kommt erfiillt mich mit der groBten Erwar- 
tung und der Gegenstand ist bedeutend. Fur die Agnonsche 
Geschichte scheint mir kein Lob zu hoch, deshalb will ich 
mich nicht imLoben versuchen. Ich freute mich als ich sie las, 
Agnon gesehen zu haben. Und ich danke dem Ubersetzer. 

243 



Erinnern Sie sich, dafl ich Ihnen von Charles Peguy in 
Iseltwald sprach? Inzwischen ist mir bei Gutkinds ein Band 
„oeuvres choisies" in die Hiinde gef alien, der mich nocli be- 
gieriger auf vollstandige Arbeit en von ihm gemacht, als das 
Fragment in der „Nouvelle Revue". Denn auch er enthalt 
nur Fragment e. Es hangt nur davon ab, ob ich endlich die 
wesentlichen Sachen von ihm ungekiirzt zu lesen bekomme, 
daB ich in einem Aufsatz meiner bewundernden und bestar- 
kenden Zustimmung Ausdruck gebe. Vergebens habe ich ver- 
sucht, S. Fischer und Kurt Wolff fur eine von mir zu ver- 
anstaltende Ubersetzung von ausgewahlten Aufsatzen zu 
gewinnen. Die Gebiihren die der franzosische Verlag fordert, 
sind zu hoch. 

Vor einigen Wochen hat mich Kraft auf einige Stunden 
besucht. Wenn der Besuch auch f\ir jede Aussprache zu kurz 
war, so gewann ich doch den Eindruck daB sein Geist sich 
festigt. Hoffentlich werde ich Ende des Sommersemesters bei 
seinem zweiten Besuch in Berlin bessere Gelegenheit haben 
ihn zu sprechen. 

Bitte schreiben Sie mir wieder sobald Sie konnen. 

Da Sie nun einmal die Relationen zwischen Ihrer Promo- 
tion und der Kabbala zu klaren trachten 5 , so formuliere ich: 
ich will ein groBer Kabbalist sein, wenn Sie den Doktor nicht 
summa cum laude machen. 

Herzlichst 

stets ihr 

Walter Benjamin 

1 Die judaistischen Antiquariate in Berlin. 

2 Julius Furst, „Hebraisch«s und Chaldaisches Handworterbuch", Leip- 
zig 1876. 

3 Verus [Pseudonym von Ahron Marcus], „Der Chassidismus", Ple- 
schen 1901; ein sehr denkwiirdiges Buch. 

^ Ein religionsphilosophisches Werk des Jehuda ha-Levi (12. Jahrhun- 
dert), Leipzig 1869. 

5 Scholem hatte sich auf das Studium der kabbalistischen Handschrif- 
ten der Miinchener Bibliothek geworf en. 



244 



92 An Gerhard Scholem 

[ca. 1.12. 1920] 
Lieber Gerhard, 

beinah ware es geschehen daB zu Ihrem Geburtstag nichts 
eingetroffen ware als diese sehr herzlichen Gluckwiinsche 
— und die „Auswahl kleiner Schriften" von der ich mich all- 
zuleicht trenne. Denn alles andere fiihrte mich sehr in Ver- 
suchung, es zuriickzubehalten, sowohl das Leben Jesu 1 mit 
seinen schonen Ubersetzungen als auch die offenbar hochst 
merkwiirdige Religion der Vernunft. 2 Da ich mich aber des 
eisernen Regimentes entsann, das ich selbst an diesen Tagen 
iiber die unterworfenen Volker ftihre, so sollen aus Gerech- 
tigkeit doch diese Geiseln, die Vornehmen unter den Kindern 
der Schriftgelehrten, an Sie abgehen. 

Eine besondere Uberraschung gedenkt Ihnen zum Geburts- 
tage das Kuratorium der Universitat Muri zu machen, in des- 
sen Auftrag ich Ihnen mitzuteilen habe, daB zu seiner Feier 
das neue Gebaude der Universitat eingeweiht wird, mit sei- 
nem Portal iiber dem das Kuratorium den Spruch hat anbrin- 
genlassen:LirumlarumL6ffelstiel/kleine Kinder fragen viel. 
Die ganzen Baulichkeiten sind aus Schokolade und haben wir 
eine Materialprobe beigefugt. 

Die Wohnung kommt langsam in Ordnung. Noch ist das 
grofie Regal nicht fertig. Und dann, denken Sie, haben wir 
vom Spediteur start eine meiner Bucherkisten eine fremde, 
gleich bezeichnete bekommen. Unsere hat er, wie er schreibt, 
nun schon abgeschickt aber auch die ist noch nicht hier. Ubri- 
gens befinden sich angeblich in dieser Kiste: Samtliche Werke 
von Schnorr von Frechheitsberg 3 , Pontius Pilatus: Hebraisch 
fiir Landpfleger, Noeggerath: Miinchner Kindllogik und sie- 
ben titanische Kas. 

Dora scheint es ebenfalls nur sehr langsam besser gehen zu 
wollen. Auf ihr gegenwartiges Aussehen mochte sie sich nicht 
festlegen lassen. (Dies zur Erklarung des fehlenden Bildes). 
Von Stefans Moraltheologie sind die Tugenden, welche er mit 
den Marburgern als unendliche Schulaufgaben definiert hat 
noch nicht da und die Siinden alle vergriffen. 

245 



Ich selbst beginne nach einer langen schlimmen Depres- 
sionszeit sehr fleiBig zu werden. Damit sehe ich mich nun vor 
eine schwere Entscheidung gestellt. Es zeigte sich namlich, 
daB die erste Orientierung in zwei so schwierigen, mir unbe- 
kannten und einander entlegenen Gebieten wie es die Schola- 
stik und das Hebraische sind, unmoglich in der gleichen 
Epoche mir gelingen konnte. Die "Oberlegung ergab, daB die 
nahere Bestimmung und Ausfiihrung meiner Habilitations- 
schrift so schwierig sein wird, das irgend ein Zwischenschie- 
ben einer groBen heterogenen Beschaftigung sie ins unab- 
sehbare hinausschieben konnte. Ferner, daB dies, und zwar 
nur aus praktischen Griinden, unbedingt nicht sein darf, Dar- 
aus folgt, daB ich in dem Augenblick, wo mich die Philoso- 
phic ganz ausschlieBlich in Anspruch nehmen wiirde, ich zum 
letzten Male das Hebraische (nicht bis zur Habilitation, aber) 
bis zur Erledigung der Habilitationsschrift zuriicktreten las- 
sen miiBte. Etwas anderes ist bei meinen Arbeitsmoglichkei- 
ten und unter den gegenwartigen Umstanden nicht moglich. 
Solange es angeht werde ich es aber beim KompromiB be- 
wenden lassen, nur glaube ich wird es nicht lange sein. Ich 
habe das Buch von Heidegger liber Duns Scotus gelesen. Es ist 
unglaublich, daB sich mit so einer Arbeit, zu deren Abfassung 
nicht s als groBer FleiB und Beherrschung des scholastischen 
Lateins erforderlich ist und die trotz aller philosophischen 
Aufmachung imGrunde nur einStiick guterUbersetzerarbeit 
ist, jemand hahilitieren kann. Die nichtswiirdige Kriecherei 
des Autors vor Rickert und Husserl macht die Lektiire nicht 
angenchmer. Philosophisch ist die Sprachphilosophie von Duns 
Scotus in dies em Buch unbearbeitet geblieben und damit hin- 
terlaBt es keine kleine Aufgabe. Uber die erkenntnistheore- 
tische Bedeutung der Sprachphilosophie hielt in der Kant- 
gesellschaft vor kurzem einer von den 300 neuen Kolner 
Privatdozenten namens [Helmuth] Plessner einen Vortrag, 
dessen Niveau zwar nicht hoch, dessen Inhalt aber meist sehr 
zutreffend war. In der Diskussion sprach niemand auBer 
[Arthur] Liebert, der im Namen der kritischen Philosophie 
den Redner herunterputzte, und ich, der vielleicht unter den 
Horern allein etwas zur Sache hatte sagen konnen, hatte 

246 



hinsichtlich Lieberts auBere Griinde, nicht zu reden. Inzwi- 
schen bin ich Mitglied der Kantgesellschaft wieder geworden 
und alsbald zur Selbstanzeige meiner Dissertation in den 
Kantstudien aufgefordert worden. In den „Argonauten" wird 
nun von mir die Kritik des „Idioten" und „Schicksal und 
Charakter" erscheinen. 4 Ich babe die Korrekturbogen bekom- 
men. — Eine hochst beachtenswerte, wesentliche Besprechung 
von Blochs Buch, welche dessen Schwachen mit groBer Strenge 
an den Tag legt, ist in letzter Zeit erschienen. Von S. Fried- 
lander. 5 Zu dieser werde ich mich wahrscheinlich im ersten 
Teil meiner „Politik", welches die philosophische Kritik des 
Lesabendio ist, auBern. Sobald ich ein mir noch notwendiges 
Buch aus Frankreich erhalten habe, will ich an den zweiten 
Teil der „Politik" gehen, deren Titel ist „die wahre Politik" 
mit den beiden Kapitelii „Abbau der Gewalt" und „Teleolo- 
gie ohne Endzweck". 

Jetzt bin ich dabei die Ubersetzung der Tableaux parisiens 
fertigzustellen. Dabei verbessere ich auch das Frtihere, sodaB 
ich mit gutem Zutrauen in meine Sache einen Verleger 
suchen kann. 

Bitte schreiben Sie mir, wie es in [Moritz] Geigers Philo- 
sophic der Mathematik ist. - Ob ich bei Frl. [Kathe] Hol- 
lander nun [hebraische] Stunde nehme, weiB ich noch nicht. 
Die Brief e und die Schrift von Lewy 6 erhalten Sie, sowie 
ich mit meinen Sachen in Ordhung bin, jetzt liegt noch so 
vieles herum, daB ich nicht alles gleich finde. 

Leben Sie sehr herzlich wohl Ihr Walter 
Kraft hat mir geschrieben. Ich kann aber nicht umhin anzu- 
nehmen, daB er mit dem Plan einer Dissertation iiber den 
Divan (sicher das schwierigste Thema der neuern deutschen 
Literatur) auf dem Holzwege ist. 

1 Samuel Krauss, Das Leben Jesu nach jiidischen Quellen (1902). 

2 Hermann Cohens Nachlafiwerk ^Religion der Vernunft aus den 
Quellen des Judentums". 

3 W. B. beltlagte sich gern, daB Scholem ihm die besten Bucber seiner 
Bibliothek „abzuscbnorren" suche. Schnorr von Carolsfeld - der naza- 
renische Maler. Die Titel sind Werke aus der Bibliothek der „Univer- 
sitat Muri". 



247 



4 Das geschah in Heft 10-12 (1921). Jetzt in „Schriften" I, 31 f. und 
II, 127 ff. 

5 In Band IV des Ziels, S. 103-116. 

6 Ernst Lewy, Zur Sprache des alten Goethe (1913). W. B. hatte fur 
den Autor (1881-1965) und fur seine waghalsige Schrift viel Bewun- 
derung. 



93 An Gerhard Scholem 

29. Dezember 1920 

Lieber Gerhard, 

als Sie so lange schwiegen, da habe icb den Grimd davon 
vermutet. Bevor ich noch zu einem EntschluB gekommen 
war, schrieb ich nur aus der qualenden Unentschiedenheit 
heraus an Gutkinds, von denen ich dann bald nach Ihrem 
Brief vom achtzehnten Ermahnungen zur Ant wort erhielt. 
Was ich auf diese ihnen gestern erwiderte enthalt, wie Sie 
sehen werden, die Auseinandersetzung mit Ihrem Briefe und 
weil ich mich nicht besser ausdriicken kann, bleibt mir nichts 
Besseres iibrig, als was ich Gutkinds schrieb Ihnen abzu- 
schreiben. „Als Euer Brief kam, da war das Dilemma, unter 
dem ich wochenlang gelitten hatte, gelost und wurde nach 
dessen Lektiire noch einmal, mit dem gleichen Ergebnis, 
iiberdacht. Nein, es geht nicht anders. Ich kann mich den 
jiidischen Dingen nicht mit meiner letzten Intensitat zu- 
wenden, bevor ich aus meinen europaischen Lehrjahren das- 
jenige gezogen habe, was wenigstens irgend eine Chance 
ruhigerer Zukunft, Unterstiitzung durch die Familie und 
dergleichen begriinden kann. Ich gestehe es ein, daB ich gei- 
stig, und schon etwa seit meinem Doktorexamen, an dem 
Punkte bin, daB ich mich fur eine lange neue Lehrzeit vom 
Europaischen ab wend en kann. Aber ich weiB auch, daB der 
zahe EntschluB, den ich so lange genahrt habe, mir die ruhige 
freie Wahl des Augenblicks der Ausfiihrung iiberlaBt. Nun 
ist es wahr, daB, wie mir Scholem schrieb, das Alter je hoher 
es ist, desto mehr die Ausfiihrung erschwert und schlieBlich 
noch im gunstigsten Fall zur Katastrophe macht. Wenn auch 

248 



zur reinigenden. Aber auch hier wirkt der lang und stetig 
gefaBte EntschluB regulierend. AuBerdem wird es sich wohl 
nicht um mehr als hochstens zwei Jahre handeln. In dieser 
Zeit will ich eine Arbeit aus einem mir irgendwie vorschwe- 
benden Komplex abgrenzen und schreiben. Diese Arbeit laBt 
sich - wiewohl sie mir wichtig ist - abgrenzen, beschranken. 
- Die Tragweite des Eintretens ins Hebraische ist unuberseh- 
bar. Also unmoglich, etwa zu sagen: ich lerne erst ein bis 
zwei Jahre Hebraisch und mache jene Arbeit erst dann. Ihr 
werdet die klaren Griinde meines Entschlusses anerkennen 
miissen. Also bitte ich Euch, nicht mit dem Lernen, aber mit 
dem Herzen auf mich zu warten." Erst jetzt im Schreiben 
sehe ich, wie sehr diese Satze an Sie gerichtet sind. Ich habe 
Ihnen nur noch das Versprechen hinzuzufugen, wirklich nach 
Beendigung jener Arbeit mich durch keine Gelegenheits- 
arbeit, und wenn Herbertz 100 Jahre alt wird oder mit der 
Philosophie seine goldeneHochzeit feiert, aufhaltenzu lassen. 

Was jene geplante Arbeit angeht, so habe ich mich in letz- 
ter Zeit mit einer Analyse des Wahrheitsbegriffs beschaftigt, 
die mir einige Grundgedanken zu dieser Arbeit liefert. Als 
ich sie neulich Ernst Lewy (dem Sprach-mann) vortrug, war 
ich sehr erfreut, sie von ihm, der ja kein Metaphysiker, aber 
ein kluger und richtig denken der Mann ist, gebilligtzuhoren. 
Er war namlich vorubergehend in Berlin, wo der hiesige 
Ordinarius fur vergleichende Sprachwissenschaft, Schulz, sich 
iibrigens bemiiht, ihm ein Extra- Ordinariat zu verschaffen. 
Leider ist es wegen des Geldmangels schwierig. Von seiner 
Person hatte ich wieder den unvergleichlichen, und jedes Mai 
gleich inkommensurablen Eindruck. Es ist wirklich meine 
groBte Sorge, daB Sie ihn kennen lernen. Jetzt muB er nach 
Argentinien, um einen schwer erkrankten Bruder abzuholen. 

Was die „kl einen Schriften" angeht, so geben Sie sich, wie 
die immer neu anschwellende unersattliche Flut Ihrer Wlinsche 
beweist, Illusionen iiber deren Zahl hin. Was ich etwa in den 
letzten Jahren an kl einen Schriften verfaBt habe (es ist fast 
nichts) ist, auBer der Kritik der Porte £troite, die iibrigens ein 
Roman, kein Drama, ist, noch nicht abgeschrieben, bis auf 
die „Phantasie iiber eine Stelle aus dem Geist der Utopie" die 

249 



ich Ihnen vielleicht demnachst schicken werde. Was nun jene 
„ Theater kritiken" angeht, so mochte ich sie lieber Notizen 
uber Dramen nennen, von denen ich doch die iiber „Wie es 
Euch gefallt" mit gutem Gewissen dem Verstandnis emp- 
fehlen kann. Den darin ausgesprochenen Anschauungen iiber 
Shakespeare gehe ich weiter nach. - Konnen Sie mir einmal 
andeuten, warum die Schrift „das Leben Jesu nach jiidischen 
Quell en" zu so unerhorteh Konsequenzen fiihrt? Den Gun- 
' dolfschen George konnte ich mir noch nicht ansehen und 
warte auf eine Gelegenheit, die wohl bald kommen wird. 

[...] 

[Richard] Weissbach in Heidelberg will meine tlberset- 
zung der „ Tableaux parisiens" herausgeben (als Buch) „wenn 
ich ihm erfiillbare Forderungen stelle". Auch der Drei-Mas- 
ken-Verlag in Munchen hat das Manuscript eingefordert. 
Weissbach wird wohl so gut wie nichts zahlen, auch die Sache 
nur [in] 250 Exemplare[n] als torichten Biittenschwindel 
herausbringen. Ich werde sehen was sich ergibt. Die Gelegen- 
heit zum Druck muB ich aus auBeren Griinden, auch meiner 
Familie wegen, unbedingt ausnutzen. 

Der „wahre Politiker" ist abgeschrieben. Hoffentlich 
kommt er bald zum Druck. Nach Neujahr will ich die beiden 
folgenden Arbeiten, welche mit ihm zusammen die „Politik" 
ausmachen soil en, schreiben. — Hier ist irgendwo das Buch 
von Jeremias „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur" 
fur 15 M antiquarisch zu haben. Lohnt die Anschaffung? 
Bitte sagen Sie mir das. 

Gutkinds Adresse ist Meran Obermais Langegasse Maya- 
burg bei Frau Promberger Italien. 

Dora geht vorlaufig nicht ins Biiro und erholt sich all- 
mahlich. Sicher nicht zum wenigsten durch die freiere Aus- 
sicht. 

Die Buntscheckigkeit dieser Mitteilung entschuldigen Sie 
bitte. Ich werde Ihneri mehr schreiben konnen, wenn ich 
Ihnen weniger mitzuteilen haben werde. — Nun will ich nur 
noch sagen, daB mein Bruder mir die Briefe geschenkt hat 
die Rosa Luxemburg aus dem Gef angnis wahrend des Krieges 
geschrieben hat und daB ich von deren unglaublicher Schon- 

250 



heit und Bedeutung betroff en war. Kraus hat eine bedeutende 
Polemik an die unverschamte Befehdung des Geistes dieser 
Briefe durch eine ^Deutsche Frau" angeschlossen. In der 
gleichen (letzten) Nummer der Fackel hat er eine National- 
hymne fur Osterreich veroffentlicht, die ihn mir, ebenso wie 
„Brot und Luge" ganz auf dem Wege zum grojJen Politiker 
zeigt. Es ist als ware die damonische tiefere Halfte seines 
Wesens abgestorben, versteinert und als hatte diese Brust 
und das sprechende Haupt nun das unverriickbare marmorne 
Postament, von dem herab es spricht. 

Wir griiflen Sie beide von Herzen und hoffen, daB wir uns 
haufiger als bisher schreiben werden. 

Ihr Walter 

PS Ein Namensvetter Ihrer Wirtsleute hat in der Fuldaschen 
Moliere-Ausgabe eine scheuBliche Ubersetzung des Amphi- 
tryon verfaBt, die wir neulich auf der Biihne gesehen haben. 
Ich glaube in Miinchen wird man noch immer bisweilen mit 
einigem GenuB ins Theater gehen konnen, was hier kaum 
mehr moglich ist. 



94 An Gerhard Scholem 

[Januar 1921] 

Lieber Gerhard, 

aus einer Besorgnis schreibe ich Ihnen heute: daB sich jene 
Notwendigkeit, von der wir zuletzt mit einander redeten, 
nicht zwischen uns drange, sondern eine Zeit, die fur uns 
beide wie wohl nicht ganz im gleichen Sinne eine schwere 
Wartezeit ist, in gegenseitiger Nahe verbringen mogen. Ich 
weiB daB sich hier nichts forcieren laBt und daB Sie wie ich 
hoff e gegen Ihren Will en mir von vielem schweigen mlissen, 
wahrscheinlich vom Wesentlichsten, was wir mit einander zu 
bereden hatten. Sie sollen wissen, daB ich weit entfernt bin 
das Unmogliche irgendwie zu erwarten. Umso mehr glaube 

251 



ich sollten wir das lebendig erhalten was uns doch, so wahr 
Sie meinen EntschluB in seiner Notwendigkeit verstehen und 
mir glauben, bleibt. Schwer ist es mir oft, weil sich mit dem 
Opfer doch natiirlich keineswegs sogleich das einstellt um 
dessentwillen ich es gebracht habe, und ich muB meiner 
neuen Arbeit gegenuber mich gewissermaBen geduldig auf 
die Lauer legen. Gewisse Grundgedanken sind freilich fixiert, 
aber da es mit jedem Gedanken, der in ihren Kreis gehort, in 
die Tiefe geht, ist anfanglich nicht alles zu iibersehen und ich 
bin auch nach meinen bisherigenStudienvorsichtig geworden 
und bedenklich, ob es richtig ist die Verfolgung der schola- 
stischen Analogien als Lei tf ad en zu benutzen und nicht viel- 
leicht ein Umweg, da die Schrift von Heidegger doch viel- 
leicht das Wesentlichste scholastischen Denkens fur mein 
Problem - iibrigens in ganz undurchleuchteter Weise — wie- 
dergibt, und sich auch das echte Problem im AnschluB an sie 
schon irgendwie andeuten laBt. So daB ich mich vielleicht 
zunachst eher bei den Sprachphilosophen umsehen werde. Zur 
Zeit habe ich die „Sprachlehre" von A. F. Bernhardi 1 vor, 
die aber monstros unklar geschrieben und gedacht und nur 
hie und da ertragreicher zu sein scheint. - Auch befindet sich 
alles noch im vorbereitendsten Stadium, solange ich meine 
Arbeit iiber Politik, dabei ein en von Lederer bestellten Auf- 
satz nicht abgefaBt habe, fur die ich immer noch auf notige 
Literatur warte. Doch werde ich wohl in den nachsten Tagen 
Sorel „Reflexions sur la violence" erwarten konnen. Nun habe 
ich gerade jetzt die Bekanntschaft mit ein em Buche gemacht, 
das soweit ich nach der Vorlesung die der Verfasser an zwei 
Abenden abhielt, denen ich beiwohnte, urteilen kann, die 
bedeutendste Schrift iiber Politik aus dieser Zeit mir zu sein 
scheint. Gestern abend, als[o] am zweiten der Vorlesung, sagte 
Hiine Caro mir, daB er Ihnen iiber das Buch geschrieben 
habe, Erich Unger: Politik und Metaphysik. 2 Der Verfasser 
ist aus dem selben Kreise der Neo-pathetiker, dem auch David 
Baumgardt (den ich hier, einmal sprach) angehort hat und 
den ich von seiner verrufensten und wirklich verderblichen 
Seite zur Zeit der Jugendbewegung in einer fur Dora und 
mich hochst eingreifenden Weise in der Gestalt des Herrn 

252 



Simon Guttmann 3 kennen lernte. Ein Herr [Karl] Tiirkischer, 
dem Sie vermutlich einmal Bescheid gesagt haben, halt sich 
auch dort auf . Sie haben recht wenn Sie — selbstverstandlich — 
den zionistischen Tendenzen dieser Leute 4 mit volliger Teil- 
nahmlosigkeit gegeniiber stehen. Ich darf das voraussetzen 
ohne es zu wissen. DasHebraisch dieser Menschen kommt aus 
der Quelle eines Herrn Goldberg 5 , - von dem ich zwar wenig 
weiB, durch dessen unreinliche Aura ich mich aber so oft ich 
ihn sehen muBte aufs entschiedenste, bis zur Unmoglichkeit 
ihm die Hand zu geben, abgestoBen fuhlte. Dagegen sind 
Unger und Baumgardt wie mir scheint von ganzlich andrer 
Art-und ich glaube es aus meinem hochst lebhaften Interesse 
an Ungers Gedanken, die sich z. B. was das psycho -physische 
Problem angeht mit den meinigen uberraschend beriihren, 
verantworten zu konnen, Sie, trotzdem ich das Gesagte weiB, 
auf das Buch hinzuweisen. Ich habe bei diesen Vorlesungen 
S. Friedl'ander kennen gelernt. Er wirkte auf mich irgendwie 
bezwingend, durch einen Ausdruck unendlicher Vornehm- 
heit und gleich unendlichen Leidens. Von seinen eigenen 
Sachen spricht er mit echter Bescheidenheit. 

Der Stifter ist gekommen und hat Dora die unglaublichste 
Freude gemacht. Sie besitzt namlich die „Erzahlungen" 
schon in der gleichen Aus gab e und wir haben nun mit einem 
Schlage einen sehr schonen fast vollstandigen Stifter. Auch 
sonst war der Geburtstag sehr schbn und infolge einer weisen 
Familienpolitik ungestort 

Die Frau von Ernst Bloch, einer der Menschen, die wir 
am liebsten gehabt haben, ist in Miinchen gestorben. Sie 
haben sie in Interlaken ja auch wohl gesehen. Wir haben 
ihn nun zu uns eingeladen, aber noch keine Antwort ob er 
kommt. Seine Frau war seit vielen Jahren sehr leidend. 

Schrieb ich Ihnen schon, daB ich mit Weissbach iiber meine 
Baudelaire-tTbersetzungen verhandle. Er will die Tableaux 
parisiens nehmen, und dies wird mir schlieBlich trotz allem 
lieber sein, als eine Abstemplung durch den jiidischen 
Verlag. - 

Jetzt, da der Brief nach wochenlanger Quarantaine ab- 

253 



gehen soil, will ich noch Weniges hinzufiigen. Ich habe sehr 
viel zu arbeiten, da ich jetzt fur Lederer einen Aufsatz 
„Kritik der Gewalt", der in den „WeiBen Blattern" erschei- 
nen soil, abfasse. 6 Augenblicklich bin ich endlich bei derRein- 
schrift angelangt. In jedem Falle, auch wenn er nicht er- 
scheint, werden Sie ihn zu lesen bekommen. Bei dieser Sache 
habe ich mich mit der „Ethik des rein en Willens" ein klein 
wenig befassen miissen. Was ich aber da gelesen habe, hat 
mich recht betriibt. Offenbar ist bei Cohen die Ahnung des 
Wahren so stark gewesen, daB es der unglaublichsten Spriinge 
bedurft hat, um ihr geradezu den Riicken zuzuwenden. 

Seit gestern ist die ganze Bibliothek aufgestellt, da die 
letzten Regale gestern erst vom Tischler kamen. Es sieht sehr 
schon aus und nun erwarten nicht nur wir sondern auch 
unsere Bucher Sie. 

Seien Sie nicht bose wenn ich heute mehr nicht hinzufuge. 
Ich erwarte einen Brief von Ihnen mit Ungeduld 

Ihr Walter 

PS Krafts Brief an Kraus habe ich im Moment nicht zur 
Hand. Finde ich ihn noch so lege ich ihn noch bei. 

PS II Nun, wohl drei Wochen nachdem ich diesen Brief be- 
gonnen habe, will ich ihn absenden und nur noch fur Ihren 
Brief danken, den ich gestern bekam. DaB Sie fur den Stifter 
nicht friiher unsern Dank bekommen haben, bitte ich Sie sehr 
zu entschuldigen. Er ist iibrigens ganz zur rechten Zeit gekom- 
men und durfte als einzigeGabeunterworfnerVolkerschaften 
auf dem Geburtstagstisch prangen. — Was die Friedlandersche 
Rezension vom „Geist der Utopie" betrifft, so will ich ver- 
suchen, sie Ihnen bald zu senden. DaB Sie sich die Ungersche 
Schrift bestellt haben ist insofern schade, als Sie sie durch 
mich, da der Verfasser sie mir geschenkt hat, hatten bekom- 
men kbnnen. — Mit meiner Arbeit „Zur Kritik der Gewalt" 
bin ich nun fertig und hoffe daB Lederer sie in den WeiBen 
Blattern bringen wird. Es gibt was Gewalt angeht, noch 
Fragen die nicht in ihr beriihrt sind, aber ich hoffe doch, daB 

254 



sie Wesentliches sagt. Erschienen ist freilich bisher sowohl 
von den nicht -angenommenen wie von den angenommenen 
Sachen noch nichts, aber ich gebe die Hoffnung fiir beide 
nicht auf; wiewohl ich besonders betriibt war, daB meine 
Rezension vom „Geist der Utopie" garnicht unterzubringen 
war. Denn wenn ich auch wichtige Klarstellungen fiir mich 
dieser Arbeit verdanke, so war sie doch eigentlich ganz fiir 
die Veroffentlichung berechnet. Auch war schon ihr Abdruck 
in einer Sonderpublikation des „Logos" geplant, bis sich er- 
gab, daB kein Geld fiir solche zur Verfiigung stand e. Auch 
der „wahre Politiker" ist noch garnicht angenommen, da 
Lederer ihn wenigstens zunachst nicht bringen will und ich 
mich jetzt natiirlich an Bloch nicht wende. Wir haben noch 
immer seit der Todesnachricht noch keine Zeile von ihm 
gehabt. - JVtit Weissbach hoffe ich bald einen Vertrag zu 
unterzeichnen. [. . . ] Natiirlich sind die „ Tableaux parisiens" 
fertig und zwar habe ich alle bis auf ein friihes Gedicht 
(A une mendiante rousse) iibersetzt. 

Wir entnehmen mit Betriibnis aus den haufigen Krank- 
heitsberichten, daB Ihnen das Klima von Munch en, das ja 
wirklich schlecht ist, nicht bekommt und daB Ihre Gesundheit 
nicht so kraftig ist wie wir es Ihnen wunschen. Darum tut es 
uns doppelt leid, wenn es Ihnen in Miinchen an angemessnem 
Umgang fehlt. Warum ist denn Agnon ausgewiesen? Nur 
wegen mangelnder Papiere (angeblich)? — Was nun Ihre 
wiirdigen Zerstreuungen angeht, so bin ich neugierig, was 
Sie mir Schlechtes von [Rudolf] Kassners Vortrag berichten 
werden. Wissen Sie, daB er iiber Physiognomik auch ein Buch 
(Zahl und Gesicht) geschrieben hat. Ich werde gelegentlich 
hineinsehen. Neulich las ich einen Essay iiber Baudelaire, der 
genau so unmaBig verlogen ist, wie alles was ich von ihm 
kenne. Ich habe ihn auf die Formel gebracht: Fiir eine Halb- 
wahrheit verkauft er die ganze. Sie trifft auf jeden Satz von 
ihm zu. 

In welchem Zusammenhang habe ich Ihnen nur von 
Mathematik und Sprache geschrieben? Es ist mir entf alien 
und so weiB ich denn nicht eigentlich, worauf die entspre- 
chenden Stellen in Ihrem Brief sich beziehen. Fiir den Hin- 



255 



weis auf das Buch von Areopagita 7 danke ich Ihnen sehr. 
Sind Sie noch bei [Moritz] Geiger? 

Ich hoffe, daB Sie mir recht bald wieder schreiben und 
griiBe Sie herzlichst. 

1 August Ferdinand Bernhardis, Berlin 1801-1805, erschienene roman- 
tische Sprachphilosophie. 

2 Berlin 1921 („Die Theorie, Versuche zu philosophischer Politik", 
1. Veroffentlichung) - eine jetzt fast unauffindbare Schrift. 

3 Er hatte die Spaltung des „Sprechsaals" Anfang 1914 herbeigefuhrt. 

4 Unger und Goldberg lehnten den „empirischen" Zionismus im 
Namen eines „apriorischen" oder metaphysischen ab. 

5 Oskar Goldberg (1885-1952), Autor der „Wirklichkeit der Hebraer" 
(1925), eines Werkes, das (groBenteils unterirdisch, so z. B. bei Thomas 
Mann) eine bedeutende Wirkung hatte. 

6 Erschien im „Archiv fiir Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" XL VII 
(1921); jetzt „Schriften" I, 51 £E. 

7 „Uber die Gottlichen Namen" des Dionysius Areopagita. 



95 An Gerhard Scholem 

14. Februar 1921 

Lieber Gerhard, 

ich habe Ihren Brief nur deshalb nicht so bald beantwortet, 
weil ich mich im Gedanken an ihn wahrend unruhiger Tage 
ausgeruht und beruhigt habe. Ich bleibe bei dem Vertrauen 
daB wir drei unsere gemeinsame Sache einmal gegenwartig 
haben werden und ich konnte Dora und mich keinem Dritten 
in dieser Weise verbunden denken, da ich meine Richtung 
und Dora damit die Wiederherstellung des Besten was sie aus 
dem Elternhause mitbekommen hat Ihnen verdanken. Un- 
ruhige Tage schreiben sich daher dafl ich die Feindseligkeiten 
mit meiner Familie wieder aufnehmen muBte; Ich mochte 
davon nichts berichten, nur sagen, daB wir auBerlich und 
innerlich uns so eingerichtet haben, daB die Sache nicht jenen 
verstorenden EinfluB wie im letzten Friihjahr auf uns haben 
kann. 



256 



Uber Philologie habe ich (auch damals in der Schweiz) mir 
einige Gedanken gemacht. Evident war mir immer das 
Verfuhrerische an ihr. l Mir scheint — ich weiB nicht ob ich 
es im selben Sinne wie Sie verstehe — Philologie verspricht 
gleich aller geschichtlichen Forschung, aber aufs hdchste ge- 
steigert, die Genusse die die Neuplatoniker in der Askese der 
Kontemplation suchten. Vollkommenheit statt Vollendung, 
gewahrleistetes Verloschen der Moralitat (ohne ihr Feuer 
auszutreten). Sie bietet eine Seite der Geschichte, oder besser 
eine Schicht des Historischen dar, fiir die der Mensch zwar 
vielleicht regulative, methodische, wie konstitutive, elemen- 
tar-logische Begriffe mag erwerben konnen; aber der Zu- 
sammenhang zwischen ihnen muB ihm verborgen bleiben. 
Ich definiere Philologie nicht als Wissenschaft oder Ge- 
schichte der Sprache sondern in ihrer tiefsten Schicht als 
Geschichte der Terminologies wobei man es dann sicher mit 
einem hochst ratselhaften Zeitbegriff und sehr ratselhaften 
Phanomenen zu tun hat. Ich ahne auch, ohne es ausfiihren 
zu konnen, was Sie andeuten, wenn ich nicht irre, daB Philo- 
logie der Geschichte von Seiten der Chronik nahesteht. Die 
Chronik ist die grundsatzlich interpolierte Geschichte. Die 
philologische Interpolation in Chroniken bringt an der Form 
einfach die Intention des Gehalts zum Vorschein, denn ihr 
Gehalt interpoliert Geschichte. Welcher Art dieses Arbeiten 
sein konnte ist mir jetzt an einem Werk lebendig geworden, 
das mich aufs tiefste ergriffen und zur Interpolation angeregt 
hat. Es ist „Die neue Melusine" von Goethe. Kennen Sie es? 
Wenn nicht, so ist unbedingt anzuraten, diese Erzahlung, 
welche sich in den „Wanderjahren" findet, fiir sich, das heiBt 
ohne den Rahmen, in dem sie sich findet zu lesen, so wie es 
mir durch Zufall ging. Sollten Sie sie kennen, so kann ich 
vielleicht einiges dariiber andeuten. - Ob Sie mit den Orakeln 
iiber Philologie etwas anfangen mogen weiB ich nicht. Seien 
Sie versichert, daB ich mir dariiber klar bin, daB man zu 
dieser Sache noch einen anderen Zugang als des „romanti- 
schen" gewinnen muB. (Ich lese eben noch einmal Ihren 
Brief. Chronik - Interpolation — Kommentar — Philologie — 
das ist ein Zusammenhang. DaB man bei Agnon von Wahr- 

257 



heit sprechen muB, scheint mir, wenn ich das sagen darf, aus 
seiner Erscheinung evident. Ein Weiser wird ja wohl, wo er 
es nicht etwa mit der Bibel zu tun hat, seine Philologie nicht 
nach dem Ende sondern nach dem Anfang der genannten 
Reihe hin richten.) 

David Baumgardt besuchte mich neulich. Er sagte, wie es 
ihm einerseits leid tate, Sie noch niemals ausfiihrlich ge- 
sprochen zu haben, andrerseits ihm vielleicht Vorbereitung 
fur ein solches Gesprach noch gut sei. Er liest jetzt More 
nebuchim 2 hebraisch. Er hofft jedenfalls sehr Sie etwa im 
Sommer in Erfurt zu sehen. 

Fur uns bedeutet es viel daB wir jetzt ein Klavier in mei- 
nem Zimmer stehen haben und Dora spielt nun wieder. Lei- 
der konnten wir uns nur eines borgen. [. . .] 

Kommen Sie nicht Ostern her? Wir konnten Ihnen vieles 
Hiibsche von Stefan erzahlen, aber das wiirde noch Bogen 
fiillen. 

Leben Sie wohl Ihr Walter 

PS Die Geschafte der Universitat Muri haufen sich der- 
gestalt, daB ich nicht mehr weiB wie ich sie bewaltigen soil. 
Nun ist kiirzlich noch ein Streitfall entstanden, den ich Ihnen 
unterbreiten muB. Es ist vom dortigen Historiker eine Disser- 
tation angenommen worden deren Annahme die Fakultat 
verhindern will. Sie soil aber sehr gut sein. Das Thema 
lautet: Die Wegweiser zur Zeit der Volkerwanderung. Bitte 
unterbreiten Sie doch die Sache dem Kuratorium. 

1 Scholem hatte geschrieben, die Philologie beginne, ihn zu verf uhren. 

2 „Fuhrer der Verwirrten", das philosophische Werk des Maimonides. 



258 



96 An Gerhard Scholem 

26.Marz 1921 

Lieber Gerhard, 

ich habe mich sehr mit Ihrem letzten langen Brief gefreut. 
Immer hoffe ich, dafi Sie Ihren Vorsatz ausfuhren und 
Goethes „Neue Melusine" lesen konnen, weil wir uns wirk- 
lich viel dariiber zu sagen haben miiBten. Jetzt bin ich wieder 
zwischen mehrere Arbeiten gerissen, von denen die eine Ihres 
groBten Anteils sicher ist, namlich die „Uber die Aufgabe 
des Ubersetzers". So soil namlich die Vorrede, die ich wenn 
irgend moglich doch meinem Baudelaire voranstellen mochte, 
heiBen. Und da nun der Vertrag mit Weissbach, und zwar in 
einer unglaublich giinstigen Gestalt, unterzeichnet ist, und 
das Buch spatestens bis zum Oktober erscheinen soil, so ist 
diese Vorrede meine nachste Sorge. Nur handelt es sich um 
einen Gegenstand, der so zentral fur mich ist, daB ich noch 
nicht weiB, ob ich ihn, im jetzigen Stadium meines Denkens, 
mit der ausreichenden Freiheit entwickeln kann, voraus- 
gesetzt, daB mir seine Aufklarung iiberhaupt gelingt. Was 
die Darstellung angeht, so vermisse ich eine sehr wesentliche 
Hilfe in alien philosophischen Vor -Arbeit en fruherer Auto- 
ren iiber diesen Gegenstand. Man kann doch in einer kri- 
tischen Analyse (fremder Ansichten) oft Dinge sagen, die 
man synthetisch noch nicht darzustellen wiiBte. Konnen Sie 
mir nun irgend einen Hinweis geben? Die Cohensche Asthe- 
tik habe ich zum Beispiel ganz vergeblich gewalzt. — Hiervon 
abgesehen haben Sie doch iiber diesen Gegenstand Ihreeige- 
nen Gedanken, es ware fiir mich sehr wichtig, mich mit Ihnen 
dariiber auseinanderzusetzen, besonders auch, weil Sie doch 
in Ihren Ubersetzungsarbeiten eine ganz andere Spannung 
der Sprache als ich in der meinigen zu erfassen haben. Ich 
hoffe, daB wir allein iiber diese Frage wahrend eines Berliner 
Aufenthalts von Ihnen genug zu reden hatten. Nun ist die 
Frage, ob Sie sich entschlieBen zu kommen. Mit dem Quartier 
bei uns steht es so : es haben sich drei Besucher — und zwar 
samtliche fiir den April — bei uns angesagt, ob sie aber kom- 

259 



men, warm, auf wie lange, wissen wir noch von keinem ein- 
zigen. Es sind meine Schwiegermutter, Ernst Bloch und Jula 
Cohn, eine Freundin von uns. Wenn Sie nun in dem Falle 
sind, daB Ihre Unterkunft bei uns die Vorbedingung Ihrer 
Reise ist, so konnten wir Ihnen ein bestimmtes Ja oder Nein 
schreiben, wenn wir wissen fur welche Zeit. Denn in diesem 
Falle wlirden wir nun meine Schwiegermutter vorher an- 
fragen, ob sie fur diese Zeit zu uns zu kommen gedenkt oder 
nicht und Ihnen dann sogleich schreiben. Also iiberlegen Sie 
sich bitte recht bald, wie Sie es einrichten konnen. 

Hier gibt es jetzt etwas ganz Wunderbares zu sehen: die 
Gedachtnisausstellung der Bilder des Malers August Macke, 
der 1914 mit 27 Jahren gef alien ist. Schon friih haben mich 
die wenigen Bilder, die ich vorl ihm kennen lernte, angezogen. 
Nun hat mir die Ausstellung einen wunderbaren Eindruck 
gegeben. Ich habe einen kleinen Aufsatz iiber diese Bilder 
geschrieben. Wenn man einmal in Munchen bei Goltz etwas 
von Macke zeigt, so gehen Sie vielleicht hin. Ferner gibt es 
ein neues Bild von Chagall : Sabbath hier zu sehen, was mir 
auch sehr schon schien. Wiewohl ich mehr und mehr zu der 
Erkenntnis gelange, daB ich mich gleichsam blind nur auf 
die Malerei von Klee, Macke und vielleicht auch von Kan- 
dinsky verlassen kann. In allem andern liegen Abgriinde, 
vor denen man auf der Hut sein muB. Natiirlich gibt es auch 
von jenen Dreien schwache Bilder - aber ich sehe, daB sie 
schwach sind. 

Neulich habe ich mein Doktor Diplom, gleich in Dutzen- 
den von Exemplarjsn, erhalten. Sie wissen hoff entlich, daB ich 
damit als Besitzer eines naiv-realistischen Doktordiploms an 
der Universitat Muri fortan die Wiirde des Transzendental- 
Pedells bekleide. 

Fur die philosophischeBibliothek habe ich neulich billig die 
Predigten von Meister Eckhart und einige Bande der groBen 
Nietzsche-Ausgabe erwerben konnen. AuBerdem habe ich ein 
wunderbares Exemplar einer schonen alten Theocrit-tJber- 
setzung gekauft. Was Ihren Hebbel angeht 1 , so mochte ich 
wissen, ob Sie ihn an sich oder als ein Duplikat iiberfliissig 

260 



nennen. Die Swift-Ausgabe, die Sie dafur erworben haben, 
kenne ich — und sie ist noch jetzt beim Verlage vorratig. 
Gerade vor kurzem beriet ich mit Dora, ob sie anzuschaffen 
sei oder nicht. Sie widerriet, wegen der Ubersetzung. Vieles, 
was ich darin zu lesen versuchte, war mir allerdings, weil 
mir die Kenntnis der Realien fehlt, ungenieBbar. Aber ich 
erinnere mich freilich, gerade unter den irischen Pamphleten 
GroBartige gefunden zu haben. Besonders einen „Vorschlag, 
die kleinen Kinder zu essen." 

Seit dem Tode seiner Frau habe ich von Bloch sehr spar- 
liche Nachricht, auch iiber meine „Kritik der Gewalt", die er 
in Handen hat, noch nichts gehort. In diesen Tagen werde 
ich ihn bitten, sie Ihnen zu send en. Und hier erhalten Sie den 
erbetenen „Wahren Politiker", den ich gelegentlich (es ist 
mein bestes Exemplar) zuriickerbitte. Konnen Sie nicht Rat 
schaffen, wie ich der Sache zum Druck verhelfe? Es liegt mir, 
in diesem Falle, wie gesagt, gerade am Druck. [. . J 

Was horen Sie von Agnon? Ich will mir den neuen Roman 2 
sowie er in Buchf orm erschienen ist kauf en — oder zum f (inf - 
zehnten Juli schenken lassen? 

Ihr Walter 

1 Hebbels Tagebiicher. 

2 „Der VerstoJSene", iibersetzt von Max Straui3. In Buchform erst 
1923 erschienen. 



97 An Gerhard Scholem 

11. April 1921 

Lieber Gerhard, 

fur die Freude, daB Sie kommen, mochte ich Ihnen ja gern 
alles mogliche zu Liebe tun, und wiirde Ihnen sogar Stoff 
zum Hochzeitskarmen auf Ihren Herrn Bruder zur Verfii- 
gung stellen. Wie ware es, wenn Sie Ihren Musenquell dies- 
beziiglich platschern lassen, daB Ihr Bruder die zarte Ver- 
nunft gehabt, am selben Tage wie Dora und ich zu heiraten? 

261 



Und was wollen Sie uns denn A PROPOS zum Hochzeitstag 
schenken? Sie werden sich doch nicht etwa bei Ihrem Bruder 
herumdriicken? 

Erich Gutkind hat bald nachdem er wieder zuriick war, 
Grippe hekommen und ist zwar wieder ganz gesund aber noch 
sehr geschwacht. Lucie und er waren auf diese Weise noch 
garnicht bei uns und wollen eigentlich auch, so viel ich weiB, 
noch nicht nach Berlin hereinfahren. Auch wiirde, wenn sie 
Sie gerade sehen, wenn Sie zum ersten Male bei uns sind, es 
vielleicht ein biBchen viel Ablenkung geben. Ich werde mich 
mit ihnen dariiber beraten und mochte es ins Auge fassen, 
dafi wir uns fur einen ganzen Tag alle dort drauBen treffen. 
Hier ist ein Wetter, das das Schonste verspricht und alles laBt 
sich fiir uns gliicklicher an, als seit langem. Gleichzeitig mit 
Ihnen kommt eine Freundin von uns, die wir seit viel en Jah- 
ren nicht gesehen haben. Diese wird bei uns wohnen. [. . .] 

Heute hat Stefan Geburtstag. Leider fiihrt er, und nicht 
ohne Grund, Klage uber die aufstandische Haltung der unter- 
worfenen Volkerschaften, besonders hat sich gens academica 
(die Muritatten) unter ihrem Hauptling Pedellus Pius noch 
nicht eingestellt. Zur Vorfeier waren wir gestern zum ersten 
Mai mit ihm im Zoo, wo es die buntesten Konfusionen gab. 
Der Elefant wurde zwar gleich erkannt, aber das Lama bald 
darauf auch warnend als „groBer Elefant" bezeichnet, und 
ein Steinbock als Affe. 

Ich lese jetzt die Autobiographie von [Salomo] Maimon, 
wo ich bei den judaistischen Exkursen sehr schdne Sachen 
gefunden habe. Fernere Attraktionen in Berlin: eine kleine 
Klee-Ausstellung am Kurfiirstendamm und „Zur Kritik der 
Gewalt" in den Korrekturbogen, ferner Neuerwerbungen, 
ausgestellt DelbriickstraBe 23, am Griindungstage der ver- 
einigten Bibliotheken unentgeltlich zu besichtigen. 

Herzlichste GriiBe! Und auf Wiedersehen! 

Ihr Walter 



262 



98 An Gerhard Scholem 

Breitenstein, Ende Juni 1921 

Lieber Gerhard, 

Bloch kann seinen Freund * hier nicht besuchen, ich habe ihm 
das mitgeteilt. Er kann erst im Herbst empfangen werden. 
Daher werde ich Bloch in Miinchen treff en. Anfang oder 
Mitte nachster Woche komme ich dorthin: fnihestens am 
Dienstag. — Nun habe ich eine Frage. Nach meinem Besuche 
bei Frau Bernhard 2 machte ich es mir nicht ganz klar, daB 
die Kamraer, welche sie mir (ausschlieBlich zum Schlafen) 
angeboten hatte, unmittelbar neben der Kiiche gelegen (und 
nur durch diese zu betreten), ihr Madchenzimmer ist. Diese 
Nachbarschaft wiirde mich wohl jeden Morgen sehr fruh- 
zeitig wecken, und dies kommt mir fur einen Aufenthalt zu 
meiner Erholung und Freude nicht zu paB. (Ich habe nam- 
lich auch Erholung sehr notig) Daher die Frage, ob fur mich, 
falls nichts anderes sich findet, dasselbe Arrangement wie fiir 
Ernst Schoen stattfinden konnte. 3 Antworten kannst Du mir 
nicht mehr. Nun bitte ich Dich hierdurch, es zu erwagen. 

Dora hat zweifellos einen Lungenspitzenkatarrh, der 
auBerste Pflege und Schonung notwendig macht. Sie wird 
nach dem dreiwochentlichen Aufenthalt, wahrend dessen sie 
sich allein erholen wird, hierher bis zu ihrer Heilung zurtick- 
kehren. 

Ich griiBe Dich und Frl. Burchardt 4 mit vielen herzlichen 
GriiBen 

Walter 

1 Georg Lut4cs in Wien. 

2 W. B.s friihere Wirtin in der K6niginstrai3e 4. 

3 Bei Scholems Wirtin, bei der auch Schoen damals wohnte. 

4 Elsa Burchardt, spater Scholems erste Frau. 



263 



99 An Gerhard Scholem 

Heidelberg, 12. Juli 1921 

Lieber Gerhard, 

noch habe ich keine Bestatigung iiber den Empfang des 
Diploms bekommen. Ein objektives und fachmannisches 
Urteil iiber das sog. Fraulein Burchardt scheint also nicht 
gewiirdigt zu werden. Nachzutragen ware noch, dafi die 
wohlschmeckenden Apfelsinen fiirtrefflich versteckt waren. 

Gestern abend sah ich bei Frl. Cohn den kleinen Pflaum 1 . 
Die kolossalen Frechheiten, die ich ihm in Deinem Auftrag 
zu versetzen hatte, hatte ich aber leider vollstandig vergessen. 
Morgen lasse ich mich von ihm zu Gundolf ins Colleg fiih- 
ren. Im lib ri gen habe ich hier noch nichts getan und bin bis- 
her weder bei Lederer gewesen noch bei Weissbach. Hier 
werde ich wohl durchaus langere Zeit bleiben und kaum ver- 
reisen. Desto willkommener ware mir gegen Ende meines 
hiesigen Aufenthalts Dein Besuch. 

Fur die Nachsendung der Post herzlichen Dank. Es f olgen 
nun hier einige neue Fragen und Bitten. — 1st von Goltz noch 
keine Bestatigung der durch Bloch eingezahlten tausend 
Mark gekommen ? Hast Du Dora einen Brief geschrieben ? und 
sie auch Deinerseits aufgefordert, wenn irgend moglich in 
Breitenstein zu bleiben? Wenn nicht, so ware es sehr schon, 
Du tatest es ungesaumt und lieBest auch das Fraulein heran- 
schreiben. 

Bei meinem langefn Aufenthalt hier, der mich auf viel 
Arbeiten verweist, habe ich nichts besseres zu tun als den Ro- 
senzweig zu lesen. Ich wiirde Dich herzlich bitten, mir (auf 
meine Kosten) das Buch zu s chicken und wenn moglich, da- 
mit ich ihn als mein Handexemplar zurichten kann, zugleich 
damit ihn mir zu iiberlassen - um auf meine Kosten bei Dei- 
ner Mutter Dir ein Exemplar zu bestellen. 

Das Fraulein bitte ich ganz klaglich um Brotmarken. Ich 
esse hier viel auf dem Zimmer und habe garkeine mehr 
-bald. 



264 



Hier ist das Wetter herrlich, der Neckar trocknet aus und 
die ganze Stadt gliiht. Die Landschaft ist an vielen Stellen 
sudlich. 

In einem Antiquariatskatalog eines hiesigen Geschafts 
fand ich die „Geschichte des Index" fiir 65 M, aber sie war 
nicht mehr da. Dagegen erstand ich hier (zu gutem Preis 
leider) den zweibandigen von der Goethe-Gesellschaft wun- 
derbar herausgegebnen Briefwechsel Goethes mit samtlichen 
Romantikern. 

Herzliche GriiBe an Dich und Fraulein Burchardt 

Dein Walter 
zu Landau 2 gehe ich iibermorgen. 

1 Scholems Vetter Heinz Pflaum (1900-1962), spater Professor der 
Romanistik an der Universitat Jerusalem, Schuler L. Olschkis und 
Gundolfs. 

2 Henryk Landau, ein judischer Philosoph, den aufzusuchen Scholem 
geraten hatte. 



100 An Gerhard Scholem 

Heidelberg, 20. Juli 1921 

Lieber Gerhard, 

die mannigfachen Gaben, mit denen sich hier ein vergniigtes 
Leben fuhren laBt, sind alle gut angekommen: der Riviere, 
fiir den ich Dir sehr danke, und der — ohne daB ich noch den 
Essay iiber Baudelaire gelesen hatte, mich zu meinen Uber- 
setzungen zuriickgefuhrt hat, an denen ich jetzt manchmal 
arbeite. Der Rosenzweig 1 , mit dem ich gestern das Wieder- 
sehen gefeiert habe und neulich Brotkarten, die ein behag- 
liches Gefiihl biirgerlicher Sicherheit gewahren. 

Die verschiedenen Ausstellungen des Fraulein [Burchardt] 
habe ich Dr. Nebbich 2 vorgetragen, der ihnen aber wenig 
Gehor schenkte, weil er mit seiner (Jbersiedelung vollauf 
beschaftigt ist. Er droht namlich fortzufahren und uns ganz- 

265 



lich aus den Augen zu entschwinden, da er einen Ruf als 
Lektor der Nekromantie nach Muri erhalten hat. 

Einen Studenten von dort lernte ich gestern in Gestalt des 
Herrn [Henryk] Landauer (nicht Landau, wie Du mir sag- 
test) 3 kennen. Die Kommilitonen aus Muri zeichnen sich 
durch eine bemerkenswerte Schweigsamkeit aus, wahrend man 
von andrer Seite ihn wieder als etwas redselig kennt. Namlich 
diese Beobachtung stammt von einem jungen Herrn Fried - 
rich PotschuB 4 , einem Bekannten von Frl. Gohn und Ernst 
Schoen, mit welchem ich hier haufig zusammen bin. Wiewohl 
ich durch Dich und Frl. Cohn welche ebenfalls den Landauer 
etwas kennt, ihm ein auBerst giinstiges Vorurteil entgegen 
brachte, hat dies doch nicht verhindert, daB er einen selt- 
samen, schwierigen und nicht durchaus rein erfreulichen Ein- 
druck auf mich machte, von dem ich mir aber nicht genau 
Rechenschaft geben kann. Vielleicht ist eine ofTenbar groBe 
Kranklichkeit an der Kalte schuld, dieerauszustromen schien. 
Irgend ein Urteil kann ich mir jedenfalls nicht erlauben und 
werde wahrscheinlich mit ihm noch einmal zusammen kom- 
men, Er versprach Dir bald zu schreiben. [. . .] 

Gundolf habe ich mir angehort, auch Jaspers — je eine 
Stunde. Und will auch noch Rickert und [Hans] Ehrenberg mir 
vorfiihren - Gundolf erschien mir ungeheuer schwachlich und 
harmlos in seiner personlichen Wirkung, ganz anders als in 
seinen Biichern. Jaspers schwachlich und harmkts in seinem 
Denken aber als Mensch offenbar sehr merkwiirdig und fast 
sympathisch. [. . .] Nun ist er Ordinarius und trat gerade als 
ich ihn horte, sehr anstandig fur Russen und Juden ein, was 
er schon als Privatdozent getan haben solh Beide Mai hat 
mich Pflaum mitgenommen, der sich sehr brav auffuhrt. 

Kiirzlich war ich in Neckargmiind und machte einen lan- 
gen Gang durch das vollig verdorrte Land, in den Stunden ehe 
— seit Wochen — der erste Regen fiel. Das Land hier und be- 
sonders bei Neckargmiind ist noch schoner als ich es mir ge- 
dacht habe. 

Dora schreibt nicht sehr viel. Im letzten Briefe steht, daB 
sie weiter zunimmt und keine Temperaturen hat. Zum Ge- 

266 



burtstag sandte sie ein groBes Opus „Das Erdbeerbuch" voll 
tiefsinniger Malereien und Spriiche. In der letzten Nummer 
def „Kantstudien" steht die Selbstanzeige meiner Disser- 
tation. 

Herzlichen Dank und viele GriiBe an Euch 

Dein Walter 

1 Franz Rosenzweigs „ Stern der Erlbsung", Frankfurt 1921. 

2 Humoristische Selbstbenennung W. B.s. 

3 Die richtige Form dennoch: Landau (starb 1967). 

4 Die richtige Form des Namens : Podszus, (geb. 1899). 



101 An Gerhard Scholem 

25,Juli 1921 

Lieber Gerhard, 

daB Euer f estgefiigtes Haus, das fiir alle frommen Tiere und 
armen Ekul 1 ein weithinsichtbares Asyl in Deutschland war, 
bedroht ist, betrubt mich auBerordentlich. Wie groB die Ge- 
fahr ist, kann man wohl nicht eigentlich absehen. DaB die 
Frau mit ihren Anspriichen auch nur annahernd durchdringt, 
kbnnte wohl nur entweder wenn sie sehr zwingende Rentabi- 
litatsberechnungen einreicht oder bei groBem Risches 2 ge- 
schehen. Aber abgesehen davon ist naturlich ein Vergleichs- 
vorschlag moglich, der fiir Euch immer noch unannehmbar 
sein kbnnte. Ich wage mich also auf die Mbglichkeit, daB Du 
im Winter in Berlin warest wirklich nicht zu freuen, weil es 
gegen Deinen Willen und sicher auch in manchem gegen 
Deine Interessen ware. Kbnnte dies denn nun die Auswan- 
derung des Fraulein Burchardt 3 beschleunigen? 

Bei alle dem f ragt man sich doch immer, was der Angelus 4 
dazu sagt und wundert sich. Ich weiB garnicht ob ich Dir ein 
Wort iiber den „GruB von ihm" sagte. Die Engelsprache hat 
bei all ihrer wunderbaren Schbnheit den Nachteil, daB man 

267 



ihr nicht erwidern kann. Und es bleibt mir nichts, als statt des 
Angelus Dich zu bitten, meinen Dank zu nehmen. 

Bei Weissbach bin ich indessen ein erstes Mai gewesen und 
gehe wieder morgen hin. Es ist recht angenehm. Was sich 
ergeben wird, weiB ich noch nicht. Lederer sehe ich zum 
ersten Male heute Abends im soziologischen Diskussionsabend, 
Auf dem vorhergehenden habe ich den Vorzug gehabt, Herrn 
Ehrenberg zu horen. Zu Rickert und Jaspers habe ich mich 
ins Colleg bemiiht. Der letzte gefiel mir ganz gut (aber ich 
glaube das habe ich schon geschrieben). So weiBt Du auch 
wohl, dafi er Ordinarius geworden ist. Rickert ist grau und 
bose geworden. 

tlber unsere Plane konnen wir ja wohl beide noch nichts 
sagen, also auch hinsichtlich Lewys nichts festsetzen. 5 Es ist 
doch sehr moglich, dafi ich noch einmal nach Breitenstein 
fahre. Dann kame ich wohl wieder iiber Miinchen? 

Nun noch eine kleine Bitte: Um sofortige Zusendung des 
„wahren Politikers". [. . .] Ich habe mich namlich endlich pia- 
nissimo ans Arbeiten begeben und bin wieder auf die Politik 
geraten, zu der ich in den ersten Aufsatz Einsicht nehmen 
muB. Dann denke ich ein biBchen iiber den Vortrag iiber Bau- 
delaire nach, der meine winterliche Vorlesung (in der Ewer 
Buchhandlung?) einleiten soil und der sehr schbn werden soil. 
Heute erhielt ich von Rang ein en Brief, wonach er mannich- 
f ach mit Buber zusammen sitzt. 

Biicher gibt es hier in der Tat kaum zu kaufen. Neulich er- 
warb ich aber den, ersten Teil der Beitrage zur Sektenge- 
schichte des Mittelalters (iiber die Manichaer) von Dollinger 
fur zehn Mark. Sind davon noch weitere Teile erschienen? 

Lebe wohl, griiBe Fraulein Burchardt herzlich 

Dein Walter 



1 Ekul war in W. B.s und seiner Prau Privatsprache das Gegenteil 
eines Ekels, 

2 Jiidisch: Antisemitismus. 

3 Sie ging Anfang 1925 nach Palastina. 

4 Paul Klees Bild „ Angelus Novus", das W. B. erworben hatte. Es hing 
in Miinchen lange bei Scholem, der ein Gedicht darauf gemacht hatte. 
auf das W. B. oft Bezug nahm, Es lautete: 



268 



Gruff vom Angelus 

(Walter zum 15. Juli 1921) 

Ich hange edel an der Wand 

Und schaue keinen an 

Ich bin vom Himmel her gesandt 

Ich bin ein Engelsmann 

Der Mensch in meinem Raum ist gut 
Und interessiert mich nicht 
Ich stehe in des Hochsten Hut 
Und brauche kein Gesicht 

Der ich entstamme jene Welt 
Ist maBvoll tief und klar 
Was mich in Gnmd zusammenhalt 
Erscheint hier wunderbar 

In meinem Herzen steht die Stadt 
In die mich Gott geschickt 
Der Engel der dies Siegel hat 
Wird nicht von ihr beriickt 

Mein Fliigel ist zum Schwung bereit 
Ich kehrte gern zuriick 
Denn blieb' ich auch lebendige Zeit 
Ich hatte wenig Gliick 

Mein Auge ist ganz schwarz und voll 
Mein Blick wird niemals leer 
Ich weiB was ich verkiinden soil 

Und weifi noch vieles mehr 

* 

Ich bin ein unsymbolisch Ding 
Bedeute was ich bin 
Du drehst umsonst den Zauberring 
Ich habe keinen Sinn. 

5 W. B. und Sch. machten Mitte September 1921 ein en mehrtagigen 
Besuch bei Ernst Lewy in Wechterswinkel, wo W. B. seinen Plan einer 
Zeitschrift „Angelus Novus" zur Diskussion stellte. 



269 



102 An Gerhard Scholem 

[Heidelberg, 4. August 1921] 

Lieber Gerhard, 

wenn doch erst iiberall so klar die Weltzusammenhange her- 
vortraten, wie in Dr. Eschas * Lokalchronik in den „Halber- 
stadter Nachrichten". Noch verfiigt Heidelberg iiber kein 
derartiges Organ, doch erhofTt man einen gewaltigen Treff- 
punkt der Intelligenzen von dem hierselbst in den nachsten 
Tagen zu eroffnenden St. Burchardts-Brau (mit dem bekann- 
ten Wappenschild, auf dem ein Hausknecht die Kabbala hoch- 
halt.) 

Sonst aber sind Wunderdinge zu berichten. Meine Wege 
sind geebnet und meinen FiiBen sind die Pfade bereitet. [. . .] 
Lederers, ganz besonders die Frau, die ich sehr schatze, sind 
zu mir entziickend. Zur Feier meiner Anwesenheit werden 
Buchhandlungen und Antiquariate eroffnet. Ein heute eroff - 
netes Antiquariat betrat ich als erster Kunde, man begriiBte 
mich sofort mit meinem Namen. Ich kam um mir schleunigst 
die funf Bande der christlichen Mystik von Gorres, die fur 
100 M im Fenster standen, zu sichern. [. . .] 

Uber alles was Du von der „Kritik der Gewalt" schreibst, 
habe ich mich natiirlich sehr gefreut. Sie erscheint in den 
nachsten Tagen. Soweit ich zum Arbeiten komme, gibt mir 
der nachste, letzte Aufsatz zur Politik zu tun, der wohl viel 
groBer als die bisherigen werden wird. Nun aber werde ich 
bald meine mannigf achen neuen Bekanntschaften hier lassen, 
und, mit den guten Erinnerungen und Hoffnungen die ich 
mitnehme, fortfahren. Namlich zunachst nochmals zu Dora 
nach Breitenstein. Im ganzen erhalte ich. von ihr gute Be- 
richte. Sie schreibt, daB nur die Inanspruchnahme durch Ver- 
wandte sie noch immer gehindert hat, Dir zu schreiben. 

Kann ich Dich etwa vom zehnten bis vierzehnten August 
in Munchen besuchen? bist Du bestimmt dort? Darauf bitte 
ich Dich mir umgehend und bestimmt zu antworten — falls 
Du es bei Erhalt dieses Briefes noch nicht iibersehen konntest, 



270 



wiirde es wohl kaum gehen, weil ich bestimmt disponieren 
muB und fiir dies en Fall moglichst schon friiher als am fiinf - 
zehnten in Breitenstein wiirde eintreffen wollen. Und kbnn- 
test Du Dich auch in diesen Tagen im grofien und ganzen fiir 
mich frei machen? Denn wir brauchen viel Zeit. Wozu - und 
warum unsere nochmalige Begegnung in diesem Sommer 
unerlaBlich ist, wirst Du nun mit Staunen vernehmen. Ich 
habe eine eigene Zeitschrift. Ich werde sie vom ersten Januar 
des folgenden lahres ab bei WeiBbachherausgeben.Und zwar 
nicht die Argonauten (welche soviel ich sehe eingehen wer- 
den). Ohne die geringste Andeutung meinerseits hat mir 
WeiBbach eine eigene Zeitschrift angeboten, nachdem ich die 
Redaktion der „ Argonauten" zuiibernehmenabgelehnthatte. 
Und zwar wird sie durchaus und bedingungslos in dem Sinne 
gestaltet sein, in dem sie mir wahrend vieler Jahre (genau 
seitdem ich im Juli 1914 mit Fritz Heinle zusammen den 
Plan einer Zeitschrift ernsthaft gefaBt hatte) vor Augen ge- 
standen hat. Sie wird also einen ganz engen geschlossenen 
Kreis von Mitarbeitern haben. Ich will alles mit Dir miind- 
lich besprechen und Dir nur den Nam en sagen „Angelus 
Novus". t)ber Deine Mitarbeit, welche soviel ich sehe eine 
Bedingung des Gelingens dieser Zeitschrift (in meinem Sinn) 
ist, will und muB ich Dich sprechen. 

Die Geriichte, welche iiber WeiBbach gehen, sind unrich- 
tig. Ich habe in dieser Zeit gesehen, daB er einen durchaus be- 
stimmten Trieb, wenn auch natiirlich keine Klarheit der Ab- 
sichten hat, und daB dieser Trieb ihn anweist, den Verlag 
kiinftighin auf mich zu stellen. Er wird ebenfalls den Nach- 
laB von Fritz Heinle herausbringen, woriiber ich zuallererst 
mit ihm sprach. Alles was ich erreicht habe, habe ich ohne die 
geringste Anstrengung oder die geringste Gewalt durchge- 
fiihrt, wenn ich mich natiirlich auch sehr intensiv und beson- 
nen gezeigt habe. Die Zeitschrift, so energisch ich den Gedan- 
ken ergriffen habe, ist seiner Initiative entsprungen. Er weiB 
nun aber genau was ich will und vor allem was ich nicht will. 

Wenn ich Anfang September zuruckkomme, will ich zu- 
nachst zu Rang fahren, danach wenn irgend moglich eine 
Zusammenkunft mit Ferdinand Cohrs 2 herbeifiihren, um 



271 



Anfang Oktober mit einem Material, auf Grund dessen ich 
einen ganzen Jahrgang (4 Hefte mit j e 1 20 Seiten) im Groflen 
und Ganzen zusammenstellen kann, in Berlin einzutreffen. 

Noch ist der „wahre Politiker" nicht gekommen. Hast Du 
ihn noch nicht abgeschickt und kommt unsere Begegnung fiir 
Mitte August zu stande, so ist es nicht mehr notig ihn zu sen- 
den. — Kann sie jetzt nicht zu stande kommen, so muB ich sie 
doch fiir Anfang September ins Auge fassen. — Den Brief an 
die Herausgeber des neuen „Buches vom Judentum" 3 erbitte 
ich dringend fiir die Zeitschrift. 

Mit den auBerordentlichsten Hoffnungen griiBt Dich und 
Fraulein Burchardt sehr herzlich 

Dein Walter 

1 Fraulein Burchardt wurde von ihren Freunden Escha genannt. Hire 
Familie stammte urspriinglich aus der Gegend von Halberstadt. 

2 Damals Pfarrer in Niedersachsen, ein Gefahrte aus der Freien Stu- 
dentenschaft. 

3 Das damals von einer zionistisch-sozialistischen Gruppe als Fort- 
setzung des 1913 bei Kurt Wolf erschienenen geplant wurde, aber nicht 
zustande kam. 



103 An Gerhard Scholem 

6. August 1921 

Lieber Gerhard, 

daB der Angelus ausgeflogen ist, wirst Du bemerkt haben. 
Erschrick nicht, er ist in der Wohlgestalt des Fraulein 
Burchardt aus Halberstadt hier niedergefahren und hat eine 
Broche x iiber Weissbach und sein Haus gesprochen. 

Er nahm iiber Wiesbaden sein en Flug, schaute dort in das 
Herz des Herrn Czaczkefs] 2 und sah daB es ihm angenehm 
sei, die „neue Synagoge" 3 im Herzen des „Angelus" zu 
erbauen. 

Nun habe ich den Angelus in das erste Cafe am Platze ge- 
fiihrt, wo er umgeben von den Ententediplomaten Nektar 

272 



und Ambrosia schliirft, den ich ihm ausgesucht habe. Heute 
abend findet zur Feier der Ankunft im St. Burchardtsbrau 
eine groBe Protestversammlung statt, wo der Engel iiber das 
Thema sprechen wird „ Vier Wochen unter tiirkischen 4 Ange- 
lologen". 

PS Der Engel bittet, nicht gleich zu Herrn von Kahr 5 zu 
rennen und nichts in die „Miinchner Neusten" zu setzen. Er 
kommt audi ohne dai3 „ Alles Vergeben" ist, zuruck. 

1 Hebraisch : Segensspruch. 

2 Agnons urspriinglicher Familienname. 

3 Eine von Scholem iibersetzte Erzahlung. 

< Scholem wohnte in Miinchen in der Tiirkenstrafie. 
5 Von der bayrischen Heimwetir. 



104 An Gerhard Scholem 

4.0ktober, 1921 

Lieber Gerhard, 

Dir und Fraulein Burchardt wiinsche ich zugleich zum neuen 
Jahre wie zur neuen Wohnung Gllick. [. . .] 

Gern wiiBte ich wie der Engel sich zumNeujahr verhalt. 

Der Sinn des Patenkindes denkt und fragt 

Ob er wohl nickt und mit den Fliigeln schlagt? 

Aus mancher giinstigern Wendung hier entnehme ich, daB 

sein Kommen nun nicht mehr lange auf sich warten laBt. 

Dora zwar geht es — zum mindesten gesundheitlich - noch 

nicht gut. Die Operation ist nicht ganz glatt verlaufen und 

macht eine hausliche Nachkur notwendig. Mein Vater ist vol- 

lig wunderbarerweise geheilt und wird wohl bald aufstehen. 

Ferner ist von zwei groBen Ereignissen der letzten Tage zu 

bench ten, in deren eines Du auf eine etwas schwierige Weise 

eintrittst. Dein Gesprach mit Dora Hiller * hat namlich einen 

hageldichten Friichtesegen gezeitigt — und zwar auf meinen 

Kopf . [. . .] Bei meiner nachsten Zusammenkunft mit [Erich] 

Unger, als wir iiber den Angelus sprechen wollten, schickte er 

273 



eine Frage liber mein Verhaltnis zu Goldberg mit der Bemer- 
kung voraus, daB das seinige zu jenem das nachste sei. Dabei 
lieB er auf alle Weise durchblicken, daB er die Wahrheit so- 
zusagen wisse und nur die rein formale Erklarung, ich stehe 
Goldberg „ indifferent" gegeniiber, erwarte. Ich aber, der seit 
meinen Erfahrungen in Wechterswinkel keinen derartigen 
Abgrund mehr sehen kann, ohne aus Angst hinein zu sprin- 
gen, verdarb — zu meinem und seinem Entsetzen-alles. Kurz, 
der Bruch war vollkommen. Dora, die im Gegensatz zu mir 
sofort die Prestigenatur dieser ganzen Angelegenheit er- 
kannte, hat dann in einem diabolisch klugen Gesprach mit 
Unger meine Abneigung durch private Idiosynkrasien erklart 
und die Sache gerettet. Wie ich in Wahrheit stehe, weiB 
Unger naturlich nach dies em Gesprach noch besser als vorher, 
hat aber die ihm erwiinschte Beschwichtigung seines Ge- 
wissens. 

[...] 

Das andere Ereignis ist der Besuch den Wolf Heinle vom 
Sonnabend bis heute bei uns machte. [. . .] Der genauere Ein- 
blick, den seine Erzahlungen uns in sein Leben in Goslar ge- 
geben haben, hat uns gezeigt, daB wir den besten Teil davon 
nicht kannten. Dieser laBt sich kurz so bezeichnen, daB die 
Topferei (keramische Arbeit) mit der er sich in hochst ange- 
strengter Arbeit ernahrt seinem Leben einen nicht nur 
auBerlichen sondern innern Anhalt gegeben hat, von dem aus 
es sich sehr bestimmt gestaltet. Auch scheint der EinfluB 
seiner Frau - oder zum mindesten der seiner Ehe — auf ihn 
gut zu sein. Man kann seine Lage vielleicht am besten so aus- 
driicken, daB man sagt, ihm sind vor bestimmten klaren Fra- 
gen der Lebensgestaltung alle andern Fragen und Beschafti- 
gungen zuriickgetreten. Er schreibt augenblicklich fast nichts, 
doch scheint mir, was ich von den letzten Sachen sah, sehr 
gut zu sein. Von sein en wie seines Bruders Sachen hat er eine 
groBe Distanz, sie beschaftigen ihn, so bestimmt seine Stel- 
lung zu ihnen ist, jetzt wenig. Alles dies sind fur die auBer- 
liche und innerliche Verstandigung gute Voraussetzungen 
und so hoffe ich, soweit er mir nicht Freiheit lafit, mich mit 
ihm einigen zu konnen. In diesem Sinne ist der Anteil von 

274 



seinen und seines Bruders Sachen an der Zeitschrift sowie 
meine Herausgabe von Fritz Heinles NachlaB besprochen 
worden. Sein letzter Brief vom August scheint sich zum groB- 
ten Teil aus Widerwillen gegen den Titel zu erklaren, dessen 
Beziehung er nicht kannte, der ihm nun aber sehr lieb ist. 
Immerhin war im Gesprach fur uns alle groBe Behutsamkeit 
und Nachsicht notig. 

Das erste Heft nimmt langsam Gestalt an. Ich will nun 
den Prospekt in den nachsten Tagen abfassen. Hierzu ist es 
mir sehr unerlaBlich zu wissen, welchen von den unter uns 
besprochenen Gegenstanden Du zuhachst anzugreifen ge- 
denkst. Es waren die Klagelieder, das Buch Jona und die 
Wissenschaft vom Judentum. Auch wie der Titel der zweiten 
Agnonschen Novelle genau heiBt. 

Ernst Blocb ist am Mittwoch und auch sonst nicht gekom- 
men. Er schrieb einen Brief, der zwar durchaus nicht einer 
Absage gleichkommt, aber ausfuhrt, daB er augenblicklich 
nur den Umgang mit einfachen Menschen vertriige und ge- 
reizt begriindet, warum er mich nicht zu jenen zahlt. Auch 
hier will Dora durch einen Brief helfen. 

Wir hoff en bald von Dir zu horen, wie es Euch geht. Auch 
der Redakteur laBt um Nachricht bitten und fiigt untertanige 
GriiBe an den Doctor daemonicus bei. 

Dein Walter 

1 Der damaligen Verlobten und spateren Frau von Oskar Goldberg, 
die versucht hatte, Scholem fiir dessen Kreis zu gewinnen. Es kam dabei 
zu einem groi3en Krach. 



105 An Gerhard Scholem 

9.0ktober 1921 

Lieber Gerhard, 

mir bleibt, Deinem Wunsche und meinem Vorsatz zum Trotz, 
nichts xibrig, als Dir Rangs Arbeit iiber die „Selige Sehn- 



275 



sucht" * zu senden. Die Frage, ob sie in die Zeitschrift aufzu- 
nehmen sei, ist eine so schwierige und hier am Anfang so 
wichtige, daB Du sie nicht auf strafliche Unklarheit bei mir 
wirst schieben wollen, wenn ich Dir kurz gesagt habe wie 
ich und wie Dora zu dieser Arbeit stehen. Und wenn ich Dich 
bitte, bitten muB, sie zu lesen, so nur insofern als es notwen- 
dig ist urn die Frage zu beantworten, die sich auf den folgen- 
den Urteilen aufbaut. Cbrigens ist das ganze schlieBlich in 
zwei Stunden gelesen und Du wirst sie eriibrigen konnen, 
wenn Du weiBt, daB hier nicht an Dich der Anspruch einer 
„Mitredaktion" vorliegt, sondern der Rat, den ich brauche, 
um in einer selten schwierigen Frage mit Dir in einem Sinne 
vorzugehen. Das heiBt also, daB ich Deinem Rat in dieser 
Sache jedenfalls folgen werde. 

Mein Urteil iiber die Arbeit ist in Kurze: 
I. Die Sprache ist unertraglich bezw. voll Abgeschmackt- 

heiten 
II. Was er iiber das Gedicht sagt, das sagt er — anders als 

der echte Kommentar es tut — vielfach auf Kosten des 

Gedichts 

III. Sehr Wesentlichem, dem eigentlich Dichterischen, an 
diesem Gedicht wird er nicht voll gerecht 

IV. Er wird auch wesentlichen Seiten an diesem 2 nicht 
gerecht 

V. Die Arbeit enthalt sowohl iiber das Gedicht wie insbe- 
sondere iiber die Bedeutung des Divan als Gesamt- 
werk auBerordentlich tiefe, sehr wesentliche und bis- 
her meines Wissens niemals geahnte Einsichten. Was 
darin iiber Goethes Religion steht halte ich fur voll- 
kommen wahr 
VI. Die gnostizistische Metaphysik die als Gehalt im 
Hintergrund der Arbeit steht und als Form in ihrem 
Vordergrund lehne ich ab. 
Was ich nicht zu erkennen vermag und worin der wesent- 
liche Grund meiner Unklarheit liegt ist die Frage: ist die 
Problematik, welche in der Sprache liegt (und hier viel sicht- 
barer als im Gehalt ist) von uns (Dir und mir) aus noch als 
diskutierbar zu betrachten? Wenn sie natiirlich uns auch in 



276 



gewissem Sinne fremd ist und besonders Dich nicht angeht. 
GewiB darf und mufi ich audi Dinge bringen, denen ich in 
letzter Hinsicht verneinend gegenuberstehe wenn sie in sich 
bestandhaft und hochbedeutend und rechtzeitig sind — wenn 
sie nicht in einer undiskutierbaren Weise sich dem Leser zu 
imponieren such en. Denn diesen Ton des nicht -zu-diskutie - 
renden, schlechtweg diktatorischen oder imponierenden kann 
ich freilich nur — allenfalls — bei AuBerungen leiden, die ich 
bis ins letzte vertrete (und die werden ihn kaum haben, viel- 
leicht nur in der Kunst wo es etwas anderes damit ist.) 

Was die obige Kritik von Rangs Arbeit angeht, so ist Dora 
mit ihr einig, nur schrankt sie die Anerkennung des Positiven, 
die ich darin gebe, sehr ein. Jedoch steht fur mich die hohe 
Bedeutung der Arbeit in dem genannten Sinne fest. 

Das Problem dieser Arbeit ist iibrigens — sachlich ange- 
sehen — nicht ohne weiteres das der Mitarbeit von Rang. Denn 
nur das Thema und der Radikalismus sind hier das Kritische. 
Ob es aber personlich angesehen dies nicht doch ist, ist natur- 
lich eine andere Frage, die ich fiirchte, etwa bejahen zu 
miissen. 

Ins erste Heft mochte ich sie keinesfalls setzen. 

Ich schlieBe mit der dringenden Bitte, die paar Stun den zu 
lesen und mir zu schreiben bald zu eriibrigen, weil ich in kur- 
zer Zeit Rang schreiben muB. 

Donnerstag war Steinschneider 3 bei uns und gefiel uns 
ganz gut. Dora hat einen etwas groBen Eindruck auf ihn 
gemacht. "Dbrigens geht es ihr, besonders gesundheitlich in 
den letzten Tagen merklich besser. 

Wir griiBen Dich und Fraulein Burchardt herzlich 

Dein Walter 

1 Spater im 1. Jahrgang der Zeitschrift „Neue Deutsche Beitrage" 
(Heft 1, 1922) gedruckt. 

2 An dem Gedicht selber. 

3 Gustav Steinschneider (geb. 1899), ein Freund Scholems. 



277 



106 An Gerhard Scholem 

[27.0ktoberl92l] 

Lieber Gerhard, 

wirklich hast Du das schwere Amt wohl ausgefiillt und daf Iir 
herzlichen Dank! Mein nach Deinem Brief noch wahrendes 
Schweigen geht auch keineswegs auf ein tlberdenken seines 
Inhalts zuriick, sondern auf teils auBere, teils innere Anlie- 
gen, die mich vom Schreiben abhielten. Daf iir gedenke ich die- 
sem Brief an kleinen Berliner Nachrichten mitzugeben, was 
man sich nur denken kann. 

Zunachst also bestatige ich Deine Meinung verstanden zu 
haben und war auch auf Interpretation nicht angewiesen, weil 
sie sich, besonders in den redaktionell wichtigen Stiicken mit 
der meinigen deckt. Denn was in dieser Hinsicht fur mich 
entscheidet ist freilich die — gleichsam pathologische — Ange- 
wiesenheit auf Diskussion in dieser Arbeit. Ich werde sie also 
nicht bringen und habe auch schon dies von f ernem dem Autor 
angekiindigt. Ich hoffe sehr, daB das zu keinen verhangnis- 
vollen Auseinandersetzungen fuhrt. Denn erstens wird meine 
Ablehnung sich so wenig wie moglich prinzipiell zeigen und 
zweitens habe ich doch irgendwie Erich Gutkinds Stimme, 
die bei Rang nicht ohne Gewicht ist, fur mich, drittens konnte 
es sein, daB in gewissen Dingen der Vorfall mit [Henri] 
Borel 1 seine Selbstsicherheit auf eine heilsameY? eise erschiit- 
tert hat. - Borels Kommen steht, nachdem sein Briefwechsel 
auch mit Gutkinds eine kritische Phase durchgemacht hat 
ziemlich unmittelbar in Aussicht — nach Beendigung des hie- 
sigen Kellnerstreiks. 

DaB Du den verdienten hohen Rang in der Angelokratie 
bekleidest, will sagen, in den geplanten Botschafterposten am 
Hofe des Genies 2 durch Ernennung rechtskraftig eingesetzt 
werdest, liegt in Deiner Hand. Denn daB hierbei die Maxime 
waltet, daB Botschafterposten nur von ordentlichen offent- 
lichen Mitarbeitern 3 eingenommen werden konnen, durfte 
Dir bekannt sein. Man erwartet also im Ministerium des 
Innern Deine Schrift um sie mit den besten Empfehlungen 

278 



an das des Auswartigen dann sogleich weiterzugeben. — Soviel 
zur Beforderungsfrage. Zur Frage, ob Du von den Obliegen- 
heiten niederer Funktionen sogleich kannst entbunden wer- 
den ist zu bemerken, daB — wie Prof. Ostwald 4 bekanntlich 
nachgewiesen hat - keine Angelegenheit endgiiltig und zu- 
standig in Abwesenheit des zugeordneten Engels zu stande 
gebracht werden kann. Die Redaktion wird sich also nicht vor 
Ankunft des Titular -Engels selbstandig entschlieBen konnen. 
Wir hoffen sehr daB er noch zur Zeit ankommt, um ein fur 
Escha Burchardt geplantes Paket hierselbst zu segnen. 

(Auch soil er in Geburtstagsgeschenken fur den cand. 
schnor. eine gliickliche Hand haben). 

Dora wird denke ich ein paar Worte heranschreiben. Ihr 
Befinden in der letzten Zeit war wechselnd. Augenblicklich 
scheint es ganz gut zu sein. Vielleicht schreibt sie Dir bald 
einmal ausfiihrlicher, doch weiB ich das nicht. 

Mit Orpheus S. Fischer und mir hat es durch einen spaB- 
haften geschaftlichen Umstand, der meinen Vater und ihn 
betrifft, eine unerwartet gute Wendung genommen, indem 
ich heute fur die Gauguin-Bilder zu „Van Zantens Insel der 
VerheiBung" 5 , will sagen fiinf, sechs Stunden Beschaftigung 
damit, zweitausend Mark bekommen habe. Es gab dazu eine 
harte, interessante Sitzung, von der es schade ist, daB ich sie 
Dir nicht vorspielen kann. 

Warst Du schon bei Meyrink? 6 Ich meinerseits habe Holz- 
manns Vetter [Julian] Hirsch und den Bildhauer Freundlich 
aufgesucht, den dritten der von ihm genannten besuche ich . 
morgen. Die beiden ersten sind Ehrenmanner kommen aber 
fur den Angelus nicht in Frage. Otto Freundlich nicht durch 
seine erstaunliche Unreife, Hirsch dagegen iiberhaupt in gar 
keiner Weise. Sein Buch iiber die „Genesis des Buhmes" 7 ist 
mit einer ziemlichen Menge Stumpfsinn ausgestattet. Da- 
gegen hat Freundlich gute Ideen. An Lewy habe ich vor lan- 
gerer Zeit einen sehr guten Brief, der etwas milder war als 
der, den ich in Deiner Gegenwart erwog, abgeschickt. Darauf 
bekam ich eine Antwort, die zwar fiir seine Verhaltnisse sehr 
gemaBigt und friedfertig im Ton, in der Sache jedoch unwei- 
gerlich rechthaberisch war und seinerseits meine Unterwer- 

279 



fung zur Bedingung des ferneren Brief wechsels machtc. Dar- 
auf schweige ich natiirlich. Von Hirsch, der ihn gtU kannte, 
erfuhr ich nebst vielem, was meine Anschauung von ihm und 
besonders seiner Frau bestatigte, die hbchst interessanle Ge- 
schichte des Endes seiner Universitatslaufbahn, welches seine 
Frau zu verantworten hat. 

[Erich] Unger ist bereit mitzuschreiben, doch habe ich den 
in Aussicht gestellten Beitrag, einen Aufsatz den er vor ein 
oder zwei Jahren schrieb, noch nicht. In nachster Zeit beab- 
sichtigt er, den 50 Minuten-Doktor von Erlangen zu machen. 

Dein Walter 

1 Niederlandischer Autor (1869-1953) und Autoritat in Sinologie: 
enger Freund Rangs und Gutldnds. 

2 Bei Felbt Noeggerath. 

3 Am „Angelus Novus". 

4 Wilhelm Ostwald, uber desstfn Philosophie sich W. B. gern mo- 
kierte. 

5 Ein bei S. Fischer erschienener Roman von Laurids Bruun (1864 bis 
1935). 

6 Gustav Meyrink hatte Scholem nach Starnberg eingeladen. 

7 Erschien 1914. 



107 An Gerhard Scholem 

[8. November 1921] 

Die Poesie ist, wie billig, dem Urbild *, einige Prosa aber dem 
Abbild 2 zu widmen. Der Verleger schwelgt in Vaterfreuden, 
wahrend ich mich kaum Mutter fiihle. Er berechnet den Ge- 
burtstag seines Jiingsten auf Januar 1922, wahrend ich aus 
Mangel an kraf tiger Nahrung jeden Geburtstag in Frage 
ziehe. Kraftige Prosa vor allem fehlt. 
Bisher habe ich fur das erste Heft 

Aus dem Nachlafi von Fritz Heinle 

Gedichte u. a. von Wolf Heinle 

Karneval von Rang 3 

280 



Synagoge von Agnon 

Aufgabe des "Obersetzers von mir 

Von alien ausstehenden Arbeiten ist die Deinige, dem- 
nachst die zweite Erzahlung von Agnon 4 bei Weitem das 
Wichtigste. Da es mir nun nach genauer Erwagung garni cht 
moglich ist, die Ankiindigung der Zeitschrift 5 eher zu verfas- 
sen, als ich das erste Heft in allem Wesentlichen vor mir sehe, 
so bedeutet das, daB ich notgedrungen auf das warte, was von 
Dir kommt. Denn da ich in jener Ankiindigung nicht grund- 
satzlicher als durchaus notwendig ist, sprechen will, so kann 
ich nicht anders als mich explicit oder implicit auf Vorliegen- 
des beziehen, was nur moglich, wenn es mir ganz gegenwar- 
tig ist. 

Mir ist es in der letzten Woche durchaus nicht gut gegan- 
gen; ich habe mit Depressionen, die wie es scheint mehr und 
mehr periodisch erscheinen in aller Form zu kampfen aber 
gottseidank keineswegs aussichtslos. Eben bin ich mal wieder 
entschieden dabei, aufzutauchen, weilmir, dringender Arbeiten 
halber, garnichts anderes ubrig bleibt. Ich habe meine Kritik 
der Wahlverwandtschaften abzufassen, die mir gleich wichtig 
als exemplarische Kritik wie als Vorarbeit zu gewissen rein 
philosophischen Darlegungen ist — dazwischen liegt was ich 
darin iiber Goethe zu sagen habe. 

Rosenzweig habe ich wieder etwas aufgenommen und er- 
kannt, daB dieses Buch dem Unvoreingenommenen freilich 
seiner Struktur nach, die Gefahr es zu iiberschatzen notwen- 
dig nahe legt. Oder nur mir? Ob ich selbst wenn ich es zum 
erstenmale ganz durchgelesen habe es schon werde beurteilen 
konnen ist mir noch fraglich. 

Ich bitte Dich herzlich, Dich auf irgend eine Weise so ein- 
zurichten, daB ich in absehbarer Zeit dasjenige was ich am 
notigsten brauche von Dir erhalten kann und es mich bald 
wissen zu lassen. 

Mit den herzlichsten GriiBen an Dich und Fraulein 
Burchardt Dein Walter 

PS Fast hatte ich vergessen zu erzahlen, daB Lehmann 6 und 
ich ein groBes Wiedersehen gefeiert haben und daB in den 

281 



Vorlesungen, wo ich war, alles im alten Stil, der mir eigent- 
lich zu meiner Freude jetzt scheerbartisch erscheint, begonnen 
hat. 

Der Scholem schickt den Angelus 

Nicht an den Ort wohin er muB 

Der Gerhard denkt in seinem Groll 

Da£ er an diesen Ort nicht soil 

Die Escha tut auf sein GeheiB 

Als ob audi sie von garments weiB 

Denn in dem Zimmer dieser Dame 

1st er bef estigt als Reklame 

Da nennt der Angelus sich Engel 

Und fliichtet schnell aus solchem Zwengel 

Denn er verweilt nicht in den Buden 

Von abgefeimten Zauber- Juden 

Zu der Behausung der Stefanze 7 

Verfugt er sich in seinem Glanze 

Man bettet ihn auf Rosenzweigen 

Doch lieber wird er schwebend bleiben 

1 Dem Bilde Klees, das an W. B. verschicH werden sollte. 

2 Der Zeitschrift desselben Namens. 

3 „Historische Psychologie des Karnevals", erschien spater in der 
„Kreatur". 

4 „Aufstieg und Abstieg", von Sch. iibersetzt. 

5 Schriften II, S. 275-279. 

6 Walter Lehmann, der Ordinarius in Berlin geworden war. 

7 W. B.s Sohn Stefan. 



108 An Gerhard Scholem 

27. November 1921 

Lieber Gerhard, 

neulich kam das neue Heft des Juden 1 - per Post, und zwar, 
wie hier verbreitet wird, weil dem Angelus der Aufsatz iiber 
Kunsterziehungsfragen so schwer wiegend schien, daB er das 

282 



Heft nicht nehmen wollte. Mir aber, der ich seine unerreich- 
bare Gebardensymbolik nicht nachahmen kann, muBt Du ge- 
statten, es schlicht und recht eine sublime Infamie zu nennen, 
daB Buber einen Aufsatz, der an sachlichem Gehalt (und Wis- 
sen) zum mindesten doch wohl alles was bisher im „Juden" 
stand erreicht, einer Backfischfaselei von Fraulein Bileam 2 
nachstellt. Damit wird sich der Jude meine Freundschaft 
nicht erwerben, ebensowenig werden es — und wenn ich dar- 
iiber mit mir selbst zerfallen miiBte — seine Abonnenten und 
am wenigsten die Autoren, die sich schafartig so etwas gefal- 
len lassen. 

Ferner wurde Solnemann der Unsichtbare 3 bei uns sicht- 
bar. Sehr schon ware es, wenn er dies audi durch Doras Hilfe 
in England wiirde, aber dies ist immerhin noch vollig 
ungewiB. 

Der Angelus hat hier den Platz iiber dem Sofa bekommen, 
alle haben sich sehr mit ihm gefreut. Wie bisher verschmaht 
er es, Einfliisterungen — nach Art der Orakel — zu geben. 
Daher sind wir in Betriibnis und Ratlosigkeit wegen des Ge- 
burtstagsgeschenks verfallen, da wir seinem Aufenthaltsort 
nicht Unehre machen diirfen. Vielleicht hat er im Buche 
Rasiel 4 etwas dariiber geschrieben. 

Auch sonst gibt es Bedenken, iiber die er vielleicht garni cht 
weghilft. Namlich was Rangs Mitarbeit und ganze Stellung 
zu mir, ja selbst sein eigenes Ergehen betrifft, so macht es 
mich sehr bedenklich, daB nach Ankiindigungen an Gutkinds 
auch seine Shakespeare-Arbeit (die er seinerseits noch neben 
dem Karnevals aufsatz, den ich dafiir angenommen habe in 
der ersten Nummer sehen will) wieder auf Christus hinaus- 
lauft. Ich erwarte sie in den nachsten Tagen. Mit groBerer 
Freud e aber erwarte ich die Agnonsche Geschichte. Und wie- 
weit ist die Ubersetzung des Buches Bahir 5 , das vorlaufig fiir 
mich nur ein Retardierendes Moment ist? 

Dann habe ich noch zu berichten - und auch dies hat der 
Angelus erfahren — daB ich mich zwar verschwiegen doch 
nicht wenig mit einer kleinen Anspielung auf meine „Auf- 
gabe des Ubersetzers" freute, die ich in der urspriinglichen 
Fassung Deiner „Lyrik der Kabbala" zu finden glaubte, und 

283 



zwar in den Worten, daB die wahren Prinzipien der "Qber- 
setzung schon „oft genug" seien aufgestellt worden. Diesen 
Wink mit dem Grashalmchen habe ich in dem „Juden" nicht 
mehr gefunden. 

Der Wasserflasche meine Reverenz. Aber ehe sie sich mir 
niitzlich erweisen kann, muB es [!] noch wer weiB wie lange 
die Maschine und Fraulein Burchardt fur mehrere scheme 
folgende Briefe in, Begeisterung versetzen. Ich, ohne so be- 
giinstigenden AnlaB, werde die meinigen vom Akademie- 
sekretar von Muri, einem wahren Solnemann, an sie richten 
lassen. 

Mir geht es inzwischen ganz gut. Nur habe ich keine Rune 
ehe ich meine Arbeit uber die Wahlverwandtschaften nicht 
fertig habe. Darinnen findet die rechtskraftige Aburteilung 
und Exekution des Friedrich Gundolf statt. 

Viele herzliche GriiBe an Euch auch von Dora 

Dein Walter 

PS Der Umgang mit Bloch ist, sehr vorsichtig, wieder auf- 
genommen worden. Natiirlich macchiavelinisch. Die vollstan- 
dige Korrektur vom „Miinzer" wurde mir neulich bei seinem 
ersten Besuch hier iiberreicht und ich habe zu lesen begonnen. 

1 Mit einem sehr langen Aufsatz Sch.s „Lyrik der Kabhala?", der aus 
Griinden der Raumersparnis in Petit gesetzt war. 

2 Ironisch statt Biram. 

3 Der Roman von Adolf Frey, den Sch. an W. B. geschickt hatte. 

4 Ein kabbalistisches Buch iiber Angelologie. 

5 Der Gegenstand von Sch.s Dissertation (erschien in Leipzig 1923). 



109 An Gerhard Scholem 

[2.Dezember 1921] 

Lieber Gerhard, 

vorliegender Gluckwunschbrief wird mit dem Segen des 
Angelus und unter lauter Akklamation der unterworfenen 

284 



Volkerschaften, die meinen Schreibethron umgeben, begon- 
nen. Dieselben namlich unterstehen neuerdings meiner Auf- 
sicht, seitdem sie samtlich in der Garderobe des ethnologischen 
Instituts zu Muri zu ihrer allgemeinen Zufriedenheit ange- 
siedelt word en sind. (S. Schriften der Akademie Muri „Ein 
neues Siedelverf ahren" .) Endlich komme auch ich selbst als 
Gratulant ernsthaft in Frage, was ich durch die Beigaben 
und herzliche Wunsche auszuweisen hoffe. Diese betreffen 
zunachst die gliickliche Beendigung des Bahir an welchem ich 
einem freundlich wedelnden Schwanzchen gleich,dasSumma 
cum laude zu sehen hoffe. Ferner gliickliches Ergehen, und 
Gedeihen der dem Angelus als Lehnsherr unterstehenden 
hebraistischen Saatf elder. Endlich Milderung des gottverges- 
senen und erbarmungslosen Regimentes iiber Stadt und Volk 
von Halberstadt auf dai3 es nicht eines Tages mit Stumpf und 
Stil den Tyrannen treffe. 

Das beiliegende Buch, hoffe ich, ist das gewunschte, wel- 
ches Dir damals in die Hande gefallen ist. Dagegen ist die 
„Symbolik der Rose" wegen welcher ich neulich anfrug 
erstens Dir wohl niemals vor Augen gekommen und war 
zweitens bereits verkauft. Abgesehen davon, dafi „Selam" 
wohl das Gewunschte war — das ich nur neulich nicht fand 
und daher mit der Rosensymbolik verwechselte — macht es 
mir auch einen bessern, ja guten Eindruck — ein wenig im Stil 
der von France zitierten Buchlein oder Walzerchen. So mochte 
ich einmal meine Sachen gedruckt sehen. 

Wohl oder libel muB ich in den Dingen des Angelus mehr 
und mehr auf den Beistand falscher Freunde und des Erz- 
feindes zahlen, da die wahren mir sehr viel Kummer machen. 
Rangs hochst umfangreiche Shakespeare -Arbeit ist vor kur- 
zem gekommen und scheint sich sehr schwierig anzulassen. 
Das erste Heft soil — wenn nicht Komplikationen mit dem 
Autor diesen Plan vereiteln - die „historische Psychologie 
des Karnevals" bringen. 

Herzlich Dich und Escha griiBend 

Dein Walter 



285 



Liebes Fraulein Burchardt, * 

ich habe Sie in dem Brief an Gerhard audi griiBen lassen, 
damit er nicht merkt, daB ich Ihnen besonders schreibe. Fur 
heute auf Ihren letzten Eilbrief nur soviel : Drahten Sie (im 
auBersten Falle) „Antiochus Epiphanes" und ich bin sofort 
zur Stelle. 

Herzlichst Ihr Walter Benjamin 

1 Dies auf der Mitte der nachsten Seite des Brief es. 



110 An Gerhard Scholem 

[17. XII. 1921] 

Lieber Gerhard, 

da der groBer und immerhin rechtzeitiger Beschenkte wohl 
den Anfang mit dem Dank machen muB, so bin ich davon be- 
troff en und melde also Fraulein Burchardt und Dir wie sehr 
ich mich mit Agnons Erzahlung gefreut habe. Ihr dichteri- 
scher Gehalt scheint mir so groB, wie der der letzten Ge- 
schichten iiberhaupt — und wo mein Wissen nicht mehr aus- 
reicht, namlich was die Frage der Ubersetzung angeht, so soil 
der Angelus, der die Sache vor Urzeiten im Himmel gelesen 
hat, wo sie Agnon aus der Tasche verloren hatte, in seinem 
unhorbaren Nigen 1 vor sich hingesungen haben, daB sie gut 
sei. Vielleicht tut dies der Angelus aber auch nur auf 
Grund seiner stadtbekannten Beziehungen zu dem Fraulein 
Burchardt. 

Uber ein anderes, kurzlich ihm gewidmetes Manuscript 
denkt er weit weniger gut und bringt mich wieder einmal in 
die Verlegenheit, seinen verschwiegensten Gedanken meine 
Stimme leihen zu miissen. Es ist Rangs Shakespeare -Arbeit, 
oder vielmehr ein Auszug, der aus 8 Ubersetzungen mit Kom- 
mentar besteht. Wenige Proben die ich machte, schienen mir 
ein kategorisches Urteil oder mindestens eine unverhiilltere 
Aussprache so dringend zu fordern, daB ich zum weiteren 

286 



Studium noch nicht den Mut gefaBt habe. Ich suche dies urn 
so mehr zu verschieben, als Rang — wegen vollig chimarischer 
Aussichten auf Kultur- oder Schul -Arbeit, von denen er 
glaubt, dafi die Quaker sie ihm erbffnen, gegen Weihnachten 
vielleicht herkommen wird und meine prinzipielle — und viel- 
leicht geradezu zur Trennung fiihrende Auseinandersetzung 
mit ihm, aller bisher auf gewendeten Vorsicht zum Trotz 
nicht mehr zu vermeiden sein wird. Ein gewisser Ruckhalt, 
der das Schroff e ausgleicht, wird wohl bei Erich Gutkind zu 
firiden sein. 

Sonst betrifft noch die Zeitschrift meine Arbeit iiber die 
Wahlverwandtschaften, die sehr langsam, fast allzu behut- 
sam vorriickt, aber schlieBlich zu meiner Erleichterung doch 
eines Tages wohl vorliegen wird. Sie kreuzt sich gerade mit 
der Beschaftigung mit Baudelaires Leben, der ich mich jetzt 
etwas zu wend en muB. Denn es ist Aussicht vorhanden, daB 
ich im Laufe des Winters in einer Buchhandlung (vielleicht 
bei Reuss und Pollak) die oftgeplante Vorlesung aus den 
Ubersetzungen halten kann und dabei will ich den Gedichten 
einen Vortrag iiber den Dichter vorausschicken, in dem ich 
die groBte Exaktheit mit einigen wesentlichen Andeutungen 
unter absolutem AusschluB von Tiefsinn verbinden will. 

Kiirzlich wohnte ich einer selten mifigluckten und selten 
interessanten Vorlesung bei: In einem Hause in der Bendler- 
straBe hatte sich eine Bourgeois-Familie aus wer weifi welchen 
Griinden zum Vortrag die Person eines HerrnLyk 2 verschrie- 
ben. Das unmogliche Publikum dabei bildeten auBer einigen 
obligaten Bourgeois vor allem: [. . .] Martin Gumpert, einige 
junge Damen aus dem wilden Westen Berlins. Herr Lyk, ein 
unbestreitbar schizophrenes Talent ist bekannt (bei solchen, 
die dies ihrerseits nicht sind) als eine wissensschwangere, 
geisterkundige, weltgereiste [i] und vollkommen esoterische 
Personlichkeit im Besitze aller Arkana. Er diirfte nicht viel 
weniger als 45 Jahre zahlen. Konfession, Herkommen und 
Einkommen bleiben noch zu ermitteln, und ich bin nicht 
faul. Dieser Herr, der sich als ein ins Verhungerte, Toten- 
kopfhafte und nicht durchaus Reinliche verhextes „ Genie" 
(Felix N.) beschreiben lieBe, sprach mit der Haltung (nicht 

287 



aber Stimme*) eines Aristokraten aus dem alten „Simplizissi- 
mus" iiber — Verschiedenes, De omnibus et quibusdam magi- 
cis. Das Debacle war vollkommen. Nach einer Stunde hieB 
man diesen schweigen. Nach einer weitern halben sprach nie- 
mand mehr mit, kaum jemand von ihm. Und nun kommt das 
Merkwiirdige an der Sache. Was dieser Mann sagte war hochst 
beachtenswert, ab und zu fraglos wichtig und in jeder Hinsicht, 
selbst wennfalsch, wesentlich. AHerdings auBerst unbeholfen. 
Es war — wie es schien — sozus^.^en sein Lebenswerk und ob er 
noch viel langer als jene Stunde hatte reden kbnnen, weiB ich 
nicht. Ein Denker schien er leider nicht zu sein. 

Zwei furehterlicheSalonlowen, wie ich solche blutdiirstiger 
nie gesehen, [. . .], sturzten sich iiber ihn und zerrissen ihn 
vollig. Die Brutalitat des erstern war selbst in Anrechnung 
seines Psychiaterberufs frappant. 

Mit Lyk hat es nun auBer allem sonstigen die merkwiirdige 
Bewandtnis, daB, wie ich aus gewissen Hinweisen zu behaup- 
ten vermag, ich in ihm hochstwahrscheinlich auf die letzte 
Quelle einiger und zwar der nicht a priori dummen oder un- 
saubren, sondern nur (und dies freilich a priori) der Ab- 
stumpfung und Verunreinigung ausgesetzten Theoreme des 
Goldbergkreises gestoBen bin. Der Mann ist sozusagen eine 
Generation alter, scheint seinerseits wiederum von jenen 
(wenigstens heute) eine groBe Distanz zu halten und abge- 
sehen davon deutet auf seine Rolle dabei noch sonst Person- 
liches und Sachliches (der „Ungersche u Gedanke einer neuen 
Volkerwanderung) hin. Als der Betreffende ganzlich kaltge- 
stellt zuletzt gegen den Ofen gelehnt saB, ging ich in weiser 
Erwagung alles diesen, zu ihm und ergriindete seine Adresse. 
Demnachst wird es sich zeigen was ich, oder was gar der 
Angelus von ihm zu erwarten hat. 

Woriiber er iibrigens sprach laBt sich nur andeuten : iiber 
die herrschende Bedeutung des Melos in der Sprache. Er las 
auch merkwiirdige Gedichte vor. 

[. . .] 

Dora fragt oft, wann man Dich sehen wird und da nun 



* Seine Stimme ist sehr schon. 
288 



zwischen Miinchen und Berlin kein neuer Engel dahinfahrt, 
sondern neue Schlafwagen, so wirst Du selbst erscheinen 
miissen: 3 

Dein Walter 

1 Hebraisch: Melodic Die Erzahlung Agnons ist gedruckt in „Der 
Jude" VIII (1924), S. 38-57. 

2 Der Deutschbalte Hugo Lyck, uber den Hans Bluher, „Werke tmd 
Tage", Miinchen 1953, S. 22-24, naher bericbtet bat. 

3 Hie* folgen Zeichnungen, Scholem und Escha Burchardt darstel- 
lend. 



Ill An Gerhard Scholem 

Lieber Gerhard, 

Liebes Fraulein Burchardt, 

l.X. 1922 

zum neuen Jahre wiinsche ich Euch von Herzen Gutes. Das 
alte ist nicht voriibergegangen ohne die verborgensten Be- 
furchtungen einzulosen. Denn als wollte er ein letztes Mai 
beweisen, ein wie guter Jude er ist, hat der Angelus mit dem 
Abschied des gestrigen Tages den seinen verkiindet. Er hat 
sein altes Haus am kleefarbenen Himmel bezogen, und der 
Ehrenthron des Redaktors in meinem Herzen steht leer. Bei- 
folgend der Vorspruch des Leichenbitters : „Den Satz fiir den 
Angelus muBte ich vorlaufig einstellen lass en, weil man mir 
— dem im Druckgewerbe seit kurzem eingefiihrten Verfahren 
gemaB - einen sehr groBen VorschuB abverlangte. Das Unger- 
buch, aus dem ich groBere Einnahmen haben werde, wird erst 
in vier Wochen fertig. Ich hoffe, dann tiber die notwendige 
Summe verfiigen zu konnen ..." Das bifichen Flunkerei, 
unter dem hiermit sein Erdenleben verflackert, verrat, was 
audi an diesem Wesen unzulanglich. — Ihr seid die ersten, 
denen die Nachricht zukommt. So sehr ich f urchte, daB Agnon 
die Nachricht ungiinstig aufnimmt, so sicher glaube ich auf 
eine Amnestie durch Escha hoffen zu diirfen. Ich selber fuhle 
mich durch diese Wendung der Dinge wieder in die alte Ent- 
schluBfreiheit zuriickversetzt. Indem ich nun weiterhin (so- 



289 



fern das noch in Frage kommt) mich mit der Zeitschrift nur 
befassen werde, falls dies mit anderen Vorhaben nicht zu- 
sammenstoBt, lasse ich vorderhand alle Arbeit daran ruhen, 
wahrend ich Weissbach mit drohendem Schweigen begegnen 
werde. Derselbe scheint von dem Vorgeben, meinen Baude- 
laire erscheinen zu lassen, noch immer nicht ablassen zu 
wollen. 

Viel ernster als dies scheint, was ich von Wolf Heinle hore, 
der nun schon dreiviertel Jahre bettlagerig — an Tuberkulose 
wie sich nun ergibt — keine Hoffnung und keine Mittel hat. 
Ich halte ^es fur sehr fraglich ob er wieder gesund wird. Auch 
Dir wird in kurzem eine Liste zugehen, die ich im weitesten 
Kreise meiner Bekannten vorlege, um ihm Geld zur Ver- 
fiigung zu stellen. Ob sonst fur seine Heilung etwas Wirk- 
sames geschehen kann, ist sehr schwer zu sagen, 

Heute abend sind wir bei [Moses] Marx. l Sein Prospekt 
betreffs der hebraischen Incunabeln kam neulich — Dora 
unterstiitzt ihn bei dessen Ubersetzung ins Englische. Auch 
ich bin mit Buchern - und nicht nur eigenen — beschaftigt, 
indem ichneuerdings einigeZeit auf intensivesBuchersuchen 
mit anschlieBendem Verkauf verwende. Das kleine Andachts- 
buch, das ich fur 35 M in Heidelberg kaufte, habe ich hier 
bei Schbnlank fur 600 M verkauft. Neulich fand ich eine 
Erstausgabe von Nestroy fur 10 M, die ich aber behalte. 
Vorlaufig fallt bei diesen Sachen noch nicht genug ab und 
da die Angelegenheiten mit meinen Eltern noch durchaus 
uniibersichtlich liegen, so ist unsere Lage schlecht. Bei Gut- 
kinds scheint sie katastrophal zu werden. Da es mit seiner 
Mutter noch immer beim Alten ist, so hat Erich sich vor 
einigen Tagen entschlossen, um das Geld fur den Haushalt 
irgendwie zu beschaffen, Stadtreisender fur Margarine zu 
werden. Ich konnte nicht umhin diesen EntschluB mit dem 
meinigen (aus den ersten Augusttagen 1914) zu vergleichen: 
zur Kavallerie zu gehen. Seine Lage ist nicht zum Scherzen. 
Aber wenn das gliicken soil, so muB der liebe Gott mit ver- 
kauf en. 

Wie unschon sticht von meinem ausfuhrlichen Schreiben 
der karge Text Deines letzten Briefes ab. Und auch die 

290 



Gliickwunschkarte die soeben kommt, und fur die ich schon- 

stens danke, ist lakonisch. Glaubst Du, ich gabe nicht etwas 
darum, die Frankfurter Zeitung iiber Blochs Buch 2 zu ver- 
nehmen? und [Robert] Eisler liber die Papste?. und die Escha 
iiber die Zigaretten. Vielmehr ersuche ich sie dringend den 
verlorenen GroBherzogen 3 nachzuspiiren, wozu nicht ich son- 
dern nur sie als deren Absenderin in der Lage ist. — Biicher- 
jagden hast Du, lieber Gerhard, nicht gemacht. Und Kritiken, 
als da jene iiber Ungers Schrift 4 , gibst Du audi nur miBver- 
gniigt und plarrend. Und meine Wahlverwandtschaftenarbeit 
hast Du zu lesen womoglich noch nicht einmal begonnen, 
wahrend hier GroB und Klein sie zu erwarten behauptet. Ich 
suche einen neuen Verleger. Ihre Publikation konnte den 
Anfang machen. 5 WeiBt Du einen Rat? 
Lebt beide wohl. Seid herzlich gegriiBt.' 

Euer Walter 

1 Agnons Schwager und damals Besitzer einer bedeutenden hebriiischen 
Sammlung. Er gab einen Thesaurus der hebraischen Incunabeln heraus. 

2 „Thomas Miinzer", Munchen 1921. Die dort veroffentlichte, negative 
Kritik stammte von Siegfried Kracauer. 

3 Offenbar eine Tabak- oder Zigarettensorte. 

4 Erich Ungers von W. B. eingeschickte Broschiire „Uber die staats- 
lose Bildung eines jiidischen Volkes", Berlin 1922. 

5 Sie erschien in den „Neuen Deutschen Beitragen" II (1924/25); jetzt 
„Schriften« I, S. 55 ff. 



112 An Florens Christian Rang 

Berlin, 14. 10.22 
Lieber Christian, 

Dein Brief ware nicht so lange ohne Antwort und vor allem 
ohne innigen Dank geblieben, wenn seine Ankunft nicht in 
Tage gefallen ware, die fur alles was er beriihrt sehr belang- 
reich sind. Seit ungefahr einer Woche ist mein Schwieger- 
vater - veranlafit durch unsere hochst schwierige Situation - 
bei uns um mit meinen El tern zu verhandeln. Mein Vater 

291 



hatte vor einiger Zeit erklart, jede weitere Unterstlitzung an 
die Bedingung zu binden, daB ich in eine Bank gehe. Ich habe 
das abgelehnt und damit stand der Bruch bevor, als, durch 
meine Mutter hergerufen, mein Schwiegervater eintraf . Seit- 
dem verhandelt er mit mein en Eltern, den en ich meinerseits 
zugestanden habe, fur meinen Erwerb tatig zu sein, jedoch 
unter der doppelten Bedingung, daB dies erstens in einer 
Weise geschieht, die mir die kiinftige akademische Laufbahn 
nicht versperrt, d. h. also auf keine Weise als kaufmannischer 
Angestellter, zweitens, daB mein Vater mir sogleich ein 
Kapital auszahlt, mit dem ich mich an einem Antiquariat 
beteiligen kann. Denn ich bin gewillt, die Abhangigkeit von 
meinen Eltern, die sich bei deren ausgesprochner Kleinlich- 
keit und Herrschsucht sowohl fur mich als auch besonders fur 
Dora zu einer alle Arbeitskraft und Lebenslust verschlingen- 
den Tortur ausbildete, unter alien Umstanden zu beenden. In 
den vergangenen Wochen habe ich nicht ohne Erfolg kleinere 
Geschafte mit Biichern gemacht und muB eben, wenns nicht 
anders geht dies so geschickt und so viel als moglich weiter- 
fiihren, in dem ich derweilen meine Habilitation beschleunigt 
zu bewirken suche, damit wir nicht vollig entbloBt dastehen 
ehe dieser Termin der Habilitation, zu welchem meine Eltern 
dann hochst wahrscheinlich eine Verstandigung suchen wtir- 
den, erreicht ist. Die Verhandlungen haben einen schleppen- 
den Gang, so daB wir auf das schlimmste gefaBt sind. So 
unqualifizierbar die Gesinnung meiner Eltern, deren Ver- 
mogensumstande zur Zeit sehr gut sind, ist, ebenso auBer- 
ordentlich ist die Entschiedenheit, mit der meine Schwieger- 
eltern nicht nur moralisch sondern, trotz ihrer beschrankten 
Mittel auf nachdruckliche Weise auch finanziell uns zur 
Seite stehen. — Da Du in Deinem letzten Briefe unsere Zu- 
kunftssorgen Dir zu eigen gemacht hast, so kann ich Dir 
also, anschlieBend an diesen Bericht, naher antworten. Den 
Plan einer Leihbibliothek habe ich wohl iiberdacht. Dabei 
ergaben sich wie mir scheint zwei Moglichkeiten : entweder 
ein solches Institut im Westen oder eines in einer andern 
Stadtgegend zu griinden. Im Westen ist die Konkurrenz vom 
Kaufhaus und besonders von Amelang, mit der niemand 

292 



konkurrieren kann, das Kapital, welches dazu erforderlich 
ware, ware immens. Was aber das kleinere Publikum sowohl 
des Westens (Schoneberg u. s. w.) als besonders der andern 
Stadtgegenden betrifft, so fragt es - die Durchsicht vieler 
solcher kleinen Bibliotheken, die ich bei meinen Einkaufs- 
runden vorgenommen habe, beweist es — nur nach Courths- 
Mahler, und wenns hoch kommt, Rudolf Herzog. Hier ware 
gar kein Feld, den Spiirsinn und die Kenntnis von Biichern 
zu entfalten, sondern es hieBe ein Heringsgeschaft auf- 
machen, mit dem einzigen Unterschied, daB eine Leihbi- 
bliothek des kleinen Manns erstens mit einer vielleicht nicht 
guten Konjunktur, zweitens mit der Konkurrenz derjenigen 
Papiergeschafte zu rechnen hat, die in den armern Vierteln 
solche Leihbibliotheken sich angegliedert haben. — Mir 
scheint, wie ich mir die Sache hin und wieder wende, der 
Antiquariatshandel bei weitem die meisten Aussichten zu 
bieten. Was das Lokal angeht, so habe ich ganz im Sinn 
Deines Vorschlags dabei an die Angliederung an eine ge- 
wohnliche Buchhandlung oder ein Antiquitatengeschaft, 
jedenfalls an einen schon bestehenden Laden gedacht. Mit 
Erich [Gutkind] habe ich diesen Plan noch nicht besprochen, 
weil ich durch die Anwesenheit meines Schwiegervaters an 
den Grunewald gebunden bin. Dagegen habe ich ihm friiher 
schon die Grundziige eines solchen Planes vorgelegt, zu einer 
Zeit, als er sich von andern Wegen, die inzwischen sich als 
ungangbar fur ihn erwiesen — wer konnte glauben, daB Erich 
sich zum Stadtreisenden eignet! - mehr versprach. 

Bei alledem befasse ich mich eifriger als je mit der Prii- 
fungderHabilitationsaussichten.Denn jestarrsinniger meine 
Eltern sich zeigen, desto mehr muB ich auf meinen Ausweis 
off entlicher Anerkennung, der sie zur Ordnung ruft, bedacht 
sein. Wiewohl bei diesen neuen Erwagungen Heidelberg 
nicht mehr im Vordergrunde steht, werde ich doch anfang 
November dorthin gehen, um GewiBheit zu holen. Auf die 
Einkehr bei Euch freue ich mich naturlich sehr. Wenn sich 
— wie es fast den Anschein hat — unter Umstanden meine 
Chancen auBerhalb des Bereichs der reinen Philosophie ver- 
bessern konnten, so werde ich auch die Habilitation f iir neuere 

293 



Germanistik ins Auge fassen. — Von Weissbach weiterhin 
keine Nachricht. Ich habe mir im Stillen ein ultimatum fur 
den Baudelaire bestimmt, wenn er dies verfehlt entziehe ich 
ihm denselben. Hoffentlich kann ich bald iiber neue Ankniip- 
fungen berichten. Dem Angelus aber bitte ich Dich um 
seiner Ankiindigung willen ein freundliches Gedachtnis zu 
bewahren. Ich jedenfalls werde es so halten: diese nicht ge- 
schriebne Zeitschrift konnte mir nicht wirklicher und nicht 
lieber sein, wenn sie vorlage. Heute aber — und wenn Weiss- 
bach mit einer fertigen Druckerei zu mir kame — wiirde ich 
sie nicht mehr machen. Denn die Zeit wo ich ihr Opfer zu 
bringen gewillt war ist voriiber. Und allzuleicht wiirde sie 
das Opfer der Habilitation erfordern. Vielleicht kann ich 
den Angelus einmal in Zukunft erdwarts fliegen sehen. Fur 
den Augenblick jedoch ware mir eine eigne Zeitschrift nur 
als privates und von mir aus sozusagen anonymes Unter- 
nehmen moglich und hier wiirde ich Deiner Initiative willig 
mich unterordnen. — Gelegentliche Mitarbeit bei Hofmanns- 
thal ware mir iibrigens durchaus genehm. Die Einleitung 
zum NachlaB Heinles, mit dessen Erscheinen ich natiirlich 
auch nicht mehr recline, ist immer noch meine einzige Arbeit. 
Aber die Vorarbeit neigt sich zum AbschluB und die Abfas- 
sung kann nicht mehr als einen Monat erfordern. 

[...]■ 

Mit den herzlichsten GriiBen von uns beiden 

Dein Walter 



113 An Gerhard Scholem 

Braunfels im Lahntal, 30. Dezember 1922 

Lieber Gerhard, 

im Grunde bin ich wieder einmal mitten auf einer Aben- 
teuerreise. Zum mindesten ist ziemlich bewegt was hinter 
mir liegt. Aber ich habe hier (bei Rang) zum Schreiben nicht 
sehr viel Zeit — auch laBt sich alles weit besser erzahlen. 

294 



Mein Befinden ist gut, in jeder Hinsicht. Freilich weiB ich 
nicht, ob ich Grund dazu habe. Aber gegen meine Gewohn- 
heit sehe ich letzten Endes zuversichtlich drein. Nicht etwa 
— fern sei es — weil der Angelus erscheinen soil. Man schamt 
sich, es zu sagen, aber zu leugnen ist es nicht, daB ich in 
Heidelberg die Korrektur meiner Ankiindigung gelesen 
habe. Und dies ist vorderhand alles. Ferner habe ich in Hei- 
delberg Erfahrungen gemacht, die mich eine Habilitation 
dort vorlaufig nicht ins Auge fassen lassen. Lederer hat mich, 
nach dem ersten Besuch, den ich ihm im Seminar machte, 
nicht mehr eingeladen. Sicher nur, weil er aus Zeitmangel 
nichts fur mich tun konnte. Er weiB vor Geschichten nicht, 
wo ihm der Kopf steht. Aber ebenso schief ist das andere 
geraten. Namlich ich habe im Kreise von Marianne Weber 
(als sich ganz unerwartet mir die Moglichkeit bot, dort zu 
sprechen, mich entschlieBen miissen, das erste beste zu tun 
und) einen Vortrag iiber Lyrik gehalten: die Gedanken des 
Aufsatzes vorgetragen, der mich seit dreiviertel Jahren be- 
schaftigt. Dafiir habe ich eine Woche fast Tag und Nacht 
gearbeitet und die Arbeit im Entwurf zu Ende gefiihrt. Aber 
der Vortrag prallte ab. Ich mache mir daruber keine Vor- 
wiirfe, denn: wollte ich iiberhaupt hervortreten, so war nichts 
anderes zu tun. Meiner Arbeit hat es genutzt. — Die Habili- 
tationsaussichten sind auch dadurch erschwert, daB ein Jude, 
namens [Karl] Mannheim, sich dort bei Alfred Weber vor- 
aussichtlich habilitieren wird. Ein Bekannter von Bloch und 
Lukacs, ein angenehmer junger Mann, bei dem ich verkehrt 
habe. 

Von Frankfurt schriftlich nur soviel, daB ich [Franz] 
Rosenzweig aufgesucht habe. Sei es, daB Du es mir nicht oder 
nur beilaufig gesagt hattest, sei es, daB es Dir noch unbe- 
trachtlich schien, ich erfuhr erst durch s ein en Brief und 
gleichzeitig durch einen Dritten, daB er sehr schwer krank 
ist. Die Lahmung hat das Sprachzentrum ergriffen, so daB er 
nur mehr sehr schwer verstandliche Wortfragmente heraus- 
bringt. Seine Frau, die ich sehr schon finde, versteht und 
iibersetzt sie. Ich konnte nur ungefahr dreiviertel Stunden 
bleiben. (Gegen Ende meines Besuches kam Herr [Eugenl 

295 



Rosenstock, der mit seinem Eindruck den Ruf bekraitigte, 
der den Gestalten des Patmos-Kreises * vorausgeht. Man sagte 
mir, Rosenzweig hatte vor einigen Jahren dicht vor der Kon- 
version gestanden; Rosenstock sei sein genauester Freund, 
was iibrigens audi seine Frau sagte. — Und da ich schon ein- 
mal in dem Exkurs 2 bin, so gehort vielleicht hierher der Hin- 
weis auf den ersten Aufsatz im letzten Heft der Fackel 3 „Vom 
groBen Welttheaterschwindel", ein Aufsatz, bei dem mir 
Horen und Sehen vergangen ist. Dir steht das gleiche bevor.) 
Gut. Ich sprach mit Rosenzweig vom EinfluB seines Buches, 
seiner Bedeutung, seinen Gefahren; er ist geistig vollstandig 
klar, nur machte es das Gesprach schwer, daB ich iiberall die 
Initiative geben muBte ohne das Buch entsprechend genau zu 
kennen. Dann aber brachte er das Gesprach mit ziemlicher 
Vehemenz auf Dich. Differenzen bei Eurer letzten Ausein- 
andersetzung 4 scheint er nicht verwunden zu haben und Dich 
als feindliche Instanz anzusehen. Als er zuletzt in mir ganz- 
lich verborgenen Zusammenhangen auf Deine Stellungnahme 
oder Dein Verhalten (ich weiB es nicht) in der Sache der 
Kriegsdienstpflicht kam, muBte ich aus Zeitmangel das Ge- 
sprach abbrechen. Indessen wiinschte ich wohl, trotz allem, 
Rosenzweig wieder zu sehen. Man sagte mir, seine Krankheit 
sei spinale Kinderlahmung 5 und in kurzer Zeit letal. Ich weiB 
nicht, ob das wahr ist. 

Seit vorgestern bin ich hier und erhole ich mich so gut ich 
kann. In einigen Tagen fahre ich nach Wien und Breiten- 
stein. 

Mit herzlichen GriiBen Dein Walter 

1 Die Autoren des Patmos-Verlages in Wiirzburg, von denen einige 
der profiliertesten konvertierte Juden waren. 

2 Uber Konversionen. 

3 In No. 601-7, in der Kraus iiber seine Konversion schrieb - gelegent- 
lich der Mitteilung seines Austritts aus der Kirche. 

4 Scholem hatte Rosenzweig im Fruhjahr 1922 besucht, und es war 
dabei zu einer sehr leidenschaftlichen Auseinandersetzung iiber R.s 
Deutschjudentum gekommen. 

5 Es war eine besonders schwere Form der Lateralsklerose. 



296 



114 An Gerhard Scholem 



Breitenstein, 1. Februar 1923 



[. . .] Von mir ist wirklich nicht Gutes zu berichten. Meine 
Bemiihungen in Frankfurt scheinen, nach einem undurch- 
dringlichen Schweigen aus dieser Gegend zu schliefien, eben- 
falls nicht aussichtsreich. Ich weiB nicht, ob ich Dir schrieb, 
dafl Dr. [Gottfried] Salomon unter nicht ungiinstigen Auspi- 
zien meine Dissertation und die Wahlverwandtschaftenarbeit 
Prof. Schultz 1 ubergeben hatte. [. . .] Zu alledem hat die Un- 
moglichkeit in Deutschland zu verbleiben zugenommen und 
die Aussicht von dort fortzukommen sich in nichts verb ess ert. 
Hier bin ich allzusehr auf blofie Erholung und Nichtstun 
beschrankt, als daB ich mir durch irgend eine intensive Arbeit 
die Trubnis dieser Ansichten fernhalten konnte. Sowie ich 
zuriick bin nehme ich die Einleitung zum NachlaB wieder auf 
mit dem etwas bitteren Gefiihl, sie im gegebenen Augenblick 
des Abschlusses in meinen Schreibtisch zu versenken. Dann 
werde ich noch meine Habilitationsschrift verfassen und nach 
neuen vergeblichen Bemiihungen eines Tages weder um 
Publizistik noch Akademik mich kiimmern, und wo auch 
immer ich sein werde, Hebraisch lernen, wobei doch endlich 
auf jeden Fall irgend etwas fur mich herauskommen wird. 
Soweit es bei diesen Aussicht en moglich ist, bleibe ich ruhig 
und im Wesentlichen selbst zuversichtlich. Mein nachster 
Wunsch aber bleibt, die Wohnung bei meinen Eltern auf- 
geben zu konnen. 

DaB Du bald nach Palastina gehst macht mich naturlich 
sehr sehr betriibt 2 . Mein Schwager 3 ist in Wien eben von dort 
zum Besuch gekommen. 

Dein Walter 

Lieber Gerhard, 

vor zwei Stunden bekam ich die Nachricht, daB Wolf Heinle 

gestern nachmittag, am 1 . Februar, gestorben ist. 

1 Franz Schultz (1877-1950). 

2 Scholem ging im September 1923 nach Jerusalem, nach dem er in 

297 



Berlin und Frankfurt den grofleren Teil des Jahres mit W. B. zusam- 
men gewesen war. 

3 Viktor Kellner, der Bruder von Dora Benjamin, Mitbegriinder des 
Dorfes Benyamina in Israel. 



11 5 An Florens Christian Rang 

Breitenstein, 4. Februar 1923 

Lieber Christian, 

ich darf mich mit der traurigen Nachricht, die ich zu geben 
habe, kurz fassen: am Donnerstag, den ersten Februar nach- 
mittags ist Wolf Heinle gestorben. Nahres von seinem Tode 
weiB ich noch nicht. Doch weiBt Du ja, wie sehr ich mit ihm 
rechnen muBte. Was ich verlor, das zu ermessen kennst Du 
mein vergangnes Leben genau genug. Er und sein Bruder 
waren die schonsten Jiinglinge, die ich gekannt habe. 

Herzlichst Dein Walter 



116 An Florens Christian Rang 

24.2.23 

Lieber Christian, 

unsere letzten Briefe sind die kreuz die quer an einander 
vorbei gereist. Ich hatte so viel zu berichten und vielleicht 
auch man dies zu sagen. Es ist gut, dafl wir uns nun bald 
sehen. Ich stehe da, wo ich wieder einmal alien Mut brauche 
urn den Kopf oben zu behalten, mein Weg ist weniger sicher 
als ich es wunsche und dazu die Widrigkeiten des auBern 
Lebens, die manchmal wie Wolfe von alien Seiten kommen, 
man weiB nicht, wie man sie abhalten soil. Und dazu der 
Tod: das Sterben der wenigen Menschen, an denen man, 

298 



trotzdem es inkommensurabel ist, die Mafistabe fur das eigne 
Leben hatte. Kiirzlich las ich bei Poe — die Stelle ist mir 
nicht zur Hand — im Beginn einer Novelle - ungefa.hr dies : 
daB es ein Denken gibt, das nicht Sophismus, ein Bilden, das 
nicht abbilden, ein Handeln, das ohne Rechnen ist, gibt, 
irgendeinige wenige Werte, bei denen es mir blendend ins 
Gedachtnis trat, daB diese Menschen, deren Gedachtnis an- 
einanderbindet, was fur mich so lange sie, so lange einer 
lebte, sehr getrennt war, wirklich wie aus einer andern Welt 
getreten in ihrer Jugend, die sie nicht uberlebt haben, lebten. 
Und so wie es einen unverkennbaren und klassischen Aus- 
druck von Schonheit vielleicht bei Frauen gibt, so sage ich 
mir manchmal von diesen beiden Jiinglingen, daB es nieman- 
den, der ein Wissen von adeligem Leben in sich tragt, ge- 
geben haben sollte, den hier nicht der erste Blick gelehrt 
hatte, daB es dort besteht. 

Wolf Heinle hat Deinen Brief nicht mehr gelesen, er kam 
am Tage vor dem Tode und er war schon zu schwach, als daB 
er ihm hatte vorgelesen werden kbnnen. Ich aber werde ihn, 
wenn ich in Gottingen bin, dankbar lesen. Als sollte jene, 
seine ganz windschiefe Stellung zu dem heutigen Leben sich 
noch am letzten Tage ausdriicken, so traf eben an ihm die 
einzige groBere Geldsendung 90 000 M von einem Menschen 
ein, der damals (zur Zeit der Jugendbewegung) seinem Bru- 
der nahe stand. 

Der Termin der geplanten Zusammenkunft liegt, wie Du 
nun wohl schon meiner Heidelberger Karte entnommen hast, 
fiir mich sehr giinstig. Ware es am achten oder neunten Marz 
in Frankfurt (nicht in GieBen) so ware mir das sehr lieb. Ich 
danke Dir fiir Deine Aufforderung (welche ich durch Dora 
heute mit der Fruhpost erhielt) und was in meinen Kraften 
stent' und sich mit der schuldigen Zuriickhaltung, die wir 
heute vor dem Schicksal, das sich ubermachtig und verderb- 
lich ankiindigt, vereinbaren laBt, will ich gerne beitragen 
[sic]. Freilich — diese letzten Reisetage durch Deutschland 
haben mich wieder an einen Rand von Hoffnungslosigkeit 
gefiihrt und mich in den Abgrund sehen lassen. 

299 



Herzliche Wiinsche fiir Helmuth. l Und an Euch, Dich 
und Deine Frau, die herzlichsten GriiBe. 

Dein Walter 

1 Helmut Rang, gei>. 1897, Sohn von Florens Christian Rang. 



117 An Florens Christian Rang 

Berlin, 2. 4. 23 

Lieber Christian, 

iiberall in Berlin hort mans wispern von Deinem und Bubers 
Kommen und nur wir gehen unter soviel Nachrichten leer 
aus. Wir rechnen nun mit Deiner Ankunft, gemaB Deiner 
Nachricht an Ottos 1 , fiir die zweite Aprilwoche und freuen 
uns auf sie. Hier wirst Du ein wunderbares Ding finden, 
namlich neue Druckbogen des Baudelaire, der also offenbar 
nach transzendentalen ZeitmaBen zu erscheinen beginnt. Bei 
den ungeheuerlichen Erfahrungen, welche man mit Ver- 
legern machen muB, gentigt so etwas bereits (leider!) um ihm 
ein Gran der alt en Sympathie zuriickzugewinnen. Cassirer 
hat jetzt in der Tat nach dreimonatlichem Studium meine 
Wahlverwandtschaftenarbeit zuriickgegeben. Er wird sie - 
wegen technischer Schwierigkeiten - nicht drucken. Immer- 
hin bin ich noch nicht verzweifelt, sie an den Mann zu 
bringen. 

Vor ein paar Tagen bekam ich das Protokoll. DaB dieses 
vervielfaltigt und versandt wird, wuBte ich garnicht und 
— offen gestanden - warum es geschieht, ist mir nicht ein- 
leuchtend. Ist doch das einzig Wesentliche solcher Zusam- 
menkunft wie der in GieBen, das lebende Wort von Mund zu 
Mund auf so primitive Weise nicht festzuhalten. Und streift 
man mit dieser Promulgationsform nicht an so Vieles, was 
man zu vermeiden gedachte, indem die Verbreitung dieser Pro- 
tokolle j a bald auf unkontrollierbaren Wegen vor sich gehen 
wird. So waren mindestens meine AuBerungen in GieBen 

300 



nicht gemeint - ich scheue in dergleichen Dingen diese Art 
der Offentlichkeit, aus Uberzeugung. Soil auch von dieser 
GieBner Zusammenkunft dasProtokoll vervielfaltigt werden, 
so bitte ich Dich sehr, was mich angeht es bei der Konstatie- 
rung meiner Anwesenheit bewenden zu lassen — ohnedies 
habe ich nicht viel Belangreiches geauBert soviel ich mich 
erinnere. 

[. . .] Den Jiirg Jenatsch, den ich mir von Dir lieh, habe 
ich mit groBem GenuB fast schon zu ende gelesen. Das Buch 
fesselt, auf seinem hohen Niveau, mich mit der Kraft, mit 
der See- oder Indianergeschichten als Junge auf mich wirk- 
ten. Ich bewundere an ihm die Sauberkeit und Zuriickhal- 
tung, die es einer meisterhaften Zeichnung ahnlich machen. 
Ob freilich nicht eine Spur falscher „Renaissance" hie und 
da an den Partien haftet, die das Historische sehr nahe be- 
riihren, mochte ich nicht entscheiden. 

[. . .] Bis dahin herzlichste GriiBe an Dich und Deine Frau 
von uns beiden. 

Dein Walter 

1 Mit Gutkinds befreundetes Architelctenehepaar. 



118 An Florens Christian Rang 

Berlin [28. 9. 23] 

Lieber Christian, 

ich will versuchen, unsern Briefwechsel dem Schicksal des 
Einschlafens, dem hier alles bis zum furchtbaren Erwachen 
verfallen scheint, zu entziehen. Mein langes Schweigen legt 
naturlich auf seine Weise auch Zeugnis von dem Elend ab, 
in das auch wir mehr und mehr hineingerissen werden. Den 
schwerern Teil hat zunachst Dora zu tragen, vom ersten 
Oktober an wird sie eine Stelle bei einem amerikanischen 
Journalisten annehmen und also tagsiiber gebunden sein. 
Was mich betrifft, so liegt die Aufgabe, mich in Frankfurt 

301 



durchzusetzen, audi nicht leicht auf mir. Es handelt sich 
darum, eine Arbeit, deren StorT refraktar und deren Gedan- 
kenentwicklung subtil ist, zu forcieren. Ich weifi noch nicht, 
ob es mir gelingt. Auf alle Falle bin ich entschlossen ein 
Manuscript anzufertigen, d. h. lieber mit Schimpf und 
Schande davongejagt zii werden als mich selbst zuriick- 
zuziehen. Ich habe audi die Hoffnung nicht aufgegeben, daB 
in dem so sichtbaren Verfall der Hochschulen man iiber man- 
ches hinwegsehen konnte, um einen in gewisser Hinsicht 
willkommnen Dozenten zu gewinnen. Aber die Verfalls- 
erscheinungen wirken auf der andern Seite auch lahmend. 
Fest stent, daB dieser intensive Versuch, von Deutschland 
aus eine Briicke fur mein Fortkommen zu schlagen, mein 
letzter ist, und daB, wenn er scheitert, ich werde schwimmend 
mein Heil versuchen mussen d. i. mich im Ausland irgendwie 
durchzuschlagen, denn weder Dora noch ich konnen dieses 
Abbrockeln aller Lebenskrafte und Lebensgiiter langerhin 
ertragen. In der GroBstadt zumal sieht man es tagtaglich zu- 
nehmen. So sind die Verkehrsmittel in unsrer Gegend fast 
vollig fortgefallen und Dora hat, schon um ihrer Stellung 
willen, versuchen mussen, fur uns eine Stadtwohnung zu er- 
halten. Der letzte Monat ist iiber den Bemiihungen dafiir 
hingegangen; augenblicklich liegt die Sache beim Woh- 
nungsamt. - Heute traf die letzte Korrektur meines Baude- 
laire ein, der, wenn er herauskommt, bis auf weiteres wohl 
unter den letzten deutschen Publikationen sich befinden 
diirfte, denn alles was mit dem Buchgewerbe verbunden ist, 
siecht dahin. Natiirlich wird auch dies Buch eine Luxusaus- 
gabe mit geringer Auflagehohe. Ich habe daran gedacht, wie 
die Aussichten fiir die Neuen deutschen Beitrage sein mogen. 
Ich bin nunmehr in jeder Hinsicht bereit, mich, sei es durch 
Dich, sei es selbst, mit dem Manuscript meiner Wahlver- 
wandtschaftenarbeit an Hofmannsthal zu wenden und er- 
warte Deine Vorschriften. — Scholem ist vor zwei Wochen 
nach Jerusalem abgefahren, wo er wohl iiber kurz oder lang 
eine gesicherte Stellung an der Bibliothek haben wird. 

Gern wiirde ich denken, daB in Eurer Zuriickgezogenheit 
die Tage besser und gut dahingehen und welche Nachricht 

302 



Ihr aus Davos habt. An das Schicksal der Schrift, die Du in 
Frankfurt verlasest, denke ich bekiimmert. Es ist wohl aus- 
sichtslos, daB sie gedruckt wird. Auch wirst Du wissen, daB 
Bubers Sammelscbrift, fur die ich meinen Aufsatz umgear- 
beitet hatte, nicht erscheint. Ich klammere mich an den Ge- 
danken einer Privatzeitschrift in unserm friihern Sinn fest, 
ohne irgendwo die Moglichkeit der Verwirklichung zu sehen. 
Manchmal denke ich die „Nacht da niemand wirken kann" 
ist schon eingebrochen. 

Bitte laB bald ein paar trostliche Worte horen und sei herz- 
lich gegriiBt mit Deiner Frau von Dora und deinem Walter 



119 An Florens Christian Rang 

7. Oktober 1923 

Lieber Christian, 

bei taglich wachsender Beklemmung war es sehr trostlich, 
daB endlich so aufmunternde und ausfuhrliche Nachricht von 
Dir kam. Von Deinem Manuscript 1 erwarte ich weiter neue 
Belebung. Mit dessen Gedanken habe ich die merkwiirdige 
Erfahrung gemacht, daB nirgends ihre von mir versuchte 
Mitteilung positiv ergriffen wurde, vielmehr eigentlich un- 
verstanden blieb. Ich glaube zwei Griinde dafiir annehmen 
zu diirfen: erstens daB heute iedes geistige Unternehmen und 
jedes so begriindete wirtschaftliche, das sich die Erhebung 
Deutschlands vorsetzt, bei denjenigen, die mit wahrem Be- 
wuBtsein die letzten zehn Jahre hier durchlitten haben, mit 
einem bosen Omen behaftet zu sein scheint; zweitens daB 
die Voraussetzung Deiner Forderung in der Tat personliche 
Bindungen, will sagen durchaus gemeinsam erfahrene Not 
einschlieBt. Vielleicht, ja wahrscheinlich, wird Deine ur- 
spriinglichere Gedankenentwicklung manchen uberzeugen, 
bei dem meine Vermittlung versagen wurde. Ob und wie ich 
meine Beischrift abfassen kann, will ich Dir mitteilen, wenn 

303 



ich Deine Schrift gelesen habe. Es hangt wie mir scheint 
davon ab, ob ich die Ilberzeugung, die mich Dir zustimmen 
laBt, so einf ach bekunden kann, dafl sich die wenigen Zeilen, 
in denen ich es zu tun hatte, mir von selbst ergeben. Denn 
eine wirkliche Vertiefung in die Philosophic der Politik muB 
ich eben jetzt urn so mehr vermeiden, als ich noch garnicht 
im wiinschenswerten MaBe in meiner eignen Arbeit stecke. 
Die Notwendigkeit, sie zu forcieren, laBt mich wieder und 
wieder in meinen Studien innehalten, urn die Seite zu beden- 
ken, von der aus alles kurz und biindig sich fassen lieBe. Die 
aber zeigt bei einem derart sproden Thema sich nicht so bald. 
Im ganzen scheint das urspriingliche Thema „Trauerspiel 
und Tragodie" sich wieder in den Vordergrund zu schieben. 
Eine durchgefuhrte Konfrontation der beiden Formen, ab- 
geschlossen durch die aus der Theorie der Allegorie gewon- 
nene Deduktion der Trauerspielform. Meine Belege werde 
ich im groBen und ganzen den Arbeiten der zweiten schlesi- 
schen Schule entnehmen miissen, teils aus Opportunists - 
griinden, teils um nicht ins Weite zu geraten. Es macht sich 
immer wieder unangenehm spiirbar, daB ich die Lyrik- Arbeit 
so kurz vor dem AbschluB unterbrechen muBte, indem ich 
aus meiner pedantisch-sauberen Manier des Aufarbeitens 
geworfen bin. Dazwischen bleiben leider friihere Bektim- 
merungen aktuell. Und leider an erster Stelle Doras Gesund- 
heit, von der es sehr ungewiB ist, ob sie irgendwie der Arbeit, 
die begonnen hat, gewachsen ist. In letzter Zeit sind zudem 
die Verbindungen in unserer Gegend fast unpraktikabel 
geworden und Dora ist im Winter doch auf sie angewiesen. 

Es ware fur mich eine groBe Freude, Dich einmal wieder 
mitMuBe zu sprechen und in diesem wie jedem anderenSinn, 
danke ich Euch fur die erneuerte Einladung herzlich. Zwar 
gedenke ich erst nach Frankfurt zu kommen, wenn die 
Habilitationsschrift dem genauen Plan nach feststeht. Kei- 
nesfalls wohl vor Dezember. Deine politische Prognose hat 
wie mir scheint, alle Wahrscheinlichkeit fur sich. Nur fur das 
Gebiet von Ruhr und Rhein konnte sich vielleicht eine andere 
Zukunft ergeben. 

304 



Von dem Hofmannsthalschen Brief 2 scheint es Dir ent- 
gangen zu sein, daB er den Wunsch ausspricht, vorderhand 
mogest Du vermittelnd zwischen ihm und mir bleiben. Aus 
diesem Grunde bitte ich Dich sehr, die Manuscripte, die ich 
Dir in Kurzem zur Verf ugung stellen werde, an ihn weiter- 
zuleiten und sie audi, gleichsam in meinem Auftrage, mit 
ein paar Begleitzeilen zu versehen. Ich halte es fur sehr an- 
gezeigt, den Wink Hofmannsthals genau zu befolgen. Ohne- 
hin macht mir im Wahlverwandtschaftenaufsatz eine Stelle, 
in der ich meine Meinung iiber den ihm nachststehenden 
Rudolf Borchardt andeute (wenn auch vorsichtig und sehr 
mafivoll) Sorge. Denn Hofmannsthal wird — und soil — in 
diesen Beziehungen nicht weitherzig sein. Zunachst erhaltst 
Du 1) Wahlverwandtschaftenarbeit 2) einiges von Heinle 
und vielleicht 3) friiher von mir Erschienenes. — Sobald Du 
hinsichtlich des Druckes Deiner „Deutschen Bauhiitte" einen 
Bescheid hast, teile ihn mir bitte mit. 

Fur heute noch die herzlichsten GriiBe von uns beiden an 
Dich und Deine Frau. 

Dein Walter 

1 Florens Christian Rang: Deutsche Bauhiitte. Ein Wort an uns 
Deutsche iiber mogliche Gerechtigkeit gegen Belgien und Frankreich 
und zur Philosophic der Politik. Mit Zuschriften von Alfons Paquet, 
Ernst Michel, Martin Buber, Karl Hildebrandt, Walter Benjamin, 
Theodor Spira, Otto Erdmann. Sannerz, Leipzig 1924. — Die Zuschrift 
B.s: vgl. Brief vom 23. 11. 1923 an Rang. 

2 Vgl. Hugo von Hofmannsthal u. Florens Christian Rang: Brief- 
wechsel 1905-1924, in: Die Neue Rundschau 70 (1959), S. 402-448, 
bes. S. 419 ff. 



120 An Florens Christian Rang 

Berlin [24. 10.23] 

Lieber Christian, 

die eingeschriebene Sendung — ihr Inhalt: Kritik der Gewalt, 
Argonautenheft, Wahlverwandtschaftenarbeit, Auswahl von 

305 



Fritz und Wolf Heinles Sachen — ist nun ja wohl in Deiner 
Hand und wie ich hoffe von Dir mit den wenigen notigen 
begleitenden Worten an Hofmannsthal weitergegeben wor- 
den. Wie gesagt, ich habe mich an diese Ubermittlungsweise 
gehalten, urn seinem Wunsche, nichts zu „vereinfachen" 
derart zu entsprechen. Hoffentlich versinkt diese Sendung 
nicht in den Avernus der Redaktionen, sondern gibt bald ein 
freundliches Echo Antwort. Noch habe ich zu bemerken, daB 
ich bei keinem dieser Stiicke - es sei denn allenjalls die Kritik 
der Gewalt — auf die Rucksendung verzichten kann. Uberall 
handelt es sich um einzige bzw. letzte Exemplare. Ich denke 
wohl, daB sechs Wochen geniigen werden, um ihm einen Ein- 
blick mit MuBe zu verschaffen; nach dieser Zeit mochte ich 
mich wieder um die Sachen kummern. Von einer probeweisen 
Ubermittlung aus meinen Sonetten 1 hielt ich es fur besser 
noch abzusehen. 

Von dem berliner Manuscript Deiner Arbeit habe ich noch 
nichts gehort. Ich erwarte es ungeduldig. Ist indessen eine 
Verlagsentscheidung erfolgt? Wie stehen Deine hauslichen 
und literarischen Dinge sonst? [. . .] Ich selbst bin mit meiner 
Arbeit - genauer gesagt in der einschlagigen Lekture — ganz 
bescb'aftigt. Es ist freilich der Fall, daB ich hier nicht nach- 
zulassen gedenke und diese Sache, so oder so, zum AbschluB 
fiihre. Dennoch aber sehe ich unerbittlich und unaufschieb- 
bar die Problematik einer wissenschaftlichen Beschaftigung 
in so zerfallnen Lebensformen und -verhaltnisse[n] sich vor 
mir prasentieren, und schon j etzt beschaf tigt sie unabliissig mein 
Nachdenken. Der Gedanke durch die Fluent die Privatheit 
meiner Existenz, die mir unverauBerlich ist, vor der hiesigen 
zersetzenden Kommunikation mit dem Leeren, Nichtigen und 
Gewalttatigen zu retten, wird mir nachgerade zur Selbstver- 
standlichkeit. Das Problem ist allein das Wie? Da bin ich 
zur Zeit auf einen sehr unvermuteten und mir gangbaren 
Weg geraten, von dem ich aber, gerade weil ich so viel Hoff- 
nung darauf setze, noch schweige. Gerade Berlin ist iibrigens 
im Augenblick vollig unertraglich; die Erbitterung der Men- 
schen ist so groB wie ihre Hilflosigkeit, beides durch einen 
allgemeinen und plbtzlichen Brotmangel in den letztenTagen 

306 



gesteigert. (Gutkinds liegen wieder einmal in Siegfriedstel- 
lung vor dem Liitzowplatz, ich hoffe es endet nicht mit einem 
Versailles.) A propos franzosische Angel egenheiten, so habe 
ich, unentwegt und verschlagen fiir das Wachstum meiner 
Bibliothek auf dem Posten, noch jetzt, bei wahrhaft unge- 
heuerlichen Marktverhaltnisseri, durch einen Tausch eine 
ganze Menge Sachen von Stendhal und Balzac angeschafft. 
Ferner die erste deutsche Danteiibersetzung (in Prosa) von 
Bachenschwanz 1768. Das Studium des Barock lafit mich 
iibrigens fast taglich die Bekanntschaft bibliographischer 
Merkwiirdigkeiten machen. Im iibrigen ist wieder wenig 
Gutes mitzuteilen. Doras Gesundheit halt mich unablassig 
in Atem. Sie will von Schonung im Augenblick, da unsere 
wirtschaftliche Existenz auf ihrer Stellung stent, nichts wis- 
sen. Vielleicht wird sich hier aber eine Lbsung ergeben, in- 
dem der Chef geneigt scheint, den Biirodienst einzuschran- 
ken, wobei dann auch Doras Stellung nur einen halben 
Arbeitstag verlangen wiirde. 

Bitte gib mir recht bald tiber alles Dich und uns Betref- 
fende Nachricht. Schrieb ich Dir schon, daft mein Baudelaire 
erschienen ist. Freiexemplare habe ich noch nicht erhalten. 

Mit den herzlichsten GriiBen an Dich und Deine Frau 

Dein Walter 

1 Auf den Tod von C. F. Heinle und Rika Seligson; das Manuskript 
scheint verloren. 



121 An Florens Christian Rang 

Berlin [8. 11.23] 

Lieber Christian, 

erst gestern ist Dein Manuscript in meine Hande gekommen. 
Nun aber stellt ein neuer Mifistand sich ein. Bei der gegen- 
wartigen Lage meiner Arbeit ist es mir radikal unmoglich, 
die Lektiire, die doch iiberall in mir die Probleme lebhaft in 
Bewegung versetzt, im Laufe weniger Tage zu beenden, wie 

307 



Du es erwartest. Vielmehr ist meine Aufmerksamkeit durch 
die drangenden Erfordernisse der Habilitationsschrift so in 
Anspruch genommen, daB ich eben nur in den MuBestunden 
mit wirklichem Gewinn mich an Deinen Aufruf begeben 
kbnnte, alles andere ware ein leeres „Notiz nehmen" ohne 
Sinn. Ich weiB nicht, ob Deine Dispositionen es Dir ermog- 
lichen, noch eine Zeitlang auf dieses Exemplar zu verzichten. 
Wenn irgend moglich, wiirde ich Dich bitten, es einzurichten, 
denn es liegt mir wie Du weiBt sehr daran, nicht nur mir 
selbst ein genaues Bild zu verschaffen, sondern auch, mit 
Deiner Erlaubnis, diesen oder jenen wichtigen Abschnitt 
miindlich an Nahestehende mitzuteilen. 

Dies die eine Bitte. Eine andere, reziproke, die ich ungern 
tue, muB folgen. Vor einigen Tagen bekomme ich aus Frank- 
furt die Nachricht, daB meine Wahlverwandtschaftenarbeit 
von maBgebender Stelle von neuem eingefordert wird. Schon 
vorher, einigeTage, bevor ich das Manuscript fiirHofmanns- 
thal an Dich abgehen lieB, hatte ich mein anderes Exemplar 
(das dritte und letzte ist in Palastina in Scholems Besitz) aus 
Heidelberg von einem Bekannten — eingeschrieben - ange- 
fordert. Es steht bis heute aus. Es ist von neuem angefordert, 
aber ich muB mit allem (besonders angesichts der skandalosen 
Postverhaltnisse) rechnen. Mir bleibt nichts iibrig als folgen- 
des: Sollte nicht in kiirzester Frist das Heidelberger Manu- 
script bei mir eintreffen, so ware ich zu meinem groBten 
Bedauern gezwungen, Hofmannsthal um provisorische t)ber- 
sendung desselben in meinem Auftrage an 

Herrn Professor Franz Schultz, Frankfurt a/M Germa- 
nisches Seminar der Universitat Eingeschrieben! 
zu ersuchen. Und zwar wiederum durch Dich. Ist das erfor- 
derlich, so erhaltst Du ein Telegramm in dem nur das Wort 
^Manuscript" steht. Da von dem Eintreffen der Arbeit in 
Frankfurt fur mich sehr viel abhangt, darf ich mich leider 
weder durch die Riicksicht auf Dich noch auf Hofmannsthal 
bestimmen lassen. Mir ist natiirlich dies MiBgeschick sehr 
unlieb. Also bitte schreibe gegebenenfalls nach Erhalt des 
Telegramms mit der notigen Deutlichkeit an Hofmannsthal, 
daB ich in diesem Falle sehr um Entschuldigung bitte. 

308 



Fur heute nichts mehr. Wegen der Bauhutte erwarte ich 
Deinen Bescheid. 

Herzlichste Griifle Dein Walter 



122 An Florens Christian Rang 

18. Nov. 1923 

Lieber Christian, 

urspninglich gedachte ich auch diese Nachricht auf eine 
Postkarte zu beschranken, indem ich aber Deine letzten 
Briefe und den liebevollen Anteil, der aus ihnen alien spricht 
iiberdenke, entschlieBe ich mich schon jetzt ausfiihrlicher zu 
sein. Wiewohl ich gerade beim Schreiben Deinen Brief an 
Erich [Gutkind] gerne zur Hand gehabt hatte. Ich habe ihn 
zwar gelesen, aber mein Gedachtnis ist allzu durchlassig. Im 
vorhinein gestehe ich zu, daB meine Situation nicht der 
Erichs in jeder Hinsicht gleich ist. Erich hat - ich gehe hier 
mit einem Wort naher in den Zusammenhang ein - das 
positive des deutschen Phanomens wohl nie erfahren, sondern 
vor Jahren in einer sehr ungliicklichen Weise in jenen ersten 
Biichern, die er iiberwunden hat, dem Europaischen in einer 
unvorsichtigen Weise, die fur den Sehenden eines Tages not- 
wendig sich enthiillen, als Irrtum enthiillen muBte, sich 
verschrieben. Indessen f iir mich immer begrenzte Volkstiimer 
im Vordergrunde standen: das Deutsche, das Franzosische. 
DaB und in wie tiefer Weise ich an das erstere gebunden bin 
entschwindet meinem BewuBtsein niemals. Am wenigsten 
konnte es das iiber meiner gegenwartigen Arbeit, denn nichts 
fiihrt tiefer und bindet inniger als eine „Rettung" altern 
Schrifttums, wie ich sie vorhabe. Wenn ich gar die Erf ah - 
rungen meines Lebens anschaue, so bedarf das Dir gegen- 
iiber, der Du sie so gut kennst, erst recht keines Wortes. Nun 
aber sind einige Instanzen zu nennen, welche Du nicht nach 
ihrer Tragweite fur mich zu wagen scheinst. Ich beginne mit 
der gegenwartigen Lage des Deutschtums. GewiB stehst Du 

309 



mir heute fiir das wahre Deutschtum (ja auf die Gefahr, Dich 
zu verstimmen, mbchte ich fast sagen, Du allein, unter dem 
groBen Eindruck, den die leider nur fragmentarische Lektiire 
der „Bauhiitte" auf mich gemacht hat.) Aber nicht zum 
ersten Male erfahrst Du von mir, daB ich nur ungeheuer 
widerstrebend, nur mit tiefsten Bedenken, Deine Gefolg-. 
schaft mit meiner Person, mit dem Jiidischen in ihr ver- 
mehre. Nicht aus opportunistischen Erwagungen stammen 
diese Bedenken, sondern aus der jederzeit zwingend mir 
gegenwartigen Einsicht: daB in den furchtbarsten Augen- 
blicken eines Volkes einzig die zu reden berufen sind, die ihm 
angehdren, nein mehr: die ihm im eminentesten Sinne an- 
gehoren, die nicht allein das mea res agitur sagen, sondern 
propriam rem ago aussprechen diirfen. Reden soil der Jude 
sicher nicht. (Mir ist die tiefe Notwendigkeit in Rathenaus 
Tod immer klar gewesen, indessen der Landauers, der nicht 
„geredet", sondern „geschrieen" hat, die Deutschen mit an- 
derer Schwere bezichtigt.) Soil er mitreden? Das ist auch eine 
der Fragen, und zwar die objektiv wichtigste, welche die Auf- 
forderung zur „Zuschrift" in mir erweckt. Und sollte ich dies 
in diesem Zusammenhange, in den es gehort, nicht sagen 
diirfen, daB eine Schrift, deren Wirkung mit so feinen Ge- 
wichten ausgewogen werden wird, wie es der Deinigen ge- 
schehen muB, sich Unrecht tut, indem sie [. . .] Martin Buber 
unter ihr Gefolge aufnimmt. Hier, wenn irgendwo sind wir 
im Kern der gegenwartigen Judenfrage: daB der Jude heute 
auch die beste deutsche Sache fiir die er sich offentlich ein- 
setzt, preisgibt, weil seine offentliche deutsche AuBerung 
notwendig kauflich (im tiefern Sinn) ist, sie kann nicht das 
Echtheitszeugnis beibringen. Ganz anders legitim konnen die 
geheimen Beziehungen zwischen Deutschen und Juden sich 
behaupten. Im iibrigen gilt, wie ich glaube, mein Satz: daB 
alles was von deutsch- jiidischen Beziehungen heute sichtbar 
wirkt, dies zum Unheil tut und daB eine heilsame Kompli- 
zitat die edlen Naturen beider Volker heute zur Schweigsam- 
keit iiber ihre Verbundenheit verpflichtet. — Die Frage der 
Auswanderung, um auf sie zuriickzukommen, hat nur im 
Sinn dieser defensiven Antwort auf Deinen Verpflichtungs- 

510 



versuch mit der jiidischen Frage zu tun. Im ubrigen nicht. 
Vielmehr resiimieren deren Anforderungen fur mich vorder- 
hand sich darin: Hebraisch zu lemen. Wo ich dann auch sein 
werde, werde ich das Deutsche nicht vergessen. Wiewohl 
auch dies gesagt werden muB : daB der verstockte Geist, mit 
dem dieses Volk zur Stunde sich darin iiberbietet, seine 
zuchthaushafte Einzelhaft zu verlangern, allmahlich auch 
seine geistigen Schatze, wenn nicht verschiittet, so doch 
rostig, schwer zu handhaben und zu bewegen macht. Wir 
wissen ja, daB die Vergangenheit kein musealer Kronschatz 
ist, sondern etwas das immer von Gegenwart betroffen ist. 
Deutschlands Vergangenheit leidet jetzt unter der Abschnii- 
rung des Landes vom ubrigen Erdleben, wer weiB wie lange 
sie hierzulande noch lebendig erfaBt werden kann. Ich fur 
meine Person stoBe schon jetzt. auf die Grenze. Und ohne bei 
den geistigen Problemen zu verweilen, wende ich mich zu 
den materiellen. Ich sehe — selbst mit Habilitation — keine 
Moglichkeit meinen Aufgaben auch nur halbwegs ungeteilt 
mich zuwenden zu konnen. Wer in Deutschland ernsthaft 
geistig arbeitet, ist vom Hunger in der ernsthaftesten Weise 
bedroht. Ich spreche noch nicht vom /^rhungern, aber immer- 
hin aus Erichs und meiner (in dieser Hinsicht sehr verwandten 
Lage und) Erfahrung heraus. GewiB gibt es vielerlei Arten 
zu hungern. Aber keine ist schlimmer als es unter einem 
verhungernden Volke zu tun. Hier zehrt alles, hier nahrt 
nichts mehr. Meine Aufgabe, selbst wenn sie hier ware, ware 
hier nicht zu erf iillen. Dies ist die Perspektive, aus der ich das 
Auswanderungsproblem ansehe. Gebe Gott, daB es losbar ist. 
Vielleicht gehe ich schon in wenigen Wochen fort, nach der 
Schweiz oder nach Italien. Wenn meine Exzerpte gemacht 
sind kann ich dort besser arbeiten und billiger leben. Aber 
dies ist naturlich keine Losung. Was mir da an Moglichkei- 
ten, vage genug, vorschwebt, sei auf das Gesprach verspart. 
Was Palastina angeht, so gibt es zur Zeit fur mich weder 
eine praktische Moglichkeit noch eine theoretische Notwen- 
digkeit hinzugehen. 

Dora denkt eventuell, zunachst urn das Terrain zu son- 
dieren, an Amerika, wohin sie betreffs eines Postens ge- 

311 



schrieben hat. Sie hat ihre Stelle nicht behalten kdnnen, da 
die Amerikaner hier das Biiro einschranken. Gesundheitlich 
geht es ihr in letzter Zeit besser. Sie hat endlich, leihweise, 
einen Fliigel bekommen und kann nun, seit Jahren zum 
ersten Male wieder bei sich spielen, woriiber wir sehr froh 
sind. Ich habe hier seit einiger Zeit ein kleines Zimmer 
Meierotto Str. 6 bei Ruben Gartenhaus III. Meine Arbeit 
schreitet seitdem ich einer geradezu auBerordentlichen Ruhe 
mich erfreue besser fort. Sie stellt mich gerade jetzt vor zwei 
Probleme, zu denen mir Deine AuBerung iiberaus wichtig 
ware. Ich will sie beide hier in auBerster Abbreviatur stellen. 
Das erste betrifft den Protestantismus des 17 ten Jahrhunderts. 
Ich frage mich: woher riihrt es, daB gerade die protestanti- 
schen Dichter (die schlesischen Dramatiker waren Protestan- 
ten, und zwar nachdriickliche) einen im hochsten Grade 
mittelalterlichen Ideenschatz entfalten: extrem drastische 
Todesvorstellung, vbllige Totentanzatmosphare, Auffassung 
der Geschichte als groBe Tragbdie. Die Unterschiede vom 
Mittelalter sind mir wohl gelaufig, allein ich frage: wie 
konnten gerade diese hochst mittelalterlichen Vorstellungs- 
kreise bannend damals wirken? - Das war die eine Frage. 
Ein Wort von Dir dazu ware mir sehr wesentlich. Ich ver- 
mute im Zustand des damaligen Protestantismus ware Auf- 
schluB, der mir nicht erreichbar ist, dariiber zu find en. Das 
Zweite betrifft die Theorie der Tragbdie, iiber die mich zu 
auBern ich nicht vermeiden kann. Ich weiB aus unsern Ge- 
sprachen daB Deine Anschauungen hier fest umrissen sind. 
WeiBt Du einen Weg, auf dem Du sie wenigstens im Wich- 
tigsten mir mitteilen kbnntest. Ich entsinne mich, daB wir 
uns in dieser Frage sehr gut verstanden, leider aber an 
Einzelheiten (wie das Verhaltnis von Tragbdie und Prophe- 
tie u. a.) nicht mit geniigender Klarheit. 

Uber die ersten Zeilen von Hofmannsthal habe ich mich 
gefreut. Gespanntbleibe ich auf das iibrige.-WasdasHeinle- 
sche Gedicht angeht, so ist die Lesart im Schreibmaschinen- 
text die richtige. Vielleicht kann ich Dir wenn ich nach 
Braunfels komme (wann? ob im Dezember ist noch nicht zu 
bestimmen) Dinge von Wolf Heinle bringen, die Dir einen 

312 



neuen Einblick geben, besonders denke ich an die Marchen, 
die Du wohl noch nicht kennst. Auf die Korrekturabzuge der 
„Bauhiitte" freue ich mich; das Manuscript war nicht leicht 
zu lesen. Hoff entlich habe ich zu einigem hier Beriihrten bald 
eine Antwort von Dir. Fur Helmuts Genesung weiter die 
innigsten Wiinsche und Dir und Deiner Frau von uns die 
herzlichsten GriiBe. 

Dein Walter 



123 An Florens Christian Rang 

Berlin, 25. 11.23 

Lieber Christian, 

Zuschrift 1 

Die von Dir gedachte Form der Zuschrift will ich im Sinn 
des Dir gewidmeten Schreibens, nicht des Zusatzes zu Deiner 
Schrift verstehen. Denn jenen Eindruck der Vorlesung und 
den weniger Korrekturbogen mir zum AnlaB eigener Aus- 
fiihrungen zu nehmen, wurde ich leichtfertig nennen. Auch 
wiirden Glossen, so notwendig Du sie fordern muBt, die 
eigentumliche Schonheit Deiner Schrift leicht verletzen. Ge- 
wiB ist diese Schonheit nicht das Wesentliche. Aber keine 
Materie, deren der Philosoph sich verantwortlich annimmt, 
kann sie verleugnen. Unter einer Analyse, welche dieses be- 
tont, anderes iibergeht, wiirde sie zuriicktreten. Und doch 
beruht die Hoffnung einer Wirkung auf dieser endlich er- 
hobenen Weise einer Rede, welche ausklingen sollte. Du 
weiBt, daB ich jene Hoffnung nicht teile. Aber was hier ge- 
schrieben, daB es hier gedruckt steht, straft manches von dem 
Zweifel, mit dem ich nicht allein gestanden habe, Liigen. 
Anderes wird sich behaupten. Behaupten aber auch diese 
Schrift, vor welcher die brutale Gedankenlosigkeit offent- 
licher Argumentation sich bloBstellt. Wen sie lahmten, der 
sieht sich nun erlost aus der Alternative, von Leisetretern 
durch splendide Widerlegung der Clarte-Bewegung sich 

513 



einfangen zu lassen oder in pazifistischen Konventen seine 
besten DenkgewiBheiten zu verleugnen. Ohne Hinterhalt 
und ohne Bonhommie wird er auch mit dem Auslander reden 
konnen. Denn diese Schrift achtet die geistigen Grenzen unter 
den Volkern im gleichen MaBe, als sie ihre Sperrung ver- 
achtlich macht. Zu alledem bedurfte es nichts Geringeres als 
die Lebensarbeit, die hinter diesen Zeilen steht. Denn sie er- 
harten, daB die Wahrheit, auch im Politischen, zwar eindeu- 
tig ist aber nicht einf ach. Ich habe mich gefreut, Macchiavell, 
Milton, Voltaire, Gorres von Dir genannt zu finden. Wohl 
nicht in dem Sinne, in welchem sie mir hier erscheinen: als 
Schutzpatrone einer gleich den ihrigen klassischen Streit- 
schrift. Als Wahrzeichen eines Bereiches, in dem der unge- 
bildete Parteimann unzustandig ist, wirst auch Du sie zu 
nehmen verstatten. Schwerlich wird ihn das stutzig machen, 
weniger noch die Berufung auf das Gewissen. Denn er wird 
um den ethischen Grundsatz, mit dem er sie pariert, nicht 
verlegen sein. Es ist ja das gemeinschaftliche Anliegen der 
Gewissenlosigkeit und der Ideenarmut, die sittliche Vielheit 
der Ideen unter der undurchsichtigen Allgemeinheit desPrin- 
zips zu ersticken. Vielleicht siehst Du es gern, wenn ich an 
meinem Teil es hervorhebe, daB aus Prinzipien nichts in 
diesen Deinen Uberlegungen sich herschreibt, die wir philo- 
sophisch gerade darum nennen, weil sie nicht aus Grundsatzen 
und Begriffen deduziert, sondern aus dem Ineinanderwirken 
von Ideen geboren sind. Aus Ideen von der Gerechtigkeit, 
vom Recht, von der Politik, von der Feindschaft, von der 
Luge. Unter den Liigen ist es keine mehr als das verstockte 
Schweigen. Dagegen hast Du aufgewendet, was Strenge und 
Sanftmut vermogen. Zu all den Wiinschen, in denen Du es 
unternimmst, flige ich den einen, bescheidenen: daB es Dir 
keinen Kummer bringen moge. 

Dein Walter Benjamin 

1 Vgl. Brief vom 7. 10. 1925 an Rang, Anm. 1. 



314 



124 An Florens Christian Rang 

26. November 1923 

Lieber Christian, 

wenn audi in den letzten Tagen von Dir zu uns mehr ge- 
kommen ist, als daB die Resonanz davon sich einem Briefe 
allein einschlieBen lassen konnte, so bin ich doch froh nicht 
fruher geschrieben, vielmehr die Absendung eines fertigen 
Briefs von Tag zu Tag verschoben zu haben, da er nun in 
einen neuen sich auflosen laBt. Zwei sonderbare Aufgaben 
sinds, die letzthin ja fast einen ganzen Tag mit verschwin- 
dend unscheinbaren Resultaten mich gekostet haben: die 
„Zuschrift" die hier beiliegt und heute ein noch weit schma- 
lerer Brief an Hofmannsthal. Du weiBt um Autoren-Ver- 
fassungen zu gut Bescheid, als daB ich auszumalen brauchte, 
wie sehr die Zeilen von Hofmannsthal mich begliickt haben 
(da sie dies zu tun vermogen, ohne irgend die Eitelkeit ins 
Spiel zu bringen). Es ist dieses Besondere an ihnen, daB sie 
jenen vom Beriihmten iiber den Unbekannten fast unver- 
meidlichen Nebenton vermissen lassen: als legitimiere erst 
das Lob des ersten die Leistung des zweiten. Meine Antwort 
glaubte ich ebenso dankbar wie formvoll halten zu miissen . . . 
Unvermutet und im hochsten MaBe gewinnend ist in der Tat, 
was er zu Deiner politischen Schrift auBert. Eine Stellung- 
nahme, wie er sie in Aussicht stellt, wiirde angesichts seiner 
Denkweise und seiner Vergangenheit von der hbchsten posi- 
tiven Bedeutung fur ihn selbst sein. Sie wiirde fur ihn zeugen 
wie kaum etwas anderes. Zu meiner Zuschrift bemerke ich: 
sie ist entstanden aus dem Bediirfnis, Dir fur das was Du mit 
ihr geleistet auf meine Weise, besser: an meinem Teil zu 
danken und jeden Anschein als lieBe ich Dich in dieser Sache 
im Stich zu meiden. Sie sagt nahezu alles, was ich bei dieser 
Gelegenheit zu sagen habe. Die Judenfrage etwa dabei zu 
beriihren ware gelinde gesagt mal a propos. Ein Hauptbeden- 
ken, das ich vor dem Schreiben zu beriicksichtigen hatte, war 
meine schwebende Frankfurter Habilitationsangelegenheit. 
Die Empfindlichkeit einzelner Fakultatsmitglieder in den in 

315 



Rede stehenden Dingen kann kaum iiberschatzt werden. 
Hinzukam, dafi mein besonderer Gonner weit rechts stent 
und dafi gerade in Frankfurt die Schrift wolil unter die Leute 
kommen diirfte. Ich habe diese Bedenken weniger im Schrei- 
ben iiberwunden als dafi ich sie im Abschicken bei Seite setze. 
Aus dem Bediirfnis, Dir ein uneingeschranktes Zeichen mei- 
ner Gefolgschaft zu geben. Ein anderes aber sind Deine etwa 
zu hegenden Bedenken vor dem Druck. Da ist vor allem das 
Eine, das ich Dir nahelege: nichts konnte Deiner Schrift 
schlechter dienen, als wenn am Schlufi in der Gefolgschaft 
des Bannertragers ein winziges Griippleih in disparatenRich- 
tungen gegangen kame. LaB das Bild, es ist nicht gut. Ich 
meine etwas sehr Ernsthaftes. Deine Schrift vertragt nicht 
1) Abschwachungen und Reservationen (Natorp!) 2) Bana- 
lisierungen 3) allgemeineKannegiefierei. Ja, lieber Christian, 
ich bekenne es: mein Vertrauen in den Takt Deiner Gefolg- 
schaft ist nicht unbegrenzt, es sind darunter vielleicht Leute, 
die ich bei aller Wohlmeinendheit fiir kapabel halte, mafilos 
der Sache zu schaden. Auf die Gefahr hin, mich als eingebil- 
det schelten zu lassen : meine Genossenschaft, die ich empfinde, 
verlangt, dafi ich hier meine Meinung sage. Besser keine 
Zuschriften als solche die mit den Worten ja sagen und mit 
der Stimme desavouieren. Ferner: die Frage der Zahl der 
Zuschriften. Sieben sind doch wohl das Minimum hinter 
dies em Fahnlein. Sieben Aufrechte. Sonst ist's nicht. Weniger 
sind meiner Ansicht nach unbedingt zu wenig! Weiter: 
Wieviel von der Zahl diirfen Juden sein? Nicht mehr als ein 
Viertel! Meiner festen Uberzeugung nach. Nicht sowohl und 
allein wegen der Wirkung nach aufien als weil sonst besser 
ist die Zuschriften fortzulassen und die Wirkung sich ent- 
wickeln zu lassen anstatt sie schief auf unzulangliche Weise 
vorwegzunehmen. Sequitur : meine Zuschrift erhaltst Du aber, 
das Gesagte bitte ich Dich sehr zu bedenken, ehe Du sie in 
Druck gibst. Wenn sie Dir irgend leicht entbehrlich scheint, 
so lafi sie fort und nimm sie als Privatbrief zu meinen 
andern. — Meine Mitgliedschaft zur Bauhiitte hast Du. Vor- 
derhand allerdings nur sie. Unsere Finanzlage ist trostlos 
und wir stehen in etwa spatestens einem Jahr, moglicher- 

316 



weise viel friiher vor dem Nichts. Wenn meine akademischen 
Plane nicht bald zur Entscheidung kommen, so werde ich, 
vermutlich in Wien, in ein Geschaft gehen. Dora hat wie ich 
wohl schrieb ihre Stelle wegen Biiroeinschrankung verloren. 
Ob sie nach Amerika geht, ob wir uns iiberhaupt auf langere 
Zeit trennen, ist noch sehr fraglich. Stefan hat stets bei mei- 
nen Schwiegereltern ein Asyl. Auch bei Lucie und Erich 
[Gutkind] ist iibrigens die Finanzlage, ja die Ernahrungs- 
lage kritisch. Stellt doch Erichs Physis, wie ich erst gestern 
Lucie gegeniiber aussprach sicher besonders hohe Anforde- 
rungen an Ernahrung, wie man ihnen jetzt beim besten 
Willen kaum nachkommen kann . . . Diesen Zeilen mochte 
ich noch einige Worte iiber Deinen letzten Brief an Erich 
beif iigen, wahrenddem ich Deine platonischen tlberlegungen, 
soweit ichderen nicht ganzleichtenZusammenhang im Brief e 
erfassen kann, Spaterem vorbehalte. Im tiefsten Grunde dem 
Gesprach, denn diese Gedanken beriihren die Grenze an der 
der Briefwechsel versagt und das Gesprach beginnt. Zu Dei- 
nem Brief an Erich dies : es gibt darin Eines, in dem ich Dir 
voll beistimme, ein anderes, worin ich Dir widerspreche. 
Uberaus wahr und a propos scheint mir, was Du vom „Stil 
des Bekennens" auBerst. Ich fxihle darin ganz ebenso, und 
ich weiB, daB es ganz klarer Legitimation bediirfte, um in 
Fragen des Bekennens heute eine andere Sprache zu fiihren 
als garkeine. Mir ist das alles, was Du von den Volkern 
schreibst, aus der Seele gesagt. Die Liebe zu Volkern, Spra- 
chen und Ideen gehort f iir mich zusammen, was nicht hindert, 
daB zu Zeit en eine Flucht mir not tun kann, um diese Liebe 
zu retten. Die mir freilich was Deutschland betrifft, durch 
so entscheidende Lebenserfahrungen gesichert ist, daB ich 
sie nicht verlieren kann. Doch will ich auch nicht ihr Opfer 
werden. So wahr mir dasjenige scheint, was du vom Be- 
kenntnis sagst, so wenig leuchtet mir ein, jene verbleibende 
Verhaftung an Gott in die Begriffe Leben und Sterben zu 
fassen, als sei das Sterben der Gottnahe noch teilhaft, das 
Leben .der Gottverlassenheit verf alien. Vielmehr mochte es 
wohl sein, daB wir mit dieser Fragestellung in ein echtes 
Auseinandersetzungsgebiet zwischen Juden und Christen 

317 



gekommen sind. Mir erscheint es als unwahrscheinlich, daB von 
irgend einem judischen Standort aus die Thora sich eher als 
ein Sterbensmysterium derm als eine Lebensbiirgschaft fassen 
lieBe. Uber die Frage der £tWt) mit Dir einmal zu reden, ware 
mir sehr wichtig. Mir ist sie bisher nur von der Seite der 
Sprache her erschienen, wie ich in der Einleitung zur Baude- 
laireiibersetzung begonnen habe, mich mit ihr auseinander- 
zusetzen. Fiir Deine Notiz uber den Protestantismus bin ich 
Dir sehr dankbar. Sie hat mir viel Licht gegeben. An die 
Tragodientheprie bin ich in den letzten Tagen nicht mehr 
gegangen . . . 



125 An Gerhard Scholem 

Berlin W. [5. 12. 1923] 

Lieber Gerhard, 

da keine Berechnung darauf, daB mein Brief am Geburtstag 
in Deine Hande kame, sich anstellen lieB, so habe ich mir 
diesen Tag zum Schreiben an Dich vorgesetzt. Ich sage Dir 
die doppelten und doppelt herzlichen Wiinsche die Deiner 
Verheiratung und dem heutigen Geburtstag gelten. Hoffent- 
lich hast Du diese Wiinsche heute nur in Hoffnungen die 
Deine auBere Lage betreffen auszulegen; ich wiinsche von 
Herzen und ich glaube daB die innere friedlich und klar ist. 
Desto mehr begehre ich, bald von Dir genaues uber Deine 
Eindriicke und Deine nachsten Vorsatze zu horen. Ich selber 
bin gerade jetzt mit weniger als halbem Herzen in Deutsch- 
land; eine Loslosung, ein Elan von auBen her tut mir not. 
Andrerseits ist unsere Finanzlage in den letzten Monaten 
durch die offentlichen Umstande so trostlos geworden, daB 
ein Auslandsaufenthalt mich in wenigen Wochen mittellos 
heimkehren sahe — aber doch vielleicht nicht mutlos. Das 
Warten hier zehrt das letzte auf. Tritt der gewaltige Preis- 
sturz, der fiir die kommenden Tage angekiindigt ist aber ein, 
so verbleibt mir ein Hoffnungsrest, mich bis zum Fruhjahr 

318 



halten zu konnen, um dann fur eine Reise gtinstigere klima- 
tische Moglichkeiten zu haben. Andernfalls werde ich um 
Weihnachten fortfahren, wohin ist noch ganz unbestimmt, 
weil ich wenn mbglich nicht ganz allein sein mochte. Viel- 
leicht fahrt Ernst Schoen nach Holland. Selbst an Paris 
dachte ich. Andrerseits an den Suden. Genug von diesen 
UngewiBheiten und-zu andern. Meine Frankfurter Chancen 
haben sich erheblich gebessert, aber die Zukunft der Univer- 
sitat ist Gegenstand skeptischer Geriichte, die freilich auch 
skeptisch aufzunehmen sind. Korff 1 ist weg. Die Angelegen- 
heit ist bereits in einer Fakultatssitzung erwahnt worden und 
es hat sich kein Widerspruch erhoben. Man erwartet dort 
meine Arbeit. Die Literaturstudien, die ich mit groBer Inten- 
sity und in groBem Umfang betrieben habe sind Weihnach- 
ten beendet. Dann komme ich zur Abfassung. Ob die Arbeit 
mir geniigen wird, vermag ich noch nicht bestimmt zu sagen. 
DaB sie dem Zweck geniigt, darf ich fiir wahrscheinlich 
halten. Hinzukommt, daB der Baudelaire erschienen ist. Ein 
Exemplar wird Dir als mein Geschenk zugehen. Das Buch 
ist schon und reprasentativ geworden, doch hat es den An- 
schein, daB Weissbach durch Finten mich derart geschadigt 
hat, daB ich kein Honorar und nur sieben Exemplare be- 
komme. Dariiber bin ich trostlos. In der nachsten Nummer 
von Hofmannsthals „Neuen deutschen Beitragen" beginnt 
die Wahlverwandtschaftenarbeit zu erscheinen. Hofmanns- 
thal erhielt sie von Rang und auBerte sich in einem Brief e 
an ihn mit geradezu schrankenloser Bewunderung. Weiter 
wird in den nachsten Tagen eine politische Schrift von Rang 
erscheinen, eben jene, die er zum Teil am Tage Eurer Begeg- 
nung in Frankfurt verlas. Ich schatze sie auf das hbchste. 
Unter den mitgedruckten „Zuschriften" wirst Du eine von 
mir finden. 

[...] 

Stefan geht es Gottseidank sehr gut. Ich sehe ihn zweimal 
in der Woche — da ich nicht zuhause wohne - und habe immer 
wenn ich da bin viel Zeit fiir ihn. Im iibrigen lebe ich sehr 
einsanij so, daB meine Arbeit sogar im Grunde darunter 
leidet. Mir fehlen alle Kommunikationsmoglichkeiten. Ernst 

319 



Schoen sehe ich haufig, morgen, nach sehr langer Pause Bloch. 
Bald hoffe ich ausfiihrlich von Dir zu hbren. Ich wieder- 
hole am SchluB allerherzlichst das Eingangs Gesagte. 

Dein Walter 
PS Zum fiinfjahrigen Griindungsjubilaum der Universitat 
Muri, das im nachsten Jahre gefeiert werden soil, wird eine 
Festschrift „ Memento Muri" erscheinen, fur welche Beitrage 
erbeten sind. 



1 Hermann August Korff wurde 1923 als Ordinarius nach Giefien 
berufen. 



1 26 An Florens Christian Rang 

9. Dezember 1923 

Lieber Christian, 

die Treue, mit der Du mich angesichts meiner „Zuschrift" 
zur tjberpriifung meiner Lage angehalten hast, danke ich 
Dir von Herzen. Ich bin Deinem Wink gefolgt, indem ich 
mit Frankfurt direkt mich in Verbindung gesetzt habe und 
dafl auch von da Bestatigung kam, kannst Du aus meinem 
bisherigen Schweigen entnehmen. Natiirlich habe ich nicht 
von „offizieller" Stelle Bestatigung, aber dafl sie von [Gott- 
fried] Salomon kam, der mit den Verhaltnissen vertraut ist, 
muB mir gcniigen. Seit kurzem bekomme ich keine Fahnen 
mehr zugesandt: weil ich die Zuschrift Dir schon sandte? 
oder weil die Schrift nun vor ihrer Ausgabe steht. Hoff entlich 
ist das letztere der Fall, denn nicht allein bin ich ungeduldig, 
den Eindruck ihrer Totalitat in mich aufzunehmen — ich 
habe auch hier, soweit ich es vermochte, die intensivste Span- 
nung fiir sie geweckt. Ob ich Dir in meinem vorigen Brief 
schon sagte, einen wie guten und tiefen Eindruck Hofmanns- 
thals Einstehen fiir D einen Aufruf mir gemacht hat, weiB 
ich nicht. Ich habe nur den Wunsch, daB er einhalt, was seine 
Worte in Aussicht stellen, dies wurde meines Erachtens ge- 

320 



rade fur ihn und seine Beurteilung viel bedeuten. Heute friih 
begann ich das Gerettete Venedig, das er vor Jahren nach 
Thomas Otway gedichtet hat, fiir meine Trauerspielabhand- 
lung zu lesen. Kennst Du es? Inzwischen habe [ich] ihm 
selbstverstandlich mit einer Zusage geantwortet und ihm auch 
den erschienen[en] Baudelaire ubersandt. Es ist das zweifel- 
hafte Vorrecht aller mir Nahestehenden, ihrerseits auf diese 
ihnen — und somit vor allem auch Dir— zustehende Gabe noch 
warten zu mussen. Ganz und gar gewinnt es den Anschein, 
daB Weissbach [durch einen juristischen Gaunerstreich erster 
Ordnung (dessen schriftliche Darlegung untunlich ist)] mich 
urn fast samtliche Freiexemplare und das ganze Honorar 
bringen will. In einiger Zeit werde ich klarer sehen. Mein 
Schreiben an Hofmannsthal hat, einmal befordert, in mir 
den Zweifel erweckt, ob es bei aller ehrerbietigen Dankbar- 
keit, die aus ihm spricht nicht zu formvoll gelungen ist. Ins- 
besondere habe ich in meiner ersten AuBerung nochBedenken 
getragen, meinerseits von den Heinleschen Dingen, die er ja 
nicht beriihrt hat, zu reden, um nicht insistierend zu erschei- 
nen. Ich glaube, Dich vielleicht bitten zu diirf en, bei Gelegen- 
heit ihn dariiber anzufragen, falls er nicht in einiger Zeit 
sich gegen mich oder Dich dariiber auBern sollte. Und auch 
in andrer Hinsicht bitte ich Dich — und zwar schon im nach- 
sten Briefe — Deine Vermittlerrolle fiir einen Augenblick 
wieder aufzunehmen. Dies betrifft die Riicksendung 1) des 
Argonautenaufsatzes und ganz besonders 2) der Wahlver- 
wandtschaftenarbeit an mich, die ich noch haben muB, bevor 
sie in die Druckerei geht. Namlich: ich habe sie hier weder 
im Manuscript noch in irgendeiner Abschrift und muB sie 
dringend fiir meine gegenwartige Arbeit in einigen Teilen 
zu Rat ziehen. Was diese gegenwartige Arbeit betrifft, so ist 
es seltsam, wie sie seit einigen Tagen mich heftig mit eben 
den Fragen bedrangt, welche Dein letzter Brief mir als Deine 
eigne Auseinandersetzung mit den Ideen vorstellte. Jetzt mit 
Dir von Mund zu Mund dies verhandeln zu kbnnen, ware 
mir, der ich ohnehin unter einer gewissen Einsamkeit leide 
in die Lebensverhaltnisse und Gegenstand meiner Arbeit 
mich gedrangt haben, unendlich wertvoll. Mich beschaftigt 

321 



namlich der Gedanke, wie Kunstwerke sich zum geschicht- 
lichen Leben verhalten. Dabei gilt mir als ausgemacht, daB 
es Kunstgeschichte nicht gibt. Wahrend die Verkettung zeit- 
lichen Geschehens fiir das Menschenleben beispielsweise nicht 
allein kausal Wesentliches mit sich fiihrt, sondern ohne solche 
Verkettung in Entwicklung, Reife, Tod u. a. Kategorien das 
Menschenleben wesentlich garnicht existieren wiirde, verhalt 
sich dies mit dem Kunstwerk ganz anders. Es ist seinem 
Wesentlichen nach geschichtslos. Der Versuch das Kunstwerk 
in das geschichtliche Leben hineinzustellen eroffnet nicht 
Perspektiven, die in sein Innerstes fiihren, wie etwa der 
gleiche Versuch bei Volkern auf die Perspektive von Gene- 
rationen und andere wesentliche Schichten fiihrt. Es kommt 
bei den Untersuchungen der kurrenten Kunstgeschichte im- 
mer nur auf Stoff- Geschichte oder Form-Geschichte hinaus, 
fiir welche die Kunstwerke nur Beispiele, gleichsam Modelle, 
herleihen; eine Geschichte der Kunstwerke selbst kommt 
dabei garnicht in Frage. Sie haben nichts was sie zugleich 
extensiv und wesentlich verbindet: wie eine solche extensive 
und wesentliche Verbindung in der Volksgeschichte das Ab- 
stammungsverhaltnis der Generationen ist. Die wesentliche 
Verbindung unter Kunstwerken bleibt intensiv. Die Kunst- 
werke stehen in dieser Hinsicht ahnlich wie die philoso- 
phischen Systeme, indem die sogenannte „Geschichte" der 
Philosophic entweder uninteressante Dogmen- oder gar Phi- 
losophen- Geschichte ist, oder aber Problemgeschichte, als 
welche jederzeit die Fiihlung mit der zeitlichen Extension zu 
verlieren und in zeitlose, intensive - Interpretation iiber- 
zugehen droht. Die spezifische Geschichtlichkeit von Kunst- 
werken ist ebenfalls eine solche, welche sich nicht in „Kunst- 
geschichte" sondern nur in Interpretation erschlieBt. Es treten 
namlich in der Interpretation Zusammenhange von Kunst- 
werken untereinander auf, welche zeitlos und dennoch nicht 
ohne historischen Belang sind. Dieselben Gewalten namlich, 
welche in der Welt der Offenbarung (und das ist die Ge- 
schichte) explosiv und extensiv zeitlich werden, treten in der 
Welt der Verschlossenheit (und das ist die der Natur und der 
Kunstwerke) intensiv hervor. Bitte verzeihe diese diirftigen 

322 



und vorlaufigen Gedanken. Sie sollten mich nur hierher 
leiten, wo ich Dir zu begegnen hoffe: die Ideen sind die 
Sterne im Gegensatz zu der Sonne der Offenbarung. Sie 
scheinen nicht in den Tag der Geschichte, sie wirken nur 
unsichtbar in ihm. Sie scheinen nur in die Nacht der Natur. 
Die Kunstwerke nun sind definiert als Modelle einer Natur, 
welche keinen Tag also auch keinen Gerichtstag erwartet, 
als Modelle einer Natur die nicht Schauplatz der Geschichte 
und nicht Wohnort der Menschen ist. Die gerettete Nacht. 
Kritik ist nun im Zusammenhange dieser Uberlegung (wo sie 
identisch ist mit Interpretation und Gegensatz gegen alle 
kurrentenMethoden der Kunstbetrachtung) Darstellung einer 
Idee. Ihre intensive Unendlichkeit kennzeichnet die Ideen 
als Monaden. Ich definiere: Kritik ist Mortifikation der 
Werke. Nicht Steigerung des BewuBtseins in ihnen (Roman- 
tisch!) sondern Ansiedlung des Wissens in ihnen. Die Philo- 
sophic hat die Idee zu benennen wie Adam die Natur um 
sie, welche die wiedergekehrte Natur sind, zu iiberwinden. — 
Die gesamte Anschauung des Leibniz, dessen Gedanke der 
Monade ich fur die Bestimmung der Ideen aufnehme und 
den Du mit der Gleichsetzung von Ideen und Zahlen be- 
schworst - denn fur Leibniz ist die Diskontinuitat der ganzen 
Zahlen ein fur die Monadenlehre entscheidendes Phanomen 
gewesen — scheint mir die Summa einer Theorie der Ideen zu 
umfassen: die Aufgabe der Interpretation von Kunstwerken 
ist: das creatiirliche Leben in der Idee zu versammeln. Fest- 
zustellen. — Verzeih wenn dies alles nicht verstandlich sein 
sollte. Deine Grundkonzeption hat mich durchaus erreicht. 
Mir stellt sie sich letzten Endes in der Einsicht dar: daB 
alles menschliche Wissen wenn es sich soil verantworten 
konnen, die Form der Interpretation haben muB und keine 
andere und daB die Ideen die Handhaben feststellender 
Interpretation sind. Nun kame es auf eine Lehre von den 
verschiedenen Arten von Texten an. Platon hat im Symposion 
und Timaios den Umkreis der Ideenlehre als den von Kunst 
und Natur abgesteckt; die Interpretation historischer oder 
heiliger Texte ist vielleicht in keiner bisherigen Ideenlehre 
vorgesehen. Sollten Dir diese Uberlegungen trotz ihrer Durf - 

323 



tigkeit die Moglichkeit einer AuBerung gewahren, so wiirde 
ich mich sehr freuen. Jedenfalls werden wir einander auf 
diesem Gebiet noch oft begegnen imissen. - Das Versagen 
von [Eugen] Rosenstock bietet nun eine spate Einlosung 
meiner damals iiber ihn verlautbarten Worte. Mir war es nie 
willkommen, seinen Namen im Eingang der Schrift zu fin- 
den. Nun hat er ihn also moralisch selbst gestrichen. Weitere 
herzliche Wiinsche fur Euch und Helmuth und von Haus 
zu Haus. 

Dein Walter 



127 An Florens Christian Rang 

Weihnachtenl923 

Lieber Christian, 

laB mich Dir ganz besonders Deine GriiBe zur Weihnacht er- 
widern, nach unser beider „Glauben der Liebe", wie mir 
gestern mit dieser schonen Formel ein Christ sie sandte, wie- 
wohl das Gesprach mit ihm fast nie, wie so oft das unsre, die 
eigne Religion beriihrt hatte. Ich kann dies Jahr die GriiBe 
so besonders erwidern, weil es vielleicht das erste war, das in 
mir unsere Bindung, und wie Unaufzahlbares ich ihr oder, 
um es gleich zu sagen : Dir danke, zu so sicherem BewuBtsein 
gebracht hat, daB das „Du" unserer Rede zur notwendigsten 
Gestalt in mir heranwuchs. Das Wissen um Bereiche, das sich 
fur den Denker soviel schwerer als fur den Mathematiker 
erwirbt, ich meine die Einsicht im Denken einen unver- 
gleichlichen Schritt auf festem Grunde zu tun und nicht nur, 
mit unverbindlicher Blickrichtung, irgendwohin zu lugen, 
hat sich in Gesprachen mit Dir mir immer wieder mit unge- 
heurer Bedeutsamkeit eingepragt und dies Jahr, da wir uns 
weniger sprachen, sind mir die Gewesenen im Geist noch 
hochst lebendig geworden. Die Ermutigung, die ich aus ihnen 
geschopft habe, habe ich bitter notig gebraucht und werde 
sie immer weniger entbehren konnen. Denn die zwangs- 

324 



maBige Vereinsamung der denkenden Menschen scheint 
reiBend urn sich zu greifen, und ist in den groBen Stadten, 
wo sie ganz unfreiwillig sein muB, am schwersten zu ertra- 
gen. Dann aber ist bei solchem GruBe das Merkwiirdige, daB 
er neben alien Weihnachtserinnerungen aus der Kindheit, 
denen das Gewissen einen breiteren Raum zu gonnen ver- 
bietet, auf eine trifft, die zu den drei oder vier unverauBer- 
lichen meines Lebens gehoren in denen dieses sich vernehm- 
bar in mir gestaltete. Ich weiB nicht wie alt ich war, vielleicht 
sieben, vielleicht zehn Jahre. Vor der Bescherung saB ich 
allein in einem dunklen Zimmer und dachte an das Gedicht 
„Alle Jahre wieder" oder sagte es. Was dabei eigentlich ge- 
schah weiB ich nicht und der Versuch es auszusprechen wiirde 
nur eine Falschung hervorbringen. Kurz, noch heute sehe ich 
in diesem Augenblick mich in jenem Zimmer sitzen und 
weiB, daB es das einzige Mai in meinem Leben war, daB ein 
seinem Gehalt nach religioses Liedwort oder Wort iiberhaupt 
in mir eine unsichtbare oder nur fluchtig sichtbare Gestalt 
annahm. 1 — Fur Euch ist hoffentlich mit diesen Wochen, die 
Euch fur Helmuths Befmden sorgenfreier machen konnen, 
eine gute Zeit angebrochen und ich hoffe, daB Ihr das Fest 
angenehm und zufrieden verlebt. 

Wiederum stimme ich meinerseits mit dem was Du liber 
Hofmannsthal schreibst ganzlich iiberein. Es ist nun wohl 
der Augenblick gekommen, an dem Du vorhast, neuerdings 
Dich an ihn zu wenden und da bitte ich Dich denn, das Er- 
suchen um baldigste Riicksendung meines Manuscripts ihm 
vorzutragen, da ich mich indessen noch nicht an ihn gewen- 
det habe, nun aber Einblick in gewisse Stellen der Arbeit 
nehmen muB. Bitte verdenke es mir nicht, wenn ich gleich- 
zeitig zwei andere Bitten um Briefe vortrage. Ich wollte 
Deinen Ersuchen um Riicksendung jenes mir so angenehmen 
Briefes von Hofmannsthal damals entsprechen — inzwischen 
erst ist mir, besonders in Gesprachen, aufgefallen, wie be- 
trachtlich der EinfluB dieses Schreibens im Sinne der Er- 
leichterung literarischer Verhandlungen iiberhaupt fur mich 
werden konnte. Daher ware es mir hochst lieb, bei Gelegen- 
heit diesen Brief im Original zur Verwahrung und gegebe- 

325 



nenfalls diskretesten Verwendung von Dir neuerlich zur 
Verfiigung gestellt zu erhalten. Die andere Bitte betrifft 
meinen letzten Brief iiber die „Ideen", in dem ich erstmalig 
Gedanken skizziert habe, auf die ich im Laufe meiner Arbeit 
vielleicht werde zuriickgreifen miissen. Auch diesen Brief 
mir zu gelegentlicher Verfiigung bereitzuhalten wiirde ich 
Dich bitten . . . Erschreckend ist — von der materiellen Not 
ganz abgesehen — wie sichtlich die Vereinsamung der geisti- 
gen Menschen im Wachsen begriffen ist. Sturmzeichen. 

Dir wiinsche ich die feierliche Musik von Wintersturmen 
und daB das Jahr gut und fruchtbar zu Ende gehen moge, bis 
ich zum neuen mit Gliickwunschen mich einstelle. Von Haus 
zu Haus herzliche GriiBe 

Dein Walter 

1 Vgl. Schriften I, S. 626 ff. 



128 An Florens Christian Rang 

10. Januar 1924 

Lieber Christian, 

die neue Ruhepause in unsrer Korrespondenz hat ihre Ur- 
sache, wie ich vermute, nicht in meinen Umstanden allein. 
Vielmehr bist wohl auch Du von eigner Arbeit beansprucht. 
Dies kann ich von mir selbst sogar nur eingeschrankt behaup- 
ten. Einerseits zwingt mich die fallige Arbeit; aber da sie in 
der Tat bisweilen mehr zwingt als fesselt, so gab es einen 
gewissen Riickschlag in Gestalt von mancherlei Zerstreuun- 
gen. Nun kann ich aber, da ich mich neuerlich zur Sache 
gerufen habe, vor dem AbschluB nicht mehr pausieren. 
Was sich in monatelanger Lektiire und immer neuem Spin- 
tisieren angehauft hat, liegt nun nicht sowohl als eine Masse 
von Bausteinen bereit, denn als Reisighaufe, an den ich den 
Funken der ersten Eingebung gewissermaBen umstandlich 
von ganz woanders her heranzutragen habe. Die Arbeit der 

326 



Niederschrift wird demgemaB, wenn es gliicken soil, sehr er- 
heblich sein miissen. Mein Fundament ist merkwiirdig — ja, 
unheimlich — schmal: die Kenntnis einiger weniger Dramen; 
langst nicht aller, die in Frage kommen. Eine enzyklopadi- 
sche Lektiire der Werke in dem winzigen Zeitraum, der mir 
zurVerfiigung stent, hatte unfehlbar einen uniiberwindlichen 
degout in mir erzeugt. Die Betrachtung des Verhaltnisses 
vom Werk und seiner ersten Eingebung, die alle Umstande 
der gegehwartigen Arbeit mir nahelegten, fiihrt mich zu der 
Einsicht: jedes vollkommene Werk ist die Totenmaske seiner 
Intuition 1 . 

Was Deine eigne Tatigkeit betrifft, so wird sie hoffentlich 
durch die vermutliche Saumseligkeit Deines Verlegers nicht 
allzu sehr belastet. Im Grunde ist die Lage jetzt derart, daB 
die Schrift jetzt viel eher den rechten Augenblick ergreift, als 
wenn sie friiher erschienen ware. Was meinen Heidelberger 
Brotherrn (!) betrifft, so hat er meine schlimmsten Erwar- 
tungen nicht eingelost, vielleicht weil ich ihm rechtzeitig von 
meinem neuen Patron Hofmannsthal Mitteilung machte. Die 
Erledigung der Honorarfrage scheint er nunmehr loyal vor- 
nehmen zu wollen. Anders verhalt er sich leider in der Frage 
der mir zustehenden Freiexemplare. Doch hier gilt: kommt 
Zeit, kommt Rat, und wenn meine nachsten Freunde sich 
etwas gedulden, werde ich mich, wenn auch verspatet, mit 
dem Bande einstellen konnen. Nun, da er vorliegt, sehe ich, 
daB es letzten Endes fur den Autor wesentlicher ist, mit 
seinen problematischen Arbeiten offentlich zu erscheinen, als 
mit seinen gegliickten, sofern von jenen dieBe£reiung,welche 
das gedruckte Werk bringt, weit mehr not tut als von diesen, 
Bei mir waltet kein Zweifel mehr iiber das hochst Problema- 
tische dieser Ubersetzung, sofern ihr die Faktur, die Beson- 
nenheit in den Dingen der Metrik schlechtweg fehlt. Du hast 
mich, wenn auch zuriickhaltend, schon friih darauf hinge wi e- 
sen. Reparabel war das natiirlich nicht, nur ein Beginnen 
von neuem ist hier am Platze. Ich hoffe, daB mir das einmal 
moglich sein wird. Mit einer gewissen Beruhigung gewahre 
ich eine entsprechende Reserviertheit gegeniiber den Uber- 
setzungen bei Hofmannsthal und ich will ihm im Sinne dieser 

327 



Zeilen schreiben. Bestehen bleibt fur micli, daG stellenweise 
diettbersetzung mir in jedem Sinne geniigt. Die beiliegenden 
Briefe von Hofmannsthal bitte icb Dich mir zuriickzusenden. 
Sie haben mich natiirlich auBerordentlich gefreut . . . 

Scholem schrieb mir ausfiihrlich. Er ist an der Bibliothek 
in Jerusalem angestellt und soil spater die spezielle Leitung 
ihrer hebraischen Abteilung erhalten. Er hat geheiratet und 
scheint in dem neuen Lande sehr gliicklich. Gutkinds tragen 
sicb ernstlich mit Ausreise-, d. h. Auswanderungsplanen. 
Doch ob sie das Geld aufbringen kbnnten, ist sehr fraglich . . . 

Mir geht es in letzter Zeit, trotz intensiver Zores, nicht 
schlecht. Nur meine Bibliothek, die gleichsam einrostet, da 
ich nichts mehr anschaffen kann, betriibt mich hin und 
wieder. Meine letzte, auch schon unverant worth che, Extra- 
vaganz war, daB ich mir eine alte Ausgabe der Werke von 
Hofmannswaldau auf einer Auktion erstand. 

Diesen Brief schreibe ich im Cafe Bauer, einem der ganz 
wenigen echten und altmodischen, welche Berlin noch hat. In 
ein paar Tagen wird es geschlossen und verlegt. 

Dir und deiner Frau die herzlichsten GruBe von mir und 
von Dora. 

Dein Walter 

1 Vgl. Schriften I, S. 538 : „Das Werk ist die Totenmaske der Kon- 
zeption". 



129 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin, 15. Januar 1924 

Hochverehrter Herr von Hofmannsthal! 

Wahrend Ihre Briefe durch den warmen und eingehenden 
Anteil, den Sie meiner Arbeit gewahren, mich mit Freude 
und Dankbarkeit erfxillen, erfuhren Sie von meiner Seite 
Komplikationen Ihrer Redaktionsarbeit. Dieser Gegensatz 
beschamt mich und ich bitte Sie herzlich, die Unsicherheit, 

528 



in die, durch meine Verfehlung, der letzte Brief von Herrn 
Rang Sie versetzte, zu entschuldigen. Gestatten Sie mir, 
wenige Worte iiber AuBeres ans Ende des Briefes zu schieben 
und zuerst von dem mir nachstliegenden zu reden. Es ist von 
hoher Bedeutung fin* mich, daB Sie die Uberzeugung, welche 
in meinen literarischen Versuchen mich leitet, so deutlich 
herausheben und daB Sie sie, wenn ich recht verstehe, teilen. 
Jene Uberzeugung namlich, daB jede Wahrheit ihr Haus, 
ihren angestammten Palast, in der Sprache hat, daB er aus 
den altesten logoi errichtet ist und daB der so gegfiindeten 
Wahrheit gegeniiber die Einsichten der Einzelwissenschaften 
subaltern bleiben, solange sie gleichsam nomadisierend, bald 
hier bald da im Sprachbereiche sich behelfen, befangen in 
jener Anschauung vom Zeichencharakter der Sprache, der 
ihrer Terminologie die verantwortungslose Willkiir aufpragt. 
Demgegenuber erfahrt die Philosophic die segensreicheWirk- 
samkeit einer Ordnung, kraft welcher ihre Einsichten jeweils 
ganz bestimmten Worten zustreben, deren im Begriff ver- 
krustete Oberflache unter ihrer magnetischen Beruhrung sich 
lost und die Formen des in ihr verschlossenen sprachlichen 
Lebens verrat. Fur den Schriftsteller aber bedeutet dieses 
Verhaltnis das Gliick, an der Sprache, welche dergestalt vor 
seinen Augen sich entfaltet, den Priifstein seiner Denkkraft 
zu besitzen. So versuchte ich vor Jahren, die alten Worte 
Schicksal und Charakter aus der terminologischen Fron zu 
befreien und ihres urspriinglichen Lebens im deutschen 
Sprachgeiste aktual habhaft zu werden. Aber gerade dieser 
Versuch verrat mir heute auf das klarste, welchen, unbewal- 
tigt in ihm verbliebnen, Schwierigkeiten jeder derartige Vor- 
stoB begegnet. Dort namlich wo die Einsicht sich unzureichend 
erweist, den erstarrten Begriffspanzer wirklich zu losen, wird 
sie, um in die Barbarei der Formelsprache nicht zunickzuf al- 
ien, sich versucht finden, die sprachliche und gedankliche 
Tiefe, die in der Intention solcher Untersuchungen liegt, 
nicht sowohl auszuschachten als zu erbohren. Diese Forcie- 
rung von Einsichten, deren unfeine Pedanterie freilich der 
heute fast durchweg verbreiteten souveranen Allure ihrer 
Verfalschung vorzuziehen ist, beeintrachtigt unbedingt den 

329 



fraglichen Aufsatz und ich bitte Sie, es fur aufrichtig zu 
halten, wenn ich in diesem Sinne die Ursache gewisser Dun- 
kelheiten darin bei mir finde. (Ebenso steht es mit dem An- 
fang des Absatzes III der Wahlverwandtschaftenarbeit). So.llte 
ich, wie es angezeigt ware, auf die Probleme jener friiheren 
Arbeit zuriickkommen, so wiirde ich den Frontalangriff auf 
sie kaum mehr wagen, sondern, wie ich es mit dem „ Schick - 
sal" in der Wahlverwandtschaftenarbeit hielt, den Dingen in 
Exkursen begegnen. Heute lage es mir am nachsten, von der 
Seite der Komodie her sie zu beleuchten. 

Ich wage es, im Sinne der wachsenden gegenseitigen Fiih- 
lung, deren Moglichkeit Sie so freundlich beschworen, mei- 
nem Baudelaire einige Worte nachzuschicken. 1st mir in 
jenem Sinne doch ebenso wichtig, wie die Mitteilung dieser 
Arbeit selbst die einer kurzen Bemerkung iiber meine Stel- 
lung zu ihr. Von meinen ersten Versuchen einer Ubersetzung 
aus den Fleurs du mal bis zur Drucklegung des Buches sind 
neun Jahre verflossen, eine Zeit, die mir die Moglichkeit gab, 
Vieles zu bessern, in ihrem letzten Ablauf aber auch die 
Einsicht in dasjenige, was, unzureichend, dennoch keiner 
„Besserung" zuganglich war. Ich habe dabei das ebenso ein- 
fache wie gewichtige Faktum im Sinne, da£ die Ubersetzung 
metrisch naiv ist. Damit meine ich nicht sowohl die metrische 
Haltung der Ubertragungen als die Tatsache, daB sie mir 
nicht im selben Sinne zum Problem geworden war, wie die 
Vorrede dies von der Wortlichkeit ausspricht. Das BewuBt- 
sein davon ist mittlerweile mir so deutlich geworden, daB es 
hinreichende Initiative fur neueUbersetzungsversuche in sich 
birgt. Ich bin der Uberzeugung, daB zuletzt nur die metrische 
Besonnenheit einer Ubersetzung der Fleurs du mal intensiver 
als die meinigen des Baudelaireschen Stils teilhaft macht, 
eines Stils, der mich zuletzt mehr als alles andere faszinierte 
und den ich den Barock der Banalitat nennen mochte in dem 
Sinne, in dem Claudel ihn ein Gemisch aus dem Stil Racines 
und eines Reporters der vierziger Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts genannt hat. Kurz, ich mochte noch einmal aus- 
ziehen, um es zu versuchen, jene sprachlichen Bereiche zu 
betreten, in denen das Mode wort mit dem allegorisierten 



330 



Abstractum (Spleen et Ideal) sich begegnet und zugleich auf 
diesem Gebiete eine solche Klarheit im Metrischen zu er- 
reichen, wie sie im Bereiche des griechischen Epigramms aus 
der neuen Ohlerschen Ubertragung vom Kranz des Meleager 
von Gadara 1 mir zu sprechen scheint. Ich beschaftigte mich 
vor Monaten damit, als ich Studien zu einer Einleitung in 
den NachlaB der beiden Heinle machte. 

Was nun das Manuscript 2 und den Druck in der Bremer 
Presse 3 angeht, so hatte ich verabsaumt, Herrn Rang, dem 
ich seinerzeit den Wunsch, das Manuscript wieder einzu- 
sehen, mitgeteilt hatte, von Ihrem ersten Briefe umgehend 
zu verstandigen, und so war er nicht im Bilde. Sollte es mir 
zur Zeit nicht gelingen, eine zweite Abschrift aus Frankfurt 
zuriickzuerhalten, so wiirde ich in dem von Ihnen angegebe- 
nen Sinne mich an Herrn Dr. Wiegand wenden, was um so 
unbedenklicher ware, als ich nur den dritten Teil der Arbeit 
kurz benotige, dessen Satz wohl nicht drangt. Ubrigens ent- 
hielt die Sendung des Herrn Dr. Wiegand die Abschrift der 
Heinleschen Gedichte nicht. Ich besitze sie natiirlich in mehr- 
facher Ausfertigung und bin beruhigt, wenn ich sie bei Ihnen 
weiB. Die Absatzliberschriften der Wahlverwandtschaften- 
arbeit sind nicht zur Veroffentlichung bestimmt. 4 

Ich schliefie mit der erneuten Versicherung meiner dank- 
baren Ergebenheit 

Ihr Walter Benjamin 

1 Der Kranz des Meleagros von Gadara. Auswahl u. Ubertragung von 
August Oehler [d. i. August Mayer]. Berlin 1920. (Klassiker des Alter- 
tums. 2. Reihe, 15. Bd.) 

2 der Wahlverwandtschaftenarbeit. 

3 Die von Hofmannsthal herausgegebenen „Neuen Deutschen Bei- 
trage" erschienen als Handpressendruck der Bremer Presse, die 1910 
von Willy Wiegand und Ludwig Wolde in Bremen gegriindet, von 
1921 bis 1939 von Wiegand in Miinchen geleitet wurde. 

4 Sie sind in der Handschrift des Aufsatzes (in Scholems Besitz) er- 
halten. Auch die Widmung an Jula Cohn ist im Druck fortgefallen, 
da Hofmannsthal keine Widmung aufnahm. 



331 



130 An Florens Christian Rang 

Berlin, 20. Januar 1924 

Lieber Christian, 

der erste Tag, an dem ich, nach langerer Pause wieder inten- 
siv von der Literatur fort auf eignen Oberlegungen und 
Gedanken zu meiner Arbeit mich wende, veranlaBt mich 
sogleich, auf Deine Beitrage zu diesen zuriickzugreifen. Und. 
damit, allerdings nur erst mittelbar, auf Literatur. Es ist 
namlich fur mich sehr wichtig, zu erfahren, welche Belege ' 
fur eine Herleitung der Tragodie aus dem Agon auBer dem 
Worte Protagonist sich angeben lieBen, und auch ob die 
Deutung jenes Wortes fur den Schauspieler in Deinem Sinne 
sichergestellt ist. Damit hangt die weitere Frage zusam- 
men, ob der Opferaltar im Mittelpunkt der antiken Biihne, 
sowie ein altes Lbsungsritual des Entlaufens und um den 
Altar Herumlaufens wissenschaftlich kurrente Fakten sind 
und, falls Du etwa dariiber unterrichtet bist, wie sich die wis- 
senschaftliche Auffassung dieser Tatbestande bisher prasen- 
tiert hat, falls sie - wie ich fur moglich halte - von der Deini- 
gen abweichend gewesen ist. Wichtig ist mir weiter aus 
Deinen Beitragen besonders noch der SchluBsatz der Notiz 
„Agon und Theater", deren Abschrift Du mir sandtest. Die- 
sem SchluBsatz mochte ich entnehmen, daB doch der SchluB 
der Tragodie von einer sichern Sieghaftigkeit des mensch- 
heilgott-Prinzips irgendwie entfernt ist und daB auch da eine 
Art von non-liquet als Unterton zuriickbleibt. - Ich will ja 
auf die Theorie der Tragodie (welche wohl oder iibel: unsere 
wird sein miissen) nur im Vorubergehen mich einlassen, 
gerade wegen dieser Kiirze aber muB ich Prazision erstreben. 
— Wie das Ganze sich ausnehmen wird, wenn es fertig ist, 
weiB ich garnicht. Nur soviel steht mir fest, daB ich meine 
ganze Energie wahrend der nachsten Zeit werde hineinlegen 
miissen. 

Hofmannsthal habe ich vor kurzem ganz ausfiihrlich ge- 
schrieben. Mein Brief an Dich ist hoffentlich in Deinen Han- 
den, so daB ich bald Nachrichten von Dir erwarten darf . 

352 



Die herzlichsten GriiBe von Haus zu Haus 

Dein Walter 



Agon und Theater 
(Aus dem Tagebuch von Florens Christian Rang) 

Agon kommt vom Totenopfer. Der zu Opfernde darf ent- 
laufen, wenn er schnell gemig. Seitdem iiber blasse Angst vor 
dem Toten, der den Uberlebenden als Opfer heischte, der 
Glaube wieder siegte, dafi der Tote liebend segne. Oder nicht 
der Tote, aber ein hoherer Tote noch. So wird Agon Gericht 
des Gottes iiber den Menschen und des Menschen iiber Gott. 
Das athenisch-syrakusanische Theater ist Agon (vergleiche 
das Wort Agonist). Und zwar ein solcher Agon, in dem im 
Gericht gegen Gott ein hoherer Heiland-Gott erbetet wird. 
Der Dialog ist ein Wettreden, d. i. Wettlaufen. Sowohl der 
beiden Stimmen, die den Menschen bzw. den Gott verklagen 
und entschuldigen wie beider zu dem gemeinsamen Ziele, dem 
zu sie entlaufen. Dieses ist das jiingste Gericht iiber Gotter 
und Menschen. Der agonal e Lauf ist auch im Theater noch 
Totenopfer, siehe das Opfer des Archon Basileus. Der agonale 
Lauf ist auch im Theater Gericht, denn er stellt das jiingste 
Gericht vor. Er schneidet das Amphitheater des beliebig zeit- 
langen Wettlaufs entzwei und setzt die raumliche Grenze der 
Skene. Aus der linken Unheilstiir laufen die Agonisten her- 
vor. Sie durchlaufen — durch das Medium des Chaos — sym- 
pathetisch das Halbrund der Gemeinde um den Opferaltar 
herum und enden in der Heilsttir - rechts. Als jiingstes Ge- 
richt nimmt dieser Wettlauf die mensch-gottliche Vergan- 
genheit in sich, der Lauf vollzieht sich im Bild der den Lauf 
schon vollendet habenden groBen Toten. Die Gemeinde aner- 
kennt das Opfer, den Tod, aber dekretiert zugleich den Sieg, 
so dem Menschen wie dem Gott. 



333 



131 An Florens Christian Rang 

Jan. 1924 

[Rangs Geburtstag 28. Jan.] 

Lieber Christian, 

Dein langeres Schweigen hatte mich vielleicht schon beun- 
ruhigt, wenn ich nicht dieser Tage von Deinem Schreiben 
nach Griinau gehbrt hatte und daB es iiber Helmuths Befin- 
den so erfreuliche Nachrichten gibt. Damit ist, scheint mir, 
der bei weitem gewichtigste Teil der Wiinsche, die wir alle zu 
Deinem Geburtstag hegen, der Erfiillung nahe. Viel weni- 
ger besorgt bin ich um den eines andern: daB Dir die Kraft 
und die Flille der Gedanken noch auf Jahr und Jahrzehnt 
hinaus treu bleibe, damit die Erntewagen der Ideen weiter- 
hin so hoch beladen einfahren wie bisher. Was wir als Gabe 
bringen, das ware allenfalis so eine Art Zweigespann, von 
dem ich glaube, daB es einander nicht unahnlieh und also 
vertraglich und geziemlich bei der Arbeit sich benehmen 
wird. Auch mag es eine ganz leidliche, wenn auch wenig be- 
kannte und ausgereifte Zugkraft besitzen. DaB das eine 
Pferdchen so locker im Gespann geht, ist nicht unsere Schuld, 
es war nicht anders zu haben. 

Meine Fahrten bei diesem AnlaB aber brachten mir eine 
tolle Erfahrung. Bernhard 1 hatte auf meine Anfrage einen 
Rat gegeben und gemeint, daB eine gute Ausgabe einer scho- 
lastischen Schrift Dir wiirde von Nutzen sein konnen. Ich 
also begab mich in die groBe Herdersche Buchhandlung. Es 
waren noch keine ftinf Minuten verstrichen, als der maB- 
gebendeHerr mir die zuverlassigeMitteilung machenkonnte, 
daB weder im lateinischen noch im deutschen Text irgendeine 
scholastische Schrift auf Lager sei! Mithin: von oben bis 
unten steckt das ganze Haus voller Romane und Traktatchen. 
— Weiter horte ich von Bernhard, daB urspriinglich Deine 
Kinder Dir den Baudelaire hatten schenken wollen. Aber dies 
ist und bleibt naturlich meine Angelegenheit und ich werde 
in absehbarer Zeit ihr nachkommen. 

Verzeih, wenn ich sogar in diesen Feiertagsbrief meinen 

334 



alltaglichen Philologensorgen EinlaB gewahre. Aber die 
Arbeit brennt nun so unter den Handen, daB auf einmal alles 
endlos Verschobene auf seiner Erledigung besteht. Und f iir die 
Frage des griechischen Theaters bin und bleibe ich auf Dich 
allein angewiesen. Mir ware sehrwichtigzuwissen, obirgend- 
ein nachweislicher Zusammenhang, sei es historischer, sei es. 
rein sachlicher Art zwischen der dianoetischen Dialogform 
besonders des Sophokles und Euripides und dem attischen 
Gerichtsverfahren besteht und, falls er existieren sollte, in 
welchem Sinne er zu verstehen ware. In der Literatur fand 
ich dariiber nichts, aus eigner Un-Kenntnis kann ich die 
Frage nicht entscheiden und sie liegt doch auf der Hand. 
— Im iibrigen habe ich das umfangreiche Material nun fast 
vollzahlig versammelt und die Niederschrift wird demnachst 
beginnen. Es wird ein hartes Stuck Arbeit werden. 

Dir und Deiner Frau nochmals die herzlichsten Wiinsche 
und Euch alien einen frohen Tag 

Dein Walter 

l Bernhard Rang, Sohn von Florens Christian Rang. 



Theater und Agon 
[Abschrift aus Rangs Brief an W. Benjamin vom 28. 1. 24] 

Recht hast Du, wenn Du iiber den SchluBsatz meiner 
Aufzeichnung „Agon und Theater" schreibst: „Diesem 
SchluBsatz mbchte ich entnehmen, daB doch der SchluB der 
Tragodie von einer sicheren Sieghaftigkeit des Menschheil- 
gottprinzips irgendwie entfernt ist und daB auch da eine Art 
von non-liquet als Unterton bleibt." Durchaus ist dies meine 
Meinung. Die jeweils gefundene tragische Lbsung ist zwar 
Erlosung, aberproblematische, imGebetpostulierte, aber nicht 
so realisierte, daB nicht sie auch wieder einen Zustand setzte, 
der neuer Lbsung = Erlbsung bediirfte. Oder - in der Gestalt 
des Wettlaufs gesagt — : der erreichte Heilsgott beendet einen 
Akt, aber ist nicht die Endstation der rennenden Seele, ist ein 

335 



jeweiliges Gnadenschicksal, aber nicht die Gewahr, nicht die 
Voll-Ruhe, nicht das Evangelium schlechthin; der Zorn, das 
Opf erheischen, die Seelenflucht vor dem Geschick kann immer 
auch unter ihm neu einsetzen. Daher die antike Tri- oder 
Tetralogie; diese stellt Phasen des erlosenden Laufs dar. 
- Belege fair die Herleitung der Tragodie aus dem Agon 
besitze ich im Sinne von Literaturnotizen keine. Aber auBer 
dem Wort (Prot) Agonist mache ich Dich aufmerksam auf 
den Thespis -Wagen, den car naval, der den Himmels-Um- 
schwung der Gestirne nachfahrt, aber nicht in der gesetzten 
(astrologischen) Ordnung, sondern (in der Schaltzeit) in ihrer 
Auflosung so, daB hier die Ekstase aus der Angst sich vor- 
drangen kann; das freie Wort (dictamen) das Gesetz iiber- 
heben kann; der neue Gott (Dionysos) die alten iiberwinden 
kann. Ich verweise da auf meinen Carneval-Aufsatz. Die 
Tragodie ist der Bruck der Astrologie und also das Entlauf en 
ausdemSternlauf-Geschick. — Ob unsere archaologische, reli- 
gionsgeschichtlicheFachwissenschaft davon Kenntnis hat und 
es auch aus antiken Worten zu begriinden vermag, dariiber 
vermag ich Dir leider gar nichts zu sagen; ich bezweifle es 
aber sehr . . . Dagegen wird auch Dir bekannt sein (was ja 
bzgl. der Pyramid en, der babylonischen Stufentempel, der 
gotischen Dome von den Architekten im Einzelnen nachge- 
wiesen ist), daB die Form der sakralen Bauwerke, im Kultur- 
kreis der astrologischen Religion (der ganz Europa umfaBt), 
die uranische ist: in irgend einem Sinne eine Abbildung des 
Kosmos. Des geschlossenen Schicksals. Nun liegt neben dem 
Circus - der nichts anderes ist wie die bauliche Fixierung des 
Rundlaufs des am Grabe des Herren, des [?] am Altar, zum 
Opfer fur diesen bestimmten Menschen, der [?] von seinem 
Opfergeschick sich lost, indem er denselben Gott (Ahngott, 
Heros) im Umschwung sich zum Heilgott gewinnt, der ihm 
als Unheil-, als Tod-bringender Gott im Anfang fordernd 
gegenstand, - ich sage, neben diesem Circus, der schon im 
Kreise der Astrologie, des Schicksals, eine Erlosung aner- 
kannte, liegt der theatralische Halbkreisbau, der aus diesem 
Kreise einen Ausgang gewahrt. Jener Todes- und Lebenslauf 
des Opfermenschen aber ist auch schon ein agon: ein Kampf 

336 



zwischen Entfliehenden und Verfolgern; wird es vollends 
aber dadurch, daB er in die Moglichkeit der Freiheit setzt, 
in ihrer Voraussetzung gefuhrt wird. Der im astrologischen 
Circus zum Altar Gelangte wird zwar nicht geopfert, gehort 
aber nun dem Gott mit seinem Leben als lebenslanglich ver- 
haftet; der aus ihm Entlaufene - im Theater-Halbcircus - 
ist freier Mensch. Das aber ist der Sinn des griechischen 
Agon auf seiner nicht-mehr-astrologischen Stufe: das Sieg- 
bewuBtsein des Menschtums gegen die hieratische Verstar- 
rung. Ich fiirchte aber, fur die Entstehungsgeschichte der 
Bauform des antiken Theaters — des Halbcircus — sind die 
facharchitektonischen Studien noch nicht bis in diese reli- 
gionswissenschaftlichen Bereiche gedrungen. 

Deine Anfrage nun in Deinem heutigen Brief liber den 
Zusammenhang des theatralischen Dialogs, bei Sophokles 
und Euripides insbesondere, mit dem attischen Gerichtsver- 
fahren kann ich leider auch nur so im Allgemeinen beant- 
worten, ohne positive Detailkenntnisse und -Angaben. Der 
antike ProzeB - der StrafprozeB insbesondere - ist Dialog, 
weil gebaut auf die Doppelrolle von Klager und Beklagtem 
(ohne Offizialverfahren). Er besitzt seinen Chor; teils in den 
Schwurgenossen (denn z. B. im altkretischen Recht traten die 
Parteien den Beweis mit „Eideshelfern" an, d. h. mit Leu- 
mundszeugen, die sich — ursprunglich auch mit Waffen im 
Kampf , d. h. im Ordal — fiir die Treue und das Recht ihrer 
Partei verbiirgten); teils in dem Aufgebot der das Gericht 
um Erbarmen anflehenden Genossen des Beklagten (vgl. die 
Apologie des Sokrates von Plato) ; teils endlich in der richten- 
den Volksversammlung. Dieser Dialog, der ganze ProzeB 
iiberhaupt, ist aber ursprunglich Waff engang, Rechts-^r/oZ- 
gung; derGekrankte ist hinter demKranker mit demSchwert 
her (wobei Civil- und Straf recht keinen Unterschied macht); 
Recht wird Volksrecht erst aus Selbsthilfe (der Sippe gegen 
die Sippe). Das eigentlich Prozessierte aber, der pro-cessus 
— und das Recht gegen die Rache Abgrenzende — ist die Her- 
einstellung dieses Rechtslaufs in den Lauf der Gestirne. Das 
„Ding" im germanischen Recht — dies aber ist alt- arisen, 
gilt auch fiir Hellas — kann gehalten werden nur von Son- 

337 



nenauf- bisUntergang; bis die Sonne untergeht, muB mit der 
Verurteilung gewartet werden, weil der Retter, der Streit- 
helfer, noch erscheinen konnte. Das „echte Ding" fiigt sich 
nun audi in den Mondlauf ; halt sich monatlich (ich glaube, 
an den Neumonden). Ich bin bzgl. des attisch-romischen Pro- 
zesses nicht im Einzelnen orientiert; aber sicher ist auch da 
der Rechtslauf religios gebiindigt durch den Gestirnlauf (wo- 
bei bestimmte Constellationen „feriae" ergeben - Tage, an 
denen Gericht nicht zu halten ist, u. dergl.). Aber fur atti- 
sches Recht (dem das romische folgt) ist das Wichtige und 
Charakteristische auch hier der dionysische Durchschlag, der, 
um mit den Worten meines Carneval-Aufsatzes zu sprechen, 
Triumph der AuBerordentlichkeit iiber die Ordentlichkeit 
— daB namlich das trunkene, das ekstatische Wort die regu- 
lare Verzirkelung des Agons durchbrechen durfte — daB die 
in den Formen unterdriickte Menschlichkeit (ihrerseits oft in 
ebenso fast unmenschlichen Formen) wild herausplatzen 
durfte — daB ein hoheres Recht aus der Uberzeugungskraft 
der lebendigen Rede erwuchs, als aus dem Processus der mit 
Waffen oder in gebundenen Wortformeln sich widerstreiten- 
den Sippen. Das Ordal wird durch den Logos hier in Freiheit 
durchbrochen. Dies scheint mir zutiefst die Verwandtschaft 
zu sein von GerichtsprozeB und Theater- Drama in Athen. 
Denn auch das Drama ist die dionysisch verlebendigte Myste- 
rienfeier des Sonnenwendlaufs. Sophokles und Euripides aber 
haben dabei keine grundlegende Bedeutung; sie sind nur 
Fortbildner. Die Entwicklung hebt mit Aeschylus an. 



132 An Gerhard Scholem 

5.Marz 1924 

Lieber Gerhard, 

es ist nicht meine Meinung, daB die lange Frist, die ich dies- 
mal bis zur Antwort verstreichen lieB, das ZeitmaB unsres 
Briefwechsels andeuten soil. Sie hatte mancherlei Griinde, 

338 



die zuletzt freilich alle auf den bosen EinfluB dieser Atmo- 
sphare zuriickgehen, von deren Hemmungen mich loszu- 
machen immer noch mein vitalstes Vorhaben ist. Unmittelbar 
kommt dazu die endlose Zogerung WeiBbachs, von dem zu- 
nachst Freiexemplare nur in sparlicher Anzahl zu erhalten 
waren. Nun ist es mir schlieBlich gelungen, ihn zu einer 
Sendung zu veranlassen und Du wirst das Buch, verspatet 
aber als gleich freundlich gesinnten Boten, wohl mit diesem 
Brief zusammen erhalten. Ich will Dir zuerst fur Deinen 
letzten danken. Mein andauerndes Schweigen hat Dir nicht 
verraten, wie auBerordentlich er mich in seiner Unmittelbar- 
keit der Darstellung gefesselt hat. Meine guten Hoffnungen 
fiir Dich so sicher bestatigt zu finden, hat mich sehr erfreut. 
Inzwischen wirst Du sicher Neues, Genaueres gleich Mit- 
teilenswertes um Dich erfahren haben; ich hoffe, daB unsere 
Korrespondenz ein Tempo finden wird, bei dem wir uns nicht 
um allzuviel Wesentliches betriigen. Diese Gefahr besteht bei 
meinen Mitteilungen an Dich wegen des unsaglich schlep - 
penden derhiesigenDinge und der wachsenden Schwerbliitig- 
keit der Menschen weniger, um so mehr wahrscheinlich aus 
den entgegengesetzten Griinden bei Deinen Nachrichten fiir 
mich. So kann ich auch diesmal die paar Vorfalle meines 
Vierteljahr.s in wenigen Worten zusammenfassen. Zunachst 
im Negativen, so ist meine Frankfurter Schrift noch immer 
nicht begonnen, obzwar bis unmittelbar an die Abfassung 
von langer Hand her herangefiihrt. Hier will sich der Elan, 
der den Ubergang zur eigentlichen Niederschrift ergibt, nicht 
einstellen und ich plane, in der Hauptsache die Ausarbeitung 
im Auslande vorzunehmen. Anfahg April will ich — auf Bie- 
gen oder Brechen — von hier fort und unter der Erleichterung 
des Lebens in einer groBen und freiern Umwelt diese Sache 
so weit mir das gegeben ist etwas von oben herab und presto 
absolvieren. Das wird ermbglicht und andrerseits sogar ge- 
fordert durch die exzentrische Akribie, mit der ich die Arbeit 
vorbereitet habe (ich verfiige allein xiber ca 600 Zitate, aller- 
dings in bester Ordnung und Ubersichtlichkeit). Zuletzt wird 
sie durch das Tempo ihrer Entstehung und eine relative Iso- 
liertheit von friihern Studien von mir, immer etwas von 

339 



einertollkuhnenEskapadebehalten,welche mirfreilich unbe- 
dingt die venia einbringen mufi. Sie ist bei zunehmender 
Umdusterung der finanziellen Situation auch insofern meine 
letzte Hoffnung, als ich hoffe, mit der Privatdozentur eine 
Anleihe aufnehmen zu konnen. Aber auch sonst hangt meine 
Situation durchaus von der Frankfurter Sache ab. Wie ich 
unter diesen Umstanden den Auslandsaufenthalt finanziere, 
steht mir noch nicht fest, dochbin ich im auBerstenFall sogar 
zu Opfern aus meiner Bibliothek entschlossen. Fur jetzt frei- 
lich betaube ich den Schmerz dieser Bereitschaft durch hin 
und wieder gewagte Anschaffungen. So erstand ich vor einer 
halben Stunde mit groBer Freude fur 3 Mark den „Enfer de 
la Bibliotheque Nationale", den Katalog der sekretierten 
Biicher, der im Jahre 1914 von Guillaume Apollinaire und 
andern herausgebracht wurde. Ich bilde mir schlankweg ein, 
daB es eine Mezzie 1 war. Meine Passion fur barocke Emble- 
matik (iiber die, unter uns gesagt, ich sobald ich frei bin, ein 
grofies Bilderwerk herausgeben will, aus Griinden des Ver- 
dienstes, der dabei betrachtlich sein kann) hat mich auch zu 
einer Anschaffung gefuhrt. Ich habe jetzt zwei Emblemen- 
werke, die beide der hiesigen Bibliothek fehlen. Im iibrigen 
danke ich aber gerade ihr eine griindliche Anschauung von 
dieser Literatur. Es ist kein Zweifel, daB zwischen der Illu- 
stration der altera Kinderbiicher und der der Emblematica 
vielfache Beziehungen bestehen. [.'. .] - Im Memorandum 
iiber die letzten Monate fortzufahren, so ist die Schrift von 
Rang iiber die Reparationsfrage erschienen. „ Deutsche Bau- 
hiitte. Philosophische Politik Frankreich gegeniiber." Da- 
mit hat er nun einer Schrift seine geistige Physiognomie zum 
ersten Mai weithin erkennbareingepragt und dem entspricht 
ihre Bedeutung. Du wirst sie von mir gelegentlich geschenkt 
bekommen und darin auch eine Zuschrift an den Verfasser 
von mir finden. Es ware sehr trostlich, wenn dieses Buch hie 
und da von einem Auslander verstanden werden sollte, aber 
deren werden wohl nur ganz wenige sein. Rang ist im Januar 
sechzig Jahre alt geworden. — In den „Neuen Deutschen Bei- 
tragen" sind die Teile I und II zur Zeit im Satz, und werden, 
da ich schon die erste Korrektur gelesen habe, in kurzer Zeit 

340 



als Hauptinhalt des nachsten Heftes erscheinen. Der dritte 
Teil kommt in das folgende. In schriftstellerischer Hinsicht 
ist dieser Erscheinungsmodus, als in der bei weitem exklusiv- 
sten der hiesigen Zeitschriften fur mich iiberaus wertvoll. In 
akademischer Hinsicht ware ein anderer vielleicht giinstiger 
aber nicht ebenso moglich gewesen. Was aber die publizisti- 
sche Wirkung betrifft, so ist dieser Ort fur meinen Angriff 
auf die Ideologic der Schule von George geradezu der gege- 
bene. Vielleicht nur an dies em einzigen Ort diirfte es liegen, 
wenn es ihr schwer fallen sollte, die Invektive zu ignorieren. 
Bemerkenswert ist, daB Hofmannsthal an einer unmiBver- 
standlichen Bemerkung seinen Hauptmitarbeiter 2 an den 
„Beitragen" [betreffend] keinen ausdriicklichen AnstoB ge- 
nommen hat. Er hat mir in der Folge noch zwei weitere 
Briefe iiber andere Sachen [von] mir geschrieben, in denen er 
besonders von der „Aufgabe des tJbersetzers" mit hochstem 
Beifall spricht. Diese umfangreichen Autographen haben mir 
vorlauflg eine ganz schmale Jahresrente von meinen Eltern 
eingebracht, mit der aber unsre Existenz auf keine Weise auf 
die FiiBe zu stellen ist. Im ixbrigen beginnen libelli mei sua 
fata zu erfahren. Vor kurzem erhielt ich die Nachricht, daB 
die gesamte noch vorhandene Auflage meiner Dissertation in 
Bern verbrannt ist. Ich lasse Dir damit einen unschatzbaren 
Tip zukommen und anvertraue ferner, daB noch 37 Exem- 
plare auf Lager sind, deren Erwerb Dir eine konigliche Posi- 
tion auf dem Antiquariatsmarkt sichern wiirde. SchluB des 
redaktionellen Teils. — Was Du von [Hugo] Bergmann 3 
schreibst spannt und interessiert mich aufs auBerste. Ich habe 
einmal in Breitenstein jemanden kennen gelernt, einen ge- 
wissen Ingenieur Langweil aus Prag, eine ziemlich faden- 
scheinige Existenz, der sich als Bergmanns Jugendfreund 
bezeichnete. Wie ist Bergmann zu seiner Stellung gelangt? — 
Gutkinds, deren Vermogenslage nicht nur in aktueller Hin- 
sicht sondern auch hinsichtlich etwaiger Aussichten garni cht 
giinstig sich anzulassen scheint, tragen sich ernsthaft mit der 
Absicht ihre hiesige Situation zu verlassen. Sie scheinen unter 
Flattaus 4 Anleitung jetzt nicht nur eifriger sondern vor allem 
sachlicher und bescheidener zu lernen. Jedenf alls habe ich den 



341 



Eindruck daB Flattau mit ihnen nicht unzufrieden ist. Aller- 
dings widmet er sich ihnen audi mit einer AusschlieBlichkeit, 
die mir manchmal fiir ihn nicht unbedenklich scheint, was 
die Fortschritte seiner europaischen Orientierungsversuche 
betrifft. Er wird mir, je ofter ich ihn sehe desto lieber, — Hier 
trifft man auf Nachrichten von Pogromgefahren in RuBland, 
die unglaublich bedrohlich klingen. WeiBt Du, ob etwas 
Wahres daran ist? Wie mein Schwiegervater mir schrieb, 
seid Ihr Euch in einer Gesellschaft begegnet. Kommen Dir 
sonst Menschen vor, die auch in meinen Gesichtskreis hin- 
einragen, so freue ich mich, wenn Du sie mir vorstellst. 
- Deinem Anteil am Fortschritt meiner Arbeit kann ich im 
gegenwartigen Stadium derselben mit brieflichen Mitteilun- 
gen nicht entgegenkommen. Hochstens daB ich eben die Dis- 
position andeute. Anfang und SchluB werden (als ornamen- 
tale Randteile gewissermaBen) methodische Bemerkungen zur 
Literaturwissenschaft bringen, in denen ich so gut es geht 
mit einem romantischen Begriff von Philologie mich vorstel- 
len will. Dann die drei Kapitel: Uber die Historie im Spiegel 
des Trauerspiels. Uber den occulten Begriff der Melancholie 
im 16 ten und 17 ten Jahrhundert. Uber das Wesen der Allego- 
rie und allegorischer Kunstformen. Die Arbeit wird selbst im 
gliicklichsten Falle Spuren ihres nicht gewaltlosen und zeit- 
lich nicht unbeengten Werdegangs tragen. Uber ihren Urn- 
fang kann ich noch nichts voraussehen. Ich hoffe ihn in ge- 
messenen Grenzen halten zu konnen. Das letzte Kapitel fxihrt 
reiBend in die Sprachphilosophie hinein, indem es sich dabei 
um das Verhaltnis von Schriftbild zu Sinnbestand handelt. 
Die Bestimmung der Arbeit ebenso wie ihr Entstehungs- 
rhythmus erlaubt mir natiirlich nicht, eine durchaus selb- 
standige Entfaltung von Gedanken zu dieser Frage zu haben, 
die Jahre der Besinnung und des Studiums erfordern wiirde. 
Aber historische Theorien dariiber gedenke ich in einer An- 
ordnung vorzulegen, mit welcher ich die eigene Uberlegung 
vorbereiten und andeuten kann. Ganz erstaunlich ist in die- 
ser Hinsicht Johann Wilhelm Ritter, der Romantiker, in des- 
sen „Fragmenten eines jungen Physikers" Du im Anhange 
Erorterungen iiber die Sprache findest, deren Tendenz ist, das 

342 



Schriftzeichen als ebenso natiirliches oder offenbarungshaftes 
Element (dies beides im Gegensatz zu: konventionellem Ele- 
ment) zu statuieren wie von jeher fur die Sprachmystiker das 
Wort es ist und zwar geht seine Deduktion nicht etwa vom 
bildhaften, hieroglyphischen der Schrift im gewohnlichen 
Sinne dabei aus, sondern von dem Satze daB das Schriftbild 
Bild des Tones ist und nicht etwa unmittelbar der bezeichne- 
ten Dinge. Das Buch von Ritter ist ferner unvergleichlich 
durch seine Vorrede, die mir ein Licht dariiber aufgesteckt 
hat, was eigentlich romantische Esoterik wirklich ist. Dage- 
gen istNovalis ein Volksredner. AusDeinem Brief eentnehme 
ich, dafi Du neben der arabischen Publikation 5 ein Sohar- 
lexikon vorbereitest. Stimmt das? so ist es doch wohl eine 
Arbeit auf Jahre hinaus? - DaB Buber als Nachfolger Rosen - 
zweigs das Lektorat fur jiidische Religionsphilosophie in 
Frankfurt erhalten hat, wirst Du naturlich wissen. [. . .] 
— Von Bloch gibt es ein neues Buch, im Wesentlichen fruher 
Gedrucktes unter dem schonen Karl Mayschen Titel „Durch 
die Wiiste" zusammenfassend. Inhaltlich ist dazu nichts zu 
sagen. SpaBig ist etwa eine auffallend blutige Hinrichtung 
aller opponierenden Rezensenten. Sonst gibt es dies und das 
aus Muri. [. . .] Aber das verbleibt einem offiziellen Bericht. 
Dagegen ware hier „aus den Hallen der Wissenschaft" fol- 
gendes zu berichten. Ein Herr an der hiesigen Bibliothek, den 
ich kenne, erzahlte mir, neuerliche Angriff e (von Kurt Hilde- 
brandt) auf Wilamowitz seien auch bei der Bibliothek irgend- 
wie aufgefallen. Kurz man wollte naheres dariiber erfahren 
und schickte den Herrn, meinen Bekannten, heriiber zur Uni- 
versitat, um sich zu vergewissern, ob wirklich, wie man gehort 
hatte diese Invektiven „von einem Sohn des rheinischen 
Dichters George" stammten! 

Mit diesem Untergang des Abendlandes schlieBe ich heute. 
Je fruher Du von Dir horen lassen kannst, desto lieber ist es 
mir. Die herzlichsten GriiBe und dazu meine besten Wiinsche 
fur Eschas Gesundheit. 

Dein Walter 

1 Jiidisch: billiger Kauf. 

343 



2 Rudolf Borchardt. 

3 Direktor der Jiidischen Nationalbibliothek in Jerusalem, spater Pro- 
fessor der Philosophie an der Hebraischen Universitat 

4 Gutkinds Hausgenosse und hebraischer Lehrer, Dow. F. aus Wilna. 

5 Das Buch von der Palme des Abu Aflah aus Syrakus. Ein Text aus 
der arabischen Geheimwissenschaft. (Hannover 1927). 



133 An Gerhard Scholem 

Capri, [10. Mai 1924] 

Lieber Gerhard, 

da ich nun den umstehend bezeichneten Veranstaltungen 
entronnen bin, trage ich diese Karte als einzigen Gewinn 
nach Hause und will sie Dir mit einer kleinen Beschreibung 
dieses Vorfalls widmen. Was mich betrifft, so hatte es der 
ganzen Angelegenheit nicht bedurft, um mir die tJberzeu- 
gung zu verleihen, daB die Philosophen die schlechtbezahlte- 
sten weil uberfliissigsten Lakaien der internationalen Bour- 
geoisie sind ; daB sie aberihreSubalternitat mit einer derartigen 
wiirdigen Schabigkeit iiberall zur Schau stellen, war mir neu 
zu sehen. Sie kamen allesamt in die Siebenhundertjahrfeier 1 
der Universitat [Neapel] hinein (und eben merke ich, daB 
diese Karte in ihrem Aufdruck nur auf diese Bezug nimmt; 
wovon ich rede, ist aber der damit verbundene internationale 
KongreB fur Philosophie) und waren, wahrend in der Uni- 
versitat der Larm der aufgewxihlten Studentenschaft tobte, 
in ihren Auditorien wo die Sektionen tagten, teilweise vollig 
vereinsamt, Es gab auch ein paar Planarsitzungen. Das We- 
sentliche war, daB kein Philosoph von irgendwelchem Ruf 
ein Referat ubernommen, ja kaum einer anwesend war. 
Sogar Benedetto Croce, der fuhrende Philosoph Italiens, 
der dazu in Neapel Professor ist, hat der Veranstaltung 
nur in einer ostentativ wirkenden Distanz beigewohnt. 
Die Vortrage, die scheinbar hochstens eine halbe Stunde 
dauern durften, waren durchweg auf einer ganz tiefen Stufe 
der Popularitat, soweit ich sie horte. Nirgends schien es sich 

344 



um Mitteilungen zu handeln, die an Forscher gerichtet waren. 
So fiel die ganze Unternehmung sehr bald in die Hande von 
Cooks Reisebiiro, das die Fremden auf zahllosen „ErmaBi- 
gungstouren" durchs Land kreuz und quer beforderte. Vom 
zweiten Tage an lieB ich den KongreB seine Wege gehen, 
und fuhr auf den Vesuv, sah dann am Nachmittag im ge- 
schmacklosen aber sehr farbigen Treiben einer studentischen 
Feier Pompeji und bin gestern in dem groBartigen National- 
museum von Pompeji 2 gewesen. Die Stadt nach dem Rhyth- 
mus ihres Lebens iiberwaltigte mich auch diesmal wieder. 

Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich versuchen, meinen 
hiesigen Aufenthalt langer auszudehnen als ich urspriinglich 
zu tun gedacht hatte. Ich richte mich darauf ein, die Nieder- 
schrift meiner Arbeit hier zu beginnen. Gutkinds werden 
wohl nicht mehr allzu lange bleiben. Auch fiir mich stellt 
der fernere Aufenthalt ein okonomisches Problem, da dies 
aber mit ein em zu Hause gleichermaBen der Fall ware und 
ich zum wenigsten hier billiger lebe, so will ich es lieber hier 
mit dergleichen Schwierigkeiten aufnehmen. Ich bitte Dich, 
vorlaufig, und zwar moglichst bald, mir an die umstehend 
bezeichnete Adresse zu schreiben. — Meine nun verbrannte 
Dissertation scheint nun ihren Weg zu machen: in einer 
Schrift iiber „Neuere Stromungen der Literaturwissen- 
schaft" 3 — ist sie ausfiihrlich besprochen, in einer hollandi- 
schen Zeitschrift soil sie ausgezeichnet rezensiert sein 4 . [...]. 

Von Deinem letzten Rriefe habe ich sehr viel gehabt, 
neb en der groBen Freude ihn zu lesen. Jeder folgende ist sehr 
erbeten. Mit ihm selbstverstandlich auch alle Schriften, Son- 
derdrucke etc., ob sie fiir mich Reklame machen oder nicht. 
Die Rangsche Schrift diirfte Dir bereits in den nach st en 
Tagen zugehen. Von Deinem letzten Brief stelle ich Dir hier- 
mit folgenden Satz bestens zuriick: „Ferner gedenke ich im 
„Juden" eine Notiz iiber Ubersetzung hebraischer Gedichte 
(polemisch) erscheinen zu lassen, die die antizionistische Per- 
spektive des Meuchelmords an der hebraischen Dichtung 
unter geschichtsphilosophischen Ideologien (mit Bezug auf 
Rosenzweig u. a. 5 ) aufdecken soil." Diesen Satz erbitte ich 
freundlichst in etwas groBerem Format zuriick. Andernfalls 

345 



erwage ich, dich humboldtischer oder aber Witwe Boldtischer 
Haltung zu bezichtigen. Letzteres konnte Dir in Muri 
Schwierigkeiten zuziehen. 

Mit den herzlichsten GriiBen an Dich und Escha 

Dein Walter 

1 Vgl. Schriften II, S. 77. 

2 Lies: Neapel. 

3 Wohl ein Irrtum von W. B. 

4 H. Sparnaay im „Neophilologus", Jg. IX, S, 101 f. 

5 Bezog sich auf R.s Ubersetzungen von Hymnen des Jehuda Halevi, 
die damals erschienen. 



134 An Gerhard Scholem 

Capri, 13. Juni 1924 

Lieber Gerhard, 

es ist nun wieder mal soweit, daB ich einen Brief an Dich 
fabrizieren kann. Als Vorwand dient mir, daB ich Dich um 
die Ubersendung von Teil III der Wahlverwandtschaften- 
arbeit an meine hiesige Adresse bitten muB. Ich brauche 
namlich einen Vorwand. Soviel hatte ich zu tun, daB ich 
mir die Zeit zum Brief schreib en kaum nehmen diirfte. Wenn 
ich nur soviel tun konnte! Die Arbeit an der Habilitations- 
schrift wird mir hart. Der Grunde sind mehrere. Der erste 
ist wohl der, daB einerseits unter zeitlicher Pression zu arbei- 
ten unter alien Umstanden miBlich ist, andererseits ich immer 
mehr zu einer weitausholenden Langsamkeit im Bedenken und 
Darstellen neige. Wie denn Gegenstande, die eine solche 
Haltung erfordern, also philosophische mir zunehmend wich- 
tig werden. Hier liegt eine weitere Hemmung. Meine philo- 
sophischen Gedanken, insbesondere die erkenntnistheoreti- 
schen in dieser Arbeit, die eine halbwegs polierte Fassade 
zeigen muB, 1 ist schwierig. Es wird im Verlaufe der Dar- 
stellung, wo die Sache und philosophische Perspektive nahe 

346 



zusammenriicken, leichter werden; fiir die Einleitung, die 
ich gegenwartig verfasse und in der ich meine eigensten 
Hintergedanken andeuten muB ohne mich doch ganz in die 
thematische Beschrankung dabei verbergen zu konnen [sic], 
bleibt es miBlich. Do wirst darin seit der Arbeit liber „Sprache 
iiberhaupt und iiber die Sprache des Menschen" zum ersten 
Male wieder so etwas wie einen erkenntnistheoretischen Ver- 
such finden, den nur leider die Hast, in der er fixiert werden 
muB, in manchem als verfrtiht kennzeichnet, da seine ruhige 
Ausarbeitung erst in Jahren oder Jahrzehnten ihn reifen 
konnte. Was den Rest anlangt, so hoffe ich nur das Eine, ihn 
so robust anfassen zu konnen, daB die Abfassung vor Ablauf 
des Termins, der mir im Grunde reichlich bemessen ist, ge- 
schehen ist. Alles in allem wiederholen sich nun bei der Ab- 
fassung dieselben Beklemmungen, wie sie seinerzeit die Fest- 
legung des Plans in mir ausloste, bei der ich mit Recht davon 
ausging, einen KompromiB der mir wesentlichen Darstellung 
mit dem Zweck der Arbeit eingehen zu miissen. DaB solche 
Beklemmungen dann die Damonen der Faulheit aufrufen, 
wird Dich nicht wunder nehmen. Und endlich lassen die 
groBartigen Aspekte des Lebens hier ebenso wie seine kleinen 
an sich sehr nebensachlichen Widerstande gelegentlich das 
Tempo stocken. 

[. . .] 

Diesen Brief habe ich gestern im Cafe begonnen, wo ich 
in der Nachbarschaft von Melchior Lechter saB, den ich vor 
einigen Tagen hier kennen lernte. Ein freundlicher sehr 
soignierter alter Herr mit einem runden roten Kindergesicht. 
Er geht an Kriicken. Mit der Zeit, zumal seit Gutkinds Ab- 
reise, lerne ich in dem Scheffel-Cafe Hidigeigei (an dem 
auBer dem Namen nichts unangenehm ist) einen um den 
andern kennen. In den meisten Fallen mit wenig Gewinn; 
es sind kaum b'emerkenswerte Leute hier. Eine bolschewisti- 
sche Lettin 2 aus Riga, die am Theater spielt und Regie fiihrt, 
eine Christin, ist am meisten bemerkenswert. Das bringt 
mich darauf , Dich zu fragen, ob Du dort Leute sprichst, wel- 
che die Freundin von Flatau kennen, die hier nach unend- 
lichen Verwicklungen eines Tages eintraf , in den Umstanden 

347 



ihres Kommens und ihres Wesens eine Katastrophe von sol- 
dier Wucht ausloste, daB fiir Gutkind der Rest der Reise 
unter ihren Auswirkungen stand, und sehr schnell wieder 
verschwand, urn dann niemanden, auch Flatau nicht, etwas 
von sich horen zu lassen. Der Vorgang war unbedingt denk- 
wiirdig. Auf mich hat das Madchen eine heftigen Eindruck 
gemacht. Sie heiBt Chawa Gelblum und ist zur Zeit vielleicht 
in Kowno. Denkwiirdig war im ganzen der Verlauf von Gut- 
kinds Reise uberhaupt, dem eine ausgesprochen ungliickliche 
Tendenz eigen war. Sind sie doch auf der Riickfahrt, fiir die 
sie die Route ihres Riickreisebillets sich hatten umschreiben 
lassen, bei Bologna in ein Eisenbahnungluck gekommen, bei 
dem zwar niemand getotet wurde aber Erich verwundet, und 
zwar gerade am Knie, an dem er ohnedies seit langerer Zeit 
leidend ist. Ich denke, sie sind jetzt in Griinau. Seit Bologna 
habe ich keine Nachricht. - Seit vielen Wochen ist [Adolf 
von] Hatzfeld (derjenige, dessen Gedichte ich bei Dir sah) 
hier. 

Heute ist es der dritte Tag, daB ich an diesem Brief schreibe. 
Ich habe mit der Bolschewistin bis halb ein Uhr gesprochen 
und dann bis halb fiinf gearbeitet. Jetzt sitze ich vormittags 
unter bedecktem Himmel bei Seewind auf meinem Balkon, 
einem der hochsten von ganz Capri, von dem man weit iiber 
den Ort und auf das Meer hinaussieht. Es ist iibrigens ein 
auffallend sich Wiederholendes, daB Menschen, die fiir ganz 
kurze Zeit herkommen, nicht zum EntschluB der Abreise 
kommen. Der groBartigste und alteste Vorgang der Art hat 
sich mit Tiberius abgespielt, der dreimal die begonnene Reise 
nach Rom aufgab, um wieder zurxickzukehren. Von Wetter, 
das bitte ich Dich auch Escha auszurichten, kann hier eben- 
falls kaum die Rede sein. Regen ist, seit ich hier bin, aller- 
hochstens vier mal auf sehr kurze Zeit gefallen. - Seit kur- 
zem habe ich wieder ein wenig Geld und werde, wenn ich mir 
ein leidliches Gewissen erarbeitet habe, nach Neapel her- 
iiberfahren - vielleicht auch bis Paestum kommen. 

Einen Palastinafuhrer will ich mir bei nachster Gelegen- 
heit mit Vergmigen durchsehen. So lange aber fiirchte nicht, 
unverstandlich in Deinen Brief en zu sein. Was sich im Augen- 

348 



blick des Empf angs mir nicht erschlieBt,wird spater unddesto 
nachhaltiger begriffen. tJber Safed bist Du sehr kurz. Dort ist 
doch wohl jetzt noch eine Schule der Kabbala? Uber die un- 
glaublichenTypen, die Du, Deinen lebendigen Schilderungen 
nach zu schlieBen, dort in ansehnlicher Zahl vorfindest denke 
ich mir allerlei — vor allem, daB es doch audi in Palastina 
vielerorts sehr menschlich und weniger jiidisch zugeht, als 
ein Unkundiger es sich ausmalt. Urn Dich im iibrigen zu ent- 
schlpssenerer Mitteilung anzueifern, folgt hier ein Bericht 
aus dem kiirzlich meinerseits inspizierten geistigen Zentrum, 
namlich Muri. (Wo ich iibrigens sehr bedauerte, Dir nicht 
zu begegnen). Eine Anzahl interessanterErwerbungen bringt 
das Accessionsverzeichnis der Bibliothek: Schriften des Ver- 
eins fiir Berufsberatung Bd. I Der deutsche Ehrendoktor in 
Wort und Bild. - Elisabeth Fbrster-Nietzsche Bd. VI: Be- 
stattung und Grabpflege — Dietrich Schafer: Die Deutsche 
Frage: Chammer 3 oder AmboB? — Der perfekte Hohenzoller, 
Alphabetisch in 2 Bandchen I Abdankung bis Krakehl II 
Lammergeier bis Zivilliste — Ludwig Ganghofer: Feldrabbi- 
ner und Waldteufel (Gesammelte Novellen). Abteilung Dis- 
. sertationen: Prolegomena zu einer Theorie der Gesichts- 
punkte - Neues aus der Friihzeit von Frieda Schanz — Die 
Kirchenmaus seit Luther. - Dogmengeschichtliches Seminar: 
A. von Harnack: Das Osterei. Seine Vorziige und seine Ge- 
fahren. - Kennst Du eigentlich die „Vorschriften fiir die 
Verhandlungen der Akademie" ? 

Gestern habe ich, hore und staune, die Action Francaise, 
das Blatt der Royalisten, welches von Leon Daudet und — vor 
allem — Charles Maurras geleitet wird, und hervorragend 
geschrieben ist, abboniert. So grenzenlos bruchig die-Funda- 
mente ihrer Politik sicherlich in Vielem und Wesentlichem 
sind, so scheint mir ihre Blickrichtung schlieBlich die einzige, 
von der aus man die Details der deutschen Politik betrachten 
kann, ohne zu verdummen. DaB ich eine so iiberflussige Be- 
trachtung iiberhaupt in Frage ziehe hangt mit meiner Arbeits- 
okonomie zusammen, der die heftige Zerstreuung, welche die 
Lektiire dieses Journals mit sich bringt, zu gute kommt. Ich 

349 



verbringe hier regelmaBig am Nachmittag einige Stunden 
im Cafe. 

Den herzlichsten Dank Dir und Escha fur die Photogra- 
phien. Ich habe mich sehr mit ihnen gefreut. Wahrend ich 
Dir mit Beziehung auf die Entmenschtheit Deines Ausdrucks 
auf dem Biicher -Bilde voll und ganz beizupflichten in der 
Lage bin, ist mir dies hinsichtlich der weiteren Erorterungen, 
denen Du Dich bei dieser Gelegenheit iiber meine Bibliothek 
hingibst leider unmoglich. So sehr es sie ehrt, Deine uninter- 
essierte Habgier zu erwecken 4 — wenn es mir iiberhaupt mog- 
lich sein sollte, sie zu halten (vor der Reise hierher habe ich 
bereits einige gute Stiicke verkaufen miissen — keine wichti- 
gen), was von Vielem abhangt und doch leider gar nicht aus- 
gemacht ist, ja oft daran mir unmoglich zu scheinen, so miiBte 
doch Stefan schon die krausesten Wege des Gemiites ein- 
schlagen hinsichtlich der Biicher, wenn ich nicht sehr gliick- 
lich sein sollte, sie ihm als erhebliches Epitaph meiner Person 
zu hinterlassen. — Die schlecht verhohlene Larmoyanz dieser 
Betrachtung wird Dich von weiteren Raubversuchen, wie ich 
hoffe, abschrecken. 

Zum SchluB: im Marzheft des Neuen Merkur hat Bloch 
„Geschichte und KlassenbewuBtsein" von Lukacs besprochen. 
Die Besprechung scheint bei weitem das Beste, was er seit 
langem gemacht hat und das Buch selbst sehr, besonders mir 
sehr wichtig. Jetztkann ich es naturlich nicht lesen. -Gestern 
sagte man mir, er habe sein Haus auf ein Jahr sehr gut ver- 
mietet und gehe auf weite Reisen. - Noch einmal bitte ich 
um Teil III der Wahlverwandtschaftsarbeit, eingeschrieben. 

Die Lange dieses Briefes wendet sich, wie ich hoffe, an 
keinen Unwurdigen. Dies wird Deine Antwort entscheiden. 

Viel herzliche GruBe an Dich und Escha . 

Dein Walter 

1 Hier fehlt etwas, etwa: zu formulieren. 

2 Asja Lacis. 

3 Jiidisch: Esel. 

4 Scholem hatte gefragt, ob er seine Biicher nicht „nach 120 Jahren" 
der Jerusalemer BiLliothek hinterlassen wiirde. 



350 



135 An Gerhard S cholera 

7. VII. 24 

Lieber Gerhard, 

es scheint, Du hast - aus irgendwelchen sagenhaften Kom- 
plexen oder Atavismeri heraus - Dich entschlossen, unsern 
neugeborenen Briefwechsel trotz besten Gedeihens in die 
Papiergebirge Deiner vernachlassigten Korrespondenzen aus- 
zusetzen. Aber selbst die naheliegende Erklarung aus dem 
Mythos versagt, wenn ich mich frage, warum ich das Ms. von 
Teil III Wahlverwandtschaften nicht bekommen habe. 1st es 
noch nicht abgegangen, so halte es zunick: ich brauche es 
zur Zeit nicht. 

Hierselbst ist allerlei vorgegangen, das zwischen uns nur 
auf einer palastinensischen Reise von mir oder einer, viel- 
leicht legitimiertern, capreser Reise von Deiner Seite kom- 
munizierbar wiirde. Vorgegangen, nicht zum besten meiner 
bedrohlich unterbrochenen Arbeit, nicht zum besten vielleicht 
auch einer fur jede Arbeit so unerlaB lichen biirgerlichen 
Lebensrhythmik, unbedingt zum besten einer vitalen Be- 
freiung und einer intensiven Einsicht in die Aktualitat eines 
radikalen Kommunismus. Ich machte die Bekanntschaft einer 
russischen Revolutionarin aus Riga, einer der hervorragend- 
sten Frauen, die ich kennen gelernt habe. 

Im iibrigen habe ich auch einiges MiBgeschick gehabt, das 
freilich leicht wiegt gegen die Krafte, die aus einem drei- 
monatlichen Aufenthalt auf diesem Boden mit zunehmender 
Macht in mir sich sammeln. Dauer des Bleibens ist hier von 
absoluter Wichtigkeit. Erstens lebte ich drei Wochen, bis 
gestern, in einer so katastrophalen Geldklemme, daB eine 
ahnliche Lage in Deutschland an den Rand des Ertraglichen 
gegangen ware. Hier macht durch die Hilfsbereitschaft der 
Leute und die Gnade des Klimas sich vieles leicht. Dann hat 
die Frankfurter Zeitung Anfang Juni an sichtbarster Stelle 
— ausgerechnet im Sonntag-Morgen Feuilleton — von Stefan 
Zweig eine sehr schlechte Kritik meines Baudelaire gebracht. 
Sobald ich erfahren hatte, daB das Buch durch eine redaktio- 



351 



nelle Intrige dem vorbestimmten Referenten entrissen und 
gerade an den Zweig gegangen war, der die drittschlechteste 
deutsche Baudelaire -Ubersetzung vor 15 Jahren veroffent- 
licht hatte, habe ich alles kommen sehen, ohne eingreifen zu 
konnen. Die Rezension ist sichtlich mesquin — aber. . . . : 
Das Vorwort ist mit folgender Klammer erledigt: . . . „Uber- 
setzung (deren Schwierigkeiten sich der Verfasser, wie 
das Vorwort zeigt, bewuBt war)." Verantwortlich ist zuletzt 
der wohlgesinnte, unbetamte, groBschnauzige Siegfried 
namens Kracauer. Er macht sich in Anlehnung an seinen 
politischen Kollegen iiberm Strich zur Leistung von Repara- 
tionen, die er nicht aufbringen kann, erbbtig. - Dr. Ernst 
Simon, Heidelberg, Gaisberg Str. 27 lv hat meiner Bitte um 
den Jona l mit einer Karte entsprochen, welche die Obersen- 
dung ankiindigt. Doch ist das Manuscript mir bisher (nach 
drei Monaten) nicht zugekommen. Konntest Du ihn auf- 
fordern, es in den Grunewald zu senden? Bitte! 

Wielange ich noch hier bleibe, wohin ich eventuell sonst 
gehe, ist unbestimmt. Seit gestern habe ich ein neues Zim- 
mer, von einer Beschaif enheit, wie ich es zum Arbeiten wohl 
noch nie gehabt habe: mit allem monchischen Raffinement 
der Raumproportionen und einem Blick tief in den schonsten 
Garten von Capri, der mir zur Verfugung steht. Ein Zimmer, 
in welchem sich zu Bett zu iegen unnatiirlich scheint und 
fur das die arbeitsame Nacht selbstverstandlich ist. Dazu bin 
ich - mindestens seit langem, ich glaube iiberhaupt - der 
erste, der es bewohnt. Es war Rumpelkammer oder Wasch- 
raum. GeweiBte Wande, an denen kein Bild hangt und die 
so bleiben. 

Deine Meinung von den Muri-Sachen, die ich Dir schrieb? 
Dir und Escha die herzlichsten GruBe. Hoflentlich geht es 
Euch gut und macht Ihr weiter die belangreichsten Erfah- 
rungen im Lande. 

Dein Walter 

1 Eine (ungedruckte) Arbeit Scholems iiber das biblische Buch Jona. 



352 



136 An Gerhard S cholera 

Capri, 16. September 1924 

Lieber Gerhard, 

zum Abfassungstermine der folgenden Nachrichten riickt - 
nach so langem Schweigen — ein Haupt- und Staatstag auf, 
da heute mittag Mussolini diese Insel betreten hat. Es gab 
allerlei festliche Stallage, die iiber die Kalte der Bevolkerung 
nicht zu tauschen vermochte. Man wundert sich, daB der 
Mann nach Sizilien kommt— wozu er wohl dringende Griinde 
haben muB — und erzahlt sich, daB er von 6000 Geheim- 
agenten in Neapel umgeben sei, die ihn zu schiitzen hatten. 
Er sieht anders aus als der Herzensbrecher, den die Ansichts- 
karten zeigen: unlauter, trage und von einem Hochmut, als 
sei er mit ranzigem Ol reichlich gesalbt. Sein Korper ist 
plump und unartikuliert wie die Faust eines dicken Kramers. 
LaB mich zum Eingang auch sonst die Caprenser Chronik 
machen. Es ist, seit ich nicht schrieb, die Zeit ins Land ge- 
gangen, [als] es hier voll larmender Neapolitaner war, mit 
ihren Kindern und unvorstellbar bunt und haBlich beklei- 
deten Frauen; einige Agypter, die friiher zahlreich zur Bade- 
saison eintrafen, waren auch hier. Und nun ist wie im Friih- 
ling die schlammige germanische Welle eingebrochen und 
hat als einen der ersten (und mir willkommenen) Ernst und 
Linda Bloch hierher verschlagen. Abgereist, urn Spanien, 
dann Tunis und orientalische Gegenden zu bereisen — und 
wer weiB ob er nicht auch Palastina gesucht hatte um die von 
Dir gefurchteten Bapports von dort zu bringen — haben die 
Fahrpreise der mittellandischen Schiffahrtsgesellschaften ihn 
zu sachterm Vorgehen genotigt. [. . .] Mir dreht er hier nach 
langer Zeit wieder eine freundlichere, ja geradezu strahlende 
und tugendhaftere Seite zu und seine Gesprache sind mir 
manchmal sehr nutzbringend. [. . .] Unvergleichlich ist er 
noch irruner als Erzahler, wenn ich das schliipfrige Gebiet der 
judischen Witze ausnehme und bedenke, daB er sich mehr 
denn je an die Komik des Miinchners Valentin halt. [. . .] 
Natiirlich bestehen die Gefahren fur meine Arbeit, denen 

353 



Dein Alarmsignal gilt. Und wahrend noch vor wenigen Ta- 
gen ich sie fiir beschworen hielt und eine Woche lang fast 
wolkenlose Tage hier genoB, hat es sich mit einer neuen 
Wendung wieder um mich verdunkelt. Aber mein bewuBter 
Wille, dessen Zahigkeit auch in dieser Sache erheblich 1st, 
wird um keinen Preis ablassen und hat nicht abgelassen. So 
sind in diesen Monaten, die nicht immer leicht waren, be- 
endet worden die Erkenntnistheoretische Einleitung der Ar- 
beit, das erste Kapitel: der Konig im Trauerspiel, nahezu 
auch das zweite : Trauerspiel und Tragodie, so daB zu schrei- 
ben bleibt noch das dritte: Theorie der Allegorie und ein 
SchluB. Die Arbeit wird demgemaB zum urspriinglichen 
Termin (1. November) nicht fertig, doch hoffe ich, daB eine 
Ablieferung um Weihnachten, wo die akademisch diploma - 
tische Situation allerdings etwas anders liegen kann, den 
Erfolg nicht ernsthaft gefahrdet. Was den Wert der Arbeit 
angeht, so erlaubt erst die schattigere Ausarbeit[ung] einer 
Reinschrift sowohl ihre Zxige reiner auszuarbeiten als auch 
zu einem eigenen Urteil zu kommen. DaB sie von vorn bis 
hinten voll der iiberraschendsten Lichter auf den Gegenstand 
steckt, darin bestatigte mich die Durchsicht des neuen Buches, 
welches das Thema beruhrt: Deutsche Barockdichtung von 
einem angehendenWienerDozentennamens [Herbert] Cysarz. 
Es ist weder in der Dokumentation noch in den einzelnen Per- 
spektiven verfehlt und unterliegt im ganzen doch vollstandig 
der vertiginosen Attraktion den dieser Stoff auf den, der sich 
beschreibend vor ihm aufpflanzt, ausiibt, so daB statt einer 
Erhellung des Gegenstandes nur wieder ein Stuck chen Nach- 
barock (mit einem r!) herauskommt; oder: ein Versuch dem 
verkommenen Lummel des expressionistischen Reporterstils 
mit dem Kamme der exakten Wissenschaften einen Scheitel 
zu ziehen! Es ist fiir den Stil des Barock ganz kennzeichnend, 
daB, wer einmal wahrend seiner Inspektion aus dem an- 
gestrengten Denken herausfallt, sofort seiner hysterischen 
Nachaffung verfallen ist. Der Kerl ist manchmal sehr gluck- 
lich in seinen Beiwortern und darin muB ich von ihm lernen. 
Mir fehlen noch einige Mottos wahrend andere, herrliche, 
in Bereitschaft liegen. 

354 



In aller Form suche ich bei Dir nach, das Eingehen auf 
die hiermit konkurrierende Problemstellung des aktuellen 
Kommunismus vertagen zu diirfen. Denn weder ist das Sach- 
liche spruchreif, noch das Personlich-Motivische reif zur 
Ubermittelung. Vielleicht, wahrscheinlich, schrieb ich Dir, 
daB hier mehrere Hinweise sich zusammenfanden: zu einem 
privater Art trat der auf das Buch von Lukacs, der mich 
darin f rappierte, daB Lukacs von politischen Erwagungen aus 
in der Erkenntnistheorie, mindestens teilweise, und vielleicht 
nicht ganz so weitgehend, wie ich zuerst annahm, zu Satzen 
kommt, die mir sehr vertraut oder bestatigend sind [...] Im 
Bereich des Kommunismus scheint mir das Problem „Theorie 
und Praxis" so zu liegen, daB bei aller, diesen beiden Bezir- 
ken zu wahrenden Disparatheit eine definitive Einsicht in 
die Theorie an Praxis gerade hier gebunden ist. Zum wenig- 
sten ist es mir einsichtig, wie bei Lukacs diese Behauptung 
einen harten philosophischen Kern hat und alles andere als 
burgerlich-demagogische Phrase ist. Da nun diese harteste 
Vorbedingung mir zur Zeit nicht erfiillbar ist, so bleibt auch 
das Sachliche teilweise vertagt. Aber doch wohl nur vertagt. 
Sobald es geht will ich iibrigens Lukacs' Buch studieren und 
ich miiBte mich tauschen, wenn nicht in der gegnerischen 
Auseinandersetzung mit den hegelschen Begriffen und Be- 
hauptungen der Dialektik gegen den Kommunismus die 
Fundamente meines Nihilismus sich manifestieren wiirden. 
Aber das hindert nicht, daB seit meinem Aufenthalt hier die 
politische Praxis des Kommunismus (nicht als theoretisches 
Problem sondern zunachst als verbindliche Haltung) mir in 
einem andern Licht steht, als je vorher. DaB Vieles von dem, 
was ich mir in meinen bisherigen diesbeziiglichen Uber- 
legungen ertastet hatte, bei denen, mit welchen ich davon 
sprach — unter welchen eine hervorragende Kommunistin, die 
seit der Dumarevolution in der Partei arbeitet, war — auf ein 
sehr iiberraschendes Interesse stieB, meine ich Dir geschrie- 
ben zu haben. Ebenso, daB die (inzwischen hie und da er- 
weiterte) „Beschreibende Analysis des Deutschen Verfalls" ! 
im Winter in der „Boten Garde" in Moskau erscheinen soil. 
Sobald ich mich ernsthaft zu Uberlegungen wenden kann, 

355 



deren Tendenz meine letzte Karte windschief und diese Zei- 
len sehr bruchstiickhaft geben, wirst Du es wissen. Aber Zeit 
wird darliber hingehen und dann - oder friiher - erf ahrst Du 
audi das Mitteilbare, wovon es eingerahmt ist. Vorher aber 
geschahe es mir zu Nutz und Frommen, wenn Du aus jener 
Praxis, die Du mit beklommener Brust vor Dir zu haben 
und zu verfolgen scheinst, mir etwas mitteilst. Das ist umso 
wichtiger, als ich kaum glaube, daB mir vom deutschen 
Sprachkreis aus diese Gegenstande wirklich lebendig werden 
werden. 

Mit diesem Brief erhaltst Du Zweigs Kritik, die ich Dich 
bitte, mir mit dem nachsten wieder zuriickzusenden. Gleich- 
zeitig oder bald geht das Heft einer Zeitschrift 2 ab, in der 
Du neue Baudelaire-Ubertragungen findest. Ich bin jetzt 
nicht in der Lage, Dir ein Heft der neuen Zeitschrift H zu 
senden, in deren erster Nummer ich mehr aus Schwache als 
aus Gefalligkeit gegen den Herausgeber [Hans Richter] eine 
blague von Tristan Tzara mit achtunggebietendem SchmiB 
iibersetzt habe 3 . Den ersten Band der Ursule Mirouet 4 habe 
ich in Wochen arger Fron hier ubertragen. Das von Dir be- 
regte Heft von Kirjath Sefer 5 bitte ich Dich ja, umgehend 
pflichtschuldig an meine Adresse gehen zu lassen. — Du mel- 
dest vor der - inzwischen gewiB erfolgten — Beendigung der 
Bahir-Einfuhrung zu stehen. Nehme ichmitRecht an, daB sie 
innerhalb des Philologischen die PerspektiveDeiner eigensten 
Einsichten in diesen Text erschlieBt? Hast Du noch vor, 
Deutsches zu publizieren? 

Rang ist nach seiner Riickkehr an einem Leiden, das ihm 
zuerst rheumatischer Art erschien, dann den Charakter einer 
Nervenentzundung annahm, nach meinen letzten Nachrich- 
ten aber den Arzten ganz undurchschaubar ist, an einer zu- 
letzt nahezu vollstandigen Lahmung mit standigem Fieber, 
schrecklicher Abzehrung so schwer erkrankt, daB ich nicht 
weiB, ob ich darauf hoffen darf, ihn wiederzusehen. Es kann 
wohl nicht anders sein, als daB er Dir durch sein Buch, wenn 
Du Zeit gehabt hast, es zu lesen, noch naher gekommen ist. 
Was ihn betrifft, so sprach er hier einmal mit viel Sympathie 
von Dir. Mich wurde sein Tod wahrhaftig treffen, so wie 

356 



seine Krankheit mich betriibt. Seit einiger Zeit schreibe ich 
ihm nicht mehr, weil er soviel ich weiB, nicht mehr fahig ist, . 
Brief e aufzunehmen. Ich erwarte wieder Nachricht von sei- 
ner Frau. Diese ist auch sonst vom Ungliick betroffen: Der 
Sohn, der zuletzt der Tuberkulose, die ihn im Kriege be- 
fallen hatte, durch eine Reihe von Kuren in Davos und von 
schweren Operationen wie durch Wundef entronnen schien, 
ist wieder erkrankt. — Das Schreckliche was Agnon geschehen 6 
ist, erfahre ich erst durch Dich. Ich erreiche den Zustand 
eines Menschen der das durchmachen mufl, geschweige der 
es iiberwinden kann, in meiner Vorstellung auch nicht im 
mindesten. 

Bergmann ist wohl noch nicht aus London bezw. Amerika 
zurtick. WeiBt Du Neues und Communizierbares iiber den 
Stand der Universitatsf rage ? 7 Die Nachricht von der Er- 
mordung [de] Haans 8 war mir schon zugekommen. Aber 
fast noch schrecklicher als sie ist das, was Du von der Wir- 
kung dieses Geschehens berichtest. Kurzlich sprach ich hier 
einen russischen Juden aus der Gegend von Kiew, einen 
Landarbeiter, der unmittelbar aus Palastina kam, seinen 
Namen weiB ich nicht mehr. Er sah nicht aus wie der erste 
beste und zog mich an, indessen er fest glaubte, mich in 
Palastina gesehen zu haben. Auch Dich hat er gesehen und 
von Dir gehort, ohne mit Dir gesprochen zu haben. — 

Du wirst Dir denken, daB ich im Lauf e der Zeit hier vieles 
gesehen habe und wenn morgen — was noch dahinsteht — ein 
Ausflug nach Positano, sudlich von Sorrent, zu Stande kommt, 
so werden mir bis auf Ischia die beruhmten Orte der Gegend 
bekannt sein. Nirgends war der Eindruck an Gewalt dem 
vergleichbar, den die Tempelruinen von Paestum, die ich 
einsam an einem Augusttage in der Malariazeit, wo die 
Gegend gemieden wird, sah, mir machten. Er wird von dem 
Klischee das ich beim Worte „griechischer Tempel" ja, auf 
Grund der Abbildungen, assoziierte, nicht einmal beriihrt. 
Die Gegend in der sie stehen ist so groBartig in ihrer land- 
schaftlichen wie ode in ihrer zivilisatorischen Gestalt. Man 
sieht, nicht allzuweit von den Tempeln das schmale brennend 
blaue Band des Meeres. Die Tempel gelten fur die gewaltig- 

357 



sten, die auBerhalb von Athen zu sehen war en. Sie gehoren 
alle drei - aber nur zwei sind sehr wichtig — ungefahr dem 
gleichen Stil und der gleichen Zeit an und sind von einer 
noch heute vor Leben fast lauten, vernehmlichen Verschie- 
denheit. Da sie dicht neben einanderstehen ist die Ausein- 
andersetzung erschiitternd. Am gleichen Tage sah ich Salerno. 
Zum zweiten Male Pompeji und zum zwanzigsten vielleicht 
Neapel, iiber das ich viel Material, merkwiirdige und wich- 
tige Beobachtungen, gesammelt habe, die ich vielleicht werde 
verarbeiten konnen. Pozzuoli, Amalfi, Ravello sah ich. Die 
Feuerwerke, eines das andere iiberholend und immer neue 
Farben und Formen enthaltend, brennen den Sommer lang 
nachtaus nachtein an diesen Kiisten 9 . Ich habe Dir davon 
sicherlich geschrieben. Ein anderes sind die Weingarten, die 
auch zu den Wundererscheinungen dieser Nachte gehoren. 
Du wirst das gewiB kennen gelernt haben, wenn Frucht und 
Blatt in der Schwarze der Nacht untertauchen und man vor- 
sichtig - um nicht gehort und verjagt zu we'rden — nach den 
groflen Trauben tastet. Aber es liegt noch viel mehr darin, 
woriiber vielleicht die Kommentare des hohen Liedes Auf- 
schluB geben. 

Mir ist es ganz unvorstellbar — und je mehr mich zur Zeit 
Beklemmungen fesseln, desto unerfindlicher — daB ich von 
hier in zwolf Tagen fort will und soil um noch etwas von 
Italien zu sehen. Ich will den Monat Oktober reisen, nicht so 
sehr Rom als Florenz, Ravenna, Assisi, Ferrara sehen und, 
wenn keine Schwierigkeiten sich erheben, nach Paris. Ob das 
aber, wegen des Visums, gehen wird, weiB ich nicht. Am 
1. November will ich in Berlin sein. Briefe richte bitte von 
nun an nach Hause, von wo sie mir nachgesandt werden. 

In Neapel habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, neue 
franzosische Bucher zu kaufen, so weit das Geld langte. Also 
nur wenige. Darunter die herrliche Exegese des lieux com- 
muns (2 torn) von Leon Bloy 10 ; kaum ist je eine erbittertere 
Kritik oder vielmehr Satire gegen die Bourgeoisie geschrieben 
worden, wie diese, ubrigens sprachphilosophisch groBartig 
fundierte Kommentierung ihrer Redensarten. Bloy ist (royali- 
stischer?) Katholik gewesen. Ich habe eine Anzahl Sachen von 

358 



ihm. Dann fiel mir in Neapel ein schones, seltenes deutsches 
Kinderbuch in die Hande. Also warum nicht in Jerusalem? 
Halte doch Ausschau! Von meinem Berliner Konkurrenten, 
Meister und neidlosen Forderer meiner Sammlung ist das 
Buch nun erschienen. Karl Hobrecker: Alte vergessene Kin- 
derbiicher. Ich erhielt kxirzlich dasRezensionsexemplar 11 . Der 
Text des alten Herrn ist onkelhaft und von einem biederen 
Humor, der manchmal gerat wie ein miBgliickter Pudding. 
Die Bilder sind in der Auswahl z. T. problematisch, in der 
Ausfuhrung aber, soweit sie farbig sind, sehr achtbar. Ich 
werde Dir seinerzeit berichtet haben, daB der Verleger als er 
meine Sammlung und ihr Leben bei mir kennen lernte, trost- 
los war, den Auftrag nicht an mich gegeben zu haben. 

Du machst in Deinem Briefe eine mir nicht verstandliche 
Anspielung auf [Richard] Willstadter, der einen Ruf an 
Deine Stelle bekommen habe 12 . Ich weiB nicht, ist die Rede 
von Miinchen, Berlin oder Muri : in letzterem Falle sind wir 
zur Erhohung der Beziige bis zur Maximalgrenze der Jah- 
resbeziige des Herrn Wilhelm II bereit, um Deine schatzbare 
Kraft u. s. w. 

Heute, denke ich, darf Deine Lupe f eiern 13 . - Ich habe mir 
durch die Ernahrung hier eine Blutvergiftung zugezogen, die 
zunachst am Bein, dann am Arm ausbrach und mich auch 
jetzt wieder schmerzhaft bedroht. Eine unangenehme Ge- 
schichte. Seit kurzem habe ich Netze gegen die Miicken, die 
mich zwei Monate jede Nacht bis auf die Knochen aufgezehrt 
hatten und ich hoffe, jetzt wird es besser werden; denn die 
Stiche waren wohl auch ein AnlaB zu Infektionen. 

Ich hoffe Du haltst Dich nicht an mein Schweigen sondern 
gibst mir bald anschauliche und erfreuliche Nachricht von 
dem was Dich betrifft. Ich sende Dir und Escha sehr herz- 
liche GruBe. 

Dein Walter 



l Dies Manuscript hatte W. B. in der Form einer Schriftrolle Scholem 
bei der Abreise gegeben. Eine andere Fassung ist als „Reise durch die 
deutsche Inflation" in der „Einbahnstrai3e" („Kaiserpanorama u ) ge- 
druckt. 



359 



2 „Vers und Prosa" (herausgegeben von Franz Hessel), Heft 8, August 
1924, S. 269-272. 

3 Die Photo graphie von der Kehrseite. In „Zeitschrift fur elementare 
Gestaltung", Juni 1924. 

4 Diese Balzac-TIbersetzung erschien 1925 in Berlin bei Rowohlt. 

5 Eine von Scholem redigierte Zeitschrift der Jerusalemer Bibliothek, 
in der seine ersten hebraischen Auf satze stand en. 

6 Das Haus, in dem er in Homburg v. d. Hohe wohnte, brannte nieder, 
wobei seine Manuskripte und seine Bibliothek vernichtet wurden. 

7 Die Griindung der Hebraischen Universitat in Jerusalem. 

8 Auf politischem Hintergrund. Die Geschichte des Mannes und seiner 
Ermordung bildet den Gegenstand von Arnold Zweigs Roman „De 
Vriendt kehrt heim" (1932). 

9 Vgl. Schriften II, S. 77. 

10 Proben daraus verbffentlichte W. B. in seiner Ubersetzung und mit 
einer Einleitung in der „Literarischen Welt" vom 18. Marz 1932. 

11 Die Rezension erschien in „Das Antiquariatsblatt" No. 22, Dezem- 
berl924. 

12 Er hatte in einem Aufsehen erregenden Schritt sein Miinchner 
chemisches Ordinariat niedergelegt, als eine wichtige Berufung von 
der Fakultat aus antisemitischen Griinden abgelehnt wurde. Es hiefi 
damals, man versuche, ihn nach Jerusalem zu berufen. 

13 Der Brief ist nicht in ganz so mikroskopischer Schrift geschrieben 
wie so viele andere Briefe W. B.s. 



137 An Gerhard Scholem 

12. Oktober- 5. November 1924 
Rom - Florenz 

Lieber Gerhard, 

die Ratlosigkeit ist an mir: ich weiB nicht, warum Du mei- 
nen letzten Brief ohne Antwort gelassen hast. Nun, da ich 
gleichsam an meinen letzten Bericht anzukniipfen habe, ist 
es, paradoxerweise, doppelt schwer, den „Faden der Erzah- 
lung" wieder aufzunehmen. Einige Zeilen von Dir hatten 
eine sylphidische Briicke uber Kliifte geschlagen, die eine 
Reise mit sich bringt. Denn das ist es nun endlich in zwolfter 
Stunde geworden: eine Reise. Auf der ich mich einsam aber 
ungebunden auf einer goldenen Strafie fortbewege. Am 

360 



zehnten Oktober habe ich Capri verlassen, bin in Positano, 
dann - wiederum langer als meine Absicht war — in Neap el 
gewesen und seit einer Woche in Rom. Nicht ganz mit dem 
sicheren Gefuhl der fertigen Schrift in der Tasche, der 
Teil III und SchluB nodi fehlen, aber materialmaBig geord- 
net bis ins Genaueste bereitliegen. Capri war kein Boden 
mehr und die Arbeit, die ich in Berlin schleunigst abschlieBen 
muB, kam iiber Teil II nicht hinaus. Die Reinschrift, mit der 
mein eigentlicher Anteil erst einsetzt, und fur die ich die 
unerlaBliche Serenitat erhoffe, findet einen Stoff vor aus dem 
etwas werden kanri. An vielen Partien wird nichts mehr 
geandert werden. — Am letzten Tage in Capri traf die Nach- 
richt ein, auf die ich seit zwei Wochen gefaBt sein muBte, 
die mich aber auch jetzt erst langsam erreicht: Rang ist ge- 
storben. DaB auch in Dir sein Bild dank der kurzen Begeg- 
nung aufbewahrt ist, ist gut. Ich habe nichts gefarbt, als ich 
seiner Frau in dem Brief e, in dem ich mitzuteilen suchte, wie 
ich an ihm hing, schrieb, daB seltsamerweise ich diesem 
Mann, ebenso wie seine Unterstiitzung und Bestatigung das 
zu danken vermochte und danken muBte, was ich von deut- 
scher Bildung Wesentlichstes in mich aufgenommen habe. 
Denn nicht nur, daB in diesem Bereiche die Hauptgegen- 
stande unsrer beharrlichen Betrachtung fast samtlich die- 
selben waren — das Leben, daB in diesen groBen Gegenstan- 
den lebt habe ich menschlich ganz allein in ihm lebendig 
gesehen, ausbrechend mit desto mehr vulkanischer Gewalt- 
samkeit, als es unter der Kruste des iibrigen Deutschland 
erstarrt lag. Wenn ich mit ihm sprach, war nicht sowohl 
Harmonie in unsern Gedanken, als daB ich, wetterfest und 
athletisch, an dem unmoglichen, zerrissenen Massiv der seini- 
gen mich versuchte und oft genug eine Zinne mit weitem 
Ausblick auf eigene unerschlossene Gedankenbereiche ge- 
wann. Sein Geist war von Wahnsinn durchzogen wie ein 
Massiv von Schluchten. Aber durch die Moralitat dieses 
Mannes gewann Wahnsinn keine Macht iiber ihn. Ich habe 
das wunderbare menschliche Klima dieser Gedankenland- 
schaft ja gekannt: es war andauernd die Frische des Sonnen- 
auf gangs. Aber wie erstarrt diese Lands chaft nach Sonnen- 

361 



untergang daliegt, das ist mir audi klar und ich denke mit 
Unruhe und ohne einen Ausblick auf Losung zu finden an 
das Schicksal seiner Sachen. Wer kann da herankommen? Das 
Shakespearewerk ist wahrscheinlich zum allergroBten Teile 
vollendet. Das Schicksal seiner Frau ist schwer. Der dritte 
Sohn (einer fiel), der vor Monaten endlich von einer Tuber - 
kulose geheilt schien, muB zum zweiten Male operiert wer- 
den. Sie lebt ganz allein in dem kleinstadtischen Ort, in dem 
ihr Mann keinen Verkehr mit irgend jemandem unterhal- 
ten hat. 

Schrieb ich Dir — ich glaube es wohl - daB ich in Capri 
viel mit Bloch zusammen war? Cassirer gibt ein Jahrbuch 
heraus, in dem er Reklame fiir Bloch braucht. Mit Telegram- 
men und Ahnlichem gelang es mir nun, die Rezension vom 
„Geist der Utopie", die dort zu spaten Ehren kommen soil, 
mit 1100 Lire in den Dienst meiner Reise zu stellen. In ein 
bis zwei Monaten erhaltst Du einen kompletten Separatabzug 
der Wahlverwandtschaftenarbeit. Heute neuere Baudelai- 
riana, in Nachbarschaft von solchen der Lotte Wolff. Ich 
weiB nicht mehr, ob Du sie kennen gelernt hast. Dann wird 
sowie ich die Reins chrift habe, lettisch, und vielleicht auch 
deutsch „Neapel" erscheinen 1 . Von dieser Stadt habe ich auch 
mit dem Aufenthalt in Rom nicht Abschied genommen. 
Vielmehr sprach mich das moderiert Weltstadtische hier nach 
dem extremen Temperament des neapolitanischen Stadt- 
lebens kiihl an. Ich ermesse erst jetzt, wie orientalisch Neapel 
ist, Hier suchte ich vor allem fruhchristliche Denkmaler. Der 
Antike stehe ich so unwissend gegeniiber, daB ihre Reste, die 
nur in archaologischer Betrachtung ihr Leben gewinnen, auf 
mich vorschriftsmaBig imposant wirken. Und wie sehr mir 
zur Renaissance ein von Studium unvermitteltes Verhaltnis 
f ehlt, sah ich heute drastisch, als in der Galeria Borghese kein 
Bild vor 1400 zu entdecken war und ich meinen Spaziergang 
durch die oden Sale, mit dem Besuche der vatikanischen 
Galerie verglich, in der ich vor jedem Bilde [wie] eine 
Schnecke vor jedem Steinchen innehielt. Morgen gehe ich 
nocheinmal dorthin. Die ersten Sale enthalten herrliche Bil- 
der der Sienischen und anderer Schulen aus dem Trecento. 



362 



Was habe ich erst in Florenz zu erwarten. Nichts will ich von 
Michelangelo s sixtinischer Kapelle schreiben, als daB sie mei- 
ner neutralen unwissenden Erwartung beim ersten Anblick 
den Garaus gab. Sie ist unsagbar schon und gewaltig. Im 
Augenblick vermag ich nichts uber sie zu schreiben. (Es geht 
ein schreckliches Gewitter uberderStadt nieder). Mit Raff aels 
Bildern vermag ich nichts anzufangen. — 

Soweit aus Rom, wo ich dies ungefahr am 12. Oktober 
schrieb. 

Heute ist der 5. November. Die kindische Feststellung 
liber Raffael (kindisch auch wenn sie richtig ist) verstimmte 
mich, so daB ich den Brief liegen lieB. Indessen trat das 
Lustige ein, daB hier — in Florenz - ein wirklich betroff enes 
Einhalten vor einer Tafel sich ergab, die mit „Raffael?" be- 
zeichnet ist. Natiirlich ist das ganz typisch fur mich — aber 
das Einhalten keinesfalls durchs Fragezeichen verursacht. 
Es ist ein unheimlicher Jungling, der darauf portratiert ist. 
Burckhardts Bemerkung von „damonischer Religiositat" auf 
Raff aels Bildern ist iiberhaupt nicht aus den Fingern gesogen. 
Aber mir wird gerade dabei nicht wohl. Den Johannesknaben 
mit dem vielsagend erhobenen Finger wirst Du aus Repro- 
duktionen kennen. Anders wirkte doch die verwandte Inten- 
tion im Knaben der sixtinischen Madonna auf mich. 

Seit besagtem Gewitter ist meine Fahrt meist unter grauem, 
ungemafien Himmel erf olgt, doch so, daB ich die Landschaf- 
ten fur kurze Weile immer in der Sonne sah, bis auf Assisi. 
Dort erschien ein dichter Herbstnebel fur den f estungsartigen 
Bau von S. Francesco nicht unpassend. Aber der Tag, den ich 
dort zubrachte, erlaubte kaum, etwas von den Fresken der an 
sich schon dunkeln Unterkirche wahrzunehmen. Desto besser 
konnte ich die der Oberkirche von Giotto studieren. Zuletzt 
habe ich, in Ansehung der Einsamkeit meiner Streifereien, 
zuviel Bilder zu sehen bekommen und doch soviel Zeit nicht 
gehabt, mich auf Architektur zu konzentrieren. Denn meine 
vollig induktive Weise, mich mit der Topographie der Orte 
bekannt zu machen und jedes groBe Bauwerk in seiner laby- 
rinthischen Umgebung banaler, schoner oder armseliger 
Hauser aufzusuchen, erfordert zu viel Zeit und laBt mich zu 

363 



eigentlichem Buchstudium nicht kommen: ohne dieses blei- 
ben mir von Architektonischem nur Eindriicke. Von der Topo- 
graphie der Orte aber nehme ich ein ausgezeichnetes Bild 
mit: es handelt sich darum sich zunachst durch eine Stadt so 
durchzutasten, daB man souveran dahin zuriickkehrt. Der 
erste begrenzte Aufenthalt an solchen Platzen kann etwas 
Subalternes nicht umgehen, wenn er nicht auf strengster 
Vorbereitung beruht. Strenger umgrenzte Begriffe oder 
wenigstens Fragen gewann ich nur von einigen Malern. 
Ganz besonders von Signorelli, der einen Teil des Doms von 
Orvieto ausgemalt hat, in Fresken, deren innere Verwandt- 
schaft (vielleicht gibt es auch EinfluB) mit den hundert Jahre 
spatern Michelangelos in der sixtinischen Kapelle langst f est- 
gestellt ist. Ubrigens schrieb ich Dir nichts von den illumi- 
nierten Handschriften der Vatikanischen Bibliothek, die in 
Schaukasten ausliegen. Es lohnt schon Kardinal zu werden 
um die durchblattern zu diirfen. Aber vielleicht fiihren auch 
die Stufen Deiner Carriere dahin. (Naturlich denke ich nicht 
an Missales und Miniaturen, sondern an die altesten Bibel-, 
Vergil-, Terenz Handschriften, die dort liegen,) Allzugut ists 
mir in Florenz mit dem Faschismus geworden. Es gab, in den 
paar Tagen meines Hierseins nicht weniger als drei Festtage 
mit groBter Machtentfaltung. Stundenlange Prozessionen 
sperrten mich in ein kleines Viertel in dem es nichts zu sehen 
gibt. Wenn ich dann sei es resigniert, sei es um einen Durch - 
bruch zu versuchen, mich ins Gewiihl der Spalierbildenden 
begab, so geschah es jedesmal genau in der Sekunde, auf die 
es ankam, die Sachverstandigere in vielstundigem Posten- 
stehen erwartet hatten und die ich dann, da ich mich vor 
Ungeduld in die erste Reihe geschoben hatte, als vbllig trost- 
lose Konstellation erkannte an dieser sichtbaren Stelle aber 
begriiBen muBte. So konnte ich vom Konig, der sehr klein, 
mindestens die Militarmutze sehen und so bekam ich bei 
anderen Gelegenheiten Del Croix zu sehen, ein Mann, der im 
Kriege vtillig zu schanden geschossen wurde, und eine Haupt- 
rolle in der faszistischen Politik spielt. Von den Umziigen 
der Jugend zu schweigen, an denen alles teilnimmt, sobald es 
von der Mutterbrust abgesetzt ist. Nicht anders ist es mir in 

364 



Perugia gegangen: audi da sehr groBes Aufgebot - Vereidi- 
gung der Miliz der Faszisten auf den Konig — kurz: wenn 
ich anstatt Leser der Action Frangaise zu sein ihr italienischer 
Korrespondent ware, hatte ich nicht anders disponieren 
konnen. 

Urspriinglich war meine Absicht von hier nach Genua zu 
fahren, von dort nach Marseille zu Schiff und von dort nach 
Paris zu gehen. Aber das ist aus verschiedenen Griinden 
nicht moglich. Ich habe mich darauf beschranken miissen, in 
Neapel, Rom und Florenz franzbsische Biicher einzukaufen; 
meist Neuerscheinungen. Den Autor Jean Giraudoux, von 
dem ich „ Juliette au pays des hommes" las, lege ich Dir sehr 
nahe. Heute nacht fahre ich nach Berlin und hoffe dort bald 
von Dir Nachricht zu haben. 

Mit herzlichen GriiBen Dein Walter 

l Erschien in der FZ vom 19. August 1925. 



138 An Gerhard Scholem 

Berlin, 22. Dezember 1924 

Lieber Gerhard, 

der Nachtstunde, in der ich beginne, steht dies strahlende 
Papier, und „barocke" Figuren magst Du aus dem geham- 
merten Biitten — so nennt mans — auch herauslesen. Ich 
glaube, jahrelang habe ich nicht darauf geschrieben. Vor Dir 
ist, nach meinem langgezogenen Schweigen, diese captatio 
benevolentiae nicht uberflussig und hoffentlich nicht ver- 
geblich. Grund: diesmal im wesentlichen das Erfordernis, 
meine Arbeit um jeden Preis zu beenden. Dazu sind denn 
seit ein paar Tagen Anstalten getroffen. Die Rohschrift des- 
jenigenTeils, den ich einzureichen gedenke,ist abgeschlossen. 
Das ist der Hauptteil. Einleitung und SchluB, die methodi- 
schen Fragen gelten, habe ich zuriickgestellt. Nachgerade 
habe ich die Distanz zum Geleisteten verloren. Ich miiBte 



365 



mich aber irren wenn nicht die organische Gewalt des alle- 
gorischen Bereichs als Urgrund des Barock lebendig erschei- 
nen sollte. Indessen iiberrascht mich nun vor allem, daB, 
wenn man so will, das Geschriebene fast ganz aus Zitaten 
besteht. Die tollste Mosaiktechnik, die man sich denken kann, 
als welche fur Arbeiten dieser Art so befremdlich erscheinen 
diirfte, daB ich in der Reinschrift wohl hie und da retouchie- 
ren werde. Einige konstitutive Gebrechen sind mir klar. Der 
virtuelle Gegenstand der Abhandlung wird Calderon sein; 
die Unkenntnis des lateinischen Mittelalters wird mich an 
einigen Stellen zu einem Tiefsinn genotigt haben, den exak- 
teste Quellenkenntnis eriibrigt hatte. Indessen, wird eine 
solche Arbeit iiberall nur aus Urquellen gespeist, so kann sie 
vielleicht nicht zustande kommen. Und daB sie dennoch zu- 
stande gekommen zu sein wert ist, davon mochte ich mich 
iiberredenl Vorauszusagen — mit voller Sicherheit — wage ich 
doch nicht, ob aus dem Ganzen die „Allegorie" — das Wesen, 
um dessen Rettung es mir ging — in aller Totalitat gleichsam 
momentan herausspringt. Von auBen wird sie sich (Einlei- 
tung und SchluB nicht gerechnet) wohl so prasentieren: Ur- 
sprung des deutschen Trauerspiels als Titel. I Trauerspiel 
und Tragodie II Allegorie und Trauerspiel. Beide Teile in je 
drei gegliedert, iiber denen sechs Mottos stehen werden, wie 
sie kostbarer und rarer — unauf findbaren Barockschriften fast 
samtlich entnommen — keiner versammeln konnte. — Erschie- 
nen sind: eine freundschaftliche (glanzende) Rezension des 
Baudelaire in der „Neuen freien Presse", eine Rezension von 
mir iiber ein Buch „Alte vergessene Kinderbiicher" von 
Hobrecker, einem mir bekannten berliner Sammler, in einer 
Antiquariatszeitschrift, eine fernere desselben Buches in der 
„Leipziger Illustrierten Zeitung". 1 [. . .] Jetzt nach Beendi- 
gung der Rohschrift, fallt mir ein kapitales Buch in die 
Hande, das ich als letztes Wort einer unvergleichlich faszinie- 
renden Forschung Dir und - sollte das noch am Platze sein — 
der Jewish National Library - nenne: Panofski-Saxl: Diirers 
Melancholia I, Berlin Lpz 1923 (Studien der Bibliothek War- 
burg). Versaume nicht, das vorzunehmen. Das bekannte, 
beruchtigte Rosenkreuzerbuch 2 werde ich vor Abfassung der 

366 



Reinschrift kaum mehr, desto vergniigter — hoffe ich — nach- 
her konsultieren. Mit „de planctu naturae" bin ich gut 
abgefiihrt. Indessen hatte ich langst den Alanus de Insulis 
vorgenommen und gemerkt, daB er mit meinem Gegenstande 
nichts zu schaffen hat. — Dieses Buch wird nicht bei Arthur 
Scholem gedruckt werden, sondern es wird hergestellt von . . . 
Jacques Hegner. Auch winkt mir endlich eine allein angemes- 
sene Fraktur. Dies alles, weil ich vor einer Woche auf zwei 
Jahre einen Generalvertrag mit einem hiesigen neugegriin- 
deten Verlag abgeschlossen habe, fiir den ich zugleich das 
Lektorat (aber ohne Verpflichtung und Honorar) ubernehme. 
Im iibrigen zahlt der Verlag eine den Umstanden nach an- 
gemessene Rente, und jedes Jahr eine Auslandsreise, von 
welcher ich das Publikum durch ein Reisetagebuch zu infor- 
mieren habe. Was aus diesem Unternehmen werden wird, 
kann ich nicht ausmachen. Aber der Eindruck seines Chefs 
— er ist zehn Jahre jiinger als ich — gelernten Buchhandlers, 
ist nicht ungiinstig. 3 Ein Zeitschriftenplan hat sich ange- 
schlossen, — mein Programm ist dem des Angelus in jeder 
Hinsicht so ganzlich polar, daB ich es bei dieser ratselhaften 
Bemerkung fiir heute bewenden lasse. Kommt es dazu oder 
nicht, so wirst Du es jedenfalls erfahren und bist, fiir den 
Fall daB es Dich gewinnt zur Mitarbeit in der besten Form 
eingeladen. Indessen beschaftigt mich vor der Hand meine 
Arbeit hinreichend. Dringender ist, Dir mitzuteilen, daB ich 
im Rahmen einer weidlichen Phantasie Muri zur Publizitat 
zu bringen hoffe. Ich bereite (als Privatdruck oder als kauf- 
liche Erscheinung) vor: „Plakette fiir Freunde". (Plaquette 
ist in Frankreich ein schmales broschiertes Sonderheftchen 
mit Gedichten oder ahnlichem - ein terminus technicus der 
Buchhandler). In mehreren Kapiteln, die je als einzige Uber- 
schrift den Namen eines mir Nahestehenden tragend, will 
ich meine Aphorismen, Scherze, Traume versammeln. Und 
Muri soil sich unter dem Deinigen entfalten. - Wahrschein- 
lich bin ich verpflichtet, nachstes Jahr meine Sache iiber die 
„Neue Melusine" zu schreiben. [...] Von Dir erwarte ich: 
Kirjath Sefer, Alchemie und Kabbala. Zu meinem Schrecken 
vermisse ich seit der Heimkehr Deine Ubersetzung des hohen 

367 



Liedes. Dagegen hatte [Ernst] Simon das Jona- Manuscript 
gesandt. Ich habe es noch nicht lesen konnen. Wann darf ich 
auf Deine Arbeiten zahlen? Den SchluB der Wahlverwandt- 
schaftenarbeit wirst Du, denke ich, im Februar erlialten. 
Hemmungen im Schreiben, von denen Du berichtest, miissen 
oft, wenn ich nicht irre, geradezu Symptome intensiver und 
folgenreicher Vertiefung sein. Und wenn Deine, und hof- 
fentlich auch Eschas, Gesundheit sich vollig wiederhergestellt 
hat, werden sie auch zuversichtlich nichts anderes bedeuten 
oder bedeutet haben. Aber eben deswegen ware es mir hochst 
willkommen, davon mehr, naheres zu horen. — In Berlin ist 
man sich, um doch auf meine Reise zuriickzukommen, iiber 
eine offenkundige Veranderung einig, die mit mir vorgegan- 
gen sei. Die Exaltation, mit der ich mich im Fruhjahr, unter 
Fasten und ahnlichen Exerzitien auf sie vorbereitet und sie, 
nicht ohne Doras intensive Unterstiitzung, auBerlich und 
innerlich mir erkampft hatte, war nicht umsonst. Auch die 
kommunistischen Signale — sie werden Dir eines Tages hof- 
f entlich praziser zukommen, als von Capri aus — waren zuerst 
Anzeichen einer Wendung, die in mir den Willen erweckt 
hat, die aktualen und politischen Momente in meinen Gedan- 
ken nicht wie bisher altfrankisch zu maskieren, sondern zu 
entwickeln, und das, versuchsweise, extrem. Natiirlich besagt 
das, die literarische Exegese der deutschen Dichtungen, in 
der es im besten Falle, wesentlich zu konservieren und das 
Echte gegen die expressionistischen Verf alschungen zu restau- 
rieren gilt, tritt zuriick. Solange ich nicht in der mir gemaBen 
Haltung des Kommentators an Texte von ganz anderer Be- 
deutung und Totalitat gelange, werde ich eine „Politik" aus 
mir herausspinnen. Und freilich hat sich dabei meine Uber- 
raschung iiber die Beriihrung mit einer extremen bolsche- 
wistischen Theorie an verschiedenen Stellen erneuert. Es ist 
sehr schade, daB ich eine zusammenhangende schriftliche 
AuBerung iiber diese Dinge noch nicht absehen kann und 
bis dahin vielleicht noch Gegenstand Deiner Spekulationen 
iiber die Wahlverwandtschaft von Walter Benjamin und 
Werner Scholem 4 bleibe. Noch weit bedauerlicher aber, daB 
wir uns nicht sprechen konnen. Denn noch steht mir keine 

368 



andere Aufierungsform in dieser Sache zurVerfiigung. Merk- 
wiirdig und unvorhergesehn hat sich ergeben, daB der Kern 
unserer internationalen Gesellschaft auf Capri hier wieder 
zusammen ist, etwa vermindert durch Ernst Bloch, der weiter 
in Positano haust. [. . .] 

Erich Unger und Adolf Caspary haben ein Werk von 
30 Seiten gegen Schulreform und fur das humanistische 
Gymnasium erscheinen lassen 5 . Der Privatzauberer Erwin 
Loewenson 6 hat eine Metaphysik der Vortragskunst in einem 
Sammelbuch zu Ehren von Ludwig Hardt geschrieben 7 . Der 
Privatdozent David Baumgardt 8 ist es endlich nach Ein- 
reichung der vierten Habilitationsschrift iiber „Baader und 
die romantische Philosophie" geworden. Alle hier genannten 
Werke habe ich nicht gelesen, empfehle sie aber angelegent- 
lich und bin gern bereit, sie gegen 30 % Zuschlag zu be- 
sorgen. 

Ein Bild von Rang habe ich nicht: ich will sehen, ob ich 
Dir eines verschaffen kann. Ich hatte schon langst vor Dir 
mitzuteilen, dai3 er gelegentlich in einem Gesprach iiber die 
„Muhlen am Rande des Abgrunds" 9 mich auf die Edda ver- 
wies, wo die Miihle als Unterweltssymbol eine Rolle spielt. — 
Gestern am ersten Chanukah- Abend bekam Stefan eine 
Eisenbahn, sowie eine herrliche Indianer-Ausriistung, eine 
der schonsten Spielzeugsachen, die seit langem auf den Markt 
gekommen sind : bunte Federbtische, Axte, Ketten. Da jemand 
anders ihm zufallig zum gleichen Tage eine Negermaske 
schenkte, so habe ich ihn heute friih in grandiosem Aufzug 
auf mich zutanzen sehen. — Bitte schreibe mir recht bald. 
Sowie ich meine Arbeit fertig habe, werden meine Briefe 
wieder haufiger werden. Audi vonAgnon 10 schreibe mir bitte. 

Lebe wohl und sei herzlich gegriifit 

Dein Walter 

1 In der Weihnachtsnummer. 

2 Von Hargrave Jennings. 

3 Er hiefi Littauer. 

4 Ein Bruder Scholems, der damals kommunistischer Reichstagsabge- 
ordneter war und 1927 bei der Stalinisierung der KPD ausgeschlossen 
wurde. 



369 



5 Die Vergewaltigung des Gymnasiums durcli den Geist des prakti- 
schen „Lebens". Bin. 1924. 

6 Uber Loewenson (geb. 1888 in Thorn, gest. 1963 in Tel Aviv) siehe 
H. Tramer, Berliner Fruhexpressionisten im Bulletin des Leo Baeck 
Instituts VI, S. 245-254. L. lebte sehr zuriickgezogen. 

7 Ludwig Hardts Rezitation, eine neue Kunstgattung, in „Ludwig 
Hardts Vortragsbuch", Hamburg 1924. 

8 Starb 1963 in den USA. Bis 1953 Privatdozent in Berlin. - Von den 
oben genannten vier Personen waren Unger, Loewenson und Baum- 
gardt Bekannte von W. B. 

9 Eine im Buch Sohar vorkommende Metapher. 

10 Agnon war nach Palastina zuriickgekehrt und lebte in Jerusalem. 



139 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin, 30. Dezember 1924 

Hochverehrter Herr von Hofmannsthal! 

Das Jahr, das zu Ende geht, will ich nicht verstreichen lassen, 
ohne mich dankbar zu erinnern, daB es mit Ihrem Anteil 
meine Arbeit bestatigt hat. Sie werden es, so hoffe ich,. nicht 
als unziemlich empfinden, wenn ich, aus dieser Dankbarkeit 
heraus, Ihnen ein gluckliches kommendes wiinsche. 

Ich selbst diirfte vielleicht riickblickend das vergangne so 
nennen, das mir mit einem langen Auf enthalt in Italien, mit 
der Begriindung eines festeren Verhaltnisses zu einem Ver- 
lage (welches ich indirekt den „Neuen deutschen Beitragen" 
verdanke) langgehegte Wiinsche erfiillte, hatte es mir nicht 
meinen Freund Christian Rang genommen. Sie sind, wie 
Frau Rang mir schrieb, durch einen der Sonne von dem Tode 
verstandigt worden. Hatte sie dem auch die Bitte nicht bei- 
gegeben, daB ich meinerseits die Todesnachricht Ihnen uber- 
gabe, so wiirde ich doch nun, nachdem einige Zeit verstrichen, 
vor Ihnen, hochverehrter Herr von Hofmannsthal, dieses 
Mannes und seines so bittern, so unzeitigen Todes gedenken 
wollen. Niemals hatte man von ihm als einem „Vollendeten" 
sprechen kbnnen, aber das Alter zu erleben, schien er mir 
vorbestimmt und in einer Zeit, da es fast in alien um seine 



370 



Wiirde gekommen ist, sie zu erneuern. Auf Capri, wo wir 
zuletzt zusammen waren und seine Gedanken sich sammelten 
wahrend er ausruhte, sprach er von der Absicht, Deutschland 
zu verlassen, die politischen Fragestellungen, die es ihm auf- 
notigte, zu meiden und in der Schweiz— er dachte an Zurich — 
ganz philosophischen und theologischen Arbeiten zu leben. 
Die Rettung ihrer umfangreichen Vorstudien in die Form 
des „Nachlasses" erscheint besonders schwer. Fur diejenigen, 
die ihm geistig nahestanden, gewinnt durch diesen Sachver- 
halt Ihre Publikation der „Seligen Sehnsucht" * eine eigene 
Bedeutung. Es wiirde diesen Tod noch trauriger fur sie 
machen, wenn sie sich sagen miiBten, daB nirgends dieser 
Mann mit den ihm angelegensten Gedanken bei Lebzeiten zu 
Wort gekommen ware. Dieses Schicksal, das um ein geringes 
sich vollzogen hatte, haben Sie abgewendet. 

Mit freudiger Spannung sehe ich dem nachsten Heft der 
„Beitrage" entgegen; die Aufzeichnungen von [Carl Jakob] 
Burckhardt 2 , die Sie dort fortzusetzen versprechen, haben 
mich in dem letzten ganz besonders gefesselt. 

In aufrichtiger Verehrung verbleibe ich Ihr sehr ergebener 

Walter Benjamin 

1 Im 1. Heft der „Neuen Deutschen Beitrage". 

2 Carl Jakob Burckhardts „Kleinasiatische Reise". - Vgl. audi Hugo 
von Hofmannsthal u. Carl J. Burckhardt: Briefwechsel. Frankfurt am 
Main 1956. S. 168 f. 



140 An Gerhard Scholem 

Frankfurt a. M., 19. Februar 1925 

Lieber Gerhard, 

in einem Brief e nach Capri, den ich oft uberdacht, ja zitiert 
habe, hast Du mir geschrieben, mit groBter Besorgnis folgtest 
Du mir und hattest den Eindruck daB nun, da das AuBere 
sich zu ebnen scheme, meine innern Widerstande gegen die 

371 



Habilitation die Oberhand behalten wiirden. Die Diagnose 
ist richtig, die Prognose, hoffe ich, falsch. Denn immerhin 
ist nun derjenige Teil der Arbeit den ich einzureichen ge- 
denke in der Urschrift und zu zwei Dritteln auch in hand- 
schriftlicher Reinschrift fertig. Aber jetzt erst sehe ich, mit 
wie knapper Not das alles unter Dach und Fach gekommen 
ist und wie die Argo so wird furchte ich auch dieses Ent- 
deckerschiff lein um das goldne VlieB der barocken Allegorese 
sein Zeichen abbekommen von zwei aneinanderschlagenden 
Inseln (Zykladen heiBen sie wohl) und der kraftig geplante 
wohl gezimmerte bibliographische Schwanz- und Steuerteil 
wird dran glauben rmissen. Nicht als ob er fortf alien sollte; 
davon kann natiirlich keine Rede sein, Aber ich werde die 
Sache was Seitenzahlen Buchtitel etc in diesen Verweisen 
betrifft, etwas auf Exaktheit polieren miissen, sonst werde ich 
bei der don quichotesken Art wie ich diesem philologischen 
Teil der Sache die Ehre geben wollte, nie zu Ende kommen. 
Sowieso werde ich den Ablieferungstermin beim Verleger 

- den ersten Marz — weit iiberschreiten. Ist doch der SchluB 
der Sache, den ich ebenso wie den groBten Teil der Einlei- 
tung in Frankfurt nicht einliefere, noch nicht geschrieben. 
Diese Einleitung ist eine maBlose Chuzpe — namlich nicht 
mehr und nicht weniger als Prolegomena zur Erkenntnis- 
theorie, so eine Art zweites, ich weiB nicht, ob besseres, Sta- 
dium der friihen Spracharbeit, die Du kennst, als Ideenlehre 
frisiert. Ubrigens werde ich mir die Spracharbeit dafiir noch 
einmal durchlesen. 1 Sei's wies sei ich bin f roh, diese Einleitung 
geschrieben zu haben. Ihr urspriingliches Motto war: „Uber 
Stock und liber St eine / Aber brich Dir nicht die Beine" 

— wahrend jetzt ein so beschaffnes Motto von Goethe dasteht 
(aus der Geschichte der Farbenlehre) daB den Leuten das 
Maul offen bleibt. Dann gibts zwei Teile I Trauerspiel und 
Tragodie II Allegorie und Tragodie und einen wiederum 
methodischen SchluBteil. I und II je in drei Teilen mit ins- 
gesamt sechs Mottos, mit denen der Leser nichts zu lachen 
hat. Motto des SchluBteils von Jean Paul 2 , die sechs mittle- 
ren aber alle hanebiichensten Barockschmbkern entnommen. 
Einige kleine Vorleseproben fielen imposant aus. Ich habe ja 

572 



liber der Arbeit jeden MaBstab verloren. Eine neue Trago- 
dientheorie gibt es audi; sie ist zu einem groBen Teil von 
Rang. Daselbst ist nachhaltig Rosenzweig zitiert worden, 
sehrzu [Gottfried] Salomons 3 MiBvergniigen, der behauptet, 
das alles — was Rosenzweig uber Tragik sagt — stiinde schon 
bei Hegel. Und vielleicht ist es nicbt unmoglich. Ich habe die 
vollstandige „Asthetik" nicht einsehen konnen. — Aber diese 
Arbeit ist fur mich ein SchluB — um keinen Preis ein Anfang. 
Bereits mit der nachsten, zu der ich mich dem Verleger ver- 
pflichtet habe, der „Neuen Melusine" will ich ins Romantische 
zuriick und (vielleicht schon) ins Politische voran; ganz 
anders polar arbeiten, als in dem mir nun zu temperierten 
Klima der Barockarbeit, wiewohl sie auf andere nicht ganz 
so temperiert wirken diirfte. Aber im Augenblick muB ich 
nun die lauliche Luft einatmen: dazu bin ich hergekommen: 
habe auch gleich den schonstenGrippenschnupfenbekommen. 
Es ist die Frage, ob ich Schultz vor seiner Abreise noch etwas 
einhandigen kann; die Schreibmaschinenschrift ist eben erst 
begonnen worden. Jedenfalls stelle ich mich ihm demnachst 
vor. Die Dinge liegen nicht ungunstig: Schultz ist Dekan; 
auch sonst ist einiges praktisch gelagert. Vor fast allem, 
was mit dem glucklichen Ausgang gegeben ware, graut mir: 
Frankfurt voran, dann Vorlesungen, Schiller, etc. Dinge, die 
die Zeit morderisch angreifen, da ohnehin ihre Okonomie 
nicht meine starkeSeite ist, sehr vielgestaltige Verlagsangele- 
genheiten, eigene Arbeiten - Melusine, dann Politik - zu 
machen sind, und endlich, wenn iiberhaupt, dann bald mit 
dem Hebraischen Ernst gemacht werden muB. Vorlaufig bin 
ich bestrebt, den hiesigen Wind von alien Seiten in meinen 
Segeln zu fangen und habe mich zu guterletzt auch noch um 
die Redaktion einer Radiozeitschrift, genauer eines Beiblat- 
tes, beworben. Diese Arbeit ware nebenamtlich zu machen, 
wird aber wegen Honorardifferenzen wohl nicht so leicht mir 
zufallen. Die Sache ist die, daB Ernst Schoen hier seit Mona- 
ten eine bedeutende Stelle als Manager des Frankfurter 
„Rundfunk"-Programms hat und sich fur mich verwendet. 
Hier quatschen alleUniversitatslehrer durch denRundfunketc. 
Den Tod Deines Vaters ersah ich zufallig aus der Anzeige 

373 



in der Zeitung. Tritt eine Anderung Deiner auBern Lage 
ein? — Ich will nun teils auf Deinen Brief, teils noch auf 
meine Arbeiten kommen. Was Agnon betrifft, so habe ich in 
dem Sinne, in welchem wir es in Frankfurt einmal erwogen 
haben, vor, in der „Neuen Melusine" auf Biegen oder Bre- 
chen des „Rabbi Gadiel" zu gedenken. Wenn es audi aus- 
fiihrlich. vielleicht nicht sein kann, so soil es doch auf eine 
Art geschehen, die ihm gut tut. Und Muri [. . .] endlich: 
mein Barockbuch betreffend, so kannst Du denken, mit wel- 
cher Ungeduld ich es in Deiner Hand erwarten werde. Streng 
genommen und unter uns geredet hat es, mit Rangs Tod, 
seinen eigentlichen Leser verloren. Denn wer wird an diesen 
abseitigen und sehr verschollnen Dingen ganzen Anteil neh- 
men konnen? Ich, als der Autor, bin heute vielleicht dazu der 
letzte (im negativen Sinn: tue es nicht). Aber es bleibt genug, 
wovon mir hochst wichtig ist, Dein Echo zu vernehmen. Und 
manchmal fasse ich ein Zutrauen, daft das Ganze — wenns 
nur erst da ware — rund und sonderbar ausgefallen ist. Eine 
schwere Kugel, alle Neune damit zu schieben — und SchluB. 
Leider kann ich Rosenkreuzerisches nicht mehr beriicksich- 
tigen. 

Lektiire hat es sonst wenig gegeben. Incredibile dictu: Das 
neue Buch von Thomas Mann: Der Zauberberg fesselt mich 
durch schlechthin souverane Mache. Sonst gibt es „ Cory don" 
von Andre Gide — gescheute und kuragierte Dialoge iiber die 
Knabenliebe, den en aber gar zu sehr das attische Salz fehlt. 
[. . .] Lukacs hat ein Buch: „Lenin" gemacht. Kennst Du es? 
Bloch schreibt aus Karthago. Du also besteige denn die Wart- 
tiirme Jerusalems und schaue um Dich. 

Meine Bibliomanie geht seltsam — mir erklarlich — zu- 
riick. Seit Monaten kaufte ich nichts. Was ich sparen kann, 
das war bisher nicht viel, will ich dem Reisen widmen und 
zuschlagen. Aber die letzte Anschaffung war epochal. Der 
deutsche Tasso von Paris von dem Werder Frankfurt a/M 
1624. 

Fur heute habe ich denn alles untergebracht. Mit „sympa- 
thetischer" Tirite geschrieben bedecken GruB — und gute 

374 



Wiinsche den Rest des Bogens. Drohungen schlieBen sich an, 
fiir den Fall, dafi Deine Antwort auf sich warten lass en sollte. 

Dein Walter 

1 In der Tat sind Satze aus der damals ungedruckten Spracharbeit in 
das Trauerspielbuch wortlich ubernommen worden, vor allem im 
Schluftabsatz. 

2 Dieser SchluBteil ist bei der Reinschrift ausgefallen. 

3 Damals Privatdozent der Soziologie in Frankfurt (1892-1964). 



141 An Gerhard Scholem 

Berlin, 6. April 1925 

Lieber Gerhard, 

wiewohl von Neuigkeiten wenig vorliegt und dieser Brief 
— ich hoffe — Deinen nachsten kreuzen wird, will ich doch 
wieder einmal Nachricht geben. Frankfurt hat triibe auf mir 
gelegen, teils wegen der daselbst zu absolvierenden zum gro- 
flen Teil mechanischen Arbeit des Diktats, der Bibliographic 
und andrer technischer Dinge, teils wegen des mir so beson- 
ders verhaBten Stadtlebens und Stadtbildes an diesem Ort, 
endlich durch die nicht unerwartete, dennoch entnervende 
Unzuverlassigkeit der meine Angelegenheit entscheidenden 
Instanz. Dieser Professor Schultz, der wissenschaftlich wenig 
bedeutet, ist ein gewiegter Weltmann, der wahrscheinlich in 
manchen literarischen Dingen eine bessere Nase hat als junge 
Cafehaus-Besucher. Aber mit dieser Affiche seiner intellek- 
tuellen Talmi-Kultur ist auch bereits erschbpfend uber ihn 
gehandelt. In jeder andern Hinsicht ist er mittelmaBig, und 
was an diplomatischem Geschick ihm eignet, wird durch eine 
HasenfuBigkeit paralysiert, die sich in korrekten Formalis- 
mus kleidet. Uber die Aufnahme meiner Arbeit weiB ich noch 
nichts oder besser gesagt, noch nichts Gutes. Als ich eine 
Woche nach Einlieferung des ersten Teils den zweiten ihm 
iibergab, fand ich ihn kiihl und heikel, iibrigens offenbar 
wenig informiert. Er hatte sich wohl nur mit der Einleitung, 

375 



dem sprodesten Teil des Ganzen, befaBt. Danach reiste ich 
hierher und indessen ist er, sei es selbst verreist, sei es in eine 
vorsichtige Verborgenheit getaucht, aus der ihn [Gottfried] 
Salomon nicht aufzuspiiren vermochte. — Wenn er vor andert- 
halb Jahren mir die sehr genaue Hoff nung gab - wenn audi 
nicht das bindende Versprechen — auf Grund einer neuen 
dementsprechenden Arbeit meine Habilitation fur Literatur- 
geschichte zu befiirworten, so zog er jetzt, noch vor Ein- 
lieferung der Arbeit, zuriick und pladierte fiir Asthetik, bei 
welcher Sachlage seine Stimme natiirlich nicht ganz so maB- 
gebend bleibt. Wie dem nun sei — von einer Habilitation 
kann nur die Rede sein, wenn er mit groBter Verve fiir mich 
eintritt. Wiewohl ein abenteuerlich genauer Apparat sein 
Staunen weckte, kann ich das mit GewiBheit nicht erwarten. 
Denn schlieBlich spielt tausenderlei hinein, und auch Ressen- 
timent. Wie er dannzu Salomon, sogar mit anstandiger Selbst- 
ironie auBerte, das einzige, was er gegen mich habe, ware, 
daB ich nicht sein Schiiler sei. Die ganze Arbeit kennt bisher 
nur Salomon, der sich denn auch meiner Ansicht, daB sechse 
sich damit habilitieren konnten, nicht verschlieBt. Von der 
erkenntnistheoretischen Einleitung habe ich nur die zweite, 
zahmere Halfte eingereicht. Meine urspninglich festgefaBte 
Absicht, der inoffiziellen Einleitung einen gleichbeschaff enen 
SchluB entsprechen zu lassen, wird sich wohl, trotzdem die 
Forderung der Symmetric und sonst Formales im Aufbau 
dafiirsprache, nicht verwirklichen. Die Steigerung, die ich in 
dem AbschluB des Hauptteils erreiche, ware nicht zu iiber- 
holen und um den methodischen Gedankengangen iiber „Kri- 
tik", die ich plante, die Kraft, nach diesem AbschluB nach zu 
f olgen zu verleihen, ware eine wreitere Arbeit von Monaten 
erforderlich, der en Resultat dann durch den Umfang leicht 
den ganzen Bau erdriicken kbnnte. Zudem muB das Manu- 
skript endlich in die Druckerei. Das wird in einigen Tagen 
stattfinden miissen. - 

Bloch siehst Du nicht. Begreiflich : er ist seit vier Wochen 
wieder hier, da der Mieter seines Hauses, der mit phanta- 
stisch hohen Raten seinen afrikanischen Aufenthalt zu finan- 
zieren hatte, dieser Verpflichtung sich entzog. So muBt Du 

376 . 



Dir an [Ernst] Toller geniigen lassen. Ubrigens, wie keiner 
Deiner Briefe ohne verheiBungsvolle Ratsel zu sein pflegt, so 
haben mich auch die vier Punkte, die den Rezensenten von 
„durch die Wiiste" vertreten, gespannt und ich vermutete 
einen Augenblick, das seist Du. Hoffentlich geht es mir nicht 
wie mit einer friiheren Konjektur, zu der geheimnisvolle 
Auslassungen iiber Karl Kraus und Zionismus mich veran- 
laBten. Ich erwarb das beschrieene (oder: beschreite) August- 
heft der Fackel von 1924 und fand statt eines imaginierten 
Brief es von Dir an K. K. feige und mittelmaBige Scherze iiber 
Palastina. „Alchemie und Kabbala" war hochwillkommen. 
Wann erscheint der SchluB ? DaB ich „nach RedaktionsschluB" 
nichts Rosenkreuzerisches meiner eignen Arbeit mehr ein- 
verleiben kann, schrieb ich Dir wohl. Zudem habe ich das 
wissenschaftliche, zumal das bibliographische Arbeiten nicht 
etwa durch das hohe MaB oder die „Tiefe" des Nachdenkens 
sondern durch eine Akribie aus vertrackten Hintergr linden 
iiberspannt und bin auf tolle Weise den Verlockungen der 
herrlichen Friihlingssonne preisgegeben. Das Reisegift das 
ich im vorigen Jahre mir injiziert habe, wirkt nun - ein Jahr 
nachdem ich sie antrat - aufs neue und ich bin bei weitern 
Reiseplanen. Aber ihre Moglichkeit ist nicht gesichert. Dabei 
lage — und trotz allem : liegt — dringende Arbeit vor mir. Die 
„Neue Melusine" muB vorbereitet werden. Hofmannsthal 
f orderte ein privates, personliches Gutachten iiber den „Turm" , 
eine Umdichtung von Calderons „Leben ein Traum", die er 
herausbrachte; die Absolvierung dieser Arbeit plane ich mit 
einer publizistischen zu verbinden. Eine neue Revue fur lite- 
rarische Kritik bei Rowohlt erbittet meine standige Mitarbeit 
und ich gedenke zunachst eine Rezension des „Turms" ein- 
zuliefern 1 [. . .] Thomas Mann publiziert im letzten Heft der 
„Neuen Rundschau" einen kleinen Essay iiber „Goethes Wahl- 
verwandtschaften" 2 . Ich habe ihn noch nicht gelesen. Aber er 
ist mir auf fall end durch eine sich in letzter Zeit oft und oft 
erneuernde Begegnung mit diesem Autor. Ich weiB kaum, 
wie ich es anstellen soil, Dir mitzuteilen, daB dieser Mann, 
den ich gehaBt habe wie wenige Publizisten, mit seinem 
letzten groBen Buch, dem „Zauberberg'\ das mir in die 

377 



Hande fiel, mir geradezu nahe gekommen ist; mit einem 
Buche, in dem [m]ich untriiglich Eigenstes, was mich bewegt 
und immer bewegte, auf eine Art, die ich streng kontrollie- 
ren kann und gelten lassen, ja in Vielem sehr bewundern 
muB, angesprochen hat. Es ist, so wenig anmutig dergleichen 
Konstruktionen sind, mir dennoch nicht anders denkbar, ja 
schlechtweg sicher, daB iiber dem Schreiben eine innere Wand- 
lung mit dem Verfasser sich vollzogen haben muB. — Ob er 
meine Arbeit iiber die Wahlverwandtschaften kennt, weiB 
ich noch nicht. Immerhin vermag ich in seiner gegenwartigen 
AuBerung iiber das Buch nicht mehr etwas schlechthin Zu- 
f alliges zu sehen. Sonst muB ich dieses Thema fallen [lassen] : 
es ist einer brief lichen Mitteilung nicht angemessen. Am 
vorletzten Abend in Frankfurt suchte mich der Direktor der 
Bremer Presse, Dr. Wiegand auf, um mich fur eine Aus- 
wahl aus Wilhelm von Humboldt zu gewinnen. Ich sagte 
ihm, daB ich vertraglich gebunden sei, zudem aber in diese 
Tiefen der deutschen Klassik mich nicht einlassen konne. Ich 
will mit den hebraischen Stunden demnachst beginnen. Ver- 
schiedene Umstande machen es mir unmoglich, mich in der 
Sache mit Gutkinds in Verbindung zu setzen. Ich mochte 
Dich hiermit dringend gebeten haben, mir sowohl fur Berlin 
wie fur Frankfurt eine Vertrauensperson zu nennen, an die 
ich mich wenden kann. Sei es, daB diese selbst den Unterricht 
ubernahme, sei es, daB sie fur einen geeigneten Lehrer Sorge 
tragen wiirde. Hierauf bitte ich Dich um moglichst post- 
wendende Antwort. 

Von Dir erhoffe ich eine Antwort auf meine Briefe, ver- 
bunden mit instruktiven Gloss en zur Eroffnung der Univer- 
sitat. 

Die herzlichsten GriiBe Dein Walter 

1 Erschien in der „Literarischen Welt" vom 9. April 1926. 

2 NR, April 1925, S. 391-401. Unbeeinfluflt von W.B.s Gedanken. 



378 



142 An Gerhard Scholem 

Frankfurt a. M. [ca. 20.-25. Mai 1925] 

Lieber Gerhard, 

ich sitze wieder in Frankfurt, in einer der ewigen Warteperi- 
oden, in welche^pich die hiesige akademische Unternehmung 
gliedert, wenn nicht auflost. Seit einer Woche liegt mein 
f ormelles Habilitationsgesuch bei der Fakultat. Meine Chan- 
cen sind so unerheblich, daB ich mit der Bewerbung bis zu- 
letzt gezogert habe. Denn indem die Habilitation fur deutsche 
Literaturgeschichte mir wegen meiner „Vorbildung" zuletzt 
und unwiderruflich als unmoglich erklart wurde, war ich auf 
„ Asthetik" verschlagen und hier drohen von neuem die Wider- 
stande von [Hans] Cornelius. Denn er hat einen Lehrauftrag 
fur „AUgemeine Kunstwissenschaft", welche mit der Asthe- 
tik zusammen in einem Fach rangiert. Dazu kommt die Un- 
zuverlassigkeit von Schultz, der sichzwarmirgegeniiberkeine 
BlbBe geben will und uber die Arbeit einige kurze Worte 
notgedrungen hochster Anerkennung fallen lieB, aber auch 
keine Lust hat, sich anzustrengen. So kann derzeit kein 
Mensch sagen, was dabei herauskommt. Ich zahle in der 
Fakultat eine Anzahl wohlwollend neutraler Herren, weiB 
aber niemanden, der die Sache eigentlich fiihren sollte. Wird 
die Sache vornherein abschlagig beschieden, so weiB ich es in 
wenigen Tagen. Wahrscheinlicher ist, daB eine Kommission 
bis Ende des Semesters an der Arbeit sitzen wird und ich froh 
sein muB, wenn es vor den Sommerferien noch zur Entschei- 
dung kommt. Freilich werde ich wohl unter diesen Umstan- 
den kaum die ganze Zeit hier sitzen, sondern die Wartezeit, 
wenn irgend moglich in Paris, sonst in Berlin abmachen. Die 
Angel egenheit von welcher Seite ich sie auch sehe, bleibt 
dubios selbst vom materiellen Standpunkt aus. Die eigent- 
liche Universitatskarriere einzuschlagen, liegt mir ferner und 
f erner, aus tausend Griinden. „ Asthetik" ist einer der schlech- 
testen Starts — zudem — fur diese Laufbahn. Und alles was 
schlieBlich absehbar ist, sind 180 M monatlicher „Beihilfe". 

379 



Aber irgend ein Gewicht, das all dies schon kaum mehr besafi, 
hat es wieder erhalten, durch die miserable Wendung meiner 
Vermogens- oder vielmehr Einkommensverhaltnisse. Mein 
Verleger hat namlich, ohne auch nur ein einziges Buch zum 
Erscheinen gebracht zu haben, Bankrott gemacht. Die an- 
sehnlichen Schulden betrugen 55 000 M, denen nichts gegen- 
iiberstand. Andere sind schwerer als ich betrogen, dem er doch 
zumindest einige Zahlungen gemacht hat, wahrend sie ihr 
Geld an einen wagemutigen jungen Mann verloren haben, 
der mit Gliick etwas hatte erreichen konnen, im Ungliick aber 
dermaBen den Kopf verloren hat, daB er ganz comme il faut 
nach eroffnetem Bankrott ein Sanatorium aufgesucht hat. 
Einige Wochen spater ist Dora in einer ertraglichen und er- 
tragreichenNeben-Stelle, die sie neben ihrer Hauptstelle inne 
hatte, gekiindigt worden. Das alles liegt iiberaus ungliicklich. 
Noch zeigt sich nichts Besseres. Einiges Kleinere ist in diesem 
Zusammenhange kaum zu zahlen: so wirst Du in einigen 
Wochen von mir und einer Capreser Bekannten in der Frank- 
furter Zeitung einen Essay „Neapel" lesen, der im Satz ist 1 . 
Von August ab wird als Wochenzeitschrift ein Journal „die 
literarische Welt" bei Rowohlt erscheinen, an der ich nicht 
nur mit einem standigen Referat liber neuere franzosische 
Kunsttheorie beteiligt bin, sondern welches ich als Publika- 
tionsorgan fur Muri gewonnen habe. Die Bestande der Bi- 
bliothek werden daselbst unter den iibrigen „Buchereingan- 
gen" und zwar zum Teil mit eigens hierfiir verfaBten 
Besprechungen eingereicht werden. 2 Diese Kritiken, wie wohl 
auch einige der Titel, werden Dir neu sein. So eroffne ich mit 
einem Daublerschen Reisebericht „Athos und Atheisten" 
— einem Nachweis, daB die sogenannten Atheisten keine 
Gottesleugner sondern eine uralte fromme Monchsgemein- 
schaft vom heiligen Berge Athos gewesen seien. Der letzte 
Teil meiner neuen Arbeit wird unter dem Titel „Konstruk- 
tion der Trauer" in einem Jahrbuch des Verlages Cassirer, 
in dem auch meine Kritik vom „Geist der Utopie" steht, im 
Laufe des Sommers erscheinen. Jetzt bin ich an einer kuri- 
osen franzosischen Dichtung „L'Anabase", dem Werk eines 
jungen Pseudonyms 3 , das ich in Stellvertretung von Rilke 

380 



ubersetze. Urspriinglich war dieser namlich zum Verdeut- 
scher ausersehen. Aber er hat sich mit aller Bewunderung 
davon zuriickgezogen und will nur eine Vorrede zur spatern 
Publikation schreiben. Ich halte das Ding fur unbetrachtlich. 
Die Ubersetzung ist auBerordentlich schwer, doch lohnt es 
sich, da das kurze „Gedicht in Prosa" ganz anstandig hono- 
riert wird. Als Verlag ist die Insel vorgesehen. Diese Uber- 
setzung hat mir Hofmannsthal durch eine Intervention in 
Paris verschafft, (Er war im Friihjahr in Tunis und reiste 
iiber Paris zuriick). An einem der letzten Tage meines vori- 
gen Aufenthalts hier kam (sozusagen in Hofmannsthals Auf- 
trag) der Leiter der Bremer Presse zu mir. [ . . .] Diese hochst 
chancenreiche Begegnung habe ich ungenutzt voriibergehen 
lassen, ja sogar— im sicheren Gefuhl meines ja nun abgenutz- 
ten Vertrages — gesprachsweise und in der Kritik von Hof- 
mannsthals Intentionen mich viel zu weit vorgewagt. Der- 
gestalt habe ich jetzt, da mir an der Aufnahme derBeziehungen 
enorm liegen muB, sehr verminderte Chancen und ich weiB 
nicht, welchenErfolg verschiedene Versuche erlangen, die ich 
in dieser Hinsicht mir vorsetze. Ich habe hier eine der nicht 
allzu zahlreichen Dummheiten meines Lebens zu beklagen. 
Der Bremer Presse will ich fur die nachste Nummer ihrer 
Zeitschrift eine Arbeit uber Tiecks „Blonden Eckbert", die 
ich schreiben will - eine Sache vermutlich von wenigen Sei- 
ten — antragen, 

[. . .] 

Soviel iiber die tiefbetnibliche Kollision literarischer und 
dkonomischer Vorhaben. Im Biicherverzeichnis der gelesenen 
Schriften, das ich etwa seit dem Abiturium fiihre, nahere ich 
mich der Jubilaumszahl 1000 4 . Die letzten Etappen waren: 
Der Zauberberg von Thomas Mann — Geschichte und Klas- 
senbewuBtsein, eine auBerordentliche Sammlung von Lukacs 
politischen Schriften - Paul Valery: Eupalinos ou l'archi- 
tecte, die einzige schbne und bedeutende Schrift in der Form 
des platonischen Dialoges, mit Sokrates in der Mitte, die ich 
auBer den Originalschriften kenne. Ich werde sie in der „Lrte- 
rarischen Welt" anzeigen. Fur mich hangt alles davon ab, 
wie sich die verlegerischen Beziehungen gestalten. Wenn mir 

381 



da nichts gliickt, so werde ich meine Beschaftigung mit marxi- 
stischer Politik wahrscheinlich beschleunigen und - mit der 
Aussicht in absehbarer Zeit mindestens vorubergehend nach 
Moskau zu kommen - in die Partei eintreten. Diesen Schritt 
werde ich iiber kurz oder lang wohl auf alle Falle tun. 5 Der 
Horizont meiner Arbeit ist nicht mehr der alte und ich kann 
ihn nicht kunstlich verengen. Natiirlich ist es zunachst ein 
ungeheuerlicher Konflikt der Krafte (meiner individuellen), 
in den dies und das Studium des Hebraischen treten miissen 
und eine grundsatzliche Entscheidung sehe ich nicht ab, son- 
dern muB das Experiment machen, hier oder dort zu begin- 
nen. Die Totalitat des dunkel oder heller von mir erahnten 
Horizonts kann ich nur in diesen beiden Erfahrungen ge- 
winnen. — 

Hier habe ich eine mehrtagige Pause eintreten lassen. 
Meine Angel egenheiten sind indessen nicht weiter geriickt, 
Heute abend diirfte sie in einer Fakultatssitzung vorkom- 
men. Meine Hoffnung stimme ich zusehends mehr herab; die 
Ressortfrage liegt zu schwierig. Vor zwei Jahren hatte ich 
angesichts dieser Lage der Dinge die heftigste moralische 
Entriistung aufgebracht. Heute durchschaue ich den Mecha- 
nismus dieser Institution zu sehr um das zu vermogen, Vor 
einigen Tagen lernte ich in Gesell'schaft Professor [Joseph] 
Horovitz kennen, mit dem Du ja unten auch gesprochen hast. 
Viel konnte ich mit ihm nicht reden, aber weniges, was er 
iiber die Eroffnung der Universitat sagte, beruhrte sich mit 
Deinem Bericht nahe. Diese Mitteilungen, die Du mir machst, 
haben mich sehr interessiert: ganz besonders aber Deine An- 
deutungen iiber den Konflikt des sozialistischen Siedlungs- 
systems mit den amerikanischen Geldgebern. Ich werde Dir 
immer dankbar f iir weitere Berichte aus diesem Gesichtspunkt 
sein und in jedem Sinn ist es mir wesentlich, wenn ich hbre, 
wie Du unter der besorgten Erwartung von den Wirkungen 
intensiver kapitalistischer Kolonisation die weiteren Ereig- 
nisse beurteilst. Nicht ganz bis ins einzelne durchsichtig ist 
mir Deine Bemerkung iiber die „scheintot" tradierte Sprache, 
die im Munde der neuen Generation als lebendiges und ver- 
wandeltes Hebraisch sich gegen die Sprechenden zu kehren 

382 



droht. Vielleicht ist es Dir moglich, ein weiteres Wort dazu 
zu sagen. Komm Du diesem Wunsch nach, wenn auch ich 
mich nicht postwendend iiber das „Wahrnehmungsproblem" 6 
vernehmen lassen kann. Einmal habe ich mich lange nicht 
mehr damit beschaftigt. Neulich wollte ich einmal „Zur 
Phanomenologie der Wahmehmung", ein Buch von Moritz 
Schapp 7 das Dir vielleicht bekannt ist, (aus der Linke-Zeit), 
lesen; aber ich hatte die Zeit nicht. Dann imifite ich auch 
wissen, zu welchen Stellen Dir die Erlauterungen besonders 
dringlich scheinen. Und endlich werde ich nicht Unrecht 
haben, wenn ich in dieser Deiner Wifibegier auch den huma- 
nen Ausdruck bedenklicher Er- und Abwagung des von mir 
sub III VerfaBten mutmaBe. Dariiber fordere wiederum ich 
Dich zu unerschrockner Einbekennung auf . — Enthalte mir 
bitte die Glossen zu „ Rabbi Gadiel das Kind" nicht vor. Ist 
der SchluB von „Alchemie und Kabbala" schon heraus, so 
veranlasse bitte die Sendung an mich. Den ersten Teil las ich 
aufmerksam; da die Arbeit philologisch ist, entnahm ich ihr 
naturlich nicht allzuviel; ihr Wesentliches liegt aufierhalb 
meines Bildungskreises. Besitzen aber mochte ich sie. Die 
(sozusagen „synthetischen") Reflexionen zum Bahir, aus 
denen Du eine Einleitung des Buches zu bilden gedachtest, 
haben sich vorerst wohl in die unter „horbarem Seufzen" 
angelegte Mappe verkrochen? 

Dieser Tage geht das Manuskript meines Trauerspiel- 
buches an Hofmannsthal. — Meine augenblickliche Beschafti- 
gung gilt — neben der Ubersetzung aus dem Franzosischen 
und gelegentlichenArbeiten- dem Marchen als Vorbereitung 
der Arbeiten liber den blonden Eckbert und die Melusine. Im 
stillen hege ich die Meinung, iiber die Schonheit der Mar- 
chen imiBte Neues und (Jberraschendes sich aussprechen las- 
sen. Man hat doch kaum bisher nach ihr gefragt. Zudem 
beginnt mich diese Form der geistigen Produktivitat zu fes- 
seln. Eine panoramatische Ubersicht iiber die hier zu durch- 
pfliigenden Breiten des kritischen Schrifttums zeigt im gan- 
zen schlechte, steinige Ackererde. WeiBt Du ergiebigere 
Biicher der Art? Stofflich hochst lobenswert, aber ohne theo- 
retische Aspekte ist die herrliche Sammlung von Wesselski: 

383 



„Marchen des Mittelalters", die vor zwei Jahren in Berlin 
erschienen ist. In der Tat ware ich Dir fur Angabe von nen- 
nenswerten theoretischen Schriften zur Marchenkunde dank- 
bar. — Die Perspektive eines Besuches, die Du aufrollst, freut 
mich, wie Du begreifen wirst, sehr. Hoffentlich wird dann 
Deine Dozentur zumindest bereits in voller Bliite stehen. 
Von meiner verspreche ich — zuhochst — mir eine brennend 
rote, spate Kakteenbliite, Unbeschadet dieser Erwartung aber 
werde ich wohl Ende dieser Woche Frankfurt verlassen, sei 
es, dafi bis dahin eine negative Entscheidung fiel, sei es, dafi 
mein akademischer Astralleib die Wanderung durch das 
Labyrinth der Kommissionsberatungen wird antreten miis- 
sen. — Bubers Berliner Vortrag habe ich mir nicht angehort. 
War er denn nennenswert? Deine AuBerung lafit ja darauf 
schliefien. Die GriiBe von Escha erwidere ich vielmals. Dir 
wiinsche ich reiche Beute fur die geheimnisvolle Mappe und 
schlieBe mit herzlichen GriiBen. 

Dein Walter 
Ernst Schoen griifit herzlich! 

1 Schriften II. S. 72-82. 

2 Es blieb bei dem anonym erschienenen „Buchereinlauf" in Jahrg. I.. 
No. 2. 

3 St. John Perse. 

4 In dieses Verzeichnis, das W. B. mit grower Sorgfalt fuhrte, kamen 
nur Schriften, die er bis zum Ende gelesen hatte. 

5 Er tat ihn nie. Vgl. den Brief vom 17. April 1931 (No. 203). 

6 Ein alteres Manuscript von W. B. 

7 Der Autor heiflt Wilhelm Schapp (1910 erschienen). 



143 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin- Grunewald, 11. 6. 1925 

Hochverehrter Herr von Hofmannsthal! 

Ihr letztes Schreiben machte mir das Erscheinen des neuen 
Heftes der „Beitrage" durch die Ankundigung des „Turms" 



384 



und die freundliche Ermunterung, vom Eindruck Ihres Werks 
auf mich zu schreiben, doppelt erwiinscht. Nun liegt es seit 
Wochen vor und wenn ich erst heute schreibe, so ist die Tat- 
sache, daB ich von Ihr'er Riickkunft aus Afrika erst unlangst 
erfuhr, nur einer der Griinde dafiir. Ich habe mich wieder 
und wieder mit dem Drama befassen rmissen, um iiber den 
tiefen Eindruck der Lektiire hinaus Raum fiir die Rechen- 
schaft von ihm mir zu gewinnen. Sie werden es mit Nach- 
sicht aufnehmen, wenn ich die Meinung gestehe, fiir die^e 
Rechenschaft etwas besser vorbereitet zu sein als ein beliebi- 
ger anderer Leser und darum werde ich Ihnen meine Freude 
vertrauen diirfen, in ihm einen geistigen Bereich mir immer 
deutlicher eroifnet zu sehen, an den meine letzten Studien 
ganz nah mich herangefuhrt hatten. In Wahrheit sehe ich in 
Ihrem Werk ein Trauerspiel in seiner reinsten, kanonischen 
Form. Und zugleich empfinde ich die auBerordentliche drama- 
tische Kraft, deren diese Form, der verbreiteten Bildungs- 
Meinung zum Trotz, in ihren hochsten Reprasentationen 
f ahig ist. Ein Vergleich mit Ihren iibrigen Werken steht mir 
an dieser Stelle nicht zu: aber vielleicht empfinde ich recht, 
wenn ich dieses letzte als eine Kronung ihrer Erneuerung 
und Wiedergeburt jener deutschen Barockform ansehe und 
als ein Werk von hochster Autoritat fiir die Buhne. Der Mo- 
ment — um nur einen zu nennen — da Sigismund im Saale vor 
dem Alkoven seiner Mutter zuriickschauert, miiBte einer der 
grbBten Augenblicke eines groBen Schauspielers werden. 
Und sogleich will ich den Julian nennen, iiber dem ein Mensch 
zum Schauspieler sich miiBte entziinden konnen, wie er, 
wunderbar durch den lateinischen Spruch des Arztes auf- 
gerufen, treu dieses nachtige Wesen durchs ganze Drama 
bewahrt. Am nachsten beruhrt in dieser Gestalt mich das 
groBartige Widerspiel tiefer Schwache und tiefer Treue. 
Einer Treue, die unfreiwillig, nur aus Schwache kommt und 
dennoch wunderbar mit ihr versbhnt. Denn dieser Mann 
nahert der befreienden Entscheidung sich aufs Haar und 
bleibt doch, wo er steht, als ewiger Diener des Entschiednen, 
gebannt. Ich fiihle selbst, wie weit meine Worte hinter dem 
Geheimnis dieser Figur zuriickbleiben, der ich nicht bald 

385 



Wesensgeschwister im dramatischen Bereich zu nennen 
wuBte. Anders Basilius, wie mir scheint ein echter Bruder des 
Konigs Claudius. Wie wunderbar aus dem Munde dieses Ver- 
lornen die groBe Schilderung der Abendlandschaft am Agi- 
dientage kommt: wie wahrhaft dramatisch und weit vom 
lyrischen Intermezzo entfernt sie wird, da sie diesem Manne 
vom Munde geht. Wer wird das heute sprechen konnen? Vor 
mehr als zehn Jahren horte ich Paul Wegner das Gebet des 
Konigs Claudius so sprechen, wie weder er noch sonst wohl 
einer es heute zustande brachte. — Es hat mich Studium und 
Uberlegung dahin gefuhrt, daB ich mit einem gewissen Grade 
von Sicherheit glaube vermuten zu diirfen, daB Sie mit Cal- 
deron nicht mehr als den puren Stoff der Sage teilen und tei- 
len wollten. Und darum schiene ein Wort des Vergleiches mir 
wenig angebracht. Wohl aber darf ich Ihnen vielleicht sagen, 
daB ich mir Calderons in diesem wie fast in jedem Drama 
hochst merkwiirdiges und philosophisches Vorgehen verdeut- 
lichte: er kristallisiert, fast im Sinne der Moralitaten, das 
Tiefste als Formel; die wendet er hin und her und in dem 
facettierten Inbegriff reflektiert sich bedeutsam ein sehr un- 
bekummert, leicht und fliichtig aufgebautes Spiel. Mit einem 
Wort: Calderon entnimmt dem Stoff nichts als die Formel 
seines Titels, diese freilich philosophischer gehandhabt, als 
man es ohne ihn je denken konnte, aber dem Dramatischen 
des Stoffes konnte sein Drama so wenig entsprechen, wie 
irgend ein „Schauspiel" dies vermochte. Es ist der Stoff eines 
„Trauerspiels" und der Sigismund Ihres Dramas ist „Crea- 
tur" in weit radikalerem Sinne als Calderons „H6fling des 
Berges", ja als nur einer unter den Helden der barocken 
Dramatik, die ich zu nennen wiiBte. Irre ich, wenn ich in ihm 
das in die niichterne Mitte derTrauerspielbuhnegeriickt sehe, 
was bei Shakespeare als Caliban, Ariel, Tiermensch und 
Elementargeist aller Art den farbigen Rand der komischen 
ausmachte? Denn eben von hier aus lost es mir sich auf, wie 
der Kinderkonig am SchluB diesem Prinzen entgegenkommt. 
Die Kindlichkeit ist es ja, was die junge Menschenkreatur 
von der Tiergeburt unterscheidet und deren Schutz ist Sigis- 
mund verweigert worden. In ihm wachst nun das Kindsein, 

386 



aber innerlich, aber riesengroB, aber verhangnisvoll ; weil 
ihm das rettendeMaB, das imUmgang mitEltern liegt, fehlt. 
Er wird dergestalt Richter von unbestechlicher, furchtein- 
floBender Reinheit. DaB er mit Frauen nichts zu s chaff en 
haben kann, ist uberdeutlich. Aber gewiB ist auch, wie zuletzt 
die dumpf en Geister der fruhen Jahre im Turme dieses riesen- 
hafte Kind stiirzen mussen. Sein Ringen um die Sprache ist 
davon ein Vorspiel. Hochst beachtenswert erschienen mir alle 
dramatischen Hinweise hierauf ; ich erkannte ein Grundmotiv 
der Trauerspieldichtung nicht nur unvergleichlich entschieden 
sondern erstmalig an diesen Stellen schauspielerisch greifbar 
erklart. Und eben dahingehortfiir mich auch die Behandlung 
der Orgel in der machtigen Szene des dritten Aktes; wie denn 
im Trauerspiele immer die Musik den Klageton der Men- 
schenstimme, befreit von den Bedeutungen und den Voka- 
beln, singend ausschwingt. So behalt auch hier Musik in den 
Posaunenklangen das letzte „Wort". Unterliegen muB ja der 
Prinz. Ist es im Grund nicht nur die wiederkehrende Gewalt 
der toten Dinge, des Schweins, mit dem er eines zu werden 
fiirchtete, der er unterliegt? In der Beschworung, welche da 
zumeist in Trauerspielen nichts als Intermezzo ist, vernichtet 
dieses Kind, das sie auf Kinderweise als sein letztes Mittel 
handhabt, sich selbst. Die Geister, die dem Trauerspiele obli- 
gat sind, verbinden hier sich innigst mit der Kreatur. 

Es ware mir empfindlich, wenn mit diesen wenigen Wor- 
ten ich etwas Fremdes Ihnen vorgetragen haben sollte, wenn 
die Gedanken meines neuen Buches darin dem Geiste Ihres 
Werkes unziemlich begegnet waren. Ich hoffe, dem ist nicht 
so und diese Gedanken werden Sie nicht hindern, bei geleg- 
ner Zeit einen Blick in das Manuscript zu werfen, das Ihnen 
mit gleicher Post zugeht. Ich wurde Sie mit einem Schreib- 
maschinenexemplar nicht behelligen, wenn ich schon ent- 
schieden Aussicht auf die Drucklegung hiitte. Die Technik 
der gehauften Zitationen bedarf vielleicht einer Erklarung; 
aber ich mochte mich hier auf den Hinweis beschranken, daB 
die akademische Intention der Arbeit nichts als ein AnlaB, 
und zwar als ein ironisch aufgenommener dieser Schreibart 
mir gewesen ist. Das Manuscript steht zu Ihrer Verfiigung 

387 



so lange als Sie es wiinschen sollten. DaB ich mit seiner Uber- 
sendung nicht den mindesten Anspruch auf Ihre Zeit erheben 
kann, ist mir, wie Sie mir glauben werden, selbstverstandlich 
bewuBt. 

Vor allem andern aber habe ich nun, hochverehrter Herr 
von Hofmannsthal, den warmsten Dank Ihnen abzustatten 
fiir die Giite, mit welcher Sie auch auf Reisen meiner gedacht 
haben. Durch eine Freundin, Frau Helen Hessel 1 , welche in 
Paris sich aufhielt, wurde mir bekannt, daB Sie es sind, dem 
ich die Betrauung mit einer Ubersetzung der Anabase von 
St. -J. Perse zu danken habe. Ich bin zur Zeit an dieser Auf- 
gabe und versichere Sie, daB ich mein bestes tun werde, Ihrer 
pariser Empfehlung Ehre zu machen. Und Ihre Wirksamkeit 
war urn so providentieller, als gerade in jene Tage das Ende 
eines angenehmen aber sehr kurzfristigen Verhaltnisses zu 
einem jungen Verlag fiel, den Schwierigkeiten zur Liquida- 
tion zwangen. 

Eine etwas andere Bewandtnis als mit der Trauerspiel- 
arbeit hat es mit dem kleinen Aphorismen- Manuscript, das 
ihr beiliegen oder folgen wird. Hier wiire ich Ihnen fiir eine 
freundliche Durchsicht unter dem Gesichtspunkt verbunden, 
ob Sie wohl mit dem einen oder andern eine leere Seite der 
„Beitrage" Ihrem Sinne gemaB ausfiillen mogen. Ich weiB, 
daB auch Personliches unter den Sachen ist, dem eine solche 
Publikation ein anspruchsvolles Gesicht gabe. Ohnehin bitte 
ich Sie, das nur als eine Anfrage in aller Bescheidenheit zu 
nehmen. Den AnlaB zu ihr gab mir ein freundlicher Besuch 
von Herrn Dr. Wiegand in Frankfurt. Selten war es mir er- 
laubt iiber literarische und publizistische Fragen mit einem 
gleich vornehmen und weitblickenden Manne zu reden. Wir 
kamen auf die Beitriige zu sprechen und Herr Wiegand sprach 
von Ihrem bleibenden redaktionellen Interesse an meinen 
Arbeiten. Auch dafur mochte ich Ihnen danken. 

Vor einiger Zeit trat ich mit einem Vorschlage an Herrn 
Dr. Wiegand heran, auf den gerade heute friih seine Antwort 
eintraf. Es handelt sich um die deutschen Sagen. Sie beschaf- 
tigen mich jetzt mehrfach. Mein Ausgangspunkt sind eine 
Reihe von Fragen, deren Abhandlung in einer Arbeit iiber 

388 



Goethes „Neue Melusine" sich zu vereinigen bestimmt ist. 
Diese Arbeit, die ich seit Jahren schon plane, soil nicht, wie 
die Wahlverwandtschaftenstudie das literarische Thema gegen 
den Hintergrund von Goethes Gestalt stellen, vielmehr im 
Zusammenhange des Volksmarchens diesem Kunstmarchen 
zu erhohter Sichtbarkeit verhelfen. Dabei habe ieh ganz 
besonders der Marchenform nachzugehen. Denn mir stent 
eine Bestimmung des Marchens vor Augen, die aus den 
Daten seiner Form sehr Wesentliches abnimmt. Und hier ist 
der Vergleich mit Sagen aufierst nahgelegen. Der — von den 
March en mannichfach verschiedene — Sagenstil, seine „epi- 
sche Lauterkeit", um mit Grimm zu reden, stand mir als ein 
hochstes und viel zu wenig geschatztes Besitztum der deut- 
schen Sprache vor Augen, als ich Herrn Wiegand brieflich 
den Vorschlag einer Sammlung machte, die unter diesem Ge- 
sichtspunkt eine Anzahl von Sagen als Dokumente einer voll- 
kommenen und eigengesetzlichen Prosa zu vereinigen hatte. 
Ich denke daran, daB gerade kiirzere, unscheinbare Stiicke 
- etymologische Sagen oder gewisse wie scheu und fliichtig 
hin geraunte Geistersagen erst in solchem Zusammenhange, 
den eine Nachrede gegebenenfalls rechtfertigen konnte, zu 
ihrer hochsten Ehre kamen. Herr Wiegand erfreute mich 
durch die Mitteilung, daB er in dieser Sache mit mir zu spre- 
chen vorhat. Ich hoffe ihn, sei es hier, sei es in Frankfurt zu 
sehen. Ende des Monats namlich werde ich moglicherweise 
ein weiteres Mai nach Frankfurt fahren. Die Entscheidung 
iiber meine akademischen Plane und damit einen, wie auch 
immer briichigen, Rahmen fur die nachste Zukunft ist dann 
fallig. 

Zulange schon habe ich mit diesen Berichten von mir Sie 
aufgehalten. Dagegen darf ich wohl noch hinzufiigen, daB 
Rangs NachlaB zur Zeit in GieBen liegt, wo ein Anglist sich 
des Shakespeare- Werkes annehmen wird 2 . - Ich bitte Sie, die 
Ausdehnung dieses Briefes meiner GewiBheit Ihres freund- 
lichen und giitigen Anteils an meinem Tun zuzurechnen. 

Mit der Versicherung meines bleibenden Dankes bin ich 
Ihr sehr ergebner 

Walter Benjamin 

389 



1 Bekannt unter dem Schriftstellernamen Helen Grund; Gattin von 
Franz Hessel. 

2 Theodor Spira, damals Privatdozent in GieBen. 



144 An Rainer Maria Mike 

Berlin, 3. Juli 1925 

Hochverehrter Herr Rilke! 

Fur die freundliche Zuversicht, aus der Sie mit der Uber- 
setzung der „Anabase tl1 mich haben betrauen wollen, sage 
ich Ihnen von Herzen Dank. Ich habe, ehe ich mit der eigent- 
lichen Arbeit begann, das Buch wieder und wieder gelesen 
und bin nun mit dem Werke nah vertraut. Beifolgend erhal- 
ten Sie sieben Kapitel. Frau Hessel und neuerdings Herr von 
Miinchhausen 2 versicherten mich Ihrer freundlichen Bereit- 
schaft, mit Rat in Schwierigkeiten mich zu unterstiitzen. An 
solchen Schwierigkeiten fehlt es nicht. Wenn ich nur einige 
wenige Stellen am Rande fragend bezeichnet habe, so geschah 
es in dem Sinne der Bitte : iiberall dort, wo Ihnen Anstofiiges 
begegnen sollte, mir giitigst einen Hinweis am Rande geben 
zu wollen. Es gibt auch abgesehen von den vier bezeichneten 
Stellen Manches, was mir nur provisorisch ausgedriickt zu 
sein scheint. An solchen Stellen ist die richtige Losung viel- 
leicht nur dem moglich, der mit den letzten Intentionen des 
Autors vertraut und dadurch vor Gewaltsamkeiten bewahrt ist. 
Im iibrigen hoffe ich, daB Treue und Studium mich vor emp- 
findlichen MiBgriffen im ganzen geschiitzt haben. Die Atmo- 
sphare der — im weiteren Sinne gesprochen — das Werk ent- 
stammt, habe ich im Laufe der Wochen mir deutlich werden 
lassen. Insbesondere hat mich im Surrealisme (einige seiner 
Intentionen sind ja wohl auch bei St. Perse unverkennbar) 
ergriffen, wie die Sprache erobernd, befehlshaberisch und 
gesetzgebend ins Traumbereich einriickt. Der[n] raschere[n] 
Atem dieser prosodischen Aktion habe ich vor allem im 
Deutschen f estzuhalten gesucht. 

590 



Ich bin sehr gliicklich, an einem kleinen Teile, dank Ihrer 
Giite, an der Verbindung deutschen und franzosischen Schrift- 
tums wirken zu diirfen. Der Weg der Ubersetzung, zumal der 
eines so sproden Werkes, ist zu diesem Ziele gewiB einer der 
schwersten, eben darum aber auch wohl weit rechtmaBiger, 
als etwa jener der Reportage. 

Meine letzte erschienene Arbeit iiber Goethes Wahlver- 
wandtschaften erlaube ich, zum Zeichen meiner dankbaren 
Ergebenheit, mir, Ihnen mit der nachsten Post zugehen zu 
lassen. 

Fur jedes Wort, das Sie zur Berichtigung meines Textes 
mir zukommen lassen werden, versichere ich Sie im Voraus 
genauer Aufmerksamkeit und aufrichtigen Dankes. 

Mit dem Ausdruck der vorziiglichsten Hochachtung und 
den ergebensten Empfehlungen 

Ihr sehr ergebener Walter Benjamin 

1 Rilke war urspriinglich als Ubersetzer vorgesehen. B. trat auf Vor- 
schlag Hofmannsthals an seine Stelle. Die von B. in Gemeinschaft mit 
Bernhard Groethuysen iibertragene Ausgabe war fiir 1929 angekiin- 
digt, Hofmannsthal hatte eine Vorrede verf a!3t ; das Erscneinen unter- 
blieb dann, wahrscheinlich auf Wunsch des Autors, der auch erst 1945 
eine franzdsische Neuausgabe des Poems erlaubte. Die Ubertragung 
erschien 1950 in einer als „durchgesehene und iiberarbeitet von Her- 
bert Steiner" bezeichneten Fassung in: Das Lot, Heft 4, Berlin, Okto- 
ber 1950. 

2 Than km ar Preiherr von Miinchhausen; ein Freund Rilkes. 



145 An Gerhard, Scholem 

Berlin, 21. Juli 1925 

Lieber Gerhard, 

es hat diesmal unmenschlich lange bis zum Schreiben gedau- 
ert. Dein Brief vom Juni mit hochst dankbar empfangenen 
Bemerkungen iiber die Lage im Lande und den Stand Deiner 
Arbeit ist lange unbeantwortet geblieben. Es wollte zu keiner 
Klarheit iiber die schwebenden Angelegenheiten kommen und 

391 



daher vertagte ich Berichte an Dich. Nun ist das soweit: ich 
hoffe, Du bist indessen nicht bose geworden und einige Aus- 
fiihrlichkeit wird Dich entschadigen. Zu dieser kann ich im 
ersten Punkte, dem Abbruch meiner frankfurter Vorhaben, 
mich allerdings nicht entschlieBen. Es war alles soweit, daB 
Anfang Juli meine vierte oder fiinfte Reise dorthin hatte von 
statten gehen sollen, als durch meine Schwiegereltern ein Brief 
des Romanisten [Matthias] Friedwagner mich erreichte, der 
nach Wien die ganzliche Aussichtslosigkeit meiner Schritte 
meldete. Die Freundschaft fiir meinen Schwiegervater hatte 
ihn zu sondieren veranlaBt und da stellte sich denn heraus, daB 
die beiden alten Kraxen Cornelius und Kautzsch l , der erstere 
vielleicht wohl- der zweite eher iibelwollend von der Arbeit 
denn doch garnichts verstehen wbllten. Alsbald wandte ich 
mich an Salomon urn genauere Auskunft. Dieser konnte auch 
nichts ermitteln, als daB allgemein man zur schleunigsten 
Riicknahme des Gesuches riete, um die offizielle Zuriick- 
weisung mir zu ersparen. l?reilich hatte Schultz (als Dekan) 
mir die Versicherung erteilt, solche in jedem Falle mir erspa- 
ren zu wollen. ErlieB nichts von sich horen. Zuder Annahme, 
daB er hochst illoyal vorging habe ich triftige Griinde. Alles 
in allem bin ich froh. Die altfrankische Postreise uber die 
Stationen der hiesigen Universitat ist nicht mein Weg, - 
Frankfurt nach dem Tode von Rang geradezu die bitterste 
Wuste. Indessen habe ich doch das Ansuchen nicht zunick- 
gezogen, da ich willens bin, der Fakultat das ganze Risiko 
einer negativen Entscheidung zu iiberlassen. Wie die Dinge 
weiter verlaufen sollen, ist ganz dunkel. Naturlich ist eine 
Revision zum Bessern wohl ganzlich ausgeschlossen, trotzdem 
Literaturgeschichte infolge einiger neuer Veranderungen im 
Lehrkbrper zur Zeit sehr schwach besetzt ist. Auch ware fiir 
mich das erste in solchem Falle, daB ich im Winter mich be- 
urlauben lieBe. - Soviel liber das letzte Stadium dieser Unter- 
nehmung. Mit der Weigerung meiner Eltern im Falle einer 
Habilitierung mich aufzubessern, der Wendung zum politi- 
schen Denken, dem Tode von Rang ist im vergangenen Jahre 
eine Voraussetzung nach der andern fiir diese Unternehmung 
dahingef alien. Das kann nichts daran andern, daB eine derart 

392 



schnode Spielerei mit meinen Bemiihungen und Leistungen 
im Falle ich noch heute an dem Projekt hinge mich bis aufs 
auBerste reizen und erbittern wiirde. Es ist recht beispiellos, 
daB eine Arbeit wie die meinige in Auftrag gegeben und 
sodann dergestalt ignoriert wird. Denn - soviel erinnere ich 
aus dem vorletzten Stadium des Verlaufes, iiber den ich doch 
wohl an Dich berichtet habe — es war schlieBlich Schultz, der 
vor der Fakultat sich meiner Habilitation fur „Literatur- 
geschichte" widersetzte und diese dadurch auf den gegen- 
wartigen Stand hinausfiihrte. Unter diesen Umstanden ist 
mir ein wissenschaftliches Gutachten, wie es mir kiirzlich 
zukam, doppelt wertvoll. Hofmannsthal besitzt einen Abzug 
meiner Arbeit und hat ihn dem Professor der Germanistik in 
Wien, [Walther] B recht, mitgeteilt. Dem Lehrer eines gewis- 
sen Cysarz, der mein unmittelbarer, gelegentlich sichtlich 
befehdeter Vorganger auf diesem Gebiet der Literatur- 
geschichte ist. Brecht habe nun die Arbeit mit hdchstem Bei- 
fall aufgenommen und sei bereit, mit seinem Gutachten bei 
jedem Verleger fiir sie einzutreten. Zu dem gleichen erbietet 
in diesem sehr hilfsbereiten und positiven Briefe sich Hof- 
mannsthal. Vielleicht sende ich Dir dessen Kopie bei Ge- 
legenheit ein. Er spricht davon, im Tiefsten seiner eigenen 
Versuche von meinen Deduktionen betroffen zu sein, sagt 
sehr viel Schones und Freundliches, nennt das Buch „in 
vielen Abschnitten vollig meisterhaf t" . Ich bin sehr unge- 
duldig es in Deinen Handen zu wissen und zu horen, ob Du 
damit etwas anfangen kannst. 

Inzwischen ist nicht viel geschafft worden und soweit ich 
meine Zeit an Lettern gewendet habe, geschah es lesend. Vor 
allem nahm ich mir Neuestes aus Frankreich vor: Die herr- 
lichen Schriften von Paul Valery (Variete, Eupalinos) einer- 
seits, die fragwiirdigen Bucher der Surrealisten auf der 
andern. Vor diesen Dokumenten muB ich allmahlich mich 
mit der Technik des Kritisierens vertraut machen. Bei einer 
neuen literarischen Revue, die im Herbst erscheinen soil - ich 
denke, dariiber habe ich schon an Dich berichtet — habe ich 
Mitarbeit aller Art, insbesondere ein standiges Referat iiber 
neue franzosische Kunsttheorie ubernommen. Ebendort wer- 



393 



den die besten Stucke des Bibliothekskataloges von Muri, in 
kurzen Rezensionen prasentiert werden. Diese und andere 
Allotria wirst Du seinerzeit erhalten. Fur heute einen Aus- 
schnitt aus dem „Berliner Tageblatt". Durch die Druck- 
anordnung kommen die Thesen 2 urn ein gutes Teil ihrer 
Schlagkraft. Denn gemeint sind sie als zwei einander gegen- 
uberstehende Kolonnen, deren einzelne Glieder zwar in ihrer 
Entsprechung, die jedoch — zumal die zweite - auch als 
Ganzes heruntergelesen sein wollen. Das beste an der Sache 
ist, daft ich Dir diesen Wisch noch nicht dedizieren kann. 
Vielmehr muB ich ihn zuriickerbitten, weil die „ Thesen" nur 
in der ExpreB-Ausgabe des „Tageblatts" erschienen, von der, 
als ich eine Woche nach dem Erscheinungstermin von der 
Drucklegung unterrichtet wurde, nur mehr ein paar Stucke 
in Berlin aufzutreiben waren. In der Art dieser Thesen ist 
fur ein kiinftiges Aphorismenbuch einiges aufgezeichnet 
worden. Die Vorbereitung des Marchenbuches aber ist noch 
nicht weit gediehen. „Neapel" ist noch immer nicht in der 
frankfurter Zeitung" erschienen. Eine andre kleine Sache, 
eine Lappalie, wurde kurzlich dort angenommen 3 . Die Vor- 
bereitung des Marchenbuches uberschneidet sich mit einem 
anderen Plane, dessen problematische Ausfiihrung ich dispo- 
niere. Ich habe eine Anthologie von Sagen, deutschen Sagen, 
im Sinne, Grundlage sind zwei Gesichtspunkte : 1) die jeweils 
lakonischste Fassung eines Motivs, verbunden mit den wich- 
tigsteri Varianten sprachlicher Art. Mir liegt dabei das Ge- 
heimnis der S&genformeln im Sinne und auf wie verschiedene 
und bedeutende Art die Sagen anzudeuten verstehen. 2) eine 
Auslese von, unbeschadet ihrer Echtheit, exzentrischen und 
entlegeneren Motiven. Kurz es handelt sich um einen Ver- 
such, ausgehend vom sprachlichen Wesen der Sage, zum 
ersten Male seit Grimm (soviel ich weiB) an den ganzen 
Komplex ungehemmt durch lokale oder historische Ein- 
schrankungen heranzutreten und Funken aus den vielenStei- 
nen zu schlagen, die nach Grimm noch aus dem Sagenberge 
herausgebrochenwurden. Anordnung undKiirze mussenhier, 
wie mir scheint, Wunder wirken und auch sachlich zwingende 
Hinweise fur die Deutung geben. Doch weniger diese als 

394 



einen Versuch iiber die Prosa der Sage wiirde ich einem von 
mir zu schreibenden Nachwort vorbehalten. Ich weiB noch 
nicht, ob das zustande kommt. — Marcel Proust wirst Du dem 
Namen nach kennen. Dieser Tage habe ich iiber die Uber- 
setzung des Hauptwerkes aus seinem groBen Romancyclus 
„A la recherche du temps perdu" abgeschlosseru Es ist das 
dreibandige Werk „Sodome et Gomorrhe" das ich zu iiber- 
setzen habe. Die Bezahlung ist keineswegs gut aber doch so 
ertraglich, da!3 ich glaubte die enorme Arbeit auf mich neh- 
men zu miissen. Zudem kann ich mir, wenri die Ubertragung 
gelingt, davon ein festes Akkreditiv als Ubersetzer verspre- 
chen, wie es etwa Stefan Zweig hat. Vielleichthaben wirgele- 
gentlich iiber Proust gesprochen und ich habe beteuert, wie nah 
mir seine philosophische Betrachtungsweise steht. Ich fuhlte 
sehr Verwandtes, sooft ich von seinen Sachen etwas las. Wie 
das nun bei einer intimen Auseinandersetzung sich bewahren 
wird, darauf bin ich gespannt. Balzacs „Ursule Mirouet", die 
ich fur ein Schandgeld seinerzeit fur Rowohlt zu ubertragen 
iibernahm, wird in drei Wochen erscheinen. Die Ubertragung 
des zweiten Teils habe ich, da das Geld nicht die Arbeitszeit 
wert war, weiter abgegeben und nur durchgesehen. Ich 
glaube, Dir schon geschrieben zu haben, daB ich in Rilkes 
Auftrag ein ganz neues Gedicht aus der Schule der surrealistes 
iibersetzt habe: „Anabase" von St. -J. Perse (das ist ein Pseu- 
donym — wer dahinter steht, weiB ich nicht.) Proben der 
Ubersetzung habe ich nach Paris abgesandt. — Kurzlich hat 
die Bremer Presse sich zum zweiten Male an mich mit dem 
Gesuch gewandt, eine Ausgabe von Wilhelm von Humboldt 
in Auswahl fur sie zu ubernehmen. Aus vielen Grvinden habe 
ich das zweite Anerbieten angenommen, wahrend ich das 
erste abgelehnthatte. Naheres steht noch nicht fest: ich werde 
wohl demnachst mit dem Direktor der Bremer Presse zusam- 
menkommen und iiber das Ganze beraten. Vielleicht kannst 
Du mir einige wertvolle Hinweise zu Humboldt geben — Du 
hast ihn doch wohl teilweise studiert. Mir war es sehr an- 
genehm, in diesem Anerbieten mich Spranger, Litt und 
anderen Universitatslehrern, die dafiir sonst ins Auge gefaBt 
waren, vorgezogen zu sehen. 

395 



Auf literarische Einkiinfte grtindet sich meine Hoffnung, 
in kurzem eine groBe Reise antreten zu konnen. Ich plane 
von Hamburg mit einem Frachtdampfer iiber Spanien und 
Italien nach Sizilien zu gehen. Der Dampfer lauft alle 
groBen spanischen Hafen, wenn auch wohl zumeist nur auf 
Stunden an. Man soil hier verhaltnismaBig billig reisen und 
ich hoffe so meinen heiBen Wunsch zu erfullen auch diesen 
Sommer wieder die August- und Septembersonne im siid- 
lichsten Europa iiber mir brennen zu fiihlen. Vermutlich 
werde ich allein sein. - Bloch ist in Erbschaftsangelegenhei- 
ten in Riga. — Gutkinds sind im August in Holland eingela- 
den. Ich habe sie in letzter Zeit wenig gesehen, fahre aber 
demnachst wieder hinaus. - An Kraft habe ich in der Tat 
nicht geschrieben. Es schien mir damals, von Italien aus wohl 
denkbar wieder einmal mit ihm zusammenzukommen. Und 
denkbar ist es mir in dem Sinne auch heute noch, daB ich 
gegen die Gelegenheit, die uns zusammenfuhrte, gar nichts 
einzuwenden hatte. Diese Gelegenheit aber zu machen bin 
ich auBer stande. 

Hast Du „Geschichte und KlassenbewuBtsein" von Luka.cs 
eigentlich gelesen? Und ist jene „Erledigung" 4 des Buches 
durch Deborin oder wen sonst auch in deutscher oder einer 
andern Sprache als der russischen zuganglich 5 . Sie wiirde 
mich aufs hbchste interessieren. Vielleicht kannst Du mir die 
bibliographischen Daten geben. 

Ernst Schoen hat sich seinerzeit sehr iiber Deinen GruB 
gefreut. Er ist noch in Frankfurt, strebt aber nach Kraften 
von dort hierher zu gelangen. - Warest Du iibrigens zwblf 
Jahre j linger und noch im Bliitestadium Deiner historischen 
Studien, so wiirde ich Dir von Werner Hegemann: Fridericus 
empfehlen. Es ist mir kiirzlich zugesandt word en und enthalt 
den radikalsten Versuch, die „GrbBe" dieses Monarch en zu 
erledigen, den man denken kann. Dabei ist es ganz vorziiglich 
geschrieben und es macht einen hochst verlaBlichen Ein- 
druck. Die Form hat es allerdings: eines ungeschlachten 
Dialoges, der sich iiber 500 Seiten hinzieht, aber selbst das 
hat Haltung und erinnert an die philosophischen Gesprache 
der Englander (Hobbes: Leviathan). Sonst findet dies oder 

396 



das sich in der Bibliothek ein — wiewohl ich wirklich seit 
einem Jahr so gut wie nichts mehr kaufe, da mir andere Ver- 
wendungen meiner Mittel gebieterisch vor Augen stehen. 
Mein Bruder schenkte mir den ersten deutschen Auswahlband 
von Lenins Schriften. Den zweiten, der die philosophischen 
Schriften enthalten wird und in Kiirze erscheint, erwarte ich 
sehr ungeduldig. Einige nachgelassne Sachen von Kafka lieB 
ich mir zur Rezension geben 6 . Seine kurze Geschichte „Vor 
dem Gesetz" gilt mir heute wie vor zehn Jahren fur eine der 
besten, die es im Deutschen gibt. Sodann habe ich die samt- 
lichen Schriften von Poe, deutsch, erhalten. Neben den Schre- 
ber und jenes Tabellenbuch das wir in Miinchen erstanden, 
tritt dieser Tage in meine Bibliothek ein neues paranoisches 
Welt- und Staatssystem : Ganz-Erden- Universal- Staat. Eine 
Schrift, die sich sehen lassen kann 7 . 

Auf Deine eigenen Schriften warte ich gespannt. DaB ein 
Verleger fiir die „physiognomischen Traditionen der Kab- 
bala" schwer zu finden sein sollte, erscheint mir ganz unglaub- 
lich. Ich will sagen: unglaubhaft. — Stehst Du mit [Moses] 
Marx — und er mit dem Euphorion-Verlag — nicht mehr in 
Verbindung? Naturlich habe ich vom jiidischen Verlagswesen 
keine Kenntnis, Aber vielleicht kannst Du ganz einfach an 
die Vereinigung wissenschaftlicher Verleger (W. de Gruyter) 
denken? 8 Sonst: Buber hat zu dem neuen Marcan-Verlag in 
Koln Beziehung. Zum Thema selber interessiert Dich viel- 
leicht eine Arbeit iiber Physiognomik in der altera franzosi- 
schen Literatur, die ich selbst freilich noch nicht las. Sie steht 
im Jahrgang 1911 (Band 29) der von Vollmoller heraus- 
gegebenen „Romanischen Forschungen". 

Schrieb ich Dir, dafi zwei Frankfurter Freunde von Rang 
eine Auswahl seiner Brief e, welche gleichzeitig ein Bild sei- 
nes Lebensganges geben soil, veranstaltenwollen. Nach einem 
Briefe von Frau Rang, der gestern eintraf, scheint diese not- 
wendige und gluckliche Unternehmung freilich weniger ge- 
festigt als ich gehofft hatte. 

Bitte schreibe mir recht bald wieder. Du hast ja nun einen 
recht genauen Uberblick iiber mein Tun (oder — wenn Du 
willst — Nichtstun) erhalten. Was denkt man bei Euch, und 



397 



was denkst Du, iiber den ZionistenkongreB, der bald statt- 
findet? 

Briefe richte bitte hierher. 

Sehr herzliche GriiBe Dein Walter 
PS Ich muB noch erzahlen, daB ich vor zwei Wochen auf 
der StraBe Ernst Lewy begegnete. Wir griiBten uns und er 
sprach mich an. Seine erste Mitteilung an mich war, er sei 
Professor geworden. (Denn seit einiger Zeit ist er in Berlin 
rehabilitiert — aber wohl nur als Titular- Professor). Das 
alles fallt mir eben ein iiber der Lektiire von Humboldts 
sprachphilosophischen Schriften in der von Steinthal kom- 
mentierten Ausgabe. 9 Diese enthalt einen Essay iiber Hum- 
boldts Stil, der vorziiglich ist und zeigt, wo die Affinitat von 
Lewy zu seinem Lieblingsautor liegt. Steinthal schreibt iiber 
Humboldts „Tiefe" mit hervorragendem Freimut. 

1 Rudolf Kautzsch (1868-1945). 

2 „Dreizehn Thesen wider Snobisten". Berliner Tageblatt, 10. Juli 
1925. Jetzt Schriften I, S. 558 f. 

3 Vermutlich „Sammlung von Frankfurter Kinderreimen". Erschienen 
am 15. August 1920. 

4 Scholem hatte den Ausdruck ironisch gebraucht. 

5 A. Deborin, „Lukacs und seine Kritik des Marxismus", erschien 
deutsch in „Arbeiter-Literatur", Heft 10, Wien, Oktober 1924, S. 615 
bis 640. Die Kritik „entlarvte a die „idealistiscben und sogar mystischen 
Tendenzen" des Buches von Lukacs. 

6 Dies ist das erste Zeugnis der Beschaftigung mit Kafka, die W. B. 
bis zum Ende festhielt. 

7 In W. B.s Bibliothek gab es eine kleine Sammlung von Schriften 
Geisteskranker, der er groBe Aufmerksamkeit zuwandte. Schreber: 
gemeint sind die „Denkwiirdigkeiten eines Nervenkranken" von Daniel 
Paul Schreber, Leipzig 1903. 

8 Das Buch blieb ungedruckt, weil Sch. Zweifel an seinen Thesen auf- 
stiegen. 

9 Berlin 1883. 



398 



146 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin, 2. August 1925 

Hochverehrter Herr von Hofmannsthal! 

Als ich mich anschickte heute Ihnen von ganzem Herzen f iir 
den immer erneuten Anteil an meinen Sachen und fur die 
immer gleiche Warme, mit der Sie ihn bekunden, zu danken, 
kam IhrSchreiben vom 31 ten das mich nun noch weiter durch 
Ihre freundliche Absicht, auch diesmal wieder mir die „Bei- 
trage" zu eroffnen tief erfreut und verpflichtet. Sie werden, 
so vertraue ich, es verstehen und keinerlei falschen Nebenton 
darin horen, wenn ich, im Stillen gleichsam, die Hoffnung 
ausspreche, in einer guten Stunde einmal von Mund zu Mund 
meinen Dank nicht nur sondern die Dankbarkeit vor allem 
bekunden zu diirfen, mit der Ihre stete Fiirsorge mich erfiillt 
hat. Denn so darf ich doch geradezu die Anregungen Ihres 
vorletzten Briefes bezeichnen, soweit sie auf meine Frank- 
furter Unternehmung sich beziehen. Uber diese sprach ich 
vor zwei Tagen mit Dr. Wiegand. Sie sind inzwischen zum 
negativen Beschlusse so gut wie gediehen und man tragt mir 
an, freiwillig das Gesuch um Habilitation zuriickzuziehen. 
Blicke ich auf den verschlungnen Gang der Dinge zuriick, so 
habe ich alien Grund der innren und auBren Uberzeugung, 
welche mehr und mehr mir verwehrte, einen Ort fruchtbarer, 
und vor allem, lauterer, Wirkung in der heutigen Universitat 
zu achten, mich zu freuen. Denn wieviel unfruchtbare Ent- 
riistung wieviel Galle wiirde in jedem andern Falle eine Be- 
handlung, wie man sie mir angedeihen lieB, in mir erweckt 
haben. 1st es doch erst auf Grund genauester Fuhlung ge- 
schehen, die ich unter Vorlage zumal des Essays uber die 
Wahlverwandtschaften vor drei Jahren genommen habe, dafi 
ich in Ubereinstimmung mit einem dortigen Universitats- 
lehrer mir vorsetzte, die Arbeit iiber das Trauerspiel zu 
schreiben und vorzulegen. GewiB erscheint es wertvoll, liegt 
es nahe, mit der lebendigen Rede vor Jiingere treten und sie 
gewinnen zu kbnnen: aber der Ort an dem das geschieht und 
die Auslese der Menschen, die er trifft, ist nicht gleichgultig. 

399 



Und so gewiB es auBerhalb der Hochschule heute noch keinen 
gibt, der die Fruchtbarkeit des Wirkens gewahrleistet, so 
gewiB scheint mir, daB die Hochscbule selber mehr und mehr 
die Lauterkeit ihrer Lehrquellen triibt. Gedanken dieser— nur 
angedeuteten — Richtung sind es, die mich verschmerzen 
lassen, daB heute und friiher auch eine Intervention, wie Ihre 
Giite sie vorsah, in Frankfurt nicht zum Ziele mehr gefuhrt 
hatte. Sie deuten, hochverehrter Herr von Hofmannsthal, 
zugleich Ihre Geneigtheit an, einen Verlag fur meine Arbeit 
zu interessieren. Diese liegt zur Zeit noch bei Rowohlt in 
Berlin, an den sie mein Freund Franz Hessel als dortiger 
Lektor empfohlen hatte. Bei der Wahl dieses Verlages spielte 
meinerseits der Gedanke mit, eher einen allgemeiner inter - 
essierten als einen geradezu wissenschaftlichen Verlag im eng- 
ren Sinne zu gewinnen. Denn die „wissenschaftliche" Hal- 
tung im heutigen Sinn ist ja nicht das Hervortretende meines 
Versuches und unter dem Gesichtspunkt als einem geradezu 
wissenschaftlichen Verlage konnte leicht ebendas den Wert 
der Schrift driicken, worin fur mich ihr Interesse liegt. Wie 
dem nun sei — Ihre Zeilen werden mich veranlassen, Sie iiber 
den Ausgang der Verhandlung mit Rowohlt zu unterrichten ; 
von Ihrer eignen Stellung zu meinem Buch ist Rowohlt, wie 
ich weiB, mehrfach unterrichtet. Das Manuscript betreffend, 
so ersuche ich Sie, daniber weiterhin in jedem Ihnen er- 
sprieBlich scheinenden Sinne zu verfiigen. Insbesondere stelle 
ich es auf einige Zeit Herrn Professor Brecht 1 gern zur Ver- 
fiigung. 

Bei seinem Hiersein beriet Dr. Wiegand mit mir die Hum- 
boldt-Auswahl der Bremer Presse. Dankbar und uberzeugt 
werde ich an der Aufgabe mitarbeiten, die Herr Dr. Wiegand 
mit wenigen Worten mir evident machte: die Studenten zum 
Gebrauche der groBen Gesamtausgaben, die heute unsere 
groBen Denker und Schriftsteller nicht erschlieBen sondern 
sekretieren, zu stimmen und vorzubereiten. Die Beschafti- 
gung mit Humboldt fiihrt mich unmittelbar auf meine 
Studentenzeit, wo ich unter Anleitung eines menschlich 
hbchst seltsamen und dem kontemplativen Ingenium des 
spaten Humboldt auf fast groteske Weise kongenialen Man- 

400 



nes die sprachwissenschaftlichen Schriften im Seminar las. 
Ich darf das vielleicht erwahnen, weil der betreffende Ihnen 
moglicherweise bekannt ist (fast mochte ich es fiir sicher 
halten) als Verfasser eines Biichleins iiber „die Sprache des 
alten Goethe". Es ist Ernst Lewy, derzeit Professor fiir 
finnisch-ugrische Sprachen in Berlin. 

Der Gedanke des Sagenbuches muB vorerst noch bei mir 
ausreifen und am Material zureichend entwickelt werden. 
DaB, falls ich mit ihm auf dem richtigen Wege bin, zur 
rechten Zeit ich bei Dr. Wiegand die freundlichste und for- 
derndste Hilfe finden werde, — daran zweifle ich nicht im 
leisesten. Von neuem habe ich bei seinem Hiersein und erst- 
maligen langern Gesprach den Wert des Vertrauens empfun- 
den, zu dem Sie mich ihm gegeniiber einluden, 

Ich finde in Ihrem Schreiben vom Julianfang den Hinweis 
auf eine Sammlung von „traurigen" Puppenspielen aus 
Niederosterreich. Sie nennen Kislick (?) und Winter als Her- 
ausgeber. Leider habe ich hier den Band 2 nicht ermitteln 
konnen. Falls Ihnen genauere Angaben zur Verf iigung stehen, 
so ware ich fiir deren — gelegentliche - Mitteilung Ihnen sehr 
verpflichtet. In einer Berliner Zeitung las ich dieser Tage, 
daB noch heute bauerliche Staatsaktionen von Tiroler Bauern 
fiir ihres gleichen gegeben werden. Der Ausflug des Seminars 
von Prof. [Arthur] Kutscher in Munchen zu einer derartigen 
Vorstellung war beschrieben. 

Ich verbleibe, hochverehrter Herr von Hofrnannsthal, mit 
dankbaren und ergebnen GriiBen 

Ihr Walter Benjamin 

1 Walther Brecht; 1957 vorzeitig aus politischen Griinden pensioniert. 
Freund und Nachlai3verwalter Hofmannsthals. 

2 Deutsche Puppenspiele. Hrsg^. von Richard Kralik und Joseph Win- 
ter. Wien 1885. 



401 



147 An Gerhard Scholem 

Neapel, 21. September 1925 

Lieber Gerhard, 

hier scheint die Regenzeit zu beginnen. Ich bin in ein Cafe 
gefluchtet, wo ich schreibe. Aber das Wetter hat an dem Brief 
keinen Anteil. Er war auch in der heifien Sonne heute — und 
lange genug ■— fallig. Ich muBte ihn von rechtswegen mit 
dem Reisebericht belasten. Meine Karte aus Cordoba oder 
Se villa wirst Du erhalten haben. Dort habe ich [mich] an 
siidspanischer Baukunst, Landschaft und Sitte in den wenigen 
Tagen aus ganzer Kraft vollgesogen. In Sevilla habe ich 
einen gewaltigen Barockmaler gefunden, an dem die Wid- 
mungen der „Fleurs du Mai" nicht voriibergegangen waren, 
wenn Baudelaire ihn gekannt hatte! Juan Valdez Leal 1 , der 
die Kraft von Goya, die Gesinnung von Rops, den Stoff von 
Wiertz hat. Leider vereitelte das heftige Unwohlsein, das 
mich dort in den letzten Stunden des Aufenthalts befiel, daB 
ich mir Abbildungen verschaffte. Wir fuhren dicht an Gibral- 
tar vorbei und sahen Afrika liegen. Nach drei [Tagen] haben 
wir Barcelona, eine wilde Haf enstadt, die auf kleinem Raume 
den Pariser Boulevard mit grofiem Gliick nachbildet, ange- 
laufen. Uberall habe ich Cafes und Volksquartiere in sehr 
versteckten Winkeln zu sehen bekommen, teils indem ich 
mich meinen standhaften Irrgangen iiberlieB, teils in enger 
Fraternitat mit dem Kapitan und den „Of fizieren" . (So heiBen 
bei der Handelsmarine die oberen Chargen). Diese Leute 
waren die einzigen mit denen ich reden konnte. Sie sind 
ungebildet aber nicht ohne Freiheit im Urteil. Und dann 
haben sie — was auf dem Festland so leicht nicht gefunden 
wird - fur den Unterschied von Erzogenen und Unerzogenen 
Sinn. In Neapel wollte der Kapitan mich nicht weglassen und 
ich bilde mir etwas darauf ein, daB der Mann, der naturlich 
keinen Begriff von meiner Schreiberei hat, solche zu erhalten 
begehrte. Erbekommt dieUbersetzung der „UrsuleMirouet", 
die inzwischen wahrend meiner Abwesenheit von Berlin noch 
erschienen sein diirfte. Dann lagen wir in Genua noch und 

402 



in Livorno. Ich fuhr auf einen Tag an die Riviera und ging 
den schonen Uferweg von Rapallo nach Portofino. Es ist mir 
so im Sinn, als ob Du die Gegend kennst. Von Livorno, wo 
wir lange lagen, hatte ich MuBe, nach Pisa und Lucca. Denn 
dortselbst gibt es nichts und der Stadt sieht man ihren Sohar 2 
so wenig an, wie irgend einer Bibliopolis ihre Krone. In 
Lucca empfing am Abend meiner einsamen Ankunft mich 
der denkwiirdigste Jahrmarkt. Er wird registriert und inacht 
statt eines Reise journals Figur, da ich dank Littauers Zusam- 
menbruch diese Reise ohne literarische Verpflichtungen ma- 
chen kann. ImGrunde draut freilich die Proust-Ubersetzung. 
Oder sollte ich Dir nicht geschrieben haben, daB ich die Ver- 
pflichtung sein dreibandiges Werk „Sodome et Gomorrhe" 
zu iibertragen, gegen eine mafiige Gage fiir den nachsten 
Monat iibernommen habe? Ich will diese Arbeit wenn mog- 
lich in Paris absolvieren. Im Oktober - gegen Ende des Mo- 
nats — mochte ich dorthin via Marseille fahren. Es ist eine 
Aufgabe, von deren Vertracktheit mir noch die Begriff e feh- 
len: so muBte es sein, damit ich sie iibernehmen konnte. Die 
undankbarste, die gedacht werden kann, und mit Recht, nach 
dem Widerhall selbst der bestmoglichen Leistung, aber sehr 
fruchtbar moglicherweise fiir mich. Nach Capri soil es dies 
Jahr nur fiir wenige Tage gehen und auch hier will ich nicht 
mehr lange bleiben. Die Stadt hat den ganzen Platz in mei- 
nem Herz, den sie vom vorigen Jahr einnimmt, wieder ganz 
gefiillt. Gestern, an einem heiBen Sonntag, habe ich sie von 
einer neuen Seite her umschritten und umzingelt und ihre 
Topographie ist schon kartographisch ein faszinierendes Stu- 
dium fiir mich. Ubrigens werde ich damit ohne eine Relief - 
karte wohl nicht zu Rande kommen. Ich schlafe in einer 
schnbden aber reinlichen Kammer fiir 10 lire. — Hier auf der 
Post fand ich denn endlich den Druck von „Neapel" vor. Am 
15. August hat ihn die frankfurter Zeitung" gebracht, 
einige Tage vorher eine andere Kleinigkeit von mir. Beides 
kann Dir im Augenblick darum nicht zugehen, weil ich selber 
nur einen Abzug hierherbekam. Spater. — Schreibe mir und 
schreibe mir ein Wort, ob in Wien sich auf dem KongreB 
Wichtiges zutrug. Ich weiB von ihm nichts. Zwei Stunden 

403 



bevor ich zur Bahn ging habe ich in Berlin einen Vertrag mit 
dem Verlage Ernst Rowohlt unterzeichnet. Er garantiert mir 
fur das nachste Jahr ein Fixum und bringt: „Ursprung des 
deutschen Trauerspiels" „Goethes Wahlverwandtschaften" 
„Plaquette fiir Freunde". Das dritte ist ein Aphorismenbiich- 
lein, von dem noch nicht feststeht, ob es seinen geplanten 
Titel. wird wahrmachen konnen. [. . .] Mit welcher Freude 
ich Deinen Mendelssohn 3 und auch den Riviere bekommen 
habe, schrieb ich Dir. Bleibe bitte mit all Deinem Gedruckten 
nicht im Verzug. Was ich hier zu tun habe, ist Kritiken zu 
verfassen. Eine Rezension von Unruhs „Fliigel der Nike" soil 
den Platz, den ich namentlich in der „ Liter arischen Welt" 
behaupten will — vieles bleibt hochst variabel pseudonym 4 - 
abstecken 5 . Diese Rezension mufi einfach formidabel werden. 
Wie denn das Buch der Abhub des deutschen republikani- 
schen Schrifttums ist. — Dein letzter Brief hat die Reise mit- 
gemacht; ich lese ihn nochmals und adoptiere den Begriff der 
„kleineren Unsterblichkeit" - deren Tiir mir, wer weiB? die 
Frankfurter Hausmeister denn doch auch vor der Nase zu- 
geschlagen haben? — mit so hohem Beifall, als meine kleinen 
Thesen gegen die Urmenschen - Neger - Idioten - Kunst 
tiefen MiBfall bei Dir erregt haben. Warum? Da ist - bis auf 
eine hoch- und niedergestapelte These - alles suppenklar. 
Umso vernichtender traf „Mann ohne Schatten". Ich ver- 
spreche die Papiere meines Schattens mit Hin- und Ruck- 
reisevisum in die kleinere Unsterblichkeit bald abzuliefern. 
Denn unter dieser Sonne ist das Wort der groBte Schimpf. 
Und so wirft denn die Morgensonne meines Ruhmes so langen 
Schatten, daB der vor mir in Jeruscholajim ankommt. Quod 
felix faustumque sit! 

Herzlichst Dein Walter 

1 Murillos Nachfolger als President der Akademie von Sevilla (1622 
bis 1690). 

2 W. B. hatte bei Scholem oft eine sechsbandige Ausgabe des „Sohar" 
aus Livorno gesehen. 

3 Die Erstausgabe von Mendelsohns ^Jerusalem". 

4 Er bevorzugte die Pseudonyme A. Ackermann und Anni M. Bie 
(Anagramm!), spater auch E. J. Mabinn. 

5 Erschien in der Nr. 21. Mai 1926. 



404 



148 An Rainer Maria Rilke 

Riga, 9. November 1925 

Hochverehrter Herr Rilke, 

Sie werden es giitig entschuldigen mogen, wenn Sie nicht 
umgehend auf Ihr Telegramm eine Nachricht erhielten; es 
erreichte mich erst auf langen Umwegen in Neapel und in 
die Tage seines Eintreffens fielen die Vorbereitungen zu mei- 
ner zeitweiligen Ubersiedelung hierher. Es hat mich sehr 
dankbar und gliicklich gemacht, dies wertvolle Zeichen Ihres 
Interesses an meiner Ubertragung zu erhalten. Uber das 
Problematische, das ihr an manchen Stellen der Beschaffen- 
heit des Textes und der Schwierigkeit der Entscheidung 
[wegen] eignen muB, bin ich mir im klaren. Ich hege auch 
die Hoffnung, vor der Drucklegung iiber gewisse Einzel- 
heiten noch Belehrung und Beratung zu empfangen, sei es, 
daB mir von Ihnen ein Hinweis kame oder daB auch nur ich 
bei meinem geplanten Aufenthalt in Paris mit Freunden die 
Arbeit durchgehe. Das letztere konnte freilich erst imFebruar 
sein und vielleicht haben Sie die Drucklegung friiher anbe- 
raumt. Es wiirde mich interessieren, zu erfahren ob bereits 
ein Verlagsabkommen besteht und mit wem. Wenn ich Frau 
Hessel recht verstanden habe, so werden Sie der deutschen 
Ausgabe eine Vorrede mitgeben. Die Vorrede von Larbaud 
zur russischen habe ich kiirzlich durch Herrn von Munch - 
hausen erhalten. - Hier beschaftigt mich, wenn ich d[ie]s 
noch hinzufiigen darf — ausschlieBlich die Dhersetzung von 
Sodome et Gomorrhe. Je weiter ich in die Arbeit eingehe, 
desto dankbarer bin ich den Umstanden, die sie mir anver- 
trauten! Der Gewinn einer so eingehenden Beschaftigung mit 
dem groBen Meisterwerk wird mir im Laufe der Zeit sehr 
fiihlbar werden. — Ich erlaube mir schlieBlich die Hoffnung 
auszusprechen, daB Ihr Befinden, hochverehrter Herr Rilke, 
sich gebessert haben mochte und Sie bei Gelegenheit sich mit 
einer Zeile meiner erinnern wollten. 
[SchluB fehlt] 



405 



149 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin, 28. Dezember 1925 

Hochverehrter Herr von Hofmannsthal! 

Ich danke Ihnen herzlich fiir Ihre freundlichen Zeilen aus 
Aussee. Diesmal kann ich nicht unmittelbar auf die darin 
enthaltene Anregung eingehen, meine Gedanken iiber Shake- 
speares Metaphorik Ihnen zu entwickeln. Ich bedaure das 
sehr. Es ist mir, wenn ich eine groBere Arbeit abgeschlossen 
habe, fiir langere Zeit nicht moglich, auf ihren Them en- und 
Gedankenkreis mich zuriickzuwenden und ohne das konnte es 
bei dieser Frage nicht abgehen: aus einem Grunde freilich, 
der nicht danach angetan ist, mein Verschieben zu bescho- 
nigen. Ich bin im Shakespeare nicht eigentlich zu Hause son- 
dern nur in Abstanden, vereinzelt an ihn herangetreten. 
Andererseits habe ich ja im Umgang mit Florens Christian 
Rang gelernt, was es bedeutet, in ih'm heimisch zu sein und 
langst hatte ich ihm das Thema, das Sie beriihren, wenn er 
noch lebte, vorgetragen. Ich weiB nicht, ob auch hier die 
Konfrontation von Shakespeare und Calderon so aufschluB- 
reich ware, wie sie sonst in vieler Hinsicht es ist. Jedenfalls 
hat Calderon eine blendende Metaphorik, die mir von der 
Shakespeares hdchst verschieden scheint: ist dies der Fall, so 
wurden beide sich gewifi als die bedeutsamen polaren Aus- 
pragungen der barocken Bilderrede zu erkennen geben 
(Shakespeares Bild als „Gleichnis und Figur" der Handlung 
und des Menschen, das Calderonsche als romantische Poten- 
zierung des Redens selber). Aber ich muB fiir jetzt damit ab- 
brechen; wenn es zur Ausfiihrung eines alten Planes von mir, 
einen Kommentar zum „ Sturm" zu schreiben, kame, so 
stiinde Ihre Frage, glaube ich, im Brennpunkt der Darstel- 
lung. Zur Zeit achte ich genauer auf die Metaphorik von 
Proust, der — in einer interessanten Kontro verse mit Thibau- 
det iiber den Stil von Flaubert l — die Metapher schlechthin 
fiir das Wesen des Stils erklart. Ich bewundere, wie er den 
vielleicht allgemeinen Brauch der groBen Dichter, die Me- 
tapher dem Naheliegenden und Belanglosen zu entnehmen, 

406 



dem Stande heutiger Dinge iiberraschend anpaBt und einen 
ganzen Komplex ausgeleierter weltlaufiger Verhaltnisse im 
Dienst eines tieferen Ausdrucks gleichsam mobil. macht, in 
die schlaffsten Perzeptionen, indem er sie zum bildlichen 
Ausdruck heranzieht, einen schonen kriegerischen Lakonis- 
raus bringt. Neben der tjbersetzung beschaftigt mich Kriti- 
sches; aber je groBer der Reiz ist, iiber einige aktuelle Gegen- 
stande, besonders Biicher der pariser Surrealisten, mir Rechen- 
schaft zu geben, desto empfindlicher wird die Schwierigkeit 
fiihlbar, ephemere und doch vielleicht nicht oberflachliche 
Uberlegungen irgendwo unterzubringen. Hoffnungen, die ich 
auf das Erscheinen der „Literarischen Welt" in diesem Sinn 
setzte, muB ich ein wenig herabstimmen. - Ich hoffe und 
wiinsche Ihnen, hochverehrter Herr von Hofmannsthal, daB 
Sie bei guter Gesundheit und Arbeitsstimmung ins neue Jahr 
hiniibergehen. Sollte in seinem ersten Drittel, etwa bis Ende 
Marz oder Anfang April, es ein neues Heft der „Beitrage" 
bringen, so wiirde der Abdruck meines Melancholiekapitels 
gewiB ohne Schwierigkeiten (von Rowohlt und von mir) 
immer noch Vorabdruck werden. 2 In jedem Falle stehe ich 
Ihnen jederzeit mit dem genauen Texte von „Melancolei 
redet selber" von Andreas Tscherning (aus dem „Vortrab des 
Sommers deutscherGedichte" Rostock 1655) 3 zur Verf iigung. 
Ich glaube die — auch dichterisch — starksten Stellen aus dem 
hie und da etwas ungefiigen Text herausgehoben zu haben, 
doch bleibt das Ganze immer schon und merkwiirdig. Ein 
Bedenken konnte vielleicht eher darin liegen, daB ein Ab- 
druck in einer wertlosen Anthologie von Barocklyrik, die vor 
einigen Jahren in Berlin herauskam, sich findet. — [Ernst] 
Cassirers Arbeit iiber die „Begriffsform im mythischen Den- 
ken" 4 habe ich vor langerer Zeit mit viel Interesse gelesen. 
Fraglich aber blieb mir, ob der Versuch durchfiihrbar' ist, das 
mythische Denken nicht nur in Begriffen - d. h. kritisch - 
darzustellen, sondern auch durch den Kontrast gegens Be- 
griffliche hinreichend zu erleuchten. 

Mit den besten GriiBen Ihr herzlich ergebener 

Walter Benjamin 



407 



1 In der Nouvelle Revue Francaise, Januar 1920. Vgl. jetzt Marcel 
Proust: Tage des Lesens. Drei Essays. Frankfurt am Main 1965. 

2 Tatsachlich erst im August 1927 in den „Neuen Deutschen Bei- 
tragen" erschienen (2. Folge, 3. Heft, S. 89 fE.); die Bucliausgabe er- 
schien 1928. 

3 Aus dem Gedicht wird wiederholt im Trauerspielbuch zitiert. 

4 Leipzig 1922. 



1 JO An Gerhard Scholem 

Berlin, 14. Januar 1926 

Lieber Gerhard, 

ich hatte langst vor, Dir zu schreiben. Gerade heute kam 
Dein Brief an Dora. Sie wird Dir gewiB selbst antworten. 
DaB er sie sehr erfreut hat darf ich wohl verraten. Damit 
wird ein genauerer Bericht liber Stefan ja wohl auch in ihr 
Schreiben ubergehen. Er lernt zwar, freilich, Hebraisch - 
aber in den fakultativen Stunden wird wohl nicht viel ge- 
schafft und lieb ist ihm nur die biblische Erzahlung, die bei 
einem anderen Lehrer liegt. Bei dieser Gelegenheit wiirde ich 
gern wissen, ob Du ein jiidisches Lesebuch (mit deutschem 
Text) weiBt, das ich mit Stefan vornehmen konnte. Ich lese 
ihm, wenn nicht taglich, so doch jede Woche einige Stunden 
vor und schweife dabei ziellos durch ein Marchenhaus, wie 
unsere Biicher es nahelegen. Statt dessen wiirde ich ihm gern 
jiidische Geschichte oder Geschichten vorlesen, was schlieB- 
lich auch — ungeachtet meiner bevorstehenden Befassung mit 
Marchenfragen - mir selbst besser anschlagen wiirde. Aber 
ich weiB nicht, ob es etwas gibt, was solch unbestimmten 
Zwecken entgegenkommt. Es hat in letzter Zeit, auch fiir 
ihn, Festlichkeiten gehagelt; Chanuka (danach, seitens mei- 
ner Eltern Weihnachten) Doras Geburtstag und er hat mehr 
Geschenke bekommen als sein immer noch dxirftig ausgestat- 
tetes Zimmer fassen kann. Natiirlich hat er schon langst sein 
eigenes: Grete hat ein Zimmer neben der Kiiche, in dem 
friiher mein Bruder wohnte. Dieser wird in einigen Tagen 

408 



ein sympathisches junges Madchen heiraten 1 , eine Freundin 
meiner Schwester, die er zur Kommunistin sich herangebildet 
hat. Es haben also seine christlichen Schwiegereltern in einen 
doppelt bitteren Apfel zu beiBen. 1st iibrigens Dein Bruder 
Werner, wie Du einmal voraussagen zu wollen schienst, aus 
der Partei „entfernt" worden? 2 — Uber die „opinions et 
pensees" meines Sohnes habe ich seit seiner Geburt ein Biich- 
lein gefuhrt, das zwar — infolge meiner vielen Abwesenheiten 
nicht gerade umfangreich ist, aber doch einige Dutzende 
seltsamer Worter und Redensarten auffiihrt. Ich trage mich 
mit der Absicht, es in die Schreibmaschine zu geben und 
eines der wenigen Exemplare ware Dir dann sicher. Ernst 
Schoen, der Weihnachten in Berlin war, hub an und begann 
groBe Dinge von ihm zu prophezeien. Zu Chanuka wurde 
iibrigens mein altes Puppentheater hervorgeholt und ihm 
sowie einer befreundeten Kinderelite eine erstaunliche Feerie 
von Raimund zu vollendeter Darstellung gebracht. Wir wa- 
ren drei Mann hoch hinter der Biihne beschaftigt. 

In letzter Zeit ist kaum etwas von mir erschienen, es sei 
denn im „Querschnitt" ein Aufsatz iiber Revue und Theater 
von einem Bekannten, dem Regisseur Bernhard Reich und 
mir gemeinsam verfaBt 3 . Ich sende Dir nachstens ein Kon- 
voliitchen solcher kleinen Sachen aus der letzten Zeit. Fur 
das Barockbuch und die Wahlverwandtschaftenarbeit werden 
die Druckproben gemacht. Ich habe in letzter Zeit siindhaft 
viel gelesen und nicht einmal am Proust iibersetzt. Dafiir 
kann ich nun sagen, daB ich in den neuen franzosischen An- 
gelegenheiten au fait bin: bleibt nur, diese fadenscheinige 
Tatsache in einen soliden Zusammenhang zu verweben. Sonst 
las ich Trotzki: Wohin treibt England? — ein sehr gutes 
Buch, Sodome et Gomorrhe — endlich zu Ende, und allerdings 
einen auf den Schreibtisch geschneiten Walzer C. A. Bernoulli : 
J. J. Bachofen und das Natursymbol. Das geht mich — mdr- 
chenhafter Weise — naher an. Die Auseinandersetzung mit 
Bachofen und Klages ist unumganglich - freilich spricht vie- 
les dafiir, daB sie ganzlich stringent nur aus der judischen 
Theologie zu fuhren ist, in welcher Gegend denn also diese 
bedeutenden Forscher nicht umsonst den Erbfeind wittern. 



409 



Dieser Bernoulli, der sein Talent zur gelehrten Kolportage 
schon im Nietzsche-Overbeck-Buch erwiesen hat, hat nichts 
gelernt und nichts vergessen. Lehrreich ist der Walzer doch 
und das „Europa-Institut" (?) der Universitat Jerusalem 
miiBte ihn sich zulegen. A Propos: so beginne und spare im 
Katalog eine scheme weiBe Seite unter B fur mich aus. [. . .] 
Vom neuen Schicksal [Robert] Eislers wirst Du— wahrschein- 
lich besser als ich — informiert sein. Das „Institut de Coope- 
ration intellectuelle" 4 (oder wie es heifit) hat neben Schulze- 
Gavernitz ihn als Vertreter von Deutschland 5 berufen. Und 
was die deutschen Gelehrten dazu sagen, wirst Du Dir aus- 
malen konnen. Jedenfalls sitzt er in Paris und wenn ich Ende 
Februar (wie ich es plane) dorthin komme, so werde ich ihn 
auf suchen. 

Nun sehe ich Deinen Brief durch und stelle ich fest, daB 
ich Dir - in puncto Eisler zumindest - olle Kamellen mitteile, 
dagegen so und so viele Fragen unbeantwortet lieB. Also: 
Stefan geht in die gewohnliche Schule - nicht in die jiidische. 
Um Emil Cohn handelt es sich bei seinem Religionsunterricht 
offenbar nicht. [Heinz] Pflaums Proust-Theorie kann ich so 
per Distanz nicht agreieren: mir schien durchaus viel strenge 
franzosische Schulphilosophie, der besten Tradition, von 
Cartesius zu den Sensualisten, in seinen Buchern erkennbar. 
Im ubrigen ist das ein zu verschranktes Thema fur schrift- 
liche Verstandigung. Es gibt in diesen Buchern uberaus 
bedeutende Sichten und Satze, das ganze wird vielleicht pro- 
blematischer je genauer man sich damit befaBt. Wie, im 
ubrigen, geht es Pflaum? 6 Wenn Du meine Proust-tJber- 
setzung liest, so wirst Du vielleicht nicht weit kommen. Es 
miiBte schon seltsam zugehn, wenn sie lesbar wird. Die Sache 
ist grenzenlos schwierig und Zeit kann ich ihr aus vielen 
Griinden, vor allem der knappen Bezahlung wegen, nur sehr 
gemessen zur Verfiigung stellen. Notizen iiber ihn „En tra- 
duisant Marcel Proust" will ich mal in der „Literarischen 
Welt" veroffentlichen. — Ich hatte mich gefreut, Dir einen 
Prospekt von der „Wirklichkeit der Hebraer" 7 beizulegen. 
Aber ich kame post festum. Lesen werde ich die Sache. Und 
ich bitte Dich recht dringend, die Grundgedanken Deiner 

410 



Kritik mir zuganglich zu machen. Mir liegt natiirlich sehr 
viel daran. Die Sache wird interessanter sein als Ungers, 
immerhin geistreiches Buch: „Gegen die Kunst" Lpz Meiner 
1925. Desgleichenbin ich auf die Verlautbarungen im Alters- 
stil, wie Deine Antrittsvorlesung 8 sie enthalten kann, unge- 
heuer gespannt und ich hoffe, Deine Frau geht bald an die 
TJbersetzung. Von mir zu diesem Unternehmen Gliick- und 
Segenswiinsche. 

Soweit. Ein Bulletin von der Dich so sehr interessierenden 
Geisterschlacht will ich aus diplomatischen Griinden heute 
— da die guten Geister fur einige Zeit durch passive Resistenz 
meinen Orders sich entziehen — nicht abgeben. Bei den herz- 
lichsten GriiBen an Dich und Deine Frau aber haben sie in 
besonderer Sitzung mitzutun sich entschlossen 

Dein Walter 

1 Hilde B., spater als Justizminister der DDR bekannt geworden. 

2 Dies trat ein Jahr spater ein. 

3 Jg. 1925, S. 1039-1043. 

4 Des Volkerbundes. 

5 Es handelte sich urn Osterreich. Der Aufruhr war der gleiche. 

6 Pflaum lebte seit 1925 in Jerusalem. Tiber seine Personlichlceit ver- 
gleiche Scholems Gedenkrede auf ihn in „Romanica et Occidentalia. 
Etudes dedi£es a la memoire de H. Peri (Pflaum)". Jerusalem 1963, 
S.7-11. 

7 Von Oskar Goldberg. 

8 Als Dozent an der Hebraischen Universitat, im Herbst 1925. 



151 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin, 25. Februar 1926 

Hochverehrter Herr von Hofmannsthal, 

Sie haben die groBe Gute gehabt, eine Abschrift des Briefes, 
den Sie an die „Schmiede" x gerichtet haben, mir zuzusenden. 
Haben Sie fur Ihre freundliche Information (die zudem von 
entschiednem Nutzen fiir den Verlag und seine Stellung zur 
Proust- Ubersetzung zu werden verspricht) den herzlichsten 

411 



Dank. Vor mehr als einer Woche legte man mir - nach seiner 
Absendung - eine Copie des an Sie gerichteten Verlagsbriefes 
in der Proust- Angelegenheit vor. Ich habe nicht notig, Ihnen 
zu sagen, daB ichbestiirzt war, und zwar nicht mehr der Sache 
wegen, fur die man Sie da beanspruchte als der Form wegen, 
in der es geschah. Gewisse Stellen legten mir sogar den Ge- 
danken nahe, Ihnen ausdriicklich zu versichern, daB ich dem, 
was da von „Grundsatzen der Ubertragung" vorgebracht 
wurde, ganz fern stehe. Im iibrigen macht das debacle, das der 
Verlag mit diesem untauglichen ersten Ubersetzungsversuche^ 
erlitt 2 , meinen Anteil an der Proust-Ubersetzung noch verant- 
wortungsvoller und prekarer. Ohne auf die Schwierigkeit des 
Ubersetzens im Allgemeinen zu reflektieren — die Grenzen der 
moglichen Leistung (die naturlich bei Sch[ottlaender] iiber- 
haupt nicht gesichtet sind) scheinen mir in diesem Falle be- 
sonders streng dadurch umschrieben, daB die lang ausgehalt- 
nen Proustschen Perioden, die dem Originalwerk ein gut Teil 
seines Charakters durch die Spannung mitteilen, in der sie 
zum franzosischen Sprachgeist uberhaupt stehen, im Deut- 
schen ahnlich beziehungsvoll und iiberraschend nicht wirken 
konnen. Derart daB, was gerade dem deutschen Leser an 
Proust das Wichtigste sein konnte, in dessen Sprache kaum 
zu iibertragen ist. Bleibtfreilich des Wesenhaften noch immer 
die Fiille. Denn es ist ja ein durchaus neues Bild, das er vom 
Leben gibt, indem er den Zeitverlauf zu dessen MaB macht. 
Und die problematischste Seite seines Ingeniums: die ganz- 
liche Elimination des Sittlichen bei hochster Subtilitat in der 
Beobachtung alles Physischen und Spirituellen, ist vielleicht 
— zu einem Teil — als die „Versuchsanordnung" in dem im- 
mensen Laboratorium zu verstehen, wo mit tausend Reflekto- 
ren, konkaven und konvexen Spiegelungen die Zeit zum Ge- 
genstand der Experimente gemacht wird. Ich kann, mitten 
beim Ubersetzen, keine eigentliche Klarung der tiefen und 
zwiespaltigen Eindriicke erhoffen, mit denen Proust mich 
erfullt. Aber langst hege ich den Wunsch, eine Reihe meiner 
Beobachtungen, aphoristisch wie sie unter der Arbeit sich bil- 
den, unter dem Kennwort „En traduisant Marcel Proust" 
zusammenzufassen. - Die Giite, mit der Sie nochmals meiner 



412 



Anzeige des „Turms" gedenken, war mir sehr wohltuend. 
Es ist fur mich eine groBe Freude, das Wenige aufzuzeichnen, 
was mir in den vorgeschriebnen Schranken zu sagen moglich 
ist und die einzige Befiirchtung bleibt, das Pragmatische der 
Anzeige mochte etwa zu sehr hinter den Gedanken zuriick- 
treten, dielhr Werk in mir wachrief. Ich will indessenhoffen, 
daB sie ihre Aufgabe erfiillt, ohne der Verlegenheit des Ortes 
Konzessionen zu machen. Die geradezu panische Angst der 
„Literarischen Welt" vor jeder nicht schlechtweg im Aktuel- 
len verspielten AuBerung ist grotesk. Bevor ich dieseTendenz 
des Blattes ahnen konnte, bei seiner Begriindung, trug ich zu 
allererst dem Herausgeber den Wunsch vor, den „Turm" an- 
zeigen zu diirfen. Das wurde auf die lange Bank geschoben 
wie so vieles andere. Wenn ich dann zbgernder erschien als 
Haas nun seinerseits an mich herantrat, so ist das eine Geste 
der Vorsicht [. . .] und sie ware nicht einmal der Erwahnung 
wert, wenn sie nun (ohne Ihr freundliches Abwarten) nicht 
AnlaB neuer Konfusion des Herausgebers hatte werden kon- 
nen. — Ich griiBe Sie in herzlichster Ergebenheit. 

Ihr Walter Benjamin 
PS Ich las kiirzlich zura ersten Male die „natiirlichen 
Abentheuer" des armen Mannes im Tockenburg 3 , bewegt von 
der Schbnheit des Ganzen und dem unvergleichlichen SchluB. 
Kennen Sie des Verfassers Notizen iiber Shakespeare? Sie 
muBten nach der Autobiographic zu schlieBen, sehr merk- 
wiirdig sein. 

1 Berliner Verlag, in dem die unvollendete erste deutsche Proust- 
Ubersetzung erschien. Nach dem ersten, von Rudolf Schottlaender 
iibersetzten Band ging die Ubertragung an B. und Franz Hessel iiber. 
In deren Ubertragung erschienen „Im Schatten der jungen Madchen" 
1927 im Verlag Die Schmiede und „Die Herzogin von Guermantes" 
1930 bei Piper; das Manuskript von n Sodom und Gomorra" scheint 
verloren zu sein, wenn es uberhaupt je abgeschlossen wurde. 

2 Willy Haas hatte im Januar in der „Literarischen Welt" eine Um- 
frage iiber Schottlaenders Ubersetzung veranstaitet, die wenig schmei- 
chelhaft fiir B. Sch. ausfiel. 

3 UlrichBraker: Lebensgeschichte und natiirliche Abenteuer des armen 
Mannes im Tockenburg. 1789. 



413 



IS 2 AnlulaRadt 

Paris, 22. Marz 1926 

Juliette, bien-aimee, au pays de 1'homme 1 

ce qui signifie: mari en ce cas. Bitte um Entschuldigung fur 
den - zwar reizenden - Anfang, der zur Not jedoch bis auf 
weiteres unverstandlich bleiben muB. Auf alle Falle ziehe 
riiemanden zur Erklarung heran; die Ubersetzung lief ere ich 
auf Wunsch im nachsten Brief gegen 50 Pfennig in Brief - 
marken nach. Ich bin also in Paris und gedenke nachster 
Tage das der Familie R. 2 auch offiziell mitzuteilen. Jetzt 
werde ich die Stimme noch weiter senken, was figiirlich durch 
Bleistiftschrift ausgedriickt wird. 

Wie meine Ankunft sich hier machte, ist durch folgende 
Stationen bezeichnet: Hagen, von wo es um fiinf Uhr friih 
abging, Eisenbahnfahrt mit Poker zwischen einem Spanier, 
einem Agypter, einem Berliner und mir, Eintreff en splendid, 
mit [Thankmar von] Miinchhausen an der Bahn, sodann 
zwei Stunden spater Cafe du Dome (im Montparnasse, wo 
jetzt die Russen das neue Bohemequartier gemacht haben 
- im Gegensatz zu Montmartre, wo ich dies schreibe) ein 
Abendessen in kleiner Gesellschaft, worauf sodann ein wun- 
dervoller, unentdeckter Schwof, der hier bal musette heiBt 
und mit nichts Berlinerischem Ahnlichkeit hat. Fur Manner 
und Frauen und fur Manner untereinander. Es gibt eine 
kleine Strafie mit diesen engen Schank- und Tanzzimmern, 
in denen wohl auBer uns kein einziger Auslander zu sehen 
war. U. s. w. Zuletzt um vier in einem Bums- und Tanz- 
palast. Weil mir Paris somit gleich in die Fingerspitzen ging, 
konnte ich schon am nachsten Tag an meiner Ubersetzung 
sitzen. Seit Jahren bin ich nicht so friih aufgestanden wie 
hier. Aber es hilft nicht, -wenn ich uber meine Abende ver- 
fiigen will, muB ich es tun. Natiirlich bleibt mir keine Zeit, 
zu allgemeinen Bildungskuriositaten. Ich kann nur machen, 
was mir SpaB macht, wenn ich nicht gerad schreibe. Das 
heiBt, ich gehe nur von auBen an die Stadt heran: Lage der 
StraBen, Verkehrsmittel, Caf^s und Zeitungen beschaftigen 

414 



mich. Einmal bin ich im Theater gewesen und habe eine die- 
ser hiibschen, saubern, anspruchslosen Komodien gesehen, die 
es in Deutschland nicht gibt. Mittag kostet durchschnittlich 
soviel wie bei Dir, aber es gibt mehr Gange — sehr gut ge- 
kocht, in einer Kutscherkneipe neb en meinem Hotel. Bisher 
habe ich noch kein einziges Buch gekauft: wenn Du bedenkst, 
dafi es einige StraBen voll davon gibt, dann will das viel be- 
sagen — zum Teil ist allerdings auch die Menge ein Grund. 
Um Bilder habe ich mich etwas mehr gekummert, hatte eine 
Einladung zur Eroffnung der „Independants" — das sind die 
hiesigen Juryfreien— , aber die Bilder waren grafllich. Dage- 
gen habe ich in vielen Kunstsalons schemes gesehen, indem 
ich die SpezialstraBe entlang und drei Minuten in jeden 
Laden ging. 

Ich werde nicht nach Fontenay zu Hessels herausziehen, 
sondern in einem netten — wenn auch kalten Zimmerchen, 
mit Komfort wohnen bieiben, um einmal endlich das Ver- 
gniigen, in einem Hotel zu wohnen, auszukosten. Dorthin 
also schreibe mir einen netten Brief, damit ich Dir dann wei- 
ter erzahle. Vieles muB man ja erzahlen - z. B. eine famose 
Kasperl-Vorstellung im Kindertheater. LaB meinen Kopf 3 
schbn eingewickelt ! Adieu. Herzliche GriiBe Jula alles Gute. 
Meine Adresse ist 4 Avenue du pare Montsouris Hotel du 
Midi 

Dein Walter 

1 Eine Anspielung auf den Titel des Buches von Jean Giraudoux, 
„Juliette au pays des hommes", das W. B. sehr schatzte. 

2 Jula Gohn war seit einigen Monaten (1925) mit Fritz Radt ver- 
heiratet. 

3 Eine Skulptur, die J. C. Anfang 1926 von W. B. gemacht hatte. 



415 



IS 3 An Gerhard Scholem 

Paris, 5. April 1926 

Lieber Gerhard, 

nach recht griindlichem, wenn auch nicht tiefem Schweigen, 
hoffe ich jetzt verlaBlichere Korrespondenz ankiindigen zu 
diirfen. Wenn namlich mein Vorhaben, mich in etwas hier 
seBhaft zu machen, gelingt. Im Augenblick sind die Vorbe- 
dingungen dazu in Gestalt eines wunderbar reinlichen und 
angenehmen Hotelzimmers und einer regelmaBigen, wenn 
auch subaltemen Arbeit gegeben. Ich bin nun etwas iiber 
vierzehn Tage hier. Ungefahr, seit der gleichen Zeit, wirst 
Du, wie ich hoffe, durch Deine Mutter meine bescheidene 
Manuscriptsammlung erhalten und huldvoll, oder minder, 
aufgenommen haben. Rowohlt verschiebt den Erscheinungs- 
termin meiner Sachen in den Herbst, sodaB im Augenblick 
auf stattlichere Zuwendungen an Deine Bibliothek von mir 
aus nicht zu rechnen ist. Dafiir wirst Du dann im Oktober, 
wie ich hoffe, den Aphorismenband erhalten, in dem der 
groBte Teil der Bemerkungen Dir Inedita sein werden. In 
ihm iiberschneiden sich meine altere und eine jiingere Phy- 
siognomic von mir nicht zum Nutzen seiner weithinwirken- 
den Evidenz, desto interessanter aber — wenn das nicht zu viel 
gesagt ist — f ur Dich, den stillen, gewiegten Beobachter. Sonst 
ist nicht sonderlich vieles ans Licht getreten. Am erwahnens- 
wertesten die zehnzeilige Vorrede, die ich zum Trauerspiel- 
buch an die Adresse der Universitat Frankfurt geschrieben 
habe und die ich zu meinen gelungensten Stiicken zahle. Ein 
kurioser Auftrag wird mir demnachst die bestellten dreihun- 
dert Zeilen abnotigen. Die neue GroBe Russische Enzyklo- 
padie wiinscht von mir soviel iiber Goethe vom Standpunkt 
der marxistischen Doktrin zu hbren. Die gottliche Frechheit, 
die in der Entgegennahme solchen Auftrages liegt, hat es mir 
angetan und ich denke mir hier das Einschlagige aus den 
Fingern zu saugen. 1 Nun, man wird (doch da) sehen. Eine 
Unsumme noch nicht gedruckter kleiner Sachen — Bachofen- 
Rezension 2 , Unruh-Rezension, Hofmannsthal-Rezension lie- 

416 



gen bei der Literarischen Welt. Nach wie vor. Meine knappe 
pariser Biicherei stellt sich hauptsachlich aus einigen kommu- 
nistischen Dingen zusammen: die Lukacs-Abfertigungen in 
der „Arbeiter-literatur" (auf die ich mir noch keinen Vers 
machen kann) und eine „ Allgemeine Tektologie" 3 oder Lehre 
von der Organisation als neuer Grundwissenschaft, welche an 
Stelle der ehemaligen „Philosophie" zu treten hatte von 
Bucharin, Professor in Leningrad. Von diesem habe ich vor 
kurzem den schwer genieBbaren und sehr fragmentarischen 
ersten Versuch einer marxistischen Universalgeschichte: „Die 
Entwicklungsformen der Gesellschaft und die Wissenschaft" 
studiert. 

Natiirlich sehe ich mich hier nach Kraft en um, hore con- 
ferences in engen Kreisen, lerne nach und nach die groBen 
Leute kennen. [. . .] Was aus solchem Beginn wird, bleibt 
abzuwarten. Vor allem werde ich mir nachster Tage einen 
gebildeten jungen Mann verschreiben, mit dem ich mehr- 
mals in der Woche gelehrt konversiere, weil mir sprachlich 
noch vieles unmoglich ist. 

Bloch hat fur die nachsten Tage sein Kommen in Aussicht 
gestellt. Zur Zeit ist er in Siidfrankreich in Sanary. Ich werde 
ihm dann die Bergmannsche Rezension geben. Fur den Bei- 
trag von Escha herzlichen Dank! Wann kann ich ihre Uber- 
setzung der Antrittsvorlesung erwarten? 4 - Vor einigen 
Tagen ist hier in der Union intellectuelle [Hans] Driesch 
empfangen worden. Er hat einen guten Eindruck gemacht. 
Demnachst steht den Leuten hier das Entsprechende mit 
Scheler bevor. 

Hat Deine Disputation mit Agnon stattgefunden? Wie 
stiinde Agnon zu eirier Ubersetzung von Sachen von ihm ins 
Franzosische. Ich konnte so etwas, sein Einverstandnis vor- 
ausgesetzt, sehr wohl ins Auge fassen. Wiirde er einwilligen, 
etwa im „ Commerce", einer Revue fur Dichtung, zu erschei- 
nen? Vielleicht kannst Du gelegentlich seine Gedanken in 
dieser Hinsicht erforschen. 

Bitte schreibe mir Eislers pariser Adresse oder sage mir, 
wo ich sie ermitteln kann. 

WeiBt Du, ob Marx noch am Euphorion-Verlag beteiligt 

417 



ist? Ich habe da neulich ein ekelerregendes „Agyptisches 
Tagebuch" von Bethge in die Hande bekommen 5 , das dort 
erschienen ist Nun aber etwas sehr Schones, das Ihr lesen und 
in Jerusalem bekannt machen sollt. Das Buch heiBt „Der 
Russe redet" 6 und ist im Drei-Masken-Verlag erschienen. Es 
bringt ohne Anmerkungen, Daten noch Namen Satze aus 
Unterhaltungen und Erzahlungen russischer Soldaten, wie 
eine Samariterin, die an der Front war, sie von Fall zu Fall 
aufgezeichnet hat. Es ist vielleicht, wahrscheinlich, das auf- 
richtigste und positivste Buch, welches der Krieg hervor- 
gebracht hat. 

Sehr herzliche GriiBe Dir und Escha 

Dein Walter 7 

Ich mochte das Marchen vom Dornroschen zum zweiten 
Male erzahlen. 

Es schlaft in seiner Dornenhecke. Und dann, nach so und 
so viel Jahren wird es wach. 

Aber nicht vom KuB eines glticklichen Prinzen. 

Der Koch hat es aufgeweckt, als er dem Kiichenjungen die 
Ohrf eige gab, die, schallend von der aufgesparten Kraft so vie- 
ler Jahre, durch das SchloB halite. 

Ein schones Kind schlaft hinter der dornigen Hecke der 
folgenden Seiten. 

DaB nur kein Gliicksprinz im blendenden Riistzeug der 
Wissenschaft ihm nahe kommt. Denn im brautlichen KuB 
wird es zubeiBen. 

Vielmehr hat sich der Autor, es zu wecken, als Kiichen- 
meister selber vorbehalten. Zu lange ist schon die Ohrfeige 
fallig, die schallend durch die Hallen der Wissenschaft gel- 
len soil. 

Dann wird auch diese arme Wahrheit erwachen, die am 
altmodischen Spinnrocken sich gestochen hat, als sie, verbot- 
nerweise, in der Rumpelkammer einen Professorentalar sich 
zu weben gedachte. 
Frankfurt a/M, Juli 1925 

(Vorrede zum Trauerspielbuch) 8 

418 



1 Sein Artikel titer Goethe ist im deutschen Originaltext erhalten, in 
der spater redigierten ausfuhrlicheren Fassung. 

2 Gemeint ist die Rezension von Bernoullis Bacho£en-Buch; sie er- 
schien am 10. Sept. 1926. 

3 Gemeint ist A. A. Bogdanow, Allgemeine Organisationslehre, Teltto- 
logie. Bd. I, Bin. 1926. 

4 Sie erschien nur auf hebraisch. 

5 Von W. B. in der LW vom 11. Juni 1926 besprochen. 

6 Von Ssofja Fedortschenlto, 1925. Von W. B. in der LW vom 
5. 11. 1926 besprochen. 

7 Das Folgende auf einem Extra-Blatt. 

8 Die Vorrede ist nicht erschienen. 



154 AnJulaRadt 

Paris, 8. April 1926 

Liebste Jula, 

in meinem letzen Briefe stand nicht viel, seine ganze Energie 
war in die Formulierungen gefahren, die zur Behebung des 
Irrtums notig waren. Du hast mich am Telefon falsch ver- 
standen: nun, in den Brief en, hoffentlich desto besser. [. . .] 
— Ich bin nun also fur eine Weile allein in Paris, denn Frau 
Hessel rechne ich nicht, weil sie erstens mit eigenen Angele- 
genheit-en sehr befafit ist, wenn sie einmal anwesend ist, fur 
mich aber meistens nur eine gesellschaftliche Manoveriibung 
dabei herauskommt, die nicht immer SpaB macht auch wenn 
sie klappt. Sie hat bisweilen eine drollige Lust, mit mir zu 
flirten und ich versteife mich mit mindestens ebensoviel Ver- 
gniigen darauf, das nicht zu tun. Desto besser ist es mit 
Munchhausen gewesen; wir haben (in Gesellschaft seiner 
hiesigen Flamme, einer wenig belangvollen aber garni cht 
storenden Malerin, derenMann auf eine garnicht zubeschrei- 
bende Weise im Hintergrund zerflieBt) eine runde Zahl hiib- 
scher Abendessen, Tag- und Nachtspaziergange und zuletzt 
die herrliche Autotour nach Chantilly und Senlis unternom- 
men, von dessen Hotel du Grand Cerf dieser Bogen noch 
zeugt. Von dem Chok, der mich in Senlis befiel, als in der 
Kathedrale mir Munchhausen sagt, dafi 1914 die Deutschen 

419 



in ihr gewesen sind, habe ich Dir geschrieben. Und dann muB 
man sich sagen, was es heiBt, den Riickzug von Paris, das 
einen halben Tagemarsch entfernt liegt, anzutreten. - Es 
scheint, daB schicke Gojim 1 augenblicklich ganz mein Fall 
sind. Am angenehmsten war es audi immer, wenn wir zu 
zweien waren. Aber in diesem Genre wird es nicht weiter 
gehn;, der freundliche, durchaus nicht schicke Hessel kommt 
her und auBerdem hat Bloch, kaum daB er mich hier wuBte, 
seine Ankunft in Paris angezeigt, die allerdings inzwischen 
schon uberfallig ist. Er will, sympathischerweise, ohne Frau 
erscheinen, die in Sanary weitermalt, Miinchhausen fuhr 
nicht ab, ohne mir einige nutzliche Briicken geschlagen zu 
haben. So hat er mich beim Grafen Pourtales eingefiihrt, wo 
ich in vierzehn Tagen einen franzosischen Vortrag iiber M. 
Stefan George zu horen bekommen soil. Ein Salon mit kost- 
baren Mobeln, von vereinzelten Damen und Herren garniert, 
die den heillosesten Physiognomien ahneln, denen man nur 
bei Proust begegnen kann. Das tat, daB ich beim ersten Vor- 
trag, den ich neulich horte - die Sache findet gegen drei Uhr 
mittags statt - mitten in der schonsten Snoberei, als man von 
Dante Gabriel Rossetti etwas vortrug, beinahe eingeschlafen 
ware. Miinchhausen, neben mir, erhielt sich nur mit Koket- 
tieren muhsam wach. Dann war ich neulich zu einem Friih- 
stiick, welches in einem der allerersten Pariser Restaurants die 
Fiirstin Bassiano fur sieben Personen, unter denen ich und 
Miinchhausen waren, gegeben hat. Es begann mit riesenhaf- 
ten Kaviarportionen und ging in dieser Art weiter. Mitten im 
Zimmer wurde auf dem Herd gebraten und vor dem Anrich- 
ten zeigte man alles vor. Dabei war unter dieser Gesellschaft 
sogar ein waschechter italienischer Revolutionar. AuBerdem 
gab es den Chefredakteur der Nouvelle Revue Francaise, der 
einen vorzuglichen Eindruck macht und, unter anderen 
[Bernhard] Groethuysen, den Alfred [Cohn] glaube ich noch 
in Berlin gehbrt hat und der mein Nachbar war. - Ich bin 
hier iibrigens fleiBig, zum mindesten beim "Obersetzen und 
was das Erstaunlichste ist, es wird mir ganz leicht. Dazu habe 
ich freilich ein Regime entdeckt, das zauberhaft die Kobolde 
zum Helfen lockt und darin besteht, daB wenn ich morgens 

420 



aufstehe ich ohne mich anzukleiden, ohne Hande oder Kor- 
per auch nur mit einem Tropfen Wasser zu benetzen, ja ohne 
auch nur zu trinken, mich an die Arbeit setze und nichts tue, 
ehe das Pensum des ganzen Tages beendet ist — geschweige 
denn fruhstiicken. Das bringt die seltsamsten Wirkungen zu- 
stande, die man denken kann. Nachmittag kann icli dann vor- 
nehmen was ich will oder bummeln. Und ich schlendere oft 
ohne Erregung die Quais lang: wirkliche Seltenheiten sind 
dort sehr selten geworden und der Anblick unzahliger mitt- 
lerer Biicher stimmt mich eher gemigsam. Zudem kann man 
sich iiber dem Flanieren leicht fur einige Zeit das Lesen ab- 
gewohnen: mir sieht es jedenfalls danach aus. Dies und das 
sehe ich im Theater — ich nehme es, wie es gerade ein Frei- 
billet mit sich bringt. So komme ich gerade jetzt aus der 
Auffiihrung von [Georg] Kaisers „Kolportage", dem einzi- 
gen seiner Stiicke, das ich vertrage. Es war hier in Paris ein 
MiBerfolg. Erstens ist es fur Franzosen nicht zuganglich 
und zweitens hat man es nicht sehr gut gegeben. Die erste 
Auffiihrung im Lessingtheater war besser. Was ich an 
Avantgarde-Theater gesehen habe, eine surrealistische Soiree 
in einem kleinen Privattheater auf dem Montmartre vor ge- 
ladenem Publikum war jammervoll. Aber nichts geht iiber 
die Jahrmarkte und das schonste an aller Kunst und allem 
Betrieb dieser Stadt ist, daB sie dem wenigen, was noch als 
Rest von dem Urspriinglichen, Natiirlichen sich halt, seinen 
Glanz laflt. Diese Markte fallen wie Bomben in dieses oder 
in jenes Stadtviertel: jede Woche wird man, wenn man es 
darauf anlegt, irgend einen Boulevard finden, wo SchieB- 
buden, Seidenzelte, Fleischbanke, Antiquare, Bilderhandler, 
Waffelstande hintereinander aufgereiht sind. Die wunder- 
vollen Glaskugeln, in denen dichter Schnee fallt, habe ich auf 
der foire aux jambons et aux ferrailles (Schinken- und Alt- 
eisen-Markt) gekauft und diese Woche gehe ich irgendwann 
auf die foire aux pains d'epice (Pfefferkuchen-Markt). Auf 
der foire aux pains d'epice werde ich Dir einen schonen 
Pf efferkuchen kaufen, der wird, bis wir uns wiedersehen, auf 
meinem Schreibtisch stehen. Keinem „Schreib"tisch aber 
einem wundervollen soliden Mobel, wahrscheinlich dem ein- 



421 



zigen richtigen Tische, der im ganzen Hotel aufzutreiben 
gewesen ist. Ich habe Dir einen richtigen Brief, bis obenhin 
voll, schreiben wollen, liebe Jula. Etwas was man in die 
Hand nehmen und auf den Tisch stellen kann, und zum 
herumgehen. Wenn Du zufrieden bist, dann schreibe mir und 
denke, daB nicht alle Tage so heiBe Sonntagssonne bei mir 
einfallt, wie Du nach diesem Brief es glauben wirst. Wie 
steht es mit der Ausstellung? 

Sehr herzlich Dein Walter 

* In humoristischer Abwandlung der jiidischen Redewendung „schik- 
kere [d. h. betrunkene] Gojim". 



155 An Jula Radt 

Paris, 30. April 1926 

Liebe Jula, 

mit diesen Worten vollziehe ich eine doppelte Einweihung: 
die eines neuen Fullfederhalters und dieser Bogen, die frei- 
lich nur fur Dich als Briefpapier gelten - sonst sind sie mein 
kostbarstes Manuscript in einer Tonung, nach der ich lange 
gesucht habe, und. die die besten Gedanken aus mir heraus- 
lockt. Mit dem warmeren Wetter — wir haben keine Sonne 
aber nach Wochen eisiger Kalte legt sich nun plotzlich Som- 
merschwule iiber die StraBen - tauche ich ganz allmahlich 
in Stadt und Leben wieder auf. Die letzten Wochen hatte ich 
unter schrecklichen Depressionen verbracht. Dies ist natiir- 
lich auch Schuld, daB Du in dieser Zeit nichts von mir hor- 
test. Ja, ich bin auch noch nicht auf der foire (dem Pfeffer- 
kuchen-Jahrmarkt) gewesen und noch steht auf meinem 
Schreibtisch kein Kuchen fur Dich. Es hat Tag aus Tag ein 
geregnet, man konnte nicht daran denken. Aber wenn Du die- 
sen Brief liest, wird schon alles in guter Ordnung besorgt sein. 
Nun war freilich dieser gedachte Pfefferkuchenaufbau pla- 
stischer, monumentaler und weniger freBhaft (jawohl: freB- 

422 



haft) gemeint, als Du ihn verstanden hast: er ist fur baldige 
Riickkunft kein Zeichen (es hat mir nichts ausgemacht, daB 
er steinhart sein kann, wenn Du ihn bekommst). Ich denke 
hier viel an Dich und vor allem wiinsche ich Dich oft in mein 
Zimmer, das ganz gewiB keine Ahnlichkeit hat mit dem in 
Capri und das Dir doch sehr einleuchten wiirde — und Du 
mir sehr darinnen. Aber zuriick will ich vorlaufig nicht kom- 
men, dieser Stadt gegeniiber vielmehr die Kraft einer dauern- 
den Werbung, welche zu ihrem Bundesgenossen die Zeit 
macht, mit aller Geduld ausprobieren. Ja diese Geduld 
gibt mir eine Indolenz, welche beinah zu groB ist. Ich 
sehe fast nichts von allem was „gesehn" werden muB, tue 
ich [sic] mich weniger um als ich es konnte, bringe bis- 
her nicht viel mehr zu stande als die Arbeit an meiner 
tlbersetzung. Mit einigen Ausnahmen freilich. Im Hotel des 
Ventes (das ist das groBe stadtische Pariser Auktionshaus 
— ein Institut, zu dem es kein Gegenstiick in Berlin gibt) 
weiB ich so gut wie ein Pariser Bescheid. Ich habe viele 
Biicherauktionen mitgemacht (die dort neben anderen statt- 
fmden) und umso mehr dabei gelernt, als ich wenig gekauft 
habe. Und dann habe ich, als es mir am schlechtesten ging, 
den ganzen Proust in die Ecke geworfen und ganz fiir mich 
all ein gearbeitet und einige Notizen geschrieben, an denen 
ich sehr hange : vor allem eine wunderschone iiber Matrosen 
(wie sie die Welt ansehen), eine iiber Reklame, andere iiber 
Zeitungsfrauen, die Todesstrafe, Jahrmarkte, SchieBbuden, 
Karl Kraus ! — lauter bittere, bittere Krauter, wie ich sie jetzt 
in einem Kuchengarten mit Leidenschaft ziehe — Nun hast 
Du also wie eine Prinzessin aus tausend und einer Nacht 
Gundolfs und meinen Kopf auf Deinen SchloBzinnen aufge- 
pflanzt 2 und treibst dahinter Dein Unwesen (und ohne Dich 
darin zu unterbrechen, gebe ich Dir schnell einen KuB). Viel- 
leicht erzahlst Du mir nun aber doch etwas von Gundolfs 
Tagen in Berlin (ich bin natiirlich nicht unverschamt genug, 
um Vertraulichkeiten Dich anzugehen und bitte niir in aller 
Bescheidenheit um ein paar schone Liigen). Ich wiirde ja ein- 
fach bei Dir anrufen aber die Menschentechnik ist noch nicht 
weit genug, um so ein Ferngesprach von Paris nach Berlin 



423 



zu fiihren. [...]- Ich habe begonnen, franzosische Konversa- 
tionsstunden bei einem Schiller der Ecole Normale zu neh- 
men, aber sie sind mir zu teuer, ich werde mich wohl bald 
nach anderem umsehen. Augenblicklich liegt mir daran, das 
Leben dieser Schuler (die im Anfang der Zwanziger stehen) 
etwas kennen zu lernen, deswegen behalte ich sie noch bei. 
Vielleicht ein andermal erzahle ich Dir davon. Ich leme hier 
ein Bediirfnis nach Einsamkeit kennen, wie ich noch nie im 
Leben es gehabt habe. Es ist freilich, so seltsam das klingt, nur 
die Kehrseite davon, dafi ich einsam hier bin. Die angenehme 
Gegenwart von Hessel und die problematische von Ernst 
Bloch and era daran naturlich nichts. Bloch ist aufierordent- 
lich und mir, als b ester Kenner meiner Sachen sehr ehrwiir- 
dig (er weiB viel besser Bescheid als ich selber, denn er hat 
nicht nur alles inne, was ich je geschrieben habe, sondern 
auch jedes gesprochene Wort von vor Jahren) aber wahrend 
ich mich ganz den Erscheinungen des pariser Lebens hin- 
geben muB, ist und bleibt bei ihm Garmisch die Sehnsucht, 
auf die er immer zuriickkommt. Naturlich tauchen auch sonst 
mannichfache Gestalten auf. Vorgestern sprach ich Valeska 
Gert, die nachste Woche hier einen Tanzabend gibt. Karl 
Kraus war hier, urn den ich mich nicht gekiimmert habe. 
— [...] — Die Notizen von mir, die Dir [Eugen] Wallach 
geschickt hat, standen in der frankfurter Zeitung" 3 . — Jula, 
schreibe mir einen sehr brauchbaren Brief, dem ich Paris 
zeigen kann. Und wann Dir? (Kannst Du mir iibrigens einen 
Wink wegen Eures Hochzeitgeschenks geben. Es ist fur mich 
Lumpen naturlich nicht leicht, Euch bei den zusammen etwas 
zu schenken. Mache mir doch einen Vorschlag. [. . .] Die 
Sonne kommt mir aufs Blatt und ich schliefie diesen Brief, 
der aus dem bedeckten Paris der vergangnen Tage herkommt. 
Einen kitschigen Maiglockchengrufl 

Dein Walter 

1 Stiicke aus dem Bande „Einbahnstral3e". 

2 Sie hatte auch von Gundolfs Kopf eine Skulptur gemacht. 

3 „Kleine Illumination". FZ, 14. April 1926. 



424 



156 An Gerhard, Scholem 

Paris, 29. Mai 1926 

Lieber Gerhard, 

ich hole, wie Du schon am Format entnehmen kannst, zu 
einem ausfuhrlichen Brief aus. Dabei freilich macht mich 
etwas beklommen, daB ich auf das kaum werde antworteri 
konnen, wonach Du am dringendsten fragst. Eben darum 
stelle ich in Gottes Namen den untauglichen Versuch dazu 
vorne an. Im Grunde ist es mir bitter, mich theoretisch resii- 
mieren zu sollen, da mein Buch (wenn es denn eines werden 
sollte) iiber die Dinge noch nicht gereift ist und das Momen- 
tane sich vielmehr als ein Versuch zu erkennen gibt, die rein 
theoretische Sphare zu verlassen. Dies ist auf menschliche 
Weise nur zwiefach moglich, in religioser oder politischer 
Observanz. Einen Unterschied dieser beiden Observanzen in 
ihrer Quintessenz gestehe ich nicht zu. Ebensowenig jedoch 
eine Vermittlung. Ich spreche hier von einer Identitat, die 
sich allein im paradoxen Umschlagen des einen in das andere 
(in welcher Richtung immer) und unter der unerlaBlichen 
Voraussetzung erweist, daB jede Betrachtung der Aktion 
riicksichtslos genug, und radikal in ihrem Sinne verfahrt. 
Die Aufgabe ist eben darum hier nicht ein fur alle Mai, son- 
dern jeden Augenblick sich zu entscheiden. Aber zu entschei- 
den. Eine andere Identitat dieser Bereiche als die des prak- 
tischen Umschlagens mag es gebeh (gibt es gewiB) fiihrt aber 
uns, die war hier und jetzt nach ihr suchen wollten, tief in die 
Irre. Immer radikal, niemals konsequent in den wichtigsten 
Dingen zu verfahren, ware auch meine Gesinnung, wenn 
eines Tages ich der kommunistischen Partei beitreten sollte 
(was ich wiederum von einem letzten AnstoB des Zufalls ab- 
hangig mache). Die Moglichkeit meines Verbleibens in ihr ist 
dann einfach experimentell festzustellen und interessant und 
fraglich weniger das Ja und Nein als das Wielange? Und was 
gewisse unumstoBliche Einsichten (als etwa die vom Unzu- 
treffenden der materialistischen Metaphysik oder, meinet- 
wegen, auch der materialistischen Geschichtsauffassung) 

425 



betrifft, so konnen solche ehernen Waff en im Ernstf allpraktisch 
vielleicht ebensoviel und mehr im Bunde mit dem Kommu- 
nismus ausrichten als gegen ihn. Wenn es wahr sein sollte, 
daB ich, wie Du schreibst, „hinter einige Grundsatze" ge- 
kommen sein sollte, von denen ich zu Deiner Zeit noch nicht 
gewuBt habe, so „hinter" den vor allem: wer aus unserer 
Generation nicht nur phraseologisch den geschichtlichen 
Augenblick, in welchem er auf der Welt ist, als Kampf fiihlt 
und erfaBt, kann auf das Studium, auf die Praxis jenes Mecha- 
nismus nicht verzichten, mit welchem die Dinge (und die 
Verhaltnisse) und die Massen ineinander wirken. Es sei denn, 
daB vom Judentum aus ein solcher Kampf vollstandig anders, 
disparat (niemals feindlich) hierzu sich organisiert. Das 
andert nicht: „gerechte", radikale Politik, die eben darum 
nichts als Politik sein will, wird immer fur das Judentum 
wirken und, was unendlich viel wichtiger ist, immer das 
Judentum fur sich wirksam finden. Aber mit solchem Satze 
ist eben der Punkt schon erreicht, wo die Entfernung vom 
Konkreten beschamend wird. Und gerade weil Du im Kon- 
kreten, wie ich unbedingt annehme, weit mehr durch Dein 
gegenwartiges Leben und seine Entscheidungen zu Hause 
bist als ich durch meines und meine, muBt Du, wenn ich 
nicht irre, aus diesen wenigen Silben doch manches entneh- 
men konnen; zumal, warum ich nicht daran denke, „abzu- 
schworen", wozu ich gestanden habe, warum ich mich des 
„friihern" Anarchismus nicht schame, sondern die anarchi- 
stischen Methoden zwar fur untauglich, die kommunistischen 
„Ziele" aber fur Unsinn und fur nichtexistent halte. Was dem 
Wert der kommunistischen Aktion darum kein Jota benimmt, 
weil sie das Korrektiv seiner Ziele ist und weil es sinnvoll 
politische Ziele nicht gibt. 

Dergleichen wiederholte Uberlegungen aus einigen Buch- 
besprechungen oder Reisenotizen zu entnehmen, kann Dir 
und keinem freilich zugemutet werden (eine falsche Kon- 
struktion! aber gut). Wolle auch was hier beiliegt oder mit 
gleicher Post folgt, nicht anigmatisch lesen sondern nur als 
Information, wie ich ein Taschengeld mir verdiene auffassen. 
An dem „Unruh" habe ich freilich im vorigen Jahre auf 

426 



Capri mit Applikation gearbeitet. Er erscheint erst jetzt 
(etwas gekiirzt) well Heinz Simon 1 selbst bei der „Literari- 
schen Welt" wegen eines weit zahmeren Angriffs mit furcht- 
baren Drohungen intervenierte. Es hat einhalbes Jahrgedau- 
ert bis ich das Erscheinen, das mich die Mitarbeit an der 
Frankfurter Zeitung kosten diirfte, durchsetzte. 

Weiter, zu den auBeren Lebensumstanden. In Paris bin 
ich nicht mit einem festumrissenen Plan sondern wegen einer 
Anzahl von auBeren Umstanden. In erster Linie die Proust - 
Ubersetzung zu beenden und durchzusehen, wofur hier ge- 
wisse Erleichterungen natiirlich zu finden sind. Dann lebt 
man um den halben oder dritten Teil des Geldes wie in Ber- 
lin. Dagegen habe ich natiirlich im Sinne, mich wenn es geht, 
hier durch einige Arbeiten bekannt zu machen. Da es aber 
bei mir zu einem anstandigen Franzosisch, daB sich tel quel 
publizieren lieBe, nicht langt, so bin ich auf Ubersetzer ange- 
wiesen und das macht die Sache so schwierig, daB ein Erfolg 
fraglich ist. Meine Verbindungen sind nicht gut und nicht 
schlecht, sondern so wie in f remder Umgebung es meist in der 
ersten Zeit ist: Leute soviel man will, um eine viertel Stunde 
sich angenehm zu unterhalten, niemand der sehr darauf 
brennt, Naheres mit einem zu tun zu haben. Ich habe Girau- 
doux, den Pressechef im Auswartigen Amt, den ich als Ro- 
mancier sehr liebe, einmal mit gutem Erfolge in PaBfragen, 
spater mit mangelhaftem in Ubersetzungsfragen konsultiert 
und-das ist bezeichnend. Um engsten Kontakt mit der Sprache 
zu finden, habe ich sogar Konversationen mit einem Schiiler 
der ficole Normale - einem staatlichen Studenteninstitut, 
begriindet unter Napoleon I, wo eine Elite auf Staatskosten 
im Internat lebt — eingerichtet; was ich brauche aber ist ein 
Tempo und eine Temperatur, wie es sich nur ungezwungen 
ergeben kann und in der Tat einige Male im Gesprache mit 
[Francois] Bernouard — einem hiesigen Verleger und Druk- 
ker, der u. a. einen zweisprachigen kompletten Talmud (!), 
eine ebenso eingerichtete Bibel als Luxusdrucke, an denen 
schon viele Jahre gearbeitet wird, herausbringt — sich gefun- 
den hat. Ob mir also gelingt, einen Aufsatz iiber Proust („En 
traduisant Marcel Proust") den ich zu schreiben vorhabe und 



427 



anderes, Geschriebenes, an den hiesigen Tag zu befordern, 
steht sehr dahin. Provisorisch sind meine auBern Umstande 
auch ohne dies zufriedenstellend, da ich fur die winzige Frist 
eines Jahres, seit Januar von Rowohlt Monatsraten fur meine 
Biicher bekomme und im Augenblick dazu die Zahlungen fiir 
die tlbersetzungen treten. 

Ich arbeite neben dieser Ubersetzung, die Mitte Juli spa- 
testens, provisorisch, abgeschlossen sein durfte — die Arbeit 
an den Korrekturen wird formidabel — nur noch an dem 
Notizbuch, das ich nicht gern Aphorismenbuch nenne (wenn 
ich von geringerm absehe, wie einer Keller- Anzeige, die ich 
jetzt zu schreibenhabe 2 ). Der jungste Titel— eshat schon viele 
hinter sich — heiBt: „StraBe gesperrtl" Um in diesem Zusam- 
menhang nochmals auf die Artikel fiir RuGland zu kommen— 
zu Goethe treten noch einige neuere franzosische Dichter, 
liber die ich kurz schreiben soil, so wollen wir beide abwar- 
ten, was dabei herauskommt. Die „Literaturgeschichte", die 
neuere zumindest, soweit ich siekenne, darf vonihrenMetho- 
den so wenig Aufhebens machen, daB eine „marxistische" 
Betrachtung Goethes ein AnlaB zur Improvisation wie ein 
anderer ist. Worin sie besteht und was sie lehrt, werde ich 
selbst festzustellen haben und wenn (wie ich sehr anzuneh- 
men geneigt bin) vomMarxismus aus so wenig wievonirgend 
einem andern durchdachten Gesichtspunkt aus „Literatur- 
geschichte" streng genommen auch nur existiert, so hindert 
das nicht, daB bei dem Versuch, aus solchem Gesichtswinkel 
mich auf einen Gegenstand zu beziehen, auf den ich sonst 
kaum mich zuriickwenden werde, etwas Interessantes heraus- 
kommen kann, was dann im schlimmsten Falle sogar das 
Redaktionskomitee getrost ablehnen mag. 

Halbwegs bitter ist im Berichte von Deinen Arbeiten die 
Bemerkung „nichts von allgemeinem Interesse". Wenn mein 
Interesse schon ein ganzlich unzustandiges und hilfloses ist, 
so ist es eben als ein solches an Deinen Arbeiten, denn doch 
kein allgemeines. Vielleicht berichtest Du mich also bei Ge- 
legenheit doch naher. Andachtig habe ich mir - in der irr- 
tiimlichen Annahme, daB sie von Dir sei — die Blochkritik 
von Hugo Bergmann in den letzten Tagen iibersetzen lassen. 

428 



Mein Staunen am Anfang kannst Du Dir vorstellen. Die 
Unterschrift hat mich beruhigt. [. . .] Der Ubersetzer ist 
Meir Wiener gewesen, der zur Zeit hier lebt 3 . Bergmanns 
Hebraisch hat ihm nicht gefallen, desto mehr liebt er der 
paideumatischen Priigel sich zu entsinnen, die Du im „ Juden" 
seinerzeit ihm verabreicht hast. Buber betreffend, so enthielt 
die Frankfurter Zeitung 4 eine Besprechung der Bibeluber- 
setzung durch [Siegfried] Kracauer, die mir soweit ohne 
Kenntnis des Hebraischen eine gegeben zu werden vermag, 
schlechthin zutreff end vorkam, zudem mancherlei iibernimmt, 
was ich miindlich ihm zu dem Thema gesagt. Ich will sehen: 
habe ich sie noch, so lege ich sie bei. Verschaffe sie Dir an- 
dernfalls samt der (gegenstandslosen) Replik und der Duplik. 

Mit diesem Brief kann ich keinen liliputanischen Staat 
machen. Dafiir will ich Dir aber erzahlen, daB ich in der 
hebraischen Abteilung des Musee Cluny das Buch Esther 
auf ein Blatt geschrieben entdeckte, welches nicht ganz die 
Halfte des Vorliegenden mifit. Vielleicht beeilt dies doch 
Deinen Besuch in Paris. 

Nun zu den schonen und enormen Dingen, die Dein Brief 
von Dir selber vermeldet, den innigsten Gluckwunsch. Besser 
konnte ja wohl die Zukunft Dir garnicht blicken. In meiner 
darf ich im Augenblick kaum wagen, weiter zu sehen als bis 
zu dem Erscheinungstermin meiner Sachen - das ware Okto- 
ber. Sowie ich zu selbstandiger Arbeit komme, beginne ich 
das Buch uber Marchen, das in meinen Brief en ja wohl seit 
Jahren schon spukt. 

DaB Bloch in Paris ist, ist Dir wohl nach einer Ankiindi- 
gung meines letzten Briefes nicht uberraschend. Hessel des- 
gleichen, mit dem ich zur Zeit durch die Proust -Ubersetzung, 
seine Kenntnis der Stadt und vielfaltig konformen Reaktio- 
nen etwas naher verbunden bin. Gestern reiste Ernst Schoen 
ab, der mit seiner Frau auf einige Tage iiber Pfingsten hier 
war und an Fernerstehenden ware erst recht kein Mangel. 
Dies alles der Grund, aus dem ich bisher noch nicht mich ent- 
schlieBen konnte, nach Eisler mich umzusehen. Blochs Zu- 
stand, insbesondere, macht mirgegenwartiggarkeineFreude. 
[. . .] Und was auch immer geschehen moge: auf mich ist fur 

429 



ein „System (!) des Materialismus" weiB Gott nicht zu 
rechnen. 

Du siehst, ein groBer schoner Brief wie Dein letzter, ist 
noch immer an mich nicht verschwendet. Ich hoffe sehr, bald 
wieder, immer Genaueres, zu erfahren; vielleicht kommen 
wir dann doch dazu, einander, auch ohne dffentliche Kund- 
machungen, zu durchschauen. 

Ich sende Dir und Escha sehr herzliche GriiBe, 

Dein Walter 

1 Der Besitzer der frankfurter Zeitung". 

2 Literarische Welt, 5. Aug. 1927. 

3 Historiker der hebraischen und jiddischen Literatur (1893-1941). 
Gegen einen Band expressionistischer Obersetzungen aus dem Hebra- 
ischen hatte sich Scholems Aufsatz „Lyrik der Kabbala?" im „Juden" 
gewandt. Siehe Brief 108. 

4 Vom 27. und 28. April 1926; wiederabgedruckt in Kracauer, Das 
Ornament der Masse, Ffm. 1963, S. 173-186. 



151 An Gerhard Scholem 

Agay (Var), 18. September 1926 
Lieber Gerhard, 

heute ist uber Berlin Dein Brief aus Safed 1 gekommen. Ich 
habe mich — mindestens — dreifach dariiber gefreut. Erstens: 
daB Du selber - mit deinen Augen - Safed siehst. Zweitens: 
daB Du die alternierendeFolge im Brief schreiben nicht unbe- 
dingt streng beobachtet. Drittens: daB im Augenblick, da ein 
Brief an Dich begonnen werden sollte, dieser von Dir eintraf . 
Sollte die Digression und ihr mathematischer Charakter in 
meiner Brief schreiberei Dir neu vorkommen und auff alien, so 
f iihre ihn auf mein Versenktsein in den dritten Band des Trist- 
ram Shandi 2 zuriick. Zugleich ersiehst Du so daB fruher oder 
spater Deinen literarischen Indikationen Folge gegeben wird; 
hoffentlich rechnest Du Dir nicht aus (und behieltest, rech- 
nendenfalls, nicht recht) wann stetige Proportionen voraus- 
gesetzt, dann die Lektiire des Steinheim 3 bei mir f allig wer- 
den muBte. Dieser Brief und noch mehr das Schreibpapier 

430 



sagen Dir, daB.es audi unvermittelte EntschlieBungen bei 
mir gibt. So warte ich garni cht, bis ich zu Hause bin, sondern 
beginne scbon hier, am Strande, die aufgestapelten Begeben- 
heiten vorDir abzutragen und einzurangieren. Ichhabemich, 
um damit zu beginnen, hierher und auf den Tristram Shandi 
zuriickgezogen, weil es mir (mit zweifelhafter Aussicht auf 
Besserung) nervenmafiig schlecht geht und Ruhe und Allein- 
sein mir notig sind. Auf lange kann ich ohnedies nicht blei- 
ben sondern muB spatestens Mitte Oktober wieder in Berlin 
sein. Schreibe also vorlaufig dorthin. An eine genauere Ge- 
staltung vager Plane fiir den Winter zu gehen, hindert mich 
vorlaufig mein Befinden. DaB aber, auch fiir das nachste Jahr 
die elliptische Lebensweise Berlin-Paris bestehen bleibt, ist 
dadurch sehr wahrscheinlich gemacht, daB allem Vermuten 
nach die Dinge sich so gestalten: daB der gesamte deutsche 
Proust von Hessel (Franz Hessel, der Dir aus Biichern von 
sich oder Brief en von mir vielleicht halbwegs ein Begriff 
und mir ein lieber, angenehmer, befreundeter Mitarbeiter 
ist) und mir gemacht wird* Der erste Band, dessen Uberset- 
zung durch einen dritten ein groBes, publizistisch-kritisches 
Fiasko gab, werden wir wohl neu iibersetzen [!], den zweiten 
haben wir vor einem Monat abgeschlossen, den dritten (der 
in wieder anderen Handen lag) werden wir neu iibersetzen, 
weil die gelief erte Ubertragung nicht publiziert werden kann, 
(sie ist zu schlecht), der vierte liegt seit langem von mir iiber- 
setzt im Manuscript beim Verlage. Ein jeder dieser genann- 
ten „Bande" umfaBt bibliotheksmaBig deren zwei bis drei. 
Uber diese Arbeit selbst, ware viel zu sagen. Ad I, daB sie 
mich in gewissem Sinn krank macht. Die unproduktive Be- 
schaftigung mit einem Autor, der Intentionen, die, ehema- 
ligen zumindest, von mir selber verwandt sind, so groBartig 
verfolgt, fuhrt bei mir von Zeit zu Zeit so etwas wie innere 
Vergiftungserscheinungen herauf. Ad 2 sind aber die auBe- 
ren Vorteile der Sache nennenswert. Das Honorar ist diskuta- 
bel und die Arbeiten an keinen bestimmten Aufenthaltsort 
(a la rigueur freilich immer wieder einmal an Paris) gebun- 
den, in Frankreich aber als Proust-Ubersetzer sich einzufiih- 
ren sehr angenehm. Ich gehe auch schon wer weiB wie lange 

431 



mit einer Aufzeichnung „En traduisant Marcel Proust" in 
Gedanken urn und habe eben jetzt in Marseille von den dor- 
tigen „Cahiers du Sud" die Zusage erhalten, sie zu bringen. 
Nur mit der Abfassung wird es noch gute Weile haben. Im 
Grunde wird sie iiber das Ubersetzen eigentlich wenig ent- 
halten; sie wird von Proust handeln. - Bei dieser Gelegenheit 
schalte ich ein, was ich zum Buber-Disput noch zu sagen, 
vielmehr besser zu fragen habe. Zu fragen, nach den Elemen- 
ten D einer Stellungnahme, die mir hier natiirlich das wich- 
tigste ist. DaB ich mich selber, geschweige Kracauer, in dieser 
Sache nicht als kompetent ansehe, brauche ich nicht zu sagen. 
Ich kann iiber etwas, zu dem ich keinen taktischen Zugang 
habe (das ich nicht greifen kann) sondern nur aus der Feme 
und von oben in Einer Richtung - vom Massiv des deutschen 
Sprachgeistes aus — liegen sehe, nur MutmaBungen haben. 
[. . .] Ich habe keine Vorstellung, was oder wem in aller Welt 
an einer Ubersetzung der Bibel ins Deutsche zur Zeit von 
rechts wegen liegen konnte. Gerade jetzt — da die Gehalte 
des Hebraischen neu aktualisiert werden, das Deutsche sei- 
nerseits in einem hochst problematischen Stadium und vor 
allem fruchtbare Beziehungen zwischen beiden, wenn iiber- 
haupt, so nur latent mir scheinen moglich zu sein, kommt 
da nicht diese Ubersetzung auf ein fragwiirdiges Zur- 
Schau-Stellen von Dingen hinaus, welche zur Schau ge- 
stellt sich augenblicks im Lichte dieses Deutsch desavouieren? 
Wie gesagt wird diese Frage mir von den Proben des 
Textes, die ich kenne, nur umso naher gelegt. Es ware 
schon, wenn Du mir hierauf wenigstens andeutungsweise 
mitteilen konntest, wie Du Dich seinerzeit 4 zu diesem 
Thema geauBert hast. [. . .] Um Frankfurt herum scheint 
mir alles verfahren: meine Unruh-Kritik soil keinerlei 
Echo geweckt haben, es sei denn, daB man eine vor lauter 
Dummheit schon gerissene Erwiderung auf sie so nennen 
will, die eih Freund dieses Edelmannes demnachst in der 
„Literarischen Welt" mit einer Duplik von mir versehen, ver- 
offentlichen soil. Mir fallt es aber sehr schwer, zum zweiten 
Male etwas zu der Sache zu bemerken. Erfreulicher kann Dir 
vielleicht eine kleine Notiz von mir zu Hebels lOOjahrigem 

432 



Todestag begegnen, die, wenn Du dieses erhaltst, Dir in der 
„Literarischen Welt" schon vorliegen wird. Gleichzeitig 
schrieb ich fur Zeitungen noch eine andere 5 . Vor allem ist nun 
mein Buch „EinbahnstraBe" fertig geworden - von dem ich 
Dir doch wohl schon schrieb? Es ist eine merkwiirdige Orga- 
nisation oderKonstruktion aus meinen„Aphorismen" gewor- 
den, eine StraBe, die einen Prospekt von so jaher Tiefe - das 
Wort jiicht metaphorisch zu verstehen! — erschlieBen soil, wie 
etwa in Vicenza das beruhmte Biihnenbild Palladios: Die 
StraBe. Weihnachten soil es vorliegen, hoffentlich kommt es 
dazu. Den Erscheinungstermin des Barockbuches, dem ich 
mir allerdings, und ungeduldig, Dich als Leser wunschte, so- 
wie des Wahlverwandtschaftenbuches hat Rowohlt vertrags- 
widrig immer von neuem vertagt. Es soil im Oktober eine 
definitive Festsetzung erfolgen. Meine Scripta stehen also, 
wie Du siehst, fast samtlich noch aus (nur Proust: A l'ombre 
des jeunes filles en fleurs kbnntest Du vielleicht vor Weihnach- 
ten noch erhalten) wahrend Deine es gottseidank (und leider) 
wohl hauptsachlich in Bezug auf mich tun. Denn ich habe 
bisher weder den Beliar-Aufsatz noch den Beitrag iiber die 
Damonenkompilation der Briider Cohen 6 (falls dieser inzwi- 
schen audi schon erschienen sein sollte). Bitte laB mir das 
Fertige doch sogleich — nach Berlin — zugehen. Mit beson- 
derer Spannung aber wiirde ich auf. „Kontemplation und 
Extase in der jiidischen Mystik" warten, wenn dieser Vor- 
trag in einer mir mittelbar oder unmittelbar zuganglichen 
Sprache erscheint. Du hast ihn doch programmaBig gehal- 
ten? Die Rezension iiber den Kabbalaschander (Pauly?) sende 
mir ebenfalls bitte gleich nach Erscheinen 7 . — Die Hoffnung, 
einige Zeit in Paris mit Dir zusammenzusein, will ich sehr 
festhalten. Deinerseits wirst Du im Ernstfalle dafiir — als fur 
eine wissenschaftliche Reise — das Geld doch aufbringen kon- 
nen? Wenn wir uns sehen, wird hoffentlich das Trauerspiel- 
buch vorliegen. Die Vorrede dazu macht mir Kummer. Den 
einzig gangbaren, von Dir vorgeschlagenen Weg einer Be- 
merkung von abschlieBender Sachlichkeit, habe ich mir durch 
den Umstand verschlossen, daB ich die Arbeit (wahrscheinlich 
sehr ttiricht!) um der „Ablehnung" zu entgehen, zuriickzog. 

433 



Und daher bleibe ich weiter unschliissig, was zu tun, weil ich 
sie nur sehr ungern ohne ein Wort lib er Entstehung und 
Kindheitsschicksal heraus lassen wiirde. 

[...]■ 

Komme ich nach Berlin, so steht auf meinem Programm 
unter anderem eine Generalrevision meiner Bibliothek an 
Hand des endlich aufzuarbeitenden Zettelkataloges. Ich will 
viel ausrangieren ; im Wesentlichen mich auf deutsche Lite- 
ratur (neuerdings mit gewisser Bevorzugung des Barock, was 
aber meine Mittel sehr schwer machen), franzosische Litera- 
tur, Religionswissenschaft, Marchen und Kinderbucher be- 
schranken. In der letzten Gruppe gibt es nicht zahlreiche 
Neuerscheinungen, doch sind sie fast alle, glaube ich, Deiner 
Teilnahme wiirdig. Insbesondere drei Schauerromane aus den 
fiinfziger Jahren — mit bunten Bildern! — enorm schon und 
selten, von denen ich zwei kiirzlich durch Tausch erworben 
habe. Und zwar gegen die Erstausgabe von Burckhardts: 
Geschichte Konstantins des GroBen. — Vergangenen Sonntag 
bin ich in Aix- en -Provence gewesen. Kommst Du etwa nach 
Frankreich iiber Marseille, so muBt Du ganz bestimmt die 
zweistiindige Fahrt mit der Tram machen, um diese unsagbar 
schon entschlummerte Stadt zu sehen. Ein Stiergefecht, das 
ich am Nachmittag vor ihren Toren mir ansah, paBte kaum 
hin und verlief etwas kummerlich. — Zum SchluB will ich 
Dir erzahlen, daB mit der gleichen Post, die Deinen Brief 
brachte, von der „Literarischen Welt" die Aufforderung 
kam, von Buber die „Rede iiber das Erzieherische" und „Das 
BuchNamen" (??), vonRosenzweig „DieSchrift und Luther" 
zu besprechen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daB ich das 
schon bleiben lasse und umso eher Belehrung und Nachrich- 
ten von Dir erwarte. 
Ich griiBe Dich und Escha herzlich 

Dein Walter 

1 W. B. schrieb Saafed. Safed in Galilaa - die heiligc Stadt der Kat- 
balisten. Sch. verbrachte dort die Sommerferien. 

2 Die Schreibung ist eine Mischung aus Shandy und dem in Bodes 
deutscher Ubersetzung gebrauchten Schandi. 

3 S. L. Steinheim, Die Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Syn- 

434 



agoge (1855-1865), ein Hauptwerk der jiidischen Religionsphilosophie. 

4 In einem ausfuhr lichen Brief an Buber im April 1926. Scholems 
Bedenken lagen in ganz anderer Richtung. Zur Sache vgl. jetzt Sch.'s 
Rede iiber diese Ubersetzung in seinen „Judaica" (Bibliothek Suhr- 
kamp No. 107), 207-215. 

5 Schriften II, S. 279-283. 

6 Hebraische Arbeiten Sch.'s. 

7 Eine Besprecbung von Paul Vulliaud, La Kabbale Juive, Paris 1925, 
die Sch. in der Orientalistischen Literaturzeitung 1925, Spalte 494 ff. 
veroffentlicht hatte. Jean de Pauly war der Autor der franzosischen 
Sohar-Ubersetzung, von der Sch. aiich nichts hielt. 



1J8 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin, 30. Oktober 1926 

Lieber und hochverehrter Herr von Hofmannsthal! 

Sie erneuern mit jedem Ihrer Brief e die Forderung, die aus 
dem BewuBtsein mir zuteil wird, daB meine Arbeit — sachlich 
wie auBerlich - auf Sie zahlen darf. Ihr letzter Brief aber 
steigert sie noch, indem er ungeachtet einer Schweigsamkeit, 
die mich selber zuletzt bedriickte, so freundschaftliche und, 
wie Sie wissen, so begliickende Wortefiir mich und mein Buch 
findet. Der letzte Sommer ist mir ungut verlaufen und wenn 
im Augenblick das Schlimmste iiberwunden scheint, ist doch 
ein gemindertes Wohlbefinden der Riickstand einer langen 
Folge von besorgten Tagen. Im Juli ist mein Vater gestorben. 
Die letzten Wochen, da ein Brief an Sie mir von Tag zu Tag 
dringlicher wurde, hielten mich, im Zusammenhange damit, 
auBere Geschafte ab. Und endlich hatte ich dennoch schneller 
auf Ihren mir so hochst wichtigen Vorschlag in der Verlags- 
angelegenheit geantwortet, wenn nicht Rowohlt seit meiner 
Ruckkehr verreist gewesen ware. Nehmen Sie bitte vor allem 
den herzlichsten Dank fur das hilfreich Ermutigende, das fur 
mich in ihm liegt. Ich kann im Augenblick, ohne Rowohlt 
nochmals gesprochen zu haben, nicht ganz insReinekommen. 
Ein letztes Ultimatum in der Sache schulde ich ihm noch. 
(Auch spielt mein Wunsch mit, insofern es moglich, meine 

435 



Sachen alle im gleichen Verlage erscheinen zu sehen: mein 
neues Notizen- oder Aphorismenbuch fande in einen wis- 
senschaftlichen Verlag nicht leicht Eingang. Rowohlt dage- 
gen hat es iibernommen). Das Entscheidende aber bleibt, dafi 
das Barockbuch in ein paar Monaten unbedingt vorliegen 
muB. Kann Rowohlt mir diese biindige GewiBheit nicht 
geben, so wiirde ich mit Dank und Vertrauen den nachsten 
Schritt Ihrem Ermessen anheimgeben. In diesem Sinne bitte 
dank en Sie auch [Walther] Brecht. 

Im September bin ich iiber Paris nach Marseille gefahren 
und habe diese wundervolle Stadt, das noch herrlichere Aix 
und vierzehn Tage Mittelmeer genieBen diirfen. Nun bin 
ich seit einiger Zeit hier und will bis Weihnachten bleiben. 
Ein bis zwei Monate werde ich mich noch mit "Ubersetzen be- 
f assen, dann aber das auf langere, Zeit hinter mir lassen. Dazu 
ordne, revidiere und sichte ich meine Bibliothek und mache 
dabei, wie das die Regel ist, uberraschende Entdeckungen. So 
lernte ich nicht ohne Staunen, wie noch um die Mitte des vori- 
gen Jahrhunderts Literaturgeschichte geschrieben wurde. Wie 
kraftig, relief mafiig profiliert im Sinne eines schon geglieder- 
ten Frieses ist die dreibandige Geschichte der deutschen Lite- 
ratur seit Lessings Tod, die Julian Schmidt 1 verfaBt hat. Man 
sieht, was mit der Organisation im Sinne der Nachschlage- 
werke dergleichenBiicher verlorenhaben,wiedie (unanfecht- 
baren) Erfordernisse neuerer wissenschaftlicher Technik un- 
vereinbar mit der Gewinnung eines eidos, eines Lebensbildes 
sind. Auch ist erstaunlich, wie mit der historischen Distanz 
die Objektivitat dieser eigenwilligen Chronistengesinnung zu- 
nimmt, wahrend nichtsdie wohlabgewogenelaueUrteilsweise 
in neueren literargeschichtlichen Werken davor bewahren 
wird, als spannungs- und interesseloser Ausdruck des Zeit- 
geschmacks zu erscheinen, eben weil nichts Personliches ihn 
korrigiert. Es traf sich, daB ich gerade in den letzten Tagen 
Walzels „Wortkunstwerk" ein in diesem Sinne typischmoder- 
nes Buch, und immer noch der besseren eines, anzuzeigen 
hatte, und dies und anderes habe in meiner Besprechung 2 
zum Ausdruck zu bringen gesucht. Die Arbeit, die mich ver- 
anlaBt, dergestalt auf eine bestimmte Periode deutscher Lite- 

436 



raturgeschichtsschreibung zuriickzugehen, ist ebenso reizvoll 
als verantwortlich und schwer: ich habe den Artikel „Goethe" 
fiir eine russische Enzyklopadie abzuf assen. Freilich erschiene 
es mir fast als Wunder, wenn es mir gliicken konnte, auf ver- 
haltnismaBig kurzem Raume ein Bild Goethes zu geben, das 
gerade in gegenwartige russische Leser sich einzeichnet; 
grundsatzlich aber scheint es mir nicht alleinmoglichsondern 
hdchst fruchtbar. 

Das Notizbuch zieht wohl oder iibel seinen Gewinn aus 
der unbilligen Verzogerung seines Erscheinens und hat in 
Marseille undhier noch manches in sich aufgenommen. Nicht 
ganz ohne Bangnis werde ich eines, hoffentlich baldigen, 
Tages es Ihnen vorliegen wissen. Denn es stellt ein Hetero- 
genes oder vielmehr Polares dar, aus dessen Spannung viel- 
leicht gewisse Blitze zu grell, gewisse Entladungen zu polternd 
hervorgehen. (Nur der falsche Klang des Theaterdonners be- 
gegnet Ihnen, hoffentlich, nirgends darin.) 

DaB der geplante Vorabdruck des Melancholiekapitels nun 
doch zustande kommen soil f reut mich um meinetwillen und 
als gutes Omen fur den Fortgang der „Beitrage". Es ist nicht 
schwer, das Kapitel dem Umfang nach den redaktionellen 
Erfordernissen anzupassen. Wollten Sie die Giite haben, im 
gegebenen Augenblick das Manuscript mir zugehen zu las- 
sen, so erhalten Sie es sofort mit Strichen zuriick, die das 
Wesentliche des Gedankenganges und der Zitate unange- 
tastet lassen. - Wird es Ihnen nicht als Eitelkeit erscheinen, 
wenn ich ausspreche, dafi am innigsten mich die Wendung 
erfreut hat, in der Sie lobend des Stilistischen Erwahnung 
tun? Ich habe mir dabei viel „Miihe gegeben", einmal, weil 
ich nicht anders konnte, dann aber ausgehend von der Maxime, 
daB einem streng durchgefiihrten Minimalprogramm des 
Stils ein gliicklich durchgefuhrtes Maximalprogramm des 
Gedankens fiir gewohnlich entspricht. Endlich frappierte 
mich Ihr Brief mit Ihrem Hinweis auf das eigentliche, so 
sehr versteckte Zentrum dieser Arbeit: die Darlegung iiber 
Bild, Schrift, Musik ist wirklich die Urzelle der Arbeit mit 
ihren wortlichen Anklangen an einen jugendlichen Versuch 
von drei Seiten „Uber die Sprache in Trauerspiel und Trago- 

437 



die". Die tiefere Ausfiihrung dieser Dinge wiirde mich frei- 
lich aus dem deutschen Sprachraum in den hebraischen fiih- 
ren miissen, der, aller Vorsatze ungeachtet, bis zum heutigeri 
Tage immer noch unbetreten vor mir liegt. Es ist ein Gliick, 
fiir das ich nicht einmal Ihnen danken darf, daB Sie die 
schopferische Probe auf die Analyse eines (in der Tat nur 
dem Oberflachlichen und im Oberflachlichen) vergangeneri 
Zustandes des deutschen Dramas machen. Mit verdoppelter 
Ungeduld erwarte ich die Auffuhrung und damit die neue 
SchluBfassung des „Turms". So bringt mir was Sie schreiben 
ein Echo, auf das ich fast verzichten zu miissen geglaubt hatte. 
Denn ich wuflte damals, unter der Arbeit, die Wahrheit zu 
sagen, von alien selbst mir nahestehenden Freunden nur den 
einzigen Rang, von dem ich gewiB war, dafi er das „mea res 
^agitur" dem Buche wiirde zuerkennen wollen. Auch verdanke 
ich darin vieles Einzelne seinen Briefen. Als er starb, wuBte 
ich zunachst nicht: wer wird das lesen — vielmehr: wen wird 
es angehen. Ihnen danke ich es, daB diese Frage sich beant- 
wortet hat. Und durch Sie betrifft es, wenn nicht viele, so 
doch jedenfalls alle, die es betreffen will und darf. Vielleicht 
darf ich neben der Teilnahme von [Walther] Brecht spater 
auch auf das Interesse des hamburger Kreises um [Aby] 
Warburg hoffen. Jedenfalls wiirde ich unter seinen Mitglie- 
dern (zu denen ich selber keine Beziehungen habe) am ersten 
akademisch geschulte und verstandnisvolle Rezensenten zu- 
gleich mir erwarten; im iibrigen werde ich gerade von Seiten 
der offiziellen Wissenschaft nicht allzuviel Wohlwollen mir 
erwarten. 

Ich verbleibe mit sehr herzlichen GriiBen Ihr dankbar 
ergebener 

Walter Benjamin 

PS Ich sende dies eingeschrieben, weil ich nicht weiB, ob 
die Adresse genau genug ist. 

1 Unter diesem Titel von der 5. Aufl., 1866 f., an. 

2 Erschienen im Literaturblatt der Frankfurter Zeitung vom 7. 11. 
1926 (Jahrg. 59, Nr. 45). 



438 



159 An Jula Radt 

Moskau 

Sadowaja Triumfalnaja 

26.Dezember 1926 

Liebe Jula, 

hoffentlich bekommst Du diesen Brief. Dann antworte mir 
auch schon. Ich wage erst jetzt zu schreiben, denn jetzt erst 
habe ich, seit meiner Ankunft, die ersten Nachrichten aus 
Deutschland erhalten, Ich dachte daher, alles geht verloren. 
Aber die Post scheint zuverlassig zu sein. Eine Karte habe 
ich Dir bereits geschrieben. — Du muBt nicht denken, daB es 
leicht ist, von hier Nachricht zu geben. An dem was ich sehe 
und hore, werde ich sehr lange zu arbeiten haben, bis es sich 
mir irgendwie formt. Die Gegenwart in diesen Verhaltnis- 
sen — und sogar schon eine fliichtige — hat einen auBerordent- 
lichen Wert. Es ist alles im Bau oder Umbau und beinah 
jeder Augenblick stellt sehr kritische Fragen. Die Spannun- 
gen im ' offentlichen Leben — die zum groBen Teil einen 
geradezu theologischen Charakter haben - sind so groB, daB 
sie alles Private in unvorstellbarem MaBe abriegeln. Wenn 
Du hier warest, so wiirdest Du Dich wahrscheinlich noch 
weit mehr wundern als ich es tue; ich erinnere mich an 
manches, was Du im Sommer in Agay iiber „RuBland" ge- 
sagt hast. — Bewerten kann ich das alles nicht; im Grunde 
sind dies Verhaltnisse, zu denen man mitten in ihnen Stel- 
lung nehmen kann und muB, dann vielleicht sogar in vielem 
eine ablehnende; von auBen kann man sie nur beobachten. 
Und es ist vollig unabsehbar, was dabei in RuBland zunachst 
herauskommen wird. Vielleicht eine wirkliche sozialistische 
Gemeinschaft, vielleicht etwas ganz anderes. Der Kampf, der 
dariiber entscheidet, ist ununterbrochen im Gange. Sachlich 
mit diesen Verhaltnissen verbunden zu sein ist hochst frucht- 
bar — mich aus grundsatzlichen Erwagungen in sie hinein- 
zustellen, ist mir nicht moglich. Wie weit ich aber sachliche 
Beziehungen zu den hiesigen Angelegenheiten bekomme, 
werde ich sehen. Verschiedene Umstande machen es wahr- 



439 



scheinlich, dafi ich von jetzt ab aus dem Ausland ausfiihr- 
lichere Artikel an russische Zeitschriften geben werde und 
moglicherweise werde ich auch in. groBerem Umfang an der 
„Enzyklopedie" arbeiten. Es ist sehr viel zu tun und in 
geisteswissenschaftlichen Angelegenheiten haben die Leute 
hier einen unvorstellbaren Mangel an sachverstandigen Mit- 
arbeitern. - Was ich andererseits uber meinen Aufenthalt 
hier etwa schreiben werde, weiB ich noch nicht. Ich werde 
Dir wahrscheinlich schon mitgeteilt haben, da6 ich zunachst 
eine groBe Materials ammlung in Form eines Tagebuchs an- 
gelegt habe. 1 - Dem Schrecken des Weihnachtsabends bin ich 
beim schonen Gesumme eines Samowars entronnen. Es gab 
auch sonst sehr viel Schones; eine Schlittenfahrt durch rus- 
sischen Winterwald zu einem hiibschen kleinen Madchen das 
ich besuchte 2 , und dabei lernte ich ein vorziigliches Kinder - 
sanatorium kennen. Sehr viel bin ich im Theater — liber das 
die ungeheuerlichsten Vorstellungen verbreitet sind. In Wirk- 
lichkeit sind von allem, was ich bis jetzt sah, die Vorstellun- 
gen bei Meyerhold das einzig Bedeutende. Die Spaziergange 
in der Stadt sind selbst bei groBter Kalte (ich hatte bis 26°) 
sehr schon, wenn ich nicht gerade iibermudet bin. Das kommt 
mir wegen der Schwierigkeiten der Sprache und der Harte 
der auBeren Existenz hier ofter vor. Der Aufenthalt in dieser 
Jahreszeit ist auBerordentlich gesund und ich habe mich, 
alles in allem und trotz allem genommen, sehr lange nicht so 
gut gefuhlt. Aber er ist unvorstellbar teuer, wahrscheinlich 
ist Moskau so ungefahr der teuerste Platz der Erde. — Mehr 
und Konkreteres werde ich Dir erzahlen, wenn ich zuriickbin. 
Hast Du den Kopf von Stone 3 photographieren lassen? Wie 
geht es Dir eigentlich? Ist Use 4 in Berlin gewesen? Wie geht 
es mit Fritz? Dieses alles schreibe mir fein sauberlich auf, 
auf mehreren Bogen Deines erlauchten diinnen Papiers. Die 
Adresse kannst Du mit lateinischen Buchstaben schreiben. 
Aber antworte anmutig und postwendend. Ich wunsche Dir 
gnadige Sylvester- und freundliche Neujahrsdamonen. 

Dein Walter 

1 Das Tagebuch ist erhalten. 

2 Die Tochter von Asja Lacis. 

440 



3 Sascha Stone } ein bekannter Photograph, hatte auch den Umschlag 
von W, B.s „EinbahnstraBe" gemacht. Die Photographie des Kopfes 
ist erhalten. 

4 Use Hermann, eine Freundin der Adres satin. Jula Cohn-Radt hatte 

ihr herliner Atelier im Hause von Use Hermanns Extern. 



160 An Gerhard S cholera 

Berlin, 23. Februar 1927 

Lieber Gerhard, 

morgen sind es drei Wochen, daB ich wieder in Berlin bin. Es 
gibt sehr viel Arbeit fur mich. Ich fordere sie nicht hinrei- 
chend schnell; jede kleine Leistung, die zu stande kommt, ist 
bei mir in sehr viel MiiBiggang verpackt. Jetzt, nach kurzer 
iib erst andener Ankunftsgrippe, beschaftigt mich ein Artikel 
iiber Moskau 1 . Einige winzige Referate wirst Du in der „Li- 
terarischen Welt" gesehen haben oder imFolgenden noch fin- 
den 2 ; etwas Zusammenhangenderes zu schreiben ohne dem 
Abgrund des Geschwatzes zu verfallen, der sich unter sol- 
chem Versuche fast bei jedem Schritte vor einem offnet, ist 
sehr schwer. Gewisse Einzelheiten, die sich nicht durch mich 
bestimmen lieBen, wirkten zeitweise ungiinstig auf meine 
Aktionsmoglichkeiten in Moskau ein, so daB ich nicht so viel 
herumgekommen bin, wie ich es gewiinscht hatte. Aber zwei 
Monate, in denen ich so oder so in und mit der Stadt mich 
herumschlagen muBte, haben mir, wie ich von hier aus und 
in Unterhaltungen mit hiesigen Leuten sehr bald festgestellt 
habe, doch Dinge gegeben, zu denen ich auf anderm Wege 
kaum gekommen ware. Moglich, daB mir gelingt (aber ich 
weiB es nicht) einiges davon fur so avertierte Leser wie Dich 
in denNotizen iiber Moskau transparent zu machen, an denen 
ich augenblicklich arbeite. 

Mit meinem Goethe- Artikel fur die russische Enzyklopa- 
die habe ich wenig Gliick gehabt. Freilich laBt der Tatbestand, 
daB er nicht erscheinen wird, sich auch anders begriinden. 
Den Leuten ist sozusagen das Expose eines solchen Artikels, 

441 



welches ich ihnen eingesandt habe, zu radikal gewesen. Sie 
werden der europaischenGelehrtenweltgegenubergut aristo- 
telisch von Furcht und Mitleid geschiittelt, wollen ein Stan- 
dard werk marxistischer Wissenschaft, gleichzeitig aber etwas 
zu stande bringen, was in Europa eitel Bewunderung erwek- 
ken soil. Immerhin glaube ich, daB dieses Expose so interes- 
sant ausgefallen ist, daB es mat einigen Kautelen einmal 
anderswo erscheinen kdnnte. 

Dora und ich griiBen Euch herzlich. 

Dein Walter 

1 Die Kreatur, 1927, S. 71-101. Jetzt Schriften II, S. 30-66. 

2 In den Nrn. vom 3. Dez. 1926 und 11. Febr. 1927. 



161 An Martin Buber 

Berlin, 23. Februar 1927 

Sehr verehrter Herr Buber, 

etwas langer als ich vermutet hatte, hat sich mein Aufent- 
halt in Moskau hingezogen. Als ich dann in Berlin angekom- 
men war, muBte ich zunachst eine Grippe absolvieren. Nun 
bin ich seit einer Reihe von Tagen an der Arbeit, kann Ihnen 
aber Ende Februar das Manuskript 1 noch nicht iibersenden. 
Wiirden Sie so freundlich sein, mir zu schreiben, wann Sie 
Deutschland verlassen? Ich werde unter alien Umstanden 
trachten, das Manuskript etwa acht Tage vorher in Ihre 
Hande gelangen zu.lassen. Ihr Hinweis auf Wittigs Arbeit 
ist mir wertvoll und einleuchtend. Eines kann ich Ihnen aufs 
Bestimmteste zusagen - das Negative: alle Theorie wird mei- 
ner Darstellung fernbleiben. DasKreatiirliche gerade dadurch 
sprechen zu lassen, wird mir, wie ich hoff e, gelingen : soweit 
mir eben gelungen ist, diese sehr neue, befremdende Sprache, 
die laut durch die Schallmaske einer ganz veranderten Um- 
welt ertont, aufzufassen und festzuhalten. Ich will eine Dar- 
stellung der Stadt Moskau in diesem Augenblick geben, in 

442 



der „alles Faktische schon Theorie" ist und die sich damit 
aller deduktiven Abstraktion, aller Prognostik, ja in gewis- 
sen Grenzen auch alien Urteils enthalt, welche samtlich mei- 
ner unumstoBlichen Uberzeugung nach in diesem Fall 
durchaus nicht von „geistigen" Daten sondern allein von 
wirtschaftlichen Fakten aus gegeben werden konnen, iiber 
die selbst in RuBland nur die wenigsten einen geniigend gro- 
Ben Uberblick haben. Moskau, wie es jetzt, im Augenblick 
sich darstellt, laBt schematisch verkiirzt alle Mbglichkeiten 
erkennen: vor allein die des Scheiterns und des Gelingens der 
Revolution. In beiden Fallen aber wird es etwas Unabsehba- 
res geben, dessen Bild von aller programmatischen Zukunfts- 
malerei weit unterschieden sein wird und das zeichnet sich 
heute in den Menschen und ihrer Umwelt hart und deutlich ab. 
Hiermit verbleibe ich fiir heute mit den besten GriiBen 
Ihr sehr ergebener 

Walter Benjamin 

l Von „Moskau" fiir die „Kreatur". 



162 An Hugo von Hofmannsthal 

Pardigon, 5. 6. 1927 

Hochverehrter Herr von Hofmannsthal, 

es ist, glaube ich, bald ein Jahr vergangen, seit ich Ihnen 
geschrieben habe. Inzwischen bin ich in RuBland gewesen 
und wenn ich wahrend meiner beiden Monate in Moskau 
nichts verlauten lieB, weil ich unter dem ersten Eindruck des 
fremden intensiven Lebens nichts berichten konnte, so habe 
ich spater in der Hoffnung gezogert, meinen Versuch einer 
Beschreibung dieses Aufenthaltes dem ersten Briefe an Sie 
beilegen zu konnen. Er ist aber, trotzdem er in den Fahnen 
langst vorliegt, noch nicht erschienen. Dort habe ich es unter- 
nommen, diejenigen konkreten Lebenserscheinungen, die 
mich am tiefsten betroffen haben, so wie sie sind und ohne 
theoretische Exkurse, wenn auch nicht ohne innere Stellung- 

443 



nahme, aufzuzeigen. Natiirlich liefi die Unkenntnis der 
Sprache mich uber eine gewisse schmale Schicht nicht hin- 
ausdringen. Ich habe aber, mehr noch als an das Optische 
mich an die rhythmische Erfahrung fixiert, wo die Zeit, in 
der die Menschen dort leben und in der ein urspriinglicher 
russischer Duktus mit dem neuen der Revolution sich zu 
einem Ganzen durchdringt, das ich westeuropaischen MaBen 
noch weit inkommensurabler fand als ich erwartet hatte. 
— Die literarische Unternehmung, die ich, sehr nebenbei, auf 
dieser Reise im Sinne trug, hat sich als undurchfuhrbar er- 
wiesen. Die Leitung der groBen russischen Enzyklopadie 
stellt einen Apparat von fiinf Instanzen dar, umfaBt sehr 
wenig kompetente Forscher und ist nicht im entfernte- 
sten im Stande, ihr Riesenprogramm zu bewaltigen. Ich sel- 
ber habe beobachten konnen, mit wieviel Unkenntnis und 
Opportunisms man zwischen dem marxistischen Programm 
der Wissenschaft und dem Versuch, ein europaisches Prestige 
sich zu sichern hin und her schwankt. Diese private Enttau- 
schung aber kommt ebenso wenig wie die Schwierigkeiten 
und Harten eines moskauer Aufenthalts im tiefsten Winter 
gegen den gewaltigen Eindruck auf, den eine Stadt mitteilt, 
in der alle Bewohner noch erschiittert sind von den groBen 
Kampfen, in die, so oder anders, jeder verwickelt war. Mei- 
nen Aufenthalt in RuBland schloB ich mit dem Besuch von 
Sergejero-Lawra ab, dem zweitaltesten Kloster des Reich es 
und der Wallfahrtsstatte aller Bojaren und Zaren. Zimmer 
voller juwelenbedeckter Stolen, voller unabsehbar aufgereih- 
ter illuminierter Evangeliare und Andachtsbucher, von den 
Manuscripten der Athosmonche bis zu denen des 17 ten Jahr- 
hunderts, ebenso zahllose Ikonen aus alien Zeiten mit ihren 
Goldverkleidungen, aus denen die Madonnenkopfe wie aus 
chinesischen Halseisen hervorschauen, durchschritt ich, mehr 
als eine Stunde bei einer Temperatur von 20° unter Null. Es 
war wie das Gefrierhaus wo eine alte Kultur wahrend der 
revolutionaren Hundstage sich unter Eis konserviert. In den 
berliner Wochen, die folgten, war meine Arbeit im wesent- 
lichen, dem Tagebuch, das ich zum ersten Male seit funfzehn 
Jahren und sehr ins Einzelne auf dieser Reise gefiihrt habe, 

444 



die Dinge zu entnehmen, die der Mitteilung fahig sind. Von 
Proust war, als ich nach Deutschland zuriickkam „Im Schat- 
ten der jungen Madchen" erschienen und der Verlag hat, wie . 
ich mich vergewisserte, in meiner Abwesenheit den Band 
Ihnen zugehen lassen. Sollten Sie einen Blick hineingeworfen 
haben, so sind Sie hoffentlich nicht allzu unfreundlich be- 
riihrt worden. Die Aufnahme durch die Kritik war giinstig. 
Aber was besagt das? Ich glaube mir dariiber klar zu sein, 
daB jede Ubersetzungsarbeit, die nicht aus hochsten und 
dringendsten praktischen Zwecken (wie Bibeliibersetzung — 
als Typus) oder aus rein philologischer Studienabsicht unter- 
nommen wird, etwas Absurdes behalten muB. Ich ware schon 
glucklich, wenn es in diesem Fall nicht allzu aufdringlich 
merkbar wird. — Die Lange dieses Brief es wird Ihnen, hoch- 
verehrter Herr von Hofmannsthal, au£ den ersten Blick an- 
geraten haben, ihn auf einen Augenblick zuriickzulegen, da 
Sie nicht allzusehr mit Ihrer Zeit rechnen miissen; und nur 
aus dieser Erwartung und im BewuBtsein von Ihrem wahren 
Interesse fur mich, nehme ich den Mut, noch weiter von mir 
zu erzahlen. Im ganzen gilt zur Zeit meine Arbeit der Festi- 
gung meiner pariser Position. Denn ich werde versuchen, 
den Aufenthalt dort - jetzt bin ich fur ein paar Pfingsttage 
mit meiner Frau in Pardigon, bei Toulon — durch literarische 
Berichte und andere nebensachlichere Arbeiten zu sichern. 
Zwar habe ich die Wahrheit meiner ersten Erfahrung, die 
Sie mir selbst so nachdriicklich bestatigt haben, immer wieder 
bewahrt gefunden: es ist ganz auBerordentlich selten, Fiih- 
lung mit einem Franzosen zu gewinnen, die fahig ware, eine 
Unterhaltung iiber die erste Viertelstunde hinauszutragen. 
Aber es ist mit der Zeit eine Versuchung fur mich geworden, 
dem f ranzbsischen Geist auch in seiner aktuellen Gestalt nahe 
zu kommen, ganz abgesehen davon daB er mich anhaltend 
im historischen Kostiim beschaftigt und ich durchaus vor- 
habe, an diese seine altere Erscheinung einmal mein Wort zu 
plazieren. Ich denke manchmal an eine Arbeit iiber die fran- 
zosische Tragodie als an ein Gegenstlick meines Trauerspiel- 
buches. Urspriinglich war mein Plan bei diesem Buche ge- 
wesen, das deutsche und das franzosische Trauerspiel in ihrer 

445 



kontrastierenden Natur zu entwickeln. Zu alledem tritt aber 
ein anderes. Wahrend ich mit meinen Bemiihungen und 
Interessen in Deutschland unter den Menschen meiner Gene- 
ration mich ganz isoliert fiihle, gibt es in Frankreich einzelne 
Erscheinungen - als Schriftsteller Giraudoux und besonders 
Aragon - ais Bewegung den Surrealismus, in denen ich am 
"Werk sehe, was auch mich beschaftigt. Fur jenes Notizen- 
buch, von dem ich Ihnen vor langer Zeit, sehr verf riiht, einige 
Proben sandte, habe ich in Paris die Form gefunden. Ich 
habe die Hoffnung, einiges daraus ebenso wie Teile meines 
Berichts aus Moskau in Ubersetzung hier veroffentlichen zu 
konnen. Dagegen bin ich mit dem Gang der Dinge in 
Deutschland wenig zufrieden. Rowohlt hat den Gesamtver- 
trag, den ich mit ihm habe, in ideellen Teilen so riicksichtslos 
verletzt, daB ich mich augenblicklich nicht entschlieBen kann, 
ihm das Imprimatur zum Barockbuche zu erteilen. Ich weiB, 
daB diese ewigen Verschleppungen schlieBlich verhangnisvoll 
werden konnen. In kurzem muB aberdieEntscheidung fallen, 
nach der sich richtet, ob ich bei Rowohlt bleibe oder einen 
anderen Verleger suche. Inzwischen erhielt ich vor vielen 
Wochen die erste Korrektur des Melancholiekapitels in den 
„Beitragen". Gleichzeitig mit deren Erledigung ging ein 
langer Brief an Herrn Wiegand ab. Es ist mir nicht erkliir- 
lich und auf die Dauer beunruhigend, kein Wort von Herrn 
Wiegand zu horen. Ich weiB mir sein Stillschweigen nicht 
zurechtzulegen. Hier in Pardigon arbeite ich an einer langst 
geplanten Anzeige der groBen kritischen Ausgabe von Kellers 
Werken. (Ich stieB zufallig bei dieser Gelegenheit auf einige 
Worte, die er iiber die franzosische Tragbdie sagt; sie fallen 
durch ihre hohe Einsicht aus allem heraus, was damals iiber 
diesen Gegenstand zu sagen Mode war.) Diese Arbeit macht 
mir viel Freude und in der Hoffnung, daB sie auch einige 
geben kann, will ich sie Ihnen gleich nach Erscheinen zu- 
senden. Ich mochte mit der Versicherung schlieBen, wieviel 
ein, wenn auch noch so kurzes Wort von Ihnen mir bedeuten 
wiirde und bleibe mit dem Ausdruck aufrichtiger Verehrung 
und herzlichen GriiBen 

Ihr sehr ergebner Walter Benjamin 

446 



163 An Martin Buber 

Paris, 26. Juli 1927 

Sehr verehrter Herr Doktor Buber, 

Sie werden nicht gut von mir gedacht haben: ich habe sehr 
lange nicht von mir horen lassen. Einige Monate wuBte ich 
nicht, wo ich Sie zu suchen habe. Inzwischen sind Sie sicher 
aus Palastina zuriick. Als dann das Heft erschien, wollte ich 
Ihnen ein paar Worte dariiber schreiben. Ich habe lange ge- 
braucht es mir anzueignen. Es ist ein Ganzes, das mir allmah- 
lich genaue, bestimmte Ziige angenommen hat. Ich brauche 
Ihnen nicht zu sagen, wie gliicklich ich bin, hier neben Rang 
zu stehen. Dieser Brief 1 ist eines der konzentriertesten Be- 
kenntnisse, die ich von ihm kenne. Es ist fur mich unendlich 
schade, dai3 die Auseinandersetzung zwischen seinen gefeif- 
testen geistigen und meinen jiingsten sachlichen Erf ahrungen : 
kultische — kommunistische Arbeit rein virtuell bleibt, selbst 
in mir selber noch durchaus nicht ausgetragen ist. Dieser 
Mann — das habe ich langst gewuBt — ware fiir mich der 
einzige Freund gewesen, in dessen Gesprachen diese Fragen 
mir schnell, entscheidend sich geschlichtet hatten. „Moskau" 
hatte jene personlicheren Akzente, von denen Ihr letzter Brief 
spricht, deutlicher angenommen, wenn ich das, was vor, wah- 
rend und nach diesem Auf enthalt mich bewegte, vor ihn hatte 
bringen konnen. Dennoch ist es hoffentlich einigen Lesern 
deutlich geworden, dafi diese „optischen" Schilderungen in 
ein Gedankengradnetz eingetragen sind. Haben Sie Stimmen 
iiber „Moskau" gehbrt, so ware mir sehr wertvoll zu wissen, 
welche. — Sehr merkwiirdig, ich mochte sagen beunruhigend 
in der Wahrheit ihrer Feststellungen und der Fragen die sie 
erregen ist die Arbeit von Wittig. Ich glaube, es ist sehr lange 
her, daB man diese einfachen aber unendlich schwer greif- 
baren Erfahrungen neu, evident hat aussprechen konnen. Es 
wiirde mich interessieren zu wissen, ob Rang und Wittig sich 
gekannt haben. - Fiir die Zukunft mochte ich Ihnen noch- 
mals ausdriicklich meine Bereitschaft zur Mitarbeit an der 



447 



„Kreatur" versichern und werde, wenn ich selbst im Umkreis 
meiner Arbeit einen Gegenstand sichte, der in Betracht kom- 
men konnte, Sie das wissen lassen. — Scholem kommt dieser 
Tage mit seiner Frau nach Paris. 

Mit den besten Empfehlungen und GriiBen 

Ihr sehr ergebener Walter Benjamin 

Noch besser, wenn Sie gelegentlich einen Vorschlag haben. 

1 An Walther Rathenau. 



164 An Hugo von Hofmannsthal 

Tours, 16.8. 1927 

Lieber hochverehrter Herr von Hofmannsthal, 

Sie haben mir mit den freundlichen Worten aus Mendola 
eine groBe Freude gemacht. Aber auch die fragende Reserve, 
mit der Sie meine angekiindigte Absicht iiber Keller zu 
schreiben aufnehmen, war mir wesentlich und, ich glaube, 
verstandlich. Dieser Aufsatz liegt inzwischen im ersten 
Augustheft der „Literarischen Welt" vor und mag Ihnen 
friiher oder spater vor Augen kommen. Heute will ich, 
schlecht und recht, ein zwei Worte dazu anmerken: iiber eine 
eben geendete Arbeit spricht es sich ja immer am schwersten. 
Ich weiB heute nicht mehr genau, worauf meine erste Bin- 
dung an Keller zuriickgeht; als ich im Jahre 1917 in die 
Schweiz kam, stand mir meine Liebe fur ihn schon deutlich 
fest (das ist mir zufallig durch ein sehr lebhaftes Gesprach 
in Erinnerung, das ich einige Wochen nach meiner Ankunft 
mit meiner Frau hatte). Dann fanden Ernst Bloch und ich 
uns in der Rekapitulation der Kellerschen Schriften zusam- 
men und ich erinnere mich, daB fur uns beide zu verschie- 
denen Zeiten und vielleicht sogar aus verschiedenen Griinden 
die Beschaftigung mit dem „MartinSalander" dem das Siegel 
aufdruckte. Alles was der Name Kellers in Ihnen Wider - 



448 



strebendes aufruft, habe ich an der Lektiire des „Griinen 
Heinrich" erfahren und im„MartinSalander" einen anderen 
Pol dieser Welt mit ganz anderem geistigen Wetter sehen 
wollen. (Erst nachdem ich den Aufsatz geendet hatte, fiel mir 
beim Lesen auf, daB der „Griine Heinrich" darin garnicht 
genannt ist und das erschien mir, wenn ich so sagen darf, als 
Probe aufs Exemplar. Denn um dieses Werk sammelt als um 
ihr Panier sich die Liebe der Philister zu dies em Autor.) 
Immerhin schwebt mir die Notwendigkeit vor, die Einheit 
in der das Beschrankte und Lieblose mit dem Umfassenden 
und Liebevollen echt schweizerisch sich in dem Mann ver- 
schrankt, noch ganz anders einsichtig zu machen. In meinem 
Sinne sind das was ich gab nur Prolegomena - es ist ein Hin- 
weis auf einen anderen iibersehenen Keller nicht die Kon- 
struktion dieses Autors aus seinen beiden scheinbar so dispa- 
raten Halften. An eine solche Aufgabe wage ich fur jetzt 
nicht zu gehen. Ich hoffte mich, wenn auch nur durch 
Kontraststimmung, nach AbschluB des Aufsatzes durch die 
Lektiire von Ricarda Huchs kleinem Inselbiichlein iiber 
Keller 1 dazu bestimmen zu kbnnen; aber mein Widerwille 
gegen diese salbungsvollen, kurzbeinigen Satzhaufen war so 
groB, daB ich garnichts davon hatte. - Ich richte diese Zeilen 
aus Tours an Sie. Ohne recht um den Feiertagskalender des 
Landes zu wissen, habe ich die zentrifugale Bewegung, die in 
diesen Tagen (am 15 ten August wird Assomption begangen) 
Paris seinen Einwohnern mitteilt, an mir verspiirt und den 
langgehegten Plan wahr gemacht, in das binnenlandische 
Frankreich zu gehen. Seit ich vor vielen Jahren ein paar 
Zeilen Peguys iiber Orleans und die Loire-Gegend gelesen 
hatte, stand diesen Bildern ein Raum in mir off en, den sie 
nun freilich viel schoner und strahlender einnehmen, als ich 
ahnen konnte. Besonders die Stadt Tours, die dem FluB seine 
griinen Ufer und Ins ein laBt und ihn mit ihren Briicken 
wahrhaft zu streicheln scheint. Ich glaube auch, soweit ein 
einsamer Aufenthalt einem fur dergleichen MaBstabe laBt, 
langsam ein Auge fur die Kathedralen zu gewinnen, indem 
ich, ohne furs erste nach mehr zu fragen, den verborgenen 
einzelnen oder typischen Schonheiten einer jeden nachgehe. 

449 



So wird mir unvergeBlich der Chor der sonst garnicht glan- 
zenden Kathedrale von Orleans sein, der auf einem niedrigen, 
sanft ansteigenden Postament wie auf einem Kissen sich auf- 
hebt. An den Schlossern fiel mir die gliickliche Reserve auf, 
mit den en sie den Renaissanceformen entgegenkommen; 
selten diirfen diese das Spielerische, zumindest an derFassade, 
herauskehren und ohne jede Vermittlung geht der private 
mit dem militarise]! en Lebensstil zusammen. Ich hoffe, wenn 
ich zum zweiten Male, in hoffentlich kurzer Zeit, in diese 
Gegend komme, mehr zu wissen und besser ausgeriistet zu 
sein. In der Tat werde ich mit franzosischer Kultur dieses 
(des XVI. und XVII.) Jahrhunderts mich etwas beschaftigen, 
um zu sehen, ob ich einer Arbeit iiber die franzbsische Tra- 
godie, von der ich Ihnen im letzten Briefe wohl etwas an- 
deutete, naher trete. Fur heute griiBe ich Sie herzlichst und 
wiinsche Ihnen einen schonen Herbst in Osterreich. Im 
Winter plane ich diesmal nach Wien zu koramen, falls meine 
Absicht, dort einen Vortrag zu halten, sich durchfuhren laBt. 
Ich ware sehr gliicklich, wenn mich das mit Ihnen zusam- 
menfiihrte und mir endlich die Moglichkeit brachte, Dank 
und Verehrung iiber den Rahmen meiner Briefe hinaus 
Ihnen zu bekunden. 

Ihr Walter Benjamin 

1 Ricarda Huch: Gottfried Keller. Leipzig 1914. 



165 An Max Rychner 

Paris, den 18. Oktober 1927 

Sehr geehrter Herr, 

Ihr Vorschlag, fur den ich Ihnen hier herzlich danke, trifft in 
der merkwiirdigsten Weise ins Zentrum meiner eigenen 
Intentionen. Denn wenn er mir die Moglichkeit eroffnet, 
gerade in Ihrer Zeitschrift 1 , die ich seit langem kenne und 

450 



sehr schatze und damit vor einem schweizerischen Publikum, 
welches von Haus aus fiir deutsche Geistesbewegungen einen 
freieren und kritischeren Blick hat, mich zu dem gegenwar- 
tigen Stand der deutschen Belletristik im Zusammenhang zu 
auBern, so veranlaBt er mich eben dadurch iiber gewisse 
Bedenken, die mich bisher von einer offentlichen Formulie- 
rung meiner eigenen sehr reservierten Stellung zu dieser 
Produktion abhielten, zur Tagesordnung iiberzugehen. Und 
der einzige Vorbehalt den ich machen muB, betrifft den 
Termin. Abgesehen davon, daB ich zur Zeit durch die Druck- 
legung von zwei Biichern auBerlich sehr beansprucht bin, 
verlangt ein Aufsatz, wie Sie ihn erwarten diirfen, einige 
MuBe. Ich mochte Sie also bitten, ihn ungefahr Ende des 
Jahres erwarten zu wollen. 

Darf ich hinzufugen, wie wertvoll mir Ihr Echo auf mei- 
nen Keller- Aufsatz gewesen ist, wie sehr die Wirkung, die 
Sie andeuten, mich erfreut und bestatigt hat. Ich habe zwei 
Jahre in der Schweiz gelebt, glaube sie ein wenig zu kennen 
und was am schweizerischen Wesen es mir angetan hat, haben 
Sie gewiB hie und da zwischen den Zeilen vernommen. Was 
ich versuchte, ist, wenn ich so sagen darf, eine kleine intelli- 
gible Grenzberichtigung zu Gunsten schweizerdeutschen Bo- 
dens gegen das Reichsdeutsche. 

Ich sah hier [Ferdinand] Hardekopf und wir sprachen von 
Ihnen. Mit viel Vergmigen las ich Ihre Verse im September- 
Querschnitt. Dieser Tage fahre ich nach Berlin. Ihre freund- 
liche Antwort erbitte ich an meine dortige Adresse: Berlin- 
Grunewald, Delbriickstr. 23. 

Ich begriiBe Sie mit besonderer Hochachtung als 

Ihr ergebener Walter Benjamin 

1 „Neue Schweizer Rundschau." 



451 



166 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin-Grunewald, 24. 11. 1927 

Hochverehrter lieber Herr von Hofmannsthal, 

die Sendung der Bremer Presse, der auch Ihr Brief beilag, ist 
von der Post versehentlich nach Paris nachgesandt worden 
und hat dort erst eine Woche in meinem Hotel gelegen, bevor 
sie zuriickging. Dennoch hatten Sie schon fruher von mir 
gehort, aber leider betraf mich nach meiner Ruckkehr ein 
Anfall von Gelbsucht, mit dem ich auch jetzt noch zu tun 
habe. So bitte ich Sie denn - eben empfange ich Ihre Karte 
vom 22 ten — mein verspatetes Schreiben freundlich entschul- 
digen zu wollen. 

Wenn ich von meinem Kranksein absehe, sieht es lichter 
aus. Endlich scheint nun, kurz vor Weihnachten, das Trauer- 
spielbuch vorliegen zu sollen. Und jetzt, da ich es gewisser- 
maBen entlasse, darf ich Ihnen noch einmal innigen Dank 
fur den Beistand sagen, den Sie mir in einer manchmal be- 
irrenden Wartezeit haben zuteil werden lassen. Ich weiB 
nicht, wo das Buch heute lage - beinahe nicht, wie ich zu ihm 
stande - wenn ich nicht in Ihnen den ersten, den verstehend- 
sten, im schonsten Sinne geneigtesten Leser gefunden hatte. 

(...]■ 

Mit einigem Zogern lege ich Ihnen heute nun doch auch 
meinen Keller- Aufsatz vor (er geht Ihnen mit gleicher Post 
zu, und vielleicht haben Sie ihn schon bemerkt). Ich wiirde es 
fast als eine Unaufrichtigkeit empfinden, wenn ich Ihnen 
diesen AufriB eines Gelandes, das mich Jahre hindurch im- 
mer wieder in sich hineinzog, nun vorenthielte. Ich mochte 
ihn in Ihren Handen wissen, selbst wenn Sie ihn lieber mit 
Schweigen ubergehen. 

Fur heute griiBe ich Sie herzlichst und hoffe Ihnen bald 
Neues zu schicken. 

Ihr herzlich Ihnen ergebener Walter Benjamin 



452 



167 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin-Grunewald, 4. 12. 1927 

Hochverehrter lieber Herr von Hofmannsthal, 

nehmen Sie herzlichen Dank fur die miinchener Rede 1 und 
die Worte, mit denen Sie sie mir sandten. Mich hat die Dar- 
stellung des deutschen Typus, den Sie darin in den Mittel- 
punkt stellen, sehr ergriffen. Ich glaube in ihm neb en vielen 
andern auch die Ziige von Rang wiederzufinden. Und damit 
hat das, was Sie hier sagen, mir den Vorsatz wieder lebendig 
gemacht, mit der Figur von Alfred Brust mich bekannt zu 
machen, in dem alles, was Sie das Wissende; Ahnende dieses 
Menschenschlags nennen, bis ins Qualvolle gesteigert ist. 
Brust ist mir nicht nur aus den „Neuen Deutschen Beitragen" 
bekannt. Rang hat, wie Sie sicher wissen, in der letzten Zeit 
seines Lebens mit ihm korrespondiert. Ich will zunachst „Die 
verlorene Erde" 2 vornehmen. (Der willkommene AnlaB ist 
mir ein tlberblick iiber die wichtigsten Romane der letzten 
Jahre, den ich in der „NeuenSchweizer Rundschau" zu geben 
habe.) Dann aber hat mich wieder sehr auf Nordisches das 
wundervolle Stuck von Passarge in Borchardts Landschafts- 
buch verwiesen. Eine Anzeige dieses Buches 3 geht Ihnen 
nachstens zu. 

Ich wiinsche Ihnen ein freundliches Jahresende und griiBe 
Sie herzlich Ihnen ergeben 

Ihr Walter Benjamin 

1 Hugo von Hofmannsthal: Das Schrifttum als geistiger Raum der 
Nation. Miinchen 1927. 

2 Leipzig. 1926. 

3 Die Rezension von „Der Deutsche in der Landschaft". Besorgt von 
Rudolf B orchard t. Miinchen 1927 erschien in der Literarischen Welt 
vom 3. 2. 1928 (Jg. 4, Nr. 5), S. 5. 



453 



168 An Gerhard Scholem 

Berlin, 30. Januar 1928 

Lieber Gerhard, 

erblicke in dies em vermutlich unabsehbar lang sich gestalten- 
den Brief den Kettenblitz, dem, entsprechend der Entfernung 
des Gewitterherdes vom heiligen Lande, nach einigen Tagen 
ein langhinrollender Donner in Gestalt eines gewaltigen 
Biicherpaketes folgt, Moge er ein vollnachtonendes Echo in 
den Berggriinden von Eurer Magnifizenz Haupte finden. 

Es ging schlechterdings nicht an, nochmals zu schreiben, 
um wieder das Erscheinen meiner Biiclier „anzukirnden". 
Und bis sie dann beide vorlagen ist es glucklich Ende Januar 
geworden. Jetztdarf ich endlich ein schlichtes: „da" sprechen. 
In Deiner Eigenschaft als Protektor der Universitatsbiblio- 
thek bekommst Du gleichzeitig von beiden Werken ein zwei- 
tes Exemplar und in der nicht geringern des Protektors 
meiner Laufbahn vom Trauerspielbuche ein drittes mit Wid- 
mung an Magnes 1 . 

Was sonst noch an bibliophilen Fransen diese Gaben 
schutzend umhullt ist Dir, mit mancherlei eingewebten 
Gluckwiinschen, herzlich zugedacht. 

Damit nicht genug wird ein Nachtragspaket angekiindigt, 
enthaltend: einige Aufsatze aus der „Literarischen Welt", 
die bald erscheinen, „Moskau" - fiir Magnes - das ich von 
Buber erst nachfordern muO und das gewunschte Andrian- 
heft der „[Neuen Deutschen] Beitrage", von dem ich eben- 
falls im Augenblick kein Duplikat mehr besitze. Dagegen tut 
mir uneridlich leid, fiir die Wahlverwandtschaftenarbeit ver- 
sagen zu miissen. Mir bleibt einzig und allein mein Hand- 
exemplar. Ich habe keine Aussicht, dafi meine Bemiihungen, 
Magnes eines zur Verfiigung zu stellen, gliicken und bitte 
Dich, durch eine Leihgabe des Deinigen hier fiir mich ein- 
zuspringen. Ebenfalls kann ich „Uber Sprache iiberhaupt" 
nicht schicken, da ich nur ein einziges Exemplar dieser Arbeit 
besitze. Ich bedaure das sehr, denn sie ist in unsern Zusam- 
menhangen sehr wichtig. Auch konnte ich sie naturlich 

454 



letzten Endes, wenn Du sie fur entscheidend haltst (was ich 
denn doch bei der Anzahl der iibrigen Arbeiten und ihrer 
Verwandtschaft mit der Vorrede zum Trauerspielbuch nicht 
annehme) abschreiben lassen. 

Und nun laB mich gleich eingangs von dem hiermit Ge- 
planten reden. Es ist vielleicht der letzte Augenblick, an dem 
es fur mich noch Chancen hat, dem Hebraischen und allem 
was fur uns damit zusammenhangt, mich zuzuwenden. Aber 
es ist auch ein sehr giinstiger. Meiner inneren Bereitschaft 
nach zunachst. Wenn ich die Arbeit, mit der ich augenblick - 
lich, vorsichtig, provisorisch, beschaftigt bin — den sehr merk- 
wiirdigen und auBerst prekiiren Versuch „Pariser Passagen. 
Eine dialektische Feerie" so oder so (denn nie habe ich mit 
solchem Risiko des MiBlingens geschrieben) beendet habe, so 
wird fur mich ein Produktionskreis - der der „Einbahn- 
straBe" — in ahnlichem Sinn geschlossen sein, wie das Trauer- 
spielbuch den germanistischen abschloB. Die prof anen Motive 
der „EinbahnstraBe" werden da in einer hollischen Steigerung 
vorbeidefilieren. Verraten kann ich im iibrigen von dieser 
Sache noch nichts, habe noch nicht einmal genaue Vorstel- 
lungen vom Umfang. Immerhin ist das eine Arbeit von 
wenigen Wochen. 2 

Rowohlt hat mir zwar die Fortsetzung des Vertrages an- 
geboten, jedoch zu so ungiinstigen Bedingungen, daB ich 
vorlaufig ablehiite. Auf der andern Seite interessiert sich 
Hegner dafiir, einen Generalvertrag mit mir zu machen. Das 
tate ich aber nur, wenn das Wasser mir bis zum Hals geht. 
Denn die katholische Grundrichtung (trotz Buber!) dieses 
Verlages geht mir, wie Du begreifst, auf das Heftigste wider 
den Strich. 

Es lage mir also nichts naher, als jetzt, auf freier Bahn, 
mich, mit entschiedener Wendung, dem Hebraischen zu ver- 
schreiben. Ich bin frei, aber leider im doppelten Sinne des 
Wortes: von Verpflichtungen und von Einkommen. Wenn 
Du jetzt mit Magnes ernstlich iiber mich sprichst, so stelle 
ihm diese Dinge dar, wie sie liegen: daB ich eine Hilfe, besser 
gesagt eine Sicherung brauche, wenn ich jetzt von dem in 
wenn auch langsamer Fahrt befindlichen Karren abspringen 

455 



will, der-auf der Laufbalin des deutschen Schriftstellers sich 
dahinbewegt. Und nenne wenn es dazu kommt, daB er nach 
einer Summe Dich fragt 300 M im Monat fur die Dauer 
eines beschleunigten Studiums, dessen ZeitmaB er, unter der 
Voraussetzung ganzlicher Freiheit von andern Bindungen 
und Interessen, selber am besten wird abschatzen konnen. 

Soviel hiervon. Es ist wichtig genug und es steht nun so, 
daB ich je friiher je lieber wiiBte, wie er sich dazu stellt. 
Trotzdem ich versuche, meine Verhandlungen mit den Ver- 
legern so schleppend wie moglich zu fiihren, weil ich im 
Grunde nicht das, sondern das Hebraische will, und daher, 
damit ich mir hier nicht Chancen verscherze, auf die ich unter 
Umstanden doch angewiesen bleibe, an einer baldigen Ant- 
wort interessiert bin, erscheint mir weit wichtiger, daB Du 
genau nach Deinem Ermessen vorgehst, auf die Gefahr, daB 
ich noch eine Zeitlang im Ungewissen bleiben nriiBte. 

Fur Deine Notizen uber unser Symbolgesprach danke ich 
Dir sehr. Im Augenblick kann ich nicht versuchen, die Kon- 
kordanz mit meinen iibrigen Aufzeichnungen herzustellen 
und muB sie daher den Akten einverleiben, die Dir eines 
Tages vor Augen kommen werden. Das wird dann, wie ich 
hoffe, im Austauschverfahren gegen die Kommentare zu 
Hiob und Jona sein. A propos der Schrift zu Bubers 50 tem 
Geburtstag 3 . Einen Beitrag dazu bekam ich dieser Tage von 
einem - Dir wohl kaum bekannten - Dr. [Ernst] Joel ge- 
schildert, der in die Festschrift die Aufzeichnungen eines 
Epileptikers iiber eine ihm zuteil gewordene Offenbarung 
stiftet. Sie scheinen auBerst bemerkenswert. 

Ich selber kenne den Betreffenden aus meiner berliner 
Studentenzeit, da er Vorsitzender des sogenannten sozialen 
Amtes 4 war und in der Rede, welche ich im Mai 1914 bei 
Ubernahme meines Presidiums hielt, von mir mit einer 
Kriegserklarung in aller Form bedacht wurde. Er und ein 
anderer meiner Opponenten aus jener Zeit haben sich durch 
Gottes — oder Satans — Fiigung wunderbar verwandelt und sind 
zu Kariatyden an dem Portal geworden, durch das ich nun 
schon zweimal in die Bezirke des Haschisch eingegangen bin. 
Diese beiden Arzte namlich machen Versuche iiber Rausch- 



456 



gifte, zu denen sie mich als Versuchsperson gewinnenwollten. 
Ich bin darauf eingegangen. Die Aufzeichnungen, die ich 
teils selbststandig, teils im AnschluB an die Versuchsproto- 
kolle daruber gemacht habe, diirften einen sehr lesenswerten 
Anhang zu meinen philosophischen Notizen geben, mit denen 
sie, und z. T. sogar die Erfahrungen im Rausch, die engsten 
Beziehungen haben. Diese Nachricht aber mochte ich im 
SchoBe der Familie Scholem beschlossen wissen. 

Was, nebenbei gesagt, deren berliner Zweig betriff t, so hat er 
mir Grund zur Unzuf riedenheit gegeben. Dein Bruder [Erich] 
hat sich alles bei mir zeigen lassen und es mitgenommen, um 
dann denkbar weit davon abzuriicken. In zwolfter Stunde hat 
er sich dann freilich durch Ubersendung einiger Privatdrucke 
aus seiner Offizin wieder rehabilitiert. Von Deinem Alpha- 
bet 5 aber, daB [sic] er unbedingt drucken wollte und dessen 
Fahnen mir zugehen sollten, habe ich noch nichts zu sehen 
bekommen. — Zu meinem Kummer hat Franz Blei, der dieser 
Tage eine neue, schlechte soi-disant satirische Zeitschrift 
herausgibt, das Muri- Manuscript ebenfalls nicht gebracht, 
wird aber mit Quellenangabe, einiges daraus zitieren. 

Von der Aufnahme meiner Biicher weiB ich noch nichts. 
[. . .] Dich wird interessieren, daB Hofmannsthal, der wuBte, 
daB mir an einer Verbindung mit dem Warburgkreis liegt, 
vielleicht etwas iibereifrig, das Heft der Beitrage, das den 
Vorabdruck bringt, mit einem Brief e von sich an [Erwin] 
Panofsky geschickt hat. Diese gute Absicht, mir zu niitzen hat 
- on ne peut plus - £choue (miBghickt, und wie!). Er schickte 
mir einen kiihlen, ressentimentgeladenen Antwortbrief Panof - 
skys auf diese Sendung ein. Kannst Du Dir darauf einen Vers 
machen? 

In den letzen Tagen hatte ich eine groBe Freude. Andre 
Gide war in Berlin und hat, als einzigen deutschen Publi- 
zisten, mich empfangen und mir eine zweistiindige Unter- 
haltung gewahrt, die ungeheuer interessant war, und von der 
Du einen, freilich sehr fur die Offentlichkeit zensierten Be- 
richt wahrscheinlich in der „Literarischen Welt" lesen wirst. 6 
Was Du daraus kaum ersehen wirst, ist, daB das Gesprach 
wundervoll war und was es bedeutet. Gide laBt sich namlich 



457 



audi in Frankreich nicht sprechen. Er hat mich wahrend 
dieser Unterhaltung zwei, drei Mai gebeten, noch zu bleiben 
und mir, und spater noch dritten, gesagt; wie erfreulich ihm 
unsre Begegnung gewesen sei. Auf Gides besonderenWunsch, 
der seine conference, derentwegen er hergekommen war, 
nicht gehalten hat und sich irgendwie sonst halboffiziell den 
Leuten vorstellen wollte, habe ich neben der groBen Darstel- 
lung des Gespraches ein Interview fiir die Deutsche Allge- 
meine Zeitung (Gide wollte aus gewissen vernunftigen Griin- 
den gerade dieses Blatt) geschrieben, das heute erschienen ist. 
Ich hoff e, daB dieses Gesprach meine Position in Paris (wohin 
ich jedenf alls zuriickkehre, vielleicht im April, Hebraisch 
kann ich dort ebensogut lernen) sehr verbessern wird. 

Vor zwei Monaten hat mich, . durch Hessel veranlaBt, 
Wolfskehl besucht. Es war ganz niedlich, sans aucune impor- 
tance. Ein paar Tage spater sah ich inn nochmals bei Hessel, 
da gab es ein schones Gesprach. 

Eschas Kritik von Goitein 7 hat mich. sehr interessiert, ja, 
soweit man in Unkenntnis des Werkes, von dem die Rede ist, 
sagen kann, mir sehr eingeleuchtet. Das Schicksal von Doras 
Buch ist noch nicht entschieden. Sie schreibt aber viel und 
halt augenblicklich im Rundfunk einen Vortragszyklus. 

Ich glaube mit diesem ausfuhrlichen Bericht mich rehabi- 
litiert zu haben und nur um ein Ubriges zu tun, bemerke ich 
noch, daB ich den „Fridericus" von Hegemann seit Men- 
schengedenken kenne und schatze und daB der „Napoleon", 
den der gleiche Autor vor kurzem bei Hegner erscheinen 
lieB 8 , langst nicht so gut sein soil. 

Alles hier Berichtete und Bedachte, vor allem aber den 
Hauptgegenstand, empf ehle ich Deiner Scharfsicht und Fur- 
sorge. Ich erwarte baldigen, respektvollen Dank fiir die ein- 
gangs erwahnte Sendung und griiBe herzlichst. 

Dein Walter 

1 Dr. Judah L. Magnes (1877-1948), Kanzler der Universitat Jeru- 
salem, den Sch. in Paris mit W. B. bei einem folgenreichen Gesprach 
zusammengebracht hatte. . 

2 In dem Konfiikt zwischen der hier zum ersten Mai erwahnten (aber 
schon 1927 im Gesprach so bezeichneten) Arbeit iiber die „Pariser Pas- 

458 



sagen", seinem unvollendeten Hauptwerk, und dem Hebraischen unter- 
lag das Hebraische schlieBlich. 

3 „Aus unbekannten Schriften", 1928. 

4 Der Freien Studentenschaft. 

5 „Amtliches Lehrgedicht der Philosophischen Fakultat der Haupt- 
und Staats-Universitat Muri von Gerhard Scholem, Pedell des reli- 
gionsphilosophischen Seminars. Zweite, umgearbeitete und den letzten 
approbierten Errungenschaften der Philosophie entsprechende Aus- 
gabe. Muri Verlag der Universitat." Erschien als Privatdruck, Berlin 
1928. 

6 In der Nn vom 17. Febr. 1928. Jetzt Schriften II, S. 296-504. 

7 S. D. Goiteins hebraisches Drama „Pulcelina". Der Aufsatz war in 
der „Judischen Rundschau" erschienen. 

8 „Napoleon oder Kniefall vor dem Heros"; 1927. 



169 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin-Grimewald, 8. 2. 1928 

Hochverehrter lieber Herr von Hofmannsthal, 

Sie sind nun gewiB im Besitz meiner beiden Bucher. 

Wahrend die „Einbahnstrafte" im Entstehen war, habe ich 
Ihnen kaum davon Nachricht geben konnen, und kann es 
nun, da das Buch selber vor Ihnen liegt, um so viel schwerer. 
Eine Bitte aber liegt mir Ihnen gegeniiber am Herzen: in 
allem Auffallenden der inneren und auBeren Gestaltung 
nicht einen KompromiB mit der „Zeitstromung" sehen zu 
wollen. Gerade in seinen exzentrischen Elementen ist das 
Buch wenn nicht Trophae so doch Dokument eines inneren 
Kampfes, von dem der Gegenstand sich in die Worte fassen 
lieBe: Die Aktualitat als den Revers des Ewigen in der Ge- 
schichte zu erfassen und von dieser verdeckten Seite der 
Medaille den Abdruck zu nehmen. Im iibrigen ist das Buch . 
in vielem Paris verpflichtet, der erste Versuch meiner Aus- 
einandersetzung mit dieser Stadt. Ich setze inn in einer zwei- 
ten Arbeit fort, die „Pariser Passagen" heiBt. 

Diesem Briefe lege ich zwei Ausschnitte bei. Wenn die 
Besprechung des „Deutschen in der Landschaft" Ihnen und 
Herrn Wiegand etwas von der Freude und dem Gewinn sagt, 

459 



den ich bei der Lektiire des Borchardtschen Buches hatte, 
ware ich sehr gliicklich. 

Gide ist, wie Ihnen sicher bekannt ist, in Berlin gewesen. 
Ich habe ihm, leider nur einmal, in einer zweistiindigen 
reichen und fesselnden Unterhaltung gegeniiber gesessen. Da 
er ziemlich riickhaltlos iiber alle literarischen Dinge sprach, 
die wir beriihrten, andererseits seine Stellung in Frankreich 
so exponiert ist, lieB unser Gesprach sich nur sehr bruch- 
stiickweise wiedergeben und vieles Wesentliche muBte ich fur 
meine personlichen Notizeh zuriickbehalten. Der beiliegende 
Ausschnitt ist eine Fassung des Gespraches, die ich auf Gides 
Wunsch fur die „ Deutsche Allgemeine Zeitung" schrieb. 
Eine ausfiihrliche Darstellung sende ich Ihnen, sobald sie in 
der „ Literarischen Welt" erschienen ist. Gide ist eine durch 
und durch dialektische Natur mit einem fast beirrenden 
Reichtum von Vorbehalten und Verschanzungen. DiesenEin- 
druck, den schon das Werk auf seine Weise gibt, steigert die 
miindliche Rede bald ins GroBartige bald ins Problematische. 

Im iibrigen steht meine letzte Woche unter dem beherr- 
schenden EinfluB der Lektiire von Lesskov. Seitdem ich 
begann, in der neuen Gesamtausgabe des Verlages Beck zu 
lesen, kann ich kaum absetzen. [. . .] 

Ich danke Ihnen fiir die Zusendung des befremdenden 
Briefes von Panofsky. DaB er „von Fach" Kunsthistoriker 
ist, war mir bekannt. Ich glaubte aber nach der Art seiner 
ikonographischen Interessen annehmen zu diirfen, er sei ein 
Mann vom Schlage wenn schon nicht vom AusmaB von Emile 
Male, jemand, der wesentlichen Dingen, auch wenn sie nicht 
sein Fach in seiner ganzen Breite betreffen, Interesse ent- 
gegenbringt. Nun bleibt mir nichts als mich, meiner unzei- 
tigen Bitte wegen bei Ihnen zu entschuldigen. [. . .] 

Gestern sah ich zum ersten Male die endgultige Fassung 
des „Turms". Ich habe sie noch nicht gelesen, freue mich 
aber darauf , bei Gelegenheit dieser Ausgabe in der litera- 
rischen Welt" auf das Drama zuruckkommen zu diirfen. 

Ich griiBe Sie herzlichst und bitte Sie auch Ihrer Tochter 
Christiane meine GriiBe zu sagen. 

Wie immer Ihnen ergeben Ihr Walter Benjamin 

460 



170 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin-Grunewald, 24. 2. 1928 

Hochverehrter lieber Herr von Hofmannsthal, 

ich fiirchte, Ihr Aufenthalt konnte seinem Ende entgegen 
gehen und Berlin in den letzten Tagen seine Anspriiche so 
gebieterisch geltend machen, daB fur mein Grunewaldzim- 
mer Ihnen keine Stunde mehr bleibt. Dem mochte ich mit 
diesen Zeilen zuvorkommen und Sie bitten, mir wenn Ihre 
Zeit es irgend erlaubt, in den nachsten Tagen einen Anruf 
zukommen zu lassen, damit wir uns iiber eine Begegnung 
verstandigen konnen. 

Fiir heute bin ich mit herzlichen GriiBen 

Ihr dankbar ergebner Walter Benjamin 



171 An Gerhard Scholem 

Berlin, ll.Marz 1928 

Lieber Gerhard, 

ich danke Dir fiir Deinen ausgezeichneten Brief und ant- 
worte Dir ganz eingehend. DaB, aber auch wie, die jiidischen 
Dinge in ihm konkret werden, ist fiir mich von entscheiden- 
der Wichtigkeit. Namlich was mich in Deinem Brief am 
gliicklichsten betroffen hat, ist der Gedanke, der jiidischen 
Welt in meinem Denken, wenn und soweit sie aus der Latenz 
hervortreten sollte, vorderhand ihren Schutz zu lassen und 
jene lehrende Beschaftigung — wie immer man sie nennen 
will — mit dem Franzosischen und Deutschen als ein Gehege 
um sie zu ziehen. Das kommt durchaus meinem tiefsten — ich 
muB gestehen, mir selbst bisher noch nicht bewuBten Wollen 
entgegen und ich bin dem Scharfblick und der Zartheit dank- 
bar, mit denen Ihr an meine Situation herangetreten seid. 
Hier springe ich gleich ins AuBerlichste um — und kann 

461 



wieder vom Gliick sagen, daB Du Magnes schon etwas auf 
die Bedenklichkeiten hingewiesen hast, die sich bei der Ein- 
f orderung akademischer Garantien meiner wissenschaftlichen 
Qualifikation ergeben konnen. Ich beginne aber beim Posi- 
tives Hofmannsthal ist Euch sicher. Seit ich Dir zum letzten 
Male geschrieben habe, habe- ich seine personliche Bekannt- 
schaft gemacht. Er war kurze Zeit in Berlin, wir sahen uns 
zweimal, das zweite Mai hier bei mir. Aus Erwagungen, die 
nichts mit den praktischen Zwecken zu tun haben, von denen 
wir jetzt reden, hatte ich mich von vornherein entschlossen, 
Hofmannsthal iiber mem Verhaltnis zum Jiidischen und 
damit zur Frage des Hebraischen einige Worte zu sagen. Und 
nicht nur hierbei ergab sich, daB er erstaunlich schnell und 
wirklich beteiligt in meine Intentionen sich hineinfand. 
(Noch mehr als in diesem Falle iiberraschte mich das als ich 
begann von meiner Arbeit „Pariser Passagen" zu reden — 
einem Versuch, der umfanglicher ausf alien konnte als ich 
es dachte und zu dem die „Briefmarken-Handlung" der 
„EinbahnstraBe" auf schiichterne Weise den Ton stimmt.) 
Brieflich kann ich es Dir kaum andeuten, wie schwierig mir 
manchmal eine Situation wurde, die so viel wahres Verstehen 
und Entgegenkommen auf seiner und so viel unverauBerliche 
Reserve bei aller Bewunderung auf meiner [Seite] zusam- 
mentreffen lieB. Dazu kommt manchmal ein fast greisen- 
hafter Zug von ihm, wenn er, gewiB mit Dingen, die zu 
seinen besten gehoren, ihm innerlichste sind, sich nirgends 
verstanden sieht. Miindlich auch iiber die hbchst aufschluB- 
reichen Plane von ihm, die er mir sagte, als von meiner 
Passagenarbeit gesprochen wurde. Ich schreibe unter genauer 
Entwicklung der Situation morgen oder iibermorgen nach 
Rodaun, wo er jetzt ist. 

Herzliche GriiBe von Dora 

Dein Walter 



462 



172 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin-Grunewald, 17. 3. 1928 

Lieber hochverehrter Herr von Hofmannsthal, 

lassen Sie mich nun, da Sie — rch hoffe es — wohl und in 
gliicklicher Verfassung nach Rodaun zuruckgekehrt sind, 
unser Gesprach fast genau an dem Punkte wieder aufneh- 
men, an dem wir es unterbrechen muBten. Ich bin jetzt 
doppelt gliicklich, daB ich die Gelegenheit ergriff, um Ihnen 
iiber meine innersten Absichten etwas mitteilen zu konnen, 
vom AuBern zu sprechen, das schneller Gestalt annehmen 
will als ich es ahnte. In Kiirze: Die Universitat Jerusalem 
beabsichtigt, in absehbarer Zeit sich ein Institut fur Geistes- 
wissenschaften anzugliedern. Und zwar geht man damit um, 
den Lehrauftrag fur neue deutsche und f ranzosische Literatur 
dort an mich zu vergeben. Bedingung ist, daB ich in zwei 
bis drei Jahren solide Kenntnisse im Hebraischen gewonnen 
habe. Es ist auch nicht so gemeint, daB damit eine unbe- 
dingte Fixierung meines Studiengebietes ausgesprochen ware, 
vielmehr ist die Absicht, mich auf eine sehr organische Art 
an die judischen Dinge heranzufuhren und in welch em Grad 
das geschehen kann durchaus offen zu lassen. Was mich be- 
trifft, so kann ich von dem'seltnen Falle reden, daB mit einer 
Perspektive mir selbst, in dieser Form, beinah noch unbe- 
wuBte Wunsche beim Namen gerufen sind. Nichts wiirde mir 
innerlich mehr entsprechen als im schiitzenden Gehege mei- 
ner bisherigen Arbeiten zunachst nur Sprachliches, ja Tech- 
nisches, lernend aufzunehmen, alles Weitere daliin gestellt 
bleiben zu lassen. 

Mein Freund Scholem, der an der Universitat Jerusalem 
einen Lehrauftrag fiir die Philosophie der Kabbala hat, 
brachte mich im letzten Herbst in Paris mit dem standigen 
Rektor der Universitat Dr. Magnes zusammen. Wir hatten 
ein sehr eingehendes Gesprach, nach dem zum ersten Male 
mein Plan, mich dem Hebraischen zu widmen, die bestimmte 
Gestalt annahm, in der Sie ihn kennen lernten und forderten. 
Dr. Magnes ist nun sehr geneigt, eine Geldhilfe, die mein 

463 



Studium notig machen wiirde, auf einem der fur solche 
Dinge gangbaren Wege zu beschaffen; wie es aber in alien 
ahnlichen Fallen ist, so braucht er auch hier — und ganz 
abgesehen von der Frage der auBeren Mittel, schon um eine 
spatere Berufung ins Auge fassen zu konnen — einige Refe- 
renzen iiber meine Befahigung. Dr. Scholem schreibt mir, 
daB in diesem Sinne eine AuBerung von Ihnen von hochstem 
Wert sei und er legt mir nahe, Dr. Magnes die Moglichkeit 
zu geben, sich mit einer schriftlichen Anfrage an Sie zu wen- 
den. Ich tue das, mit der inneren Uberzeugung, daB ich 
damit um mehr als einen Dienst und um eine wirkliche 
bedeutungsvolle Hilfe bitte, daB Sie sie darum auch um so 
sicherer erfullen werden. Wie ich vermute wird ein kurzer 
Brief des Dr. Magnes in absehbarer Zeit bei Ihnen eintreff en. 
Die Frage akademischer Referenzen im engsten Sinne des 
Wortes war schwierig. Ich habe mir da erlaubt neben einigen 
anderen Germanisten und Philosophen Professor Brecht an- 
zugeben. 

Was Sie mir bei Ihrem Hiersein Bestatigendes und Prazi- 
sierendes aus Ihren eigenen Planen zum Projekt der „Pariser 
Passagen" sagten, ist mir immerfort gegenwartig und macht 
mir zugleich immer klarer, wo die Hauptakzente zu- liegen 
haben. Augenblicklich bemiihe ich mich um das Durftige, 
was bisher zur philosophischen Darstellung und Ergriindung 
der Mode versucht worden ist: was es mit diesem natiirlichen 
und ganz irrationalen ZeitmaBstab des Geschichtsverlaufs 
eigentlich auf sich hat. 

Eines habe ich sehr bedauert, bei Ihrem Hiersein versaumt 
zu haben. Ich hatte so gerne mit Ihnen iiber Alfred Brust 
gesprochen. Nicht nur weil ich aus den „Neuen Deutschen 
Beitragen" und von [Willy] Haas weiB, daB er Sie inter- 
essiert und daB Sie Anteil an ihm nehmen, sondern weil wir 
wohl auch die Freundschaft zwischen Rang und Brust be- 
ruhrt hatten - die sich freilich wohl nie gesehen haben. Mir 
ist sein Werk doch fremd und wohl auf immer. Ich habe 
begonnen „ Jutt und Jula" 1 zu lesen, erkenne, daB man die- 
sem Mann die groBte Achtung schuldet und spure die Krafte, 

464 



die da wirksam sind doch als gefahrliche, feindliche, die ich 
vielleicht nur einmal, eben in der Gestalt von Rang, bezwun- 
gen und zu wahren Genien geworden sah. 

Die wenigen Zeilen uber den „Turm", die diesem hier 
beiliegen, bitte ich Sie, nachsichtig aufzunehmen. 

Mit den herzlichsten GriiBen 

Ihr aufrichtig Ihnen ergebener Walter Benjamin 

PS Eben treffen Ihre freundlichen Zeilen aus Rodaun mit 
der erfreulichen Nachricht liber [Walther] Brecht ein. Bitte 
sagen Sie ihm bei Gelegenheit meinen Dank — oder vielleicht 
noch besser, ich darf nach Erscheinen seiner Besprecbung 
selbst AnlaB nehmen, mit ihm in Verbindung zu tret en, Aber 
verzeihen Sie — das eine schlieBt ja das andere nicht aus. 

Ich wiinsche Ihnen von Herzen reiche gesegnete Friih- 
lingswochen. 

1 B. rezensierte das Buch in der Literarischen Welt vom 30. 3. 1928 
(Jg. 4, Nr. 13), S. 5, unter dem Titel: „Eine neue gnostische Liebes- 
dichtung". 



173 An Alfred Cohn 

Berlin, 27. Marz 1928 

Lieber Alfred, 

spat genug stelle ich mich an Deinem Ferien- Lager mit 
einemPackchen ein, zu dem hier die erforderliche Gebrauchs- 
anweisung: das Elementar [?] sei zuerst und vor allem Deinem 
Studium empf ohlen, wonach Du es hoff entlich mit doppeltem 
Vergniigen in Deine Bibliothek einstellst. Sodann nimm die 
franzosischen Skribenten zur Hand und sende sie mir nach 
vollzogener Bekanntschaftsfeier wieder zuriick. Dem Jouglet 1 
lege, wenn Du Lust hast, einen Empfehlungs- oder Urias- 
Brief ins Maul, damit ich weiB, was ich von ihm zu halten 
habe und ob er wirklich wichtig genug ist, besprochen zu 

465 



werden. Mit dem Buche von Benda habe ich das getan, und 
trotzdem, was ich dariiber schrieb 2 , wenn iiberhaupt, so an 
einem blamablen Orte erscheinen wird, sollst Du es nach 
Moglichkeit zu Gesicht bekommen. 

Schreibe mir, was Du machst und wie es Dir geht. 

Entsprechende Mitteilungen von raeiner Seite mag beredt 
genug die freundliche Bitte vertreten, mir die 10 Mark so- 
bald Du es tun kannst, zunickzusenden. — 

Schade daB Du nicht hier bist: ich schreibe Dir dies nam- 
lich am Abend eines Tages, an dem ich Berlin als Hauptstadt 
des Reiches wieder einmal in den Rachen habe sehen konnen. 
Das kam so: Gestern abend las Kraus als viertes und letztes 
in der Reihe seiner Offenbach-Vorlesungen das „Pariser 
Leben". Es war die erste Operettenvorlesung, die ich von ihm 
horte und ich will Dir hier von dem Eindruck, den sie mir 
machte, umso weniger schreiben, als sie gerade jetzt eine 
ganze Ideenmasse — Du weiBt, aus welchem Bereich — in Be- 
wegung setzte, so daB ich Mlihe habe, iiber meine Gedanken 
den Uberblick zu behalten. Unter den Zusatzstrophen gab es 
ein Couplet mit dem SchluBvers „Ich bring aus jeder Stadt 
den Schuft - heraus". Es war deutlich, daB es auf Kerr ging. 
Kurz vor der ersten Pause verlas Kraus, stehend, einen kur- 
zen Text, der darauf hinauslief zu sagen: „Ich nenne hier 
Kerr offentlich einen Schuft, um zu sehen, ob ich ihn auf 
diese Weise zu einer Klage werde zwingen konnen. In meiner 
Hand sind die Beweise, daB Kerr mich im Jahre 1916 den 
obersten Militarbehorden als hochverraterischen, defaitisti- 
schen Autor denunziert hat". — Mir ist zu dieser Vorlesung 
wie gesagt einiges eingefallen und ich wollte unbedingt iiber 
sie schreiben, naturlich ohne diesen „Zwischenfall" zu eska- 
motieren, sondern vielmehr kurz ihn als dynamisches Zen- 
trum des Abends hinstellen. Das Ergebnis eines Vormittags 
war die Erfahrung, daB ein Referat liber diesen Vortrag 
nirgends unterzubringen war. Meine Notiz werde ich darum 
nicht weniger schreiben, habe aber nur noch wenig Hoffnung, 
sie erscheinen zu sehen 3 . 

So ist Berlin. 

Im ubrigen hatte ich von Kraus einen groBeren Eindruck 

466 



als je bisher. Jetzt namlich, da er seine adaequaten Gegen- 
stande gefunden hat, ist er, bis in die auBere Natur hinein, 
gewachsen, aufrechter und entspannter geworden. 

Leider ist heute abend noch allerhand zu besorgen und ich 
muB schlieBen. An der Potsdamer Briicke hat heute eine 
Buchhandlung ein Sonderfenster mit meinen Schriften ein- 
gerichtet und in dessen Mitte ist Julas Kopf ausgestellt. 

Herzliche GriiBe an Dich und Grete 

Dein Walter 

1 Vermutlich Rene Jouglet, „Le nouveau corsaire" (deutsch 1927). 

2 Vermutlich „La trahison des clercs". Die Besprechung erschien im 
Mai 1928 in den „Humboldt-Blattern". 

3 Sie erschien in von der Redaction an den Stellen iiber Kerr zensu- 
rierter Form in der „ Liter arischen "Welt" vom 20. April 1928. 



174 An Max Rychner 

Berlin, 22. April 1928 

Sehr geehrter Herr Rychner, 

in der regnerischen Stille eines Sonntagvormittags werde ich 
meiner Beschamung soweit Herr, um Ihnen schreiben zu 
konnen. Ich hatte mir gleich dariiber klar sein miissen, daB 
der ehren- und reizvolle Vorschlag, den Sie mir im vergange- 
nen Herbst gemacht haben, durch seine Dimensionen ent- 
mutigend auf mich wirken wiirde. Meine Schwerfalligkeit in 
der Konzeption — verzeihen Sie, wenn ich es ausspreche - ist. 
so groB, daB ich an ein im eigentlichen Sinne representatives 
Thema - deutsch e Literatur der letzten zwei Jahre vor dem 
Forum zu behandeln, das mir seit langem unter alien, die um 
deutschsprachliche Zeitschriften herumliegen als das wich- 
tigste erscheint — kaum herankomme. 

Dagegen steht es £iir mich fest, daB - Ihr spateres Einver- 
standnis vorausgesetzt — das erste wesentliche Stuck, das ich 
von meiner Arbeit fortgeben kann, der „Neuen Schweizer 
Rundschau" gehoren soil. Ich denke da an Teile eines Essays 
„Pariser Passagen", an dem ich seit Monaten arbeite und der 

467 



bei meiner bevorstehenden Riickkunft nach Paris abgeschlos- 
sen werden mufi. 

Sollten Sie, sehr geehrter Herr Rychner, im Lauf e des Juni 
nach Paris kommen, so ware es mir sehr wertvoll, Ihre Be- 
kanntschaft zu machen. Soeben erst habe ich [mit] groBer 
Freude Ihre Anmerkungen zu Holitscher und Keyserling 
gelesen. Meine pariser Adresse ist Paris XlVe 4 Avenue du 
pare Montsouris, Hotel du midi. Andererseits ist es moglich, 
daB ich im Herbst in die Schweiz komme. Bis dahin hoffe ich 
zuversichtlich, meine literarische Unzuverlassigkeit Ihnen 
gegeniiber repariert zu haben. 

Mit besonderer Hochachtung 

Ihr ganz ergebener Walter Benjamin 



17 J An Gerhard Scholem 

Berlin, 23. April 1928 

Lieber Gerhard, 

heute liegen Deine Brief e vom 22 ten Marz und vom 12 ten 
April vor mir. AuBerdem aber das Sonderheft des „Juden" \ 
das ich, kaum war es in Deinem Schreiben angekiindigt, 
schon bei der Ewerbuchhandlung subscribierte. Nicht vor mir 
liegt die Jiidische Rundschau mit Deiner Notiz liber Agnon 2 , 
die ich moglichst ungesaumt von Dir erbitte. Hier kann man 
sie im StraBenhandel schon nicht mehr haben. Warum 
nimmst Du Dir nicht mein gutes Beispiel zu Herzen, der ich 
Dir niemals eine Zeile von mir in der Literarischen Welt 
bibliographisch „nachweise" sondern Dich, mit allem halb- 
wegs Erheblichen, in natura bediene. 

Und so auch heute. Aus dem Aufsatz von Haas, der mit 
gleicher Post folgt, siehst Du, wie mein Herr Redakteur mich 
zu ehren gedachte und unbeschadet einiger hochst bedenk- 
licher Auslassungen kann man sich diese Rezension denn 
doch gef alien lassen. Gegen Ende scheint sie mir einiges sehr 
Kluge zu sagen. Im iibrigen hat sich fur das Trauerspielbuch 
am friihesten Ungarn engagiert. In einer philologischen 

468 



Zeitschrift, die mit Unterstiitzung der Akademie der Wissen- 
schaften herausgegeben wird, hat ein mir bisher unbekannter 
Herr mich ausgezeichnet besprochen. Der Herausgeber dieses 
Organs seinerseits teilt mir mit, daB er das Buch in seinen 
Budapester Vorlesungen bereits empfiehlt. Einige gewichtige 
Stimmen ziehen, wie Du weiBt, noch herauf. Darunter die 
des Herrn Richard Alewyn, dessen Votum in der Deutschen 
Literaturzeitung zu erwarten stent. 3 Dir wird der Name 
eben so neu sein wie mir, aber hier halt man groBe Stiicke 
auf ihn. 

Ich habe mich uber den Brief von [Fritz] Strich sehr ge- 
freut. 4 Je mehr nun die Sache in das entscheidende Stadium 
riickt, desto besser. Ich werde Anfang Juni in Paris sein. 
Bitte sende mir ein einfiihrendes Schreiben an den grand rab- 
bin oder an eine andere Instanz, die fur den Nachweis eines 
hebraischen Lehrers in Frage kommt. Ich hoffe bestimmt, 
bevor ich Berlin verlasse, noch ein Wort von Magnes zu er- 
halten. In jedem Falle werde ich mich so arrangieren, daB 
ich ihn bei der Sitzung des Kuratoriums sehe. Den Weg nach 
Paris werde ich im Sinne Deiner Andeutung uber Frank- 
furt nehmen, falls Buber im Laufe des Mai nicht herkommt. 
Ich schreibe demnachst an ihn. Die folgende Nummer der 
Literarischen Welt bringt von mir eine kurze Anzeige von 
dem Buch „Aus unbekannten Schriften", in dem Du mit 
Deinem Beitrag sichtbarlich genannt bist 5 . Mehr Ehren habe 
ich Amhoorez 6 nicht zu vergeben. Dagegen hat es gewaltig 
den Anschein als diirfte und miiBte ich hinter SchloB und 
Riegel die Stirn iiber das Sonderheft des „Juden" sehr kraus 
ziehen. Nur ist freilich Dein Aufsatz darin, um sie zu glat- 
ten. Der ist sehr schon. 7 Ich habe an unser Gesprach im Cafe 
Versailles an der Gare Montparnasse gedacht, wo ich zum 
ersten Male diese Glocken lauten horte. Ich glaube, dieser 
Aufsatz markiert im Gleisnetz Deines Denkens einen Knoten- 
punkt; ich ahne wenigstens nach alien Richtungen hin be- 
fahrbare Strecken ausgehen. 

Ich will, quant a moi, nicht versaumen mitzuteilen, daB ich 
noch immer mit den „Pariser Passagen" befaBt bin. Wahr- 
scheinlich habe ich Dir gelegentlich gesagt oder geschrieben, 

469 



wie langsam und gegen welche Widerstande die Arbeit Ge- 
stalt gewinnt. Habe ich sie aber einmal ergriffen, dann ware 
wirklich eine alte gewissermaBen rebellische, halb apokryphe 
Provinz meiner Gedanken unterworfen, besiedelt, verwaltet. 
Es fehlt noch viel, aber ich weiB genau, was fehlt. So oder 
anders werde ich in Paris damit zuRande kommen. Und dann 
werde ich die Probe auf das Exempel gemacht haben, wie 
weit man in geschichtsphilosophischen Zusammenhangen 
„konkret" sein kann. Man wird mir nicht nachsagen konnen, 
dafi ichs mir leicht gemacht hatte. 

Unterdessen ist ein Brief aus Moskau gekommen. Dort 
scheint man sich plotzlich eines Bessern besonnen zu haben 
und tragt mir, unter sehr annehmbaren Bedingungen, an, 
den Artikel Goethe fur die groBe Enzyklopadie, im Umfang 
von einem Bogen, zu schreiben. Ich nehme naturlich an. 

Noch ein Wort zu der Festschrift des „Juden". Ich las den 
sympathischen Artikel von Magnes. [Max] Brod miBfiel mir 
dagegen schon verzweifelt. Und wie man gar den ungliick- 
lichen Gedanken haben konnte, die Briefe von Rosenzweig 
zu publizieren, die Dinge beriihren, iiber die man doch so 
nicht offentlich Rechenschaft leisten kann, ist mir unver- 
standlich. Zu Ludwig StrauB muB ich mir noch Mut machen. 
Dann werde ich sehen, ob ich [Ernst] Miillers Aufsatz iiber 
das Hebraische verstehe und es wohl damit bewenden lassen. 

Sehr schon ist es, wenn Du an Saxl 8 schreibst oder ge~ 
schrieben hast. Was [H. H.] Schaeder angeht, so mochte ich 
am liebsten warten, bis seine Rezension meines Buches in der 
„Neuen Schweizer Rundschau" erschienen ist. Das ist dann 
der gegebene Augenblick, mit einem Briefe hervorzutreten. 
Um auf Cassirer EinfluB zu nehmen, wird es dann wohl zu 
spat sein. Aber dafiir sehe ich iiberhaupt keinen gangbaren 
Weg. Sobleibt mirnichtsubrigalsabzuwarten. Bitte schreibe, 
so wie Du etwas von dort erfahrst. 

Schreibe iiberhaupt bald, undherzlicheGriiBe anDich und 
Escha von 

Deinem Walter 

1 Zu Bubers 50. Geburtstag. 

470 



2 "Ober die Erzahlungen S. J. Agnons, in der J. R. vom 4. April 1928. 

3 1st nie erschienen. 

4 Dr. Magnes holte Gutachten von Germanisten fur eine geplante 
Berufung W. B.s nach Jerusalem ein. 

5 In der Nr. vom 27. April. 

6 Hebraisch: Ignorant. 

7 „Uber die Theologie des Sabbatianismus", jetzt audi in dem Band 
„Judaica (1963), S. 119-146. 

8 Fritz Saxl, Direktor der Bibliothek Warburg und Mitautor des Wer- 
kes uber Diirers Melancolia I. 



176 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin Grunewald, 5. 5. 1928 

Hochverehrter lieber Herr von Hofmannsthal, 

herzlichen Dank fur Ihre Karte. Ich bin sehr glucklich, daB 
nun Ihre Hand in dieser Sache waltet und hoffe, sie wird 
nach unserm Wunsche ausgehen. Man ist auch an Prof. [Fritz] 
Strich in Munchen wegen eines Gutachtens herangetreten 
und er soil sich sehr freundlich geauBert haben. DaB Magnes 
sich an Brecht wendet, liegt durchaus im Bereiche der Mog- 
lichkeiten. Etwas genaueres weiB ich dariiber natiirlich nicht. 
Wohl aber nenne ich ihn am BeschluB eines curriculum vitae, 
an dem ich wissenschaftliche Referenzen anzugeben habe, 
neben anderen. 

Ich arbeite weiterhin und fast ausschlieBlich an den „Pari- 
ser Passagen". Was ich will, steht mir deutlich vor Augen, 
aber es ist gerade hier auBerordentlich gewagt, die gliickliche 
Einheit von theoretischer Anschauung und gedanklicher 
Armatur darstellen zu wollen. Es sind ja nicht nur Erfahrun- 
gen aufzurufen sondern einige entscheidende Erkenntnisse 
vom historischen BewuBtsein in unerwartetem Licht zu be- 
wahren; mir stellt sich - wenn ich das sagen darf - der Gang 
Ihres „Priesterzoglings" durch die Jahrhunderte als eine 
Passage dar. 

Zwischen dieser Arbeit und doch nicht durchaus ihr fremd 
wird sich jetzt nur die Rezension eines Buches einschieben, 

471 



das mir, bei nur erst fliichtigem Einblick, sehr bemerkens- 
wert schien. Mirgeler: Geschichte und Dogma, soeben bei 
Hegner erschienen. 1 

Der wunderbareFriihsommer, den wir jetzt haben, und die 
Staatsbibliothek halt en mich immer noch hier und ich weiB 
nicht, wann ich dieses Jahr fortkomme. 

Mit den herzlichsten GriiBen wie immer Ihnen ergeben 

Ihr Walter Benjamin 

1 Diese Rezension ist nicht erschienen. 



177 An Gerhard Scholem 

24. Mai 1928 

Lieber Gerhard, 

diesem Briefe lege ich ein Duplikat der vita und des Exposes 
bei, das heute an Magnes nach London abgeht. Hoffentlich 
bist Du damit zufrieden. Aus dem Brief an Magnes siehst 
Du, daB es mit Paris noch immer nichts werden will und wann 
und ob fur dieses Jahr, das weiB ich selber nicht. Denn ich 
trenne mich schwer von Berlin. Da ist erstens mein Zimmer 
- und zwar ein neues, denn ich wohne fur den Augenblick 
nicht im Grunewald sondern im tiefsten Tiergarten - In den 
Zelten - in einem Zimmer, in das durch beide Fenster nichts 
als Baume zu mir hereinsehen. Es ist wunderbar und dabei 
zehn Minuten von der Staatsbibliothek entfernt, dem anderen 
Brennpunkt der Ellipse, die mich hier bannt. Die Arbeit uber 
Pariser Passagen setzt ein immer ratselhaf teres, eindring- 
licheres Gesicht auf und heult nach Art einer kleinen Bestie 
in meine Nachte, wenn ich sie tagsiiber nicht an den ent- 
legensten Quellen getrankt habe. WeiB Gott, was sie anrich- 
tet, wenn ich sie eines Tages frei lasse. Aber daran ist noch 
langst nicht zu denken und wenn ich schon unablassig in das 
Gehause starre, in dem sie ihr Wesen treibt, so lasse ich doch 
fast kaum einen den Blick hineinwerf en. 

Immerhin nimmt sie mich restlos in Anspruch. Ich erfuhr 

472 



es also mit gemischten Gefiihlen, daB Sowjet-RuBland in sich 
gegangen ist und mir in zwolfter Stunde nun doch den 
Goetheartikel fur die Enzyklopadie iibertragen hat. Auch das 
ist Grand genug, vorlaufig hier zu bleiben. An das, was sonst 
noch fallig ist, besonders einige groBe Artikel iiber die fran- 
zosische Literaturbewegung, darf ich garnicht denken. Neu- 
erdings hat mich die „Neue Rundschau" zur Mitarbeit auf- 
gefordert. Eine groBe Riickschau iiber die deutsche Literatur 
der letzten Zeit, die ich fur die „NeueSchweizer Rundschau", 
eine der anstandigsten Zeitschriften, iibernommen hatte, 
habe ich schon wieder absagen miissen. 

Ich bin sehr froh, daB Hofmannsthal so zweckmaBiggeant- 
wortet hat. Es war ein sehr gliicklicher Zuf all, daB er durch die 
Gesprache mit mir bei seinem letzten berliner Aufenthalt in 
gewissen Grenzen — selbstverstandlich nur, was meine hebrd- 
ischen Absichten angeht — im Bilde war. Nun bekomme ich 
eben noch die ausgezeichnete Antwort von [Walther] Brecht. 
Schonen Dank! 

Einen Besuch in Palastina im Herbst habe ich fest in mei- 
nen Jahresplan eingestellt. tJber die finanzielle Grundlage 
meiner Lehrzeit hoffe ich vorher mit Magnes im Klaren zu 
sein. Ich danke Euch herzlich fur Eure Einladung und werde 
naturlich sehr gerne ein paar Wochen bei Euch wohnen, 
wenn Ihr es einrichten konnt.. 

In der Tat, mit der gegenwartigen Arbeit hoffe ich, meine 
eigentliche Produktion vorlaufig abzuschlieBen, um nur zu 
lernen. Eine schnelle Anzahlung, die mir Rowohlt auf ein 
projektiertes Buch iiber Kafka, Proust etc gegeben hat, hoffe 
ich auf die Passagenarbeit verrechnen zu konnen. Bei dieser 
Arbeit bin ich iibrigens auf meine Weise auf Max Brod ge- 
stoBen, der sich mir in Gestalt eines Biichleins von 1913 
„t)ber die Schonheit haBlicher Bilder" prasentierte. Es ist 
merkwiirdig, wie er vor fiinfzehn Jahren, zuerst auf einer 
Klaviatur gefingert hat, fur die ich mich bemiihe, eine Fuge 
zu schreiben. 

DaB Dein erster Kafkaband Dir solchen Segen gebracht 
hat, ist um so viel erbaulicher als ich — ein deutscher Schrift- 
steller - mir Band fur Band im Buchhandel habe kaufen 



473 



miissen, daher auch „das SchloB" und „Amerika" immer 
noch nicht besitze — ganz zu schweigen von der seltnen, ver- 
griffenen „Betrachtung", Sie ist von Kafkas alteren Sachen 
die einzige, die mir fehlt. 

Hier verdanken (gut schwyzerisch) Hessel und Gutkinds 
schonstens den Empfang des Alphabets. Auch hat Dein Bru- 
der mir eine ausreichende Zahl von Exemplaren zur Verfii- 
gung gestellt. 

Gutkind hat hier in etlichen Judenzirkeln eine Debatte 
iiber „Wege zum Ritual" angezettelt und ich stehe schon auf 
der schwarzen Liste, weil ich noch nicht hinmarschiert bin. 
Morgen gibt es wieder einen Galaabend und wenn ich nicht 
noch, wie ich sehnlichst erhoffe, ein Theaterbillett zu einem 
neuen Stuck geschenkt bekomme, werde ich der jxidischen 
Zaubervorstellung beiwohnen. 

Beiliegend allotria aus der „Literarischen Welt". Schreibe 
bitte bald, und zwar in die DelbriickstraBe, wohin ich Anfang 
Juni wieder iibersiedle. 

Herzliche GriiBe an Dich und Escha Dein Walter 



178 An Gerhard Scholem 

Frankfurt a. M., 2. Juni 1928 

Lieber Gerhard, 

der Onkel meiner Mutter, der Mathematiker [Arthur] Schon- 
flies, ist gestorben. Ich habe in den letzten Jahren ihn oft ge- 
sehen und sehr gut mit ihm gestanden. Wie Du vielleicht 
weiBt, habe ich auch wahrend meiner frankfurter Unter- 
nehmungen bei ihm gewohnt. Ich bin zur Beisetzung her- 
gekommen. Die war am 31. Mai. 

Gestern, am 1. Juni, bin ich im Sinne Deiner brief lichen 
Erinnerungen in Heppenheim gewesen. Es ist gerade die 
Tagung irgend einer religiossozialistischen Gruppe in Hep- 
penheim, eine Tagung, die von Buber nicht einberufen ist, 
an der er aber doch Interesse zu nehmen schien, so daB seine 
Zeit fur mich sehr beschrankt war. Das hat die Dinge aber 

474 



vielleicht eher erleichtert. Unser halbstiindiges Gesprach in 
seiner Wohnung war sehr bestimmt und sehr positiv. Ich 
kann kaum daran zweifeln, daft Buber in der Tat, wie er es 
mir zusagte, sich fur die Sache einsetzen wird. Er ging soweit 
mich nach der Summe zu fragen, was mir besonders ange- 
nehm war und ich nannte ihm die zwischen uns ofters er- 
wahnten 300 Mark. 

Magnes will am 17. Juni in Heppenheim sein. Da aber 
Buber (der nicht an der Sitzung des Kuratoriums teilnimmt) 
erst um den 20. von einer schweizer Reise zuriickkommt, ist 
noch nicht ausgemacht, daB sie sich begegnen. tjbrigens, um 
das im allgemeinen zu sagen, war Buber etwas besser im 
Bilde als ich annahm. 

Da die Dispositionen von Magnes so liegen, hoffe ich ihn, 
Mitte Juni in Berlin auf seiner Durchreise zu sprechen. Ich 
werde ihm dann sagen, daB mir sehr wichtig ist, bis zum 
Herbst liber die Grundlagen der Sache fixiert zu sein. 

An meiner Schrift nimm keinen AnstoB. Ich schreibe 
fruhmorgens mit schlechter Tinte im Bett. Ich bin mit den 
Nerven ziemlich bas und auf einen Tag nach Konigsstein 
gefahren. Hier ist es sehr schon, und es tut mir nur leid, daB 
ich heute abend wieder in Frankfurt sein muB. 

Auf der Riickreise werde ich wohl in Weimar Station 
machen und mir zum Gedeihen meines Enzyklopadie-Arti- 
kels wiedereinmal die Goethiana, die ich langer als zehn 
Jahre nicht sah, vergegenwartigen. 

Bitte schreibe bald. Herzliche GruBe an Dich und Escha 

Dein Walter 



179 An Gerhard Scholem 

Berlin, 18. Juni 1928 

Lieber Gerhard, 

es konnte sein, daB Du von Magnes den Verlauf unserer 
berliner Besprechungen fruher erfahren hast als durch diese 



475 



Zeilen. Unmittelbar nach seinem Hiersein (kaum da8 Dora 
und Stefan nach Pardigon gefahren waren, wo wir im vori- 
gen Sommer gewesen sind) traf meine Mutter ein Schlagan- 
fall. Die ersten Erscheinungen haben sich etwas zuriickgebil- 
det, aber es sind immer noch Lahmungen und schwere Sprach- 
storungen da. Ich wohne nun wieder im Grunewald (mein 
Zimmer hat Ernst Bloch als Statthalter iibernommen) und 
fand hier in den ersten Tagen natiirlich keine Ruhe zum 
Schreiben. 

Unser Gesprach hat ungefahr eine halbe Stunde gedauert. 
Magnes hatte einen anstrengenden Tag mit Irrfahrten und 
verpaBten Terminen hinter sich, und ich hatte eine Weile 
Besorgnis, ob ich ihn iiberhaupt erreichen wiirde. Als es dann 
soweit war, war er sehr freundlich und sehr prazis. Wir ge- 
langten zu Folgendem: Erstens: Magnes wolle und konne die 
Universitat als solche in der Sache weder als Geldgeberin 
noch als wissenschaftliches Institut binden. Aber die Gutach- 
ten, die er iiber mich erhalten habe, seien ausgezeichnet und, 
wenn in zwei Jahren das Institut fur Geisteswissenschaft, 
dessen Grundlagen auf der londoner Konf erenz fixiert worden 
seien, den vorgesehenen Ausbau erfahren wiirde, so rechne er 
durchaus mit der Wahrscheinlichkeit, dort fur mich einen 
Lehrauftrag in irgend welcher Gestalt zu erhalten. Zweitens : 
Er verpflichtet sich, von sich aus und ohne weitere Schritte, 
einen Fonds fur mein Studium des Hebraischen auszusetzen. 

[. . .] 

Er schien den groBten Wert darauf zu legen, daB ich 
mich hier mit [Leo] Baeck 1 iiber die Dinge berate, und sagte 
mir zu, ihn zu veranlassen, sich an mich zu wenden. Ich 
wundere mich, daB das bisher noch immer nicht geschehen 
ist. Soil ich die Initiative ergreifen? [. . .] Von Baeck sagte 
mir Magnes daB Du ihn sehr schatzst. [. . .] 

Soviel davon. Ich hoffe, daB das Gesprach mit Magnes fiir 
Dich keine Schwierigkeit hat, wiirde ihm natiirlich auch 
schreiben, wenn ich nicht wiiBte, daB auch er wiinscht, nun 
mit Dir iiber die Dinge zu sprechen. [. . .] 

Nach der Riickkehr von Weimar habe ich ein ganz kleines 
„Weimar" geschrieben, das Du hoffentlich bald und zwar 

476 



anderswo als inder „LiterarischenWelt" zusehenbekommst. 2 
Und dann habe ich mich mit der Todesverachtung dessen, 
den der Termin die Sporen fiihlen laBt, an den Sowjet- 
Goethe gemacht. Die imlosbare Antinomie, einen popularen 
Goethe vom materialistischen Standpunkt auf einem Bogen 
zu schreiben, brauche ich Dir nicht auseinanderzusetzen. So 
eine Arbeit kann man nicht spat genug beginnen, da ist der 
drohende RedaktionsschluB in der Tat die einzige Muse. Ich 
habe im iibrigen auf mein Lieblingsbuch iiber Goethe, die 
dreibandige, unsagliche Darstellung des Alexander Baum- 
gartner S J zuriickgegriffen, die ich jetzt noch mit reiferem 
Ertrag, und genauer, durchgehe als zur Zeit, da ich die 
„Wahlverwandtschaftenarbeit" schrieb. Auch der groteske 
„Goethe" von Brandes steht auf meinem Schreibtisch und 
den von Emil Ludwig wird mir der Verlag Rowohlt dedi- 
zieren miissen. Aus solch gegornen Hbllensaften werden wir 
keinen Nektar, wohl aber eine flache Schale von prima mit- 
telgutem Opferwein, vor Lenins Mausoleum zu verschiitten, 
destillieren. 

Ein Buch hat mich in den letzten Tagen sehr bewegt: 
Anja und Georg Mendelssohn: Der Mensch in der Hand- 
schrift, 3 Ich bin im Begriffe, nach seiner Lektiire den Sinn 
fur Schriften, der mir vor ungefahr 10 Jahren verloren ging, 
wieder zu gewinnen. Es ist ein Buch, das genau die Richtung 
halt, die ich im Grunde in der Betrachtung von Schriften 
gefuhlt und doch selbstverstandlich nicht gefunden habe. 
Intuition und Ratio zugleich sin.d in diesem Gebiete niemals 
weiter vorgetrieben worden. Es enthalt eine ebenso kurze 
wie treffende Auseinandersetzung mit Klages. 

Hoffentlich geht bei Euch alles gut. Ich habe lange nichts 
von Dir gehort. Bitte schreibe sehr bald und seid herzlich 
gegruBt. 

Dein Walter 

1 Leo Baeck, Rabbiner in Berlin. 

2 Erschien in der NSR, Okt. 1928. Jetzt: Stadtebilder. Ffm. 1965. 

3 W.B. rezensierte das Buch in der „Literarischen Welt" vom 3. August 
1928. 



477 



180 An Gerhard Scholem 

Berlin, 1. August 1928 

Lieber Gerhard, 

meine Reise nach Palastina nebst strikter Beobachtung der 
von Eurer hierosolymitanischen Exzellenz vorgeschriebenen 
Lehrfolge sind bescblossene Sache. Es wird ferner dafiir ge- 
standen, da8 der ersterbend Unterfertigte bevor er erez israel 
mit seinen Sohlen betritt, die landesiiblichen Schriftzeichen 
lesen kann. Wogegen er sich fiir etwaige Eingaben an die 
Behorden vorerst der Hilfe offentlicher Schreiber zu bedie- 
nen gedenkt, wie solche im Orient, dem Berichte der Reisen- 
den nach allerorten zu finden und speziell in Jerusalem in 
der Gegend der mea schearim 1 angesiedelt sein sollen. Durch 
einen solchen gedenkt er zuvorderst, an den Professor Magnes 
das Ersuchen zu richten, einen sei es fiir einen, sei es fiir 
mehrere Monate bestimmten Teilbetrag, dessen Hohe er 
dessen Ermessen uberlaBt, an den TJnterfertigten gelangen 
zu lassen. 

Soweit, lieber Gerhard, der offizielle Teil dieses Schreibens. 
Nunmehr die sachlichen Einzelheiten. Zunachst der Termin 
meiner Ankunft. Dieser wird sich vielleicht gegen Mitte 
Dezember verschieben. Das hangt erstens davon ab, ob ich 
mir vorsetzen kann, die Passagenarbeit noch bevor ich Eu- 
ropa verlasse, abzuschlieBen. Zweitens ob ich im Herbst in 
Berlin eine russische Freuhdin sehe. 2 Beides ist noch unent- 
schieden. Uber das erste werde ich in ein paar Wochen in 
Paris Klarheit haben. Ich will namlich in ungefahr zehn bis 
zwanzig Tagen nach Frankreich fahren, dort zuerst zwei 
Wochen reisendermaBen im Limousin — Limoges, Poitiers 
etc. zubringen und dann nach Paris gehen. Dort werden dann 
wohl auch meine hebraischen Lesestudien stattfinden. Zu die- 
sem Zwecke bitte ich Dich um eine Einfiihrung beim Grand - 
Rabbin. Richte sie, wie uberhaupt alle Post, an meine Gru- 
newald-Adresse. 

Da ich mindestens 4 Monate, eher langer in Jerusalem zu 
bleiben gedenke, so ist ja der Zeitpunkt meiner Ankunft nicht 

478 



von so ausschlaggebender Wichtigkeit als ware es nur fiir 
einige Wochen. Darin gegebenenfalls Dich mitten im Seme- 
ster anzutreffen, miiBte ich mich zur Not bescheiden. In 
wenigen Wochen werde ich iiber die Terminfrage im Kla- 
ren sein. 

Zu jneiner Finanzlage ist zu bemerken, daB ich an sich 
neben den Betragen von oder via Magnes noch mit kleinen 
Nebengeldern der „Literarischen Welt" rechnen kann. Dabei 
mufl ich aber beriicksichtigen, daB Dora augenblicklich ohne 
jedes Fixum ist und noch nicht absehbar ist, wie ihre auBere 
Situation sich gestaltet. Du weiBt ja wohl, daB der „ Bazar", 
bei dem sie ein Jahr lang angestellt war, eingegangen ist. 
Von Rowohlt habe ich fiir jetzt nichts zu erwarten. Bitte ver- 
anlasse daher Magnes zu einer Sendung am ersten September. 
Das war auch der Termin, den ich ihn hier bei unserer Unter- 
haltung als Beginn fiir die Zahlungen anzusetzen bat. 

Was Du im vorletzten Brief iiber die „EinbahnstraBe" 
sagst, hat mich wie kaum eine Stimme bestatigt. Es traf 
zusammen mit gelegentlichen Bemerkungen in Zeitschriften. 
Ich begegne allmahlich immer haufiger bei jungen franzo- 
sischen Autoren Stellen, die im Kurs ihrer eignen Gedanken- 
gange nur Schwankungen, Irrungen, doch den EinfluB eines 
magnetischen Nordpols verraten, der ihren KompaB beun- 
ruhigt. Und auf den halte ich Kurs. Je deutlicher die Emp- 
fmdlichkeit der heutigen fiir diese Influenzen mir wird, je 
mehr mit anderen Worten die strenge Aktualitat dessen, was 
ich vorhabe, mir aufgeht, desto dringlicher warnt es mich 
bei mir selbst, hier den AbschluB zu iiberstiirzen. Das wahr- 
haft aktuelle kommt immer zurecht. Vielmehr: die Gesell- 
schaft beginnt nicht, bevor dieser spateste Gast nicht eintrat. 
Vielleicht kommt man hier zu einer geschichtsphilosophischen 
Arabeske um jene wundervolle preuBische Redensart: „Je 
spater der Abend, desto schoner die Gaste", aber das alles 
tauscht mich nicht dariiber, daB das Risiko dieser Arbeit 
groBer ist als irgend eines, das ich bisher iibernahm. 

Hocherfreulich Deine Nachricht von Saxl und Hofmanns- 
thals Brief, 3 fiir dessen Einzelheiten und Finessen ich Doras 
Riickkunft abwarten muB. Sie will in ein paar Tagen mit 

479 



Stefan hier sein. Sie kommen aus Osterreich, wo sie mit mei- 
nen Schwiegereltern zusammen waren. Was nun Deinen, 
mir ehrenvollen, Wunsch angeht, iiber die kritischen Stim- 
men zu meinen Biichern auf dem Laufenden gehalten zu 
werden, so kann ich nicht viel mehr tun als versprechen, mit 
meinem ganzen Dossier (denn ich sammle das alles) in Jeru- 
salem mich vorzustellen. Vorgreifend aber dies: Die Frank- 
furter Zeitung bringt eine groBe Besprechung der beiden 
Sachen im Literaturblatt vom 15. Juli, die Vossische Zeitung 
eine ausfiihrliche Rezension der „EmbahnstraBe" in ihrer 
Nummer vom 1. August, die erste stammt von Kracauer 4 , die 
zweite von Bloch. 

Der letztgenannte Verf asser wird binnen kurzem zum drit- 
ten Mai heiraten. Er ist von seiner zweiten Frau, die Du ja 
wohl kanntest, geschieden und heiratet eine sehr junge Jiidin 
aus Lodz. 

A pure titre d'information berichte ich noch, daB der 
Proust sich wieder zu regen beginnt, aber wohl nur, um die 
schwachen Lebensreste seiner deutschen Inkarnation imHohl- 
weg eines Prozesses auszuatmen. Niichterner und behutsamer 
gesagt: Die Schmiede hat ihre Rechte an dem Werk und ihre 
Manuscripte der Ubersetzung an den Verlag Piper verkauft. 
Der hat sich uns gegeniiber so schlecht (rude und schofel) ein- 
gef iihrt, daB wir den Versuch machen, durch Anf echtung der 
"Qbertragung der Rechte ihn zur Raison zu bringen. Das be- 
deutet einerseits, daB von da in absehbarer Zeit kein Geld zu 
haben sein wird. Andererseits bringt es nur meinen Willen 
zum Ausdruck, angesichts der ungeheuer absorbierenden, auf 
meine eigenen Schrift[en] intensiv influenzierenden Natur 
dieser Arbeit sie zu sehr diskutablen Bedingungen oder aber 
garnicht wiederaufzunehmen. 

Zwei Biicher will ich noch nennen. Eines der Kuriositat 
halber, weil es seit Jahren iiber nichts Gedrucktem mich so 
geekelt hat; das andere, weil es groBartig ist und ich es Dir 
als Leser nahelegen will. Zunachst also: Alfred Kleinberg: 
Die deutsche Dichtung in ihren sozialen Bedingungen. 5 Die 
erste groBe materialistische Literaturgeschichte. Es ist das 
einzig Dialektische an diesem Buche, dafi es genau an der 

480 



Stelle steht, an der die Dummheit anfangt Niedertracht zu 
werden. Ich habe diese widerliche Mischung von banalem 
Idealismus und materialistischen Abstrusitaten wegen meines 
„Goethe" vornehmen miissen. Und habe nur wieder gesehen, 
daB dies — namlich der Artikel — etwas ist, wobei einemkeiner 
hilft und daB man ihn anders als mit gliicklicher Unverfro- 
renheit gar nicht zustande bringt. Dementsprechend bin ich 
auch immer noch weit genug vom Ziele entfernt. 

Uber den SchluBabsatz des „Cardozo" 6 miindlich. Ein 
MiBverstandnis durch Ahnungslose ist in der Tat syntak- 
tisch vorstellbar — ich ware aber nie darauf gekommen. Den 
Wissenden war es genug und gerade diese wenigen SchluB- 
zeilen konnten sich doch^an andere nicht richten. 

Von Gutkinds endlich und der Bewegung in der Ritual- 
und Devotionalien-Branche weiB ich nichts neues. Eine 
Karte aus Wilna kam von ihnen an. Dort, reime ich mir 
zurecht, werden sieFlattaubesuchthaben. Dann rief ich zehn 
Tage spater bei ihnen in Griinau an und da hieB es, sie sind 
in Paris. Uber eine denkwiirdige Debatte Gutkind-Unger 7 
werde ich Dir unter Palmen berichten, falls es nicht schon 
auf den Schneefeldern dieser Bogen geschah. 

GriiBe Escha, meine kiinftige Lehrerin, in Ehrfurcht und 
sei selbst mit herzlichen DekanatsgriiBen bedacht von 

Deinem Walter 

1 Das Viertel, wo Scholem wohnte. 

2 Deren Erscheinen hatte mehr mit den EntwicMungen der folgenden 
zwei Jahre zu tun, als in den Briefen nach Jerusalem sichtbar wurde, 

3 An Magnes, von dem Sch. ihm eine Kopie geschickt hatte. 

4 Jetzt in „Ornament der Masse". F£m. 1963, S. 249 ff. 

5 Berlin 1927. Das zweite Buch, das zu nennen er vergai3, war offen- 
bar von Kommerell. 

6 Scholems im Brief vom 23. April 1928 erwahnter Aufsatz, dessen 
letzte Satze eine polemische Anspielung gegen Oskar Goldberg ent- 
hielten. 

7 Uber das Ritual der Tora. Erich Unger vertrat die Anschauungen 
Oskar Goldbergs. 



481 



181 An Gerhard Scholem 

Berlin, 30. Oktober 1928 

Lieber Gerhard, 

ich liege im Bett, urn einer drohenden Anwandlung von 
Gelbsucht noch rechtzeitig zu entwischen. Urn Dir die Requi- 
siten des Stillebens, das ich wenigstens auBerlich vorstelle, 
aufzuzahlen: Da gibt es eine Schreibunterlage, die heiBt: 
Mirgeler „Geschichte und Dogma" und will nun endlich 
glossiert sein, ein Biichergebirge das sich urn das Doppelmassiv 
der beiden Werke von Julien Green aufbaut: Mont-Cinere 
und Adrienne Mesurat, die mich nicht eher ruhen lieBen als 
bis ich mir die Besprechung von beiden aufhalste 1 und nun 
weiB ich nicht ein noch aus und endlich zu Ehren meines 
Unwohlseins ein waschechter Roman „ Joseph sucht die Frei- 
heit" von Hermann Kesten, der, wie ein paar Leute wissen 
wollen, bedeutsam ist. 

Auf Green aber glaube ich Dich schon hingewiesen zu 
haben und urn die „ Adrienne Mesurat" (die ja ich nicht ent- 
deckt habe und die schon in Europa benihmt ist) kann keiner 
meiner Freunde herumkommen. Da wir einmal bei diesen 
stehen : ich hoffe meine strikte Unterbrechung aller Publika- 
tion in den letzten Monaten hat deren allseitige Anerken- 
nung erfahren. Es ware um so wiinschenswerter als ich sie 
nun beim best en Willen langer nicht aufrechterhalten kann 
und neulich die Redaktion der „Literarischen Welt" mit eini- 
gen Manuscripten betrat, als die Bande dabei war, eine Hol- 
lenmaschine an meine Adresse zu konfektionieren. 

Von dem, was in letzter Zeit fertig geworden ist, weiB ich 
zum Teil noch nicht, wann und wie es erscheinen wird. Ich 
zahle immerhin auf: der Sowjet- Goethe; Marseille (eine 
ganz kurze Skizzenreihe) 2 ; ein geheimnisvolles Protokoll aus 
Marseille, das Du eines Tages eigenhandig in Empfang 
nehmen wirst; eine Rezension der Goetheschen Farbenlehre 
in neuer Ausgabe 3 ; eine neue „Theorie des Romans", die 
sich Deines hochsten Beifalls und ihres Platzes neben Lukacs 
versichert halt. 4 



482 



Ich werde nun in absehbarer Zeit durchaus nichts Grofie- 
res mehr beginnen. Der Weg, mit den hebraischen Stunden 
zu beginnen ist frei. Ich warte nur die Ankunft meiner 
Freundin ab, weil mit ihr die Entscheidung iiber meinen 
Aufenthalt in den nachsten Monaten fallt, der nicbt not- 
wendig Berlin ist. Der eigentliche Sprung, den das Hebra- 
ische ja notwendig durch meine engeren Projekte machen 
muB, wird nun die Passagenarbeit betreffen. Damit konver- 
giert aber sehr eigentiimlich ein anderer Umstand. Um die 
Arbeit aus einer allzu ostentativen Nachbarschaft zum 
mouvement surr^aliste, die mir fatal werden konnte, so ver- 
standlich und so gegriindet sie ist, herauszuheben, habe ich 
sie in Gedanken immer mehr erweitern und sie, in ihrem 
eigensten, winzigen Rahmen so universal machen miissen, 
daB sie, schon rein zeitlich, und zwar mit alien Machtvoll- 
kommenheiten eines philosophischenFortinbras^feErfoc/za/t 
des Surrealismus antreten wird. Mit anderen Worten: ich 
schiebe die Abfassungszeit der Sache ganz gewaltig hinaus, 
auf die Gefahr hin, eine ahnlich pathetische Datierung des 
Manuscripts wie bei der Trauerspielarbeit 5 zu bekommen. 
Ich glaube, es ist jetzt genug und auf genugend unvollkom- 
mene Weise da, um das grofie Risiko einer solchen Dehnung 
des Arbeitstempos und damit des Gegenstandes eingehen zu 
konnen. [ . . .] 

Gleichzeitig mit diesem geht „ Weimar" an Dich ab und 
als besondere Leihgabe auf unbestimmte Frist (mit dem 
Reservat, das Exemplar im Bedarfsfalle zuriickzuerbitten) der 
„ Goethe", der in der Gestalt, wie er unter Deine glucklichen 
Augen kommt, wohl weder in RuBland noch in Deutschland 
das Licht der Welt sehen wird. Ich meinerseits werde sehen, 
Deinem vorzuglichen Goldberg-Brief 6 eine ehrenvolle Auf- 
nahme zuteil werden zu lassen, zunachst, indem ich ihn in 
feierlicher Weise kreisen lasse. Dabei denke ich besonders an 
Frankfurt, weil ich demnachst vielleicht auf einige Zeit dort 
bin. 

Ich glaube jetzt im Friihjahr nachsten Jahres zu kommen. 
Klimatische Erwagungen spielenfiir michgrundsatzlichkeine 
Rolle, was also unter solchem Gesichtspunkt gegen diesen 

483 



Termin sprache, lassen wir ruhig aus dem Spiel. Was aber 
sonst zu beriicksichtigen ware, wirst Du mir gelegentlich 
schreiben. Bis dahin ist ja Zeit. 

In Sachen Kraus-Kerr 7 — ja, da geht es hoch her et moi- 
meme j'y suis pour un tout petit peu. Inzwischen ist eine 
neue Groteske (Fall des Czernowitzer Irrsinnigen - Paul Ver- 
laine-Zech) dazugekommen 8 — monumentale und von Eurem 
ergebenen Diener vorhergesagte, wenn auch in ihren dilu- 
vianischen MaBen nicht abgeschatze Blamage von Kraus. 
(Und, zu seiner Ehre sei es gesagt: eine v.erdiente). Eine neue 
Kraus- Notiz, Gegenstuck zum Kriegerdenkmal, 9 ein Ver- 
such, seine jiidische Physiognomie zu zeichnen, befindet sich 
seit langerer Zeit unter meinen Nachtragen zur „Einbahn- 
straBe". 

Soweit fur heute. Viele herzliche GriiBe Dir und Escha 

Dein Walter 

1 Die beiden Besprechungen erschienen in der „Literarischen Welt" 
vom 16. Nov. 1928, bzw, der „Internationalen Revue", 1928, Heft 2, 
S. 116. 

2 NSR, April 1929. Jetzt Schriften II, S. 67-71. 

3 In der „Literarischen Welt" vom 16. Nov. 1928. 

4 Welche Arbeit gemeint ist, ist unsicher. 

5 „Entworfen 1916, verfafit 1925". 

6 „An einen Leser von Oskar Goldbergs Wirklichkeit der Hebraer", 
(ungedruckt). 

7 Der Polemik zwischen Karl Kraus und Alfred Kerr, die sich in der 
„Fackel" und dem „Ber liner Tageblatt" abspielte. 

8 Kraus hatte Gedichte veroffentlicht, die ein Arzt in Czernowitz bei 
einem Insassen eines Irrenhauses gefunden hatte und einige davon 
mit dem hochsten Lob bedacht. Die wahren Autoren meldeten sich 
bald, nicht durchweg zur Freude von Kraus. Siehe Nr. 781-786, 800- 
805 der Fackel. 

9 In „EinbahnstraBe". 



484 



Walter Benjamin 
Briefe 2 

Herausgegeben und mit Anmerkungen 
versehen von Gershom Scholem 
und Theodor W. Adorno 



Suhrkamp Verlag 



edition suhrkamp 930 

Erste Auflage 1978 

© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1966. Printed in Germany. Alle 

Rechte vorbehalten, insbesondere das der Obersetzung, des offentlichen 

Vortrags und der Obertragung durch Rundfunk und Fernsehen, audi ein- 

zelner Teile. Druck Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden. Gesamtaus- 

stattung Willy Fleckhaus. 

* 3 4 5 6 7 - 96 95 94 93 92 91 



BRIEFE 1929-1940 







Svendborg, Sommer 1938 



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*cu'**m yfk*iM**<u fob*. 

****** C L </ • 



182 An Max Rychner 

Berlin- Grunewald, den 15. Jan. 29 

Sehr geehrter Herr Rychner, 

beifolgend die editio ne varietur meines kleinen Flugblattes 
^Marseille". 

Mit Ihrer Frage nach Proust machen Sie mich verlegen. 
Man schamt sich fiir Deutschland, fiir die Umstande, die es 
herbeigefuhrt haben, daB diese Sache von Anfang an in lieb- 
und ahnungslosen Handen gelegen hat (und wenn sie jetzt 
auch neue Hande, doch nicht bessere Kopfe zu ihnen finden). 
Sie verstehen, ich spreche von den Verlegern. Dem Publikum 
kann man kaum etwas vorwerfen. Es ist ja an die Dinge noch 
gar nicht herangekommen. Erst der von Schottlaender iiber- 
setzte Band, ein lacherliches Debut. Dann der Band, den Hes- 
sel und ich iibersetzt haben, in ganz anderm, nicht unbedingt 
geschickten Format. Zwei Bande also, die, als Ubersetzung, 
weder auBerlich noch innerlich Kontinuitat haben und dann 
das ganzliche Abbrechen. Seit kurzem, wie Sie vielleicht wis- 
sen, ein neuer Verleger, der sich ebenso wenig wie sein Vor- 
ganger zu der Erkenntnis durchringen kann, daB Proust nur 
als Oeuvre, nicht in einzelnen Banden in Deutschland durch- 
gesetzt werden kann. Wenn Sie bedenken, daB das Werk bis 
Sodom und Gomorrha einschlieBlich in unsefer Ubertragung 
schon seit Jahren fertig ist, werden Sie verstehen, wie lebhaft 
wir Ihren MiBmut mitfuhlen, und wie dankbar wir Ihnen 
sind, daB Sie in Ihrer Rundschau so ziemlich den einzigen 
Platz eroffnet haben, an dem man wieder und wieder auf 
Proust verwies. Natiirlich bleibt unendlich viel zu tun. Eben- 
so naturlich, daB auch ich daran schon gedacht habe, etwas 

485 



zur Deutung Prousts beizutragen. Ich stehe aber dem Ganzen 
noch zu nahe, es steht noch zu groB vor mir. Ich warte, bis 
ich Details sehe, an denen ich dann, wie an Unebenheiten 
einer Mauer, hochklettern will. Sicher wird unsere deutsche 
Proust-Forschung sehr anders aussehen als die franzosische. 
In Proust lebt doch noch so viel groBeres und wichtigeres als 
der „Psychologe", von dem in Frankreich, soviel ich sehe, fast 
ausschlieBlich die Rede ist. Wenn wir uns etwas gedulden, so 
bin ich sicher, Sie werden eines Tages r von welcher Seite es sei, 
eine vergleichende Arbeit iiber deutsche und franzosische 
Proust-Kommentare ebenso gerne erhalten wie bringen. 

Fur heute schlieBe ich mit den aufrichtigsten Empfehlun- 
gen als Ihr ergebener 

Walter Benjamin 



183 An Alfred Cohn 

[Februar 1929] 

Lieber Alfred, 

ich will durchaus keinen Tag verstreichen lassen sondern Dir 
sofort zu Deiner Sendung gratulieren. Die Sachen sind noch 
nicht bei der Redaktion, aber sie werden natiirlich gedruckt. 
Ich stehe dafiir ein wie fur meine eignen. Sei nicht bose, 
wenn ich Dir sage, daB die Rezensionen noch besser sind als 
ich es beim festesten Vertrauen in Deinen Scharfblick und 
Deine Ausdruckskraft erwarten konnte. Ich freue mich, end- 
lich in diesem verzweifelten Exil, das die „Literarische Welt" 
darstellt, einen Mitverbannten zu haben. 

Besonders die Rezension der Luxemburg-Biographie ist 
vollendet. 

Bitte entschuldige, daB der angekiindigte Panferow „Die 
Genossenschaft der Habenichtse" 1 nicht kam. Urspriinglich 
hatte ich es auf meinen Namen genommen und auch schlieB- 
lich behalten, weil meine russische Freundin, die seit einiger 
Zeit hier ist, mit Panferow sehr gut bekannt ist und mir 

486 



allerlei von ihm erzahlen will, was ich einer Rezension zu 
gute kommen lassen mochte. 

Seitdem ich weiB, daB Du das Pergamentbuch bekommen 
sollst, bin ich, jedenfalls darin, viel fleiBiger und beschreibe 
es in die Kreuz und die Quer 2 . Ja - um einen Augenblick da- 
bei zu verweilen: ich meine jenes groBere Heft in biegsamem 
Pergamentdeckel, mit dem Du mich in Mannheim beschenkt 
hast. Der Umgang mit ihm hat mir zudem ein beschamendes 
faible fiir dieses ganz diinne, durchscheinende und doch vor- 
zugliche Papier gegeben, das ich hier leider nirgends auftrei- 
ben kann. WeiBt Du eine Quelle, wo man es en gros beziehen 
kann? 

Ich will dafiir sorgen, daB Du jetzt moglichst regelmaBige 
Buchersendungen von der Redaktion direkt bekommst. Fiir 
die zweite Frankreich-Nummer mochte ich der Redaktion 
doch vorschlagen, dreiBig Zeilen aus dem Flaubertschen dic- 
tionnaire des idees regues 3 zu bringen. Ich schreibe Dir noch 
dariiber. Wenn Du Dich fiir den Aufsatz iiber Surrealismus 4 
interessierst, wirst Du gut tun, das vollstandige Erscheinen 
abzuwarten und ihn dann in Einem zu lesen. Sinnwidriger 
als es geschehen ist, lieB sich namlich die Abteilung der Fort- 
setzungen gamicht vornehmen; 

Fiir heute will ich schlieBen und tue es mit alien guten 
Wiinschen fiir Deine Gesundheit und herzlichen GriiBen an 
Grete und die Kinder 

Dein Walter 
PS Von einer eigentlichen „Rubrik" Burschells in der „Lite- 
rarischen Welt" weiB ich nichts. Bitte schreibe mir Genaueres. 
Im iibrigen hoffe ich, das wird sich mit der Zeit alles von 
selbst gut einspielen. 

1 Erschien 1928. Von W. B. in der „Literarischen Welt" vom 15. Marz 
1929 besprochen. 

2 Dies Buch im Pergamenteinband befindet sich, aus dem NachlaB 
von Alfred Cohn, in Scholems Besitz. Es ist in kleinster Schrift eng 
beschrieben. 

3 Aus Bouvard et P^cuchet. 

4 Erschien in der „Literarischen Welt" vom 1., 8. und 15. Februar 1929. 



487 



184 An Gerhard Scholem 

Berlin, 14. Februar 1929 

Lieber Gerhard, 

ich will mit dem Gestandnis beginnen, daB ich Deinen letz- 
ten Brief, auf den ich hiermit postwendend antworte, schon 
sehr anstandig finde - angesichts meines skandalbsen Verhal- 
tens, denn so muB dieses Verhalten jedenfalls aussehen. 

Nun zur Darlegung der Verhaltnisse, aus denen es hervor- 
geht, da steht an erster Stelle der wochenlange Kampf , in den 
mich meine Zusicherung an Dich (und mich selbst) im Friih- 
jahr nach Palastina zu kommen, versetzt hat. Und nun tue 
ich es nicht. Nun verschiebe ich dieses Kommen zum zweiten 
Mai, und habe mit der Gefahr zu rechnen, von Dir nicht 
mehr ernst genommen zu werden. Es liegen nun freilich zwei 
sehr dringliche Riicksichten vor. Ich will gleich mit der Dir 
gegeniiber schwachern, mir gegeniiber aber starkern begin- 
nen. Die ist, daB die Passagenarbeit, die ich mit hundert 
Kiinsten (von denen das Beifolgende zeugt) zu umgehen ge- 
sucht habe, sich nicht langer abdrangen laBt. Noch weiB ich 
nicht, ob das auf eine unmittelbare, sofortige Abfassung zielt, 
ich glaube es nicht einmal. Aber das, was sich da augenblick- 
lich in mir abzeichnet, muB f estgehalten werden, wenn dieses 
ganze Unternehmen nicht mit dem Zusammenbruch enden soil. 

Ich habe also gar keinen andern Weg, das Hebraische in 
Berlin, als reines Sprachlernen, sof ort auf zunehmen und diese 
beiden Wege angespanntesten Lernens und angespanntesten 
Schreibens zugleich durchzufiihren. Ich kenne die hundert 
Bedenken, die dem entgegenstehen. Aber jedes meiner beiden 
Vorhaben ist schon in sich so reich an unabsehbarem Risiko, 
daB, sie zugleich durchzufiihren schon wieder die Vernunft 
der Krisis enthalt. Bitte schreibe mir postwendend die berli- 
ner Instanz fur meinen hebraischenUnterricht. Ich weiB, daB 
Du das schon einmal tatest, aber ich kann den Brief jetzt nicht 
heraussuchen. 

Der auBere Grund ist eine schwere Erkrankung meiner 
Mutter — vor einem viertel Jahr ein Schlaganf all, seit einigen 

488 



Tagen bedrohlicheVerschlimmerungderLage. Ichhabejeden 
Grund, im Falle ihres Todes nicht zu weit und zu lange ab- 
wesend zu sein. 

Meine weiteren Dispositionen sind: Reise nach Palastina 
im Herbst, moglichst mit Dir zusammen, wenn Du aus Europa 
zuriiekkommst. Bisdahin ein Auf enthalt voneinigenWocben 
in Paris, im iibrigen absolut keine Reisen. 

Nun zu Deinen Arbeiten. Die „Entstehung der Kabbala" l 
habe ich mit hbchstem Interesse (o dlirfte ich auch sagen: mit 
Nutzen — aber das darf ich heute weiB Gott noch nicht) gele- 
sen. Was Du geleistet hast ergibt zugleich den Begriff des 
Tohu wa Bohu aus dem Deine Programmschrift sich erhebt. 
Sodann, was Deinen auBerordentlichen Brief iiber Goldberg 
betrifft, so hoff e ich mich nutzlich gemacht zu haben. Ermu- 
tigt durch den groBen Erfolg, den dessen Verlesung vor Hes- 
sel hatte, iibergab ich ihn einem Dir gewiB bekannten, mir 
wie ich nicht leugnen will vertrauenerweckenden und sym- 
pathischen Dr. [Leo] StrauB 2 von der jiidischen Akademie 
zwecks Abschrift und weiter Verbreitung in partibus infide- 
lium. Ich werde ihn demnachst wieder einmal auf der Staats- 
bibliothek abfangen und dann hoffe ich, seine Berichte vom 
Kriegsschauplatze entgegenzunehmen. Ubrigens haben die 
Goldberg-Menschen ihre Aktivitat in geregelteBahnen gelei- 
tet und laden als „Philosophische Gruppe" allwochentlich an 
den Plakatsaulen zu ihren Dienstagsveranstaltungen ein. 

Von meinen Arbeiten ware, bibliographisch, etwas noch 
anzudeuten, daB in der „Neuen Schweizer Rundschau" ein 
„ Weimar" erschienen ist, das die dem Sowjetstaate abge- 
wandte Seite meines Janushauptes aufs lieblichste vorstellt. 
Aber den werde ich Dir wohl zugeschickt haben. Andernfalls 
f ordere ihn bitte an. Das Haupt wird sich, vollstandig, wenn 
auch nur en miniature, nach Erscheinen von „ Marseille" dar- 
stellen, das ich urn dieser Korrespondenz willen an gleicher 
Stelle erscheinen sehen mochte. Es besteht darauf Aussicht. 
Was mich sonst in letzter Zeit anging ersiehst Du einiger- 
maBen deutlich aus dem„Surrealismus", einem lichtundurch- 
lassigen Paravent vor derPassagenarbeit. Unter den Artikeln, 
die ich vorbereite ist einer, mit dem ich etwas AnstoB zu 



489 



geben hoffe: „Tief stand der literarischen Kritik in Deutsch- 
land". Fernerhin hat der Endesunterfertigte eine grofie No- 
velle von Jouhandeau „Le marie du village" libersetzt, uber 
deren Schicksal noch nichts bekannt ist. 3 En demeurant 
glaubt er Dich auf diesen Autor, dem in der Stickluft kleiner 
franzosischer Sakristeien Visionen sich zeigen, vor denen die 
gewiegtesten Heiligen von nebenan ReiBaus nehmen wiirden, 
schon hingewiesen zu haben. Sonstige Allotria wirst Du 

— Gott sei's geklagt — in einer zweiten Frankreichnummer 
finden. 

Was wiinscht die „Jiidische Rundschau" xiber mich zu.er- 
fahren? Und warum entziehst Du Dich solcher Aufgabe? 

- Aber ich weiB es recht gut und der Himmel moge Dich 
dafiir segnen. 

Ganz submissest mochte ich Deine Bemerkungen zu [Karl] 
Kraus und der Halacha anfordern. Ich mochte meinen, daB 
sie mir nicht bekannt sind. BewuBt entsinne ich mich nicht, 
von Dir etwas dariiber gehort zu haben. In seinen berliner 
Demarchen, vom groBen Fackelheft gegen Kerr an, zeigt sich 
eine so ungliickliche Hand, daB aus der geplanten Ubersied- 
lung hierher wohl nichts werden wird. 

Nun ich bin, wenn schon nicht erfreulich so doch ausfiihr- 
lich gewesen, und werde es weiter sein. Bitte antworte, wenn 
auch noch so kurz, baldigst. Herzliche GriiBe an Dich und 
Escha 

Dein Walter 
[.-■] 

1 Im „Korrespondenzblatt des Vereins zur Begriindung einer Akade- 
mie fiir die Wissenschaft des Judentums", Berlin 1928, S. 5—23. 

2 Jetzt Professor of Political Science an der Universitat Chicago, geh. 
1899. 

3 Erschien 1931 unter dem Titel „Der Dorfbrautigam" in der „Euro- 
paischen Revue", VII., S. 105-131. 



490 



18 J An Gerhard Scholem 

15. Marz 1929 

Lieber Gerhard, 

ich hore mit Freude, daB Du wahrscheinlich nicht nach Eu- 
ropa kommst. Das wird mir also erlauben, meine Reise nach 
Palastina eventuell schon vor dem Herbst anzutreten. 

Gestern habe ich Buber gesprochen. Ihm die Situation ein- 
gehend klaxgelegt und von ihm erfahren, daB Dr. Magnes 
im Augenblick nicht hier ist, aber in ein paar Tagen zuriick- 
erwartet wird. An ihn werde ich mich wenden. Weltsch 1 ist 
schon nach Palastina abgefahren. Buber erzahlte, daB er 
mich fur Vortrage an der Schule der jiidischen Jugend emp- 
fohlen habe. Vorlaufig sehe ich mich indessen mehr auf deren 
Banken als auf deren Kathedern. 

Optime, amice fragst Du, was sich wohl hinter der Surre- 
alismus- Arbeit verbergen mag. (Ich glaube, sie Dir komplett 
zugesandt zu haben, bitte schreibe, ob Du sie erhieltest.) In 
der Tat ist diese Arbeit ein Paravent vor den „Pariser Passa- 
gen" — und ich habe manchen Grund, was dahinter vorgeht, 
geheim zu halten. Gerade Dir aber immerhin soviel: daB es 
sich hier eben um das handelt, was Du einmal nach Lektiire 
der „EinbahnstraBe" beriihrtest: die auBerste Konkretheit, 
wie sie dorthin und wiederfurKinderspiele,fiir einGebaude, 
eine Lebenslage in Erscheinung trat, fur ein Zeitalter zu ge- 
winnen. Ein halsbrecherisches, atemraubendes Unterneh- 
men, nicht umsonst den Winter iiber - auch wegen der 
schrecklichen Konkurrenz mit demHebraischen— immer wie- 
der vertagt, also zeitweise mich lahmend, nun ebenso unauf- 
schiebbar wie zur Zeit unabschlieBbar befunden. 

Daraus ergibt sich, a tempo das Hebraische aufzunehmen 
und daneben die Passagenarbeit soweit zu f ordern, daB sie 
dann in Palastina sich von neuem und ohne Schaden zuriick- 
stellen laBt. Das beste ware, sie wiirde sich explosiv vollen- 
den. Damit kann ich aber nicht rechnen. An Magnes schreibe 
ich sowie ich die Stunden begonnen habe. 

Fur die nachste Frankreich-Nummer der ,,Literarischen 



491 



Welt" habe ich ein Rudel Kritiken verfaBt und spinne zur 
Zeit an einigen Arabesken zu Proust 2 . Der Surrealismus liat 
mir einen erfreulichen, erfreuten, ja begeisterten Brief von 
Wolfskehl eingetragen, und mir auch sonst noch ein oder 
zwei freundliche Blicke eingetragen. Ich hoffe darauf , Dir in 
kurzem eine „ Marseille" iibersenden zu konnen und etwas 
anderes, das sich „Kurze Schatten" 3 benennt. Was von alle- 
dem oder sonst Du aber unter meiner „experimentellen Damo- 
nologie" verstehst, das enthiille mir baldigst. 

Der erwahnte [Leo] StrauB ist mir aus den Augen ver- 
schwunden. Da es aber unter Mitnahme einer umfangreichen 
Bibliographie iiber das Marchenwesen geschah, so werde ich 
ihm nun einen Steckbrief nachsenden, der vielleicht auch die 
Sache Deines Goldbergbriefes fordert, den er auch noch in 
Handen hat. Ubrigens entfaltet dieser Goldbergkreis eine 
regelmaBige Dienstagsaktivitat am Nollendorfplatz. Vor- 
tragsabende: fiir mich, der sie nur auf den Plakaten genieBt, 
Photomontagen ernster Zores auf miesen Ponems. 4 

Die Eile der jiidischen Gemeinde in Berlin ist fiir mich in 
der Tat bedauerlich. 5 Que faire? Der Start ist nun abgesteckt. 
Man muB die Bahn im Auge behalten. Du bekommst lauf end 
weitere Nachricht. 

Herzlichst Dein Walter 

Was Du iiber das Parlament und die Arab erf rage schreibst 6 , 
schien mir einleuchtend und war wahrscheinlich sehr notig. 
Mache Dich weiter durch solche Sendungen bemerkbar, zu- 
nachst erbitte ich sehr dieNotiz iiber dieHerkunft vonKraus' 
Sprache aus dem Musivstil — Halachastreit. 

1 Robert Weltsch, Chefredakteur der „Jiidischen Rundschau". 

2 Erschienen in der „Literarischen Welt" vom 21. Juni - 5. Juli 1929. 
Jetzt Schriften IT, S. 132-147. 

3 NSR, Nov. 1929. Jetzt Schriften II, S. 13-22. 

4 Jiidisch: Ernster Sorgen auf hafilichen Gesichtern. Gemeint ist: 
echte Probleme werden hier von falschen Leuten behandelt. 

5 Nicht mehr verstandlich. 

6 In einera Aufsatz in der .Jiidischen Rundschau" vom 8. Febr. 1929. 



492 



186 An Gerhard Scholem 

[6. Juni 1929] 

Lieber Gerhard, 

Deinen Brief beantworte ich postwendend. 

Der Brief anMagnes,von dem ichDir zu informatorischen 
Zwecken eine Copie beilege, geht morgen, nachdem er in 
Schreibmaschinenausfertigung vorliegt, an ihn ab. 

Ich vermag Deinen Vorwurfen leider nicht das mindeste 
entgegenzusetzen ; sie sind absolut begriindet und ich stoBe in 
dieser Sache auf ein schon pathologisches Zogern, das mir 
leider auch sonst bei mir hin und wieder bekannt ist. Die 
Kiirze des letzten Briefes an Dich hast Du allerdings doch 
eher miBverstanden. Sie entsprang aus der Eile, Dir anzu- 
melden, daB die Sache l endlich in Gang ist. Und das besagt 
nun allerdings um so mehr, je komplizierter die vorliegenden 
Hemmungen waren. (Deren Gestalt und AusmaB Du iibri- 
gens doch nur zumteil kennst und die soweit sie rein persbn- 
licher Natur sind, mundlicherMitteilung vorbehalten werden 
miissen.) 

Mein Kommen im Herbst ist nur abhangig von meiner 
materiellen Lage. Von sonst nichts, Gesundheit vorausgesetzt. 
Dagegen kann ich Dich nur versichern, daB nun da ich begon- 
nen habe, mein Hebraisch unabhangig von dem Termin mei- 
ner Palastinareise, hier oder dort, unbedingt durchgefiihrt 
wird. 

Ich muB ubrigens, mitden Vorbehalten, die eine sehrkurze 
Erfahrung erfordert, feststellen, daB ich in Lernstimmung 
bin und wenn schon nicht leicht, so doch nicht so phantastisch 
schwer lerne wie ich gefiirchtet hatte und daB es mir*in ge- 
wissen Grenzen sogar Freude macht. Ich glaube daB Mayers 2 
Methode sehr gut ist: viel Schriftliches, ins Hebraische iiber- 
setzen. 

Ich nehme wie gesagt taglich Stunde und habe wo ich gehe 
und stehe die Grammatik bei mir. Vorlaufig sind wir noch in 
ihr beheimatet, Mayer hat aber vor, bald zur Lektiire iiber- 
zugehen. [. . .] Du wirst anerkennen, daB die langst geschul- 

493 



dete Nachricht liber diese Verhaltnisse nun so vollstandig 
vorliegt, als das zur Zeit moglich ist. Ich wende mich zu 
einigem andern. [. . .] Ich bereite vor: „Die singende Blume 
oder die Geheimnisse des Jugendstils" fiir die Frankfurter 
Zeitung. 

Ich habe einige nennenswerte Bekanntschaften gemacht. 
Ad 1 die nahere mit Brecht (iiber den und iiber die viel zu 
sagen ist) ad 2 die mit Polgar, der jetzt zu Hessels nachstem 
Kreise gehdrt. Von Hessel ist erschienen: „Spazieren in Ber- 
lin" 3 . Ich werde veranlassen, daB ers Dir zuschickt. — Schoen 
ist kiinstlerischer Leiter des frankfurter Rundfunks und ein 
wichtiger Mann geworden. 

Ich bleibe mindestens bis zum ersten August in Berlin, 
eventuell etwas langer. Mein urspriinglicher Plan ist, dann 
ein paar Wochen nach Paris zu gehen, von dort via Marseille 
nach Palastina. 

Bitte halte mich von Deinen Entscheidungen auf dem 
Laufenden. Sage Agnon alles Herzliche; ich werde ihm 
schreiben. Uber seine Zeilen habe ich mich sehr gefreut. 

Uber den Baader reden wir also im Herbst noch einmal, 
ich werde versuchen ihn solange zu halten. 4 

Ich arbeite sehr viel. Soweit es Druckgestalt in der Litera- 
rischen Welt annimmt, wirst Du es von nun ab regelmaBig 
bekommen. Hiermit, vor allem aber mit den vorstehenden 
Mitteilungen, hoff e ich unsern Korrespondentenhimmel etwas 
gereinigt zu haben und verspreche weitern bestandigen Ost- 
wind. 

beracha gam le 5 -Escha 

Dein Walter 

1 Die hebraiscben Stunden. 

2 Sein Lehrer Dr. Max Mayer (geb. 1887), jetzt in Haifa. 

3 Von W. B. besprochen in der „Literarischen Welt" vom 4. Okt. 1929. 

4 Bezieht sich auf W. B.'s Exemplar der Schriften Franz von Baaders, 
das Scholem fiir die Universitatsbibliothek in Jerusalem erwerben 
wollte. 

5 In bebraischen Scbriftzeichen. („GruB auch an . . ."). Diese Studien 
wxirden im Juli unterbrochen und kaum wieder aufgenommen. 



494 



187 An Max Rychner 

Berlin, 7. Juni 1929 

Sehr verehrter Herr Rychner, 

auf Ihre freundlichen Zeilen vom April hatte ich Ihnen wohl 
mit einem kurzen „einverstanden" antworten mussen. Wenig- 
stens entnehme ich es daraus, da6 ich bisher noch keine Kor- 
rekturen erhielt. Aber das bin ich gewiB — einverstanden. Und 
gerade im Zusammenhange dieser Noten lege ich keinen ent- 
scheidenden Wert auf das „Schone Entsetzen" 1 — so lieb es 
mir wegen des Erlebten ist, aus dem es hervorgeht. Damit 
wir aber nicht unbescheidenerweise die musische Neunzahl 
fur diese Schatten anrufen, sende ich Ihnen fur die nun frei- 
gewordene Stelle hier eine neue und wir bleiben bei zehn. 

GewiB hatte ich friiher von mir horen lassen, ware ich 
nicht durch das Studium des Hebraischen in einen neuen mich 
bis aufs letzte beanspruchenden Arbeitskreis getreten. Meine 
iibrigen Arbeiten miissen sich die Zeit nehmen, wo sie sie 
finden. Ich bin mindestens bis Anfang August in Berlin. 
Aber da Sie mir keine Hoffnung machen kbnnen, auf diesem 
Boden zu erscheinen, sollen Sie wissen, dafi ich sodann fur 
kurze Zeit in Paris sein werde. 

Mit freundlichen Griiflen — und einem besonderen Dank 
fur den C. F. Meyer, den Sie mir zugehen lieBen und der 
mir wert geworden ist 

Ihr Walter Benjamin 

1 Ein Stuck in „Kurze Schatten". 



495 



188 An Hugo von Hofmannsthal 

Berlin-Grunewald, 26. 6. 1929 

Lieber und hochverehrter Herr von Hofmannsthal, 

vielleicht erreicht dieser Brief Sie gleichzeitig mit den herz- 
lichen GriiBen, die ich Frau Wiesenthal bat, Ihnen zu iiber- 
bringen. Die Kluft meines Schweigens ware so besser uber- 
briickt als mit den verschiedenen Dingen, die hier beiliegen. 

Ich habe diese kleinen Arbeiten fiir Sie gesammelt und war 
immer froh, wenn ich etwas zuriicklegen konnte, wo von ich 
mir sagte, in einem giinstigen Augenblick konne es Sie als 
Leser finden. Der Proust- Aufsatz, von dem ich hoffentlich 
nicht ohne Grund annehme, daB er Ihnen einen gewissen 
BegrifT von dem gibt, was mich vor Jahren" in Paris beschaf - 
tigte und dem Sie Ihren Anteil schenkten, sollte das ganze 
l)brige Ihnen empfehlen; darum habe ich bis zu seinem Er- 
scheinen gewartet. Der „Surrealismus" ist ein Gegenstiick 
zu ihm, das einige Prolegomena der Passagen- Arbeit enthalt, 
von der wir einmal bei mir gesprochen haben. „ Weimar" ist 
ein Nebenprodukt meines „ Goethe" fiir die Russische Enzy- 
klopadie. Ob der je erscheinen wird, weiB ich nicht. Fest steht 
nur, daB er in die Enzyklopadie hochstens bis zur Unkennt- 
lichkeit entstellt gelangen kann. Vor einem Jahr bin ich in 
Weimar gewesen. Der Eindruck ist an einigen Stellen der 
Arbeit zugute gekommen, um derentwillen der Aufenthalt 
gedacht war. Die Essenz aber suchte ich, unbeschwert vom 
Zusammenhang einer Darstellung, auf diesen beiden Seiten 
festzuhalten. Zu ihnen ist „ Marseille" 1 ein Gegenstiick. 
Schwach wahrscheinlich, mir aber aus dem hochst unmaB- 
geblichen Grunde lieb, weil ich mit keiner Stadt so gekampft 
habe. Ihr einen Satz abzuringen, konnte man sagen, ist schwe- 
rer als aus Rom ein Buch herauszuholen. 

Seit zwei Monaten habe ich endlich mit meinem Vorsatz 
ernst gemacht : ich lerne hebraisch. Diesen Einschnitt in meine 
Arbeit auch auBerlich und so markant zum Lebensabschnitt 
zu machen wie Sie es mir in unserm ersten Gesprach so uber- 
zeugend anrieten, lieB sich nicht durchfuhren. Ich konnte 

496 



nicht von Berlin fortgelien. Doch habe ich hier einen ganz 
ausgezeichneten Lehrer gefunden, einen alteren Mann mit 
bewunderungswiirdigem Verstandnis fur meine Lage und 
doch mit der notigen Autoritat, um den Vokabeln und Sprach- 
f ormen EinlaB bei mir zu erzwingen. Im ganzen ist am gegen- 
wartigen Zustand fur mich nur schwierig der Wechsel zwi- 
schen Lernen und literarischer Aktivitat. Ich konnte mir eine 
Reihe der schonsten Tage mit nichts als Grammatik denken. 
Umsomehr als ich an die erwahnte Passagenarbeit im Augen- 
blick doch nicht gehen kann. Sie ist aber nach Material und 
Fundierung in den Monaten seit ich Sie sah sehr gewachsen 
und ich darf sie ein paar Monate ruhen lassen ohne sie zu 
gefahrden. 

Vermutlich gehe ich im Laufe des September fur einige 
Monate nach Palastina. Am ersten August liquidiere ich 
meine berliner Situation und leider auch das schone Zimmer, 
in dem ich Sie bei mir sehen durfte und gehe zunachst nach 
Paris. 

Sehen Sie bitte, lieber Herr von Hofmannsthal, in diesem 
Brief e nicht nur den Rechenschaftsbericht sondern den 
Wunsch, in Ihrer Erinnerung lebendig zu bleiben. 

Ich bin mit herzlichen Griiften Ihr aufrichtig Ihnen er- 
gebener 

Walter Benjamin 

PS „ Weimar" und ^Marseille" liegen der Sendung nicht 
bei. Ich bat Rychner schon vor mehreren Monaten, sie Ihnen 
direkt zu senden. 

Das Ersch einen von Proust III hat sich lange verzogert 
und darum auch die Absendung dieser Zeilen. Nun kann ich 
ihnen Gewisseres hinzufugen. Am 17. September fahre ich 
von Marseille iiber Konstantinopel und Beyrouth nach Jaffa. 
Anfang Oktober will ich in Jerusalem sein und dort drei 
Wintermonate ausschliefilich dem weiteren Studium widmen. 
Schon jetzt beansprucht es mich soweit, daB ich an keine 
groBe Arbeit denken kann und die kleinen noch langer brau- 
chen als sonst. Immerhin hoff e ich Ihnen nach einigen weite- 
ren Wochen einen ganz kleinen Versuch iiber den Jugendstil 
senden zu konnen, der in der frankfurter Zeitung" erschei- 

497 



nen soil. Danach beschaftigt mich „Warum es mit der Kunst 
Geschichten zu erzahlen zu Ende geht" - d. h. der Kunst der 
miindlichen Erzahlung. 

Ich erneuere Ihnen meine herzlichsten und ergebensten 
GriiBe. 

W.B. 

1 NSR, April 1929. Jetzt Schriften II, S. 67-71. 



189 An Gerhard Scholem 

Volterra, 27. Juli 1929 

Lieber Gerhard, 

Du magst sagen, was Du willst: meine Brief e sind alles in 
allem nicht so sparlich, selten kurz. Und was ich mir dieFrei- 
heit genommen habe uber den Stand der europaischen Korre- 
spondenz festzustellen, hatte Dir die Tugenden meiner inter - 
nationalen nur in helleres Licht riicken sollen. Zu diesen 
gehort, wie ich unermudlich bestrebt bin, Dir wechselnde und 
rare Datierungen darzubieten. In diesem Sinne, mindestens, 
kann auch vorliegendes Schreiben Deine Aufmerksamkeit 
erbitten. Es kommt namlich aus einem Zentrum der etruski- 
schen Kultur, sagen wir aus ihrer Vorholle, sofern ich eben 
eine 37jahrige Unwissenheit von diesen Dingen durch einen 
dreistiindigen Museumsbesuch gebufit habe. Aus Volterra. 
Nicht umsonst unbekannt; ohneSchadenselbstvonD'Annun- 
zio besungen; hochst groBartig, inmitten einer Art schnee- 
losen, afrikanischen Engadins gelegen — so klar sind die rie- 
senhaften Oden und die kahlen Berge seiner Umgebung. 

Ganz steil iiber mir bewegt sich die Wetterfahne des alten 
burgartigen Munizipio wie ein Dachdecker. 

FolgendermaBen bin ich hergekommen. [Wilhelm] Speyer 
hat mich aufgefordert, ihn im Auto nach Italien zu begleiten. 
Er ist bei Freunden in Forte dei Marmi. Ubermorgen wollen 
wir zusammen zurlickfahren. Ich nahm seinen Vorschlag an. 

498. 



Er kam drei Tage nachdem Dr. Mayer nach Bad Eibing zur 
Kur verreist war. Wir haben besprochen, daB ich ihm laufend 
meine schriftlichen Arbeiten schicke. Das habe ich auch be- 
gonnen, aber der Fernunterricht bleibt etwas prekar. Kurz, 
ich sitze nun eine Woche in San Gimignano und bin heute 
hier heriibergefahren. Morgen gehe ich nach Siena. Dort 
wird die Zeit etwas kurz sein. Aber Speyers Dispositionen 
sind wandelbar, [. . .] 

Uber San Gimignano schreibe ich Dir nichts. Ich denke 
auch, Du horst den Namen nicht zum ersten Male. Vielleicht 
gibt es spater einmal etwas von mir dariiber zu lesen 1 . Im 
schlimmsten Fall miiBtest Du mit Bildern von Derain vorlieb 
nehmen, im besten, die Situation selber zur Kenntnis nehmen, 
wo Du so gewiB der einzige Palastinenser wie ich der einzige 
Deutsche sein wirst. 

Jetzt meine kommenden Dispositionen. Fur Mitte August 
bis Anfang September hat man mir eine Einladung fur Pon- 
tigny in Aussicht gestellt. Zur sogenannten zweiten Dekade; 
das ist die alljahrliche Zusammenkunft der beriihmtesten 
Dichter Frankreichs, von Gide begonnen die meisten groBen 
Rom[an]ziers und Lyriker. Leider bestehen Schwierigkeiten 
rein technischer Art. [. . .] Weiter sind meine Dispositionen 
in Frage gestellt durch einen ProzeB 2 und durch den Gesund- 
heitszustand meiner Mutter, der das schlimmste befiirchten 
laBt. Sauf imprevu aber mochte ich mich im September in 
Marseille einschiffen und am 5 ten Oktober, mit dem Lamar - 
tine, in Jaffa eintreffen. Ich wurde also sehr bald nach meiner 
bevorstehenden Ruckkehr nach Frankreich gehen und dann 
nicht mehr, vor meiner Abreise,- nach Berlin zuriickkehren. 

Hofmannsthals Tod hat mich betrubt. Ich bin nicht sicher, 
daB er einen Brief mit einer groBeren Sammlung meiner 
Arbeiten noch bekommen hat. Er ging zwei Wochen vor der 
Katastrophe ab, aber in Rodaun war es Sitte, Hofmannsthal 
die Post immer nur nach MaBgabe seines Ergehens vorzu- 
legen. Die Frechheit der deutschen Nachruf e war widerwartig. 

Bitte schreibe doch einmal, woran Du sitzt. In San Gimi- 
gnano habe ich mir die Hande an den Dornen eines allerdings 
stellenweise iiberraschend schon bliihenden Rosenbuschs aus 



499 



Georges Garten zerschunden. Es ist das Buch „Der Dichter 
als Fiihrer in der deutschen Klassik". Sein Verfasser heiBt 
Kommerell und meine Rezension: Wider ein Meisterwerk. 3 
Jetzt besteige ich den Autobus und wenn ich wieder in Ber- 
lin bin, diirftest Du bereits im Besitz der hier deponierten 
herzlichsten Griifie, an Dich und Escha, sein. 

Dein Walter 

1 In der „Frankfurter Zeitung" vom 23. August 1929. Jetzt Schrif- 
ten II, S. 83 f. 

2 W. B.s Scheidung. 

3 Schriften II, S. 307-314. 



190 An Gerhard Scholem 



Berlin- Grunewald, Delbriickstr. 23, 4. August 1929 

Lieber Gerhard, 

im Augenblick da ich in Wolken von Staub unter einem 
Gebirge von Kisten meine zehn- oder selbst zwanzigjahrige 
SeBhaftigkeit aufgebe und diese Wohnung verlasse, fallt mir 
das Manuskript der Trauerspielarbeit in die Hande. Es ist 
nicht schon 1 , vielleicht nicht einmal ganz vollstandig. Aber 
auch das Buch hat seine Fehler, darin ist es ihm also zugeho- 
rig. Und indem es mil diesen Worten an Deiner Schwelle sich 
rauspert und den Staub der Jahre von sich abschuttelt nimmst 
Du es hoffentlich freundlich auf. Mehr sobald diese Tage 
uberwunden sind und ich die Dispositionen der nachsten 
Monate, bzw. meiner Reise nach Palastina iiberblicke. Post 
erreicht mich via Grunewald. 

Herzlichst Dein Walter 

1 Es ist mikroskopisch, mit vielen Durchstreichungen, geschrieben. 



500 



191 An Gerhard Scholem 

Berlin, Friedrich Wilhelmstr. 1 5 

bei Hessel 

18. September 1929 

Lieber Gerhard, 

gestern habe ich Dir als hundertpferdigen Vorsparm dieser 
Zeilen ein Radiogramm geschickt, das meine Ankunft auf 
den vierten November festsetzt. Unumwunden stelle ich f est, 
daB die dortigen Ereignisse 1 an dieser einmonatlichen Ver- 
schiebung keinen Anteil haben, das hangt mit meinem pro- 
funden MiBtrauen in Zeitungsinformationen zusammen. 
Aber Dein Brief laBt mich annehmen, daB, in andrer Hin- 
sicht, dies MiBtrauen diesmal leider iiber das Ziel schoB. 
Nein, der wahre Grund war ein schon erwahnter Gerichts- 
termin und daneben eine Arbeit mit Speyer — Wilhelm 
Speyer, dem Romancier und Dramatiker — die finanziell von 
einigem Belang fur mich sein kann. Von diesem neuen Ter- 
min werde ich nun freiwillig nicht abgehen. Der Zustand 
meiner Mutter ist nun auch etwas gebessert. 

Ich weiB nicht, ob ich Dir einmal geschrieben habe, daB 
seit ungefahr einem Jahre eine Freundin, Frau Lacis, in 
Deutschland ist. Sie stand kurz vor ihrer Heimkehr nach 
Moskau, da ist sie vorgestern wieder, so scheint es wenigstens, 
von einem akuten Anfall von Enzephalitis befallen worden 
und gestern hab ich sie, da ihr Zustand es noch eben erlaubte, 
in den Zug nach Frankfurt gesetzt, wo [Kurt] Goldstein, der 
sie kennt und sie schon behandelt hat, sie erwartet. Ich werde 
ebenfalls bald, moglichst schon vor meiner Reise nach Mar- 
seille, wo ich mich einschiffe, heriiberfahren. In den letzten 
Wochen habe ich dort dreimal oder sogar viermal im Rund- 
funk gesprochen. Erheblich ist von diesen Vortragen alien - 
falls ein ausfuhrlicher iiber Julien Green, den Du unter 
meinen mitgebrachten Papieren, falls nicht vorher gedruckt, 
zu sehen bekommen wirst. 2 

In der letzten Zeit habe ich auBergewohnlich viel gearbei- 
tet, nur aber nicht Hebraisch, das ich ohne einen Lehrer 

501 



gegen meine hiesigen auBerlich und innerlich drangenden 
Beschaftigungen nicht durchsetzen kann. Nach Dr. Mayers 
Abreise npchmals einen neuen fur vier Wochen heranzuzie- 
hen schien mir aber indiskutabel. Ich habe fiir Palastina zu- 
nachst einen Auf enthalt von drei Monaten angesetzt, in denen 
ich im wesentlichen nichts anderes als Grammatik zu lemen 
wiinsche. 

Bitte schreibe mir, ob der Ankauf des Baader weiterhin 
erwiinscht ist. Ich sende ihn dann sofort. Die Auszahlung hat 
Zeit bis sie an Ort und Stelle erfolgen kann* 

Von meinen Arbeiten gehen zwei kleine gleichzeitig oder 
in Kiirze an Dich ab. Uber Hofmannsthal habe ich nichts 
geschrieben und nichts schreiben kbnnen; miindlich warum. 
Einen neuen, meinen dritten „Hebel" habe ich kiirzlich fiir 
die Frankfurter Zeitung 3 geschrieben, ein kleines Stuck aus 
Passagenzusammenhangen bei Gelegenheit einer Rezension 
von Hessels Berlinbuch unter dem Titel „Die Wiederkehr des 
Flaneurs" zum Vorschein gebracht, eine zutzige Abhand- 
lung uber Robert Walser 4 und eine Novelle geschrieben. Jetzt 
bin ich an der endgultigen Redaktion der groBen Rezension, 
die mich in San Gimignano beschaftigt hat. Es handelt sich 
um die erstaunlichste Publikation, die in den letzten Jahren 
aus dem Georgekreise hervorging: Kommerells Buch „Der 
Dichter als Fiihrer in der deutschen Klassik". 

Inzwischen hat sich mit Heulen und Zahneklappern die 
Eroffnung der „season" vollzogen. Esgab etwasUnbeschreib- 
liches, Ostjiidisches von Mehring, von dem ungliickselig bera- 
tenen Piscator mit viel Bravour inszeniert; und erst dieses 
Stiick ist so ganz bodenlos schlecht wie ich, in einer Rezen- 
sion aus der Frankfurter Zeitung 5 , die ich Dir vermutlich 
gesandt habe, seine Chansons machte. Mit dem neuen Stiick 
von Brecht ist auch nicht viel Ehre einzulegen und was sonst 
etwas zu betrachten ware hat noch keine Freibilletts ab- 
geworfen. 

Ich habe in den sturmischen Tagen zum ersten Male nach 
der „Jiidischen Rundschau" gegriffen: Mir schien da ein sehr 
zages, offizioses Lavieren sich abzuspielen, aber vielleicht war 
ich zu naiv um das Blatt mit Verstand zu lesen, Der letzte 



502 



und neueste Bericht in Berliner Blattern stand im Tageblatt 
und wirkte eher beunruhigend. Dein Brief ist mir natiirlich 
auBerst instruktiv gewesen. Ich denke mir, daB man auf Sei- 
ten der Vernunft auch unter den Juden in der Minoritat ist 
und Dein Stand entsprechend schwierig sein kann. 

Ich schlieBe mit einem Verzeichnis meiner gegenwartigen 
Lekture, in der sich mein Tun und Treiben, marxistisch gere- 
det, so halbwegs „spiegelt": Krupskaja: Erinnerungen an 
Lenin; Cocteau: Les Enfants Terribles (sehr aus der Passa- 
gengegend); Gontscharow: Oblomow. 

Bitte bedenke, daB ich diesmal in meiner Antwort sehr 
schnell war und lohne dies 

Deinem Walter 

1 Die schweren Unrahen in Palastina im August 1929. 

2 Erschien in der NSR, April 1950. Jetzt Schriften II, S. 152-158. 

3 Im Literaturblatt der FZ vom 6. Oktober 1929. 

4 Erschien im „Tagebuch", 1929, S. 1609 ff. Jetzt Schriften II, S. 148 
bis 151. 

5 Vom 23. Juni 1929. 



192 AnMaxRychner 

Berlin, 21. November 1929 

Verehrter Herr Rychner, 

Nehmen Sie vorweg Dank flir Ihre freundlichen Zeilen zu 
meinem Hebel. Ich verdanke meinen Schweizer Jahren so 
viel fiir das Verstandnis dieses allemannischen Wesens, daB 
ich vielleicht einmal den Versuch wagen konnte, ihr's zu ent- 
gelten, indem ich daran ging, so trockene Nebelwesen wie 
diesen Ermatinger samt den Seinen auszuschwefeln. Das hat 
mich besonders gefreut, daB Sie den Ermatinger so deutlich 
visiert fanden. Mir ist die Natur dieses Mannes schon vor 
Jahren an einem unscheinbaren Studienerlebnis aufgegangen. 
Es war die Zeit wo ich an meinem „ Keller" — und zwar erst 
in Berlin dann in Paris — saB. Bestrebt dem neuesten Stande 



503 



der Wissenschaft mich anzugleichen, hatte ich in Berlin aus 
der Ermatingerschen Ausgabe von Kellers Leben und Brief en 
gearbeitet und lernte erst in Paris - wo es diese nicht gab - 
die Bechtholdsche kennen. Und nun wurde mir mit einem 
Schlag alles deutlich, was vorher - ich weiB selbst nicht durch 
welche Anordnung, welche Not en, w T elche Aura des Ermatin- 
gerschen Buches - mir unsichtig und verschwommen geblie- 
ben war. 

Haben Sie im letzten Inselalmanach das zweite der Gedichte 
von Gertrud Kolmar 1 gelesen? Ich fand es dort zuerst und 
es machte mir einen groBen Eindruck. 

Nehmen Sie bitte, was hier beiliegt, in Augenschein. Sie 
haben in Gestalt dieses Manuskripts 2 den Urheber der Ver- 
zogerung, die mein Essay uber „ Roman und Erzahlung" 
erlitten hat und vielleicht fiir eine Weile noch f erner erleidet. 
Ich miiBte mich sehr irren, wenn das Phanomen Julien Green 
Ihnen nicht langst nahe und bedeutend ware und ich wiirde 
diesen Versuch, es in seiner Tiefe darzustellen mit groBer 
Freude gerade bei Ihnen beherbergt sehen. 

Cela dit, darf ich Ihnen vielleicht mitteilen, daB man sich 
an einer andern (mir sehr viel weniger lieben) Stelle fiir die- 
ses Manuskript wieder inter essiert und daraus - ungern ge- 
nug - den Grund herleiten, Sie um einen moglichst friihen 
Bescheid zu bitten. 

Mit groBer Spannung v sehe ich dem Schaederschen Hof- 
mannsthalbuche entgegen. 

Fiir heute bin ich mit dem Ausdruck herzlicher Verbun- 
denheit 

Ihr Walter Benjamin 

1 Sie war (mutterlicherseits) W. B.s Kusine. 

2 „Julien Green". 



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193 An Gerhard Scholem 

Paris, 20. Janvier 1930 
Cher Gerhard, 

tu vas me trouver fou sans doute; mais j'eprouve une diffi- 
culte tellement immense a abandonner mon silence et t'ecrire 
sur mes projects que peut-etre je n'y parviendrai jamais sans 
me trouver cette facon d'alibi qu'est pour moi le francais. 

Je ne puis plus me each er que toute cette question— ajournee 
depuis si longtemps - menace de constituer un des graves 
echecs de ma vie. D'abord quant au voyage en Palestine je ne 
pourrai l'envisager qu'au plus tot le moment ou mon divorce 
aura ete prononce. Cela ne semble pas etre si proche. [. . ] Tu 
comprends que le sujet m'est penible a un point tel que j'y 
passe. 

[. . ,] II me faut, je crois, abandonner definitivement 1'es- 
poir d'apprendre l'hebreu tant que je serais en Allemagne, 
les travaux et les sollicitations me venant de tout part etant 
trop pressantes et ma situation economique etant trop pre- 
caire pour pouvoir les ecarter entierement. 

Je suis en train de porter mes regards vers les derniers 
deux ans, c'est- a- dire le temps de mon absence de Paris, et 
de me rendre compte de ce qui, pendant ces mois, a ete fait. 
Deux choses principalement, a ce que je vois. D'abord je me 
suis fait — a vrai dire dans des proportions modestes — une 
situation en Allemagne. Le but que je m'a